Sexualerziehung: (Mehr) Spaß muss sein!¹

In diesem Artikel wird über die Arbeiten berichtet, die an der Universität in Southampton zum Bereich »Spaß am Sex als Thema in der Sexualerziehung« durchgeführt wurden. Er befasst sich mit der interessanten Frage, ob die stärkere Betonung der positiven – anstatt immer nur der negativen – Aspekte der Sexualität dazu bei tragen kann, die sexuelle Gesundheit junger Menschen zu fördern.

Der Beitrag hat einen etwas persönlichen und anekdotischen Charakter, spricht aber einige Themen an, die der weiteren Forschung durchaus dienlich sein könnten. Vielleicht sagt er mehr über die etwas merkwürdige Einstellung zum Sex, zu der wir hier in Großbritannien neigen, doch bin ich fest davon überzeugt, dass die angesprochenen Fragen auch in einem breiteren Rahmen Relevanz besitzen.

Vor einigen Jahren wurde ich zu einem kleinen, internationalen Workshop eingeladen, bei dem es um verschiedene Aspekte der Sexualität und der Sexualerziehung ging. Das hauptsächliche Ziel des – von der Ford Foundation, dem Centre for the Study of AIDS an der University of Pretoria und dem Institute of Education an der University of London unterstützten – Treffens bestand in der Diskussion darüber, welche Mittel uns heute und möglicherweise in der Zukunft zur Verfügung stehen, um die Auswirkungen verschiedener Programme zur Sexualerziehung zuverlässig einschätzen zu können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten allgemein das Gefühl, dass gegenwärtige Evaluationsmethoden hauptsächlich mit der Reduktion negativer Ergebnisse (wie z.B. Teenagerschwangerschaften, sexuell übertragbare Krankheiten oder – wenn auch seltener – psychische Belastungen durch negative Erfahrungen) befasst sind. Auch wenn dies zweifellos würdige Ziele eines jeden Aufklärungsprogrammes sind, erhob sich doch die Frage, welche Alternativen denkbar wären.

Bei dem Treffen wurden verschiedene Referate gehalten und diskutiert sowie anschließend in überarbeiteter Form in einer Sondernummer von Sex Education: Sexuality, Society and Learning (2005, Vol. 5, Nr. 4) publiziert. Mein eigener Bei trag (Ingham 2005) beschäftigte sich mit der Beobachtung, dass sowohl die häusliche als auch die schulische Sexualerziehung alles, was mit Spaß am Sex zu tun hat, nicht nur ignoriert, sondern jede Vorstellung, dass dieser möglich oder wünschenswert sei, sogar aktiv negiert!

Ich trug vor, dass es verständlich sein mag, wenn manche (oder viele) »Sexualerzieher«, seien es Eltern oder Lehrerinnen und Lehrer, den Eindruck vermeiden möchten, Sex könnte auch Spaß machen – selbst denjenigen, die nicht für vollständige Abstinenz sind, könnte es unangenehm sein, die positiven Aspekte zu betonen. Jedenfalls fällt es offenbar vielen leichter, sich dem Thema zu entziehen, Fragen auszuweichen und den Zusammenhang zwischen Sex und Fortpflanzung eher in den Vordergrund zu stellen als die Freude an der gemeinsam erlebten Intimität. Doch ist dies wirklich ein angemessener Ansatz im Umgang mit jungen Menschen, und führt es wirklich mit größerer Wahrscheinlichkeit zu weniger riskantem Sexualverhalten?

Darüber hinaus besteht häufig die Gefahr, dass Spaß am gemeinsamen Sex mit Spaß durch Masturbation (oder »Solosex«, wie es manchmal heißt) in einen Topf geworfen wird. Diejenigen, die sexuelle Aktivitäten junger Menschen am lautesten zu verdammen scheinen, neigen auch dazu, negative Einstellungen zur Masturbation weiterzugeben. Nicht nur Lord Baden-Powell, der Initiator der Pfadfinderbewegung, und Joseph Kellogg, der Gründer eines heute weltweit agierenden Herstellers von Frühstückscerealien, waren Gegner der Selbstbefriedigung; reichlich frische Luft und eine gute Ernährung mit vielen Ballaststoffen galten ihnen als Garanten für einen gesunden Geist und einen gesunden Körper, in dem sich der Gedanke an Sex gar nicht erst einstellen würde! Die meisten Religionen sehen die Masturbation ebenfalls kritisch, und in manchen Kulturen hält sich bis heute der Glaube, ein Verlust an Samenflüssigkeit in der Jugend führe zu geringerer Fruchtbarkeit und körperlicher Kraft im späteren Leben.

In der Vergangenheit ging es dabei vor allem um die männliche Masturbation und ihre vermeintlich nachteiligen Auswirkungen auf diesen oder jenen Lebensaspekt. Der weiblichen Masturbation dagegen schenkte man kaum Aufmerksamkeit – wahrscheinlich u.a., weil die Bibel sie weder erwähnt noch verdammt und viele (zumindest die Männer) nicht recht glauben wollten, dass es sie tatsächlich gibt! 

Kurze Zeit nach dem Workshop und den damit zusammenhängenden Diskussionen fragte mich eine meiner Studentinnen, ob man in der Forschung schon einmal irgendwann einen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen der Bejahung und Häufigkeit der weiblichen Masturbation einerseits und der Anzahl der jeweiligen Sexualpartner andererseits gefunden habe. Dahinter stand bei ihr die Idee, dass eine Frau, die sich selbst Orgasmen verschaffen kann, möglicherweise weniger auf Sexualpartner angewiesen sein könnte. Wir konnten wenig Literatur zu dieser These finden. Natürlich hat es aus feministischer Sicht immer wieder Schriften darüber gegeben, inwiefern das Interesse an sexueller Befriedigung vor allem den Männern dient; über die potenzielle gesamtgesellschaftliche Wirkung einer positiven Einstellung zur weiblichen Masturbation wurde jedoch bisher nur sehr wenig geschrieben.

Wir bewarben uns erfolgreich um Forschungsgelder und meine Studentin, Harriet Hogarth, begann mit der Recherche für ihre Doktorarbeit. Noch in der Vorbereitungsphase befragte sie 20 junge Frauen zwischen 16 und 18 Jahren zu einer großen Palette von Erfahrungen mit dem Erwachsenwerden, der familiären Kommunikation, mit Paarbeziehungen und der Sexualität, darunter auch mit der Masturbation. Nachdem der erste Schock, zu diesem Thema befragt zu werden, überwunden war, hatten viele dieser jungen Frauen einiges dazu zu erzählen. Für viele war es das erste Mal, dass jemand ihnen die »Erlaubnis« gab, offen über ein Thema zu sprechen, das bis dahin als rein persönlich angesehen worden war.

Wir waren überrascht über die extrem große Bandbreite von Ansichten und persönlichen Einstellungen zu dem Thema, die sich aus der Analyse der Mitschriften ergab. Die Schlüsselergebnisse dieser ersten Studie veröffentlichten wir in einem Zeitschriftenartikel (Hogarth/Ingham 2009), so dass ich die Einzelheiten hier nicht zu wiederholen brauche. Zusammenfassend möchte ich nur sagen: Die Reaktionen reichten von starker Abwehr (z.B.: »Ich würde mich da unten nie anfassen«, und: »Gibt es wirklich Mädchen, die sich selbst berühren … Ich kann das nicht glauben«) bis zu vollständiger Akzeptanz (z.B. : »Für mich war das, wie einen Goldschatz zu finden«, und: »Es hilft wirklich, sich besser zu fühlen … na ja, nicht unbedingt besser vielleicht, aber ruhiger«).

Obgleich es sich bei dieser ersten Komponente des Forschungsprojekts um eine qualitative Studie mit kleiner Stichprobe handelte (und nachfolgende Studien einen Teil der Ideen mit Hilfe von Fragebogen und sehr viel größeren Stichproben erneut thematisierten), kristallisierten sich bei der genaueren Analyse der Fallgeschichten einige offenbar konsistente Schlüsselmotive heraus. So berichteten die jungen Frauen, die ihrem eigenen Körper gegenüber entspannt waren und ziemlich gut darüber Bescheid wussten, was sie mochten und weniger mochten, eher davon, die Interaktion mit anderen stärker unter Kontrolle zu haben und bewusst steuern zu können, zum Beispiel:
»Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber dass ich mich selbst … oder zumindest meinen Körper … besser kenne, hat mir wirklich geholfen … es hat mir geholfen zu wissen, was ich will.«
»Das ist so persönlich, dass es mir echt schwerfällt, darüber zu sprechen … Ich glaube, ich habe die Dinge mehr in der Hand … Ich kann leichter sagen, das und das will ich nicht und dafür sorgen, dass es aufhört, wenn mir etwas nicht gefällt … oder wenn es sich nicht richtig anfühlt.« Sich selbst sexuelle Befriedigung zu verschaffen und dies ganz entspannt und positiv zu sehen, könnte also wichtige gesamtgesellschaftliche Auswirkungen haben und nicht nur eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit sein. Unklar bleibt allerdings, wie es bei den jungen Frauen in dieser kleinen und demografisch relativ homogenen Stichprobe beim Thema weibliche Masturbation zu einer so großen Variationsbreite kommt.

Wie wir feststellen konnten, berichteten die »entspannteren« Frauen auch von offeneren Gesprächen mit ihren Eltern (in der Regel mit den Müttern) über Sexualität und Paarbeziehungen in ihrer Kindheit und Jugend – ein Ergebnis, das zu anderen Forschungen passt, die wir zu nationalen Unterschieden durchführten. Junge Menschen in den Niederlanden zum Beispiel berichteten (verglichen mit denen in England) häufiger über offene Gespräche mit den Eltern, waren in ihrer Einstellung zum eigenen Körper deutlich entspannter und gaben an, sexuelle Ereignisse (gemessen am höheren Einsatz von Verhütungsmitteln, größerer erlebter Gemeinsamkeit und weniger Belastung durch negative Erfahrungen usw.) stärker nach den eigenen Bedürfnissen steuern zu können (Ingham/van Zessen 1997; s. a. Schalet 2000). Die beobachteten Unterschiede scheinen also zwischen verschiedenen Ländern ebenso zu bestehen wie zwischen verschiedenen Familien und Einzelpersonen.

Daraus folgen eine Reihe von Fragen, zum Beispiel: Wie kommt es, dass es einigen Eltern offenbar leichter fällt als anderen, mit ihren Kindern über Sexualität und Paarbeziehungen zu sprechen? Ich denke, wir können wahrhaftig sagen, dass wir es nicht wirklich wissen! Vielleicht haben die, denen es schwerer fällt, selbst Probleme mit diesen Themen, die zuerst angesprochen und durchgearbeitet werden müssten, ehe sie offen mit ihren Kindern darüber sprechen könnten. Ebenso wenig ist klar, in welchem Grad sich die Art und Weise – und nicht nur das Ausmaß –, in der Eltern die Fragen ihrer Kinder beantworten, auf deren Wahrnehmung von Sexualität und Paarbeziehungen sowohl zum aktuellen Zeitpunkt als auch später auswirkt. Über diese Dynamik ist nur wenig bekannt. Die meisten Erhebungen zur elterlichen Kommunikation über diese Themen haben sich (häufig mit relativ vagen Messmethoden) eher auf die verschiedenen Kommunikationsebenen als auf die genauen Details konzentriert.

Um dem näher nachzugehen, interessieren wir uns zunehmend dafür, wie Eltern auf Fragen ihrer Kinder nach der Funktionsweise des Körpers und der Herkunft von Babys reagieren. Zurzeit sind wir gerade dabei, eine Reihe von Fokusgruppen einzurichten, die darüber diskutieren sollen, wie Eltern Fragen beantworten, die ihnen ihre kleinen Kinder stellen, etwa woher die Babys kommen, warum sich die Genitalien von Jungen und Mädchen unterscheiden, warum es sich so oder so anfühlt, wenn sie sich in der Genitalregion berühren, welche (manchmal kuriosen!) Namen Eltern diesen Körperteilen geben usw. Genauere Interviews werden voraussichtlich auf diese Fokusgruppen folgen. Wir wollen wis sen, warum Eltern so reagieren, wie sie es tun, und welche Auswirkungen dies ihrer Meinung nach auf die gesunde Entwicklung ihrer Kinder haben kann.
Hinter diesen Fragen steht die Vermutung, dass die elterlichen Reaktionen auf diese kindlichen Fragen einen starken Einfluss auf das spätere Verhalten haben können. Ist es beispielsweise wahrscheinlich, dass man, wenn man als Kind gesagt bekommt, das Berühren der Genitalien sei »pfui«, später Hemmungen hat? Sind Antworten wie die, Babys kämen zustande, wenn »Mamas und Papas sich ganz lieb haben«, mit eher seltsamen und restriktiven späteren Ansichten zur Sexualität verbunden? Was sagt die Vorgabe, Sexualität sei primär mit der Fortpflanzung verbunden, Kindern über die gemeinsame Intimität in Liebesbeziehungen, Spaß am Sex und erst recht über gleichgeschlechtliche Beziehungen? Führt ein Ausweichen beim Ansprechen dieser Themen zu einer generellen Mystifikation des Körpers und der Sexualität, die einem offenen Gespräch mit den Eltern und/oder Partnerinnen und Partnern im späteren Leben nicht förderlich ist?

Zwei neuere Beispiele aus England illustrieren, welche Herausforderungen sich in diesen Bereichen auftun. Das erste bezieht sich auf eine Broschüre der fpa (früher Family Planning Association). Die Broschüre soll Kinder im Alter von sechs bis sieben Jahren dazu anregen, über ihren Körper und die vor ihnen liegenden Veränderungen nachzudenken. Ein Bild zeigt einen Jungen und ein Mädchen sowie um die beiden herum Kästchen mit den Namen verschiedener Körperteile; die Aufgabe der jungen Leserinnen und Leser besteht darin, die Namenskästchen durch Striche mit den entsprechenden Körperteilen zu verbinden (eine PDF-Version der Broschüre steht zur Verfügung).2 Die zu findenden Körperteile umfassen Kopf, Haare, Arme, Brustwarzen, Füße, Beine, Scheide (oder Hoden und Penis für den Jungen). Vielleicht sollte betont werden, dass es keine weiteren Informationen oder Hinweise darauf gibt, was man mit all diesen Körperteilen anstellen kann!
Die Reaktion auf die Veröffentlichung dieser Broschüre war erstaunlich. Der Daily Telegraph berichtete unter der Schlagzeile »Sex-Aufklärungsheft für 6-Jährige führt zu Aufstand«, mehrere Elternverbände hätten behauptet, die Broschüre würde Kinder »ihrer Unschuld berauben«. Die Daily Mail Online meldete: »Schulen führen Sex-Ratgeber für 6-Jährige ein«.

Margaret Morrissey, ehemals Vorsitzende der landesweiten Parent Teachers Association, wird mit der Aussage zitiert: »Kinder in dem jungen Alter mit einer rein klinischen Terminologie zu belasten, ist schlichtweg unfair. Ich bin sicher, die meisten Eltern werden zustimmen, dass die Wahrheit immer die beste Antwort ist. Aber es kommt doch auch darauf an, wie weit man dabei ins Detail gehen muss. Wie kann man kleine Kinder mit derart unverblümten Details konfrontieren und sich hinterher fragen, warum sie Wörter benutzen und Dinge tun, die weder in der Schule noch in der Gesellschaft akzeptabel sind. Wir können nicht erwarten, dass Kleinkinder das Ausmaß an Informationen bewältigen können, das die Regierung jetzt über die Grundschulen in ihre kindlichen Köpfe einpflanzen will« (ihre Blog-Site, 18. September 2008).

Ein Aspekt dieses Zitats ist besonders interessant: Dass die korrekte Benennung von Körperteilen Kinder dazu bringen soll, dass sie »… Wörter benutzen und Dinge tun, die weder in der Schule noch in der Gesellschaft akzeptabel sind …« Mir ist nicht klar, wie eine korrekte Bezeichnung solche Auswirkungen entfalten könnte! Beachten Sie auch, dass Ms. Morrissey nicht sagt, welche Begriffe stattdessen benutzt werden sollten oder ob es besser wäre, die fraglichen Körper teile überhaupt nicht zu bezeichnen. Wie oben erwähnt, besteht das Risiko erfundener Namen darin, dass der betreffen de Körperteil mystifiziert und dadurch anders behandelt wird als andere Körperteile, was für eine gesunde Entwicklung eines Kindes später durchaus negative Folgen haben kann.
Ein weiterer bemerkenswerter Kommentar stammt von einem Arzt für Allgemeinmedizin, der sich im Namen seiner Organisation für »familiäre Werte« engagiert. Auch er begriff nicht, dass die Broschüre nichts anderes tat, als Körperteile zu benennen …

Jedenfalls sagte Dr. Trevor Stammers vom Family Education Trust: »Die fpa scheint zu meinen, wenn sie das Gleiche mit immer jüngeren Kindern tut, würde sie irgendwann ein anderes Resultat erzielen. Tatsächlich aber wird sie Wirbelstürme ernten. Ständig wird nur noch das biologische Wissen betont. Jedes Verständnis dafür, dass Gefühle auch verletzt werden können und Sexualität außerhalb einer liebevollen Beziehung zu Schaden und Rückzug führt, fehlt vollständig.«
Obgleich die Broschüre gar nicht von Sex oder gar vom Spaß am Sex handelt, wird sie so interpretiert, als wäre dies eine ausgemachte Sache – und diese Interpretation vorgeblich hochkarätiger Sprecherinnen und Sprecher erscheint in der landesweiten Presse. Eltern, die sich rund um den Themenkomplex verständlicherweise echte Sorgen machen, werden von diesen Reaktionen mit Sicherheit beeinflusst und könnten ihre eigenen Ansichten und Verhaltensweisen entsprechend ausrichten.

Das zweite Beispiel betrifft eine Broschüre des Sheffield Centre for HIV and Sexual Health, einer seit Jahren bewährten und hoch angesehenen Institution der Gesundheitsförderung in Sheffield. Die Broschüre wurde aufgrund der großen Nachfrage von Fachleuten produziert, die mit der Sexualerziehung beauftragt sind, sowie von Eltern, Lehre rinnen und Lehrern, Jugendpflegerinnen und -pflegern und anderen, die mit jungen Menschen zu tun haben und sich auf diesem Gebiet fachliche Unterstützung wünschten.

Die Broschüre3 führt eine Reihe von Gründen auf, warum Spaß am Sex in Gesprächen mit jungen Menschen thematisiert (oder zumindest nicht geleugnet) werden sollte, und enthält einige Vorschläge dafür, wie sich dies einigermaßen unverkrampft bewerkstelligen ließe. Um den Inhalt entsprechend ein wenig aufzulockern, fällt der Satz: »An orgasm a day keeps the doctor away.« Den meisten Leserinnen und Lesern ist klar, dass dies als Witz gemeint ist! Nicht jedoch dem oben bereits erwähnten Dr. Stammers. Er wurde in den Medien weithin mit der Aussage zitiert, die Broschüre rufe »zu riskantem Verhalten auf und sorge so für eine Zunahme von sexuell übertragbaren Krankheiten«. Er sagte: »Ich würde gern einmal wissen, auf welche wissenschaftlichen Beweise sich so etwas stützen soll. Offenbar gibt es schrecklich viele überbezahlte und unterbeschäftigte Beamte, die eigentlich die Gesundheit fördern sollen, in Wirklichkeit aber vom Thema Sex besessen sind.« Und er fügte hinzu: »Minderjährige zum Sex anzustacheln« sei »nichts weniger als die Förderung von Kindesmissbrauch« (The Daily Mail, 12. Juli 2009).

Es war klar, dass er die Broschüre nicht gesehen hatte, als er sich derart äußerte, sonst hätte er erkennen müssen, dass nichts darin »Minderjährige zum Sex anstachelt«, und es in erster Linie um Masturbation geht. Dennoch kann der Aus druck »Förderung von Kindesmissbrauch« all diejenigen, die mit jungen Menschen arbeiten, davon abhalten, über diese Dinge offen zu reden, wenn das Gespräch darauf kommt, und eine positive Einstellung zur Sexualität zu vermitteln.
Was also können wir aus alledem für die Sexualerziehung folgern? Ein großer Teil der Arbeit richtet sich direkt an junge Menschen in dem Versuch, sie davon abzuhalten, Risiken einzugehen. Dies ist notwendig und – wenn es richtig ausgeführt wird – auch wirksam. Ebenso wichtig, so lässt sich argumentieren, sollte aber auch der Teil der Gesundheitsförderung sein, der sicherstellen will, dass junge Menschen keine Angst haben, bestimmte Themen anzusprechen, und sich nicht von den »Moralwächtern« verschrecken lassen, die für sich das Recht beanspruchen, allein darüber bestimmen zu können, wie man im Umgang mit Jugendlichen sexuelle Themen zu behandeln hat.
Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger können dies auf verschiedene Weise unterstützen:

  1. indem sie in Kursen und Fortbildungen für die mit der Sexualerziehung befassten Fachkräfte aufzeigen, wie sich auch über die angenehmen Seiten der Sexualität sprechen lässt;
  2. indem sie das Thema in Kurse für Eltern von Kindern aller Altersstufen einfließen lassen;
  3. indem sie Eltern und Fachkräften klarmachen, dass ausweichende und falsche Antworten auf echte Fragen für die spätere Entwicklung der betroffenen Kinder negative Folgen haben können;
  4. indem sie darauf hinwirken, dass politische Entscheidungen nicht auf rhetorischen Floskeln und falschen Annahmen, sondern auf wissenschaftlichen Ergebnissen beruhen;
  5. indem sie mehr Gelder für die Erforschung der positiven Aspekte der sexuellen Entwicklung zur Verfügung stellen;
  6. indem sie sich bewusst machen, dass Mystifizierung und Heimlichtuerei im Hinblick auf die Sexualität und die verschiedenen Körperfunktionen genau die Umstände schaffen können, die den fortgesetzten, heimlichen Missbrauch wahrscheinlicher machen;
  7. indem sie anerkennen, dass das Wissen über Körperfunktionen eine Sache, die Entscheidung aber, was man mit diesem Wissen (und den Körperfunktionen!) macht, eine ganz andere Sache ist. 

Literatur

Hogarth, H./Ingham, R. (2009): Masturbation among young women and associations with sexual health: an exploratory study, Journal of Sex Research, 46 (6), 558–567. (doi:10.1080/00224490902878993)
Ingham, R./van Zessen, G. (1997): Towards an alternative model of sexual behaviour; from individual properties to interactional processes. In: Van Campenhoudt, L./Cohen, M./Guizzardi, G./Hausser, D. (eds.): Sexual Interactions and HIV Risk; New Conceptual Perspectives in European Research, London, Taylor and Francis, 83–99
Ingham, R. (2005): »We didn’t cover that at school«; education against pleasure or education for pleasure? Sex Education, 5 (4), 375–88
Schalet, A. (2000): Raging hormones, regulated love: adolescent sexuality and the constitution of the modern individual in the United States and the Netherlands, Body Society, 6 (1), 75–105 

Autoren

Prof. Roger Ingham

Roger Ingham ist Professor für Health and Community Psychology an der University of Southampton und Leiter des multi disziplinären Centre for Sexual Health Research. Seit vielen Jahren ist er Berater der World Health Organisation (WHO) zu den Themen reproduktive Gesundheit und Aids. Er ist Mitglied der Government’s Independent Advisory Group for the Teenage Pregnancy Unit und des Teenage Magazine Arbitration Panel.

 

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