Ganz privat ist auch politisch. Frauenpolitische Anmerkungen zur Debatte um Kinderwunsch und Kinderlosigkeit

Die frauenpolitische Auseinandersetzung mit dem »Kinderwunsch« hat viele Facetten. Argumentationsstränge verweben sich, wenn es um Medizintechniken rund um Kinderwunsch und Schwangerschaft geht. Im Folgenden möchte ich einzelne Aspekte davon in den Blick rücken.

Fast jede schwangere Frau muss sich heute mit einem Angebot an medizinischen Verfahren auseinandersetzen, durch die nach möglichen Behinderungen gesucht wird. Die Reproduktionsmedizin erreicht immer mehr Frauen: 2010 waren es nach IVF Register 47 000 Schwangere. Dazu kommen diejenigen, die andere Formen wählen, etwa ins Ausland gehen, um ihrem Kinderwunsch näher zu kommen. Kinderwunsch und Kinderlosigkeit – ein offensichtlich frauenpolitisch relevantes Thema. Hier geht es um »gender«, um die Lebenswelt von Frauen bzw. weiblich sozialisierten Menschen und die Frage nach immer noch bestehenden Geschlechterhierarchien, die dann wieder wirksam werden, wenn es um Kinder geht. Und es geht ganz leiblich um »sex«: Schwangerschaft, vorgeburtliche Tests, Schwangerschaftsabbruch, Hormonbehandlung, Fehlgeburt, Eizellhandel oder Leihmutterschaft.

Techniken von Gynäkologie und Reprogenetik können Frauen in vielerlei Hinsicht von ihrer Biologie befreien: Hormonelle Verhütung ermöglicht Sexualität ohne Schwangerschaft, genetische Checks geben Frauen und ihren Partnern oder Partnerinnen Mittel an die Hand, zu verhindern, dass ein Kind mit testbaren Eigenschaften/Beeinträchtigungen oder Krankheiten auf die Welt kommt, und ein ganzes Arsenal an Verfahren steht jenen Frauen zur Verfügung, die ungewollt kinderlos bleiben oder die eine Schwangerschaft ohne Sex mit einem (anderen) Mann wollen.

Doch das ist nur die eine Seite. Unser »Bauch« gehört uns schon lange nicht mehr und die Frage »Kinder oder keine« entscheiden Frauen nur sehr begrenzt allein. Nach einer breiten frauenpolitischen Debatte um Reproduktionsmedizin und Genetik in den 1980er-Jahren diskutierten vor etwa zehn Jahren viele Fachfrauen sowie frauenpolitisch engagierte Frauen eine Fortpflanzungsmedizin, die mit ihrem rasanten Fortschreiten alle gesellschaftlichen, politischen und ethischen Gestaltungsversuche überholt hatte.

Inzwischen ist es wieder still geworden und der technische Fortschritt bestimmt, wo es langgeht. Allerdings sind die Risiken und Folgen, die die Gesundheit von Frauen und Kindern beeinträchtigen, öffentlich geworden und die Notwendigkeit flankierender Maßnahmen wird breit diskutiert: Vor allem Aufklärung und Beratung sollen individuelle Probleme abfedern und als sozialethisches Korrektiv fungieren.

Neben den medizinischen Fachleuten stehen den Frauen und Paaren nun auch psychosoziale Expertinnen und Experten zur Seite, vielfach eingebunden in das Gesamtsystem. Ethikgremien versuchen darüber hinaus, den Spagat zwischen individuellen und gesellschaftlichen Interessen auszuloten. Für die Zielsetzungen, die Rahmenbedingungen und die konkrete Ausgestaltung der Angebote bleiben sie weitgehend bedeutungslos, zumindest was den Bereich der Privatwirtschaft anbelangt. Mit immer neuen Überschreitungen dessen, was gestern noch als undenkbar galt, eilt eine sich ständig fortentwickelnde Praxis (Fach-)Politikern und Ethikerinnen davon. So sind inzwischen Beratungen zum in Deutschland verbotenen Kauf von Eizellen oder zum Ankauf einer Leihmutter möglich [1], und ein breites vorgeburtliches Screening aller zukünftigen Kinder wird immer wahrscheinlicher. 

Fokus aufs Individuelle

Der öffentliche Umgang mit Wünschen nach einem (gesunden) Kind fokussiert auf die individuelle Seite, auf das persönliche, psychische bzw. zu erwartende Leid der Frauen und ihrer Partner oder Partnerinnen. Dies hat sicherlich auch damit zu tun, dass Kinderwunsch und Schwangerschaft nicht im sozialen Raum, sondern in Rahmen medizinischer Interventionen verhandelt bzw. behandelt werden. Sie unterliegen den dem Medizinsystem innewohnenden Prämissen, Strukturen und Selbstverständlichkeiten, die zudem privatwirtschaftlich geprägt sind.

Zentrale Argumentationsfiguren in der Rechtfertigung und in den Begrenzungsversuchen innerhalb der Angebote der Reproduktionsmedizin und Genetik sind die »Selbstbestimmung«, die »Entscheidung« der einzelnen Frau/des einzelnen Mannes. Wer entscheidet, trägt auch die Verantwortung und die Risiken. So können zum einen die direkten Gesundheitsschädigungen, negativen Auswirkungen und Folgen auf die Patientinnen/Kundinnen abgewälzt werden. Zum anderen wird ihnen die gesellschaftliche, ethische oder moralische Verantwortung übertragen. Sie sind aber, jenseits ihrer individuellen Moral, nicht für die ganze Welt der Reproduktionsmedizin verantwortlich. Denn ihre Handlungsmöglichkeiten erschöpfen sich darin, ein Angebot zu nutzen oder nicht.

Stellvertretend sollen Expertenzirkel und Ethikkommissionen für die gesellschaftlichen Folgen einstehen. Ihre Wirkung beschränkt sich vielfach auf die Begleitung der Angebote. Gestalten können sie diese nicht (vgl. Feyerabend 2010). 

Auch Frauen leben in Verhältnissen

Frauen mit ihren Wünschen und Problemen rund ums Kinderkriegen leben in Verhältnissen – aktuell in unsicheren, für vulnerable Gruppen besonders schweren Zeiten. Mütter gehören dazu. Dies belegen die Verarmung von alleinerziehenden Frauen, der Gender-Pay-Gap und die Altersarmut von Frauen.

Ein (gesundes) Kind wünschen, Kinder haben, gewollt oder ungewollt kinderlos sein – wenn einzelne Frauen und ihre Partner/Partnerinnen in ihren individuellen Lebensentwürfen mit biologischen (Un-)Möglichkeiten umgehen, antworten sie auch auf gesellschaftliche Realitäten und Übereinkünfte, offene oder versteckte Normierungen, Rituale oder Institutionen. Dazu gehören auch Weiblichkeitsvorstellungen, Vorstellungen von sinnvollem Leben, von Familie, aber auch zu Selbstverständlichkeiten gewordene Anforderungen umfassender Prävention sowie die Anforderung, sich und die eigenen Kinder zu optimieren.

Und es gibt sie in Deutschland – die real existierende Kinderfeindlichkeit. Die Versorgungslücken in der öffentlichen Kinderbetreuung sind bekannt. Von einer Lebens- und Arbeitswelt, die es befördert, gute Väter und Mütter sein zu können, sind wir weit entfernt. Eltern müssen sich nahtlos einpassen in die Anforderungen von Flexibilität und Verfügbarkeit. Nicht verwunderlich, dass viele junge Menschen die auch heute gewünschte Vereinbarkeit von Arbeit und Familie nicht leben können. Ist ein Kind dann noch besonders bedürftig, wird es richtig eng. Frauen, Familien mit einem behinderten Kind müssen sich zu der verbreiteten Einstellung verhalten, dass es auch anders hätte sein können, dieses Kind nicht hätte »sein müssen«.

Andererseits scheint es eine grenzenlose Bereitschaft zu geben, alles für ein (gesundes) Kind zu tun, die mit neuen Anforderungen an »Mutterschaft« einhergeht. 

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Zu diesen Verhältnissen passt ein ökonomisiertes Gesundheitssystem, ein Reproduktionsmarkt. Arzt/Ärztin und Patientin sind in der ökonomischen Logik zu Anbietern von Dienstleistungen bzw. zu Kundinnen geworden. Der Zweite Gesundheitsmarkt mit seinen privat finanzierten Produkten und Gesundheitsleistungen wächst. Frauen, die Probleme, Wünsche und Sorgen beim Kinderkriegen haben, werden in Marktstrategien zu wichtigen potenziellen Kundinnen.

Körper und Körpersubstanzen sind begehrte Rohstoffe. Frauen sind nicht nur als mögliche Kundinnen, sondern auch als Lieferantinnen interessant. Denn sie sind – bislang noch – besonders ansprechbar, etwa in ihrer Bereitschaft zur »Spende« von Eizellen, haben Erfahrung darin, zur Not auch ihren Körper zu Markte zu tragen. Sie können Eizellen oder Forschungsembryonen liefern oder ihre Fähigkeit, ein Kind in sich wachsen zu lassen und zu gebären, verkaufen. An ihnen kann geforscht werden, um die Techniken weiterzuentwickeln.

Zu einer Wachstumslogik von »mehr und besser« gehört auch die Anspruchshaltung der Kundinnen, alles was geht zu bekommen: kostengünstig, fehlerfrei und immer das Neueste. Damit entstehen vielfältige Formen der Ausbeutung, vor allem für Frauen, die über wenig Macht verfügen. Erika Feyerabend formuliert es so: »Neben der Prostitution und dem Heiratsmarkt bilden sich die Eizellmärkte heraus, als ein weiteres Ausbeutungsverhältnis, in dem Frauen ihren Körper zu Markte tragen.« (Feyerabend 2010 im Interview)

Ein gieriger Markt muss die Nachfrage für seine Angebote schaffen und die riskanten Folgen und Misserfolge möglichst unsichtbar machen. Ohne die individuelle Not Einzelner missachten zu wollen: Das »Problem« ungewollte Kinderlosigkeit wird öffentlich ebenso wie individuell auch hergestellt. Belastbare Zahlen über die betroffenen Frauen und Männer gibt es nicht, gewählte und ungewollte Kinderlosigkeit sind nicht deutlich voneinander zu trennen. [2]

Was passiert, wenn Marktstrategen sich des Lebens annehmen, zeigt das scheinbar als schlagkräftig angesehene Argument, dass die Schwangerschaftsrate bei IVF fast genauso hoch sei wie bei »natürlicher Befruchtung«. Eine absurde Gleichstellung von IVF-Zyklen mit Beziehungssexualität. In der Berichterstattung hat sie sich dennoch breitmachen können. [3]

Ungewollt gewollte Kinderlosigkeit

Ein anderer Aspekt: In der öffentlichen und politischen Diskussion erfahren Familie und Kinder auch unter bevölkerungspolitischen Aspekten große Aufmerksamkeit. Frauen sollen Mütter werden. Kinder erscheinen als Hoffnungsträger. Dies kontrastiert mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, die immer mehr Flexibilität einfordern und Arbeitsdruck verursachen, aber auch mit Lebensentwürfen von Frauen, in denen es zunächst vor allem um einen guten Platz in der Erwerbsarbeitswelt und eine eigenständige Existenzsicherung geht. So ist die Zunahme von gewählter Kinderlosigkeit verstehbar [4], wohl wissend, dass die meisten jungen Menschen grundsätzlich Kinder wünschen, vor allem vereinbar mit einer sicheren Existenz, auch wenn junge Männer zunehmend vor den damit gegebenen Verantwortungen und Belastungen zurückschrecken (vgl. Dorbritz 2005;
Sütterlin 2009; Zerle/Krok 2008).

Die im europäischen Vergleich so deutlich hohen Zahlen von kinderlosen Frauen (und Männern) [5] sind vor allem den ungünstigen Bedingungen für Familien in Deutschland geschuldet. Die weitaus meisten Frauen wünschen sich eine entsprechend unterstützende Familienpolitik. [6] Die gewollte oder vorläufig gewollte Kinderlosigkeit hat das Problem der »zu alten« Frauen hervorgebracht. Wenn die biologische Uhr abläuft, wie es heißt, stellt sich eine Schwangerschaft nicht mehr leicht ein oder wenn, scheint das Risiko, ein nicht gesundes Kind zu bekommen, sehr groß. Das Durchschnittsalter von Müttern bei ihrem ersten Kind lag 2010 bei 29,2 Jahren in den alten und bei 27,4 Jahren in den neuen Bundesländern (Statistisches Bundesamt 2012). 2007 lag das Durchschnittsalter der Frauen für IVF und Microinsemination bei über 34. Der ESHRE Report 2009 weist das Alter der Frau als Grund für den weitaus größten Teil von Anwendungen der PID aus (vgl. Kollek 2010).

Es sind vor allem diejenigen Frauen, die ihre Familienplanung gegenüber der Teilhabe am Arbeitsmarkt zurückgestellt haben, für die die Angebote besonders attraktiv sind. Diese Form von selbstbestimmter Lebensplanung treibt sie mit ihren späten Kinderwünschen in stark fremdbestimmte und riskante Verfahren. Denn Frauen nehmen viel auf sich: Ovarielles Überstimulationssyndrom bei der Frau mit 5% schweren Verlaufsformen, Mehrlingsschwangerschaften mit entsprechenden Risiken für die Frau und die Kinder (Frühund Mangelgeburten) sowie Fehlgeburten oder Fehlbildungen bei den Kindern. Und »50 bis 60% aller Paare bleiben trotz intensiver Behandlung dauerhaft ungewollt kinderlos«. [7] Schwangere Frauen, die sich auf das vielfältige Suchen nach einer möglichen Behinderung ihres erwarteten Kindes einlassen, können Fehlgeburten erleben, Ängste über falsch positive Befunde durchleiden, müssen manchmal traumatisierende Schwangerschaftsabbrüche bzw. Geburtseinleitungen ertragen.

Dass die »Krankheit Kinderwunsch« nun mit medizinischen Mitteln behandelt werden soll und muss, ist frauenpolitisch eine Anfechtung und verstärkt zudem traditionelle Geschlechtszuweisungen, nach denen Öffentlichkeit männlich und privater Raum weiblich konotiert ist.

Wer bestimmt selbst? Und wie?

Einzelne handeln im Rahmen dessen, was als »normal« und »richtig« gilt. Gleichzeitig prägen sie diese Normen und damit die Freiräume auch für andere. Die Angebote schaffen Bedarfe und formen konkrete Vorstellungen von dem, was man/frau wünschen und wollen kann. Auch dies stellt Selbstbestimmung im Kontext von Kinderwunsch infrage. Und auch Frauen, die einen anderen Weg gehen, es ablehnen, denken oder handeln zu müssen, wenn sie schwanger sind oder nicht schwanger werden, können nicht »frei« entscheiden, sie müssen Widerstand leisten.

Schwangere Frauen sprechen über ihre Angst vor alleiniger Verantwortung für ein (behindertes) Kind. In Beschreibungen über das Erleben von ungewollt kinderlosen Frauen geht es häufig um Scham und Versagensgefühle. Hier scheint ein gesellschaftlich geprägtes Selbstkonzept von Weiblichkeit durch, verweist die Schärfe des beschriebenen Leids auf die Schärfe des gesellschaftlichen Drucks; zumindest, wenn wir nicht davon ausgehen, dass dem »Geschlecht Frau« der Kinderwunsch und die alleinige Sorge darum innewohnt. Läge dies in ihrer »Natur«, wäre mit vielen Frauen in Deutschland allerdings etwas wirklich nicht in Ordnung.

Dazu kommen Anforderungen, das eigene Leben als Projekt optimal zu gestalten. Elisabeth Beck-Gernsheim spricht vom »Gesundheitsprojekt der Moderne« (BeckGernsheim 2008). Die Gestaltung des eigenen Lebens als Projekt geht mit einem neuen Verständnis von Verantwortung auch für die »genetische Ausstattung« einher (Lemke 2006). Frauen tragen also die Verantwortung für das Gelingen – für ein gesundes Kind und für die Familienplanung. Etwas nicht in Anspruch nehmen zu wollen, muss begründet werden – was angeboten wird, ist auch in Betracht zu ziehen. Schicksal steht zur eigenen Entlastung nicht mehr zur Verfügung.

Grenzen überwinden.
Grenzen überschreiten

Auch über diese Begrenzungen der Selbstbestimmungsmöglichkeiten hinaus ist der Selbstbestimmungsbegriff kritisierbar. Im Kontext von Reproduktionsmedizin und Gentechnik erfährt er viele, auch widersprüchliche Aufladungen. Im Kampf um grundlegende Menschenrechte auch für Frauen stand er als politischer Begriff für die Abwehr von Fremdbestimmung und Herrschaftsansprüchen. Im Zusammenhang mit Pränataldiagnostik und Reproduktionsmedizin bezieht er sich auf individuelle Interessen, seien es Nöte oder Wünsche, auf eine Wahlfreiheit auf dem Markt der Möglichkeiten.

Die in Deutschland verbotene Nutzung von Eizellen anderer Frauen wird in diesem Kontext argumentativ gleichgesetzt mit dem früher verbotenen Schwangerschaftsabbruch, der etwa Fahrten nach Holland nach sich zog. Feministinnen kritisieren einen Selbstbestimmungsbegriff, der auf individuelle Bedürfnisse, Nöte oder Wünsche begrenzt ist, bei dem Frauen (ihren) Körper oder Teile davon frei auf dem Markt (ver)kaufen können (Hoffmann 1999). Eine solche Vorstellung von Selbstbestimmung hat keinen Bezug zum Ganzen. Er gilt nicht für die Frauen, die dafür mit Leib und Leben bezahlen, sei es als Eizelllieferantin, als Sexarbeiterin oder als Leihmutter. Eine solche Selbstbestimmung bedeutet eine Entsolidarisierung mit Menschen mit Behinderung, mit Müttern/Eltern behinderter Kinder, mit Frauen, die aus Not Eizellen verkaufen.

Der reproduktive Markt schafft Nachfrage nach Eizellen oder Leihmüttern und hat Auswirkungen auf das ganz konkrete Leben von Frauen in anderen Ländern. Bei der Eizellspende wird das Verbot in Deutschland umgangen, indem die Eizellspende oder vielleicht anders gesagt Eizelllieferung in bzw. aus anderen Ländern wie Spanien, Polen, Rumänien erfolgt. Manchmal wird Frauen auch angeboten, dass sie eine IVF umsonst oder kostengünstiger bekommen, wenn sie »überflüssige« Eizellen für die Zentren zuliefern. Nicht selten bleiben diese Frauen selbst am Ende ohne Kind.

Dass der Geldtransfer, wenn es um Eizellen geht, nicht als Verkauf deklariert wird, sondern als Spende oder Aufwandsentschädigung daherkommt, verschleiert, was auf der Hand liegt, dass nämlich Frauen in der Regel nicht »freiwillig« Eizellen liefern – denn seien wir ehrlich, welche von uns würde das gerne tun oder der eigenen Tochter anraten? Eva Schindele hat die Situation von Frauen recherchiert, die nicht selten mit ihrer Gesundheit und ihrem Lebensglück für den Verkauf ihrer Eizellen bezahlen (Schindele 2006). Im Zuge von neuen Formen von Arbeitsausbeutung – oder Körperausbeutung – sprechen deshalb Kritikerinnen auch von modernen Formen der Sklaverei. Auch dies muss verantwortet werden. Neben der politischen Verantwortung betrifft dies berufsethisch alle, die Angebote machen und begleiten, und zuletzt die, die diese in Anspruch nehmen. 

Überhaupt: Was heißt hier Selbstbestimmung?

Frauen und Männer können selbst bestimmen, wann sie keine Kinder bekommen wollen – zumindest weitgehend, besteht doch die Möglichkeit der Verhütung oder eines Schwangerschaftsabbruchs bzw. eines Abbruchs nach einem vorgeburtlichen Check – aber sie können nicht selbst bestimmen, ein Kind zu bekommen oder gar ein gesundes Kind zu bekommen.

Auch in der Schwangerschaft muss vieles immer noch seinen Gang gehen – ein guter Rahmen kann gestaltet werden, aber letztlich bleibt zu hoffen und auf das Kind zu warten. Und auch wenn Kinder da sind – eine »selbstbestimmte« Lebensführung endet an den sehr konkreten Bedürfnissen des Kindes nach Bindung und Versorgung. Mit Selbstbestimmung hat das Leben mit Kindern nicht viel zu tun, dies ist für Frauen unter den gegebenen Umständen ein schwieriges und unangenehmes Thema.

Fußnoten

1 Vgl. hierzu Leitlinien zur Beratung zum reproduktiven Reisen unter www.bkid.de

2 Vgl. Einleitung des Beitrages von T. Wischmann in diesem Heft, d. Red.

3 »Die Schwangerschaftserwartung nach IVF oder IVF/ICSI liegt aktuell etwa 10 bis 20% über der natürlichen Schwangerschaftserwartung eines gesunden Paares.«
www.team-kinderwunsch-hannover.de/index.php
Recherchedatum 15. 6. 2012;
www.eltern.de/kinderwunsch/kinderwunsch-medizin/risiken-reproduktionsmedizin.html

4 Nach der Bundesgesundheitsberichtserstattung ist der Anstieg kinderloser Frauen/Paare vor allem der gewählten Kinderlosigkeit geschuldet. Heft 20: Ungewollte Kinderlosigkeit. April 2004

5 Vgl. den Beitrag von J. Dorbritz und K. Ruckdeschel in diesem Heft, d. Red.

6 Im Jahr 2005 wurden in Deutschland 10 000 Menschen zu ihren Einstellungen zu Kindern, Ansehen von Familien und Forderungen an die Familienpolitik befragt. Quelle: www.bosch-stiftung.de/content/
language1/html/4250.asp Recherchedatum 1. 6.2012

7 Quelle: www.profamilia.de/erwachsene/kinderwunsch/unerfuellterkinderwunsch/erfolgsrate.html Recherchedatum 1. 6. 2012

Literatur

Bauchentscheidungen – aber mit Köpfchen. Hintergrundinformationen zu vorgeburtlichen Tests. AWO Bundesverband e.V., Arbeitskreis Frauengesundheit AKF e.V., Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik (Hrsg.) 2011. www.netzwerk-praenataldiagnostik.de Beck-Gernsheim, E. (2008): Pränataldiagnostik zwischen Wahlmöglichkeit und Erwartungsdruck. In: Da stimmt doch was nicht, Kongressdokumentation, S. 29ff.
»Da stimmt doch was nicht ...!« Logik, Praxis und Folgen vorgeburtlicher Diagnostik. Kongressdokumentation 2008 Dorbritz, J. (2005): Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa – Daten, Trends und Einstellungen (begutachteter Beitrag). VS Verlag für Sozialwissenschaften, Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 30, 4/2005 Feyerabend, E (2010): Gespendet – gehandelt – getauscht. Iz3w –
informationszentrum 3. Welt, Ausgabe Nr. 321, November/Dezember 2010 Feyerabend, E. (2010): Konkurrenzen im gesundheitlichen Verteilungssystem. Hilft Ethik den allgegenwärtigen Wettbewerb zu bändigen? 7. AKF Jahrestagung 2010. www.akf-info.de Fortpflanzungsmedizin in Deutschland (2001): Wissenschaftliches Symposium des Bundesministeriums für Gesundheit in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut. Band 132. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit. Nomos Verlag Baden-Baden Gesundheitsberichterstattung des Bundes (2004): Heft 20 – Ungewollte Kinderlosigkeit. April 2004 Hoffmann, H. (1999): Die feministischen Diskurse über Reproduktionstechnologien. Frankfurt am Main/New York/Campus Kollek, R. (2010): Neue Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin. Impulsreferat Deutscher Ethikrat, 22. 7. 2010. www.ethikrat.org/dateien/pdf/praesentation-von-regine-kollek-am-22.07.2010reproduktionsmedizin.pdf. Recherchedatum 1. 6. 2012 Lemke, Th. (2006): Die Polizei der Gene. Formen und Felder genetischer Diskriminierung. Frankfurt am Main/New York/Campus Reprokult (2002): Reproduktionsmedizin und Gentechnik. Frauen zwischen Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Normierung. Kongressdokumentation Schindele, E. (2006): Der Eierdeal. Das globale Geschäft mit menschlichen Keimzellen. www.dradio.de/dlf/sendungen/wib/545060/. Recherchedatum 1. 6.2012 Statistisches Bundesamt Deutschland (2012): Geburten in Deutschland. Wiesbaden Studie Unternehmen Familie (2006): Teilstudie Familie oder Kinderlosigkeit. Was die Deutschen wollen. Robert-Bosch-Stiftung. www.boschstiftung.de/content/language1/html/4250.asp. Recherchedatum 1. 6. 2012 Sütterlin, S. (2009): Ungewollte Kinderlosigkeit. Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Online-Handbuch. Stand März 2009. Recherchedatum 1. 6.2012 Zerle C./Krok, I. (2008): Null Bock auf Familie? Der schwierige Weg junger Männer in die Vaterschaft. Kurzfassung. Deutsches Jugendinstitut im Auftrag der Bertelsmannstiftung

Autoren

Margaretha Kurmann

Margaretha Kurmann ist Katholische Theologin und Pädagogin. Ihre Schwerpunktthemen sind Frauenpolitik, Bioethik, Beratung, Gesundheit und Prävention. Seit 2010 ist sie Referentin bei der Bremischen Zentralstelle für die Gleichberechtigung der Frau (ZGF).

 

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