Niemand ist perfekt. Die Aufgaben und Ziele des Vereins »Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland«

Wir von Mensch zuerst fordern, dass Menschen mit Behinderungen und Menschen ohne Behinderungen in allen Bereichen gleichgestellt werden. Dazu gehören auch die Bereiche der Sexualität, Partnerschaft und Familie.

Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V. ist ein Verein von und für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die People-First-Bewegung kam aus den USA Anfang der 1990er-Jahre nach Deutschland. Unser Verein wurde 2001 gegründet und hat ca. 250 Mitglieder, die aus ganz Deutschland, Österreich und Italien kommen. Darüber hinaus gibt es 23 People-First-Gruppen in Deutschland, die mit uns in einem Netzwerk zusammenarbeiten.

Wir sind Menschen, die nicht »geistig behindert« genannt werden wollen. Diesen Begriff lehnen wir und viele Menschen ab. Denn wer hat schon das Recht, zu sagen: »Du bist geistig behindert und du nicht.« Wer legt dafür die Messlatte an? Nach was wird der Geist gemessen? Oder sind wir nicht einfach nur Menschen mit verschiedenen Stärken und Fähigkeiten?

Wir verwenden den Begriff »Menschen mit Lernschwierigkeiten«, weil wir Schwierigkeiten beim Lernen haben. Wir Menschen mit Lernschwierigkeiten lernen vielleicht etwas anders und brauchen manchmal Unterstützung oder mehr Zeit.

Was tun wir?

  • Selbstbestimmung und Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten
  • Leichte Sprache
  • politische Arbeit
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Schulungen von Heim- und Werkstatträten
  • Schulungen von Frauen mit Lernschwierigkeiten in Bezug auf Gleichstellung in Wohnheimen und Werkstätten
  • persönliche Zukunftsplanung.

Warum tun wir das?

Selbstbestimmung und Selbstvertretung sind für alle Menschen wichtig, denn jeder möchte so viel wie möglich über sich selbst bestimmen, zum Beispiel »Wo wohne ich?«, »Wo arbeite ich?« oder »Mit wem lebe ich zusammen?«.

Leichte Sprache ist eine Sprache, die jeder und jede verstehen kann. Leider denken in Deutschland viele »Wenn ich kompliziert mit vielen Fremdwörtern rede, dann weiß ich viel«. Doch das macht es uns Menschen mit Lernschwierigkeiten und vielen anderen Menschen schwer.

Wir von Mensch zuerst übersetzen schwere Texte in Leichte Sprache. Das heißt, wir benutzen keine Fremdwörter, wir schreiben kurze Sätze, schwierige Wörter werden erklärt, Bilder helfen beim Verstehen und wir verwenden große und klare Schrift.

Mit einer eingereichten Petition beim Deutschen Bundestag erhoffen wir, dass Leichte Sprache ein Recht wird. Über 13.500 Unterschriften wurden gesammelt.

Wir hoffen, dass bald Anträge, Briefe und Gesetze in Leichter Sprache geschrieben werden, so dass diese von allen Menschen verstanden werden.

Damit Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre Rechte kennenlernen, führen wir Schulungen für sie durch. Wir erleben immer wieder, dass Heim- und Werkstatträte ihre Arbeit sehr wichtig nehmen, aber leider nicht immer über ihre Rechte und Pflichten Bescheid wissen. Wir schulen zusammen mit dem Weibernetz e.V. auch Frauenbeauftragte in Wohnheimen und Werkstätten. Weibernetz e.V. ist eine deutschlandweite politische Interessenvertretung von und für Frauen mit Behinderungen (vgl. Beitrag von Martina Puschke in diesem Heft, d. Red.).

In vielen Firmen auf dem 1. Arbeitsmarkt gibt es Frauenbeauftragte. Das ist ein Recht. Doch warum gibt es bis heute viel zu wenige Frauenbeauftragte in Wohnheimen und Werkstätten? Weibernetz e.V. fordert in Kooperation mit Mensch zuerst, dass es in allen Werkstätten und Wohnheimen Frauen beauftragte gibt. Denn gerade Frauen mit Lernschwierigkeiten erleben sexuelle Gewalt und Belästigung häufiger, da bei ihnen ein »NEIN!« leichter überhört wird.

Viele Frauen geraten in Einrichtungen in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Betreuern und Betreuerinnen und zu anderen Menschen mit Lernschwierigkeiten. Dadurch fällt ein »Nein« noch schwerer. Durch ihre Behinderung wird sehr oft Unterstützung verschiedener Art gebraucht, zum Beispiel werden viele Menschen mit Lernschwierigkeiten ihr ganzes Leben beim Duschen oder Toilettengang unterstützt, meist von Personen, die sie sich nicht selbst auswählen konnten. Menschen mit Lernschwierigkeiten bieten sich dann oft nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie akzeptieren die anwesende Unterstützungsperson oder sie können nicht auf die Toilette oder duschen gehen. Auch sind Menschen mit Lernschwierigkeiten bei Freizeitaktivitäten von ihren Betreuerinnen und Betreuern abhängig. Viele von ihnen sind auf das Wohl wollen der Betreuerinnen und Betreuer angewiesen, damit sie ihre Freizeitwünsche erfüllen können. Das ist in unseren Augen kein selbstbestimmtes Leben. Dies trifft aber nicht nur auf Menschen mit Lernschwierigkeiten zu. Auch viele ältere und pflegebedürftige Menschen sind davon betroffen.

Menschen mit Lernschwierigkeiten und Sexualität

Ein weiteres schwieriges Thema für Menschen mit Lernschwierigkeiten ist Sexualität. Wir von Mensch zuerst sind der Meinung, dass Sexualität und Behinderung kein Tabuthema mehr sein darf. Wir würden uns wünschen, dass alle Beratungsstellen, die sich mit Sexualität, Beziehung und Kinderwunsch beschäftigen, auch Menschen mit Lernschwierigkeiten beraten und unterstützen.

In Werkstätten und Wohnheimen müssen Beziehungen möglich sein. Sehr oft wird das aber nicht gerne gesehen. Betreuer, Betreuerinnen und Eltern bestimmen sehr häufig immer noch über Menschen mit Lernschwierigkeiten und sagen: »Du sollst keine Beziehung und kein Sexualleben haben!«

Wir sind der Meinung, dass jeder Mensch das Recht hat, über eine Beziehung selbst zu bestimmen, auch wenn andere, zum Beispiel Betreuer oder Eltern sagen: »Diese Beziehung ist nicht gut für dich, weil ihr nicht zusammen passt.« Wir sehen doch, wie viele Beziehungen bei Menschen ohne Behinderungen halten, obwohl auch vorher schon Außen stehende gesagt haben: »Das wird nicht klappen.« Dort mischt sich aber niemand ein.

Verbote für Menschen mit Lernschwierigkeiten sind sehr oft selbst gemachte Gesetze von nichtbehinderten Menschen. Aber selbst gemachte Gesetze braucht man nur, wenn man nicht richtig mit einer Sache umgehen kann. Hier ist eine Offenheit gegenüber Menschen mit Lernschwierigkeiten nötig, und diese Offenheit muss auch gelebt werden.

Auch am Arbeitsplatz können Beziehungen entstehen. Doch wird in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen und außerhalb der Werkstatt unterschiedlich damit umgegangen. Außerhalb von Werkstätten werden Paarbeziehungen zwar nicht so gerne gesehen, aber akzeptiert. Es wird durch den Chef oder die Chefin im Allgemeinen nicht verboten. Warum geht man in Werkstätten damit anders um? Zum Beispiel wird dort verhindert, dass Paare sich sehen können. Das ist keine Gleichberechtigung, die doch allen Menschen nach dem Grundgesetz zusteht.

Wir sind der Meinung, wenn zwei Menschen ineinander verliebt sind, sollten sie auch Sex haben dürfen. In Wohnheimen und Werkstätten muss mit dem Thema Sexualität und Beziehung offen umgegangen werden. Für Menschen mit Lernschwierigkeiten muss es bekannte Anlaufstellen geben, wo sie sich zu diesem Thema beraten lassen können.

Auch Verhütungsmethoden und Krankheiten müssen gut und leicht erklärt werden. Natürlich muss auch jede Person auswählen können, zu welchem Arzt oder welcher Ärztin sie oder er gehen will.

Wenn man sich ein Kind wünscht

Auch manche Menschen mit Lernschwierigkeiten haben den natürlichen Wunsch, Kinder zu bekommen. Das darf keiner verbieten. Es ist uns klar, dass manche Menschen mit Lernschwierigkeiten bei der Erziehung und Pflege ihrer Kinder Unterstützung brauchen. Aber das brauchen auch Menschen ohne Behinderungen.

Gerade aber Eltern mit Lernschwierigkeiten stehen unter starker Beobachtung seitens ihrer Eltern, dem Wohnheim, Jugendamt und der Gesellschaft. Durch zu starke Beobachtung wird ein Druck auf sie aufgebaut. Und wenn Eltern unter Druck stehen, passieren vielleicht Fehler, die dann von der Gesellschaft besonders verurteilt werden, weil die Eltern Menschen mit Lernschwierigkeiten sind. Doch wenn wir manche Eltern ohne Lernschwierigkeiten beobachten, dann möchten wir auch in manchen Situationen unsere Meinung dazu sagen. Aber das steht uns ja nicht zu. Wir glauben nicht, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten schlechtere Eltern sind. Auch können Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre Kinder gut erziehen, wenn nötig, auch mit Hilfe und Unterstützung. Dazu fällt der Satz ein: »Niemand ist perfekt.«

Niemand hat das Recht, die Eltern zu zwingen, ihre Kinder zur Adoption zu geben, nur weil die Eltern Menschen mit Lernschwierigkeiten sind. Es sollte immer nach Unterstützungsmöglichkeiten gesucht werden, so dass die Kinder auch bei den eigenen Eltern bleiben können.

Sehr oft bekommen wir in Gesprächen mit, dass es das Vorurteil gibt, dass Eltern mit Lernschwierigkeiten auch wieder Kinder mit Lernschwierigkeiten/Behinderungen haben werden. Das zeigt uns, dass auch die Gesellschaft noch viel über das Thema Behinderung und Kinder erfahren muss. Menschen mit Behinderungen und Menschen ohne Behinderungen leben heute immer noch in zwei verschiedenen Welten. Das muss sich ändern.

Früher war es sehr häufig so, dass Frauen mit Lernschwierigkeiten zur Abtreibung gezwungen wurden. Heute wird auf schwangere Frauen mit Lernschwierigkeiten von vielen Seiten eingeredet: »Ein Kind aufziehen, das schaffst du nicht.« So werden die Frauen indirekt zur Abtreibung gezwungen.

Beide Wege sind menschenunwürdig und können diese Frauen für das ganze Leben psychisch krank machen. Auch dürfen Frauen und Männer nicht gegen ihren Willen sterilisiert werden. 

Wir brauchen ein Umdenken

Es muss endlich ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden. Mithilfe von Beratungsstellen, Broschüren und Öffentlichkeitsarbeit kann dies geschehen. Diese Aufklärung muss aber auch in einer Sprache geschehen, die alle Menschen mit Lernschwierigkeiten verstehen können. Hier kommen wir nun wieder auf die Leichte Sprache zurück. Was nützen Broschüren über Sexualität, Gespräche mit Ärzten oder Beratungsstellen, die schwere Sprache benutzen, wenn Menschen mit Lernschwierigkeiten diese nicht verstehen? Es ist wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte, Beraterinnen und Berater die Leichte Sprache benutzen, sodass auch Menschen mit Lernschwierigkeiten verstehen, um was es geht.

Ein gutes Beispiel für Leichte Sprache ist das AWO-Heft »Liebe(r) selbstbestimmt« (s. Infothek, d. Red.). Dort werden die Themen Liebe, Partnerschaft, Sexualität, Kinderwunsch in Leichter Sprache beschrieben. Von solchen Heften sollte es mehr geben, und sie sollten für viele Menschen mit Lernschwierigkeiten zugänglich sein.

Auch Peer Counseling – das heißt Menschen mit Behinderungen beraten Menschen mit Behinderungen – können wir uns in diesem Bereich gut vorstellen. Zum Beispiel können Menschen mit Lernschwierigkeiten, die schon Kinder haben, in Beratungsstellen mitarbeiten, um andere zu beraten, die auch Kinder haben wollen.

Auch in der UN-Konvention für Menschenrechte werden Menschen mit Lernschwierigkeiten in den Bereichen Partnerschaft, Sexualität und Gesundheit gestärkt. Auch Deutschland hat die UN-Konvention unterschrieben. Nun gilt es, diese auch umzusetzen, damit auch Menschen mit Lernschwierigkeiten in allen Bereichen gleichberechtigt und selbstbestimmt leben können wie andere Menschen auch.

Die UN-Konvention steht auf Papier, doch leider ist sie noch nicht in der Gesellschaft angekommen. Menschen mit Behinderungen und ohne Behinderungen müssen aufeinander zugehen. Nur so können wir alle gemeinsam etwas verändern.

 

Autoren

Stefan Göthling
Stefan Göthling ist Geschäftsführer von Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V. Zehn Jahre hat er in einer Behinderten-Werkstatt in Leinefelde-Worbis gearbeitet, wo er Verpackungsarbeiten tätigte.

 

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