Beziehungs- und Sexualkunde in England. Was müssen Schulen unterrichten?

Fragt man in England¹ zwei Menschen: »Ist Sexualerziehung an den Schulen verpflichtend?«, kann es sein, dass man zwei völlig gegensätzliche Antworten bekommt. Es herrscht viel Verwirrung bei der Frage, was gesetzlich vorgeschrieben ist, und bei der Qualität schulischer Angebote ist die Bandbreite groß. Die Autorin analysiert, welche Barrieren einer ganzheitlichen, verbindlichen Sexualaufklärung entgegenstehen und diskutiert Strategien zur Verbesserung.

Schon allein die in England gebräuchliche Terminologie ist verwirrend: Der Begriff »Sexualerziehung« [»sex education«] wird in Gesetzestexten benutzt und in erster Linie als Aufklärung über HIV, AIDS und andere sexuell übertragbare Krankheiten definiert. Darüber hinaus sollen Schulen die Aspekte der Sexualerziehung vermitteln, die im »National Curriculum for Science« enthalten sind. Dazu gehören vor allem die biologischen Aspekte der Pubertät und der Fortpflanzung.

Befürworterinnen und Befürworter eines breiter angelegten, umfassenderen Konzepts, das über die biologischen Grundlagen hinausgeht, differenzieren zwischen der nur minimale Bereiche abdeckenden Sexualerziehung und dem breiteren Konzept der »Sexual- und Beziehungskunde« [»Sex and Relationship Education – SRE«]. Das Sex Education Forum2 definiert SRE als »Lernen über die emotionalen, sozialen und körperlichen Aspekte des Heranwachsens, der Beziehungen, der menschlichen Sexualität und der sexuellen Gesundheit«. In manchen Teilen Englands bevorzugt man den Begriff »Beziehungs- und Sexualerziehung« [»Relationships and Sex Education – RSE«], um zu zeigen, dass die Betonung in erster Linie auf den Beziehungen und erst dann auf der Sexualität liegt. Weiter kompliziert wird die Lage dadurch, dass SRE häufig im Rahmen eines Schulfachs gelehrt wird, das »Persönliche, soziale, gesundheitliche und ökonomische Erziehung« [»Personal, Social, Health and Economic Education – PSHE«] genannt wird.

Schulen haben keine rechtliche Verpflichtung, die breiter angelegte SRE zu unterrichten – doch muss jede Schule ein Konzept für die Sexualerziehung haben, in dem erklärt wird, was dem eigenen Beschluss nach gelehrt werden soll und was nicht. Darüber hinaus hat die Regierung Richtlinien für die SRE herausgegeben, die Ratschläge zu Lehrmethoden sowie den Umgang mit besonderen Themen wie Pubertät, Kontrazeption und sexuelle Orientierung geben und die Schulen ermutigen sollen, die Frage der Beziehungen in den Unterricht einzubeziehen.

Die Gesetzgebung gibt auch vor, dass Sexualerziehung so unterrichtet werden soll, dass die Schülerinnen und Schüler »das Wesen der Ehe und ihre Bedeutung für das Familienleben und das Aufwachsen von Kindern« erkennen sowie vor »unangemessenen Inhalten und Materialien geschützt bleiben« (Great Britain. Learning and Skills Act 2000). Unter diesen Voraussetzungen mag es nicht überraschen, dass an vielen Schulen angesichts dessen, was gelehrt werden soll, Verwirrung und häufig auch eine gewisse Nervosität vorherrschen.

Hinzu kommt, dass der Begriff »sexuality education« in England, anders als in anderen Ländern, nicht übernommen wurde. Dies mag teilweise daran liegen, dass »sexuality« im Alltagsgebrauch häufig im verengten Sinne mit »sexueller Orientierung« gleichgesetzt wird. Eine praktikable Terminologie wäre jedoch gerade für England äußert wichtig – für eine Nation, die oft nur ungern über Sexualität spricht und dennoch zunehmend die Notwendigkeit verspürt, der nächsten Generation Wissen über Sexualität und Beziehungen mit auf den Weg zu geben.

Was geschieht in den Schulen?

In Hinblick auf die Qualität der SRE herrscht in englischen Schulen große Uneinheitlichkeit. In einigen fehlt das Fach völlig oder ist auf eine einmalige Unterrichtsstunde begrenzt, an anderen gibt es einen regelrechten Lehrplan, der Jahr für Jahr aufeinander aufbaut und dem gemäß ein wöchentlicher Unterricht im Stundenplan vorgesehen ist.

Im Allgemeinen wird mit größerer Wahrscheinlichkeit über die biologischen Aspekte der Sexualität informiert als über Beziehungsfragen. Eine Umfrage unter 1700 jungen Menschen ergab, dass 92% im Unterricht etwas über die »Biologie von Sexualität und Reproduktion«, aber nur 21% etwas über »Fähigkeiten im Umgang mit Beziehungen« gelernt hatten (Sex Education Forum 2008a).

 Tab. 1 »Denke an die Sexual- und Beziehungskunde (SRE), die du in der Schule hattest. War sie ...«

Einigen Schulen mangelt es sogar an Unterricht über die wenigen Aspekte des Curriculums, die eigentlich verpflichtend sind. In einer neueren Umfrage stellte sich heraus, dass einer von vier jungen Menschen nichts über HIV und AIDS in der Schule gelernt hatte (Sex Education Forum 2011) – und dies trotz der Tatsache, dass alle weiterführenden Schulen3 gesetzlich verpflichtet sind, hierüber zu informieren.

Wurde um eine Einschätzung der Qualität der SRE gebeten, bezeichnete allerdings kaum einer von drei jungen Leuten (28%) diese als »schlecht« oder »sehr schlecht« (Sex Education Forum 2011).

Die Schulbehörde Ofsted (»Office for Standards in Education, Children’s Services and Skills«), die in England für die Inspektion von Schulen zuständig ist, hat wiederholt auf die ungleiche Erteilung von SRE an englischen Schulen hingewiesen. Kürzlich besuchte Ofsted 92 Grundschulen4 und stellte fest, dass in vielen Fällen das Thema des Heranwachsens (»growing up«) bis zum letzten Jahr der Grundschule, in dem die Kinder bereits 10 oder 11 Jahre alt sind, nicht ausreichend besprochen oder gelehrt worden war (Ofsted 2010). Ofsted besuchte auch 73 weiterführende Schulen und bezeichnete den SRE-Unterricht in 48 Schulen als »gut oder hervorragend«, in 22 als »zufriedenstellend« und in drei Schulen als »unzureichend«.

Die Jugendlichen und Ofsted sind in einer Hinsicht gleicher Meinung: SRE wird oft zu wenig und zu spät unterrichtet und es ist zu stark biologisch orientiert. Das Ungerechte an dieser Situation fasst eine der befragten Personen wie folgt zusammen: »Es ist nicht fair, dass an verschiedenen Schulen unterschiedliche Dinge erzählt werden – und an manchen gar nichts!« Eine externe Einschätzung zur Umsetzung der UNCRC (»United Nations Convention on the Rights of Children«) in Großbritannien durch die UN-Kommission für Kinderrechte sprach von Unzulänglichkeiten und empfahl, »dass die staatlichen Stellen ihre Bemühungen intensivieren, damit Jugendliche angemessene Angebote der Aufklärung in allen Fragen der reproduktiven Gesundheit erhalten, so auch im Unterricht an den Schulen« (UNCRC 2008, S. 14). 

Gibt es an den Schulen Unterstützung für SRE?

Tatsächlich gibt es für das Angebot von SRE an englischen Schulen starke Unterstützung von Eltern, Schulleitungen und Lehrenden. Die meisten Eltern (84%) meinen, dass Schule UND Elternhaus beteiligt werden sollten. Nur ein kleiner Prozentsatz (6%) ist der Ansicht, dass Sexualerziehung nur in der Schule stattfinden sollte, 7% glauben, das Thema sollte nur im Elternhaus behandelt werden (Durex et al. 2010). Obgleich Eltern das Recht haben, ihre Kinder von der SRE zu beurlauben, wenn die Unterrichtsinhalte über das »National Curriculum Science« hinausgehen, lassen die Daten von Ofsted (2002) darauf schließen, dass weniger als 1% der Eltern von diesem Recht tatsächlich Gebrauch macht. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass viele Eltern ihre Rolle als Wissensvermittler in puncto Sexualität und Beziehungen nicht erfüllen, wie der folgende Kommentar illustriert:

»Die meisten Eltern halten die übliche ›Blumen und Bienen‹-Rede – und das, wenn sie meinen, es sei dazu an der Zeit, nicht wenn die Kinder dazu bereit sind. Das allein ist schon schräg genug, und dann ist es ihnen auch noch furchtbar peinlich und sie geben ganz schnell wieder auf!« (Antwort eines Teenagers im Rahmen einer Umfrage des Sex Education Forum 2008)

Die Stimmen der Kinder und Jugendlichen, die eine bessere SRE fordern, sind in den letzten Jahren immer lauter geworden. Junge Menschen nahmen auch einen wesentlichen Einfluss, als das britische Jugendparlament (»UK Youth Parliament«, UKYP) über 20000 junge Menschen nach ihren Erfahrungen mit der SRE befragte (UKYP 2007). Sein Bericht mit dem Titel »SRE: Are you getting it?« [»SRE: Bekommt ihr das?«] veranlasste die Regierung, eine Untersuchung über die SRE an englischen Schulen auf den Weg zu bringen. Der damals zuständige Minister beschrieb sie als »direkte Reaktion auf die von den jungen Menschen thematisierten Probleme« (DCSF 2008a).

Infolge der im Regierungsauftrag durchgeführten Untersuchung wurde ein Gesetzesvorschlag eingebracht, der die verpflichtende Einführung von PSHE (mit integrierter SRE) an den Schulen vorsah. Allerdings fand das geplante Gesetz in den Wochen vor den allgemeinen Wahlen im Jahr 2010 keine Mehrheit. Die neue Koalitionsregierung hat ihre Unterstützung für das Konzept der SRE erklärt und eingeräumt, dass »Kinder hoch qualifizierte Sexual- und Beziehungskunde brauchen, um kluge und fundierte Entscheidungen treffen zu können« (Department for Education 2010). Die neue Regierung plant jetzt eine weitere Untersuchung über PSHE (mit integrierter SRG), hat jedoch bisher noch keinen Willen zu einer Gesetzesänderung bekundet.

Welche Barrieren stehen einer qualifizierten SRE entgegen?

Angesichts der starken Unterstützung für eine qualifizierte SRE in den Schulen und im Elternhaus mag es überraschen, dass das Angebot so unterschiedlich ausfällt. Drei Barrieren, die einer qualifizierten SRE entgegenstehen, sollen im Folgenden näher beleuchtet werden. Die Aussagen stützen sich auf die Erfahrungen des Sex Education Forum, ergänzt durch persönliche Gespräche mit einer Reihe von Verantwortlichen aus den Medien, der Politik, der Lehrer- und Elternschaft sowie einer Vielzahl junger Menschen.

1. Missverständnisse über die Inhalte der SRE

Es herrscht ein beträchtliches Maß an Missverständnissen darüber, was die SRE in Schulen eigentlich genau umfasst. Weil der Begriff »Sex« oft im engen Sinne gleichbedeutend mit »Sexualverkehr« verwendet wird, ist die Besorgnis entstanden, SRE in Grundschulen würde bedeuten, »fünfjährigen Kindern beizubringen, wie man Sex hat«. Ein aktueller Bericht des Christian Institute mit dem Titel »Too much too young« [»Zu viel zu jung«] (2011) kritisiert kommunale Gremien und das Sex Education Forum für den Einsatz von Lehrmitteln, die als zu »explizit« empfunden werden. Dabei geht es vor allem um Lehrbücher mit Strichzeichnungen von nackten Männern und Frauen.

2. Angst vor einer »Sexualisierung« der Kinder durch die SRE

Manche Menschen befürchten, die SRE könnte Kindern »die Unschuld rauben« und sie zu sexuellen Aktivitäten ermuntern. Die Sorge, Kinder könnten schon in jungen Jahren zunehmend »sexualisiert« werden, findet ihren Niederschlag in der Tatsache, dass dazu eigenständige Untersuchungen in Auftrag gegeben wurden – eine im Jahr 2010 und eine weitere im Jahr 2011. Der Bericht des Christian Institute mit dem Titel »Too much too young« bringt die Besorgnis zum Ausdruck, »explizite« Lehrmittel könnten Kinder »sexualisieren«. In einem kürzlich von der Parlamentsabgeordneten Nadine Dorries (Mai 2011) vorgestellten »10 minute rule Bill« [»10-Minutenregel-Gesetz«] zur Sexualerziehung wurde die Einführung »erforderlicher Zusatzinformationen« über die Vorteile der Abstinenz von jeglicher sexuellen Aktivität für Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren vorgeschlagen. Die »Sexualisierung« von Kindern, insbesondere von Mädchen, stellte in der darauf folgenden Debatte ein Schlüsselthema dar.5

3. Mangelnde Kompetenz der Lehrenden

Die Qualität der SRE in den Schulen wird durch die mangelnde Kompetenz und Souveränität der Lehrenden eingeschränkt. Immer wieder berichten Jugendliche, ihre Lehrerinnen und Lehrer hätten peinlich berührt reagiert und Wissenslücken gezeigt (z.B. Sex Education Forum 2008a und 2011). Entsprechenden Studien über Lehrende in England haben die Aussagen über deren unzureichendes Wissen bestätigt. In einer Studie zeigten viele Lehrerinnen und Lehrer Unsicherheiten beim Erklären des Unterschieds zwischen HIV und AIDS und immerhin 6% der Befragten schafften es nicht, HIV als sexuell übertragbare Infektion einzuordnen (Westwood/Mullan 2007). Die Ausbildung der Lehrenden umfasst nicht notwendigerweise Inhalte der SRE und nur sehr wenige Lehrerinnen und Lehrer (3%) gaben an, SRE sei in ihrer Ausbildung (»Initial Teacher Training«) auf adäquate Weise behandelt worden (Sex Education Forum 2008b).

Institutionen, die eine qualifizierte SRE unterstützen

Freiwilliger Sektor und das Sex Education Forum

Schon seit Jahrzehnten gibt es im freiwilligen Sektor6 in England ein aktives Engagement für Verbesserungen bei der SRE. Das Sex Education Forum ist eine beim gemeinnützigen NCB (»National Children’s Bureau«) angesiedelte Dachorganisation. 1987 in einer Zeit stark negativer Einstellungen zur Sexualerziehung gegründet, ist es seitdem kontinuierlich gewachsen und hat sich in verschiedenen Phasen der kulturellen Verschiebungen und Politikwechsel dynamisch weiterentwickelt.

Das Sex Education Forum repräsentiert verschiedene Organisationen, die eine Überzeugung teilen: Alle Kinder und jungen Menschen haben das Recht auf eine qualifizierte SRE. Derzeit gibt es 55 Kernmitglieder – allesamt Organisationen aus dem freiwilligen Sektor in England. Diese Organisationen engagieren sich für eine große Bandbreite von Themen, darunter Kinder, Eltern und Familien, Behinderung, Bildung, Gesundheit, Glaube und gesellschaftliche Werte. Das Forum vertritt seine Mitglieder in der Politik und in den Medien und vertritt neutrale und ausgewogene Positionen. Die Mitglieder müssen einer Reihe von Werten und Prinzipien im Zusammenhang mit der SRE zustimmen. SRE sollte demnach

  1. präzise und sachlich sein sowie eine umfassende Bandbreite von Informationen über Sexualität, Beziehungen, gesetzliche Vorgaben und sexuelle Gesundheit als Basis fundierter Entscheidungen bieten. An den Schulen sollte sie zum verpflichtenden Lehrplan gehören;
  2. im Hinblick auf Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderungen, ethnische Herkunft, Kultur, Alter, Religion, Überzeugungen oder andere Lebenserfahrungen, insbesondere HIV-Status und Schwangerschaft, für eine positive Integration stehen;
  3. relevant sein und den Bedürfnissen von Kindern und jungen Menschen entsprechen, die aktiv in die Wissensvermittlung, Interessenvertretung und Qualitätsentwicklung einbezogen werden sollten.7

Das Sex Education Forum unterstützt seine Mitgliedsorganisationen durch die Bereitstellung aktueller Informationen über die Praxis und Umsetzung der SRE sowie über die wissenschaftliche Datenlage. Persönliche Treffen schaffen die Gelegenheit zur Vernetzung innerhalb des gesamten Sektors, regelmäßige Mitteilungen per E-Mail dienen als verlässliche Quelle von Informationen über allgemeine Neuigkeiten, aktuelle Forschungsergebnisse sowie Entwicklungen von Grundsätzen und Praxisansätzen. Kleinen Organisationen mit einem nur peripheren Interesse an SRE verhilft das Forum zur aktiven Teilhabe an der politischen Meinungsbildung. So nimmt das Sex Education Forum zum Beispiel an Expertenanhörungen der Politik teil. Alle Erklärungen tragen die Namen der 55 Mitgliedsorganisationen und unterstreichen so den Konsens bei der Unterstützung der SRE in allen Teilen des freiwilligen Sektors.

Einige Organisationen des freiwilligen Sektors leisten auch eine direkte Unterstützung der Schulen, etwa durch die Gestaltung von Unterrichtsstunden, die kostenlos oder gegen eine gewisse Gebühr in Anspruch genommen werden kann. Weitere Informationen über freiwillige, gesetzliche und private Organisationen, die in die Schulen hineingehen, um die SRE zu unterstützen, finden sich im Leitfaden des Sex Education Forum »External visitors and sex and relationship education« (2010). 

Gesetzliche Einrichtungen

Auf nationaler Ebene ist in erster Linie das Bildungsministerium für die Bereitstellung von Ressourcen und die Entwicklung von Konzepten zur SRE verantwortlich. Die über zehn Jahre geltende »Teenage pregnancy strategy« (2000 bis 2010) zur Verringerung von Schwangerschaften bei Minderjährigen bot für die Einschätzung der Bedürfnisse von Kindern und jungen Menschen eine wichtige Basis und trug wesentlich zur Erweiterung der Datenlage bei. Ausgelöst wurde die Maßnahme durch die hohen Raten von Teenagerschwangerschaften in England und Großbritannien. Nach einem Bericht aus dem Jahr 2007 (UNICEF 2007) wies Großbritannien die höchsten Raten von Teenagerschwangerschaften in ganz Westeuropa auf.

Ofsted inspiziert im Auftrag der Regierung die Schulen des Landes; allerdings macht die SRE nur einen sehr kleinen Teilbereich der Schulinspektionen aus. Ofsted veröffentlicht regelmäßig Daten zur Umsetzung von SRE und PSHE, die Aufschluss über den Status quo an einigen Schulen geben und als Grundlage für Empfehlungen an alle Schulen dienen können. Die »Qualifications and Curriculum Development Agency« (QCDA) ist mit der Entwicklung von Lehrplänen im Zusammenhang mit der PSHE (einschließlich SRE) befasst. Dabei geht es vor allem um Inhalte und Konzepte für die verschiedenen Altersstufen. Im Rahmen der anstehenden Bildungsreformen soll diese Regierungsbehörde allerdings geschlossen werden.

England ist in etwa 150 Schulbezirke unterteilt, die von lokalen Behörden geleitet werden. Jede dieser örtlichen Behörden entscheidet eigenständig über die Vergabe von Ressourcen, die Schulen im jeweiligen Bezirk bei der Verbesserung ihrer Angebote wie zum Beispiel bei der SRE unterstützen sollen. Dazu gehört auch die gezielte Fortbildung für Lehrende und Schulleitungen sowie die Entwicklung von SRE-Lehrmitteln. Spezielle SRE-Beraterinnen und Berater aus einer ganzen Reihe von Bezirken berichten von vermehrten Entlassungen und Mittelkürzungen, insbesondere seit April 2011.

Wie kann die SRE in England besser werden?

Unter Berücksichtigung der oben erörterten drei Barrieren sowie der großen Anzahl der beteiligten Institutionen sollen in diesem letzten Abschnitt drei Strategien näher beschrieben werden, die bei einer Verbesserung der SRE in England hilfreich sein könnten:

1. Aktives Kommunizieren der Datenlage

Die Befürchtung, SRE könnte Kinder zu sexuellen Aktivitäten ermuntern, kann durch die vorliegenden wissenschaftlichen Daten und ihren klaren Beweis des Gegenteils ganz leicht entkräftet werden. Da wissenschaftliche Ergebnisse nichtakademischen Gruppen oft nicht zur Verfügung stehen, hat das Sex Education Forum einen Informationspool entwickelt, der die internationalen Forschungsergebnisse zum Thema SRE zusammenfasst. Darin dokumentiert sind auch starke Hinweise darauf, dass Kinder und Jugendliche, die eine früh beginnende und eine umfassende Sexualerziehung genossen haben, mit geringerer Wahrscheinlichkeit in jungen Jahren Sex haben und mit größerer Wahrscheinlichkeit Kontrazeptiva oder Kondome benutzen. Diese Informationen können dazu genutzt werden, einen Dialog über die SRE in Gang zu bringen. Lehrende und Schulleitungen können in Mitteilungen an die Eltern darauf verweisen. Politische Entscheidungsträgerinnen und -träger können den großen Nutzen für die öffentliche Gesundheit in die Waagschale werfen, wenn sie in die SRE an den Schulen investieren. Schließlich kann gegen die noch immer kursierenden Mythen im Zusammenhang mit der SRE wirksamer in den Medien angegangen werden.8 

2. Gewissheit über die mehrheitliche Unterstützung für die SRE

Zahlreiche Umfragen bestätigen die breite Unterstützung für die SRE in England. Dennoch mangelt es vielen Entscheidungsträgerinnen und -trägern mit Schlüsselpositionen in Schulleitungen, Schulbehörden, Gemeinderäten, Parlamenten und Ministerien an Gewissheit darüber, dass sie die Unterstützung der Öffentlichkeit haben werden, wenn sie sich für Verbesserungen bei der SRE stark machen. Manchmal ist ein lokaler Ansatz nötig, zum Beispiel eine Umfrage unter den Eltern einer Schule zu ihren Ansichten über die SRE, deren Ergebnisse dann in einer Reihe von Medien veröffentlicht werden können.

Weil die Qualität der SRE von Schule zu Schule so stark variiert, ist es sicher auch hilfreich, wenn einzelne Schulen ihr Konzept individuell überprüfen. Das vom Sex Education Forum entwickelte Instrument »SRE: Are you getting it right?« [»SRE: Läuft es richtig?«] (2008c) umfasst auch partizipatorische Aktivitäten, durch die Schülerinnen und Schüler ihre Erfahrungen mit der SRE an weiterführenden Schulen einschätzen können. Dass auch jüngere Kinder schon zur Optimierung von SRE-Konzepten beitragen können, beweist das folgende Fallbeispiel:

Fallbeispiel: Eltern und Kinder zur SRE befragen

Der erste Schritt bei der Überarbeitung des SRE-Konzepts an einer katholischen Grundschule in Birmingham bestand darin, die Eltern um ihre Meinung zu bitten, aber die Schule wollte auch die Ansichten der Kinder aus allen Klassenstufen hören. Die Eltern stimmten zu, dass ihre Kinder an den Fokusgruppen teilnehmen durften. Die Kinder wurden nach ihrem Wissen zum Thema Heranwachsen (»growing up«) befragt und sollten angeben, woher sie ihre Information hatten. Die Schule arrangierte dann eine Diskussionsgruppe für Eltern, informierte darüber, was die Kinder gesagt hatten, und legte die gesetzlich vorgegebene Verantwortung der Schulen und der Eltern dar. Die Ansichten von Eltern und Kindern wiederum wurden an das Kollegium weitergegeben und mit Unterstützung des Birmingham Health Education Service wurde ein neues Konzept formuliert, dem die Schulbehörden jetzt noch zustimmen müssen.

Auch von den Stadt- und Gemeinderäten in England werden »Overview and Scrutiny Reviews« genannte Umfragen in Auftrag gegeben, um die eigene Arbeit zu überprüfen und kritisch hinterfragen zu können. In Birmingham wurde eine solche Umfrage initiiert, weil Jugendvertreterinnen und -vertreter im Rat die Frage der Qualität der SRE in der Stadt thematisiert hatten. Die Umfrage bot sowohl den Anlass als auch das nötige Druckmittel, um die SRE in der Stadt zu verbessern. Außerdem hat sie die SRE klar und deutlich auf die Tagesordnung des Rates gebracht. Die Wirkung dieses Vorgangs schlägt sich in dem von Ratsherr Jon Hunt formulierten Vorwort zum Untersuchungsbericht nieder:

»Die Ergebnisse zeigen, dass die Barrieren gegen einen guten Unterricht über Beziehungen und sexuelle Gesundheit nicht in den Institutionen liegen. Vielmehr sind sie in der Verschlossenheit, Verwirrung, im Empfinden von Peinlichkeit und in irrigen Vorstellungen der Beteiligten begründet. Ob es sich nun um Christen, Moslems, Atheisten, Sikhs oder Angehörige eines noch ganz anderen Glaubens handelt – alle können in ihrer Jugend in diesen Bereichen sinnvolle Aufklärung und Unterstützung gebrauchen.«9

Ähnliche Prozesse zur Vergewisserung von Zustimmung wären auch auf nationaler politischer Ebene nötig. Die von der Regierung versprochene Untersuchung über PSHE (unter Einschluss von SRE) könnte hier die nötige Hilfestellung geben.

3. Eltern und Lehrende mit Rat und Tat unterstützen

Angesichts der schlechten Ausgangslage ist die Chance für Lehrende, eine spezielle Fortbildung zu besuchen, von unschätzbarem Wert. Wie ein Lehrer an einer weiterführenden Schule erklärt: »SRE ist immer nur so gut wie die Lehrenden, die es unterrichten.« Vor dem Regierungswechsel 2010 wurde ein nationales Programm zur speziellen PSHE-Fortbildung von der Regierung finanziell unterstützt. Jede Schule sollte zumindest eine Lehrkraft haben, die an diesem nationalen Programm teilgenommen hatte. Es wird auch heute noch angeboten, doch müssen die Schulen direkt dafür bezahlen. Spezielle SRE-Fortbildungsmöglichkeiten werden darüber hinaus von mehreren Organisationen aus dem freiwilligen Sektor angeboten.

Oft erreichen das Sex Education Forum Anfragen von Lehrenden, die den angemessenen Inhalt der RSE in verschiedenen Altersstufen betreffen, zum Beispiel: »Sollte die Verhütung schon in Grundschulklassen zur Sprache kommen?«, und: »Ist es akzeptabel, im Unterricht mit Sechsjährigen die medizinischen Begriffe für Genitalien zu verwenden?« Ein Leitfaden, der auf möglichst viele dieser Probleme eingeht, steht auf der Website des Forums zur Verfügung. Darin sind Fragen aufgeführt, denen man mit Kindern und jungen Menschen im Alter von drei bis 16 Jahren nachgehen kann. Bei drei- bis sechsjährigen Kindern geht es vor allem um Fragen wie: »Wo kommen die kleinen Kinder her?«, »Warum sehen Mädchen und Jungen anders aus?«, »Was gehört alles zu den Geschlechtsorganen?« Das Ziel des Leitfadens ist es, Mythen auszuräumen und das Verständnis dafür, was die SRE tatsächlich umfasst, zu stärken.10

Schlussfolgernd lässt sich feststellen: Die SRE in England ist nicht gut genug. Um den nötigen Wandel einzuleiten, kann es sowohl auf nationaler als auch auf örtlicher Ebene nützlich sein, die Ansichten von Kindern und jungen Menschen einzuholen. Entscheidungsträgerinnen und -träger brauchen aber auch Gewissheit über die Datenlage und die Unterstützung der Öffentlichkeit – und müssen dann in die Fortbildung für Lehrende investieren.

 

Fußnoten

1 In diesem Artikel geht es größtenteils um England; Bezüge auf ganz
Großbritannien ergeben sich immer dann, wenn es um Studien oder
Institutionen geht, die großbritannienweite Relevanz besitzen.
2 Eine für Sexualerziehung zuständige Dachorganisation in England,
angesiedelt beim National Children’s Bureau.
3 Für Schülerinnen und Schüler von 11 bis 16 Jahren
4 Für Schülerinnen und Schüler von 4 bis 11 Jahren
5 Wie schwierig sich die Umsetzung einer ganzheitlichen, nicht nur risikoorientierten Sexualerziehung in Großbritannien in dieser Hinsicht gestaltet, hat auch Roger Ingham in seinem Beitrag »Sexualerziehung: (Mehr) Spaß muss sein!« geschildert. In: BZgA (Hrsg.): Forum Sexualaufklärung und Familienplanung 2/2010, S. 42–45.
6 Der Begriff »freiwilliger Sektor« bezieht sich auf Nichtregierungsorganisationen oder gemeinnützige Organisationen.
7 Eine vollständige Auflistung der gemeinsamen Werte und Prinzipien findet sich unter www.sexeducationforum.org.uk/values
8 Der Informationspool »Does sex and relationships education work?« (2010) findet sich unter www.sexeducationforum.org.uk/evidence.
9 Weitere Details unter
http://www.ncb.org.uk/sef/practice/west_midlands/birmingham_review.aspx
10 Der Leitfaden findet sich unter
http://www.ncb.org.uk/sef/resources/curriculum_design.aspx.

 

Literatur

Christian Institute (2011): Too much too young: exposing primary school sex education materials
DCSF (2008a): DCSF Press Notice: 25 February 2008, http://www.dcsf.gov.uk/pns/DisplayPN.cgi?pn_id=2008_0029
Department of Education (2010): The Importance of Teaching: Schools White Paper
Durex (2010): Sex and Relationship Education Views from teachers, parents and governors
Great Britain. Learning and Skills Act (2000). London: TSO
Hansard (2011): 4 May 2011 Accessed 3rd June 2011 http://www.publications.parliament.uk/pa/cm201011/cmhansrd/cm110504/debtext/1 10504-0001.htm#11050491000001
Ofsted (2002): Sex and relationships. Crown copyright
Sex Education Forum (2008a): Key findings. Young people survey on sex and relationships education. London: NCB
Sex Education Forum (2008c): SRE: Are you getting it right? London: NCB
Sex Education Forum (2008b): Key findings Teacher s survey on sex and relationships education. London: NCB
Sex Education Forum (2010): External visitors and sex and relationships education. London: NCB
Sex Education Forum (2011): Young people’s experiences of education about HIV and AIDS in school. London: NCB
UN Committee on the Rights of the Child (2008): 49th session. Consideration of reports submitted by states parties under Article 44 of the Convention, Concluding observations: United Kingdom and Northern Ireland. Geneva: United Nations
UNICEF (2007): Child poverty in perspective: an overview of child wellbeing in rich countries, Innocenti Research Centre, Report Card 7
Westwood, J./Mullan, B. (2007): Knowledge and attitudes of secondary school teachers regarding sexual health education in England in Sex Education, 7:2, 143–159
 

Autoren

Lucy Emmerson

Lucy Emmerson ist beim National Children’s Bureau (NCB) in leitender Funktion für die Themen SRE und sexuelle Gesundheit zuständig. Sie arbeitet seit fünf Jahren beim Sex Education Forum mit und ist dort federführend mit der Praxis- und Projektentwicklung befasst.

 

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