»Die PND wird auch weiterhin für mich eines der schwierigsten Kapitel unseres Fachgebietes sein.« Pränataldiagnostik in der frauenärztlichen Praxis

Vor fünf Jahren habe ich einen Artikel für das BZgA-Forum geschrieben unter der Überschrift »Veränderungen in der gynäkologischen Praxis durch Pränataldiagnostik«, der in vieler Hinsicht immer noch aktuell ist: Unverändert gibt es das Problem der sehr frühen komplexen Beratung, die inhaltlich die Schwangere überfordern und sie oft eher ratlos machen kann. Es gibt den Druck auf die Frauenärztinnen und -ärzte, alles zu sehen und zu sagen, um später juristisch nicht belangt zu werden; und natürlich hat sich das prinzipiell mit PND verbundene ethische Dilemma nicht geändert: »Pränataldiagnostik (PND) hat aus der Zeit des geduldigen Wartens eine Zeit der aktiven Einflussnahme und Entscheidungen gemacht. Aus dem schicksalhaften Annehmen des Kindes, so wie es ist, wurde das Angebot, mithilfe von PND Einfluss zu nehmen und sogar ein Kind abzulehnen, wenn schon vor der Geburt schwerste Schäden erkenntlich sind.« (Schumann 2007)

Andererseits ist in den letzten Jahren einiges geschehen: Die Aussagekraft der nicht-invasiven PND (Ultraschall, Ersttrimesterscreening) hat sich deutlich gesteigert, es wurden Gesetze auf den Weg gebracht um die Beratung im Rahmen von vorgeburtlichen Untersuchungen zu verbessern, und das Thema PND wurde öffentlich breit erörtert im Rahmen der Diskussion um die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID). Hat all das Konsequenzen gezeitigt für den Umgang mit PND im »Alltag«?

Im folgenden Beitrag möchte ich der Frage nachgehen, wie Frauenärztinnen und -ärzte in der Primärversorgung aktuell die mit PND verbundenen Aufgaben bewältigen und wie sich aus ihrer Perspektive der Umgang von Schwangeren beziehungsweise werdenden Eltern mit PND darstellt. Dazu werde ich Erfahrungen aus meiner psychosomatischgynäkologischen Praxis darstellen, gezielt erweitert um Informationen und Zitate von anderen Frauenärzten und -ärztinnen.1

Bei der Darstellung der unterschiedlichen Problemfelder werden eher Hinweise und subjektive Beobachtungen mitgeteilt als eindeutige Aussagen gemacht. Aber genau die damit verbundenen offenen Fragen halte ich für wichtig. Denn die frauenärztliche Praxis ist weiterhin der Ort, an dem viele Schwangere zum ersten Mal mit dem Thema PND konfrontiert sind, und wo wichtige Weichen für die Inanspruchnahme oder den Verzicht auf PND gestellt werden: Laut der großen BZgA-Studie hat sich ein Viertel der Schwangeren für PND entschieden, »weil meine Ärztin/mein Arzt es so wollte«! (Renner 2007)

Hauptsache es ist gesund:
Alltag in der gynäkologischen Praxis

Frauen, die eine Schwangerschaft vermuten, kommen immer früher in die frauenärztliche Praxis, oft schon wenige Tage nach Ausbleiben der Regelblutung. Dann geht es zunächst um Bestätigung und um Beratung, was sie beachten sollten und was auf sie zukommt. Kaum sind sie »guter Hoffnung« und sind die ersten Fragen geklärt, werden sie konfrontiert mit der »Risikoberatung«. Denn spätestens in der 8. bis 10. Woche, möglichst vor dem ersten Ultraschall, müssen sie sich überlegen, was sie von ihrem Kind wissen wollen. Und bis zur 11. Woche müssen sie sich entschieden haben, ob sie ein Ersttrimesterscreening (ETS)2 wollen.

Die Erwartungen an die Möglichkeiten der ärztlichen Betreuung, oft gespeist aus dem Internet, sind hoch: »Mit dem Ultraschall kann man doch eigentlich alles sehen.«

Einfach ist die Beratung, wenn eine Frau klar sagt: »Wegmachen würde ich es sowieso nicht« – dann kann man sie darin bestärken, dass sie kein ETS braucht. Schwierig ist es mit dem – sehr häufig geäußerten! – lapidaren Wunsch:
»Hauptsache es ist gesund«. ETS wird meist eher als »Versicherung« für ein gesundes Kind verstanden denn als Einstieg in die PND, das heißt Suche nach Abweichungen. In früheren Untersuchungen wurde oft das unbemerkte
»Hineinrutschen« in die Diagnostik durch den Tripletest beschrieben, das heißt durch eine Blutuntersuchung, die oft nicht weiter erklärt wurde. Da der Tripletest inzwischen weitgehend durch das ETS abgelöst wurde, das selbst bezahlt werden muss, macht diese Schwelle oft klarer als viele Worte: Das ist etwas Besonderes, außerhalb der Routine.

Diskrepanz zwischen Mühe und Ergebnis der Beratung

Alle von mir befragten Frauenärztinnen und -ärzte erleben die PND-Beratung als sehr anspruchsvoll, die meisten investieren relativ viel Zeit dafür (20 bis 30 Minuten). Die Mehrzahl der schwangeren Frauen hat sich mit dem Thema vorab nicht beschäftigt. Es besteht der Anspruch, alle Schwangeren zu beraten, egal wie alt sie sind und wie hoch ihr Risiko eingeschätzt wird. Das wird in den geltenden Mutterschaftsrichtlinien nicht explizit so verlangt, sondern fußt eher auf juristischen Gründen, die wir alle bedrohlich im Hinterkopf haben: »Durch Inanspruchnahme bzw. Übernahme der Betreuung einer Frühschwangerschaft wird zwischen der Schwangeren und dem Arzt ein Behandlungsvertrag begründet. Dieser bezieht neben der Betreuung der Mutter die des Ungeborenen ein. Im Rahmen dieses Behandlungsvertrages ist der Arzt verpflichtet, auf die Möglichkeiten hinzuweisen, Schäden der Leibesfrucht zu diagnostizieren. Unterläßt der Arzt diesen Hinweis oder eine medizinisch begründete Diagnosemaßnahme, in die die Schwangere eingewilligt hat, so verletzt er den Behandlungsvertrag und ist gegebenenfalls schadenersatzpflichtig« (Richtlinie der Bundesärztekammer zu PND).3

In meiner Umfrage habe ich die Kolleginnen und Kollegen gebeten, ihre Beanspruchung durch die PND-Beratung selbst einzuschätzen. Auf einer Skala von 1 (sehr einfach/unkompliziert) bis 6 (sehr schwierig) lag der Mittelwert der 37 Antworten immerhin bei 4, einige gaben aber auch 5 oder 6 an, einige eine »Varianz von 1 bis 6 – je nach Fall«. Eine einzige Kollegin sagte zur PND-Beratung, sie sei zwar »schwierig«, sie mache sie aber »sehr gerne«. Es überwog der Tenor »anstrengend«, »immer komplexer und mühevoller«, »abhängig von intellektuellen Fähigkeiten, Weltanschauung der Schwangeren und Sprachkenntnissen«: »Gucken Baby gut ... was machen wenn Baby krank?« reicht nicht aus, um adäquat zu beraten!

Das Thema PND, und damit der Umgang mit einer Behinderung oder Krankheit des Ungeborenen, passt gerade in der frühen Schwangerschaft nicht zur Stimmung der Vorfreude auf das Kind. Fast nie spricht eine Frau das Thema von sich aus an. »Es gibt eine Fülle von Informationen, man muss die Frauen da abholen wo sie sind, dazu die eigenen Ambivalenzen beachten ...« Eine Ärztin schrieb: »Ich bin einfach traurig. Die Paare wollen ein ›perfektes Kind‹, sie werden immer fordernder und haben vorab schon alles im Internet gelesen.« Es ergeben sich oft intensive Gespräche, aber »bei der Aufklärung gesunder Schwangerer ist es schwierig, eine Pathologisierung zu vermeiden«!

Die in vielen Praxen eingesetzten Broschüren (von BZgA4 oder pro familia5), die zu kritischer Auseinandersetzung mit PND ermächtigen wollen, können bei der Entscheidung helfen, bleiben aber auch oft ungelesen: »keine Zeit gehabt...«. Ein neues buntes Leporello, das zu »Bauchentscheidungen«6 animiert, scheint eher die Frauen zu erreichen, die sowieso keine PND wollen.

Obwohl (oder gerade weil?) die von mir befragten Ärztinnen und Ärzte sich intensiv um die individuelle Beratung jeder Schwangeren kümmern, bewerten sie das Ergebnis ihrer Beratung eher skeptisch. Auf die Frage »Wie gut können die Frauen/die Paare mit den Infos zu PND umgehen und verstehen, worum es geht?« vergab die Mehrzahl die Note 3–4 (wieder auf der Skala von 1 = sehr gut bis 6 = überhaupt nicht). Dieses ernüchternde Urteil entspricht vielen vorliegenden Studien, in denen immer wieder bestätigt wurde, dass viele Schwangere nicht wissen, was PND eigentlich ist beziehungsweise worauf sie sich einlassen. Am Ende der Beratung steht oft eine Verunsicherung, kommen Fragen wie: »Und was würden Sie mir empfehlen?« oder »Was machen denn die meisten?«

Diese spürbare Diskrepanz zwischen Beratungsaufwand bei einem existenziellen Thema und erreichbarem Ergebnis zermürbt viele Ärzte und Ärztinnen: »Allmählich macht es einfach keinen Spaß mehr.« Dabei monierten die wenigsten der von mir Befragten, dass es für die PND-Beratung keine Extra-Honorierung gibt – obwohl auch das natürlich ein Problem ist.

Zur Erklärung: Die sogenannte Komplex-Ziffer 01770 EBM (Einheitlicher Bewertungsmaßstab), die die Gesamtbetreuung einer Schwangeren in einem Vierteljahr umfasst (inklusive Beratung, Untersuchung, Ultraschall, Urinuntersuchung und Blutabnahme), wird aktuell mit 106,35 Euro pro Quartal bewertet (Abrechnung KV Niedersachsen).

Inanspruchnahme und Folgen von PND

Wie viele Schwangere bundesweit ein ETS machen lassen, kann man nur schätzen, da die Untersuchung zu den IGeL (Individuellen Gesundheitsleistungen) gehört und damit privat bezahlt werden muss (Gesamtpreis ca. 120 bis 180 Euro für Ultraschall, Labor und Risikoberechnung). Laut persönlicher Mitteilung der FMF Deutschland (Fetal-MedicineFoundation, Dr. Thode/Labor WagnerStibbe, Göttingen) wurden im Jahr 2011 Reagenzien für 270 000 Untersuchungen geordert, ein deutlicher Anstieg gegenüber 180 000 im Jahre 2005. Wenn man noch die über andere Labore durchgeführten Tests und die reine Ultraschalluntersuchung (Nackenödem) dazurechnet, kann man bei vorsichtiger Schätzung davon ausgehen, dass derzeit ca. 35 bis 40% der Schwangeren in Deutschland eine PND im ersten Trimenon machen lassen.

Die Inanspruchnahme scheint von der Art der Beratung, von der Einstellung und dem Angebot der Frauenärztin/des Frauenarztes und von lokalen Gegebenheiten abzuhängen. Während nach den mir vorliegenden Informationen zum Beispiel in Berlin ETS zur Routine gehört, zumeist sogar »über Kasse« abgerechnet wird, liegt die Quote in meiner Praxis ebenso wie bei den von mir gefragten Praxen nur zwischen 10 und 25%. Es wäre sicher spannend, dem genauer nachzugehen: Wie spiegelt sich die Einstellung der beratenden Frauenärztin/des Frauenarztes zu PND (eher kritisch oder eher bejahend) tatsächlich wider in der Entscheidung der betreuten Schwangeren? Eine Kollegin stellte die Frage: »Finanzielles Interesse der Ärztin, wenn sie selbst das ETS anbietet – versus ergebnisoffene Beratung?«

In der gynäkologischen Praxis sind unterschiedliche Tendenzen zu beobachten: auf der einen Seite eine vermehrte Nachfrage gerade bei jüngeren Frauen mit erster Schwangerschaft, »Dann fühle ich mich sicherer«, andererseits ein skeptisches Ablehnen, eher von Zweit-Schwangeren: »Das gibt doch sowieso kein klares Ergebnis, man macht sich nur Sorgen – und am Ende ist doch alles in Ordnung«.

Viele »ältere« Frauen über 35 nutzen das ETS in der Hoffnung, dass durch diese Berechnung ihr statistisch erhöhtes Risiko für Chromosomen-Anomalien entkräftet wird und sie auf die gefährliche Fruchtwasserpunktion verzichten können. Und tatsächlich ist die Zahl der Amniozentesen messbar zurückgegangen: In Bayern etwa sank sie von 8,7%
der Schwangeren im Jahr 2000 auf 3,3% im Jahr 2010 (BAQ 20107). Ob und wie sich das auf die Zahl der geborenen Trisomie-Kinder auswirkt, kann für Deutschland nicht exakt belegt werden – geschätzt wird eine Abnahme. Das bestätigen Zahlen aus England, wo seit 2001 das Screening offiziell allen Schwangeren empfohlen wird, die Zahl der pränatal entdeckten Trisomien deutlich gestiegen ist und die der geborenen Kinder mit Down-Syndrom leicht abgenommen hat (Morris 2009).

Eine zunehmend große Rolle spielt der Ultraschall (US) im zweiten Trimenon, der als sogenannter »Organ-Ultraschall« Bestandteil der Routinebetreuung in der Schwangerschaft ist. Offiziell soll eine Überweisung zum »Fein-Ultraschall« (besseres US-Gerät, Ärzte mit höherer US-Qualifikation) nur bei Unklarheiten erfolgen. In der Praxis gehen in einigen Gegenden so gut wie alle Frauen in die Spezialultraschall-Praxis, oft auf Überweisung, obwohl es eigentlich eine IGeL ist. Grund: Die werdenden Eltern sind fasziniert davon, was sie alles sehen können – und der betreuende Frauenarzt ist entlastet von der Verantwortung, alles sehen zu müssen. Geplant, aber noch nicht in Kraft, ist eine klarere Regelung in den Mutterschaftsrichtlinien (G-BA 20108). Gerade beim Ultraschall ist die Abgrenzung von »sinnvoller« Erkenntnis und »genetic screening« aber kaum zu lösen: Ein früh entdeckter Herzfehler kann zur lebensrettendbesseren Versorgung des Kindes führen, aber eben auch, wenn er Hinweis auf eine Trisomie ist, zum Abbruch der Schwangerschaft. Ein durch noch so gute Beratung nicht zu lösendes Dilemma!

Wie reagieren die werdenden Väter auf PND?

Die Schwangere steht im Zentrum der Mutterschaftsvorsorge, sie wird auch primär zu PND beraten – obwohl die Entscheidung natürlich eigentlich das Paar angeht. Die werdenden Väter werden »mit beraten, wenn sie gerade da sind«. In den Kommentaren der Ärztinnen und Ärzte bleiben sie blass, marginal. Nur wenige Männer kommen von sich aus mit zur PND-Beratung und bringen sich aktiv ein, die meisten schweigen eher. Das passt zu Berichten aus der psychosozialen Beratung, wo Männer deutlich seltener auftauchen und wenn, eher als Begleitung denn als Fragestellende: »Insbesondere in der frühen Schwangerschaft fühlen sich die werdenden Väter meist weniger stark in die Schwangerschaft eingebunden ...«

»Hinsichtlich der Anwendung pränataldiagnostischer Untersuchungen sowie den Überlegungen in Bezug auf die Fortsetzung oder den Abbruch der Schwangerschaft bringen Männer ihre eigenen Ansichten eher selten zum Ausdruck.« (Mayer-Lewis 2010)

Wenn Männer mitkommen, stellen sie eher technische Fragen, nach der Aussagekraft und der Sicherheit, und plädieren auch eher für Abklärung. »Ich mache ETS, weil mein Mann das will – für mich brauche ich das nicht«, sagt manche Frau. Eine Ärztin formulierte: »Männer sehen sich oft nicht in der Lage, ein behindertes Kind mit zu versorgen, fürchten Probleme im Familienalltag – und wollen es dann nicht so weit kommen lassen.« Belege über Diskrepanzen zwischen werdenden Müttern und Vätern habe ich nicht gefunden, nur Vermutungen, das heißt der Gender-Aspekt liegt bei PND weitgehend im Dunkeln. Hier scheinen mir weitere Untersuchungen und spezielle Angebote für die Männer dringend erforderlich.

Erste Erfahrungen mit dem Gendiagnostikgesetz

Um eine qualifizierte Beratung sicherzustellen, wurden die Bedingungen für genetische Untersuchungen und speziell für die PND im Gendiagnostikgesetz (GenDG) festgelegt. Ab dem 1. Februar 2012 ist vor jeder Untersuchung mit genetischer Fragestellung eine Aufklärung beziehungsweise humangenetische Beratung mit schriftlicher Einverständniserklärung vorgeschrieben. Ärztinnen und Ärzte müssen dafür eine spezielle Kompetenz erwerben.

Auch wenn viele der von mir Befragten prinzipiell die dahinter liegende Idee begrüßen, stöhnen alle über das Mehr an Bürokratie und Formularen. Und sie bezweifeln, dass der gewünschte Effekt sich dadurch wirklich einstellt. Einige haben inzwischen den dafür erforderlichen mehrstündigen (Schnell-)Kurs inklusive Multiple-Choice-Prüfung hinter sich, der vielerorts »eine Farce« sei, nur genetisches Wissen vermittle und der erforderlichen kommunikativen Kompetenz in keiner Weise gerecht werde. Genau davor hatte die DGPFG (Deutsche Gesellschaft
für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe) frühzeitig gewarnt und in einer Stellungnahme darauf hingewiesen: »Beides, Information und Beratung, lässt sich nicht voneinander trennen, wenn man gerade in diesem schwierigen Gebiet eine ›informierte Entscheidung‹ der Frau/des Paares erreichen will. Dafür brauchen FrauenärztInnen aber spezielle kommunikative Fähigkeiten, angewendet auf die Problematik von pränataler Diagnostik ... Außerdem sollten die ÄrztInnen trainiert sein für die Kommunikation einer ›schlechten Nachricht‹, falls Auffälligkeiten gefunden werden. Wünschenswert ist zudem eine Selbstreflektion des Frauenarztes/der Frauenärztin über den eigenen Standpunkt zu Pränataldiagnostik.« Diese Vorschläge wurden leider bei der Umsetzung des GenDG bislang nicht beachtet.

Um die Schwangeren zusätzlich für ihre individuelle Entscheidung zu stärken, wurde das Recht auf psychosoziale Beratung gesetzlich verankert inklusive der Verpflichtung für die Ärztinnen und Ärzte, alle Frauen darauf hinzuweisen. Leider klappt das bislang nicht wie geplant: Nach meiner Erfahrung, die sich mit der meiner Kolleginnen und Kollegen und auch der Beraterinnen deckt, nehmen nur 1 bis 2% der Frauen in der frühen Schwangerschaft das Angebot an, auch wenn sie auf diese Möglichkeit hingewiesen werden: »Die Frauen verstehen einfach nicht, wie ›Beratung‹ ihnen helfen kann, wo es doch um die Gesundheit des Babys geht.«

Pränataldiagnostik in der Praxis: Unlösbarkeit eines Dilemmas?

Die PND gehört immer mehr zum Alltag in der frauenärztlichen Praxis. Jährlich werden rund eine Million Frauen direkt mit dem Thema konfrontiert, wenn man von knapp 700 000 Geburten ausgeht und Fehlgeburten dazurechnet. Trotzdem ist die PND beziehungsweise der Umgang damit in den Mutterschaftsrichtlinien9 nicht eindeutig geregelt, während andere Beratungen (z.B. zur Mundgesundheit, zur Grippeimpfung oder zu HIV) akribisch aufgelistet sind. Denn: PND im Sinn von »Finden von Auffälligkeiten« ist nur auf den ersten Blick ein medizinisches Thema; durch die möglicherweise daraus erwachsenden Konsequenzen ist PND unlösbar mit komplexen ethischen Fragen verbunden, die nicht durch Richtlinien zu klären sind. Allerdings ist der Pfad eng: Die Suche nach »behandelbaren« Veränderungen, etwa Herzfehler, ist Kassenleistung, nicht aber die Suche nach Trisomie mit Hilfe von ETS. Aber: Ab 35 hat jede Frau das Recht auf eine Fruchtwasseruntersuchung zur Chromosomenuntersuchung (nicht aber auf ETS) – eine Gratwanderung zwischen juristischen und ethischen Klippen.

In diesem Artikel sind viele Fragen offengeblieben. Man weiß wenig darüber

  • wie umfangreich und wann Frauen von ihren Frauenärztinnen und -ärzten über PND informiert werden,
  • wie Frauenärztinnen und Frauenärzte selbst zu PND stehen,
  • wie diese ärztliche Einstellung die Entscheidung der betreuten Schwangeren beeinflusst,
  • wo sich die werdenden Mütter beziehungsweise Eltern sonst informieren (Rolle des Internet?!) und was das für ihre Entscheidung bedeutet,
  • wie viele Frauen sich für ETS, nur für den Routine-Ultraschall oder für eine primäre Amniozentese entscheiden,
  • wie viele bewusst ganz auf PND verzichten, weil ein Abbruch für sie nie in Frage käme,
  • wie viele Frauen im Laufe der Schwangerschaft oder danach ihre Entscheidung für oder gegen PND bereuen,
  • wie sich die mit PND eventuell verbundenen Ängste auf den Verlauf der Schwangerschaft auswirken,
  • wie häufig und wo sich die werdenden Väter informieren, in welchem Ausmaß sie (mit-)entscheiden, und ob es Diskrepanzen zwischen den Schwangeren und ihren Partnern gibt.

Der Katalog ließe sich ohne Problem erweitern; er wird nach Einführung des GenDG eher anwachsen, und mehr noch mit den vor Kurzem eingeführten frühen Tests auf Trisomie aus dem mütterlichen Blut. »Der Druck auf die Frau wird sicher enorm zunehmen, der gesellschaftliche Druck (›Das muss heute nicht mehr sein‹) ist jetzt schon groß!« Welche Frau wird dann noch auf eine Chromosomenuntersuchung verzichten wollen oder können? Welche Auswirkungen wird dieses Screening haben?

Die auffällige Diskrepanz zwischen einem »Alltagsthema«, das so viele betrifft, und der Unklarheit auf vielen Ebenen scheint mir charakteristisch für das grundlegende Dilemma: Mithilfe von PND soll ein ethisches gesellschaftliches Problem, die Bewertung von (ungeborenem) Lebensrecht, individuell auf medizinischem Weg gelöst werden. Der Kommentar einer Frauenärztin über die Arbeit in der Praxis lautet: »Es ist der alltägliche und doch so irrwitzigunmögliche Spagat, den wir jeden Tag – mal mehr, mal weniger erfolgreich – versuchen ›professionell‹ zu vollziehen.« So bleibt mein Fazit nach fünf Jahren unverändert und eher ratlos: »Als Frauenärztin, die täglich schwangere Frauen berät, erlebe ich, welcher Druck auf ihnen und auch auf vielen Frauenärzten/-ärztinnen lastet, weil sie individuell etwas lösen sollen, das öffentlich verdrängt wird. Es darf nicht länger sein, dass durch Pränataldiagnostik immer mehr Licht in die kindliche Entwicklung gebracht wird, die möglichen Folgen der Erkenntnis aber gesellschaftlich verschleiert und tabuisiert werden.«

 

Fußnoten

1 Um meine eigenen Erfahrungen nach 25 Jahren Praxis auf eine etwas breitere Basis zu stellen, habe ich kurzerhand frauenärztliche Kollegen und Kolleginnen aus meinem Qualitätszirkel, aus dem AKF (Arbeitskreis Frauenheilkunde in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft) und der DGPFG (Deutsche Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe) gezielt für diesen Artikel um Auskunft gebeten. Das war möglich, weil es inzwischen im Rahmen von Praxisforschung ein Netzwerk von Frauenärztinnen und -ärzten gibt, die gerne Auskunft geben, weil sie selbst daran interessiert sind, ein Bild ihrer Arbeit zu erhalten (Schumann 2010). Ich habe Anfang Februar 2012 per Mail mithilfe eines kurzen Fragebogens gefragt, wie sie in ihrer Praxis PND handhaben und welche Erfahrungen sie machen. Von den 70 Angefragten hat ca. die Hälfte schnell geantwortet und viele Kommentare angefügt – ein Hinweis für mich, wie sehr meinen Kolleginnen und Kollegen gerade dieses Thema unter den Nägeln brennt. Ihnen gebührt mein
ganz besonderer Dank! Einschränkend muss gesagt werden, dass es sich bei den Befragten um eine »Sondergruppe« handelt – es sind psychosomatisch orientierte Frauenärztinnen und -ärzte, 90% davon Frauen, im Alter zwischen 45 und 60 Jahren mit überwiegend langjähriger Praxistätigkeit. Die Ergebnisse können natürlich keinen Anspruch auf statistische Gültigkeit erheben.

2 Unter Ersttrimesterscreening (eine Untersuchung im ersten Schwangerschaftsdrittel) versteht man die biochemische Untersuchung des mütterlichen Blutes in Verbindung mit einer Ultraschalluntersuchung zur Erkennung der individuellen Wahrscheinlichkeit von Chromosomenanomalien wie dem Down Syndrom, d. Red.

3 Zitiert nach den »Richtlinien zur pränatalen Diagnostik von Krankheiten und Krankheitsdispositionen«. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesärztekammer, www.bundesaerztekammer.de/downloads/PraenatalDiagnostik.pdf , Zugriff: 28.2.2003 4

»Pränataldiagnostik – Informationen über Beratung und Hilfen bei Fragen zu vorgeburtlichen Untersuchungen«, BZgA, Best.-Nr. 13625300

5 »Vorgeburtliche Untersuchungen«, eine Broschüre der pro familia

6 »Bauchentscheidungen – wissen was jetzt gut ist«, zu finden unter: www.bvkm.de/dokumente/pdf/Praenataldiagnostik/PND-Auklaerungsleporello _screen.pdf

7 Bayerische Arbeitsgemeinschaft für Qualitätssicherung in der stationären Versorgung (BAQ) 2010, www.BAQ-Bayern.de

8 G-BA/ Gemeinsamer Bundesausschuss: Vorläufiger Bericht zum UltraschallScreening in der Schwangerschaft 2010, www.g-ba.de/informationen/richtlinien

9 Mutterschaftsrichtlinien, www.g-ba.de/informationen/richtlinien/19

Literatur

Mayer-Lewis, B. (2010): Modellprojekt »Unter anderen Umständen schwanger«, Projektbericht 2008–2010. ifb-Materialien 2-2010

Morris, J. (2009): Trends in Down syndrome live births and antenatal diagnoses in England and Wales from 1989 to 2008: Analysis of data from the National Down Syndrome Cytogenetic Register. BMJ 10/2009

Renner, I. (2007): Pränataldiagnostik: eine repräsentative Befragung Schwangerer. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Forum Sexualaufklärung und Familienplanung 1-2007

Schumann, C. (2007): Veränderungen in der gynäkologischen Praxis durch Pränataldiagnostik. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Forum Sexualaufklärung und Familienplanung 1-2007

Autoren

Dr. med. Claudia Schumann

Dr. med. Claudia Schumann ist Frauenärztin und Psychotherapeutin. Nach Abschluss der fachärztlichen Weiterbildung war sie fünf Jahre Beratungsärztin bei pro familia und ist seit 20 Jahren niedergelassen in eigener Praxis. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die psychosomatische Frauenheilkunde. Sie ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG) und aktiv im Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF).

 

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