PROJEKTSKIZZEN: »Stoppt Sharegewalt!«

Die Arbeit von Innocence in Danger e.V.

Die digitale Welt hat sich rasant weiterentwickelt. Die Gesellschaft, besonders der Kinder- und Jugendschutz, steht vor immer neuen Herausforderungen. Sexualisierte Gewalt mittels digitaler Medien ist vielfältiger geworden. Sie reicht über ungewollte Konfrontation mit Pornografie, Cybergrooming, Sextortion, Sharegewaltigung wie auch die Verbreitung von Missbrauchsabbildungen (Sharegewalt), bis hin zum »Webcam-Kindersextourismus«.

In den Jahren 2015 bis 2018 befragte Innocence in Danger in einem dreistufigen Verfahren (Fragebogen, Interviews, Fokusgruppen) bundesweit psychosoziale Versorgungsstellen, Schulen und Kultusministerien zu ihrem Umgang mit digitalen Medien, Missbrauchsdarstellungen, Sharegewaltigungen und dem Verfahren der Fotofahndung.1

Aus der Wirkungsforschung zu Präventionsangeboten im Themenfeld »sexueller Missbrauch« ist bekannt, dass die Aufklärung der Schülerschaft über sexualisierte Gewalt vor allem einen Effekt zeigt: Schüler*innen, die bereits Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, vertrauen sich ihren Ansprechpersonen an.2 Damit bereits betroffene Schüler*innen tatsächlich Hilfe erhalten, wenn sie sich z. B. nach einer Präventionsveranstaltung Erwachsenen offenbaren, ist es dringend notwendig, dass Mitarbeiter*innen im Tätigkeitsfeld Schule Interventionsstrategien kennen, bevor sie Präventionsbotschaften setzen.

Gleichzeitig stellten wir eine eklatante Versorgungslücke sowohl im Bereich der Prävention als auch der Intervention fest.3

Einerseits sind Schulen längst mit dem Phänomen der digitalen sexualisierten Gewalt konfrontiert und handeln auch. Andererseits wurde deutlich, dass Fachkräfte vor Ort oft sehr verunsichert sind und sich hier mehr Wissen, Handlungsempfehlungen oder ganz praktische Leitfäden im Umgang wünschen.

Die Studie zeigt auch, dass in Fachberatungsstellen zu sexualisierter Gewalt vielfach Kolleg*innen mit viel Berufserfahrung arbeiten. Sie sind in Deutschland Expert*innen, wenn es um Prävention, Intervention und Versorgung der Opfer von sexuellem Missbrauch geht. Allerdings wird offenbar, dass die Themen »Missbrauchsdarstellungen« und heute auch »Sharegewaltigung« nur sehr marginal in den Fachstellen bearbeitet werden. Die Versorgung von Betroffenen ist lückenhaft. Einige Beratungsstellen setzen sich intensiv mit Wissen und Handwerk zu digitaler sexualisierter Gewalt auseinander. In den vergange nen zehn Jahren allerdings haben sich diese Expertise-Inseln nicht vernetzt und schon gar nicht sind Wissen, Fachaustausch und die Erarbeitung von Beratungsmethoden in die Fläche gegangen. Zugleich führt ein vermehrtes Wissen der Fachkräfte über (digitale) sexualisierte Gewalt dazu, dass Verdachtsmomente oder konkrete Hinweise auf Fälle in der Praxis eher wahrgenommen werden und dann gehandelt werden muss.

Im Anschluss an die Studie entwickelte Innocence in Danger daher mit »Stoppt Sharegewalt« ein Schulungsformat, in dem praxisnah und handlungsorientiert Wissen zu Sharegewaltigung und anderen Formen sexualisierter Cybergewalt vermittelt wird. Handlungsstrategien für Inter vention werden praktisch eingeübt. In direkter Fallarbeit werden in Form eines Planspiels die digitalen Risiken und Chancen der Institution erlebt und reflektiert. Dabei werden individuelle Fragestellungen, Haltungen, Gefühle und Handlungsoptionen genauso wie die organisationalen Bedingungen, in denen fachliches Handeln im digitalen Kinderschutz passiert, bearbeitet. Aus der praktischen Planspiel-Arbeit heraus können im Ergebnis konkrete und für die beteiligten Institutionen passgenaue Maß nahmenkataloge und Handlungsleitfäden für Prävention und Intervention entstehen.

Die Teilnehmenden der Pilot-Phase zeigten sich begeistert: »Ich denke, man fühlt sich nie hundertprozentig sicher. Jetzt ist mein Sicherheitsgefühl viel ausgeprägter und ich weiß, an welche Stellen ich mich wenden kann! Danke!« Sie wünschen sich solche Formate auch für weitere Zielgruppen: »Diese Fortbildung würde ich auch Eltern empfehlen« und »Ich halte Ihr Angebot für sehr relevant f. Förderschüler*innen im Bereich ›geistige Entwicklung‹«.

Definitionen

»Sexting« ist eine neue, digitale Form sexuellen Handelns. Sexting bedeutet das digitale Teilen sexueller Inhalte - Text, Bild oder Film – zwischen zwei oder mehr Menschen. Geschieht dieses Teilen einvernehmlich und freiwillig, ist es eine sexuelle Handlung, die wie jede sexuelle Handlung mit Risiken verbunden ist, etwa wenn das digitale Dokument – der Text, das Bild, der Film – ohne Zustimmung weiterverbreitet und/oder als Druckmittel genutzt wird. Der Begriff »Sextortion« setzt sich aus »Sex« und »Extortion« (engl. Erpressung) zusammen. Unter Sextortion fällt nicht nur das Erpressen mit, sondern auch das Erpressen von Bildern.

»Sharegewaltigung« setzt sich aus »Share« (engl. teilen) und »Gewalt« zusammen und spielt ganz bewusst auf den Begriff der Vergewaltigung an. »Sharegewaltigung« passiert, wenn z. B. ein selbst- oder fremdgeneriertes digitales intimes Dokument (Text, Bild, Video) ohne Wissen bzw. Einverständnis an Dritte weitergeleitet wird. Der Begriff stellt den sexualisierten Gewaltaspekt einer solchen Handlung in den Vordergrund und ist auch als Gegenvorschlag zu dem aktuell kursierenden Begriff »Revenge Porn« zu verstehen. Denn: Verantwortlich für die Tat ist der Täter bzw. die Täterin, nie das Opfer.

1 Mit der gezielten Fotofahndung suchen Strafverfolger nach Opfern aus Missbrauchsdarstellungen in Schulen, um so Missbrauch zu beenden und Täter/Täterinnen zu fassen.
2 Kindler, H. (2003): Evaluation der Wirksamkeit präventiver Arbeit gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen: Expertise. Amyna Verlag.
3 Siehe auch www.stoppt-sharegewalt.de

Autorinnen und Autoren

Catharina Beuster,
Regina Neu,
Louisa Strachwitz,
Julia von Weiler

Kontakt:
Innocence in Danger e.V.
Holtzendorffstraße 3
14057 Berlin
www.innocenceindanger.de
www.stoppt-sharegewalt.de


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