Die BKSF stellt sich vor

Neue Bundeskoordinierungsstelle vertritt spezialisierte Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend

Im November 2016 hat die Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend (BKSF) dank einer Förderung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ihre Arbeit aufgenommen. Seitdem agiert sie bundesweit als politische und fachliche Interessenvertretung sowie als Service- und Vernetzungsstelle für Fachberatungsstellen, die auf das Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend spezialisiert sind oder sich spezialisieren wollen. Zugleich steht die BKSF allen offen, die Informationen zum Thema benötigen oder Fragen haben.


Dabei sind die Hauptziele, die Finanzierungssituation der bestehenden Fachberatungsstellen zu verbessern und eine flächendeckende und bedarfsgerechte Versorgung von Betroffenen zu erreichen. Neben der fachlichen und politischen Lobbyarbeit leistet die BKSF Öffentlichkeitsarbeit zum Thema, fördert die überregionale Vernetzung und versorgt die Fachberatungsstellen mit Materialien, Arbeitshilfen und Informationen.

In einem zweijährigen Konzeptionsprozess wurde die besondere Struktur der BKSF von verschiedenen Fachpraktiker*innen gemeinsam erarbeitet. So ist sie als Kooperationsprojekt der Fachverbände BAG FORSA e.V., bff: Bundesfachverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe e.V. und DGfPI e.V. angelegt. Ein Fachstellenrat aus sieben gewählten Praxisvertreter*innen gestaltet und begleitet die inhaltliche Arbeit maßgeblich mit. In regelmäßigen Fachstellenvollversammlungen können alle spezialisierten Beratungsstellen ihre Themen und Bedarfe einbringen und den Fachstellenrat neu wählen. Dadurch wird die Arbeit der BKSF-Geschäftsstelle kontinuierlich an die Praxis zurückgebunden.

Was spezialisierte Fachberatung ausmacht

Auf der ersten Vollversammlung wurde intensiv diskutiert, was spezialisierte Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend im Kern ausmacht. Demzufolge zeichnen sich spezialisierte Fachberatungsstellen dadurch aus, dass sie einen deutlichen und sichtbaren Schwerpunkt auf das Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend legen, nach einem eigenen Konzept dazu arbeiten und in einem Fachverband organisiert sind. Grundlegend ist auch der parteiliche Beratungsansatz auf Seiten der Betroffenen und die Verortung von sexualisierter Gewalt innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse, etwa zwischen den Geschlechtern und den Generationen. Aktuell läuft eine Abstimmung darüber, ob dieses Verständnis als gemeinsamer Grundkonsens festgehalten werden kann.

Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Beratung von betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie ihren Angehörigen und Vertrauenspersonen. Zudem führen spezialisierte Fachberatungsstellen fallbezogene Beratungen von Fachkräften durch und bieten fallübergreifende Beratungen und Tätigkeiten wie z.B. Vernetzungsarbeit an. Darüber hinaus sind sie auch die größten Anbieterinnen von Fortbildungsangeboten und agieren dementsprechend als »Kompetenzzentren« in ihren Kommunen und Regionen (Kavemann/Rothkegel 2012, S. 25). Fast alle Fachberatungsstellen führen Präventionsangebote durch, wenn auch oft die Ressourcen fehlen, dies systematisch zu tun. Können keine eigenen Angebote durchgeführt werden, kennen Mitarbeitende der Fachberatungsstellen welche in ihrem Umkreis und können qualitativ gute und fundierte Angebote empfehlen und vermitteln. Dabei orientieren sich Fachberatungsstellen an Qualitätsstandards, die etwa über die Fachverbände diskutiert und verabschiedet werden.

Gemeinsame Geschichte

Intervention und Prävention zusammen zu denken hat dabei Tradition. Die ersten Beratungsangebote entstanden aus den Selbsthilfe- und Frauenbewegungen der 1980er-Jahre heraus. Gegen erheblichen Widerstand wurde die gesell schaftliche Enttabuisierung des Themas »sexueller Missbrauch« erstritten und eine Infrastruktur für Betroffene und ihre Umfelder erschaffen. Mit Wildwasser Berlin wurde die erste spezialisierte Fachberatungsstelle gegründet, die 1987 als Bundesmodellprojekt gefördert wurde. Dabei war der Anspruch nicht nur, Betroffene zu unterstützen und zu begleiten, sondern auch, die Gesellschaft zu verändern. Entsprechend rückten auch Präventionsangebote in den Fokus: Mit dem Verlag Donna Vita entstand ebenfalls 1987 die zentrale Bezugs quelle für Bücher und Materialien zu sexualisierter Gewalt, Intervention und Prävention. 1989 wurde mit AMYNA in München das erste Präventionsinstitut gegründet, zwei Jahre später folgte die Gründung von Strohhalm in Berlin. Bereits 1988 schlossen sich verschiede ne Fachleute aus der Praxis, u.a. aus Fachberatungsstellen, im Bundesverein Prävention zusammen.

Interventions- und Präventionsarbeit zu sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend teilen nicht nur eine gemeinsame Geschichte in der damaligen »Graswurzel bewegung«. Sie gehören als Arbeitsbereiche zusammen und sind eng miteinander verknüpft. Folgerichtig gehören auch Präventions fachstellen, die eng mit spezialisierten Fachberatungsstellen kooperieren, klar zur BKSF, nehmen an der Vollversammlung teil und bringen ihre Expertise ein.

Was plant die BKSF?

Die zentrale Problematik für die spezialisierten Fachberatungsstellen sind Finanzierungsfragen. Die Vergütung der Arbeit reicht nicht, es fehlen Personalstellen oder -stunden, oft wird nicht nach Tarif bezahlt. Jährlich neue Beantragungen verursachen große Unsicherheit bei Mitarbeitenden der Beratungsstellen und das Gefühl, mit dieser Arbeit nicht wertgeschätzt zu werden (Kavemann/Nagel/Hertlein 2016, S. 23). Bundesweit gibt es große Versorgungslücken; bestimmte Betroffenengruppen sind eklatant unterversorgt. Oft müssen lange Wege zur nächsten Beratungsstelle zurückgelegt werden oder der Weg führt erst einmal auf die Warteliste. Die Knappheit der Ressourcen ist auch verantwortlich dafür, dass der Bedarf an Präventionsangeboten z.B. zur Schutzkonzeptentwicklung kaum gedeckt werden kann. Entsprechend arbeitet die BKSF vor allem daran, im Gespräch mit politisch Verantwortlichen Verbesserungen zu erreichen und sich in Gesetzgebungsverfahren einzubringen. Aktuell werden bundespolitisch das SGB VIII und die Reform des Opferentschädigungsgesetzes verhandelt. In einer für Herbst 2018 geplanten Öffentlichkeitskampagne sollen die Arbeitu nd die Bedarfe der Fachberatungsstellen stärker in die Politik und die Öffentlichkeit getragen werden.


Literatur
Kavemann, Barbara/Rothkegel, Sibylle (2012): Bestandsaufnahme spezialisierter Beratungsangebote bzw. spezialisierter Beratungsstellen für Menschen, die von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend betroffen sind. Expertise im Auftrag des BMFSFJ, abrufbar unter www.frauengegen-gewalt.de/de/finanzierung-von-hilfe.html

Kavemann, Barbara/Nagel, Bianca/Hertlein, Julia (2016): Fallbezogene Beratung und Beratung von Institutionen zu Schutzkonzepten bei sexuellem Missbrauch. Erhebung von Handlungsbedarf in den Bundesländern und von Bedarf an Weiterentwicklung der Fachberatungsstellen. Expertise im Auftrag des UBSKM, online abrufbar unter beauftragter-missbrauch.de/fileadmin/Content/pdf/Presse_Service/Hintergrundmaterialien/Expertise_Fachberatungsstellen.pdf

Autoren

Lisa Monz
Lisa Monz ist Diplom-Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Referentin mit Schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit in der BKSF-Geschäftsstelle.

 

Kontakt:
BKSF – Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend
Uhlandstraße 165/166
10719 Berlin
monz@bundeskoordinierung.de
www.bundeskoordinierung.de
 

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