Das Schwangerschaftskonfliktgesetz und seine Umsetzung: Ausgewählte Ergebnisse des Projektes »Interdisziplinäre und multiprofessionelle Beratung bei Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch(§imb-pnd)«

 Anlass des Forschungsprojektes »§imb-pnd«

Wird durch pränatale Untersuchungen ein auffälliger Befund beim Ungeborenen festgestellt, entsteht für die betroffenen Eltern eine höchst belastende Situation, die zu schweren seelischen Konflikten führen kann, vor allem wenn die Frage nach einer medizinischen Indikation zum Schwangerschaftsabbruch aufkommt (Woopen/Rummer 2009, S. 130). Während der Gesetzgeber ein Beratungskonzept für Abbrüche in der frühen Schwangerschaft geregelt hat, fehlte bis 2010 ein Konzept zur Beratung der Schwangeren bei Konfliktsituationen nach einer auffälligen Pränataldiagnostik (PND) (Deutscher Bundestag 16/12970, S. 5). Um diese Lücke zu schließen, wurde das Schwangerschaftskonfliktgesetz (SchKG) um den § 2a erweitert, der im Januar 2010 in Kraft trat. Ziel des § 2a ist, die Beratung von schwangeren Frauen und ihren Partnern zu verbessern, denen ein auffälliger fetaler Befund mitgeteilt werden muss und/oder die eine medizinische Indikation zum Schwangerschaftsabbruch erhalten. Dieses Ziel soll unter anderem durch verstärkte interdisziplinäre und multiprofessionelle Beratung der schwangeren Frau und ihres Partners erreicht werden. Parallel wurden im ebenfalls Anfang 2010 in Kraft getretenen Gendiagnostikgesetz (GenDG) Regelungen zur Beratung der schwangeren Frau bei vorgeburtlichen genetischen Untersuchungen eingeführt.

Wie diese neuen gesetzlichen Vorgaben zur Beratung und Begleitung schwangerer Frauen im Falle eines auffälligen pränatalen Befundes in der Praxis umgesetzt werden, untersucht ein wissenschaftliches Forschungsprojekt unter der Leitung von Frau Prof. Christiane Woopen von der Forschungsstelle Ethik an der Universität zu Köln. Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) geförderte Projekt »Interdisziplinäre und multiprofessionelle Beratung bei Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch (§imb-pnd)« legt dabei den Schwerpunkt auf die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben aus dem SchKG.

Überblick über die neuen gesetzlichen Regelungen1

Die Ärztin oder der Arzt, die oder der der schwangeren Frau einen auffälligen pränatalen Befund mitteilt, hat gemäß § 2a Abs. 1 SchKG folgende Pflichten: »Sie oder er hat die schwangere Frau bei Mitteilung eines auffälligen fetalen pränataldiagnostischen Befundes in verständlicher Form und ergebnisoffen über medizinische und psychosoziale Aspekte und Möglichkeiten der Unterstützung zu beraten. Im Rahmen dieser Beratung hat sie oder er ihr Informationsmaterial der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auszuhändigen. Zur ärztlichen Beratung sollen Kolleginnen oder Kollegen hinzugezogen werden, die mit der diagnostizierten Gesundheitsschädigung bei geborenen Kindern Erfahrung haben oder die auf die Betreuung der kindlichen Gesundheitsschädigung spezialisiert sind (zum Beispiel Pädiaterinnen/Pädiater oder Humangenetikerinnen/Humangenetiker). Die schwangere Frau ist über ihren Anspruch auf psychosoziale Beratung nach § 2 SchKG hinzuweisen und ihr sind mit ihrem Einverständnis eine solche Beratung sowie der Kontakt zu Selbsthilfegruppen oder Behindertenverbänden zu vermitteln.

Die Ärztin oder der Arzt, die oder der die schriftliche Feststellung über das Vorliegen der Voraussetzungen eines medizinisch indizierten Schwangerschaftsabbruchs zu treffen hat, hat nach § 2a Abs. 2 SchKG auch unabhängig vom Vorliegen eines pränataldiagnostischen Befundes folgende Pflichten: Sie oder er muss die schwangere Frau über medizinische und psychische Aspekte eines Schwangerschaftsabbruchs beraten. Sie oder er hat sie über ihren Anspruch auf psychosoziale Beratung zu informieren und gegebenenfalls eine Beratung zu vermitteln. Frühestens nach Ablauf einer dreitägigen Bedenkzeit nach Mitteilung der Diagnose oder – ohne vorangegangene PND – nach Beratung zum Schwangerschaftsabbruch, kann die Ärztin oder der Arzt eine schriftliche Bestätigung der Schwangeren einholen: entweder über die ärztliche Beratung und Vermittlung weiterer Kontakte oder über ihren Verzicht darauf. Danach erst kann sie oder er bei Vorliegen der Voraussetzungen des § 218a Abs. 2 StGB die Indikation zum Schwangerschaftsabbruch schriftlich feststellen.« (Woopen/Rummer 2010, A 68).

Das GenDG enthält zusätzlich eigene spezielle Regelungen, die sich auf vorgeburtliche genetische Untersuchungen, einschließlich vorgeburtlicher Risikoabklärung, beziehen. »Wenn die Pränataldiagnostikerin oder der Pränataldiagnostiker, die oder der im Sinne des GenDG untersucht, und die Ärztin oder der Arzt, die oder der den Befund mitteilt, dieselbe Person sind, müssen sowohl die Anforderungen nach GenDG als auch – bei Vorliegen eines pathologischen Befundes nach Pränataldiagnostik – die Vorschriften des § 2a SchKG eingehalten werden. Wenn Untersuchung und Befundmitteilung jedoch durch unterschiedliche Personen durchgeführt werden, muss die untersuchende Ärztin oder der untersuchende Arzt das GenDG, die mitteilende Ärztin oder der mitteilende Arzt das SchKG befolgen.« (Woopen/Rummer 2010, A 69).

Ziele des Forschungsprojektes »§imb-pnd«

Durch das Forschungsprojekt sollen geeignete Praxismodelle und förderliche Faktoren bei der Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben identifiziert, aber auch Umsetzungsprobleme aufgedeckt werden. Gleichzeitig sollen die Ergebnisse dazu beitragen, den Umsetzungsprozess durch die Definition geeigneter Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen oder Ärzten2, psychosozialen3 Beraterinnen oder Beratern sowie Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern4 von Behindertenverbänden und Selbsthilfegruppen in unterschiedlichen Versorgungskontexten zu unterstützen. Das Forschungsprojekt will so auch einen Beitrag zur Förderung der Integration unterschiedlicher Konzepte im Rahmen multiprofessioneller Beratung leisten.

Inhalte und Module des Forschungsprojektes »§imb-pnd«

Das Projekt gliedert sich in vier Module, die zeitlich parallel durchgeführt werden und folgende inhaltliche Schwerpunkte setzen:

Modul I: Information und Begleitung

Hierbei geht es um die umfassende Information der von den Gesetzesänderungen betroffenen Akteure, insbesondere der Gynäkologen, der Kinderärzte mit unterschiedlichen weiteren Spezialisierungen und Humangenetiker (als sogenannte »hinzugezogene Ärzte« bezeichnet), der Mitarbeiter von psychosozialen Beratungseinrichtungen, Selbsthilfegruppen und Behindertenverbänden. Diese Vorgabe wird etwa durch Publikationen, Vorträge bei Fachtagungen, aber auch Informationen zu den Gesetzesänderungen im Rahmen der Fragebogenerhebung erreicht.

Modul II: Fragebogenerhebung

Das Kernstück des Forschungsprojektes ist eine umfassende Befragung der von der Gesetzesänderung betroffenen Akteure zu ihren Erfahrungen mit den gesetzlich vorgeschriebenen Neuerungen zu Aufklärung und Beratung sowie zu interdisziplinären und multiprofessionellen Kooperationsstrukturen. Dazu wurden 2010 und 2011 deutschlandweit Gynäkologen, hinzugezogene Ärzte, psychosoziale Beraterinnen sowie Mitarbeiter von Selbsthilfegruppen und Behindertenverbänden in einer zweistufigen Fragebogenerhebung befragt. Die Perspektive der Schwangeren sowie die Rolle von Hebammen in diesem Beratungskontext werden in Dissertationen am Lehrstuhl untersucht, dazu liegen aber noch keine Ergebnisse vor. Die erste Befragung hat den Status quo kurz nach Einführung der neuen gesetzlichen Regelungen erhoben, in der zweiten Befragung ging es vor allem um die Erfassung von Veränderungen und aktuellen Entwicklungen seit Inkrafttreten der neuen gesetzlichen Vorgaben sowie die vertiefende Analyse einzelner Aspekte der ersten Runde. Die wesentlichen Ergebnisse der ersten Erhebungsrunde sind in einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt publiziert worden (s. Rummer/Horstkötter/
Woopen 2011).

Modul III: Interviews an Einzelstandorten

Parallel zu den Fragebogenerhebungen wurden die Erfahrungen von einzelnen Ärzten an unterschiedlichen Tätigkeitsorten (Praxis, Schwerpunktpraxis, Klinik) und von psychosozialen Beraterinnen an ausgewählten repräsentativen Einzelstandorten mittels leitfadengestützter Interviews erhoben.

Modul IV: Projektbeirat

Ein Projektbeirat mit Vertreterinnen und Vertretern aller von den Gesetzesänderungen betroffenen Berufsgruppen und Organisationen begleitet und unterstützt das Projekt.

Ausgewählte Ergebnisse aus dem Jahr 2011

Für die zweite Fragebogenerhebung 2011 wurden fünf adressatenspezifische Fragebogen mit einem ähnlichen Grundaufbau konzipiert. Diese richteten sich an potenziell nicht auf PND spezialisierte Gynäkologen, die über keine DEGUM II oder III-Zertifizierung5 verfügen (im Folgenden »Gynäkologen« genannt) sowie an auf PND spezialisierte Gynäkologen mit DEGUM II oder III-Zertifizierung (im Folgenden »Pränataldiagnostiker« genannt), hinzugezogene Ärzte gemäß § 2a Abs. 1 SchKG, psychosoziale Beraterinnen und Mitarbeiter von Selbsthilfegruppen und Behindertenverbänden. Alle Fragebogen enthielten Themenkomplexe zu allgemeinen Angaben und zur interdisziplinären und multiprofessionellen Zusammenarbeit bei Beratungen im Zusammenhang mit PND. Zudem wurden die Ärzte um ihre persönlichen Einschätzungen und Erfahrungen im Zusammenhang mit den neuen gesetzlichen Regelungen (SchKG und GenDG) gebeten. Die Fragebogen wurden so aufgebaut, dass sie Rückschlüsse auf die Struktur der medizinischen Versorgung und der psychosozialen Beratung sowie auf Veränderungen und Entwicklungen seit Inkrafttreten der neuen gesetzlichen Vorgaben erlauben. Die Rücklaufquote lag bei Gynäkologen6 bei knapp 13% (n = 1 019), bei Pränataldiagnostikern bei knapp 30% (n = 200), bei hinzugezogenen Ärzten bei 43% (n = 51; hier wurde eine Stichprobe befragt), bei psychosozialen Beraterinnen bei 58% (n = 785) und bei Selbsthilfegruppen und Behindertenverbänden bei 24% (n = 48; auch hier wurde eine Stichprobe befragt). Im Folgenden sollen einzelne Ergebnisse zu ausgewählten Themenbereichen vorgestellt werden. Ein Großteil der Daten bezieht sich auf den Erhebungszeitraum des ersten Quartals 2011.

Fort- und Weiterbildungsbedarf

Beratung im Zusammenhang mit PND ist eine fachlich und emotional sehr anspruchsvolle Aufgabe für psychosoziale Beraterinnen und für die Mitarbeiter von Selbsthilfegruppen und Behindertenverbänden, die mit betroffenen Paaren sprechen. Zu ihrer Unterstützung wünschten sich in der ersten Befragung 2010 viele Mitarbeiter dieser beiden Gruppen mehr Fortbildungsangebote. In der Erhebung 2011 wurden diese Gruppen deshalb nach dem Fortbildungsstand der Mitarbeiter sowie nach der Beurteilung des Fortbildungsangebots befragt. Das Ergebnis bei den psychosozialen Beraterinnen spricht für eine hohe Qualifizierungsrate und Zufriedenheit mit dem Fortbildungsangebot. Mehr als 80% der Mitarbeiterinnen an denjenigen Beratungsstellen, die Beratung im Zusammenhang mit PND durchführen, verfügen inzwischen über eine vertiefende Zusatzqualifikation für die Beratung schwangerer Frauen und ihrer Partner bei PND. Ein gutes Drittel von ihnen hat seit dem Inkrafttreten der Regelungen zur Beratung in SchKG und GenDG eine (34%) oder mehrere Kurzzeitfortbildungen (32%) besucht. Ein deutlich kleinerer Anteil hat seit Anfang 2010 eine entsprechende Zusatzqualifikation im Rahmen von einer (8%) oder mehreren Langzeitfortbildungen (1%) erworben. Die überwiegende Mehrheit der Befragten ist mit dem quantitativen und auch qualitativen Fortbildungsangebot zufrieden. In freien Textfeldern wurde der Wunsch nach differenzierteren Fortbildungsangeboten für »Anfängerinnen« und erfahrene Beraterinnen im Zusammenhang mit PND geäußert. Inhaltliche Wünsche betrafen unter anderem Trauerbegleitung und -bewältigung und regelmäßige Informationen zum medizinischen Fortschritt.

Etwas anders sieht das Ergebnis bei den Selbsthilfegruppen und Behindertenverbänden aus. Hier hat knapp die Hälfte der Mitarbeiter, die mit schwangeren Frauen und ihren Partnern im Zusammenhang mit Pränataldiagnostik Gespräche führen, eine Fortbildung für diese Beratung besucht, während ein Viertel gar keine Fortbildung dazu wünscht und etwa 18% diese Fortbildung zwar wünschen, aber keine Fortbildungsmöglichkeiten gefunden haben. Ein Problem, das in freien Textfeldern sowohl von den psychosozialen Beraterinnen als auch von den Mitarbeitern von Selbsthilfegruppen und Behindertenverbänden angesprochen wurde, sind mangelnde personelle wie finanzielle Ressourcen für den Besuch von Fortbildungen.

Beratung, Vermittlung, Zusammenarbeit

Psychische und soziale Fragen kommen in der Beratung durch die Pränataldiagnostiker unter den vom Gesetzgeber vorgegebenen Themen deutlich seltener vor als medizinische Themen. So thematisierten annähernd 100% der Pränataldiagnostiker bei Befundmitteilung »immer« oder »häufig« medizinische Fragen zur Diagnose und zum weiteren Vorgehen; psychische oder soziale Fragen wurden demgegenüber deutlich seltener angesprochen.

Im Falle eines auffälligen Befundes soll der Arzt die Schwangere mit ihrem Einverständnis an psychosoziale Beratungsstellen vermitteln und ihr das Informationsmaterial der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aushändigen. Über ein Drittel der Gynäkologen und bis zu 12% der Pränataldiagnostiker geben an, im Quartal 1/2011 »0%« ihrer Patientinnen mit auffälligem pränataldiagnostischen Befund an psychosoziale Schwangerenberatungsstellen vermittelt zu haben oder das Informationsmaterial der BZgA in »0%« ihrer Beratungsgespräche zu einem auffälligen Befund ausgehändigt zu haben. Wenn Pränataldiagnostiker keine ihrer Patientinnen mit auffälligem Befund an psychosoziale Schwangerenberatungsstellen vermittelt haben, dann unter anderem deshalb, weil die Patientinnen aus ihrer Sicht keine psychosoziale Beratung in Anspruch nehmen wollen, weil sie selbst psychosoziale Beratung leisten, weil sie nicht wissen, wie psychosoziale Beraterinnen qualifiziert sind und/oder weil sie keine psychosozialen Beraterinnen persönlich kennen.

Außerdem vermitteln Pränataldiagnostiker in der Regel erst nach Abschluss der Befunderhebung an eine psychosoziale Beratungsstelle und nicht schon bei jedem nach ihrem Verständnis auffälligen Befund. Das Gleiche gilt für die Aushändigung der BZgA-Materialien. Etwa 90% aller Pränataldiagnostiker handeln entsprechend erst, wenn ein Nachweis von Chromosomenstörungen oder ein Nachweis fetaler Anomalien vorliegt.

Aufgrund der Ergebnisse der ersten Fragebogenerhebung stand zu vermuten, dass Ärzte und Beraterinnen womöglich ein unterschiedliches Verständnis von »Vermittlung« haben. Die Ergebnisse zeigen, dass es tatsächlich große Unterschiede zwischen den Professionen, aber auch innerhalb der Professionen gibt (siehe Abb. 1). Für 61% der Gynäkologen und 30% der Pränataldiagnostiker bedeutet »Vermittlung« ausschließlich, die Patientin auf ihren Anspruch auf weitere und vertiefende psychosoziale Beratung nach § 2 SchKG hinzuweisen, die Patientin dazu anzuregen, auf eigene Initiative eine geeignete Stelle zu finden oder ihr Kontaktdaten psychosozialer Schwangerenberatungsstellen auszuhändigen.

Abb. 1 Vermittlungsverständnis

Dieses eher weit gefasste Verständnis von »Vermittlung« wird von etwa einem Viertel der psychosozialen Beraterinnen (27%) geteilt. Hingegen verstehen jeweils etwa 70% der Beraterinnen und der Pränataldiagnostiker unter »Vermittlung« zusätzlich oder ausschließlich, dass die Kontaktaufnahme zur psychosozialen Beratungsstelle durch eine Sprechstundenhilfe erfolgt, dass Ärzte persönlich den Kontakt zu psychosozialen Beratungsstellen für die Patientin herstellen oder diese persönlich zur psychosozialen Beratung begleiten. Dieses engere Vermittlungsverständnis teilen jedoch nur 37% der nicht auf Pränataldiagnostik spezialisierten Gynäkologen.

Dynamik/Veränderungen

Die Anzahl der Beratungsfälle nach § 2a SchKG hat bei etwa einem Viertel der psychosozialen Beratungsstellen und der Selbsthilfegruppen beziehungsweise Behindertenverbände seit Anfang 2010 zugenommen (s. Abb. 2). Gleichzeitig ist die Anzahl der Vermittlungen bei allen beteiligten Professionen seit Anfang 2010 gestiegen. Bei 26% der Pränataldiagnostiker sowie bei 10% der Gynäkologen hat die Anzahl der Patientinnen, die sie mit auffälligem pränataldiagnostischen Befund an psychosoziale Schwangerenberatungsstellen vermittelt haben, seit Anfang 2010 zugenommen. Dies spiegelt sich auch in der Wahrnehmung der psychosozialen Beraterinnen wider: Etwa ein Fünftel kann seit Anfang 2010 eine häufigere Vermittlung dieser Beratungsfälle von pränataldiagnostisch tätigen Ärzten nach § 2a I SchKG an die eigene Schwangerenberatungsstelle verzeichnen. Ärzte wurden insbesondere von Schwerpunktpraxen für PND (22%) und Kliniken mit Schwerpunkt PND (27%) häufiger zur Beratung hinzugezogen. Ebenfalls knapp 15% der Selbsthilfegruppen und Behindertenverbände geben an, dass die Anzahl der Vermittlungen durch pränataldiagnostisch tätige Ärzte und Ärzte anderer Fachrichtungen seit 2010 »etwas« zugenommen hat. Bei der Interpretation dieser Daten ist allerdings das oben skizzierte unterschiedliche Verständnis darüber zu berücksichtigen, was eine Vermittlung ausmacht.

Abb. 2 Anzahl der Beratungsfälle

Schließlich hat das Gesetz dazu beigetragen, dass sich sowohl Ärzte als auch Beraterinnen um einen Ausbau der multiprofessionellen Zusammenarbeit bemüht haben. Allerdings waren diese Bemühungen häufiger erfolgreich, wenn sie von Ärzten als von psychosozialen Beraterinnen ausgingen. Sofern Gynäkologen sich seit Anfang 2010 bemüht haben, mit psychosozialen Schwangerenberatungsstellen in Kontakt zu kommen, um eine Zusammenarbeit bei der Beratung schwangerer Frauen im Zusammenhang mit PND zu initiieren, haben diese Bemühungen für fast die Hälfte von ihnen (46%) »immer« zu einer Zusammenarbeit geführt. Gleiches gilt für die Pränataldiagnostiker (47%). Umgekehrt haben die Bemühungen der psychosozialen Beraterinnen, mit pränataldiagnostisch tätigen Ärzten in Kontakt zu kommen, längst nicht immer zum Erfolg geführt. Am häufigsten waren die Bemühungen um Kontakte zu Schwerpunktpraxen für PND (»immer«/»häufig«: 17%) und Kliniken mit Schwerpunkt PND (»immer«/»häufig«: 17%) erfolgreich.

 

Fazit

Die im letzten Abschnitt dargestellten Ergebnisse weisen darauf hin, dass der § 2a SchKG ein Jahr nach seinem Inkrafttreten erste Wirkungen in der Praxis erzielt hat. So sind zum Beispiel die Zahl der psychosozialen Beratungen und die Kontakte zu Selbsthilfegruppen und Behindertenverbänden angestiegen. Dennoch bestehen noch immer an verschiedenen Punkten Möglichkeiten einer Verbesserung. Diese betreffen insbesondere das Verständnis dessen, was als »Vermittlung« von Kontakten zu Beratungsstellen nach § 3 SchKG und zu Selbsthilfeeinrichtungen und Behindertenverbänden zu verstehen ist. Bei einem Teil der Gynäkologen und der Pränatalmediziner bestehen zudem Unsicherheiten zur Qualifikation der Beraterinnen im Hinblick auf die Beratung nach PND. Hier könnte zum Beispiel analog zu ärztlichen Facharztbezeichnungen eine eigens ausgewiesene Qualifikation als »Fachberaterin für Pränataldiagnostik« entwickelt werden, die nach einer entsprechenden Weiterbildung erworben werden könnte. Weitere Publikationen der Ergebnisse und tiefere Analysen einzelner Aspekte sind in Vorbereitung.

 

Fußnoten

1 Quelle: Rummer/Horstkötter/Woopen (2011)

2 Im Folgenden werden der besseren Lesbarkeit wegen ausschließlich die Bezeichnungen »Ärzte«/»Gynäkologen«/»Pränatalmediziner« verwendet.

3 Im Folgenden wird der besseren Lesbarkeit wegen ausschließlich die Bezeichnung »Beraterinnen« verwendet.

4 Im Folgenden wird der besseren Lesbarkeit wegen ausschließlich die Bezeichnung »Mitarbeiter« verwendet.

5 DEGUM=Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V.; www.degum.de, d. Red.

6 Darunter sind 49 Gynäkologen, die zwar über keine DEGUM II- oder III-Zertifizierung verfügen, aber dennoch in Schwerpunkteinrichtungen für PND tätig sind. Bei der Auswertung einiger Fragen wurde diese Gruppe zu den Pränataldiagnostikern mit Zertifizierung DEGUM II oder III gerechnet.

 

Literatur

Deutscher Bundestag (2009): Drucksache 16/12970 vom 11.5.2009, Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, S. 1–28

Rummer, A./Horstkötter, N./Woopen, C. (2011): Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch: Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg. Dtsch Ärztebl 2011; 108(38): A 1960-3

Woopen, C./ Rummer, A. (2009): Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch: Pflichten der Ärzte und Ansprüche der schwangeren Frauen. MedR 2009; 27: 130–138

Woopen, C./ Rummer, A. (2010): Pränatale Diagnostik und Schwangerschaftsabbruch: Kooperation zwischen Ärzten, Beratungsstellen und Verbänden. Dtsch Ärztebl 2010; 107(3): A-68/ B-58/ C-58

Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.

Autoren

Nina Horstkötter

Nina Horstkötter arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Projekt »Interdisziplinäre und multiprofessionelle Beratung bei Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch (§imb-pnd)« an der Forschungsstelle Ethik des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Uniklinik Köln.

 

Dipl.Kffr. Andrea Roth
Andrea Roth arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Interdisziplinäre und multiprofessionelle Beratung bei Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch (§imb-pnd)« an der Forschungsstelle Ethik des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Uniklinik Köln.

Dr. jur. Anne Rummer
Anne Rummer arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Interdisziplinäre und multiprofessionelle Beratung bei Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch (§imb-pnd)« an der Forschungsstelle Ethik des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Uniklinik Köln.

Dr. jur. Anne Rummer
Anne Rummer arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Interdisziplinäre und multiprofessionelle Beratung bei Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch (§imb-pnd)« an der Forschungsstelle Ethik des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Uniklinik Köln.

 

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