»Ich bestimme selbst!« Prävention von sexueller Gewalt bei Menschen mit einer Behinderung

Menschen mit einer Behinderung sind besonders gefährdet, Opfer von sexueller Gewalt zu werden. Anhand von Untersuchungen in Amerika, Österreich und Deutschland gehen Fachleute davon aus, dass Menschen mit Behinderung doppelt so häufig von sexueller Gewalt betroffen sind wie Menschen ohne Behinderung.

Was ist sexuelle Ausbeutung?

Sexuelle Ausbeutung fängt da an, wo eine Person von einer anderen als Objekt zur Befriedigung gewisser Bedürfnisse gebraucht wird und dieser Handlung nicht informiert und frei zustimmen kann. Sexuelle Ausbeutung ist Ausdruck eines Machtverhältnisses. Menschen mit einer Behinderung stehen in einem Machtungleichgewicht in Bezug auf Ressourcen-, Artikulations- und Informations-, Positions- und Organisationsmacht. Sexuelle Ausbeutung wird immer in ein Geheimnis eingebunden.

Ausmaß von sexueller Gewalt bei Menschen mit Behinderungen

In den beiden Studien »Weil das alles weh tut mit Gewalt« – Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung (Zemp/Pircher 1996) und »Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag – Jungen und Männer mit Behinderung als Opfer und Täter« (Zemp et al. 1997) wurden je 130 Frauen und Männer im Alter von 18 bis 78 Jahren befragt. Wir haben bei den Handlungen zwischen sexueller Belästigung und sexueller Gewalt unterschieden.

Tab. 1 Sexuelle Belästigung/sexuelle Gewalt

26% der Frauen mussten eine oder mehrere Vergewaltigungen erleben, Männer zu 7%. Es ist wichtig, in diesem Kontext den Genderaspekt immer mit einzubeziehen.

Hintergrund für sexuelle Gewalt an Menschen mit Behinderung

Wir leben in einer Kultur, in der Menschen mit einer Behinderung defizitorientiert definiert werden: nicht Funktionierendes soll möglichst kompensiert werden. Was fehlt, ist ein ressourcenorientiertes Denken, das vom Möglichen ausgeht und dieses maximal unterstützt. Beim defizitorientierten Ansatz nimmt das Kind – bewusst oder unbewusst – die Botschaft wahr: »Ich bin nicht recht so, wie ich bin, die wollen mich anders haben.« Das wird oft verstärkt durch die vielen Therapien, die Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung mitmachen müssen. Es stellt sich die Frage, ob diese Therapien wirklich dem Wohle des Kindes und der Erleichterung seiner Einschränkungen oder Beschwerden dienen oder nicht vielmehr Normalisierungsversuche sind. Diese Grundhaltung realisieren alle Menschen, auch solche mit kognitiven Beeinträchtigungen, auf ihre Weise sehr klar. Mädchen und Jungen, Frauen und Männer mit einer Beeinträchtigung lernen auf diese Weise viel zu wenig, dass ihr Körper liebens- und schützenswert ist, auch wenn er anders ist.

Besondere Risikofaktoren bei Menschen mit Beeinträchtigungen sind u. a.:

  • eine große Abhängigkeit von anderen Menschen
  • Pflegebedürftigkeit und großer Unterstützungsbedarf im Alltag
  • kognitive Unterlegenheit
  • soziale Isolation 
  • eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten (manche Menschen verfügen nicht über verbale Kommunikation; für einige ist Körperkontakt eine oder die einzig mögliche Form der Verständigung)
  • medizinische Untersuchungen und Therapien, die Betroffenen erschweren, ihren Körper positiv wahrzunehmen und die eigenen Grenzen zu spüren (daher sind Grenzüberschreitungen für Menschen mit einer Behinderung schwer wahrzunehmen)
  • eine prozesshafte und individuell angepasste Sexualerziehung und Sexualaufklärung fehlt leider häufig.

Wer sind die Täter und Täterinnen?

Die Täter oder Täterinnen kommen aus dem gesamten Umfeld der Menschen mit Behinderungen: aus der Familie, dem Behindertensport, den Institutionen. Es gibt Täter, die sich sehr gezielt Institutionen als Arbeitsfeld aussuchen, sei es als Heimleiter oder Heimleiterin, Betreuer, Werkstattmeister usw. Es kommt häufig vor, dass Betreuer von einer Institution entlassen werden, weil man Übergriffe und sexuelles Gewaltverhalten vermutet, ihnen aber nichts wirklich nachweisen kann. Manchmal ist der Institution bekannt, dass Übergriffe verübt werden, aber das Verhalten wird nicht offensiv unterbunden. Eine Entlassung erfolgt unter Angabe anderer Gründe. So erscheint nichts davon in ihrem Lebens lauf und die nächste Institution stellt sie wieder an.

Leider geschieht sehr viel häufiger als angenommen auch sexuelle Gewalt unter Menschen mit Behinderung selbst. In der Studie über die Gewalt an Frauen standen Männer mit Behinderung als Täter an dritter, in der Männerstudie an erster Stelle. Die Täterprävention muss nachhaltig ausgebaut werden. Sexuelle Bildung muss ein Teil davon sein, denn wir stellen fest, dass vor allem dort, wo Gewalt unter Menschen mit Behinderung stattfindet, die Täter und Täterinnen in der Regel sexuell nicht aufgeklärt sind und aufgrund fehlenden Wissens handeln. Zum größten Teil geben sie einfach weiter, was sie selbst erfahren mussten, weil sie meinen, dass man so Sexualität lebt. Viele von ihnen haben sexuelle Gewalt durch nicht behinderte Männer erleben müssen und glauben deshalb, dass dies die Art und Weise ist, wie nicht behinderte Männer Sexualität leben.

Opfer setzen klare Zeichen

Sexuelle Gewalt kann zu massiven psychischen und physischen Gesundheitsproblemen für die Betroffenen führen und schafft großes Leid.

Von sexueller Gewalt betroffene Menschen mit Beeinträchtigungen machen auf ihre Art auf das Erlebte aufmerksam. Sie zeigen zum Beispiel Verhaltens- und Wahrnehmungsstörungen, aggressives Verhalten gegen sich selbst und andere oder regressives Verhalten. Häufig treten plötzlich Schwindelanfälle auf, die betroffene Person wird auf Epilepsie untersucht – ohne Befund. Trotzdem bekommen sie Epilepsiemittel, obwohl man um die starken Nebenwirkungen weiß. Damit nimmt man den Opfern ihre Art der Überlebensstrategie, denn diese Schwindelanfälle tauchen dann auf, wenn ein Geräusch, ein Bild, ein Geruch usw. an die Gewalterfahrung erinnert. In diesem Fall hilft der Schwindelanfall, die traumatisierenden Bilder für den Augen blick zu verdrängen. Sehr oft werden solche Signale vor schnell der Behinderung zugeschrieben. Das kann nötige und mögliche Hilfe für betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Beeinträchtigung verhindern.

Gerade Mädchen und Jungen mit einer Behinderung sind kaum in der Lage, sich selbstständig Informationen zu beschaffen und Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Beratungsbedarf bei Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung wird in der Regel über eine Bezugsperson, und das sind sehr oft die Heilpädagoginnen, Heilpädagogen, Therapeutinnen und Therapeuten, vermittelt und sollte vermehrt in der neuropädiatrischen Praxis mitbedacht werden. Diese Personengruppen sind wichtige, oft die einzigen Bezugspersonen außerhalb der Familie, denen sich die Kinder anvertrauen können oder die aufmerksam werden und entsprechende Handlungsschritte einleiten können.

Notstand: Sexualaufklärung

Eine unserer Thesen, die wir unserer Studie voranstellten, war der Zusammenhang zwischen dem Ausmaß an Betroffenheit von sexueller Gewalt und mangelhafter Aufklärung. Mehr als die Hälfte (52%) der befragten Frauen und zwei Drittel (66%) der Männer geben an, nicht aufgeklärt zu sein oder konnten die Fragen dazu nicht einordnen.

Den Frauen war am ehesten der Unterschied von Mann und Frau bekannt und die Hälfte wusste um den Zusammen hang zwischen Geschlechtsakt und der Entstehung eines Kindes, bei den Männern nur knappe 40%. Die Frauen wussten zu 46% etwas über den Samenerguss, während lediglich 28% der Männer Kenntnisse über die Monatsblutung hatten. Nur knappe 18% der Männer wussten um die Verwendung eines Kondoms. 43% der Frauen wussten über Verhütung Bescheid, aber nur 30% der Männer. Im unter schiedlichen Aufklärungsstand von Frauen und Männern mit Behinderung dokumentiert sich, dass Frauen mit Behinderung wegen des Schwangerschaftsrisikos eher aufgeklärt werden als Männer.

Unsere These wurde übrigens nicht bestätigt. Wir konnten keinen relevanten Zusammenhang zwischen dem Ausmaß von sexueller Gewalt und dem Grad der Aufklärung feststellen. Was sich allerdings gezeigt hat: Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren hatten, wussten über einzelne Aspekte der Sexualität Bescheid, Frauen ohne Gewalterfahrung kaum oder in sehr viel geringerem Ausmaß. Das bedeutet, dass für die meisten Frauen mit Lernschwierigkeiten die sexuelle Gewalterfahrung oft die einzige Sexualaufklärung ist – eine erschreckende Tatsache, die dringend nach einer Wende verlangt.

Verhütung

Wir stellten unserer Studie eine weitere These voran, dass nämlich weit mehr Frauen verhüten beziehungsweise bei ihnen zwangsweise oder ohne ihr Wissen Verhütungsmittel angewendet werden, als sie überhaupt Partner haben – aus Angst vor einer möglichen Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung. Für die Frauen jedoch erhöht es das Risiko von sexueller Gewalt, weil sie damit zu »Freiwild« zu werden drohen.

Diese These, dass weit mehr Frauen verhüten als in einer Partnerschaft stehen, wurde bestätigt: Wenn man (Zwangs-) Sterilisation als Verhütung mit dazuzählt, ist der Prozentsatz der Frauen, die verhüten, fast gleich so hoch wie jener der Frauen, die nicht verhüten (43,8 zu 43,1%), obwohl zur Zeit der Befragung aktuell nur 13% der Frauen in einer Partnerschaft lebten. Von den verhütenden Frauen waren 62,5% sterilisiert.

Tab. 2 Aufklärungswissen

Nachhaltige Prävention

Die Zielsetzungen der Prävention lassen sich nach Caplan (1974) in drei zeitbezogene Kategorien unterteilen: In der primären Prävention soll das Vorkommen sexueller Gewalt an Kindern gesamtgesellschaftlich reduziert beziehungsweise verhindert werden. Die sekundäre Prävention hat zum Ziel, Gewaltsituationen frühzeitig zu erkennen und zu stoppen. In der tertiären Prävention geht es um die Traumaverarbeitung bei den Opfern sowie um die Rückfallvermeidung bei den Tätern.

Die bevorzugte Strategie zur Prävention sexueller Gewalt an Kindern setzt bei der Aufklärung und Erziehung an. Wirksame Prävention berücksichtigt, dass die meisten sexuellen Übergriffe in der Familie oder im nahen sozialen Umfeld geschehen. Sie stärkt Kinder in ihrem Selbstbewusstsein und fördert ihre Eigenständigkeit. Darüber hinaus informiert sie Mädchen und Jungen, was bei sexueller Ausbeutung geschehen kann und vermittelt ihnen konkrete Handlungsmöglichkeiten. Aufgeklärte Kinder, die sich sicher und stark fühlen, können sexuelle Übergriffe eher erkennen und sich besser dagegen wehren. Die Verantwortung für den Schutz vor sexueller Gewalt darf aber auf keinen Fall einseitig an die Kinder delegiert werden, sondern liegt in erster Linie bei den Erwachsenen. Nachhaltige Prävention setzt eine Erziehungshaltung voraus, die kontinuierlich wirkt und Kinder in ihren Ressourcen und Rechten stärkt. Gerade dieser Punkt ist bei Kindern mit Behinderung sehr wichtig: ein Umfeld, das von einem ressourcenorientierten Menschen bild ausgeht und sich nicht an den Defiziten orientiert. Erziehungspersonen sind gefordert, sich selbst mit der Problematik sexueller Gewalt auseinanderzusetzen, ihren eigenen Umgang mit Sexualität, Macht und Grenzen zu reflektieren und die Präventionsinhalte den Kindern im Alltag vorzuleben.

Damit Prävention von Menschen mit einer Behinderung Wirkung zeigen kann, müssen ganz grundsätzlich drei Dinge beachtet werden:

1. Isolation und Ausgrenzung behinderter Menschen müssen reduziert werden.

Studien zeigen, dass sexuelle Gewalt umso öfter geschieht, je größer die Isolation der Menschen mit einer Behinderung ist. Deshalb ist es wichtig, Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung in alle Bereiche des alltäglichen Lebens zu integrieren und sie nicht von den anderen Menschen zu separieren. 

2. Machtlosigkeit muss abgebaut und Eigenständigkeit gefördert werden.

Der Leitsatz der italienischen Ärztin Maria Montessori:
»Hilf mir, es selbst zu tun!« – ist einer der wichtigsten Erziehungsgrundsätze auch bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderung. Sie sind weder dumm noch unfähig. Jede Unterstützung, möglichst viel selbst zu machen, stärkt auch das Selbstbewusstsein. Eine präventive Erziehung verringert das Gefühl von Ohnmacht und fördert das Gefühl, etwas bewirken und sich durchsetzen zu können. Das fängt bereits bei ganz alltäglichen Dingen an. 

3. Es soll Zugang zu Informationen über Körper, Sexualität und sexuelle Gewalt verschafft werden.

Unwissen und Abhängigkeit machen aus Menschen mit Behinderung »ideale« Opfer. Um sich gegen sexuelle Übergriffe besser zur Wehr setzen und Hilfe holen zu können, braucht es eine entsprechende Sprache und Information. Deshalb sind Sexualerziehung und -aufklärung ein wichtiger Bestandteil der Prävention. Den eigenen Körper, seine Funktionen und die Geschlechtsorgane zu kennen, sind wichtige Voraussetzungen, um Sexualität selbstbestimmt leben und sexuelle Grenzüberschreitungen benennen und ablehnen zu können. Das gilt auch für behinderte Menschen, die nicht oder nur eingeschränkt verbal kommunizieren können.

Sexualaufklärung von Menschen mit kognitiven Einschränkungen muss ein kontinuierlicher Prozess sein, von der frühen Kindheit bis ins Alter. Diese Menschen kann man nicht mit 15 Jahren einmalig aufklären und davon ausgehen, dass sie es dann für den Rest des Lebens wissen. Daher kann Sexualaufklärung auch an keine Bezugspersonengruppe delegiert werden, alle sind aufgefordert, das Thema Sexualität im Alltag anzusprechen. Niemand darf sich beschränken, nur auf explizit Gefragtes einzugehen, weil gerade Menschen mit kognitiven Einschränkungen oft nicht fragen und oft auch nicht fragen können, weil ihnen die Worte fehlen.

Es gilt noch einmal zu betonen, dass mit aller Präventionsarbeit die Verantwortung niemals auf die abhängigen Menschen abgeschoben werden darf. Die Verantwortung für die Prävention liegt beim Umfeld jedes Menschen mit Behinderung.

Prävention kann immer auch eine aufdeckende Wirkung haben. Wenn das Thema in der Schule aufgegriffen wird, werden Kinder ermutigt, über konkrete Vorfälle zu reden und berichten im Anschluss an solche Programme häufiger über eigene Gewalterfahrungen. Dadurch kann sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen früher erkannt und eher gestoppt werden (sekundärpräventive Wirkung). Dies setzt jedoch voraus, dass die Lehrpersonen über Grundkenntnisse im Umgang mit der Problematik verfügen und Hilfsangebote kennen, die sie betroffenen Kindern und Jugendlichen zugänglich machen können. Soll Prävention nachhaltig wirksam sein, braucht es nicht nur engagierte Lehrpersonen und motivierte Eltern, sondern auch strukturelle Maßnahmen, die eine langfristige Verankerung von Prävention sexueller Gewalt in der Schule, in der Institution und in der Familie zum Ziel haben.

Selbstbestimmte Sexualität als wichtige Präventionsmaßnahme

Sexuelle Gewalt ist immer ein Verstoß gegen die Selbstbestimmung des Opfers. Deshalb stehen die beiden Themenbereiche der sexuellen Gewalt und der sexuellen Selbstbestimmung in einem engen Zusammenhang. Trotzdem darf die sexuelle Selbstbestimmung nicht nur in diesem Kontext betrachtet werden, denn glücklicherweise existiert sie auch unabhängig vom Phänomen der sexuellen Gewalt, dann nämlich, wenn Sexualität nach den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen gelebt werden will. Oft lehnt das Personal in Einrichtungen sexuelle Kontakte von Bewohnerinnen und Bewohnern ab, weil sie Analogien zur sexuellen Ausbeutung aufweisen (vgl. Fegert/Jeschke/Thomas/ Lehmkuhl 2006, S. 250 ff.). Das wirft die Frage nach der sexualpädagogischen Kompetenz des Personals auf. Das Personal muss so geschult sein, dass es die sexuelle Selbstbestimmung der Bewohnerinnen und Bewohner nicht nur zulässt, sondern auch fördert. Das wiederum verlangt ein reflektiertes Verhältnis zu den eigenen Normen und Werten im Zusammen hang mit Sexualität und auch eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Umgang mit Macht. Jedes Abhängigkeitsverhältnis ist gleichzeitig auch ein Machtverhältnis. Wenn zum Beispiel eine Betreuerin oder ein Be treuer sich nicht vorstellen kann, Homosexualität zu leben, erwächst daraus niemals das Recht, mittels ihrer/seiner Macht einem ab hängigen Menschen dessen Homosexualität zu verbieten oder zu unterdrücken. Das Personal wie auch die Eltern haben in der Regel ein großes Bedürfnis nach Kontrolle. Kontrolliert werden in der Regel vor allem Übernachtungen und Verhütungsmaßnahmen. Im Themen bereich der Sexualität zeigt sich wie in keinem anderen die Angst vor dem Kontrollverlust des Personals und der Eltern.

Zu einer selbstbestimmten Sexualität gehört auch eine Intimsphäre. Das beinhaltet das Recht auf persönliche Entscheidungen und Verhaltensweisen in Bezug auf Intimität, solange diese nicht die sexuellen Rechte anderer berühren. Es gibt nach wie vor nur wenige Institutionen, in denen die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Zimmer abschließen dürfen. Vielerorts (auch bei den Eltern zu Hause) wird vor dem Betreten des Zimmers nicht angeklopft oder man steht gleichzeitig mit dem Klopfen auch schon im Zimmer (»Pseudoklopfer«). Das Badezimmer ist zu Stoßzeiten wie am Morgen und Abend ein Marktplatz: jemand sitzt in der Badewanne, Betreuerinnen oder Betreuer gehen ein und aus um Waschbecken auszuwaschen und anderes mehr.

Das Recht, die eigene Sexualität auszuleben, ist Bestandteil des Grundrechts der persönlichen Freiheit und gilt auch für Menschen mit Behinderung. Zu den Grundrechten im Zusammenhang mit Sexualität gehören daher:

  • das Recht auf Intimsphäre
  • das Recht auf Unversehrtheit
  • das Recht auf Sexualaufklärung
  • das Recht auf sexuelle Dienstleistungen
  • das Recht auf eigene Kinder
  • das Recht auf Eigensinn.

Literatur

Fegert, J. M./Jeschke, K./Thomas, H./ Lehmkuhl, U. (Hrsg.) (2006): Sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt. Weinheim und München: Juventa

Zemp, A./Pircher, E. (1996): »Weil das alles weh tut mit Gewalt«. Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung. Schriftenreihe der Frauenministerin, Bd. 10. Wien

Zemp, A./Pircher, E./Neubauer, Ch. (1997): Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung. In: Amann, G./Wipplinger, R. (Hrsg.): Sexueller Missbrauch: Überblick zu Forschung Beratung und Therapie. Ein Handbuch, S. 738–755 (2. Auflage 2003)

Zemp, A./Pircher, E./Schoibl, H. (1997): Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag. Jungen und Männer mit Behinderung als Opfer und Täter. Projektbericht. Wien: Frauenministerium

Zemp, A. (2001): Mann nimmt, was er will, und man wird genommen. Menschen mit einer Behinderung im sexuell gewalttätigen Alltag. In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete VHN 70 (2001) 4, S. 374–394. Fribourg

Zemp, A. (2002): Sexualisierte Gewalt gegen Menschen mit Behinderung in Institutionen. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 51, S. 610–62 Literatur
 

Autoren

Dr. Aiha Zemp
Aiha Zemp Dr. phil. Aiha Zemp ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis bis 1997.

Im Auftrag der österreichischen Frauenministerin hat sie die weltweit ersten Studien zum Thema sexuelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderung durchgeführt. Sie hat die Fachstelle fabs Behinderung & Sexualität aufgebaut und leitet sie seit der Eröffnung im Mai 2006.

 

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