Sexualität als Recht auch für Menschen mit Behinderung¹

In den letzten Jahrzehnten hat sich vieles im Sinne einer Humanisierung der Lebens verhältnisse von Menschen mit Behinderung getan, auch Sexualität ist als Thema in vielen Einrichtungen und Diensten inzwischen enttabuisiert. Bis Sexualität allerdings für Menschen mit Behinderung ein »normales« Thema wird, bedarf es weiterer umfassender Anstrengungen und einer veränderten Haltung zum Recht von Menschen mit Behinderung auf Sexualität und Reproduktion. In einer Bestands aufnahme werden historische und gegenwärtige Entwicklungen dargestellt und Ansprüche an eine sexualfreundliche Zukunft abgeleitet.

Von der Ausgrenzung zur Normalisierung

Bis in die 1970er hinein, also bis vor nunmehr rund 40 Jahren, waren Menschen mit Behinderung im gesellschaftlichen Leben nicht präsent. Das lag daran, dass sie häufig ihr Leben lang fremdversorgt wurden, nicht selten in großen Einrichtungen oder Anstalten. Menschen mit Behinderung waren in diesen Großeinrichtungen Patienten. Zuständig waren für sie vorrangig Mediziner und Pflegepersonal, die die Grundver sorgung gewährleisteten. Von Förderung, geschweige denn Selbstbestimmung, konnte keine Rede sein. Sie lebten ausgegrenzt vom Rest der Gesellschaft unter oft inhumanen Lebensbedingungen.

Noch weniger wurde das Thema Sexualität thematisiert. Menschen mit Behinderung wurden weniger oder zumindest vom Normalen abweichende Bedürfnisse nach Sexualität, Geschlechtlichkeit und Partnerschaft unterstellt. Man ging davon aus, dass für sie Genitalsexualität und die Aufnahme von Beziehungen aufgrund ihrer körperlichen, psychischen oder auch intellektuellen Beeinträchtigung kein wirkliches Anliegen sei. Sexualität war fast überall, zumindest nach außen, ein Tabu, und sexuelle Bedürfnisse und Ausdrucksformen wurden in den Institutionen der Behindertenhilfe zumeist wirksam unterbunden. Dies fiel angesichts der konkreten Lebensbedingungen der meisten Frauen und Männer mit Behinderung nicht schwer: Mehrbettzimmer, strikte Trennung von Männern und Frauen, physische und pharmakologische Ruhigstellung, ein monotoner, gleichförmiger und zumeist anregungsloser Tagesrhythmus waren Kennzeichen der restriktiven Strukturen, die den Alltag in den Einrich tungen bestimmten.

Dank der Berichterstattung der Medien, durch Fachpublikationen und insbesondere als Folge der zunehmenden Öffentlichkeitsarbeit vieler Selbsthilfegruppen und Interes­senverbände wurden die Missstände zunehmend öffentlich. Deshalb kam es in den 1980er- und den 1990er-Jahren mehr und mehr zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen. Rechtlich waren es vor allem das Betreuungsgesetz von 1992 und der 1994 verabschiedete Zusatz zum § 3 des Grundgesetzes, die die »Normalität« von Menschen mit Behinderung und ihrer Bedürfnisse und Wünsche betonten und die Bemühungen vieler Aktivistinnen und Verbände stärkten. Mit dem »Normalisierungsprinzip« (Thimm 2008) gewann eine veränderte Sichtweise auf Menschen mit Behinderung und deren Begleitung an Bedeutung. Zentral war dabei die Erkenntnis, dass sich behinderte Menschen in ihren Bedürfnissen nicht von nicht-behinderten Menschen unterscheiden, wohl aber in ihren Möglichkeiten, ihre Bedürfnisse umzusetzen.

Die Normalisierung drückte sich darin aus, dass Men­schen mit Behinderung verstärkt gefördert wurden und nicht mehr nur versorgt. Zuständig waren dafür in der Regel die gleichen Einrichtungen wie zuvor, die sich allerdings erheblich veränderten: Aus geschlechtshomogenen Großheimen wurden geschlechtsgemischte Wohngruppen, aus Schlafsälen und Sechsbettzimmern wurden Doppelzimmer, aus Patienten wurden Klienten und Klientinnen, aus medizinisch-pflegerischer Versorgung wurde pädagogische Förderung.

Die Phase der Normalisierung vollzog sich mit zeitlicher Verzögerung auch im Bereich der Sexualität. In den 1980er­Jahren rückte Sexualität allmählich ins Blickfeld der fachwissenschaftlichen Auseinandersetzung und verdeutlichte den Handlungsbedarf. Dies ist vor allem der Arbeit von Prof. Dr. Joachim Walter zu verdanken, der neben eigener Forschung zu diesem Thema die vorhandenen sexualpädago gischen Erfahrungen im deutschsprachigen Raum bündelte und der Fachöffentlichkeit zugänglich machte (Walter 2005).2 Studien, die vor allem ab Mitte der 1990er erschienen, belegten zudem die bis dahin fast völlig ignorierte Tat sache, dass Menschen mit Behinderung entgegen der bis herigen Annahmen häufiger als nicht-behinderte Menschen von sexuellen Übergriffen betroffen sind (Zemp 1996, 1997) und sie häufiger als angenommen Eltern werden (Pixa-Kettner 1996). Die meisten Schwangerschaften waren laut Untersuchungsergebnis dabei nicht das Resultat eines Kinder wunsches, sondern Folge fehlender Sexualaufklärung und zum Teil auch die Folge sexuellen Missbrauchs.

Die fachwissenschaftlichen Erkenntnisse gingen mit einer schrittweisen Enttabuisierung von Sexualität in den Einrichtungen einher. Sexualpädagogische Inhalte wurden in immer mehr Einrichtungen als Aufgabe der pädagogischen Begleitung eingeführt. Nach skandinavischem und niederländischem Vorbild wurde in bundesdeutschen Einrichtungen damit begonnen, Partnerschaften behinderter Menschen zu unterstützen. Dies geschah zum Beispiel durch den Aufbau differenzierter Wohnformen, wie etwa kleinere Wohngruppen oder Paarwohnungen. Um Mitarbeiterinnen und Mitarbei ter der Behindertenhilfe Orientierungshilfen und Richtlinien zu den Themen Partnerschaft, Sexualität und Umgang mit sexuellem Missbrauch zu geben, wurden in manchen Einrichtungen sexualpädagogische Konzeptionen entwickelt und erfolgreich erprobt. Das Thema Aufklärung gewann in immer mehr Schulen und Wohngruppen an Bedeutung. Allerdings sind es bis heute in der Regel einzelne Lehrkräfte und interessierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die die (wenigen) passenden Aufklärungsmedien nutzen und sich fortbilden lassen.

In Tabelle 1 werden die wichtigsten Unterschiede zwischen dem Ansatz der Ausgrenzung und dem der Normalisierung zusammengefasst.

Die Schritte von der Ausgrenzung zur Normalisierung sind in den meisten Institutionen der Behindertenhilfe inzwischen vollzogen. Dies gilt aber nicht für den Umgang mit Sexualität. Die Versäumnisse der Vergangenheit und die lang anhaltende Tabuisierung des Themas Sexualität werfen lange Schatten. Die stationäre und ambulante Versorgung erweist sich bei der Etablierung des Themas Sexualität als schwierige und kräftezehrende Aufgabe.

Ein einheitlicher Standard ist nicht auszumachen. Einige Einrichtungen haben erst vor Kurzem damit begonnen, Sexualität als Aufgabe zu begreifen und sexualpädagogisch zu arbeiten. In anderen Institutionen sind hingegen sexual pädagogische Inhalte seit vielen Jahren erfolgreich verankert. Dort gibt es beispielsweise regelmäßige Aufklärungsangebote für die Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtung und Richtlinien zum Umgang mit sexuellen Übergriffen. Be zogen auf die Gesamtheit von institutionell betreuten Menschen mit Behinderung muss man leider feststellen, dass Sexualität in der Praxis auch heute noch nicht als selbstverständlicher Teil der Persönlichkeits entwicklung behandelt wird. Aber es gibt selbstverständlich auch Vor reiter, die bereits die Tabus von heute bearbeiten, wie eine angemessene Sexualassistenz oder die positive Unterstützung von Elternschaften von Menschen mit Behinderung.

Die »Normalisierung« im Bereich der Sexualität ist also noch lange nicht abgeschlossen. Wie im Folgenden zu sehen sein wird, ist Normalisierung aber nicht die einzige Antwort auf die Herausforderungen.

Tab. 1 Von der Ausgrenzung zur Normalisierung

Von der Normalisierung zur Integration

Der Leitgedanke der unterstützenden Arbeit in der Norma lisierungsphase war das Helfen und Fördern hin zur Norm. Allerdings gründete dieser Ansatz in einer Konzentration auf die Defizite, der bis in die 1990er-Jahre die Sonderpädagogik prägte: Der Fokus lag auf den eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten von Menschen mit Lernschwierigkeiten und den begrenzten motorischen Kompetenzen körperbehinderter Menschen. In dieser Logik blieb das Handicap letztendlich die Erklärung dafür, dass Menschen mit Behinderung nur begrenzt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Inzwischen hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen. In zunehmendem Maße setzen sich kompetenzorientierte Sichtweisen von Behinderung durch, die die gesellschaftliche Verantwortlichkeit für das Ausmaß einer Behinderung betonen (Arnade 2009).3 Demnach wirkt das individuelle Handi cap vor allem in einer Gesellschaft als begrenzend, die nicht auf eine Integration ausgerichtet ist. Das Hauptaugenmerk der unterstützenden Arbeit wird entsprechend darauf gelegt, physikalische und soziale Barrieren zu beseitigen und Menschen mit Behinderung gleiche Chancen einzuräumen, selbstbestimmte Lebenspläne umzusetzen.

Diese Sichtweise ist inzwischen rechtlich verankert. Insbesondere das im Jahr 2001 in Kraft getretene Sozialgesetzbuch IX zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen stärkt explizit die Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung. In die gleiche Richtung weisen das seit August 2006 gültige Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG), der Rechtsanspruch auf das sogenannte »Persönliche Budget« (seit 2007) und insbesondere die im März 2009 in Deutschland in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention (BRK).4

Die veränderte Perspektive auf Behinderung ist inzwischen zumindest in Teilen im Leben vieler Menschen mit Behinderung angekommen. Die ambulanten und stationären Einrichtungen und Dienste der Behindertenhilfe befinden sich seit einigen Jahren in einem beispiellosen Moderni sie rungs- und Professionalisierungsschub (Specht 2008). Neue fachwissenschaftliche Erkenntnisse und rechtliche Vorgaben müssen umgesetzt werden. Wichtige Konzepte sind in diesem Zusammenhang zum Beispiel Ambulantisierung und Sozialraumorientierung.5 Durch die Ambulantisierung werden verstärkt ambulant unterstützte Wohnmöglichkeiten geschaffen, die eine Alternative und damit eine Wahlmög lich keit zu der bisher üblichen Komplett versorgung durch eine stationäre Komplexeinrichtung darstellen. Die Sozial raumorientierung hat den Ausbau eines gemeindenahen differenzierten Dienstleistungsangebots für alle Menschen zum Ziel und ist beispielsweise in der Jugendhilfe bereits erfolgreich etabliert.

Tabelle 2 fasst die grundlegenden Unter schiede der normalisierten zur integrierenden Perspektive zusammen.

Tab. 2 Von der Normalisierung zur Integration

Bausteine einer zukunftsweisenden Sexualpädagogik

Was bedeutet der Modernisierungsschub für das Thema Sexualität und für die sexualpädagogische Unterstützung von Menschen mit Behinderung? Welche sexualpädagogischen Angebote können dazu beitragen, das verbriefte Recht auf ein Wunsch- und Wahlrecht, die gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft oder die Ansprüche an Selbstvertretung und Mitbestimmung mit Leben zu füllen? Eine Auswahl konkreter Ansatzpunkte wird im Folgenden vorgestellt. 

Sexuelle Bildung (von Anfang an)

Eine möglichst selbstbestimmte Sexualität setzt grundlegende Kenntnisse über Sexualität und Körpervorgänge voraus. Gerade Menschen mit Lernschwierigkeiten sind auch noch im Erwachsenenalter oft sehr unaufgeklärt. Häufig sind Fragen, die während der körperlichen und sexuellen Entwicklung auftreten, nicht aufgegriffen und beantwortet worden. Der Zusammenhang von mangelhaftem Körperbewusstsein und -wissen und auffälligem Sexualverhalten ist in einigen Fällen offenkundig. Menschen mit Behinderung empfinden zum Teil sexuelle oder körperliche Vorgänge lange und manchmal sogar lebenslang aus Unwissenheit als bedrohlich.

Körper- und Sexualaufklärung sollte als Grundrecht von Menschen anerkannt und umgesetzt werden. Dazu gehören auch Informationen über die Gleichwertigkeit unterschiedlicher sexueller Orientierungen, über sexuellen Missbrauch sowie über das Recht auf Fortpflanzung. Entsprechende Ange bote sollten Menschen mit Behinderung regelhaft in allen Lebensphasen erreichen. Bisher geschieht dies eher zufällig und wenig koordiniert.

Wie auch bei Menschen ohne Behinderung kann Körper­und Sexualaufklärung verschiedene Formen annehmen und je nach Gruppe oder Person unterschiedlich erfolgen, zum Beispiel in Form von Einzelgesprächen oder durch geplante Aktivitäten wie einem gemeinsamen Filmabend in der Frauengruppe der Wohneinrichtung, im Rahmen des Schulunterrichts sowie durch die Bereitstellung von Büchern und anderen Medien. Inhalte und Form der Vermittlung sollten sich an den Erfahrungen der unterstützten Personen orientie ren. Ebenso müssen Art und Ausprägung der Behinderung bedacht werden. Es hat sich bewährt, folgende Prinzipien zu beachten:

  • Einfachheit (etwa durch die Verwendung Leichter Sprache6),
  • Lebendigkeit (etwa durch spielerische Methoden),
  • Multi-Sinnlichkeit (etwa durch kreative Elemente),
  • Wiederholung (etwa durch ein regelmäßiges Gesprächsangebot),
  • Anschaulichkeit (etwa durch Bildmedien und Modelle),
  • Begreifbarkeit (etwa durch Gegenstände zum haptischen Erleben).

 

Entgegen landläufiger Befürchtungen bestätigen Erfah rungen aus der sexualpädagogischen Fortbildungsarbeit, dass durch einen Einstieg in das Thema Sexualität keine »schlafenden Hunde geweckt« werden.7 Im Gegenteil: Eine Sensibili sie rung in der Wahrnehmung von Wünschen und Bedürfnissen kann helfen, zwischen eigenen und fremden Bedürf nissen zu differenzieren und schafft die Grundlage, reali sier bare von utopischen Wünschen zu unterscheiden. Sexuelle Bildung ist in diesem Sinne auch wirksamer Bestand teil der Prävention von sexualisierter Gewalt.

Zudem ist ein Mangel passender Informationsmaterialien zu sexuellen Themen zu beklagen, die wenigen vorhandenen Medien sind in vielen Einrichtungen und Diensten unbekannt oder nicht zugänglich. Speziell für Menschen mit Behin derung sind gerade in letzter Zeit einige Materialien in Leichter Sprache unter Beteiligung von Betroffenen erschienen, die noch nicht umfassend bekannt sind.8 Informationsmaterialien müssen zudem an die unterschiedlichen Handicaps angepasst werden, das heißt auch in Brailleschrift vorliegen oder als auditives Medium. Wichtig ist also, auch in diesem Zusammenhang auf Barrierefreiheit zu achten. 

Qualifizierung des Unterstützungssystems

Die zunehmende Etablierung des Themas Sexualität und Behinderung muss einhergehen mit einer sexualpädago gischen Professionalisierung des Unterstützungssystems. Sexualpädagogik geschieht nicht »nebenbei«. Denn mehr als bei Menschen ohne Behinderung hängt der Erfolg sexualpädagogischer Initiativen von der Art der Vermittlung ab, so zum Beispiel beim Reden über Sexuelles in einem Aufklärungs- oder Beratungsgespräch oder bei der Auswahl geeigne ter Methoden für ein sexualpädagogisches Projekt. Um Selbstbestimmungsprozesse kompetent und angemessen begleiten zu können, erfordert professionelles Handeln von sexualpädagogisch Aktiven

  • fundiertes Wissen (Fachkompetenz),
  • zielgruppenspezifische methodisch-didaktische Fähigkeiten (Methodenkompetenz),
  • die Überprüfung eigener Standpunkte undWertvorstellungen (Selbstkompetenz).

 

Durch ihre Ausbildung werden pädagogisch Tätige aller dings eher zufällig und nicht umfassend auf sexualpädago gisches Arbeiten vorbereitet. Deshalb bedarf es einer Er weiterung der pädagogischen Erstausbildung um sexualpäda go gische Elemente. Ebenso sind verstärkte Anstrengungen bei der Initiierung, Finanzierung und Umsetzung von kurz- und langfristig angelegten Fortbildungsmaßnahmen notwendig, um interessierte und schon engagierte (Fach-)Personen zu unterstützen und Angehörige von Menschen mit Behinderung für dieses wichtige Thema zu gewinnen. Praxisorientierte Fort- und Weiterbildungen werden inzwischen von einigen Einrichtungen und Verbänden der Behindertenhilfe, von pro familia sowie vom Institut für Sexualpädagogik (isp) angeboten.9 Die Einrichtungen und Dienste der Behindertenhilfe sowie die Kostenträger müssen in Zukunft dafür sorgen, dass diese Angebote auch wahr genom men werden können und es nicht als Privat vergnügen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angesehen wird, wenn sie sich sexualpädagogisch fortbilden möchten.

Differenzierte Angebote sowie themen- und zielgruppenbezogene Forschung

In den letzten Jahren hat sich im Hinblick auf Sexualität vieles zum Guten verändert. Vielerorts geht es nicht mehr um die Frage, ob Menschen mit einer Behinderung Sexualität haben dürfen, sondern wie dieser Anspruch möglichst selbstbestimmt umgesetzt werden kann. Überall dort, wo die Phase der Enttabuisierung abgeschlossen ist, müssen nun differenzierte zielgruppenbezogene Angebote entwickelt oder ausgebaut werden.

Bei bereits etablierten Themen wie Körper- und Sexualaufklärung, Beziehungsgestaltung und Prävention sexualisier ter Gewalt müssen gelungene Ansätze für unterschiedliche Zielgruppen und Lebensphasen (weiter)entwickelt und verbreitet werden. Bisher geschieht dies eher zufällig und wenig koordiniert. Gleichzeitig ist es dringend notwendig, bisher ausgeblendete Aspekte in die vorhandenen Angebote zu integrieren sowie neue themenbezogene Medien und Angebote zu schaffen und bekannt zu machen.

Zu den bisher vernachlässigten Themen gehören die Gleichwertigkeit unterschiedlicher sexueller Orientie rungen,

  • die Reflexion von Geschlechterrollen und -identitäten,
  • die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung jenseits der Dreimonatsspritze,
  • die Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten,
  • der Umgang mit Opfern und Tätern sexualisierter Gewalt,
  • der Einsatz von Sexualbegleitung und aktiver Sexualassistenz sowie
  • die Auseinandersetzung mit Kinderwunsch und Elternschaft.

 

Zu allen genannten Themenaspekten ist zudem ein Forschungsdefizit festzustellen. Lediglich zu den drei letztgenann ten Themen sind Untersuchungen bekannt geworden (u.a. Fegert 2006; Zinsmeister 2005; Pixa-Kettner 2006), allerdings ist auch hier die Datenlage insgesamt immer noch dürftig.10

Neben dem themenbezogenen Forschungsbedarf kann auch ein zielgruppenbezogener Wissensmangel ausgemacht werden. Es gibt insgesamt nur wenige Untersuchungen zum Thema Sexualität von Menschen mit Behinderung (zum Beispiel Rittberger 2000; Leue-Käding 2004).11 Noch dürf­tiger sind die Erkenntnisse über die sexuellen Bedürfnis se und Wünsche spezieller Zielgruppen, zum Beispiel Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf oder Menschen im Autismus-Spektrum. 

Sozialraumorientierte Netzwerke und Schaffung inklusiver Strukturen

Die Integration von Menschen mit Behinderung erfordert eine Öffnung und Professionalisierung aller gesellschaft­lichen Unterstützungssysteme. Dies kann und darf nicht allein Sache der bisherigen behinderungsspezifischen Dienste sein. Viele Menschen mit Behinderung leben heute allein oder in Paarbeziehungen im eigenen Wohnraum. In den meisten Lebensbereichen entscheiden sie weitgehend eigenständig, was sie tun möchten und ob sie Hilfe oder Unterstützung in Anspruch nehmen möchten. Sie finden dafür immer häufiger gemeindenahe, sozialraumorientierte Unterstützungsangebote, die offen für alle Menschen und damit inklusiv ausgerichtet sind.

Für den Lebensbereich der Sexualität gilt dies oft noch nicht. Es gibt in vielen Regionen noch keine geeigneten öffentlichen Beratungsangebote zu Sexualität, Verhütung, sexuellem Missbrauch und zu den Themen Kinderwunsch und Elternschaft. Längst nicht alle Beratungsstellen sind fach lich auf die besondere Situation von Menschen mit Behin derung und deren Unterstützungspersonen vorbereitet, oft sind sie noch nicht einmal barrierefrei zugänglich. Dabei ist es an der Zeit, den (einrichtungsinternen) Blick zu öffnen, Mut zu machen und praktische Hilfestellungen für ein verantwortliches Handeln zu leisten. Beratungsstellen können für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen, für ihre Unterstützerinnen und Unter stützer auf vielfältige Weise tätig werden12, etwa durch

  • das Angebot einer Fachberatung für Teams,
  • die Einrichtung eines regelmäßigen Beratungsangebots für Menschen mit Behinderung,
  • integrative Flirtkurse,
  • Informationsabende für Angehörige,
  • die Begleitung von Frauen- und Männergruppen,
  • die Verbreitung von zielgruppenbezogenem Informationsmaterial. 

 

Zudem ist es notwendig, dass sich die vorhandenen Anbieter sexualpädagogischer und beratender Angebote in einer Region besser als bisher vernetzen und koordinieren, um die vorhandenen Angebote miteinander abzustimmen und sie Menschen mit Behinderung bekannt zu machen.

Nichts über uns ohne uns – Partizipation als Querschnittsaufgabe

Entsprechend dem Motto »Nichts über uns ohne uns« werden Menschen mit Behinderung gemäß ihrer rechtlichen Gleich stellung zunehmend an Entscheidungsprozessen beteiligt, zum Beispiel durch die Bildung und Förderung von Heim- und Werkstattbeiräten und die Einbindung von Betroffenen in Hilfeplankonferenzen.

Für den Lebensbereich der Sexualität gilt dieses Prinzip der Partizipation häufig nicht. Beispielsweise wird oft nicht gefragt, ob eine notwendige Assistenz bei der Körperpflege von einem Mann oder einer Frau ausgeführt werden soll. Auch die Dreimonatsspritze als Verhütungsmittel für Frauen ist sehr verbreitet. Selten werden die Frauen allerdings über die negativen gesundheitlichen Folgen aufgeklärt und manchmal wird sie auch unabhängig davon angewendet, ob die Frauen in einer Partnerschaft leben oder der Wunsch nach Geschlechtsverkehr besteht. Selbstbestimmung kann nur gelingen, wenn die Menschen lernen, mitzubestimmen. Gerade bei dem Thema Sexualität, das eine höchstpersönliche Angelegenheit ist, ist es schwer nachvollziehbar, wenn Menschen mit Behinderung von Entscheidungs- und Planungsprozessen ausgeschlossen werden und andere für sie bestimmen.

Die Selbsthilfevertretung von Menschen mit Behinderung Mensch zuerst hat sich schon vor Jahren zu den Themen Sexualität und sexualisierte Gewalt geäußert und einen Forderungskatalog aufgestellt.13 Es ist an der Zeit, dass diese selbst formulierten Ansprüche mehr Beachtung finden und auch andere Formen der Beteiligung von Menschen mit Behinderung zum Thema Sexualität mehr Aufmerksamkeit erfahren.

 

Fußnoten

1 Der Artikel handelt von Menschen mit Behinderung. Die Unterschiedlich keiten der Art und der Ausprägung eines Handicaps wie auch die Varianz und Vielschichtigkeit der Lebensverhältnisse behinderter Menschen erfordern eine Eingrenzung. Im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen stehen sowohl selbstständig lebende als auch ambulant oder stationär betreute erwachsene Menschen, für die viele heute das Attribut »lernbehindert« oder »geistig behindert« verwenden. Viele der Ausfüh rungen gelten auch für Menschen mit Körperbehinderungen und Sinnes behinderungen, einige auch für Menschen mit psychischen Erkrankungen.

2 Für die Reihe FORUM hat Joachim Walter in einer früheren Ausgabe zum Thema Behinderung (FORUM 2/3-2001) bereits ausführlich im Beitrag »Selbstbestimmte Sexualität als Menschenrecht – eine Selbstverständlichkeit auch für Menschen mit Beeinträchtigungen« Stellung genommen. Das Heft ist vergriffen und steht als download unter www.forum.sexualaufklaerung.de zur Verfügung (d. Red.).

3 Maßgeblich ist inzwischen die Definition der Weltgesundheits organisation (WHO), wonach Behinderung die Beeinträchtigung an der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe einer Person bedeutet, verursacht durch das Zusammenspiel einer biologisch-medizinischen Schädigung oder Funktionseinschränkung mit beeinträchtigten Möglichkeiten der Aktivität und ungünstigen Umweltfaktoren. Zu den Umwelt faktoren zählen sowohl physikalische Barrieren wie auch soziale und gesellschaftliche Faktoren, also Bordsteine oder nicht barrierefreie Inter netseiten ebenso wie Vorurteile und Ausgrenzungsmechanismen auf dem Arbeitsmarkt.

4 Eine Fokussierung auf rechtliche Aspekte im Hinblick auf sexuelle Selbstbestimmungsprozesse leistet der Artikel von Julia Zinsmeister; auf das innovative Potenzial des BRK geht Sigrid Arnade, ebenfalls in diesem Themenheft, ein.

5 Einen Überblick über neuere Ansätze und Konzepte erhalten Interessierte beispielsweise in Beck/Franz (2007).

6 Zum Begriff »Leichte Sprache« vgl. Beitrag von Stefan Goethling in diesem Heft (d. Red.).

7 Nähere Einblicke in die sexualpädagogische Fortbildungsarbeit geben die Artikel von Beate Martin und Sven Neumann in diesem Themenheft sowie weiterführend der Praxisleitfaden »Liebe(r ) selbstbestimmt« (AWO 2006), an dem Menschen mit Behinderung vom Netzwerk Mensch zuerst maßgeblich mitgearbeitet haben (s. a. der Artikel von Stefan Goethling).

8 Ein Überblick über aktuelle Informationsbroschüren gibt die Bundesvereinigung Lebenshilfe unter: http://www.bv.lebenshilfeweb.de/wDeutsch/aus_fachlicher_sicht/downloads/
Leichtesprache08_doc.pdf

9 Einen Einblick in das Weiterbildungskonzept des isp sowie über die bisher gemachten Erfahrungen gibt der Beitrag von Beate Martin. Das Angebot der pro familia zum Thema wird im Beitrag von Sigrid Weiser
vorgestellt.

10 Um einen Überblick über Ausmaß und Umfang von Gewalt gegen behinderte Frauen zu erhalten, wurde im Februar 2009 vom Bundesministe rium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Studie in Auftrag gegeben. Durch das Projekt sollen repräsentative Daten erhoben und ersichtlich gewordene Problem felder sowie Unterstützungs- und Handlungsbedarf herausgearbeitet werden. Weiterführend wird das Thema sexualisierte Gewalt in den Artikeln von Aiha Zemp sowie Martina Puschke in diesem Heft behandelt.

11 Einen Überblick samt Vergleich von Untersuchungsergebnissen s. Ortland 2008.

12 Weitergehende Erfahrungen hierzu in der Rubrik Projektskizzen in diesem Heft.

13 Neuere Versionen des Forderungskataloges finden sich beispielsweise in den folgenden Tagungsdokumentationen im Internet:
http://www.saarland.de/dokumente/thema_soziales/MAF_S_u_Behinderung.pdfsowie http://www.lvr.de/soziales/service/veranstaltungen/kuehnel080819.pdf. Eine aktuelle Stellungnahme von Mensch zuerst zum Thema Sexualität s. Beitrag von Stefan Goethling.

 

Literatur

Arnade, S. (2009): Sexuelle Rechte behinderter Menschen. In: Lohrenscheit, C. (Hrsg.): Sexuelle Selbstbestimmung als Menschenrecht. Baden-Baden, S. 233–250

AWO Bundesverband e.V. (Hrsg.) (2006): Liebe(r) selbstbestimmt! Praxisleitfaden für die psychosoziale Beratung und sexualpädagogische Arbeit für Menschen mit Behinderung. Bonn

Beck, I./Franz, D. (2007): Umfeld und Sozialraumorientierung in der Behindertenhilfe. Empfehlungen und Handlungsansätze für Hilfeplanung und Gemeindeintegration. DHG-Schriften Band 13. DHG-Eigenverlag Hamburg/Jülich

Fegert, J. M. (Hrsg.) (2006): Sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt. Ein Modellprojekt in Wohneinrichtungen für junge Menschen mit geistiger Behinderung. Weinheim und München

Leue-Käding, S. (2004): Sexualität und Partnerschaft bei Jugendlichen mit geistiger Behinderung. Probleme und Möglichkeiten einer Enttabuisierung. Heidelberg

Pixa-Kettner, U. (Hrsg.) (1996): »Dann waren sie sauer auf mich, daß ich das Kind haben wollte ...« Eine Untersuchung zur Lebenssituation geistigbehinderter Menschen mit Kindern. Baden-Baden

Pixa-Kettner, U./ Bargfrede, S. (Hrsg.) (2006): Tabu oder Normalität? Eltern mit geistiger Behinderung und ihre Kinder. Heidelberg

Rittberger, E. (2000): Zur psychosozialen Sexualentwicklung geistigbehinderter Jugendlicher. Eine vergleichende Studie. Linz

Specht, R. (2008): Sexualität und Behinderung. In: Schmidt, R.-B., Sielert, U. (Hrsg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung. Weinheim und München, S. 295–308

Thimm, W. (Hrsg.) (2008): Das Normalisierungsprinzip, ein Lesebuch zu Geschichte und Gegenwart eines Reformkonzepts, Marburg, 2. Auflage

Walter, J. (Hrsg.) (2005): Sexualität und geistige Behinderung. Heidelberg,

6. Auflage (1. Auflage 1983)

Zemp, A. (1996): Weil das alles weh tut mit Gewalt. Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung. Bundesministerium für Frauenangelegenheiten. Wien

Zemp, A. (1997): Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag. Jungen und Mädchen mit Behinderung als Opfer und Täter. Bundesministerium für Frauenangelegenheiten und Verbraucherschutz. Wien

Zinsmeister, J. (2005): Sexuelle Assistenz für Frauen und Männer mit Behinderungen – eine Expertise; im Auftrag der pro familia. Frankfurt am Main
 

Autoren

Ralf Specht
Ralf Specht ist Diplom- und Sexualpädagoge und lebt in Hamburg. Das Arbeitsfeld ist ihm durch seine langjährige Anstellung in einer Wohneinrichtung für behinderte Menschen vertraut. Er ist Dozent am Institut für Sexualpädagogik (isp) und führt seit mehr als zehn Jahren sexualpädagogische Fortbildungen für Menschen mit Behinderung und ihre Unterstützungspersonen im deutschsprachigen Raum durch.

 

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