PROJEKTSKIZZEN: Gutes Aufwachsen mit Medien zwischen Schutz, Befähigung und Teilhabe

Anforderungen an einen zeitgemäßen Jugendmedienschutz

Das Internet ist im Kinderzimmer angekommen: 99 % aller Kinder und Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren haben Zugang zum Netz, 97 % verfügen über eigene internetfähige Geräte wie Smartphones, Tablets und Spielkonsolen (vgl. JIM-Studie 2018). Neben den großen Chancen und Möglichkeiten sind aber auch die Risiken und Gefahren für Heranwachsende im Netz und durch das Netz allgegenwärtig. Wie können Politik, Diensteanbieter, Eltern und Fachkräfte gemeinsam für einen zeitgemäßen, digitalen Jugendmedienschutz sorgen?

Immer online – immer in Gefahr?

Die Nutzung digitaler Medien nimmt im Alltag von Kindern und Jugendlichen eine immer größere Rolle ein. Sie vernetzen sich bei WhatsApp oder Facebook, sehen sich die neuesten Videos auf YouTube an, berichten mit Insta-Stories über ihr Leben, lipsyncen und tanzen auf TikTok (früher: musical.ly) oder recherchieren für Schule und Freizeit. Sie können sich selbst als Medienmacherinnen und Medienmacher betätigen, indem sie eigene Texte und Videos erstellen und veröffentlichen, dabei ihre Kreativität ausleben und für die Zukunft wichtige Fähigkeiten erlernen – und natürlich: viel Spaß dabei haben. Neben den vielfältigen Chancen, die sich bieten, sind Kinder und Jugendliche dabei aber auch Gefahren ausgesetzt, die sie selbst nicht immer bzw. in vollem Maße abschätzen können. Diese Risiken ergeben sich vor allem bei der Nutzung von Social-Media-Anwendungen, Kommunikationsdiensten und Games. Weil sich durch die Möglichkeiten des Internets die Risiken, denen Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind, wesentlich verändert haben und neue Risiken hinzugekommen sind, muss sich auch der Jugendmedienschutz in Deutschland weiterentwickeln. Problematisch sind nicht mehr nur Inhalte wie Pornografie oder Gewalt, mit denen Heranwachsende über die TV-Bildschirme, über Bücher und Zeitschriften oder über Musik konfron tiert werden, sondern auch Situationen im Netz, die sie dazu bringen, per sönliche Informationen über sich preiszu geben, wodurch ihr Recht auf Privat sphäre, auf Datenschutz und auf körperliche und psychische Unver sehr theit bedroht wird.

»Das bleibt aber unter uns!« – das Phänomen Cybergrooming

Insbesondere Phänomene wie Cybergrooming, das strategische Vorgehen von Täterinnen und Tätern zur Vorbereitung sexuellen Missbrauchs im und durch das Internet, zeitigen reale Effekte, wenn sich das betroffene Kind oder der/die betroffene Jugendliche nicht rechtzeitig Rat oder Hilfe suchen kann. Dies liegt auch daran, dass viele Angebote im Netz nicht über getrennte Bereiche für Kinder und Jugendliche oder spezielle Sicherheitseinstellungen verfügen, die sie davor schützen, mit erwachsenen Nutzern in Kontakt zu kommen, die sie mit pornografischem Material konfrontieren oder sich ihnen mit der Absicht, sie sexuell zu missbrauchen, annähern. Die MiKADO-Studie von Forscherinnen und Forschern der Universität Regensburg, die speziell das Phänomen der Online-Annäherung untersucht, machte deutlich, dass jede(r) Zehnte aller befragten Jugendlichen mindestens eine belastende sexuelle Online-Annäherung hatte. Nahe zu jede(r) Dritte mit der Erfahrung sexueller Online-Annäherung empfand mindestens eine dieser Erfahrungen als belastend. Zu sexuellen Online-Annäherungen zählen Gespräche über Sex, Handlungen via Webcam (Cybersex) und der Versand und/oder Erhalt erotischer Bilder. Weil die Täterinnen und Täter entweder vorgeben, im gleichen Alter wie der/die Betroffene zu sein, oder sich als besonders verständnisvolle Erwachsene ausgeben, ist es für Kinder und Jugendliche zunächst auch nicht einfach, diese Annäherung als eine Gefahr für sie selbst zu enttarnen oder sich mit der Bitte um Hilfe an die Eltern zu wenden. Während das Sammeln sexueller Erfahrungen Jugendlicher in der digitalen Welt als Bestandteil ihrer Identitätsentwicklung anerkannt werden muss, ist es gleichsam unumstritten, dass das Zusammenspiel von Anonymisierung im Netz, nicht genügend berücksichtigter digitaler Schutzräume und mangelnder technischer Infrastruktur (zum Beispiel durch Chat-Moderation und Meldesysteme) gerade jüngere Kinder im Internet in Gefahr bringt.

Jugendmedienschutz im digitalen Raum

Folglich ist es notwendig, dass neue, moderne Regelungen für einen zeitgemäßen Schutz von Kindern und Jugendlichen vonseiten des Gesetzgebers eingebracht werden, insbeson dere vor neuartigen Interaktions- und Kommunikationsrisiken, die durch das Social Web aufgekommen sind. Das bedeutet einerseits, dass die guten und effektiven Standards, die bereits offline existie ren, nun auch online durchgesetzt werden müssen und durch eine gute und dialogische Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern sowie den Plattformanbietern und Selbstkontrollen zukunftsfähig gemacht werden. Andererseits müssen aber für einen guten Jugendschutz im Netz auch die Anbieter bezüglich ihrer eigenen technischen Infrastruktur in die Pflicht genommen werden; sie sind dazu aufgefordert, ausreichende Sicherungs- und Meldesysteme bereitzustellen, die es den Kindern und Jugendlichen transparent und einfach ermöglichen, kritische Inhalte und sie beunruhigende Interaktionen zu melden und sich darauf verlassen zu können, dass diesen nachgegangen wird. Eine Heraus forderung dafür ist, dass Heranwachsende bevorzugt Apps globaler Unterneh men nutzen. Ein guter und zeitgemäßer Jugendmedienschutz kann an dieser Stelle deshalb nur dann gelingen, wenn deren Dienste diese Standards berücksichtigen und implementieren bzw. Anforderungen akzeptieren, die durch das nationale Recht auch auf internationale Anbieter angewendet werden können.

Schutz durch Medienkompetenz und Teilhabe

Durch rechtliche Anpassungen an das digitale Zeitalter alleine ist es aber nicht getan: Ein gutes Aufwachsen mit Medien funktioniert am besten in der Ausgewogenheit von Schutz, Teilhabe und Befähigung. So müssen Eltern darin gestärkt werden, ihre Kinder dafür zu sensibilisieren, welche Informationen sie über sich im Netz preisgeben, wie sie sich im digitalen Raum bewegen und welche Angebote überhaupt für ihre jeweilige Altersgruppe infrage kommen, zum Beispiel auf den vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten Online-Portalen wie »SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht« (www.schau-hin.info) oder der Initiative »Gutes Aufwachsen mit Medien« (www.gutes-aufwachsen-mit-medien.de). Angebote wie spezielle Kinderwebsites (z. B. www.seitenstark.de) oder kindgerechte Suchmaschinen (z. B. www.blindekuh.de oder www.fragfinn.de) eröffnen zahlreiche Möglichkeiten, dass Kinder geschützte und geprüfte Spiele, Chats und Informationsseiten nutzen, auf deren transparente Qualitätsstandards sich die Eltern verlassen können. Nicht zuletzt muss ein zeitgemäßer Jugendmedienschutz von den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen aus gedacht werden, ihre Bedürfnisse und realen Lebenslagen berücksichtigen und ihnen die Möglichkeit eröffnen, sich an der Gestaltung dieser nunmehr auch digitalen Umwelt aktiv zu beteiligen. Heranwachsende sollten deshalb darin ermutigt, befähigt und gefördert werden, Medien auch als Macherinnen und Macher mit eigenen, ihnen wichtigen Inhalten zu befüllen und zu bespielen. Es gilt deshalb weiterhin, die Angebote der Medienbildung und Medienkompetenzförderung in der Schule, aber auch in der außerschulischen Jugendbildung nachhaltig zu stärken, damit dort Kinder und Jugendliche durch das eigene Tun lernen, selbst zu starken Persönlichkeiten – auch im Netz – heranzuwachsen.

 

Autorinnen und Autoren

Anna Grebe

Kontakt:
Initiativbüro »Gutes Aufwachsen mit Medien«
c/o Stiftung Digitale Chancen
Chausseestraße 15
10115 Berlin
agrebe@digitale-chancen.de
www.gutes-aufwachsen-mitmedien.de

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