Erhöhung des Einsatzes reversibler Langzeitkontrazeptiva bei jungen Frauen in Großbritannien¹

In aller Kürze skizziert die Autorin das Problem einer hohen Rate von Teenagerschwangerschaften in Großbritannien. Britische Gesundheitsexperten wollen den Einsatz reversibler Langzeitkontrazeptiva fördern, um ungewollte Schwangeschaften zu vermeiden. Akzeptanz, Anwendungshindernisse und Forschungsfragen werden umrissen.

Von allen westeuropäischen Ländern hat Großbritannien, wie weithin bekannt, sowohl die höchste Konzeptionsrate als auch die höchste Geburtenrate bei Jugendlichen. Die von Eurostat und dem UK Office for National Statistics erhobenen Daten zeigen: Die Geburtenrate bei jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren lag in England und Wales 2008 bei 26,0 pro 1000 und war damit mehr als zweimal so hoch wie in Frankreich (11,4), viermal so hoch wie in Dänemark (6,1) und fünfmal so hoch wie in den Niederlanden (5,2) (Eurostat 2010; Office for National Statistics 2010).

Seit der Einführung der Teenage Pregnancy Strategy (TPS) im Jahre 1999 konnte die Anzahl der Schwangerschaften bei den unter 18-Jährigen zwar reduziert werden – der Rückgang war jedoch langsamer als erwartet (Social Exclusion Unit 1999; Office for National Statistics 2010). Zudem blieb die Rate der Schwangerschaftsabbrüche, die häufig als stellvertretender Indikator für die Anzahl ungeplanter Schwangerschaften verwendet wird, unvermindert hoch. 2008 hatten etwa 98.000 junge Frauen zwischen 15 und 24 Jahren in England und Wales einen Schwangerschaftsabbruch – für 31% von ihnen war dies mindestens der zweite Abbruch (Department of Health 2009).

Auch wenn die frühe Mutterschaft für manche junge Frauen nachweislich eine positive Erfahrung sein kann, ist eine Schwangerschaft im Jugendalter häufig sowohl eine Folge als auch eine Ursache von sozialem Ausschluss (Phoenix 1991; Botting/Rosato/Wood 1998, S. 19; Kiernan 1997, S. 406). Darüber hinaus sind minderjährige Eltern und ihre Kinder hinsichtlich ihrer Gesundheit, ihrer Ausbildung und ihrer sozioökonomischen Situation einem größeren Risiko nachteiliger Folgen ausgesetzt als andere Eltern und ihre Kinder (Berrington/Diamond/Ingham/ Stevenson 2005; Allen/Bourke Dowling 1998). Förderung, Bereitstellung und Einsatz angemessener Kontrazeptiva für junge Menschen sind daher dringend notwendig.

Kondome und orale Kontrazeptiva sind, ebenso wie in vielen anderen europäischen Ländern, bei jungen Menschen in Großbritannien die beliebtesten Methoden der Empfängnisverhütung (The NHS Information Centre 2009).

Beide haben jedoch ihre Grenzen, weil sie, um wirksam zu sein, stetig und konsequent angewendet beziehungsweise eingenommen werden müssen, also einen hohen Grad an Compliance2 voraussetzen. Aus diesem Grund hat sich das Interesse auf politischer Ebene der Förderung reversibler Langzeitkontrazeptiva (IUP3, IUS4, Injektate und Implantate) zugewandt, die Schwangerschaften viel wirksamer und zuverlässiger verhüten können. Trotz der offensichtlichen (gesundheitlichen, praktischen und finanziellen) Vorteile bleibt ihr Einsatz relativ gering, wenn auch auf deutlich höherem Niveau als in vielen anderen westeuropäischen Ländern (Armstrong/Davey/Donaldson 2005; Mavranezouli 2008, S. 1338). Bei der Beratung in speziellen Sprechstunden zur Familienplanung gewonnene Daten legen nahe, dass 2008/2009 etwa 13% der jungen Frauen zwischen 16 und 17 Jahren und 17% der jungen Frauen zwischen 18 und 19 Jahren reversible Langzeitkontrazeptiva als primäre Methode der Empfängnisverhütung einsetzten, wobei sich Implantate als die am stärksten favorisierte Methode erwiesen. Bei Frauen zwischen 20 und 24 Jahren stieg der Einsatz reversibler Langzeitkontrazeptiva auf 22% (The NHS Information Centre 2009).

2005 empfahl der Evaluations-Abschlussbericht der TPS, jungen Frauen reversible Langzeitkontrazeptiva in größerem Umfang zur Verfügung zu stellen (Teenage Pregnancy Strategy Evaluation Team 2005). Im gleichen Jahr veröffentlichte das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) seine Richtlinien zum effektiven und adäquaten Einsatz reversibler Langzeitkontrazeptiva und wies auf den Mangel an belastbaren britischen Daten zu wichtigen Aspekten beim Einsatz reversibler Langzeitkontrazeptiva hin, darunter Faktoren, die Akzeptanz und Anwendungsmuster beeinflussen (National Collaborating Centre for Women’s and Children’s Health 2005). Insbesondere wurde auf die folgenden Punkte hingewiesen:

  1. Alle Frauen, die Kontrazeptiva wünschen, sollen Informationen über die gesamte Bandbreite der zur Verfügung stehenden Methoden bekommen, darunter auch über reversible Langzeitkontrazeptiva.
  2. Alle derzeit verfügbaren reversiblen Langzeitkontrazeptivasind bereits nach einjährigem Einsatz kosteneffektiver als orale Kontrazeptiva.
  3. Ein erhöhter Einsatz reversibler Langzeitkontrazeptiva wirddie Anzahl ungeplanter Schwangerschaften verringern.

Forschungsarbeiten aus anderen Ländern ergaben, dass ein geringer Einsatz reversibler Kontrazeptiva mit einem entsprechenden Wissensdefizit, Angst vor Nebenwirkungen und Zufriedenheit mit der derzeit angewendeten Methode verbunden ist (Tanfer/Wierzbicki/Payn 2000, S. 176). Der Einsatz selbst kann unter anderem von Blutungsproblemen, Schmerzen und Gewichtsveränderungen begleitet sein (Harel/Biro/Kollar/Rauh 1996, S. 118; Polaneczky/ Liblanc 1998, S. 81; Lim/Rieder/Coupey/Biju 1999, S. 1068; Lakha/Glasier 2006, S. 287). Bislang noch nicht bekannt ist, in welchem Ausmaß solche Probleme (oder die Angst vor ihnen) auf die Entscheidung für reversible Kontrazeptiva und deren fortgesetzte Anwendung bei jungen Frauen in Großbritannien Einfluss nehmen.

Stark beeinflusst wird die Wahl eines Kontrazeptivums nachweislich von den Informationen, Ratschlägen und geäußerten Ansichten der um Rat gefragten Fachleute (Glasier/Yan/Wellings 2007, S. 18; Wellings/Zhihong/ Krentel/Barrett/Glasier 2007, S. 208). In einer britischen Studie über die in Allgemeinpraxen vermittelten Einstellungen zu reversiblen Kontrazeptiva stellte sich zum Beispiel heraus, dass die beteiligten Ärztinnen und Ärzte zwar deren Bedeutung für die Prävention von Schwangerschaften bei Minderjährigen anerkannten, sie im Gegensatz zu den NICE-Richtlinien5 jedoch mit viel geringerer Wahrscheinlichkeit empfahlen. Fälschliche Annahmen über mögliche Nebenwirkungen und Unsicherheiten bei der Anpassung erwiesen sich hier als signifikante Hindernisse. Kaum überraschen können daher die Ergebnisse einer Studie über irrtümliche Vorstellungen, faktisches Wissen und Einstellungen junger Menschen im Hinblick auf verschiedene Verhütungsmethoden. Sowohl den jungen Männern als auch den jungen Frauen fehlte es an Wissen über die gesamte Bandbreite der zur Verfügung stehenden Methoden, deren Funktionsweise und jeweiligen Vor- und Nachteile (Define Research & Insight 2007).
Angesichts der Bedeutung reversibler Kontrazeptiva für die Prävention ungeplanter Schwangerschaften, zur Verwirklichung der von der TPS gesetzten Ziele und zur Reduktion von Schwangerschaftsabbrüchen bei jungen Frauen sind umfassende Untersuchungen über die Faktoren, die den vermehrten Einsatz reversibler Kontrazeptiva bei jungen Frauen in Großbritannien fördern könnten oder ihm im Wege stehen, an der Zeit und unbedingt notwendig. 

 

Fußnoten

1 Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt.
2 verantwortliches, kooperatives Verhalten der Patientin/Klientin (d. Red.)
3 IUP = Intrauterinpessar, Spirale (d. Red.)
4 IUS = Intrauterinsystem, Hormonspirale (d. Red.)
5 NICE = das englische National Institute for Clinical Excellence (d. Red.)
 

Literatur

Allen, I./Bourke Dowling, S. (1998): Teenage Mothers: decisions and outcomes. London: Policy Studies Institute
Armstrong, N./Davey, C./Donaldson, C. (2005): The economics of sexual health: findings. London: fpa
Berrington, A./Diamond, I./Ingham, R./Stevenson, J. (2005): Consequen ces of Teenage Parenthood: Pathways which mimimise the long term negative impacts of teenage childbearing. London: UK Department of Health
Botting, B./Rosato, M./Wood, R. (1998): Teenage mothers and the health of their children. Population Trends 93. London: HMSO
Define Research & Insight (2007): Contraceptive Research. Presentation made to the Teenage Pregnancy Unit, December 2007
Department of Health (2009): Abortion statistics, England and Wales: 2008. Statistical Bulletin 2009/01. London: UK Department of Health
Eurostat (2010): Calculated using tables demo_pjan (population by age and sex on 1st Jan) and demon_fagec (live births by mothers age last birthday). http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/population/
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Glasier, A./Yan, Y./Wellings, K. (2007): How do health care professionals respond to advice on adverse side effects of contraceptive methods? The case of Depo Provera. Contraception, 76 (1): 18–22
Harel, Z./Biro, F./Kollar, L./Rauh, J. (1996): Adolescents’ reasons for and experience after discontinuation of the long-acting contraceptives Depo-Provera and Norplant. Journal of Adolescent Health, 19: 118–123
Kiernan, K. (1997): Becoming a young parent: a longitudinal study of associated factors. British Journal of Sociology, 48: 406–428
Lakha, F./Glasier, A. (2006): Continuation rates of Implanon in the UK: data from an observational study in a clinical setting. Contraception, 74: 287–289
Lim, S./Rieder, J./Coupey, S./Bijur, P. (1999): Depot medroxyprogesterone acetate use in inner-city, minority adolescents – Continuation rates and characteristics of long-term users. Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine, 153: 1068–1072
Mavranezouli, I. (2008): The cost-effectiveness of long-acting reversible contraceptive methods in the UK: analysis based on a decision-analytic model developed for a National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) clinical practice guideline. Human Reproduction, 23 (6): 1338–45
National Collaborating Centre for Women’s and Children’s Health (2005): Long-acting reversible contraception; the effective and appropriate use of long-acting reversible contraception. Commissioned by the National Institute for Health and Clinical Excellence, London: RCOG Press
Office for National Statistics (2010): Conceptions to women aged under 18 – annual numbers and rates. http://www.statistics.gov.uk/statbase/ product.asp?vlnk=15055
Phoenix, A. (1991): Young mothers? Cambridge: Polity Press
Polaneczky, M./Liblanc, M. (1998): Long-term depot medroxyprogesterone acetate (Depo-Provera) use in inner-city adolescents. Journal of Adolescent Health, 23: 81–88
Social Exclusion Unit (1999): Teenage Pregnancy. London: HMSO
Tanfer, K./Wierzbicki, S./Payn, B. (2000): Why are US women not using long-acting contraceptives? Family Planning Perspectives, 32: 176–191
Teenage Pregnancy Strategy Evaluation Team (2005): Teenage Pregnancy Strategy Evaluation: Final Report Synthesis. London: UK Department of Education and Skills
The NHS Information Centre, Lifestyles (2009): NHS Contraceptive Services, England: 2008/09. London: The Health and Social Care Information Centre
Wellings, K./Zhihong, Z./Krentel, A./Barrett, G./Glasier, A. (2007): Attitudes towards long-acting reversible methods of contraception in general practice in the UK. Contraception, 76: 208–214
 

Autoren

Dr. Nicole Stone

Dr. Nicole Stone ist Senior Research Fellow am Centre for Sexual Health Research der Universität Southampton. Sie befasst sich überwiegend mit dem Sexualverhalten und damit verbunden der sexuellen und reproduktiven Gesundheit Jugendlicher in Großbritannien.

 

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