In & Out: Beratungsprojekt und Lernort

In & Out ist das Peer-to-Peer-Beratungsprojekt des Bundesverbandes Jugendnetzwerk Lambda e.V. Seit über 20 Jahren beraten Peers Jugendliche und junge Erwachsene in ganz Deutschland zu Themen wie sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, (Mehrfach-) Diskriminierung und Coming-out.

 

Die Beratungen finden in der Regel per E-Mail oder Chat  statt und erreichen somit auch Ratsuchende außerhalb großer Städte. Die Ehrenamtlichen ordnen sich selbst dem queeren Spektrum zu, sei es geschlechtlich oder in Bezug  auf die sexuelle Orientierung, und werden bei ihrer Arbeit von zwei hauptamtlichen Fachpersonen begleitet und ausgebildet. Ziel des Projekts ist es, die psychosoziale Situation der Ratsuchenden zu verbessern, Wissen zu vermitteln sowie personenzentriert, ressourcen- und lösungsorientiert zu beraten.

Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass queere Lebens- weisen und was damit zusammenhängt immer noch ein wichtiges Thema sind, das sichtbar gemacht werden muss. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zeigt, dass bei 63,5 % der geouteten Jugendlichen die Identität von der engeren Familie nicht ernst genommen wurde, 47,1 % sagen, dass ihre Identität absichtlich ignoriert wurde, und mehr als 50 % haben Diskriminierungserfahrungen in Bildungs- und Arbeitsstätten gemacht. Auch in der Beratung bei In & Out ist der Bedarf deutlich spürbar. So sagt Lo. (25 Jahre) aus dem Team, dass die Anfragen zum Thema Geschlechtsidentität steigen und die Ratsuchenden zunehmend jünger werden. Auch A. (19 Jahre) nimmt eine Veränderung war: »Es gibt immer mehr Anfragen von Leuten aus dem Ausland, die nach Deutschland möchten. Und die Angst vor dem Coming-out bei den Eltern ist oft größer als bei Gleichaltrigen.« Umso wichtiger sind Beratung, Empowerment und Räume, in denen die Ratsuchenden einen Platz finden.

Bei der Arbeit mit ratsuchenden Jugendlichen setzt In & Out deshalb auf die Grundsätze von Empowerment und Peer-Beratung. Doch was genau verstehen wir darunter? Unter dem Wort »Peer« verstehen wir eine »gleichrangige Person«. Peer-Beratung ist also ein Angebot auf Augenhöhe. Die Berater*innen sind selbst z. B. lesbisch, schwul, bi, trans* und/oder queer und meist nicht oder nur wenig älter als die ratsuchenden Personen. Somit können ähnliche Erfahrungen ausgetauscht und/oder diese auf besondere Art nachvollzogen werden. Bei In & Out werden die eigenen Identitätskategorien bewusst und offen in den Beratungsprozess mit eingebracht und, wenn passend, auch eigene Erfahrungen mit den Ratsuchenden geteilt.

Oftmals fehlt queeren Jugendlichen die Peer-Ansprache im Bekannten- und Freund*innenkreis: »Gerade für queere Menschen, insbesondere junge queere Menschen, fehlen kompetente Beratungsangebote«, beschreibt Lo. treffend.

Mit unserem Beratungsangebot gelingt es, Jugendlichen, die sich aufgrund ihrer Identität allein fühlen und/oder verunsichert sind, Halt und Entlastung zu bieten. Eine ratsuchende Person schreibt in einer Online-Befragung von 2017: »Ein gutes Gefühl, dass jemand Verständnis für meine Probleme hat und sich wahrscheinlich früher mit ähnlichen Fragen beschäftigt hat.«

Der innere Coming-out-Prozess wird von vielen als Belastung gesehen, vor allem aus Angst vor Konsequenzen. Deutlich mehr als die Hälfte der Jugendlichen hat Befürchtungen vor dem Coming-out wie z. B. Ablehnung von Freund*innen und Familie  sowie bezogen auf die Schule oder den Arbeitsplatz. Indem wir als Berater*innen die Fragen und Sorgen ernst nehmen, können nicht nur Informationsbedürfnisse befriedigt, sondern auch das Ordnen von Gedanken und Gefühlen der Ratsuchenden unterstützt werden. Auch die Wünsche, Einstellungen und Verhaltensweisen können somit reflektiert werden. Außerdem können angestoßene Selbstreflexionsprozesse dazu führen, dass Ratsuchende Unsicherheiten überwinden, Stereotype aufbrechen und ein positives Selbstwertgefühl entwickeln. Wir legen viel Wert darauf, dass eigene Ressourcen von den Ratsuchenden erkannt und genutzt werden, indem wir die Menschen positiv bestärken, ressourcenorientierte Fragen stellen, Anlaufstellen vor Ort vermitteln oder mögliche Handlungsalternativen in schwierigen Situationen aufzeigen. Es ist uns wichtig, dass queere Jugendliche für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung gestärkt werden.

Neben den Ratsuchenden richtet sich In & Out auch an die ehrenamtlichen Peer-Berater*innen, von denen viele zu dem Projekt gekommen sind, weil sie ein Beratungsangebot schaffen wollen, das sie selbst früher gut gebraucht hätten. In & Out ist wichtig, dass »ehrenamtlich« oder »Peer« keinesfalls mangelnde Ausbildung bedeuten, denn In & Out ist ein Lernort.

Die neu eingestiegenen Ehrenamtlichen werden in der Einarbeitungsphase von einer tutorierenden Person begleitet und erhalten von ihr sowie dem gesamten Team wertvolles Feedback. Besonders wird dadurch auch das Einfinden in das Team erleichtert. Außerdem gibt es regelmäßig stattfindende Kommunikations- und Beratungsseminare und Schulungstage. Hier wird theoretisches Wissen (z. B. neue Beratungstechniken und -methoden, neue Inputs) vermittelt und in praktischen Beratungsübungen umgesetzt. Auch Grundsätze der Beratung, Grenzen, Umgang mit belastenden Situationen, eigene Privilegien etc. werden thematisiert. In wöchentlichen Teamsitzungen wird über aktuelle organisatorische Dinge gesprochen, Beratungsanfragen werden bearbeitet, es finden inhaltliche Diskussionen statt und Supervisionen werden durchgeführt.

Das Schöne an den Seminarfahrten, Teamtagen und Teamsitzungen ist, dass es nicht nur um die eigentliche Beratungstätigkeit geht, sondern auch der Stärkung des Team-Gefühls ein hoher Stellenwert beigemessen wird. Deutlich wird das durch die einladende und wertschätzende Atmosphäre, die Begegnung auf Augenhöhe, gemeinsame Erlebnisse und den Austausch persönlicher Erfahrungen der Berater*innen, die wahrgenommen und gewürdigt werden. Es ist leicht, sich bei In & Out gegenseitig besser kennenzulernen und Freund*innenschaften zu schließen.

Zusätzlich wird jeder Person Raum gegeben, sich selbst und eigene Themen und Ideen einzubringen, um somit  aktiv bei der Projektgestaltung mitzuwirken. Kritik und Vorschläge zur Weiterentwicklung sind stets willkommen und können offen diskutiert werden. Doch nicht nur innerhalb des Projekts bringen sich die beratenden Menschen aktiv in die Gestaltung ein. Aufgrund der beratenden Tätigkeit und der Auseinandersetzung mit Teammitgliedern erwerben die Berater*innen wichtige Erfahrungen, Fähigkeiten und Kenntnisse, die auch außerhalb des Projekts sehr nützlich sind. Dazu gehören z. B. Team- und Konfliktfähigkeit, Toleranz, Selbstwirksamkeitserfahrungen usw. A., Beratungsperson bei In & Out (19 Jahre), schreibt: »Durch den Aus- tausch mit anderen Ehrenamtlichen und meine Beratungsarbeit werden mein Wissen und meine Sensibilität zu vielen Themen größer.«

 

Dos and Don’ts in der Beratung von trans* Kindern und Jugendlichen
 

Die richtigen Pronomen und Namen verwenden
Für viele trans* Personen ist es eine schmerzhafte Erfahrung, in ihrer Geschlechtlichkeit und Identität nicht respektiert oder falsch eingeordnet zu werden. Für eine Beratung ist es essenziell, die für den/*die Klienten*in richtigen Pronomen und Namen zu erfragen und zu verwenden, um einen Raum zu ermöglichen, in dem sich der/die Klient*in sicher fühlt und öffnen kann.

Gerade am Anfang eines Transitionsprozesses können Namen oder Pronomen etwas sehr Intimes sein oder sind noch nicht spruchreif. Die Beratung kann hier einen Raum zum Ausprobieren verschiedener Optionen bieten oder in Absprache mit dem/*der Klienten*in vorerst auf Namen und/oder Pronomen zu verzichten.

Selbstbezeichnungen und Selbstnarrative beachten
Es existieren zahlreiche unterschiedliche Selbstbezeichnungen und  Narrative  zur  eigenen  Geschlechtlichkeit, welche nicht immer mit den Einschätzungen aus  Medizin,  Psychologie  oder  den  Medien  übereinstimmen und/oder abgelehnt werden. Die gewünschten Begriffe sollten in der Beratung erfragt und übernommen werden.

Trans*sensible Sprache/Begriffe verwenden
Unter trans*sensibel ist z. B. nicht-pathologisierend zu verstehen. Wichtig ist außerdem, dass der/die Berater*in die Geschlechtsidentität als das tatsächliche/eigentliche Geschlecht begreift statt körperlicher Gegebenheiten.

Don’t                                                            Do
»Geschlechtsidentitätsstörung«                Störungsbegriffe vermeiden, besser:
                                                                »Transgeschlechtlichkeit«

»Geschlechtsumwandlung«                     »Geschlechtsangleichung«

»Du wurdest also als Junge geboren,      »Du wurdest also bei der Geburt als
fühlst dich aber  als Mädchen.«                Junge eingeordnet, bist aber
                                                                  ein Mädchen.«

»Körperlich bist du eigentlich                  »Du wurdest aufgrund deines Körpers
 ein Junge.«                                                bei der Geburt als Junge
                                                                   eingeordnet.«

Eigene Geschlechterbilder hinterfragen
Das kann z. B. folgende Fragen beinhalten: Wie sieht ein Mädchen denn aus? Warum sollte ein trans* Mädchen keine kurzen Haare tragen dürfen oder Metallica-T-Shirts? Warum sollte eine trans*männliche Person nicht ganz viel und gerne über Gefühle reden und sehr weich sein?

 

Hinter der Peer-Beratung steckt also weitaus mehr, als es auf den ersten Blick erscheint. Ratsuchende erhalten Unterstützung und Vermittlung zur Selbsthilfe, Informationen und das Gefühl, nicht alleine zu sein, während Berater*innen erste Beratungserfahrungen in einem geschützten und begleiteten Raum sammeln können, sich durch das positive Feedback der Ratsuchenden bestärkt fühlen und im Team Wertschätzung erfahren. »Für mich persönlich ist es wichtig, bei In & Out zu beraten, weil ich so einerseits queere Jugendliche mit Beratung unterstützen kann, die früher für mich selbst schön gewesen wäre, und gleichzeitig ist ein Ort wie In & Out mit queeren Personen für mich selbst ein wertvoller Ort, an dem ich mich sicher fühle und außerdem viel lerne«, schreibt L. (25 Jahre).

Für die Zukunft wünscht sich das Team, dass vor allem Personen in einflussreichen Positionen sich dem Thema stärker widmen. Das sind neben Politiker*innen besonders Lehrkräfte, Mediziner*innen, Erzieher*innen, Therapeut*innen und Personen, die ebenfalls beratend tätig sind.

L. wünscht sich z. B., dass diese die Jugendlichen in ihrer Identität ernst nehmen, ihnen zuhören und auf die jeweiligen Bedürfnisse und Wünsche eingehen. A. richtet sich  direkt an Lehrkräfte und wünscht sich queere Repräsentation im Schulkontext, und das auch außerhalb des »Sexualkundeunterrichts«. Einen kleinen Anstoß zur Auseinandersetzung gibt der Kasten »Dos & Don’ts«. Wir freuen uns über jede Person, die sich der Belange queerer Jugend annimmt.

Literatur

Krell, Claudia/Oldemeier, Kerstin (unter Mitarbeit von Sebastian Müller) (2015): Coming-out – und dann …?! Ein DJI-Forschungsprojekt zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugend- lichen und jungen Erwachsenen. Deutsches Jugendinstitut (DJI)

Stroppel, Simone: In & Out – das Peer-to-Peer-Beratungsprojekt des Jugendnetzwerks Lambda e. V. Ergebnisse der Projektevaluationen 2015 und 2017, 2018. Erfurt: Lambda e.V.

 

Autorinnen und Autoren

Der Artikel wurde als gemeinschaftliches Projekt von den Berater*innen selbst verfasst.
Ein besonderer Dank gilt dabei: Q., Lo. und L. aus dem Team.

Kontakt:
In & Out
c/o Jugendnetzwerk Lambda Berlin- Brandenburg e.V.
Büro 1
Paul-Robeson-Straße 37
10439 Berlin
Telefon 030 67122671

Informationen und Anfragen: info@comingout.de
Beratungsanfragen: help@comingout.de www.comingout.de

 

Weitere Informationen:

Broschüre:
Mein Name Mein Pronomen, www.mein-name-mein-pronomen.de
Regenbogenportal des BMFSFJ: www.regenbogenportal.de

Workshops:
Initiative Intersektionale Pädagogik, www.i-paed-berlin.de
Material und Weiterbildung: www.queer-leben.de

 

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