Kinder in Einelternfamilien

Wie Kinder die Trennung ihrer Eltern und den Alltag in Scheidungsfamilien erleben, beschreibt dieser Beitrag aus entwicklungspsychologischer Perspektive. Die Autorin erläutert, welche Faktoren sich stärkend beziehungsweise belastend auf die Verarbeitung dieser Situationen auswirken und bezieht Lebensumstände wie die sozioökonomische Lage der Einelternfamilien in ihre Betrachtungen ein.

Bei Familien Alleinerziehender handelt es sich um Familien, in denen ein oder mehrere Kinder mit Mutter oder Vater zusammen leben. Neben Witwen- oder Witwerfamilien sowie Familien mit ledigem Elternteil stellt heute die Scheidungsfamilie die häufigste Familienform Alleinerziehen der dar. Die folgenden Ausführungen beziehen sich deshalb in erster Linie auf Scheidungsfamilien. Ehescheidung ist heute keine Randerscheinung, sondern betrifft etwa ein Drittel der neu geschlossenen Ehen in allen westlichen Industrieländern. Es stellt sich somit die Frage, welche Bedeutung eine Ehe scheidung und das anschließende Aufwachsen in einer Einelternfamilie – zumeist einer Mutter-Kind(er)-Familie – für die Entwicklung der Kinder hat.

Allgemeine Erkenntnisse zur Entwicklung von Kindern Alleinerziehender

Das Forschungsinteresse wurde erstmals ausgelöst durch das enorme Ansteigen der Witwenfamilien nach dem Zweiten Weltkrieg. Die empirischen Untersuchungen konzentrier ten sich deshalb auf die Auswirkungen von Vaterlosigkeit, wobei auch Kinder aus Scheidungsfamilien einbezogen wurden. Als theoretische Grundlage wurden in der Forschung die psychoanalytische Entwicklungstheorie, die klassische Sozialisationstheorie und die Theorie sozialen Lernens herangezogen, die alle die Zweielternfamilie als Voraussetzung für eine normale Persönlichkeitsentwicklung ansehen. Ausgehend von deren Annahmen wurde von vornherein eine defizitäre Entwicklung vaterlos aufwachsen der Kinder erwartet. Im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wurden dann auch Defizite in vielen Entwicklungsbereichen nach gewiesen und als Beleg schädlicher Auswirkungen von Vaterlosigkeit interpretiert. Schon ab den 1970er-Jahren wurden diese Ergebnisse wegen erheblicher methodischer Mängel der Untersuchungen angezweifelt (Fthenakis/Niesel/Kunze 1982; Sander 1988).

In der Folgezeit wurde bei den meisten Untersuchungen dieser Methodenkritik Rechnung getragen. So wurden etwa neben Vaterlosigkeit auch andere Einflüsse (z.B. der sozioökonomische Status) beachtet. Aufgrund der enorm steigenden Scheidungsraten seit den 1960er- und 1970er-Jahren verlagerte sich das Interesse von der Witwen- auf die Scheidungsfamilie, die dann durch immer zahlreichere und methodisch sehr komplex angelegte Studien untersucht wurde. Insbesondere wurde auch berücksichtigt, dass Scheidung ein Prozess ist, der sich unter Umständen über Jahre erstreckt und deshalb zu seiner Erforschung einer längsschnittlichen Analyse bedarf. In ihrer Komplexität herausragende Beispiele für Längsschnittuntersuchungen im angloamerikanischen Sprachraum stammen von Kurdek (z.B. Kurdek/Berg 1983), Hetherington (z.B. 1980, 1993, 1999) und Wallerstein (z.B. Wallerstein/Blakeslee 1989). Eine wichtige Erkenntnis dieser Studien war, dass alle Kinder die Scheidung ihrer Eltern als schwere Krise erleben; sie reagieren mit Ängsten, Schuldgefühlen und Verhaltensauffälligkeiten. Die weitere Entwicklung verläuft allerdings sehr unterschiedlich von pathogen bis unauffällig.

Wenn man die Durchschnittswerte von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Scheidungsfamilien zu vergleichbaren Stichproben aus Zweielternfamilien in Beziehung setzt, finden sich bei allen untersuchten Merkmalen, wie zum Beispiel Schulleistung, soziales Verhalten oder kindliches Wohlbefinden, ungünstigere Werte für Personen aus Scheidungsfamilien, wobei die Unterschiede aber eher gering sind. Darüber hinaus ist auch ein epochaler Effekt festzustellen: Je häufiger das Ereignis Ehescheidung seit den 1960er-Jahren im Verlauf der Jahrzehnte auftritt und je weniger es dadurch zur Ausnahmeerscheinung wird, desto geringer werden die Unterschiede (Amato/Keith 1991a, b).

Der Großteil der Untersuchungen weist zwar auf im Durchschnitt ungünstige Effekte von Ehescheidungen auf die Entwicklung der betroffenen Kinder hin, andererseits gibt es auch Untersuchungsergebnisse, die keinerlei Auffälligkeiten oder Störungen bei Kindern aus geschiedenen Ehen erkennen lassen (z.B. Compass/Williams 1990) und es gibt auch solche, die positive Effekte nachweisen: Manche Scheidungskinder zeigen auch sozial kompetenteres Verhalten und weniger Verhaltensauffälligkeiten als Kinder aus Zweielternfamilien (z.B. Gutschmidt 1993).

Die Befunde sind deshalb so widersprüchlich, weil eine monokausale Betrachtung der Auswirkung von Scheidung oder Alleinerziehen unangebracht ist. Das Ereignis Ehescheidung ist immer in ein Bedingungsgefüge anderer Faktoren eingebunden, deren Zusammenwirken entwicklungsbeeinflussend ist (Hetherington 1993; Sander 1988, 1993a).

In Deutschland werden erst seit den 1980er-Jahren empirische Untersuchungen zur Thematik der Scheidungsfamilie durchgeführt. Sie bestätigen und ergänzen teilweise die Ergebnisse der erwähnten Studien im angloamerikanischen Sprachraum (vgl. Sander 1993b).

In diesem Zusammenhang interessant ist das Ergebnis einer Längsschnittstudie, die in Rostock seit 1970/71 durchgeführt wurde. Sie begann mit dem Ziel, die Interaktion zwischen geburtlichen Risikofaktoren und Umweltverhältnissen für die Persönlichkeitsentwicklung durchschaubarer zu machen. Im Rahmen der Studie wurden von der Geburt an und später im Alter von 6, 10, 14, 20 und 25 Jahren 294 Kinder beobachtet. Zum letzten Messzeitpunkt konnten noch 72% der Ausgangsstichprobe erfasst werden. Da jede vierte Person während des Beobachtungszeitraums eine elterliche Scheidung erlebte, konnten die Bedingungen vor der Scheidung und die Scheidungsfolgen analysiert werden. Es zeigte sich, dass die negativen Auswirkungen von Scheidung sich nicht von denen unterschieden, die bei konfliktbelasteten Elternbeziehungen in strukturell intakten Familien entstehen (Meyer-Probst/Reis 1999).

In eine ähnliche Richtung weisen die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zur Familienentwicklung nach der Trennung (Walper/Gerhard 1999). Untersucht wurde die Individuationsentwicklung im Übergang von später Kindheit bis hin zum späten Jugendalter bei Kindern und Jugendlichen aus Zweielternfamilien und aus Familien mit getrennt lebenden Eltern. Es wurde je eine Stichprobe aus den alten und neuen Bundesländern herangezogen. Die Befunde lassen den Schluss zu, dass die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern durch eine Trennung der Eltern weniger verunsichert oder belastet wird, als gemeinhin unter stellt. Weitaus nachteiliger für den Individuationsprozess im Verlauf des Jugendalters dürfte eine konfliktbehaftete Beziehung zwischen den Eltern in Kernfamilien sein, die sowohl zu einer vorzeitigen Ablösung der Kinder als auch zu einer gesteigerten Unsicherheit der Kinder in der Bindung an die Eltern beiträgt.

Unter Bindung wird eine besondere Beziehung des Kindes zu seinen Eltern oder Personen verstanden, die es ständig betreuen (Grossmann et al. 1997, S. 51). Bindung kann – vereinfacht ausgedrückt – sicher oder unsicher sein. Eine sichere Bindung ist die Grundlage für eine kompetente Entwicklung und eine erfolgreiche Bewältigung von Krisen (Schmidt/Strauß 2002). In der Regel stellen beide Eltern eine sichere Basis für das Kind dar und ermöglichen damit gemeinsam die Bindungssicherheit ihrer Kinder. Wie die schwierige Phase der elterlichen Trennung und Destabilisierung der Familie überstanden wird, hängt zu einem großen Teil von der ursprünglichen Bindungssicherheit der Minderjährigen ab. Sind die Konflikte, denen das Kind ausgesetzt ist, zu groß, können sich die Bindungsmuster ungünstig verändern (Bowlby 2006). Aber auch wenn bei manchen Kindern die Bindungsmuster noch Jahre nach der Scheidung beeinträchtigt sind, müssen diese negativen Konsequenzen nicht zwangsläufig von Dauer sein (Grossmann/ Grossmann 2004).

Die höchst unterschiedliche Bewältigung einer elterlichen Scheidung durch die Kinder wurde auch in einer weiteren deutschen Längsschnittstudie bestätigt. Bei einer Gruppe von Kindern zwischen 4 und 10 Jahren, die nach einer Scheidung zu mehreren Messzeitpunkten untersucht wurden, hatte sich 30 Monate nach der Trennung die Belastung durch negative Symptome sukzessive vermindert, doch verlief die Entwicklung sehr unterschiedlich. Es wurde eine Gruppe »Hochbelasteter« identifiziert, die über den gesamten Untersuchungszeitraum starke Verhaltensauffälligkeiten zeigte, eine Gruppe »Belastungsbewältiger«, bei denen eine starke Abnahme der Verhaltensauffälligkeiten zu beobachten war und eine dritte Gruppe »Geringbelasteter«, die von Beginn an nur geringe Symptome aufwies und scheinbar unverwundbar erschien (Schmidt-Denter/Beelmann 1995, 1997).

Im Folgenden werden Stütz- und Risikofaktoren beschrieben, die in ihrem Zusammenwirken die Bewältigung der elterlichen Trennung durch die Kinder fördern oder hemmen. 

Stütz- und Risikofaktoren der kindlichen Entwicklung

Persönlichkeitsfaktoren
Bei der Bewältigung des Verlusts einer Bezugsperson – wie das bei Ehescheidung häufig der Fall ist – ist davon auszugehen, dass die Kinder, je jünger sie bei der Trennung sind, aufgrund ihres kognitiven Entwicklungsstandes umso weniger in der Lage sind, die Motive und Gefühle der Eltern sowie die eigene Rolle bei der Scheidung zu verstehen, und umso gefährdeter sind sie in ihrer Entwicklung. Auch die Reaktionsweisen beider Geschlechter sind unterschiedlich: Unmittelbar nach der Scheidung erweisen sich die zu beobachtenden Störungen bei Jungen anhaltender als bei Mädchen. Letztere leiden nicht weniger als erstere, doch neigen sie dazu, ihr Konflikterleben eher zu internalisieren, während Jungen, zumindest im vorpubertären Alter, es eher ausagieren und dadurch auffällig werden (z.B. Hetherington 1980). Die geschlechtsspezifischen Unterschiede, die referiert werden, hängen vom Alter der Kinder ab. So traten beispielsweise bei Mädchen aus Scheidungsfamilien im Alter von 15 Jahren wieder psychische Probleme auf, die zwischenzeitlich nicht zu beobachten waren (Hetherington 1993).

Die geschlechtsspezifischen Anpassungsprobleme hängen auch davon ab, bei welchem Elternteil ein Junge oder Mädchen aufwächst. Kinder, die bei einem gleichgeschlechtlichen Elternteil aufwachsen, haben offenbar größere Chancen, eine psychisch ungestörte Entwicklung zu nehmen, weil ein Kind, das bei einem gegengeschlechtlichen Eltern teil aufwächst, möglicherweise leichter in die für seine Entwicklung un günstige Rolle eines Partnerersatzes gedrängt wird. Ebenso haben Jungen, die bei der Mutter aufwachsen, kein Identifikationsobjekt, wenn die Beziehung zum nicht in der Familie lebenden Vater gestört ist, was ihre Entwicklung hemmen kann, wenn nicht eine andere Identifikationsfigur, zum Beispiel ein Großvater oder ein Freund der Familie, zur Verfügung steht (z.B. Hetherington 1993). Andererseits kann ein neuer Partner der Mutter oder eine neue Partnerin des Vaters für Mädchen und Jungen eine Belastung sein, wenn es auf diese Situation nicht behutsam vorbereitet wird (Walper/Gerhard 1999).

Wie Kinder eine elterliche Trennung oder Scheidung bewältigen, dürfte auch von ihren individuellen Problembewältigungsstrategien abhängen: ob sie sich etwa in Tagträume flüchten, ihren Frust durch »Dampf ablassen« zu bewältigen versuchen oder Hilfe im sozialen Umfeld, zum Beispiel bei den Großeltern, Verwandten oder Freunden suchen. Die Fähigkeit, sich Hilfe zu holen, mit psychischem Stress um zu gehen und bei Misserfolg Durchhaltevermögen zu zeigen, hängt unter anderem von der Bindungssicherheit der Kinder ab (Zimmermann 1994), die deshalb als ein wichtiger Stütz faktor anzusehen ist. So konnte dokumentiert werden, dass fast alle Kinder, die zwei Jahre nach der Scheidung ihrer Eltern ausgeglichen und gut angepasst waren, mindestens einen kompetenten und zuverlässigen Erwach se nen in ihrem Leben hatten, an den sie sich mit ihren Problemen wenden konnten (Hetherington/Kelly 2003).

Die nach der Scheidung zu beobachtenden Verhaltensauffälligkeiten stehen aber auch mit Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensweisen in Beziehung, die schon vor der Scheidung zu erkennen waren. Kinder, deren Temperament schon vor der Scheidung als »schwierig« beschrieben wird, reagieren auf die Stresssituation verletzlicher und weniger anpassungsfähig als Kinder, die als »unkompliziert« galten (z.B. Schwarz/Silbereisen 1999).

Faktoren der Lebenssituation
Neben den genannten Persönlichkeitsfaktoren wurde auch eine Reihe von Bedingungen ermittelt, die das Lebensumfeld von Scheidungskindern beschreiben, und in Beziehung mit deren Entwicklung stehen. So ist ein niedriger sozioökonomischer Status grundsätzlich ungünstig für die Entwicklung von Kindern. Nach einer Scheidung befindet sich die verbleibende Einelternfamilie im Allgemeinen in einer deutlich verschlechterten materiellen Situation gegenüber der vorherigen Zweielternfamilie. Da die gesamte Lebenssituation ungünstig verändert ist – zumal häufig die Wohnung aufgegeben werden muss, was wiederum zu einem Verlust des gewohnten Umfeldes führt –, ist davon auszugehen, dass der ungünstige sozioökonomische Status ein wesentlicher Grund für die häufig festgestellte negative Befundlage bei Personen aus Scheidungsfamilien ist (Sander 1999b).

Ein höherer Bildungsstand der Mutter, der in Beziehung steht mit dem sozioökonomischen Status der Mutter-Kind-Familie sowie der Möglichkeit, sich in sozialen Netzwerken Unterstützung zu holen, wirkt sich dagegen günstig auf die Entwicklung von Scheidungskindern aus.  

Ebenso ist durch zahlreiche Untersuchungen belegt, dass offen ausgetragene, feindselige Konflikte zwischen den Eltern sowohl in Zweielternfamilien als auch in Scheidungsfamilien einen schädlichen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Kinder haben (vgl. Amato/Keith 1991a). Aus Untersuchungsergebnissen kann geschlossen werden, dass ein andauernder Konflikt der Eltern stärker Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern auslöst als das Ereignis der Scheidung selbst (Block/Block/Gjerde 1986; Meyer-Probst/Reis 1999). 

Die ungünstige soziale Lage der Scheidungsfamilie und das häufige Austragen feindseliger Konflikte der Eltern auch nach der Scheidung sind Bedingungen, die im unmittelbaren Zusammenhang mit einem ungünstigen Erziehungsverhalten stehen. Der durch die genannten Bedingungen ausgelöste Stress resultiert in einer verringerten emotionalen Verfügbarkeit für das Kind und einem inkonsistenten Erziehungsstil. Das heißt die alleinerziehende Mutter reagiert aufgrund ihrer eigenen Belastung manchmal mit einem autoritären und abweisenden Erziehungsstil. Da ihr das nachher wiederum Leid tut und sie Schuldgefühle dem Kind gegenüber empfindet, ist sie an anderer Stelle wiederum überaus nachgiebig und setzt zu wenig Grenzen. Dieses Verhalten ist unmittelbar nach der Scheidung bei sehr vielen alleinerziehenden Eltern zu beobachten. Unter Stress werden erhöhte Anforderungen an die Kinder gestellt (z.B. Hilfe im Haushalt, emotionale Unterstützung), was zu einer Überforderung des Kindes führen kann. Konflikte zwischen den Eltern und materielle Not wirken sich also nicht nur direkt, sondern auch indirekt über das Erziehungsverhalten negativ auf die kindliche Persönlichkeitsentwicklung aus. Andererseits kommt es häufig vor, dass Väter die Besuchszeit als Ausnahmesituation gestalten, dem Kind Wünsche erfüllen, die die Mutter nicht erfüllen kann, oder Verhaltens weisen erlauben, die im Alltag bei der Mutter nicht gestattet sind. Auch dieses Verhalten wirkt sich ungünstig auf die kindliche Entwicklung aus. Ein autoritativer Erziehungsstil, der den Kindern Wertschätzung und Unterstützung zukommen lässt, aber auch Grenzen setzt, kann – vor allem wenn er von beiden Eltern gelebt wird – als wichtige Stützfunktion angesehen werden (Sander 1999a). 

Auch das Kommunikationsverhalten in der Familie, das unter anderem Ausdruck der Beziehungsqualität der Familienmitglieder ist, beeinflusst die kindliche Entwicklung. Manche Alleinerziehende neigen dazu, ihre Kinder, wie schon erwähnt, als Partner zu behandeln, wobei wegen der überwiegenden Anzahl der Mutter-Kind-Familien vor allem Söhne betroffen sind. So berichten Jugendliche aus Scheidungsfamilien häufig von einer großen Harmonie in der Familie und fühlen sich als Partner akzeptiert. Wie Analysen von Gesprächen in Konfliktsituationen in Scheidungsfamilien zeigen, wird von der alleinerziehenden Mutter nicht nur das Befolgen von Regeln eingefordert, sondern vor allem auf das Verständnis des Sohnes für ihre belastete Situation hingewiesen, was für den Jugendlichen eine Überforderung darstellt. Die Erfahrung einerseits, dass die Eltern ihre Konflikte nicht konstruktiv lösen konnten, andererseits die ein geforderte Harmonie in der Restfamilie sowie das Drängen in die Rolle eines Ersatzpartners können die Entwicklung der Konfliktfähigkeit beim Jugendlichen hemmen, das Eingehen langfristiger Bindungen erschweren und auch zu Problemen bei der Ablösung von den Eltern führen (Kreppner/Ullrich 1999). 

Ebenfalls durch zahlreiche Studien belegt ist, dass Quantität und Qualität des Kontakts zum nicht sorge berechtigten Vater (oder zur Mutter) einen Einfluss auf die kindliche Entwicklung haben.  

Wenn die Situation nach der Scheidung durch fort ge setzte intensive Konflikte der Eltern gekennzeichnet ist, führt häufiger Kontakt zum nicht in der Familie lebenden Vater zu vermehrten psychischen Problemen der Kinder, da sie durch die entstehenden Loyalitätskonflikte überfordert werden. Andererseits ist ein positiver Kontakt zum Vater ein wichtiger Stützfaktor für die kindliche Entwicklung (z.B. Lehmkuhl/Lehmkuhl 1997; Maccoby/Buchanan/Muookin/ Dornbusch 1993; Schick 1999).  

Eine deutsche Längsschnittstudie aus dem kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich (Lehmkuhl/Lehmkuhl 1997) zeigt, dass ein emotional rigides Klima in der Familie, das die Diskussion scheidungsbezogener Probleme hemmt, zu vermehrter psychiatrischer Auffälligkeit bei Kindern und Jugendlichen führt. Aus den Ergebnissen dieser Studie geht hervor, dass eine klare Entscheidung für die Trennung für viele Kinder weniger belastend ist als das Miterleben eines chronischen Konfliktes der Eltern.  

Einen entscheidenden Einfluss auf die Scheidungsbewältigung der Kinder hat die familiäre Beziehungsgestaltung. Als bedeutsame Risikofaktoren erweisen sich eine vom Kind als negativ erlebte Beziehung zum getrennt lebenden Vater, eine Verschlechterung des elterlichen Erziehungsstils sowie ungelöste Konflikte zwischen den Eltern (Schmidt-Denter Beelmann/Hauschild 1997). So ist eine Situation in Einelternfamilien ungünstig, in denen die Mutter die Trennung vom Partner emotional noch nicht verarbeitet hat, sich ihm gegenüber hilflos fühlt und der Vater selbstsicher und autoritär in das Erziehungsgeschehen eingreift; ebenso ein Familientyp, bei denen noch ein hohes Konfliktniveau zwischen den Eltern und wechselseitige Ablehnung be stehen und deshalb die Kontaktwünsche und -bedürfnisse der Kinder nicht erfüllt werden. Da anders als die geschiedenen Eltern, die sich auf neue Partnerschaften hin orientieren, zwei Drittel der Kinder noch Jahre nach der Scheidung auch ihre nicht sorgeberechtigten leiblichen Elternteile als Teil ihrer Familie begreifen, sind Familienkonstellationen günstig, in denen die Eltern in gemeinsamer elterlicher Sorge in der Kindererziehung kooperieren oder eine parallele Elternschaft ausüben. Sie haben dann untereinander zwar keinen oder nur geringen Kontakt, unterhalten aber zum Kind geregelte elterliche Beziehungen. So kann auch unter den schwierigen Bedingungen der Trennung eine sichere Bindung zu beiden Elternteilen bei gleichzeitiger Entwicklung von Autonomie für die Kinder garantiert werden (Schmitz/Schmidt-Denter 1999).

Resümee

Die elterliche Scheidung stellt für alle Kinder eine schwere psychische Belastung dar. Die meisten Kinder reagieren in der Folge mit auffälligem Erleben und Verhalten. Dennoch verläuft die weitere Entwicklung höchst unterschiedlich. Während es den meisten Kindern gelingt, sich an die neue Situation innerhalb von etwa zwei Jahren anzupassen, haben andere weitaus längere Probleme mit einer adäquaten Bewältigung.

Neben allen gesellschaftspolitischen Maßnahmen, die ein Absinken der Einelternfamilie in Armut verhindern, können Beratungsangebote eine wesentliche Hilfestellung leisten. Es geht darum, den Eltern bewusst zu machen, dass sie auch nach der Trennung Verantwortung für ihre Kinder haben. Sie sollten einsehen, dass sie dieser nur gerecht werden können, wenn sie noch bestehende Probleme in der Beziehung zum früheren Partner, zur Partnerin, von der Elternbeziehung trennen, um so ihre Kinder aus den Konflikten der Erwachsenen herauszuhalten. Eltern, die erfassen, dass sie vor allem dann eine ungestörte Entwicklung ihrer Kinder gewähr leisten, wenn sie das Bedürfnis ihrer Kinder nach einer guten Beziehung zu beiden Elternteilen respektieren, tragen wesentlich dazu bei, negative Folgen von Ehescheidung bei Kindern zu minimieren.

 

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Autoren

Prof. (emerit.) Elisabeth Sander

Elisabeth Sander ist Professorin (emerit.) für Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie am Institut für Psychologie der Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind schulische Lernschwierigkeiten, Wahrnehmungsstörungen, Lernförderung, Lernen mit Neuen Medien, Entwicklung von Scheidungsfamilien, Alleinerziehen, Frauen in Naturwissenschaft und Technik.

 

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