Sexuelle Gewalterfahrungen von Schülerinnen und Schülern und sexuelle Gewalt als Thema in der Schule

Zentrale Ergebnisse einer Studie, die das Deutsche Jugendinstitut München (DJI) an 128 Schulen in vier Bundesländern durchgeführt hat.

Im Forschungsschwerpunkt »Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten« des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) wurden 22 Forschungsprojekte gefördert, die sich mit den Ursachen und der Prävention sexueller Gewalt in pädagogischen Institutionen beschäftigten (Bundesministerium für Bildung und Forschung [BMBF] 2016). Die Schule stellt dabei die wohl zentralste Institution dar, weil durch die gesetzliche Schulpflicht alle Kinder und Jugendlichen einen großen Teil ihres Aufwachsens in der Schule verbringen. Die dort verbrachte Zeit wird sich auch durch den anhaltenden Ausbau von Ganz tagsschulen weiterhin erhöhen. Wie die Berichte von Betroffenen Anfang des Jahres 2010 zeigten, kann Kindern und Jugendlichen in der Schule sexuelle Gewalt widerfahren. Allerdings ist Schule auch ein Ort, wo Heranwachsende über das Thema informiert und sensibilisiert werden und Betroffene Hilfe und Unterstützung erhalten können.

Das Projekt »Wissen von Schülerinnen und Schülern über sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten« wurde vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München durchgeführt und war eines der durch das BMBF geförderten Projekte. Zentrale Ziele waren die Erfassung der sexuellen Gewalterfahrungen von Jugendlichen, der Bereitschaft Betroffener, ihre Gewalterfahrung gegenüber anderen Personen offenzulegen, der Reaktionen auf die Offenlegung sowie der schulischen Maßnahmen zur Verhinderung und Aufarbeitung von sexuellen Übergriffen. Dazu wurden im Schuljahr 2015/2016 4334 Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangsstufe sowie deren Schulleitungen aus insgesamt 128 Schulen in den Bundesländern Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen per Fragebogen befragt. Das Vorhaben wurde durch eine Ethikkommission der Ludwig-Maximilians-Universität München begutachtet und es wurden keine ethischen Bedenken geäußert. Außer dem wurde die Befragung in den Schulen durch die Bildungsministerien der teilnehmenden Bundesländer genehmigt. Die Teilnahme war für Schulen, Schülerinnen und Schüler freiwillig. Die Befragung führte das Markt- und Sozialforschungsinstitut SOKO aus Bielefeld durch.

Die Erhebung in den Schulen wurde jeweils durch eine persönlich anwesende Fachkraft gegen sexuelle Gewalt aus insgesamt 18 Fachberatungsstellen begleitet. Diese konnten bei Unterstützungsbedarf oder bei weiterführenden Fragen angesprochen werden. Darüber hinaus wurde jeder teilnehmenden Schule angeboten, dass die anwesenden Fachkräfte im Anschluss an die einstündige Befragung eine Informationsveranstaltung über die Themen der Befragung in den teilnehmenden Klassen durchführen. Dieses Angebot haben 32 % der Schulen in Anspruch genommen.

Über die Hälfte der Schülerinnen und Schüler hat von sexuellen Gewalterfahrungen in den letzten drei Jahren berichtet; meistens handelte es sich dabei um verbale Belästigungen und eher selten um Übergriffe mit Körper kontakt.

Mit 59 % hat mehr als die Hälfte der Jugendlichen (66 % der Mädchen und 52 % der Jungen) von mindestens einer der abgefragten sieben Situationen sexueller Gewalt innerhalb der letzten drei Jahre berichtet. Abgefragt wurden drei Situationen verbaler Belästigung (z.B. das Erzählen von Witzen über den Körper), zwei Situationen ohne Körperkontakt (z.B. die Konfrontation mit Pornografie) sowie zwei Situationen mit Körperkontakt (z.B. ungewollte Berührungen an den Geschlechtsteilen oder Zwang zu sexuellen Handlungen). Der genaue Wortlaut der abgefragten Situationen findet sich im Kurzbericht zu zentralen Ergebnissen (Hofherr 2017). Die Häufigkeiten der berichteten Über griffe sind in Abbildung 1 dargestellt.

Abb. 1 Sexuelle Gewalterfahrungen innerhalb der letzten drei Jahre in Prozent

Am häufigsten haben die Jugendlichen von »Witzen über den Körper« sowie »Gerüchte verbreiten« berichtet. Mädchen haben häufiger von jeder Situation berichtet als Jungen.

Täterkreise und Orte der sexuellen Übergriffe mit Körperkontakt

Im Anschluss sollten Detailinformationen (Täter bzw. Täterin, Tatorte etc.) gegeben werden. Im Folgenden sollen die An gaben über sexuelle Übergriffe mit Körperkontakt (»Bedrängen« sowie »Zwang zu sexuellen Handlungen«) – welche die vermutlich schwerwiegendsten abgefragten Übergriffe darstellen – detaillierter betrachtet werden: 16 % der Mäd chen und 5 % der Jungen haben von mindes tens einem Übergriff mit Körperkontakt berichtet. Unter schiede fanden sich auch bei den besuchten Schularten: Während 8 % der Schülerinnen und Schüler an Gymnasien betroffen waren, traf dies auf 10 % an Real-, 12 % an Gesamt- und 15 % an Hauptschulen zu. Nur geringe Unterschiede fanden sich zwischen Jugendlichen mit (12 %) und ohne (10 %) Migrationshintergrund. Die Befragten gaben an, dass diese Übergriffe größtenteils durch Mitschülerinnen und Mitschüler oder sonstige Jugendliche begangen worden waren. Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern fanden sich jedoch bei den genannten Tätern bzw. Täterin nen sowie den Orten der Übergriffe: Während Mädchen größtenteils von männlichen Tätern und Übergriffen an außerschulischen Orten (z.B. in einer Wohnung) berichteten, gaben Jungen ähnlich häufig männliche wie weibliche Täter und Täterinnen sowie Übergriffe innerhalb (z.B. auf dem Schulhof) und außerhalb der Schule an.

Abb. 2 Ansprechpersonen der Jugendlichen bei der Offenlegung von sexuellen Gewalterfahrungen mit Körperkontakt

Nur geringe Unterschiede im Ausmaß sexueller Gewalt, die in Schule geschehen ist, zwischen den Schulen In weiterführenden Analysen zeigten Hofherr und Kindler (2018), dass sich das Ausmaß der Übergriffe, die in der Schule geschehen sind, nur geringfügig zwischen den Schulen unterscheidet. Dabei handelte es sich meist um Situationen verbaler Belästigung. Jugendliche berichteten dabei häufiger von schulischen Übergriffen, wenn die Beziehungen der Schülerschaft durch häufigen Streit und Aggression geprägt waren. Ein unerwartetes Ergebnis war, dass andere Schulmerkmale, wie etwa die Schulart, dagegen keine Rolle spielten.

Offenlegung von sexuellen Übergriffen mit Körperkontakt Der Großteil der Jugendlichen hat anderen Personen von den erlebten Situationen berichtet. Die Häufigkeiten, mit denen bestimmten Personen berichtet wurde, zeigt Abbildung 2. Die Jugendlichen haben am häufigsten Mitschülerinnen und Mitschülern oder sonstigen Jugendlichen, seltener Familienangehörigen oder sonstigen Erwachsenen, von ihren Erfahrungen erzählt. Mädchen haben häufiger als Jungen mit den verschiedenen Personen gesprochen; eine Ausnahme bilden allerdings Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schule, mit denen Jungen und Mädchen etwa gleich häufig (bzw. selten) gesprochen haben.

 

Abb. 3 Reaktionen auf die Offenlegung von sexuellen Gewalterfahrungen mit Körperkontakt

Große Unterschiede in der Bereitschaft, sexuelle Gewalterfahrungen dem Schulpersonal mitzuteilen, zwischen Schulen

Hofherr und Kindler (2018) zeigten weiterhin, dass sich die Bereitschaft Betroffener, sexuelle Gewalterfahrungen mit Körperkontakt gegenüber dem Schulpersonal offenzulegen, zwischen den Schulen stark unterscheidet. Es konnte ein positiver Zusammenhang zwischen Fortbildungsmaßnahmen der Schule und der Bereitschaft zur Offenlegung gefunden werden: Betroffene haben ihre Gewalterfahrungen eher dem Schulpersonal an Schulen mitgeteilt, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umfassender über das Thema sexuelle Gewalt sensibilisieren und fortbilden. Unter den Schülerinnen und Schülern haben sich Jugendliche mit Migrationshintergrund seltener, ältere Jugendliche dagegen häufiger dem Schulpersonal mitgeteilt. Andere Merkmale wie das Geschlecht (s.a. Abb. 2), die besuchte Schulart oder der Berufsstatus der Eltern spielten dagegen keine Rolle. Die Befragten sollten außerdem angeben, wie die Personen reagiert haben, denen sie von ihren Erlebnissen berichtet haben. Die Ergebnisse sind in Abbildung 3 dargestellt. Ein erfreulicher Befund ist, dass den Jugendlichen offenbar in der Mehrheit der Fälle (73 %) geglaubt wurde und sie häufig (41 %) jemand getröstet hat. Allerdings berichten 4% der Befragten, dass ihnen gedroht wurde, nichts zu erzählen, und 7 % wurden sogar Vorwürfe gemacht. Beschwichtigungsversuche waren eine vergleichsweise häufige Reaktion (11 %) auf die Offenlegung (»Das ist nichts Schlimmes«). Den Mädchen wurde häufiger geraten, sich an das Jugendamt, die Polizei oder eine Beratungsstelle zu wenden, während man den Jungen eher vorschlug, mit dem Schulpersonal darüber zu sprechen. Die genannten Reaktionen unterschieden sich nicht zwischen Jugendlichen verschiedener Schularten und nach Migrationsstatus. Allerdings berichteten ältere Jugendliche häufiger von negativen Reaktionen wie Drohungen, Beschwichtigungsversuchen oder Vorwürfen.

 

Abb. 4 Informationen der Schule über Themen der Sexualpädagogik und sexuelle Gewalt in den letzten drei Jahren

Sexualität und sexuelle Gewalt als Thema in der Schule

Die Jugendlichen wurden gefragt, ob sie in den letzten drei Jahren in der Schule etwas über acht ausgewählte Themen aus den Bereichen Sexualpädagogik und sexuelle Gewalt erfahren haben. Die Ergebnisse sind in Abbildung 4 dargestellt.

Die Schülerinnen und Schüler haben über die genannten Themen überwiegend im regulären Unterricht und eher seltener in besonderen Veranstaltungen in der Schule (z.B. Aktionstage, Präventions-Workshops etc.) erfahren. Im Unterricht werden außerdem überwiegend Themen der Sexualpädagogik (»Partnerschaft und Beziehung«, »Zärtlichkeit und Liebe« sowie »Geschlechtsorgane des Mannes und der Frau«) behandelt. Über sexuelle Gewalt hat etwa ein Drittel im Unterricht und etwa ein Zehntel in besonderen Veranstaltungen erfahren.

In mehreren weiterführenden Analysen konnten keine Zusammenhänge zwischen den schulischen Präventionsmaßnahmen und der Betroffenheit der Schülerinnen und Schüler gefunden werden. Allerdings haben Betroffene häufiger anderen Personen von ihren Gewalterfahrungen berichtet, wenn sie umfassender über das Thema sexuelle Gewalt in der Schule informiert worden waren (Hofherr 2017). Je mehr Jugendliche über diese Themen sensibilisiert wurden, desto eher haben sie auch anderen Jugendlichen geholfen, denen sexuelle Gewalt widerfahren ist (Hofherr/Kindler,2018). Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Behandlung des Themas sexuelle Gewalt in der Schule die Betroffenheit von Jugendlichen zwar nicht verhindern, allerdings deren Bereitschaft verbessern kann, nach eigener Betroffenheit Hilfe zu suchen und anderen Betroffenen Hilfe zu leisten.


Literatur
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, Hrsg.) (2016): Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten. Forschung zu Prävention und Schutzkonzepten. Berlin

Hofherr, Stefan (2017): Wissen von Schülerinnen und Schülern über sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten. Kurzbericht über zentrale Ergebnisse. Deutsches Jugendinstitut e.V. (DJI). München

Hofherr, Stefan/Kindler, Heinz (2018): Wie Jugendliche auf miterlebte Situationen sexueller Gewalt reagieren. Bystander-Verhalten als möglicher Ansatzpunkt für Prävention. In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation. 38 Jg., H. 2, S. 171–190

Hofherr, Stefan/Kindler, Heinz (2018): Sexuelle Übergriffe in Schulen aus der Sicht von Schülerinnen und Schülern. Zusammenhänge zum Erleben von Schule und der Bereitschaft zur Hilfesuche. In: Andresen, Sabine/Tippelt, Rudolf (Hrsg.): Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend. Theoretische, empirische und konzeptionelle Erkenntnisse und Herausforderungen erziehungswissenschaftlicher Forschung. Zeitschrift für Pädagogik 64 (64). Berlin, S. 95–110

 

Autoren

Stefan Hofherr
Stefan Hofherr ist Diplom-Soziologe und seit 2014 wissenschaftlicher Referentam Deutschen Jugendinstitut (DJI) inMünchen. Seine Arbeitsschwerpunkte sindBildung, sexuelle Gewalt und Migration.

Kontakt:
hofherr@dji.de


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