Sexualkunde und Selbstbehauptungstrainings in Kindergarten und Grundschule Ansätze und Einschätzungen aus sexualpädagogischer Sicht

Ansätze und Einschätzungen aus sexualpädagogischer Sicht

Eine kontinuierliche und altersgemäße präventive Arbeit im Vor- und Grundschulalter, an der Erzieherinnen und Erzieher, Elternhaus und Schule mitwirken, ist die beste Strategie, um sexuellem Missbrauch vorzubeugen. Dabei sollte der Schwerpunkt auf eine Stärkung des Selbstwertgefühls und die Selbstwirksamkeit von Jungen und Mädchen gelegt werden.

Präventionsarbeit in Kindertagesstätten und Grundschulen gehört zum beruflichen Alltag von Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern. Zahlreiche Programme finden Eingang und werden in unterschiedlicher Intensität durchgeführt. Der Ruf nach Prävention erschallt häufig dann, wenn ein brisantes Thema – wie aktuell der sexuelle Missbrauch in Institutionen – ans Tageslicht kommt, das Schweigen gebrochen wird, Gefahren, Bedrohungen, Ängste und Tabus wahrgenommen werden. Dabei geht es meist um Verhinderung von Gefahren und Risiken. Im Fokus von Primärpräventionsprogrammen stehen häufig Kinder und Jugendliche, die befähigt werden sollen, den sexuellen Missbrauch möglichst zu verhindern beziehungsweise die im Umgang mit sexueller Gewalt in Zukunft besser vorbereitet sein sollen. Kritische Äußerungen zu solchen Programmen sind, dass der Blick auf Kinder und Jugendliche gerichtet ist, die Erwachsenen eine untergeordnete Rolle spielen und die Gefahr besteht, dass Kindern die Verantwortung für den Missbrauch zugeschoben wird. Zu bedenken ist dabei auch, dass es keinen hundertprozentigen Schutz vor sexuellem Missbrauch gibt. Hier zeigt sich, dass ein genaues Hinsehen und Differenzieren notwendig ist. Die Frage ist, ob eine missbrauchsfokussierte Prävention überhaupt sinnvoll erscheint, unerwünschte Nebenfolgen produziert und eventuell die komplexeren Ursachen, die hinter sexuellem Missbrauch stecken, gar nicht erfasst.

Konzeptionelle Zugänge

Inzwischen gibt es vielfältige Ansätze, Kinder zu unter stützen und zu stärken. Die meisten Zugänge sind aus der Medizin, der Gesundheitsförderung sowie aus den Sozialwissenschaften entlehnt. Der Begriff »Prävention« kommt aus dem medizinischen Bereich und hat die Verhinderung von Gesundheitsrisiken und Krankheiten im Fokus. Zielgruppe sind die potenziell Betroffenen selbst, die durch spezifische Programme von außen sowie durch eigenes Mittun Risiken und Gefahren verhindern oder weniger wahrscheinlich machen sollen. Dieser Zugang fokussiert eher die Defizite und nicht die Ressourcen von Menschen. Das Konzept der Gesundheitsförderung zielt auf die Gesundheitsressourcen jedes Einzelnen ab und hat 1986 in der Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Eingang gefunden. Hier »wird definiert, dass Gesundheitsförderung auf einen Prozess ziele, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie dadurch zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen« (BZgA 2003, S. 73). Mit diesem ressourcenorientierten Konzept ist der Lebenskompetenzansatz eng verknüpft. Mit Lebenskompetenzen sind Lebensfertigkeiten gemeint, die Menschen im Laufe des Lebens erwerben beziehungsweise erworben haben. »Lebenskompetent ist, wer sich selbst kennt und mag, empathisch ist, kritisch und kreativ denkt, kommunizieren und Beziehungen führen kann, durchdachte Entscheidungen trifft, erfolgreich Probleme löst und Gefühle und Stress bewältigen kann.« (BZgA 2005, S. 16) Bei diesem ganzheitlichen Ansatz wird deutlich, dass die individuellen Voraussetzungen, Ressourcen und Kompetenzen in großer Vielfalt vorliegen und Kinder, je nach Lebenssituation, sehr unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringen. Eng damit verknüpft sind das Selbstwertgefühl sowie die Selbstwirksamkeit.

Alle drei Ansätze – Prävention, Gesundheitsförderung, Lebenskompetenzförderung – zeigen sich je nach Blickrichtung auch in Konzepten der Prävention zum sexuellen Missbrauch.

Einschätzungen zu Selbstbehauptungstrainings für Kinder

Spezielle Programme gegen sexualisierte Gewalt wurden in den 1980er- und 1990er-Jahren als Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen durch geführt. In den letzten Jahren führen verschiedene externe Anbieter vor allem in Grundschulen Selbstbehauptungstrainings zur allgemeinen Prävention von Gewalt für Kinder durch. Im Fokus dieser Kurse stehen in der Regel allgemeine Strategien zum Schutz vor Gewalt. Spezifische Selbstverteidigungskurse zum Schutz vor sexueller Gewalt bedienen sich häufig des Empowerment-Konzepts. Dabei geht es zum einen um die Vermittlung von Wissen über sexuelle Gewalt und zum anderen um ausgewählte präventive Strategien wie Nein-Sagen, Schreien, sich Hilfe holen sowie sich körperlich wehren.

In der Regel sind Kinder gegenüber Erwachsenen aufgrund der sehr ungleichen Kraftverhältnisse unterlegen und können sich nicht schützen. Selbstbewussten Kindern gelingt es vielleicht, sich bei sexueller Gewalt durch eine Person aus dem sozialen Nahraum anschließend Hilfe von Erwachsenen zu holen. Für Kinder, die sexuelle Gewalt in der eigenen Familie erleben, verschärft sich aber möglicherweise durch einen Selbstverteidigungskurs die Situation. Es spürt die ausweglose Situation des sich Nicht-wehren-Könnens und gibt sich selbst die Schuld. »Die Gefahr der Grundidee des ›empowerment‹ liegt darin, Kindern, die sich in einer Missbrauchssituation nicht wehren konnten oder können, die Verantwortung für den Missbrauch zuzuschieben.« (Wehnert-Franke 1992, S. 52) Eine kritische Haltung gegenüber Selbstbehauptungstrainings ist durchaus zu empfehlen. Erzieherinnen, Erzieher, Lehrkräfte und Eltern sollten sich mit den jeweiligen Angeboten und zugrunde liegenden Konzepten intensiv befassen und Transparenz des Angebots einfordern. Programme, die versprechen, dass durch die Teilnahme sexueller Missbrauch effektiv verhindert werden kann, sind unseriös. Bisher gibt es keine fundierte Evaluation der unterschiedlichen Konzepte (vgl. Beitrag von M. Damrow in diesem Heft, d. Red.). Große Qualitätsunterschiede, »systematische Programmevaluationen und Belege für die Effektivität dieser Konzepte fehlen jedoch zumeist … Selbstverteidigungs-Elemente machen bei den meisten der untersuchten Angebote 20% bis 50% des Kurses aus. Der Protect-Ansatz, der das Augenmerk von der Zielgruppe der Kinder auf die für den Schutz der Kinder verantwortlichen Erwachsenen lenken soll, spielt in den untersuchten Angeboten eine untergeordnete Rolle.« (Kieck u.a. 2007) Auch die Wirksamkeit dieser Trainings konnte bisher nicht nachgewiesen werden und bleibt weiterhin umstritten.

Was sollten Präventionsprogramme zum sexuellen Missbrauch leisten?

Primärpräventionsprogramme sollten immer langfristig und fest in den Strukturen von Kindertagesstätten und Grundschulen verankert sein. Einmalige Angebote helfen weder den Kindern noch Eltern, Erzieherinnen/Erziehern und Lehrkräften. Auch die Berücksichtigung des Alters der Kinder und entwicklungspsychologische Aspekte sind von Bedeutung. Dabei geht es auch um die Frage, wen Kinder als Fremde bezeichnen. Personen, die Kinder nett finden, sind für sie meist keine Fremden mehr. Auch Bekannte der Eltern sind für sie meist keine Fremden. Sexueller Missbrauch in der Familie geht häufig mit emotionalem und körperlichem Missbrauch sowie Vernachlässigung einher. Häufig zeigen die betroffenen Kinder mehr Risiko- als Schutzfaktoren und damit bringen sie eine höhere Vulnerabilität mit. »Jegliche Form der Primärprävention sollte darauf ausgerichtet sein, das kumulative Einwirken dieser Faktoren während der Kindheit zu verhindern.« (Egle/Cierpka 2006, S. 370) Je früher mit Prävention begonnen wird, desto besser; das bedeutet, dass die Förderung von emotionalen und sozialen Kompetenzen bereits im Vorschulalter starten sollte. Im Fokus müssen das kindliche Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit stehen. »Sozial-emotionales Lernen ist immer auch Opferschutz, weil z.B. gehemmte Kinder, die häufiger viktimisiert werden, konfliktfähiger werden und sich in den Problemlösungen besser behaupten.« (ebd. S. 381) Wird Prävention als Erziehungshaltung umgesetzt, so richtet sich Prävention in erster Linie an Erwachsene und im zweiten Schritt an Mädchen und Jungen. Erwachsene haben die Aufgabe, Kinder wachsam zu begleiten und zu schützen. Prävention in diesem Sinne kann nur wirksam werden, wenn Erwachsene nicht Angst machen, sondern Vertrauen schaffen, nicht einschränken, sondern vielfältige Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, selbstbestimmtes Handeln unterstützen und vor allem Raum geben, damit Mädchen und Jungen sich entfalten und ihre Fähigkeiten entdecken können. Ein Präventionsprogramm gegen sexuelle Gewalt sollte die Schulung der Erzieherinnen, Erzieher und Lehrkräfte, die Einbindung der Eltern, die Kooperation mit Fachberatungsstellen vor Ort und vor allem die Umsetzung handlungsorientierten Lernens der Mädchen und Jungen in ihrem Konzept fest verankern. Die Qualifikation der Pädagoginnen und Pädagogen trägt dazu bei, dass Kinder auf ihrem Weg umsichtig und einfühlsam unterstützt werden, denn letztlich sind sie Schlüsselpersonen in den vielfältigen Lernarrangements.
 

Lebenskompetenzerwerb im Kontext sexueller Bildung und Sexualerziehung

Sexuelle Bildung und begleitende Sexualerziehung von Anfang an! Diese Forderung halte ich für zentral, nicht nur im Kontext von sexueller Gewalt, sondern auch für den Erwerb von Lebenskompetenzen. Sexualität »bildet« Mädchen und Jungen und prägt das individuelle und gesellschaftliche Leben von Geburt an. Dabei spielt die Familie als erste Sozialisationsinstanz eine wichtige Rolle im Umgang mit Sinnlichkeit, Zärtlichkeit, Geborgenheit, Kontakt, Wärme, Umarmungen, Berührungen und Lust sowie in der Kommunikation über sexuelle Themen. Diese Aspekte sind Teilsegmente eines frühkindlich-subjektiven Erfahrungsfeldes, das sich in der Bedürfnis-, Körper-, Beziehungs- und Geschlechtsgeschichte niederschlägt. So bringen Mädchen und Jungen individuell sehr unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie sexuelles Wissen in Kindergarten und Grundschule mit, die sich in Rollenverhalten, kulturellen Einflüssen, Lebensstil, Bildung und Handlungsorientierungen im Umgang mit Körper und Sexualität zeigen können. Davon abhängig sind ihre Spontanität, Neugier und Lust oder ihre Unsicherheit, Ängstlichkeit und Scham. Wie Kinder körperlich miteinander in Kontakt treten, welche Körperhaltungen und -bewegungen sie zeigen, ist von biografischen, sozialen und kulturellen Einflüssen abhängig. Allein »die Art und Weise, durch Körperhaltung und -bewegung den potenziellen Aktionsraum anderer zu okkupieren oder dies gerade zu vermeiden, korreliert mit sozialem Status und der entsprechenden Selbstbeschreibung der Interaktionspartner« (Loenhoff 1999, S. 76).

Anliegen sexueller Bildung in Kindergarten und Grundschule sind die Selbstbildungsprozesse als aktive Auseinandersetzung mit vielfältigen Situationen und als Aneignung von wichtigen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Sexuelle Bildung als Selbsttätigkeit ermöglicht, dass Mädchen und Jungen auf vielfältige Entdeckungsreisen gehen und sich dabei selbst und ihren Körper auch im Kontakt mit anderen kennenlernen, ein Identitäts- und Selbstwertgefühl entwickeln, Grenzen erfahren sowie eigene Ich-Stärke und Resilienzfähigkeit ausbilden. Sexualerziehung hingegen meint die intentionalen und gelenkten Lernprozesse durch Erwachsene, die praktische Umsetzung und intendierte Begleitung von Kindern auf dem Weg zu mehr sexueller Selbstbestimmung und zum verantwortlichen Umgang mit sich selbst und anderen. Es ist gut, die Erziehung als Tätigkeit von Erwachsenen von den Bildungsprozessen zu unterscheiden. Der bewusste Umgang mit dieser Unterschiedlichkeit erfordert hohe Kompetenzen in der pädagogischen Arbeit sowie eine gute Kommunikationskultur zwischen Erzieherinnen/ Erziehern, Lehrkräften und Eltern. Dabei geht es auch darum, die Anregungen und Erziehungsziele bewusst zu formulieren und sich möglicherweise Themen zuzumuten, die durch ein Kind initiiert wurden, ohne die aktive Bildung und die Entdeckungsleistungen des Kindes einzuschränken.

Wissen über Sexualität – narrativ erlernt

Kinder erwerben den größten Teil ihres Wissens aus dem Alltag. Dabei ist die Kommunikation in der Familie eine wichtige Komponente. Gespräche über Sexualität, Körper, Schwangerschaft, Aussehen und Beziehung sind dabei eine wichtige Grundlage. Gerade kulturelles Wissen wie Werte, Bräuche, Gewohnheiten, religiöse oder spirituelle Einstellungen werden in der Familie kommuniziert, vor allem aber gelebt. Auch wenn vorschulisches Wissen an zweiter Stelle fungiert, ist es wichtig, dass Erzieherinnen/Erzieher und Lehrkräfte das mitgebrachte Wissen der Kinder mit einbeziehen. So kann das Wissen eines Kindes über das Baby im Bauch durch Erzählen der eigenen Geschichte zu einer ersten Begegnung mit verwandten Fragen oder dem Lernstoff in der Grundschule genutzt werden. Auch selbst erlebte, lustige oder »blöde« Situationen können berichtet werden. Diese Form des Zugangs ermöglicht, die eigenen Stärken und Ressourcen durch Erzählung anderen mitzuteilen. Zugleich lernen die Kinder, in Situationen auch anders handeln und reagieren zu können. Über das erzählende Verstehen gelingt es in der Kindergartengruppe oder in der Klasse, eine Tiefe und Intensität herzustellen, um so Widerstandsressourcen und Kohärenzgefühl zu entwickeln und zu stärken.

Selbstwirksamkeit durch Erfahrungslernen

Körperliche Neugier und die Berührungslust von Kindern sind wichtige Wege zu Selbstbestimmung, Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit und tragen zu einem positiven Selbstbild bei. Kinder entwickeln ihr Selbstkonzept insbesondere über ihren Körper und ihre Bewegungen. Körperliche Fähigkeiten und Geschicklichkeit haben positiven Einfluss auf das Selbstbild und das Selbstwertgefühl. Unsicherheiten und Ängstlichkeiten im Umgang mit Körper und Bewegung wirken sich dementsprechend negativ auf das Selbstkonzept aus. Wiederholen sich solche Ereignisse, besteht die Gefahr, dass dies die Grundeinstellung des Kindes prägt und es sich selbst immer weniger zutraut. Mit Selbstbild ist gemeint, welches Vertrauen ein Kind in die eigenen Fähigkeiten hat, ob es sich passiv oder aktiv verhält, ob es bei Schwierigkeiten schnell aufgibt oder sich geradezu angespornt fühlt. Wie ein Kind reagiert, hängt vor allem von den gemachten Erfahrungen in seiner Umwelt ab.

Das Selbstkonzept entsteht, wenn Kinder etwas über ihre Erfolge und Misserfolge erfahren und dabei entdecken, dass sie selbst am Geschehen beteiligt sind. Sie erkennen, dass sie den Erfolg oder Misserfolg selbst beeinflusst und bewirkt haben. Sie bekommen mit, was andere ihnen zutrauen und was nicht. Diese Selbstwirksamkeit erfahren Kinder im Spiel, in körperlichen Aktivitäten und im Entdecken ihres eigenen Körpers. Deshalb ist es wichtig, dass Erfahrungs- und Aktionsräume zur Verfügung stehen, damit Kinder mit sich selbst und mit anderen ausprobieren können, was für den einzelnen in Ordnung ist und was nicht, wo die eigenen Grenzen und die der anderen liegen. Kinder spüren genau, welche Situation für sie stimmig ist und welche nicht. Dieses Kohärenzgefühl ist ein dynamischer Prozess, wobei Selbstwirksamkeit und Selbstorganisation als entscheidend angesehen werden. Die körperlichen Entdeckungsreisen durch Doktorspiele gehören ebenso dazu. Körperberührungen gehören von Geburt an zu den elementaren Körpererfahrungen von Mädchen und Jungen. Das frühe Kommunikationsverhalten spielt in der Welt des Säuglings und Kleinkindes eine zentrale Rolle. Die Interaktion und der Austausch zwischen den Bezugspersonen und dem Kind gleichen einem Dialog, stärken das Gefühl von Vertrauen sowie Gefühle von Gemeinschaft und Sicherheit. Kinder können durch Berührungen und Hautkontakt wachsen und sich entfalten. Doch die Freude an körperlichen Berührungen wird oft dann unterbunden, wenn es um Sexualität geht. »Unverfängliche« körperliche Kontakte wie der Kuss auf die Wange, der Händedruck oder Raufereien werden eher akzeptiert. Beim Berühren des eigenen Körpers durch Einseifen und Eincremen gibt es kaum Einwände, eher jedoch gegen Selbststreicheln und Masturbation. In Situationen wie diesen entwickeln Kinder entweder ein Gespür für Nähe, Vertrauen und Mut oder es machen sich Unsicherheit, Angst und Verwirrung breit. Auch die Gefühle des Gegenübers in der jeweiligen Interaktion werden wahrgenommen. Kinder suchen und brauchen den körperlichen und sozialen Austausch, denn »die Suche nach körperlichem und sozialem Kontakt schützt in doppelter Hinsicht, sowohl gegen Gefahren von außen als auch gegen innere psychische Hilflosigkeit. Diese Suche führt zu einem Austausch von Zeichen als Teil gegenseitiger Kommunikation, in der sich jeder Partner vom anderen anerkannt fühlt.« (Anzieu 1992 S. 47)

Resümee

Erfahrener sexueller Missbrauch greift massiv in die Integrität von Mädchen und Jungen ein. Selbstbehauptungstrainings als alleinige Strategie werden hier kaum unterstützend wirken können, im Gegenteil. Der Fokus muss auf die Selbstwirksamkeit und auf die Stärkung des Selbstwertgefühls von Mädchen und Jungen gelenkt werden. Dabei ist eine kontinuierliche, altersangemessene präventive Arbeit ab dem Vorschulalter nötig. Kinder als körperlich-kreative Akteure brauchen vielfältige Erfahrungsräume und sichere Beziehungskonstellationen wie stabile emotionale Bindungen zu ihren Eltern oder anderen engen Bezugspersonen. Dieser Hintergrund ermöglicht ihnen, ihre Bedürfnisse und Interessen kennenzulernen und zu entwickeln. »Je reicher ihre Optionsmöglichkeiten sind, die sie mit ihren Sinnen wahrnehmen und mit ihrem Körper er- und begreifen, sowohl was Gegenstände als auch was soziale Situationen betrifft, desto bessere Chancen für ihre kognitive, soziale und auch für die physische Entwicklung haben sie.« (Preuss-Lausitz 2003, S. 16) Hier deutet sich an, dass familiäre, ökonomische, soziale und gesellschaftliche Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, nicht nur förderliche, sondern auch beschädigende Faktoren beinhalten und im Spannungsfeld von Familie, Individuum und Umwelt gemeistert werden müssen. Dazu braucht es sexuelle Bildung und begleitende Sexualerziehung von Anfang an sowie kompetente Erzieherinnen, Erzieher, Lehrkräfte und unterstützende Eltern.

 

Literatur

Anzieu, D. (1992): Das Haut-Ich. Frankfurt, Suhrkamp-Verlag
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.) (2003): Leitbegriffe der Gesundheitsförderung. Schwabenheim Fachverlag Peter Sabo
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.) (2005): Gesundheitsförderung durch Lebenskompetenzprogramme in Deutschland. Grundlagen und kommentierte Übersicht. Köln
Egle, U. T./Cierpka, M. (2006): Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. In: Lohaus, A./Jerusalem, M./Klein-Heßling, J. (Hrsg.): Gesundheitsförderung im Kindes- und Jugendalter. Göttingen, Hogrefe-Verlag
Kieck, Ch./Seibt, A./Böhm, Ch. (2007): Evaluation von Selbstbehauptungskursen zur Gewaltprävention an Hamburger Grundschulen. In: Dokumentation 13. bundesweiter Kongress Armut und Gesundheit. Berlin
Loenhoff, J. (1999): Making the body social – zum angloamerikanischen Diskurs über Körper und Sinne. In: Homfeldt, H. G. (Hrsg.): »Sozialer Brennpunkt« Körper. Hohengehren, Schneider-Verlag
Preuss-Lausitz, U. (2003): Kinderkörper zwischen Selbstkonstruktion und ambivalenten Modernitätsanforderungen. In: Hengst, H./Kelle, H. (Hrsg.): Kinder – Körper – Identitäten. Weinheim, Juventa-Verlag
Wanzeck-Sielert, Ch. (2007): Gesundheit, Körper, Sexualität – bedeutsame Themen im Anfangsunterricht. In: Gläser, E. (Hrsg.): Sachunterricht im Anfangsunterricht. Lernen im Anschluss an den Kindergarten. Hohengehren, Schneider-Verlag
Wehnert-Franke, N. u.a. (1992): Wie präventiv sind Präventionsprogramme zum sexuellen Missbrauch von Kindern? In: Zeitschrift für Sexualforschung 5, 1992, Stuttgart, Enke-Verlag
 

Autoren

Christa Wanzeck-Sielert

Christa Wanzeck-Sielert ist Diplompädagogin, Studienrätin, Supervisorin und Lehrsupervisorin (DGSv). Als Lehrbeauftragte ist sie an der Universität Flensburg, bei der Serviceagentur »Ganztägig lernen« Schleswig-Holstein und am Institut für Qualitätsentwicklung Schleswig-Holstein (IQSH) tätig.

 

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