Die Medien als heimliche Verführer? Der Einfluss attraktiver Medienpersonen auf das Körperbild von Rezipientinnen und Rezipienten

Ist es legitim, bestimmte Medienangebote für gestörte Körperselbstbilder, vor allem von Jugendlichen, und ein Ansteigen von Ess-Störungen verantwortlich zu machen?

Christian Schemer stellt zahlreiche Studienergebnisse zu den Effekten des Medienkonsums vor, zeigt komplexe Wirkungszusammenhänge auf und hält die Vermittlung von Medienkompetenz für hilfreicher als den Ruf nach politischer Reglementierung.

In jüngster Zeit häufen sich wieder die Vorwürfe gegenüber Programmverantwortlichen, insbesondere des Fernsehens, etwa von Seiten der Politik. Anlass ist dieses Mal die Darstellung attraktiver weiblicher Nachwuchsmodels in der Sendung „Germany's Next Supermodel", nachdem es in früheren Jahren Sendungen wie „Beautyklinik" oder „The Swan" waren, die im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik standen. Es wird argumentiert, diese Sendungen führten insbesondere Jugendlichen durch Überbetonung des körperlichen Erscheinungsbildes falsche Ideale vor Augen und förderten darüber hinaus Ess-Störungen. Diese Kritik ist nicht neu und wird seit den 1970er Jahren erhoben. Es stellt sich aber die Frage, ob diese pauschale Medienwirkungsthese vor dem Hintergrund der bisherigen empirischen Forschung haltbar ist. Und vor allem ist zu klären, warum nicht das gesamte Publikum, das tagtäglich einer Vielzahl von attraktiven Medienakteurinnen und -akteuren ausgesetzt ist, von der Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen geplagt wird, sondern nur wenige Personengruppen. Der vorliegende Beitrag liefert daher einen einführenden Überblick über die bisherige empirische Forschung (ausführlichere Darstellungen s. Groesz et al. 2002; Holmstrom 2004; Schemer 2003). Zunächst wird die Art der Darstellung attraktiver Akteurinnen und Akteure in unterschiedlichen Medienformaten thematisiert. Anschließend und im Zentrum der Ausführungen geht es um Auswirkungen dieser Mediendarstellungen auf das Körperbild von Rezipientinnen und Rezipienten. Da der Schwerpunkt der bisherigen Forschung auf der Untersuchung von weiblichen Schönheitsidealen in den Medien und deren Wirkungen liegt, wird das Hauptaugenmerk auf der Zielgruppe Mädchen/Frauen liegen. Grund dafür ist die stärkere Verbreitung von Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bei dieser Gruppe, darüber hinaus sind es zu etwa 90% Frauen, bei denen Ess-Störungen auftreten¹. Abschließend wird diskutiert, inwiefern die Darstellung von medialer Attraktivität der politischen Reglementierung bedarf.

Darstellung attraktiver Akteurinnen und Akteure in den Medien

Die Massenmedien als Sozialisationsagenten (neben Eltern oder Lehrerschaft) transportieren, prägen und verstärken Vorstellungen körperlicher Attraktivität.
Eine der meist zitierten Untersuchungen zur Darstellung weiblicher Attraktivität in den Medien stammt von Garner et al. (1980)². Nach dieser Studie sind in den USA Playboy-Models und Miss-Wahl-Gewinnerinnen seit den 1950er Jahren zunehmend schlanker geworden, während im selben Zeitraum der Body Mass Index (BMI) der Durchschnittsbürgerin zugenommen hat. Fortsetzungen dieser Studien zeigen, dass sich der BMI der Medienakteurinnen weiter verringerte und auf einen Wert von 18,1 fiel (Katzmarzyk/Davis 2001). Diese Models weisen einen Körperfettanteil von 10 bis 15% auf, während der Fettanteil bei gesunden Frauen bei 22 bis 26% liegt. Demnach sind die Medienakteurinnen stark untergewichtig, ihre körperliche Konstitution entspricht Gesundheitsrichtlinien wie denen der WHO nicht mehr. Ein vergleichbares Bild ergibt die Analyse von Fernsehformaten: Mehr als die Hälfte der Mediendarstellungen behandeln Themen, die im Zusammenhang mit körperlicher Attraktivität stehen, Aspekte der Persönlichkeit machen lediglich ein Drittel aus (Thompson et al. 1999). Diese Überrepräsentation von körperlichen Aspekten ist bereits im Kinderprogramm zu finden. Über die bloße Darstellung physisch attraktiver Medienpersonen hinaus hat körperliche Attraktivität stets einen funktionalen Wert: Attraktive Medienakteurinnen werden als erfolgreich und diszipliniert präsentiert, sie erleben eher romantische Beziehungen als unattraktive Medienpersonen, werden moralisch besser bewertet und am Ende eher belohnt. Dagegen werden weniger attraktive Medienpersonen aufgrund ihres Aussehens eher verspottet und diskriminiert, sie weisen weniger Sozialkontakte auf, außerdem wird ihr Aussehen häufiger mit Faulheit oder Dummheit assoziiert (Thompson et al. 1999). Kaum anders dürfte die Darstellung von Medienakteurinnen in deutschen oder europäischen Medien erfolgen, zumal viele Medienformate US-amerikanischen Vorbildern folgen und das dort präsentierte Schlankheitsideal ein westliches Ideal ist, das in den USA und in Westeuropa gleichermaßen verbreitet ist.
Auch Maßnahmen zur Veränderung des physischen Erscheinungsbildes nehmen in den Medien immer mehr Raum ein. Neben Beauty-Tipps, die sich auf Kosmetik oder Kleidung beziehen, werden zunehmend auch schönheitschirurgische Eingriffe thematisiert (Rossmann/Brosius 2005). Dabei wird der Eindruck vermittelt, „dass Schönheitsoperationen ein völlig normales Mittel sind, seine eigene Attraktivität schnell, sicher und Erfolg versprechend zu verbessern" (Rossmann/Brosius 2005, S. 520).
Ähnlich wie die Mediendarstellung von Frauen ist das männliche Idealbild in den Medien ebenfalls im Laufe der letzten Jahrzehnte schlanker, aber gleichzeitig sind männliche Darsteller zunehmend muskulöser geworden (Law/Labre 2002). Interessanterweise sind Medienakteure in Medienangeboten mit vornehmlich weiblicher Zielgruppe weniger muskulös als diejenigen in Angeboten, die sich an männliche Zielgruppen richten. Möglicherweise unterscheiden sich daher auch männliche und weibliche Erwartungen des jeweils anderen Geschlechts an den idealen Körper. Insgesamt scheinen aber Frauen in den Medien häufiger attraktiv sein zu müssen, sie unterliegen also eher körperlichen Restriktionen als Männer. Gleichzeitig ist für weibliche Medienakteure der Korridor für körperliche Attraktivität enger als für männliche (Grogan 1999).

Wirkung attraktiver Medienpersonen auf das weibliche Publikum

Die ersten kritischen Stimmen zum Einfluss der Medien kamen insbesondere angesichts der wachsenden Kluft zwischen den Körpermaßen von Medienakteurinnen und denen des Bevölkerungsdurchschnitts auf. Während mediale Schönheiten im Zeitverlauf schlanker wurden, stieg der BMI des Bevölkerungsdurchschnitts wie gesagt an. Ein zweiter wichtiger Aspekt besteht in der wachsenden Verbreitung von psychogenen Ess-Störungen in den letzten Jahrzehnten. Um zu belegen, dass die Präsentation attraktiver Medienpersonen einen Einfluss auf das Körperbild hat, gibt es zwei Möglichkeiten: erstens mittels Befragungen, in denen sowohl Mediennutzung als auch das subjektive Körperbild erhoben wird. Dabei handelt es sich um Korrelationsstudien. Zweitens mittels Experimenten, in denen Versuchspersonen mit körperlich attraktiven Medienpersonen konfrontiert werden und anschließend gemessen wird, ob dies einen negativen Einfluss auf ihr Körperbild hatte (zum Beispiel im Vergleich zum Körperbild vor der experimentellen Untersuchung beziehungsweise im Vergleich zu einer Kontrollgruppe).

Korrelationsstudien

In Umfragen lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Medienkonsum sowie wachsender Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper insbesondere bei Frauen belegen. Beispielsweise lassen sich etwa 50% der Frauen zwischen 20 und 30 Jahren in ihren Attraktivitätsvorstellungen durch die Medien leiten (Kluge/Sonnenmoser 2001). Gleichzeitig werden diese Vorbilder als Belastung empfunden, weil Frauen sich gezwungen sehen einem Ideal gerecht zu werden, das kaum erreichbar ist und gesundheitlichen Kriterien nicht mehr entspricht. Diese Orientierung an Medienpersonen beginnt bereits im Jugend- wenn nicht sogar im Kindesalter: In einer US-amerikanischen Studie gaben 10% der 16- bis 19-jährigen Mädchen an, sich an Models zu orientieren, während lediglich 3% Familienmitglieder als Rollenmodelle im Hinblick auf körperliche Attraktivität benennen (Grogan 1999). Setzt man den Medienkonsum in Beziehung zur Einstellung zum eigenen Körper, zeigt sich, dass insbesondere die Nutzung von Musikvideos, Seifenopern oder Fashion-Magazinen mit größerer Unzufriedenheit mit dem Körper einhergeht (Thompson et al. 1999). Allerdings lassen sich auf der Grundlage dieser Korrelationsstudien keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen ableiten. Aus dem Zusammenhang zwischen der Nutzung bestimmter Medienformate und einer erhöhten Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper folgt nicht zwangsläufig, dass die Mediendarstellung die Unzufriedenheit verursacht. Genauso gut könnten sich Mediennutzerinnen und -nutzer, die unzufrieden mit ihrem Aussehen sind, verstärkt solchen Angeboten zuwenden. Daher sollen im Folgenden experimentelle Befunde referiert werden, die eindeutige Kausalaussagen zulassen.

Experimentelle Studien

Eine ausführliche Darstellung der bisherigen Forschung würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Einen sehr guten Überblick über die Forschung geben die Meta-Analysen von Holmstrom (2004) und Groesz et al. (2002). Da es sich beim Körperbild von Personen um ein komplexes Konstrukt handelt, das sowohl Wahrnehmungen des eigenen Körpers als auch kognitive wie affektive Einstellungen gegenüber dem Körper sowie auch Verhalten umfasst (Thompson et al. 1999), zeigt die nachfolgende Darstellung, welche Folgen die Konfrontation mit attraktiven Medienpersonen im Detail haben kann. Deren Vorbild kann bei Rezipientinnen und Rezipienten (vornehmlich weiblichen) zu folgenden negativen Wirkungen führen:

  • verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers als zu dick
  • geringere Zufriedenheit mit dem eigenen Körper
  • negative Gefühle wie Schuld, Scham oder depressive Stimmung
  • geringere Einschätzung der eigenen Attraktivität
  • geringeres körperbezogenes Selbstwertgefühl
  • ausgeprägtes Schlankheitsbedürfnis

Da in Medien nicht nur attraktive Medienakteurinnen und -akteure gezeigt werden, sondern auch vorgeführt wird, wie bestimmte Ideale zu erreichen sind, stellt sich auch die Frage, inwiefern dies die Annahme verstärkt, der Körper sei beliebig formbar. Beispielsweise sind Frauen umso eher bereit zu chirurgischen Eingriffen, je eher sie Medienangebote konsumieren, in denen attraktive Medienakteurinnen vorkommen (Harrison 2003). Vielseherinnen von Medienformaten, die Schönheitsoperationen thematisieren, haben darüber hinaus eine positivere Einstellung gegenüber chirurgischen Eingriffen und würden sich diesen auch eher unterziehen (Rossmann/Brosius 2005). Neben negativen Konsequenzen kann die Darstellung attraktiver Medienakteurinnen aber auch positive Wirkungen auf das Körperbild haben.

Positive Medienwirkungen auf das Körperbild

In einer Meta-Analyse von über 40 Experimenten, in denen Frauen mit attraktiven Medienpersonen konfrontiert wurden, zeigt der überwiegende Teil der Studien zwar negative Auswirkungen auf das Körperbild, aber es finden sich auch Studien, die positive Wirkungen nachweisen (Groesz et al. 2002). Beispielsweise waren die Versuchspersonen nach der Betrachtung attraktiver Medienakteurinnen positiver gestimmt und zufriedener mit ihrem Aussehen. Die Ursache dieser positiven Wirkung ist darauf zurückzuführen, dass Medienakteurinnen als Vorbilder betrachtet werden können, die Rezipientinnen etwa durch Diäten oder Fitnesstraining erreichbar erscheinen (Berel/Irving 1998).

Differenzielle Anfälligkeit für Medienwirkungen

Die Wirkung attraktiver Medienpersonen scheint weniger direkt auf das Körperbild Einfluss zu nehmen, sondern in Abhängigkeit von weiteren Einflussvariablen. Ansonsten würde man Auswirkungen wie Körperbildstörungen ebenso wie das Vorkommen von Ess-Störungen bei allen Medienkonsumenten erwarten. Die Anfälligkeit für negative Medienwirkungen erhöht sich bei Rezipientinnen und Rezipienten unter anderem durch:

  • hohe interpersonale Anziehung und Identifikation mit schlanken Medienakteurinnen/-akteuren
  • geringes Selbstwertgefühl und mangelnde soziale Unterstützung aus dem interpersonalen Umfeld
  • bestehende Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper oder Symptome von Ess-Störungen
  • Motive der Mediennutzung

Darüber hinaus spielt das Alter, das Entwicklungsstadium und das objektive Körperbild von Rezipientinnen und Rezipienten eine Rolle. Insbesondere Jugendliche sind für attraktivitätsbezogene Medienbotschaften empfänglicher als Erwachsene (Levine/Smolak 1996).
Im Unterschied zu den Wirkungen auf Mädchen oder Frauen sind die Konsequenzen für Jungen und Männer zum Teil schwächer ausgeprägt, zum Teil nicht nachweisbar und zum Teil anders geartet. Die geringere Anfälligkeit für Medieneinflüsse ist in zahlreichen Studien belegt. Teilweise treten bei Jungen und Männern aber auch vollkommen andere Wirkungen auf, weil männliche Schönheitsideale durch Muskulösität und weniger durch Schlankheit geprägt sind. In der Regel erfordert das Erreichen des männlichen Schönheitsideals keine Gewichtsreduktion wie bei Mädchen oder Frauen, sondern Muskelaufbau. Dennoch kann aus der Konfrontation mit attraktiven Medienakteuren bei Jungen und Männern eine erhöhte Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, geringes Selbstwertgefühl, exzessives Sporttreiben oder Missbrauch von Aufbaupräparaten zum Muskelaufbau folgen (Pope et al. 2000). Diese Effekte, deren Randbedingungen und Unterschiede zu medieninduzierten Veränderungen des Körperbildes bei Frauen, sind bislang kaum systematisch untersucht worden. Dennoch gewinnt gerade das Körperbild von Jungen oder Männern für die Forschung an Bedeutung, zumal die Rate der Männer, die an Ess-Störungen leiden, ebenfalls gestiegen ist.

Zusammenfassung

Welchen Anteil die mediale Darstellung von Attraktivitätsidealen an der Entstehung schwerwiegender Körperbildstörungen bei Frauen oder Männern haben kann, lässt sich auf der Grundlage der bisherigen Studien nur schwer pauschal zusammenfassen. Zum Teil ist die Forschungslage unter anderem aus methodischen Gründen widersprüchlich: Während einige Studien belegen, dass der Medieneinfluss auf das Körperbild geringer ist als andere soziokulturelle Einflüsse wie von Eltern oder Peers, zeigen andere Untersuchungen genau das Gegenteil (Polivy/Herman 2002). Darüber hinaus ist bislang unklar, ob es ein Kontinuum der Körperbildstörungen gibt, das von Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bis hin zu klinischen Ess-Störungen reicht. Trifft diese Kontinuumhypothese zu, hätten Mediendarstellungen zumindest einen Anteil an der Entstehung solcher Störungen, indem sie etwa zu größerer Unzufriedenheit mit dem Aussehen in bestimmten Subgruppen führen können. Allerdings ist diese Kontinuumhypothese besonders deshalb fraglich, weil unterschiedliche Ess-Störungen durchaus unterschiedliche Verläufe nehmen können und qualitative Unterschiede in der Entstehung aufweisen (Stice 2002). Was die Verbreitung von Attraktivitätsstandards angeht, ist die Bedeutung der Medien jedoch nicht zu unterschätzen, zumal diese Standards konstant, allgegenwärtig und vorbildhaft in Medienangeboten zu finden sind. Auf diese Weise wird die gesellschaftliche Bedeutung körperlicher Attraktivität verstärkt, und sie wird automatisch zum Bewertungsmaßstab, der den gesellschaftlichen Druck auf Frauen und Männer vergrößert.

Ausblick

Attraktive Medienpersonen können nach dem bisherigen Forschungsstand einen negativen Einfluss auf die Körperbilder des Publikums haben. Dieser Effekt ist jedoch schwach ausgeprägt und an bestimmte Randbedingungen gebunden. Die Annahme, die Attraktivität der Medienakteurinnen und
-akteure wäre ursächlich für die Entstehung von Ess-Störungen, darf jedoch in dieser Pauschalität bezweifelt werden. Ess-Störungen auf eine unmittelbare Wirkung der Medien zurückzuführen hieße, die Komplexität der Entstehungsbedingungen solcher Erkrankungen zu unterschätzen. Mediendarstellungen körperlicher Attraktivität stellen eine neben mehreren soziokulturellen Einflussvariablen (zum Beispiel elterlicher Einfluss) dar. Darüber hinaus sind biologische Faktoren (zum Beispiel genetische Prädispositionen) sowie psychologische Aspekte (zum Beispiel das Selbstwertgefühl) wichtige Faktoren für die Entstehung von Körperbild- oder Ess-Störungen. Keineswegs sollte man die Entstehungsbedingungen auf einen Einflussfaktor reduzieren und dieses komplexe Beziehungsgeflecht außer Acht lassen.
Obwohl die neuere Forschung sich genau diesem Beziehungsgeflecht widmet und versucht, sowohl den Einfluss einzelner Faktoren isoliert sowie im Zusammenspiel zu betrachten, ist bislang gerade die Entstehung und Veränderung des Körperbildes im Zeitverlauf nicht hinreichend untersucht. Welche Rolle die Medien in welchem Entwicklungsstadium von der Kindheit durch die Adoleszenz bis hin zum Erwachsenenalter spielen und welche Wechselwirkungen es mit anderen Einflüssen gibt, ist bislang empirisch nicht hinreichend erforscht.
Fasst man die bisherigen Forschungserkenntnisse zusammen, lässt sich folgern, dass die Darstellung attraktiver Medienakteurinnen und -akteure einen Einfluss auf das Körperbild haben kann und dies insbesondere bei Personen, die dafür anfällig sind (zum Beispiel aufgrund eines geringen Selbstwertgefühls). Dies gilt sowohl für negative als auch für positive Wirkungen auf das Körperbild. Medienangebote enthalten oft auch wertvolle Gesundheitsinformationen, die für die Entwicklung des Körperbildes sehr nützlich sein können. Es stellt sich daher die Frage, ob Rezipientinnen und Rezipienten in der Lage sind, die Informationen zu finden, die ihnen nützen beziehungsweise zu vermeiden, was ihnen schaden könnte. Es kann bezweifelt werden, dass sich mediale Angebote politisch steuern lassen, zum Beispiel durch die Verpflichtung, häufiger körperlich durchschnittlich attraktive Medienpersonen zu zeigen. Genau das ist zwar gerade im Hinblick auf die Darstellung von Schönheitsoperationen im Fernsehen geschehen, allerdings wird dies eher die Ausnahme bleiben als zur Regel werden. Neben den Rufen nach Regulierung von Medienangeboten werden selten Stimmen laut, die einen aufgeklärten Umgang mit Medienangeboten fordern. Präventionsstudien zeigen beispielsweise, dass Rezipientinnen und Rezipienten nicht mehr für negative Medienwirkungen anfällig sind, wenn sie die Künstlichkeit der Darstellung und den „Preis der Schönheit" hinterfragen. Ein aufgeklärter Umgang mit Medienangeboten will jedoch gelernt sein. Hier sind Sozialisationsagenten wie Eltern oder Lehrerinnen/Lehrer gleichermaßen gefordert, um Kindern und Jugendlichen die Medienkompetenz zu vermitteln, die sie letztlich auch vor einer unangemessenen Abwertung des eigenen Körpers durch mediale Vorbilder schützt.
Christian Schemer

Fußnoten

1 Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2000 leiden in Deutschland mehr als 100.000 Frauen an Anorexia Nervosa und mehr als 600.000 an Bulimia Nervosa.
2 In den bisherigen Studien stand vor allem das weibliche Schönheitsideal im Vordergrund und weniger das männliche. Darüber hinaus konzentriert sich die inhaltsanalytische Forschung zumeist auf manifeste Körpermaße wie Body Mass Index (BMI) oder Taille-Hüft-Verhältnis (Waist-to-Hip-Ratio, WHR) als Kriterien von Attraktivität. Vernachlässigt werden daher andere Aspekte von Attraktivität, etwa die des Gesichts oder des Charakters.

Literatur

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Autor

Christian Schemer
Christian Schemer, M.A., studierte Publizistik, Politikwissenschaft und Romanistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit 2003 ist er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Rezeptions- und Wirkungsforschung, Werbewirkungsforschung und politische Persuasionsforschung
 

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