Verantwortliche Elternschaft und pränatale Diagnostik1

Der Wandel der elterlichen Verantwortung durch die Pränataldiagnostik Die Pränataldiagnostik (PND) ist in den letzten Jahrzehnten in nahezu allen entwickelten Ländern zu einem Standardverfahren der Schwangerschaftsbegleitung geworden. Dies ist durch die Einführung eines DNA-Tests von fötalen Zellen aus dem mütterlichen Blut noch einmal verschärft worden. Trotz der beträchtlichen Risiken, die für die Schwangerschaft bestehen, scheint die Sorge der Schwangeren um die Gesundheit ihres Kindes dahin zu führen, dass eine Inanspruchnahme pränataler Diagnostik als Teil elterlicher Verantwortung verstanden wird.

Dieser Wandel hat viele Ursachen: Zum einen liegt er in der technischen Machbarkeit begründet, zum anderen in der Angst vor einem behinderten Kind. PND folgt, wenn nicht explizit, dann doch implizit, dem Paradigma der Prävention, das eigentlich in den 1970er-Jahren verabschiedet schien: Nur sind es heute nicht mehr (nur) die Ärzte und Ärztinnen, sondern die Paare selbst, die die Diagnostik einfordern, welche die Medizin ihnen anbietet. In einer Atmosphäre neu definierter elterlicher Verantwortung werden die Fragen, was eigentlich Gesundheit, Behinderung oder Krankheit definiert, was die Diagnose eines sogenannten »auffälligen Befundes« für die Entscheidungen der »werdenden Eltern« bedeutet oder wodurch die Kriterien bestimmt sind, die einen zum Teil späten Abbruch einer Schwangerschaft rechtfertigen, immer stärker in den Hintergrund gerückt. Entgegen allen politischen und rechtlichen Anstrengungen haben sich die sozialen Werte verändert; was noch immer als reproduktive Autonomie diskutiert wird, müsste vielmehr als verändertes Verantwortungskonzept begriffen werden: Zwar geht es in den Entscheidungsfragen des Schwangerschaftskonflikts immer auch um den Respekt vor der Entscheidung der schwangeren Frau, aber bei der PND scheint es gerade keinen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Werten und dem Selbstbestimmungsrecht der Frau zu geben; Medizin und Gesellschaft suggerieren geradezu, dass die Wahrnehmung der PND zum verantwortlichen Handeln in der Schwangerschaft gehört. Die rechtliche Regelung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes, der eine meines Erachtens kluge Interpretation des Rechtskonflikts zwischen der mütterlichen und kindlichen Gesundheit zugrunde liegt, wird durch die Praxis der PND ausgehöhlt. Denn hier geht es nicht um die Gesundheit der Schwangeren, sondern einzig um die Gesundheit des zukünftigen Kindes.2

Da heute vor allem Ärzte/Ärztinnen und nicht Hebammen Frauen in der Schwangerschaft begleiten, tragen sie die größte Verantwortung für die Begleitung der schwangeren Frauen. Paare sind jedoch aufgrund der fehlenden Beratungsstruktur oft auf ihre eigenen Intuitionen und Urteilskompetenzen sowie auf die Überlegungen mit Angehörigen und/oder Freunden zurückgeworfen, um die Entscheidung für oder gegen PND beziehungsweise für oder gegen einen potenziellen Schwangerschaftsabbruch zu treffen. So mag es nicht verwundern, dass sie es als ihre Verantwortung auffassen, die ihnen angebotenen Tests auch anzunehmen.

Probleme der PND

Ich will im Folgenden einige ethische Probleme benennen, die die PND seit ihrer Einführung begleiten und die die Veränderung des Verantwortungskonzepts in der Schwangerschaft beflügelt haben.

Das Problem der Grenzziehung zwischen den Methoden

Die pränatale Gesundheitsvorsorge beginnt normalerweise mit der Sonographie, die heute durch andere nicht-invasive Verfahren wie Bluttests der Mutter u.a.m. ergänzt wird. Das Gendiagnostikgesetz fasst den feineren Ultraschall, der bei Auffälligkeiten eingesetzt wird, aber auch die Analyse fötaler Zellen im mütterlichen Blut, als Verfahren der PND auf. Wenn also zusammenfassend von der PND gesprochen wird, sind sehr verschiedene Verfahren gemeint, die eine unterschiedliche Gewichtung im Hinblick etwa auf die Risiken oder auch die Tiefe des Eingriffs bedeuten. Die Grenze zwischen der Schwangerenvorsorge und der PND ist alles andere als scharf.

Aber auch die Grenzziehung im Hinblick auf die Adressatinnen macht Probleme: Sollten alle Frauen in Form eines »Schwangeren-Screenings« einbezogen werden oder nur sogenannte Risikopatientinnen, bei denen die Familiengeschichte Hinweise auf eine erblich bedingte Krankheit gibt? Wenn heute niemandem die PND verweigert werden kann, dann muss umso mehr die Begleitung in der Schwangerschaft die medizinischen, sozialen und die ethischen Aspekte zusammenführen. Die Etablierung einer Beratungsstruktur ist aber in den letzten Jahrzehnten versäumt worden, sodass sich eine bestimmte Lesart der elterlichen Verantwortung durchsetzen konnte, nämlich die Verhinderung von Kindern mit Behinderungen beziehungsweise Gesundheitsrisiken als ethisch richtiges und entsprechend als verantwortliches Handeln zu verstehen.

Nicht-invasive Tests hatten bisher ein hohes Risiko der Fehldiagnose, während die invasiven Tests (insbesondere die Amniozentese) nach wie vor ein Schädigungs- oder Fehlgeburtsrisiko bergen.3 Mit der Einführung der nicht-invasiven DNA-Bluttests kann nun jedoch eine viel größere Testsicherheit gewährleistet werden. Die derzeitigen Studien geben einen Hinweis darauf, dass Frauen zunächst einen nicht-invasiven DNA-Test machen könnten, der dann womöglich durch einen invasiven Test abgesichert wird. Bisher erfolgt allerdings auch der Bluttest erst nach der 12. Woche, sodass er kaum als ein »Frühtest« bezeichnet werden kann (Chiu et al. 2011). Die Risiken der jeweiligen Tests sind jedoch in ein Verhältnis mit dem Diagnosezweck zu setzen und mit ihm abzuwägen. Die Abwägung kann nur – auf der Grundlage des geltenden Rechts – im gemeinsamen Entscheidungsprozess zwischen Arzt oder Ärztin und Paar erfolgen, nicht aber mit der Begründung reproduktiver Autonomie auf die Frauen beziehungsweise Paare verlagert werden.4

Für das genuin-ethische Problem des Schwangerschaftsabbruchs kommt im Kontext der PND als erschwerendes Problem die (relative späte) Diagnose des Gesundheitszustands eines Föten hinzu. Zwar besteht für die Frauen/Paare auch hier der Konflikt zunächst darin, eine Entscheidung zwischen der antizipierten eigenen Belastungsgrenze beziehungsweise dem eigenen Wohlergehen einerseits und dem Wohlergehen des Kindes andererseits fällen zu sollen. Aber bezüglich der medizinischen Indikation sind sie dabei auf die Kompetenz der Ärzte und Ärztinnen angewiesen, die den Gesundheitszustand des Kindes diagnostizieren und prognostizieren. In den meisten Fällen ist die Beurteilung des Kindeswohls nun aber gerade nicht eindeutig, wie der häufige Befund der Trisomie 21 (Down Syndrom) zeigt. Der ärztliche Konflikt besteht in diesen Fällen darin, dass leicht zwei ihrer berufsethischen Imperative in einen Widerspruch geraten: Sie sind darauf verpflichtet, das gesundheitliche Wohlergehen der schwangeren Frau so weit wie möglich zu gewährleisten, aber sie sind auch an das medizinethische Nichtschädigungs- oder, radikaler, an das Tötungsverbot gebunden. Gemeinhin »lösen« sie diesen Konflikt, indem sie ihn verschieben: Sie begründen ihr Handeln mit dem Hinweis, in erster Linie die elterliche Entscheidungsautonomie respektieren zu müssen. Der elterliche Konflikt, der sich aus der PND ergibt, ist jedoch nicht zu verschieben. Und er ist mit dem sozialen Konflikt zwischen Autonomie und Kindeswohl nur teilweise vergleichbar5, denn für die zukünftigen Eltern geht es in der Wahrnehmung ihrer elterlichen Verantwortung auch darum, für ihr Kind eine Entscheidung fällen zu müssen. Und genau hier setzt der Wandel im Verständnis dessen ein, was verantwortliches Handeln bedeutet: Wenn es für ein Kind nicht zumutbar erscheint, mit einer Behinderung auf die Welt zu kommen, müssen Paare nämlich nicht mehr begründen, warum es gerechtfertigt ist, eine Schwangerschaft abzubrechen, sondern sie müssen begründen, warum sie sie »trotz« diagnostizierter Behinderung fortsetzen wollen.6 Hinter diesen beiden Ebenen der ärztlichen und der elterlichen Urteile stehen jedoch die sozialen Urteile, die sich in der sozialen Praxis niederschlagen.

Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass die Akzeptanz der PND mit einem Rückgang der Akzeptanz von Kindern mit pränatal feststellbaren Behinderungen einhergeht – dies nenne ich den selektiven Effekt.7 Gemeint ist, dass Paare und schwangere Frauen die mangelnde soziale Akzeptanz behinderter Kinder als eine Art normative Kraft des Faktischen internalisiert haben und dass sie sich die Werturteile, die längst in eine soziale Handlungsnorm übersetzt scheinen, in ihrer Entscheidung zu eigen machen. Indem die Gesellschaften die pränatale Tötung behinderter Kinder teils ignorieren und tabuisieren, teils aber auch propagieren, stellt ein auffälliger Befund der PND Paare nicht nur biografisch, sondern auch im Hinblick auf ihre soziale Anerkennung vor große Probleme. Dass dabei eher normenkonform als normenabweichend gehandelt wird, kann nicht überraschen – eher grenzt es an moralischen Heroismus, wenn Paare sich gegen die medizinischen und gesellschaftlichen Interpretationen stellen, ihrem Kind müsse durch den Abbruch der Schwangerschaft ein (zukünftiges) Leiden erspart werden. Die moralische Verantwortung hat sich wie gesagt umgekehrt, so dass diejenigen Paare, die eine Schwangerschaft wegen drohender Behinderung des Kindes abbrechen, sich einer stillschweigenden gesellschaftlichen Zustimmung sicher sein dürfen. Diese Umkehrung in der Bewertung der Verantwortung ist ethisch meines Erachtens nicht zu rechtfertigen, aber sie macht den gesellschaftlichen Klärungsbedarf über die ethischen Grundlagen der elterlichen Verantwortung unter den Bedingungen der PND nur umso deutlicher.

Die ethische Situierung der PND

Aktive Vorsorge und Raum für Passivität in der Schwangerschaft

Die Schwangerschaftsbegleitung ist – wie die meisten medizinischen Kontexte – von der Entwicklung der medizinischen Techniken nicht unabhängig. Da Schwangerschaften aber gerade nicht nur unter dem medizinischen, sondern ebenso sehr unter psychologischen, identitätstheoretischen und familientheoretischen Aspekten relevant sind, ist die einseitige Betonung der medizinischen Versorgung heute zu hinterfragen. Neben der medizinischen Grundversorgung ist eine Schwangerschaft eine Zeit, in der etwas »ohne Zutun« geschieht, und diese Passivität ist bei aller aktiven Gestaltung anzuerkennen, weil sie unüberwindbar ist. Nicht nur müssen (und dürfen) alle Außenstehenden akzeptieren, dass sie keine Rolle für das Wachstum eines ungeborenen Kindes spielen, auch die Schwangeren selbst sind diesem Geschehen zu einem Gutteil ausgeliefert. Die medizinische Kontrolle ist nur ein kleiner Bereich der häufig für die Frauen überwältigenden Erfahrung, insbesondere dann, wenn Frauen spät und wenige Kinder bekommen. Entsprechend sind die pränataldiagnostischen Methoden in die gesamte Schwangerschaftsbegleitung zu integrieren – und dergestalt zu relativieren, dass die vielfältigen Erfahrungsdimensionen einen angemessenen Stellenwert behalten oder wiedergewinnen können. Um dies zu gewährleisten, ist eine engere Zusammenarbeit zwischen Frauenärzten/-ärztinnen und Hebammen durchaus angebracht.

Soziale Rahmenbedingungen

Mindestens genauso viel Aufmerksamkeit wie die medizinische Kontrolle verdienen die sozialen Rahmenbedingungen. Ein tragfähiger sozialer Beziehungsrahmen, der Elternschaft ermöglicht, angemessener und bezahlbarer Wohnraum, die finanzielle Absicherung, die Betreuungsmöglichkeit bzw. Möglichkeit der Fortsetzung der Berufstätigkeit, wenn dies gewünscht wird – diese zum Teil sehr konkreten sozialen Bedingungen gehören zum Kontext jeder Schwangerschaft, und sie sind auch in der Schwangerschaftsbegleitung ernst zu nehmen. Angst ist ein wesentlicher Faktor der PND, und sie ist nicht vorschnell medizinisch zu deuten, wenn im Hintergrund etwa sozialpsychologische Zerrbilder von Menschen mit Behinderung stehen, zugleich aber auch gesellschaftlich nicht genügend Bereitschaft zur Solidarität besteht.8

Familiengeschichten und individuelle Biografien

Sicher spielt die individuelle Familiengeschichte sowie das Alter der Frauen beziehungsweise Männer eine Rolle bei der Entscheidung zur PND. Je nach Familiengeschichte können die Paare über einen großen Erfahrungshintergrund verfügen, sodass ihre Entscheidungsgrundlage angemessen ist. Aber da der Sinngehalt von Elternschaft heute neu ausbuchstabiert werden muss, kann es durchaus auch sein, dass die Erwartung an ein zukünftiges Kind unvereinbar mit der allgemeinen Unwägbarkeit ist, die mit Elternschaft nun einmal notwendig einhergeht.

Die zumindest partielle Einbeziehung der Familien- beziehungsweise Lebensgeschichte ist für die Begleitung einer Schwangerschaft notwendig – sie ist aus der traditionellen Schwangerschaftsbetreuung zu übernehmen, welche die soziale und individuelle Kontextualisierung durch die gängigen Hausbesuche leichter vornehmen konnte als die medikalisierte Betreuung.

Die Gen-ethische Beratung

Das Gendiagnostikgesetz beschreibt den normativen Wertungsrahmen für den deutschen Rechtsraum so: Getestet werden dürfen genetische Merkmale, die mit einer Medikamentengabe in Konflikt geraten könnten, oder Merkmale, die einen medizinischen Zweck erfüllen und so als medizinische Prävention betrachtet werden können.9

Es verpflichtet zudem vor jeder gendiagnostischen Untersuchung zu einer genetischen Beratung auf der Grundlage einer fachlichen Qualifikation. Da nun auch nicht-invasive Tests unter das Gendiagnostikgesetz fallen, wird der eklatante Mangel an genetischer Beratung zur Achillesferse der Implementierung des Gesetzes.

Worin liegt aber der Sinn der PND, wenn es nicht darum geht, die Geburt von Kindern mit Behinderungen per Schwangerschaftsabbruch zu vermeiden? Nun, die Bestätigung einer Auffälligkeit, die zum Beispiel per Ultraschall auftritt, kann die Wahl des Geburtsorts beeinflussen, zu Vorbereitungen durch das Geburtsteam führen sowie dabei helfen, dass die therapeutischen Maßnahmen vorbereitet werden können. Das heißt: Die Beratung zu PND setzt gar nicht erst beim Konflikt um die Beendigung einer Schwangerschaft ein. Vielmehr bedarf bereits die Diagnostik selbst einer genauen Güterabwägung, und zwar im Hinblick auf den diagnostischen, therapeutischen und vorsorgenden Nutzen, im Hinblick auf die Herbeiführung eines extremen ethischen Entscheidungskonflikts sowie im Hinblick auf das Risiko einer Fehlgeburt oder einer anderen Schädigung des Kindes.

Die Begleitung und Beratung müsste eben dies leisten: den Handlungsspielraum unter den gegebenen Bedingungen, die unter anderem ja auch die unsichere Prognose des tatsächlichen Gesundheitszustands einschließen, zusammen mit den Paaren auszuloten, anstatt die Beratung beziehungsweise Begleitung auf die Entscheidung für oder wider den Abbruch einer Schwangerschaft zu verengen.

Dass der Beratung eine Schlüsselposition im Umgang mit PND zukommt, liegt daran, dass im Zuge der Veränderung der Arzt-Patienten-Beziehung in den letzten Jahrzehnten die Entscheidung über medizinische Interventionen während der Schwangerschaft mehr und mehr auf die schwangere Frau beziehungsweise die »werdenden Eltern« verlagert worden ist. Wenn jedoch die PND zum Standard der Schwangerenvorsorge geworden ist, dann erscheint sie, wie ich oben gesagt habe, als Norm, der die einzelne Schwangere sich nur schwer entziehen kann. Die (soziale) Norm der PND kehrt die Rechtfertigungsstruktur um, sodass diejenigen, die sich der Diagnostik verweigern, ihr Handeln als »abweichend« betrachten müssen. Da aber die soziale Norm keineswegs mit der rechtlichen Norm übereinstimmt, ist die Folge eine große Spannung zwischen beiden: Paare, die sich sozial normenkonform verhalten, geraten leicht in Konflikt mit der Rechtsnorm, während sich diejenigen, die sich sozial normabweichend verhalten, im Einklang mit der rechtlichen Norm betrachten können. Diese Spannung muss Gegenstand einer gen-ethischen Beratung sein.

Ich habe andernorts ausführlich die verschiedenen Schritte einer gen-ethischen Beratung beschrieben. Als Stufenmodell schließt es, auf einen kurzen Nenner gebracht, folgende Dimensionen ein: a) die Information und Aufklärung; b) die biografische und strebensethische Erörterung der Wertüberzeugungen, mit der eine Frau beziehungsweise ein Paar einer Schwangerschaft begegnet; c) die Explikation der Spannungen zwischen den sozialen, rechtlichen Normen und die Erörterung der sollensethischen Ansprüche, einschließlich des Umgangs mit einem Schwangerschaftsabbruch; d) die Erörterung der Integrationsmöglichkeit der vorausgegangenen Aspekte im Sinne der Konsistenz und Kohärenz im Hinblick auf die eigene Lebenssituation.10

Mit der Einführung der »Ethik« in die Beratung ist keineswegs eine Rückkehr zu einem »paternalistischen« Beratungsmodell oder gar zur paternalistischen Beziehung zwischen Arzt/Ärztin und Patientin gemeint – die Voraussetzung der Autonomie als Entscheidungsrecht der Frau beziehungsweise des Paares wird nicht angetastet. Das genethische Beratungsmodell geht vielmehr davon aus, dass Wertneutralität in Bezug auf die PND aus ethischen Gründen nicht möglich ist und dass daher die jeweiligen Annahmen beziehungsweise auch die professionellen Werte und Normen offengelegt werden müssen. Die ethische Beratung will Paaren keine Lösung vorschreiben, sondern sie will Paare in ihrem moralischen Konflikt so begleiten, dass sie eine reflektierte Entscheidung treffen können, die sie, begleitet von Beraterinnen und Beratern, möglichst nicht allein, sondern gemeinsam mit ihrem Arzt/ihrer Ärztin entfaltet haben und zu der sie dann auch stehen können. Diese Form der Begleitung spielt in den Kurzfortbildungen für Ärzte und Ärztinnen nach meinem Wissen überhaupt keine Rolle.

Es wäre zu wünschen, dass dem eklatanten Missstand, der heute offenkundig wird, nicht mit übergroßer Pragmatik begegnet wird, um dem Gesetz mehr schlecht als recht Genüge zu tun, sondern mit einer gemeinsamen Offensive von Bundesärztekammer, Gesellschaft für Humangenetik und den psychosozialen Beratungsstellen. Der Medizinethik jedoch kommt die Aufgabe zu, die verschiedenen Institutionen und Berufsgruppen daran zu erinnern, dass die PND in jedem Einzelfall so viele und so komplexe ethische Probleme aufwirft, dass die gen-ethische Beratung notwendiger Bestandteil der Begleitung wie auch der Aus- und Fortbildung sein muss. Es bleibt abzuwarten, ob der politische Wille aller drei Berufsgruppen (Ärzteschaft, Humangenetik und psychosoziale Beratung) für eine Regelung im Sinne der betroffenen Paare vorhanden ist.

Aber selbst wenn all dies geleistet würde, bliebe dennoch die entscheidende Frage unbeantwortet: Wir brauchen eine gesellschaftliche Neu-Verständigung über das, was wir mit einer »verantwortlichen Elternschaft« unter den Bedingungen der PND überhaupt meinen. Dies ist nicht allein eine individualethische Frage für zukünftige Eltern und auch keine, die Ärzte/Ärztinnen oder Wissenschaftler/Wissenschaftlerinnen beantworten können, sondern es ist eine sozialethische Frage, an der sich in einem wichtigen Bereich des sozialen Handelns das moralische Selbstverständnis unserer Gesellschaft entscheidet. Indem wir ihr ausweichen, begeben wir uns der gesellschaftlichen Verantwortung, alle Kinder in unserer Gesellschaft willkommen zu heißen und ihnen und ihren Eltern die Teilhabe und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Diese Pflicht, die die Grundlage unserer Rechtsordnung ist, welche die Gleichheit aller, also auch aller Kinder, garantiert, ist – aus Perspektive der zukünftigen Kinder gesehen – ihr fundamentalstes Recht, weil es verhindert, dass wir es Eltern überlassen oder aufbürden, das Lebensrecht ihrer Kinder infrage zu stellen.

Fußnoten

1 Der Beitrag stellt eine stark veränderte und aktualisierte Fassung eines früheren Artikels dar: Haker 2008.

2 Damit soll nicht gesagt werden, dass es nicht durchaus ethisch zu rechtfertigende Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch gibt. Aber die allgemeinen ethischen Beurteilungsaspekte können, so meine ich, nicht unmittelbar auf die PND übertragen werden, weil diese nach der deutschen rechtlichen Regelung nicht mit dem Ziel eines Schwangerschaftsabbruchs vorgenommen wird, sondern mit dem Ziel, die Gesundheit eines Föten zu gewährleisten (s.u. zum Gendiagnostikgesetz). Viele Frauen bzw. Paare wissen nicht, ob sie sich im Falle eines auffälligen Befundes gegen die Fortführung der Schwangerschaft entscheiden werden. Zur Auseinandersetzung mit der Perspektive von Paaren und der Verantwortung von (werdenden) Eltern vgl. Haker 2011 sowie umfassender Haker 2002.

3 Vgl. z.B. die große Studie von Eddleman et al. (2006)

4 »Reproduktive Autonomie« meint in ethischer Hinsicht sowieso nur, dass keine Handlungen gegen den Willen der schwangeren Frau bzw. des Paares durchgeführt werden dürfen. Insofern ist auch im Modell der gemeinsamen bzw. geteilten Entscheidung selbstverständlich die letzte Entscheidung beim Paar. Gegen diese Form der Autonomie richte ich mich explizit nicht.

5 Zwar kann es durchaus zu Überlappungen zwischen sozialen und medizinischen Motiven für einen Schwangerschaftsabbruch kommen; in diesen Fällen ist die Beurteilung der eigenen Überforderung der ausschlaggebende Grund für einen Schwangerschaftsabbruch. Diese Begründung ist aber an die rechtliche 12-Wochen-Frist des Schwangerschaftskonfliktgesetzes gebunden.

6 Auch wenn diese Interpretation des Schwangerschaftskonflikts nicht dem Gesetz entspricht, ist es dieser ethische Konflikt, den Paare austragen. Vgl. die Analyse von Erfahrungsberichten in Haker 2011.

7 In der genannten Studie von Chiu zur DNA-Analyse über das mütterliche Blut geht es um die Identifikation von Trisomie 21. Indem diese Studie als »Durchbruch« gefeiert wird, wird zugleich suggeriert, dass die pränatale Identifikation von Trisomie 21 positiv bewertet wird. Da aber bekanntlich die Diagnose Down Syndrom in den allermeisten Fällen zu einem Abbruch führt, kommt man nicht umhin, der PND einen selektiven Effekt zu unterstellen. Wichtiger als der Begriff ist aber der mit ihm angezeigte Wertewandel in Bezug auf die Bewertung elterlicher Verantwortung.

8 Vgl. dazu: Flatters 2009

9 Gendiagnostikgesetz § 15: Vorgeburtliche genetische Untersuchungen. Im Gesetz ist mit der Prävention selbstverständlich nicht die Verhinderung der Geburt von Kindern mit Behinderungen gemeint.

10 Zur genauen Erörterung vgl. Haker 2002, Kapitel 5

Literatur

Chiu, R. W. K. et al. (2011): Non-invasive prenatal assessment of trisomy 21 by multiplexed plasma DNA sequencing: large scale validity study. In: BMJ 342 (2011), doi 10.1135/bmj.c7401

Eddleman, K. et al. (2006): Pregnancy Loss Rates After Midtrimester Amniocentesis. In: Obstetrics &Gynecology 108, 5, 2006, 1067–1072 Flatters, J. (2009): Anders als man denkt. Leben mit einem behinderten Kind. Gütersloh

Haker, H. (2002): Ethik der genetischen Frühdiagnostik. Sozialethische Reflexionen am menschlichen Lebensbeginn. Paderborn

Haker, H. (2008): Ethische Dimensionen in der Pränataldiagnostik. In: Hürlimann, D. C./Baumann-Hölzle, R./Müller, H. (Hrsg.): Der Beratungsprozess in der Pränatalen Diagnostik (Interdisziplinärer Dialog – Ethik im Gesundheitswesen). Bd. 8. Berlin et al., S. 43–56

Haker, H. (2011): Hauptsache gesund? Ethische Fragen der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik. München

Autoren

Dr.  Hille Haker

Dr. Hille Haker ist Richard McCormick Chair of Christian Ethics an der Loyola University Chicago und Professorin für Moraltheologie und Sozialethik an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie ist Mitglied der Europäischen Beratergruppe »European Group on Ethics in Science and New Technologies«. Im Schwerpunkte befasst sie sich mit ethischen Grundlagenfragen, vor allem der Verantwortung und moralischen Identität, biomedizinischer Ethik, Ethik und Ästhetik (hier besonders: Literatur), Geschlechterforschung und Ethik.

 

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