PROJEKTSKIZZEN: Das Forschungsprojekt »Human«

Entwicklung von Handlungsempfehlungen für die pädagogische Praxis zum fachlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt mit digitalem Medieneinsatz

Vorannahmen und Zielsetzung des Forschungsprojekts

Kinder und Jugendliche nutzen Online-Angebote und Kommunikationsdienste mit einer Selbstverständlichkeit und in einem Umfang, die digitale Medien zu einer relevanten Sozialisationsinstanz in der Lebenswelt junger Menschen machen (Feierabend/ Plankenhorn/Rathgeb 2016, 2018). Aufgrund der unbegrenzten Interaktionsmöglichkeiten spielen digitale Medien auch im Kontext einer Sexualisierung von Kindheit und Jugend sowie sexualisierter Gewalt eine hervorgehobene Rolle. Laut Neuaus wertung der Ergebnisse der MiKADO-Studie gab etwa ein Drittel der befragten jungen Menschen an, im Vorjahr mindestens einmal unerwünscht sexualisiert adressiert worden zu sein (Neutze/Sklenarova 2018). Das Spektrum derart digital ver übter oder begleiteter Grenzverletzun gen ist groß und reicht von ritualisier ten Provokationen – etwa dem »scherz haften« Verbreiten pornografischer Memes1 in Gruppen – bis zur massiven, strafrechtlich relevanten sexuellen Ausbeutung. Prinzipiell ist aber davon auszugehen, dass bereits das Erleben rein online verübter Übergriffe zu denselben Belastungsreaktionen führen kann, wie Hands-on-Taten (Jonsson/Svedin 2017). Aufgrund des in der Weiterverbreitung von Missbrauchsabbildungen wiederholt erfahrenen Kontrollverlusts oder der häufigen Korrelation von offline und online verübter Gewalt, muss sogar von einer Verstärkung von Belastungen durch digitalen Medieneinsatz ausgegangen werden.

Demgegenüber erleben Fachkräften, die mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen betraut sind, Fälle sexualisierter Gewalt mit digitalem Medieneinsatz als besonders komplex (Dekker/Koops/Briken 2016; Vobbe/Kärgel 2019). Jenseits des Verweises auf die Wichtigkeit von Medienkompeten zen oder das Recht am eigenen Bild findet digital begleitete Gewalt in den Handlungsempfehlungen existierender Präventionskonzepte kaum Beachtung. Orientierungshilfen für die Intervention fehlen gänzlich. Ziel des BMBF2-geförderten Forschungsprojekts »Human« ist es, diese Lücke zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention insoweit zu verringern, als spezialisiertes Expert*innenwissen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt mit digi talem Medieneinsatz empirisch syste matisiert und einer breiteren Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Zu diesem Zweck wird für die Prävention wertvolles Prozess- und Deutungswissen entlang konkreten Fall beispielen ausgelegt. Bei der späteren Verbreitung der Handlungsempfehlungen wird das Human-Projektteam der SRH Hochschule Heidelberg durch strategische Partner*innen, wie Innocence in Danger, BKSF3, bff4, DGfPI5 oder Deutsche Sportjugend, unterstützt.

Vorgehensweise/Forschungsdesign

In Kooperation mit spezialisierten Fachstellen, die zum Thema sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend arbei ten, werden im ersten Schritt anonymisierte Dokumentationen von Fällen sexualisierter Gewalt mit digitalem Medieneinsatz erhoben. Die Falldokumentationen enthalten Beschreibungen zu Übergriffhand lungen, dem sozialen Kontext, in welchem die Gewalt stattgefunden hat, Hinweisen, die zu einer Aufdeckung der Gewalt geführt haben, Reaktionen des sozialen Umfelds sowie Erörterungen professioneller Interventionen und Hilfeleistungen.

Auf Basis der Dokumentationen rekonstruiert das Projektteam qualitativ-empirisch zwischen acht und zehn prototypische Fallszenarien. Diese Fallszenarien setzen sich stets aus den Signifika mehrerer ursprünglicher Fälle zusammen. Rückschlüsse auf originale Fälle sind somit nicht möglich. Außer dem enthalten die prototypischen Fälle sogenannte Schlüsselsituationen. Damit sind in Erweiterung von Tov/Kunz/Stämpflis (2016) verallgemeinerbare Merkmale gemeint, deren Relevanz für einen fachlich adäquaten Umgang mit dem Fallbeispiel besonders ausgeprägt ist.

Die Schlüsselsituationen werden in einem zweiten Schritt in Fokusgruppen diskutiert. Diese Fokusgruppen rekrutieren sich aus Expert*innen, die zu sexualisierter Gewalt mit digitalem Medieneinsatz arbeiten und forschen. Letztere diskutieren, wie die exemplarischen Fallszenarien zu bewerten sind und wie mit ihnen umzugehen ist. Ihre fachlichen Positionen begründen sie. So werden die Prinzipien hinter den konkreten Einschätzungen beleuchtet. Die Diskussionen und Erörterungen der Expert*innen zu den Schlüsselsituationen bilden eine Grund lage der Handlungsempfehlungen.

Ergänzend wird das Erfahrungswissen von Menschen, die sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend erlebt haben, mittels qualitativer Interviews erhoben. Die Interviews werden entweder in spezialisierten Fachstellen durch im Umgang mit Gewalt geschultes Personal durchgeführt, damit bei Bedarf eine Weiterberatung möglich ist. Oder die interviewten Personen sind in einem sogenannten Betroffenenverband organisiert und aufgrund ihres gesellschaftspolitischen Engagements darin geübt, sich zur Gewaltthematik zu äußern. Die Beteiligung von Erfahrungsexpert*innen ist für die späteren Handlungsempfehlungen deswegen von besonderer Bedeutung, da hiermit Anforderungen an die Gestaltung von Hilfen aus Adressat*innenperspektive berücksichtigt werden.

Aktueller Stand

Die anonymisierten Falldokumentationen liegen dem Projektteam vollständig vor und werden nach dem Ansatz der Reflexiven Grounded Theory (Breuer 2010) ausgewertet. Die ersten Auswertungen der Dokumentationen zeigen, dass das vorliegende Datenmaterial vielfältiger ist, als ursprünglich angenommen. Dabei stellt weniger die Variabilität von Gewaltdynamiken eine Herausforderung dar, als die Darstellungsformen selbst. Zwar arbeiteten alle Fachstellen mit demselben Dokumentationsbogen. Die inhaltliche Ausgestaltung desselben könnte jedoch mit Blick auf den Konkretionsgrad, die Ausführlichkeit von Beschreibungen, die Wahl des sprachlichen Duktus sowie den Umfang fachlicher Einschätzungen und Interpretationsangebote kaum diverser sein. Die Falldokumentationen müssen damit konsequent als Interpretationen verstanden werden, die vor allem die fachliche Wirklichkeit der Dokumentierenden in Interaktion mit dem reflexiven Fremdverstehen des Projektteams widerspiegeln. In den Vordergrund der empirischen Rekonstruktionen rücken damit Paradoxien und Dilemmata, die aus den fachlichen Einschätzungen der spezialisierten Fachkräfte hervorgehen. Typologische Merkmale wie Alter und Geschlecht Gewalt ausübender Personen oder eine Kategorisierung von Gewalthandlungen nach Zahl der Täter*innen, Opfer, Art und Umfang digitalen Medieneinsatzes stellen eine eher sekundäre Analysedimension dar. Der Fokus auf Paradoxien und Dilemmata ist auch unter Berücksichtigung der Zielsetzung des Projekts geboten. Schließlich verweisen sie auf Herausforderungen, deren Lösung nicht selbsterklärend ist und für die entsprechend Handlungsempfehlungen weiterentwickelt werden müssen.

Folgende Problemfelder werden in diesem Kontext deutlich:

Digitale Täter*innenstrategien, die (Selbst-)Sexualisierung von Kindheit und Jugend sowie kindliches und jugendliches Experimentierverhalten begünstigen Viktimisierungserfahrungen. Pädagogische Bewertungen des in diesem Kontext wahrgenommenen Risikoverhaltens junger Menschen gehen fließend in Victim-Blaming über. Entsprechende Reaktionen des sozialen Umfelds – gemeint sind Vorwürfe von Peers und Erwachsenen, die sich auf das Online-Verhalten der Gewaltbetroffenen richten – wirken sich, aufbauend auf die originären Gewalthandlungen, nicht minder belastend auf Betroffene aus, als die Gewalthandlungen selbst. Kontrolle versuchen erwachsene Bezugspersonen mittels Medienverboten wiederherzustellen und machen sich zugleich Selbstvorwürfe.

Mit Blick auf jugendliche Online-Interaktionen herrscht oftmals ein Dissens zwischen der jugendlichen Selbsteinschätzung und der Bewertung erwachsener Bezugspersonen. Erwachsene bewerten dabei Handlungen als übergriffig, die von den vermeintlich Betroffenen als einvernehmlich etikettiert werden. Dabei bleibt im Einzelfall unklar, inwieweit der Dissens mit einer Internalisierung von Grooming-Dynamiken seitens Jugendlicher oder einer Aberkennung jugendlicher sexueller Selbstbestimmung durch Erwachsene zusammenhängt. Da das Problem nur selten unter Berufung auf strafrechtliche Parameter zu lösen ist, führt dies zu einer Revision des Diskurses über die sexuelle Selbstbestimmung junger Menschen. Die Notwendigkeit ergibt sich vor allem aus der Verlagerung von Teilen der Sexualentwicklung in digitale Medien sowie einem generational disparaten Selbstverständnis »digitaler Intimität«.

Bei in Gruppen verübter sexualisierter Peer-Gewalt mit digitalem Medieneinsatz ist der Kreis der Zeug*innen oft nicht klar zu erfassen. Die Rehabilitation Gewaltbetroffener wird dadurch erschwert. Eine fachliche Rollenunterscheidung nach Täter*in, Verstärker*in, Verteidiger*in, Opfer, Opfer-Zeugin/Zeuge usw. ist in Einzelfällen kaum möglich. Dabei scheinen die Motive junger Menschen, etwa demütigende Missbrauchsabbildungen weiterzuleiten, derart diffus – je nach Perspektivübernahme reichen sie von Über sprungshandlungen, »Spaß« oder Rache über eine Reinszenierung hegemonialer Geschlechterstereotype bis zum Erleben von Wirkmacht –, dass jenseits des unmittelbaren Opferschutzes gruppenbezogene systemische Prinzipien der Krisenintervention und Sekundärprävention schwer zu priorisieren sind. Interventionsstrategien gegen sexualisierte Gewalt mit digitalem Medieneinsatz sind aktuell offenbar Strategien gegen Gewalt ohne Medieneinsatz entlehnt. Besonders bezüglich des potenzierten Kontrollverlusts bei Aufzeichnung und Verbreitung von Missbrauchsabbildungen werden bislang keine systematischen Strategien erkennbar. Die größte gemeinsame Schnittmenge bildet sich um Handlungsformen, die Prinzipien rational-emotiver verhaltenstherapeutischer Ansätze erkennen lassen. Konkret wird vor allem mit den Bewertungen der gewaltbetroffenen Personen gearbeitet und mittels Reframing von Gewalthandlungen oder der Frage nach dem Zweck, zu dem Missbrauchsabbildungen hergestellt wurden, negativer Attributierung entgegenzuwirken versucht.

Literatur

Breuer, F. (2010): Reflexive Grounded Theory. Eine Einführung in die Forschungspraxis. Wiesbaden: VS Verlag

Dekker, A./Koops, T./Briken, P. (2016): Sexualisierte Grenzverletzungen und Gewalt mittels digitaler Medien; docs.dpaq.de/11763-2a_expertise_sexuelle_gewalt_an_kindern_mittels_digitaler_medien.pdf (Zugriff 21.5.2019)

Feierabend, S./Plankenhorn, T./Rathgeb, T. (2016): Kindheit, Internet, Medien: Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13- Jähriger in Deutschland; www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/KIM/2016/KIM_2016_Web-PDF.pdf (Zugriff 1.4.2017)

Feierabend, S./Plankenhorn, T./Rathgeb, T. (2018): Jugend, Information, Medien: Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19- jähriger in Deutschland. URL: www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2016/JIM_Studie_2016.pdf (Zugriff 1.4.2017)

Jonsson, L./Svedin, C.G. (2017): Barn utsatta för sexuella övergrepp på nätet (Children subjected to online sexual abuse). Eigenverlag

Neutze, J./Sklenarova, H. (2018): Sexualisierte Gewalt in den digitalen Medien. Zusammenfassung der neuen, erweiterten Datenanalyse des MiKADO-Projekts, 2011–2014;  beauftragtermissbrauch.de/fileadmin/Content/pdf/Pressemitteilungen/2018/Juni/05/Neuauswertung_MiKADO_Sex_Gewalt_in_digitalen_Medien.pdf (Zugriff 21.2.2019)

Tov, E./Kunz, R./Stäpfli, A. (2016): Schlüsselsituationen der Sozialen Arbeit. Bern: hep Verlag

Vobbe, F./Kärgel, K. (2019): Sexualisierte Gewalt mit digitalem Medieneinsatz. Herausforderungen und Handlungsfelder im fachpädagogischen Umgang. In: KJug 1/2019, S. 48–52

1 Memes sind mit meist ironischen Textpassagen nachbearbeitete Bild- und Videodateien, die von vielen Personen geteilt und damit in hohem Umfang reproduziert und weiterverbreitet werden.
2 Bundesministerium für Bildung und Forschung
3 Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend
4 Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland
5 Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexualisierter Gewalt e.V.

Autoren

Frederic Vobbe
Kontakt:
human.hshd@srh.de

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