Sexualaufklärung in Deutschland

Dieser Beitrag bietet einen Überblick über die Situation der Sexualaufklärung in Deutschland. Er informiert über Zuständigkeiten und Konzeptionen, die zentrale Rolle der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, sexualpädagogische Hochschularbeit, schulische und außerschulische Sexualerziehung sowie die Aspekte Professionalisierung und Qualitätssicherung.

Begriffe und Zuständigkeiten im politischen und wissenschaftlichen Diskurs

Der Begriff Sexualaufklärung im Titel ist die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Deutschland benutzte Übersetzung des englischen Begriffs Sexuality Education und meint ein umfassendes, innerhalb der sexuellen Gesundheit und Rechte verankertes, ganzheitliches Konzept: »Sexualaufklärung ist entwicklungsbegleitend, kultursensibel und geschlechtersensibel angelegt. Sie informiert fachlich fundiert über alle Aspekte menschlicher Sexualität und über den Zugang zur Beratung und Hilfe. Eine Sexualaufklärung, die auf Menschenrechten, Geschlechtergerechtigkeit, Respekt und Verantwortung sowie der Anerkennung von Vielfalt basiert, vermittelt Werte und Haltungen in Bezug auf Sexualität, Verhütung und tragfähige Beziehungen.« (Winkelmann 2011, S. 37 in diesem Heft) Sexualaufklärung wird hier synonym benutzt mit dem in der deutschen Fachliteratur geläufigeren Begriff »Sexualerziehung«, der wörtlichen Übersetzung des international gebräuchlichen Begriffs »Sexuality Education«.

Damit ist gleich zu Beginn eine besonders in Deutschland sehr heftig ausgetragene, auch verfassungsrechtlich relevante Auseinandersetzung zwischen den Rechten von Elternhaus und Staat beziehungsweise schulischem Bildungsauftrag angesprochen, die sich an diesem Kernthema menschlicher Entwicklung immer wieder entzündete. Die »eigentliche« Sexualerziehung, in der unter anderem die »ethischen, sozialen, psychologischen, hygienischen und ökonomischen Probleme der Partnerschaft und Ehe behandelt« werden, gehörte ursprünglich zu dem natürlichen Erziehungsrecht der Eltern (KMK-Empfehlung 1968; BVerfGE 47, 46, 67). Dem Staat wurde in den 1970er-Jahren im Rahmen der schulischen Sexualkunde vornehmlich die Sexualaufklärung als Wissensvermittlung zugedacht, allerdings auch Teile der »eigentlichen Sexualerziehung«, bei der die Eltern jedoch »die gebotene Zurückhaltung und Toleranz bei der Durchführung« verlangen konnten (BVerfGE 47, 46, 77; dazu genauer: Barabas 2008).

Da den Schulen aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung inzwischen ein verstärkter Erziehungsauftrag zukommt, ist in den neueren Landesgesetzen und Richtlinien nicht mehr nur von Sexualkunde, sondern durchaus von Sexualerziehung die Rede. Auf der Bundesebene darf sich der Staat jedoch nicht in die Gestaltung der schulischen Bildung und Erziehung einmischen, so dass das länderübergreifende Schwangerschaftskonfliktgesetz (SchKG) den Begriff der Sexualaufklärung verwendet, ohne damit jedoch wieder auf reine Wissensvermittlung beschränkt zu sein. Dieser Aufhebung der pädagogisch ohnehin nicht zu begründenden Trennung von Erziehung und Aufklärung als Wissensvermittlung entspricht auch die Entscheidungspraxis der Gerichte in Deutschland. »Alle Anstrengungen, Sexualerziehung wieder auf ein biologisches Niveau abzusenken, wurden von den Gerichten abgewiesen.« (Barabas 2008, S. 519) So kommentierte das Urteil des BVerfG von 1993 zum § 218 StGB den Artikel 1, § 1 des SFHG und damit den Begriff Sexualaufklärung folgendermaßen: »Sie muss demnach mehr sein als nur Wissensvermittlung über biologische Vorgänge und die Technik der Verhütung, sie muss emotional ansprechend sein und die vielfältigen Beziehungsaspekte, Lebensstile, Lebenssituationen und Werthaltungen berücksichtigen.« (BverfG-Urteil vom 28. 5. 1993, Leitsatz 10, S. 82)

Mit dieser inhaltlichen Füllung ist Sexualaufklärung mit dem fachwissenschaftlich dominant verwendeten Begriff der Sexualerziehung identisch. Dennoch sind manche aktuellen Probleme der Etablierung von Sexualerziehung in Deutschland nicht ohne diesen Hintergrund zu verstehen. Immer wieder werden die schulische Sexualerziehung und erst recht manche Projekte der Sexualaufklärung auf Bundesebene von vorwiegend religiös geprägten Elterninitiativen und Interessenorganisationen mithilfe einiger Medien und juristischen Klagen angegriffen und – zumindest zeitweise – behindert (Sielert 2010, S. 241f.).

In der fachwissenschaftlichen Debatte in Deutschland wird mit einem differenzierteren Vokabular gearbeitet, um Praxis und Theorie, Sozialisation, Aufklärung, Erziehung, Bildung und Beratung gesondert bezeichnen zu können: Sexualpädagogik ist eine Teildisziplin der Pädagogik, die sowohl die sexuelle Sozialisation insgesamt als auch die zielgerichtete erzieherische Einflussnahme auf die Sexualität von Menschen erforscht und wissenschaftlich reflektiert. Im Mittelpunkt der Sexualerziehung stehen intentional gelenkte Lernprozesse, während sexuelle Sozialisation auch unabhängig von Sexualerziehung stattfindet, so etwa durch unbedachte alltägliche Selbstverständlichkeiten, mediale Einflüsse und positiv oder negativ empfundene Irritationen der sexuellen Identität im Laufe der persönlichen Entwicklung. Da sich Pädagogik in neuerem Verständnis auf alle Lebensbereiche bezieht, kann auch die Lebenswelt von Erwachsenen und alten Menschen zum Gegenstandsbereich der Sexualpädagogik gerechnet werden. Mit Sexualaufklärung oder auch Sexualkunde wird der Versuch bezeichnet, sich auf Fakten und Zusammenhänge zu allen Themen menschlicher Sexualität zu konzentrieren und diese mehr oder weniger zielgruppenorientiert zur Verfügung zu stellen. Inwiefern eine solche wertfreie Informationsvermittlung möglich und sinnvoll ist, wird aus verschiedenen wissenschaftstheoretischen Positionen heraus unterschiedlich bewertet (Sielert 2005).

Aktuelle theoretische und konzeptionelle Tendenzen

In Analogie zur politischen Debatte existierte auch im fachwissenschaftlichen Bereich in der Geschichte der Sexualpädagogik eine heftige Auseinandersetzung zwischen Vertreterinnen und Vertretern

  1. einer normativen, christlich-konservativ gefärbten Pädagogik (z.B. von Martial 1991; Meves 1992), die Sexualerziehung als Ehevorbereitung auf Familie und Kirche beschränken wollte,
  2. einer kritisch-emanzipativen Erziehungswissenschaft (z.B. Kentler 1970; Koch/Lutzmann 1989; Glück/Scholten/ Strötges 1990), die eine selbstbestimmte Sexualität als Ziel aller öffentlichen Erziehung proklamierte,
  3. sowie einer empirisch-analytischen Richtung (z.B. Maskus 1979; Kluge 1976), die sich einer wertfreien Sexualaufklärung verpflichtet fühlte und die schulische Sexualerziehung darauf festzulegen versuchte.

Diese, um die sogenannte sexuelle Revolution der 1960erund 1970er-Jahre herum ideologisch aufgeladene Debatte beruhigte sich in den 1980er-Jahren. Durch den zunehmend sachlicher geführten Diskurs und die sexualwissenschaftliche Forschung angesichts der Problemthemen der späten 1980erJahre (Geschlechterverhältnis, HIV-Infektion und AIDS, sexuelle Gewalt, Pornografie) wie auch der Festschreibung sexueller Rechte auf internationaler Ebene entstanden in den letzten 20 Jahren diverse theoretische Konzepte, die sich noch in Nuancen unterscheiden, im Wesentlichen aber dem Verständnis von »Sexuality Education« im Sinne der oben genannten Definition entsprechen, wie sie 2010 auch von der WHO Europe und der BZgA formuliert wurde (Bartholomäus 1993; Valtl 1998; Milhoffer 2000; Etschenberg 2000; Sielert 2005).

Die meisten wissenschaftlich ernst zu nehmenden Konzepte sind heute sexualfreundlich, bejahen verschiedene Formen der Empfängnisregelung, betonen die Kultivierung der Identitäts-, Beziehungs-, Lust- und Fruchtbarkeitsfunktion von Sexualität, die Gleichwertigkeit verschiedener sexueller Orientierungen und die Flexibilisierung der Geschlechtsrollen. Zunehmend wird auch die »dunkle Seite der Sexualität« (Pornografie, Prostitution, Gewalt) in die sexualpädagogische Theoriebildung mit einbezogen. Anlässlich dieses Themas entwickelt sich gegenwärtig eine neue, vor allem wieder politisch akzentuierte Differenz zwischen jenen Konzepten, die Sexualerziehung überwiegend zur Verhinderung gesellschaftlicher Risiken entwerfen (z.B. IPTS 1994) und einer weniger auf Gefahren bezogenen umfassenden Gesundheitserziehung (BZgA 2001, WHO Europe/BZgA 2010) und sexuellen Bildung (Valtl 2008).

Politisch ist diese Differenzierung insofern akzentuiert, als die meisten sexualpädagogischen Programme finanziell von politischen Entscheidungen abhängig sind, die vornehmlich die Prävention gesellschaftlicher und persönlicher Probleme zum Ziel haben. Insofern kann es nicht verwundern, wenn die sexualpädagogische Praxis finanziell von definierten Risiken profitiert und die Theorie und Konzeptentwicklung immer in der Gefahr steht, ihre Ziele, Inhalte und Methoden auf Präventionskurs zu bringen. Das gilt vornehmlich für den Bereich der Erziehungshilfe, die den weitaus größten Bereich der außerschulischen Jugendhilfe ausmacht. Die BZgA fungiert als WHO-Kollaborationszentrum für sexuelle und reproduktive Gesundheit und ist damit in der Lage, ihre sexualpädagogisch relevante Arbeit in den größeren Zusammenhang einer umfassenden Sexualaufklärung als Menschenrecht zu stellen. Sie ist im nationalen Kontext jedoch von der finanziellen Ausstattung aufgrund des Schwangerschaftskonfliktgesetzes (SchKG) abhängig und muss ebenfalls auf Gefahren und Problemlagen reagieren, die seitens der Politik und des Gesetzgebers erkannt und auf die Agenda gesetzt werden. Allein die Schule könnte sich mit ihrem allgemeinen Erziehungs- und Bildungsauftrag einer Sexualerziehung widmen, die weder der Gefahrenabwehr dient noch allein der Gesundheitsbildung untergeordnet werden muss. Dass auch sie politischen Vorgaben der jeweiligen Länderministerien Folge leisten muss, zeigt mit deutlicher Regelmäßigkeit die Analyse der Richtlinien und Lehrpläne zur Sexualerziehung der einzelnen Bundesländer (BZgA 2004). Allein die wissenschaftliche Forschung zur Sexualpädagogik an den Hochschulen ist aufgrund der verbrieften Wissenschaftsfreiheit annähernd in der Lage, ohne Instrumentalisierung für bestimmte politische Zwecke die Theorie- und Konzeptbildung voranzubringen.

So begann vor einigen Jahren in der Sexualpädagogik als Wissenschaft eine Debatte um ihre Weiterentwicklung beziehungsweise Ergänzung um ein Konzept der sexuellen Bildung als »Formung und zunehmend Selbstformung der Person durch aktive Weltaneignung« (Valtl 2008, S. 128). Ob von einem Paradigmenwechsel die Rede sein kann, wird sich in Zukunft noch zeigen müssen, weil vieles davon mit der bisher professionell entwickelten Sexualpädagogik und Sexualaufklärung gemäß den WHO-Standards identisch ist. Die wesentlichen Besonderheiten bestehen jedoch darin, dass die persönliche Sexualentwicklung stärker in die Eigenregie der Subjekte gelegt und deren lebensweltlich je besonderer Eigensinn betont wird. Dabei geht dieser Ansatz über Prävention und die Vermittlung grundlegender sexueller Kompetenzen hinaus. Sexualität wird als Lebensenergie in allen ihren Ausdrucksformen, auch ihrer Lustfunktion, nicht nur zugelassen, sondern ausdrücklich bejaht und kultiviert. Der oft in Anspruch genommene Grundsatz der Persönlichkeitsstärkung wird insofern ernst genommen, als die Menschen dazu befähigt werden, ihre sexuelle Lebensenergie in Eigenregie zum persönlichen »Empowerment« zu nutzen und sie nicht stets angesichts drohender Gefahren normieren zu müssen (Valtl 2008).

Sexualerziehung in den Institutionen des Erziehungs- und Bildungswesens

Sexualaufklärung, Sexualerziehung und vor allem sexuelle Bildung werden in Deutschland zunehmend als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe verstanden und praktiziert, die nicht nur einer Institution zugewiesen werden kann. Im Mittelpunkt stehen bisher die institutionalisierten Erziehungs und Bildungsinstitutionen der Schule und Jugendhilfe. Einbezogen werden aber zunehmend auch Einrichtungen der Erwachsenenbildung, des Gesundheitswesens, öffentliche Medien und Kommunikationskanäle des Internets, mit denen auch die informellen Freizeit- und Freundschaftsnetze erreicht werden. Zunehmend wird der Vorteil interinstitutioneller Synergieeffekte wahrgenommen, werden einzelne Einrichtungen mit ihren jeweiligen Schwerpunkten untereinander vernetzt.

Die Familie hat die Möglichkeit, bei Kindern und Jugendlichen die emotionale Grundlage des »unbedingten Angenommenseins« zu schaffen, ohne die sexuelle Identität nur schwer entwickelt werden kann. Als »Interpretationsgemeinschaft« ermöglicht sie Kindern und Jugendlichen erste Orientierungen im Umgang mit inneren und äußeren Einflüssen auf das sexuelle Erleben.

Nicht immer kann die Familie diese Aufgaben in optimaler Weise wahrnehmen, so dass diverse familienunterstützende und -ergänzende, manchmal auch familienersetzende Maßnahmen der Jugendhilfe erforderlich werden. Im Kinder- und Jugendhilfegesetz (Sozialgesetzbuch, SGB VIII) ist ein umfassender und detaillierter Erziehungsauftrag formuliert, der auch den Rahmen für Sexualpädagogik, -aufklärung und -beratung bildet. Im zweiten Kapitel (§ 11, Leistungen der Jugendhilfe) werden die Aufgaben für die relevanten Bereiche aufgeführt: Mädchen- und Jungenarbeit, Jugendberatung und außerschulische Jugendbildung. Die sexualpädagogische Prävention sexueller Gewalt kann sich auf § 14 des SGB VIII stützen.

Insbesondere Familienbildungsstätten und Kindergärten ermöglichen sowohl den Kontakt zu den Eltern als auch eine eigenständige Arbeit mit den Kindern zu den spezifischen Themen kindlicher Sexualität. Einrichtungen der Erziehungshilfe erreichen vor allem Jugendliche mit sexuellen Identitätskonflikten, die einer besonderen sexualpädagogischen Förderung, oft auch Resozialisation und systematischen Resilienzförderung bedürfen (Winter 2008). Außerschulische Jugendarbeit erreicht zwar nicht alle Jugendlichen, hat aber aufgrund der Strukturmerkmale der Freiwilligkeit, Flexibilität, Pluralität und Methodenvielfalt viele Chancen zu einer ganzheitlichen, auch die emotionalen Bereiche mit einbeziehenden, multisinnlichen, interkulturellen und geschlechtsbewussten Sexualerziehung (Sielert 2011). In spezifischen Projekten für Jugendliche mit Migrationshintergrund werden die besonderen Anforderungen einer interkulturellen sexualpädagogischen Arbeit herausgearbeitet (Kunz/Wronska 2001). Über die Implementation sexualerzieherischer Maßnahmen in die Regeleinrichtungen der organisierten Erziehung hinaus haben sich Sexualerziehung und pädagogische Sexualberatung zu einem eigenständigen Handlungsfeld entwickelt: Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung, Angebote zu sexualitätsrelevanten Themen in Einrichtungen der Jugend-, Familien- und Lebensberatung, Gesundheitsämtern und Landeszentralen für Gesundheitserziehung (Sielert 2002) sowie sexuelle Bildung und Sexualaufklärung zu organisationsrelevanten Themen in Industriebetrieben, bei der Bundeswehr (BZgA 2001b) oder aktuell mit den Arbeitsagenturen (wie das laufende Projekt »komm auf Tour – meine Stärken, meine Zukunft« der BZgA, auf das weiter unten eingegangen wird).

Da einzelne Zielgruppen je unterschiedliche Informationsquellen bevorzugen, wurden in den letzten Jahren speziell von der BZgA diverse methodische Konzeptionen zur medialen und informellen Sexualaufklärung in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen entwickelt. Die Bedrohung der Bevölkerung durch AIDS führte in den 1980erJahren zur Erprobung zahlreicher komplexer Aufklärungsstrategien wie zum Beispiel der personalkommunikativen Präventionskampagne, von der viele nachfolgende Projekte profitierten. Da Jugendliche zu heiklen Themen der Sexualität erwiesenermaßen andere Jugendliche als Bezugsquelle für Informationen und als Gesprächspartner und -partnerinnen wählen, wurden Modellprojekte zur Peer-Education entwickelt und erprobt (BZgA 2001a). Die Inanspruchnahme von Beratungstelefonangeboten des Kinder- und Jugendschutzes und anderer Träger führte zur Entwicklung spezifisch sexualpädagogischer Beratungskonzepte und deren Weitergabe in entsprechenden Fortbildungen für Telefonberaterinnen und -berater. Die Tatsache, dass Jugendliche die meisten Informationen zu aktuellen sexuellen Themen den Jugendzeitschriften entnehmen, veranlasste einige Träger der Gesundheitsförderung, Konzepte der Zusammenarbeit von sexualpädagogischen Fachkräften und den Redaktionen der Zeitschriften zu erproben. Um ganzheitliches wertorientiertes Lernen zu ermöglichen und entsprechende Diskurse in der pädagogischen Arbeit anzuregen, entwickelten verschiedene Bundes- und Landesstellen audiovisuelle Medien. Für die elektronischen Medien wurde Software mit sexualpädagogisch intendierten Programmen erarbeitet, um speziell Jungen zu erreichen. Sexualpädagogik wurde auf diese Weise zu einem modernen Anregungsbereich für neue pädagogische Konzepte und Medien, die auch in anderen Sektoren Bedeutung erlangen können. Als Beispiel seien www.loveline.de als laufendes Angebot der BZgA im Bereich Neue Medien1 und Sextra der pro familia-online-Sexualberatung genannt, die von Jugendlichen zunehmend akzeptiert werden.

Ein weiteres neu entwickeltes Medium, um leseungewohnte Kinder und Jugendliche zu erreichen, ist die Broschürenreihe »sex ‘n’ tipps« zu den Themen »Verhütung«, »Jungenfragen« und »Mädchenfragen«. Die Leporellos im Taschenformat antworten kurz, prägnant und in einfacher Sprache auf zentrale Fragen.

Neben diesen vielfältigen sexualpädagogisch relevanten Handlungsfeldern ist die Schule aufgrund ihrer gesellschaftlichen und bildungspolitischen Bedeutung für die Sexualerziehung in Deutschland von besonders großer Bedeutung. Wie bereits eingangs beschrieben, ist sie in allen Bundesländern als Teil des Erziehungs- und Bildungsauftrags anerkannt, in den jeweiligen Schulgesetzen sowie Lehrplänen und (in den meisten Bundesländern) auch in Richtlinien ausformuliert. Insofern kann behauptet werden, dass sich Sexualerziehung in der Schule inzwischen fest etabliert hat und flächendeckend durchgeführt wird. Laut Auskunft der Schülerinnen und Schüler werden die Lehrkräfte allerdings weniger als Ansprechpartner für intime Fragen in Anspruch genommen – hier sind die Eltern und Freunde stärker gefragt –, sondern eher zur Wissensvermittlung. In dieser Hinsicht werden sie vor allem von Jungen, ganz besonders von Jugendlichen mit Migrationshintergrund geschätzt, die sonst kaum andere Möglichkeiten haben, in persönlicher Kommunikation mit anderen Vertrauenspersonen zu reden (BZgA 2011, S. 40). Insofern ist es für diese zuletzt genannte Gruppe von Bedeutung, dass die Schulpflicht auch die Teilnahme am Sexualkundeunterricht einschließt, so dass eher skeptisch eingestellte Eltern ihre Kinder nicht vom Unterricht fernhalten können. Trotz dieser insgesamt positiven Funktion der Schule gibt es keine Grundlagenforschung zu der Frage, in welchem Umfang Sexualerziehung durchgeführt wird. Auch über die tatsächliche Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben, Richtlinien und Lehrpläne ist wenig bekannt. Die Ausbildung der Lehrpersonen an den zuständigen Hochschulen ist erwiesenermaßen lückenhaft, so dass auch die Praxis den Vorgaben und erzieherischen Erfordernissen nur unzureichend gerecht wird (BZgA 2011). 

Neuere Entwicklungen im deutschen Bildungswesen gehen jedoch in die Richtung, dass zunehmend Ganztagsschulen eingerichtet werden, vereinzelt auch Bildungslandschaften, in denen die Schule sich anderen Erziehungs und Bildungseinrichtungen im Sozialraum öffnet und mehr Kooperation ermöglicht. Schon jetzt leisten die Sozialpädagoginnen und -pädagogen von pro familia und anderen, auch kirchlich gebundenen Trägern in vielen Schulen punktuell wichtige sexualerzieherische Arbeit. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich solche Formen der Zusammenarbeit in Zukunft noch verstärken werden, sodass auch im schulischen Kontext eine umfassendere Sexualerziehung und -aufklärung als bisher stattfinden wird.

Zum Stand der sexualpädagogischen Profession in Deutschland

Wie bereits an verschiedenen Stellen dieses Überblicks deutlich wurde, hat die BZgA als einzige Bundesinstitution durch das Schwangerschaftskonfliktgesetz die Möglichkeit, auf sexualpädagogische Erfordernisse zu reagieren und neue Strategien umzusetzen. Sie ist beauftragt, Konzepte und Medien für Sexualaufklärung zu entwickeln. Dabei ist sie verpflichtet, mit den Bundesländern und anderen relevanten Trägerverbänden zusammenzuarbeiten. Als Länder- und auch Handlungsfeld übergreifende Institution hat sie die bereits ausführlich umgesetzte Möglichkeit, Forschungsaufträge zu vergeben, Konzepte zu erstellen, Materialien zu entwickeln und Kooperationen zwischen allen gesellschaftlichen Institutionen anzuregen, die der Sexualaufklärung als Querschnittsaufgabe gerecht werden. Dabei wird die Länderhoheit im schulischen Erziehungs- und Bildungswesen wie auch die Eigenständigkeit der anderen Träger von Sexualaufklärung gewahrt. Auf diese Weise hat die BZgA zusammen mit anderen Forschungseinrichtungen, Fachverbänden und Ausbildungsstätten die Professionalisierung der Sexualpädagogik in Deutschland stark unterstützt. Qualifizierungsmaßnahmen im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen allgemein können zum Beispiel auf das Rahmencurriculum »Sexualpädagogische Kompetenz« zurückgreifen, das aus Modellprojekten der BZgA hervorgegangen ist (BZgA 2001).  

Nicht alle Projekte der vergangenen Jahre können hier Erwähnung finden.2 Als aktuelles Beispiel sei hier stellvertretend der »Erlebnisparcours« »komm auf Tour – meine Stärken, meine Zukunft« genannt, eine Kooperation der BZgA mit lokalen Arbeitsagenturen. Bei dem personalkommunikativen Projekt unterstützt die BZgA seit 2006 Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse dabei, sich auf spielerische Weise mit den eigenen Stärken und ihrer privaten wie beruflichen Zukunftsgestaltung auseinanderzusetzen. Dieses Angebot zur Berufsorientierung und Lebensplanung bezieht Schulen, Eltern und regionale Institutionen mit ein.3

Sexualpädagogik als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft befindet sich zurzeit im Wissenschaftssektor noch in der Konsolidierungsphase. Die zaghaften Versuche, vorhandene Zusammenschlüsse von Sexualpädagoginnen und Sexualpädagogen als Kristallisationspunkte für den Theorie-Praxistransfer zu reformieren (Deutsche Gesellschaft für Geschlechtserziehung – DGG und pro familia) finden bisher kaum eine Entsprechung im universitären Zusammenhang der Erziehungswissenschaft. So existiert bis zum heutigen Zeitpunkt keine Professur für Sexualpädagogik an bundesdeutschen Universitäten. Die Fachhochschule Merseburg hat jedoch seit 2001 ein berufsbegleitendes integriertes Studium eingerichtet, bestehend aus einem Masterstudiengang und zwei Weiterbildungsstudiengängen zur Sexualpädagogik und Familienplanung. An der Universität Kiel kann Sexualpädagogik als Schwerpunkt im Bachelor- und Masterstudium in Pädagogik gewählt werden. Meist handelt es sich bei den Qualifizierungsmöglichkeiten in Deutschland aber um berufsbegleitende Weiterbildungen an spezialisierten Instituten wie etwa die Ausbildung zum Sexualpädagogen und zur Sexualpädagogin am bundesweit arbeitenden Institut für Sexualpädagogik mit seinem Sitz in Dortmund (isp) oder beim pro familia-Bundesverband.

Seit 1998 existiert die Gesellschaft für Sexualpädagogik (GSP) mit Sitz in Kiel, die von Hochschullehrerinnen und -lehrern und sexualpädagogisch ausgebildeten Praktikerinnen und Praktikern getragen wird. Die Gesellschaft fördert Veröffentlichungen, organisiert Fachtagungen, berät politische Gremien und treibt die Professionalisierung der Sexualpädagogik voran. So wird die bisher noch nicht geschützte Berufsbezeichnung »Sexualpädagogin/Sexualpädagoge« seit 2008 von der GSP mit einem Gütesiegel versehen, das aufgrund definierter Ausbildungsstandards vergeben wird.

Mit der nicht abreißenden öffentlichen Skandalisierung sexueller Gewalt in pädagogischen Institutionen und angesichts der Bemühungen dreier Bundesministerien um eine verbesserte Prävention am Runden Tisch gegen den sexuellen Kindesmissbrauch ist zu vermuten, dass die Bedeutung der Sexualpädagogik in Deutschland zunimmt. Dabei bleibt jedoch kritisch zu beobachten, ob sich die sexualpädagogische Profession gegenüber einer reinen Präventionspädagogik behaupten kann. 

 

Fußnoten

1 Das Internetportal bietet Jugendlichen seriöse, fachlich korrekte Informationen zu den Themen Liebe, Partnerschaft, Sexualität und Verhütung. Es wird u.a. durch Flyer und Postkarten beworben. Zudem bietet es Lehrenden unter www.schule.loveline.de Hintergrundinformationen zur Vorbereitung des Sexualerziehungsunterrichts.
2 Zu den Medien, Materialien, Projekten und Studien der BZgA siehe www.bzga.de
3 Im FORUM Sonderheft »Teenagerschwangerschaften aktuell« 2011 wird das Projekt ausführlich vorgestellt. Dieses Sonderheft steht ausschließlich als PDF-Datei zur Verfügung: www.forum.sexualaufklaerung.de

 

Literatur

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BZgA – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2001a): Peer Education. Ein Handbuch für die Praxis. Köln
BZgA – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2001b): Partnerschaftlich handeln. Ein Baustein für TrainerInnen und AusbildnerInnen. Köln
BZgA – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2004): Richtlinien und Lehrpläne zur Sexualerziehung. Eine Analyse der Inhalte, Normen, Werte und Methoden zur Sexualaufklärung in den sechzehn Ländern der Bundesrepublik Deutschland. Forschung und Praxis der Sexualaufklärung. Köln
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von Martial, I. (1991): Geschlechtserziehung in der Schule. Pädagogik und freie Schule. Heft 43, Köln
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Autoren

Prof. Dr. Uwe Sielert

Professor Dr. Uwe Sielert ist seit 1992 Professor für Sozialpädagogik am Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Sexualpädagogik (GSP) sowie wissenschaftlicher Beirat des Instituts für Sexualpädagogik (isp). Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte sind Jugendhilfe und Schule, sozialpädagogische Aus- und Fortbildungsdidaktik, Sexualerziehung und Geschlechterpädagogik sowie Pädagogik der Vielfalt.

 

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