Gelebte und behinderte Sexualität. Aktuelle Diskussionen und Projekte aus Sicht von Frauen mit Behinderung

Das Thema Sexualität von Frauen mit Behinderung ist inzwischen längst nicht mehr so tabuisiert wie noch in den 80er- und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Die These, dass Frauen mit Behinderung als geschlechtslose Neutren erzogen werden, ist heute nicht mehr durchgängig haltbar. Verschiedenste Aufklärungsmaterialien, Seminarangebote aus jüngster Zeit und die Erfahrungen selbstbewusster junger Frauen belegen das Gegenteil.

Doch trotz des Tabubruchs werden auch in diesem Jahrtausend noch viele von uns Frauen mit Behinderung durch eine Vielzahl gesellschaftlicher und struktureller Hemmnisse am Leben einer positiven und selbstbestimmten Sexualität gehindert. Mädchen und junge Frauen, die viel Assistenz, etwa seitens der Eltern, benötigen, können beispielsweise nur schwer unbeobachtet einschlägige Jugendzeitschriften wie Bravo oder Mädchen kaufen und lesen. Oder das Treffen mit gleichaltrigen Mädchen oder Jungen außerhalb der Schule – zum Austausch, zum gemeinsamen Erkunden des Körpers, zum ersten »Knutschen« und so weiter – wird erschwert, sofern eine Sonderschule besucht wird und die Schulfreundinnen und -freunde nicht in der Nachbarschaft wohnen oder generell Besuche bei Gleich­altrigen aufgrund der Angewiesenheit auf die Eltern eher selten sind. Später kommt häufig die Sorge der Eltern vor einer Schwanger schaft ihrer behinderten Tochter hinzu, infolge derer sie die Verhütungsmethode ihrer Tochter bestimmen (nicht selten eine Dreimonatsspritze) oder den nahen Körperkontakt zum anderen Geschlecht unterbinden. Aber auch Mädchen und Frauen, die wenig(er) Assistenz benötigen und sich daher freier ohne elterliche »Aufsicht« bewegen können erleben, dass sie aufgrund ihrer Behinderung beziehungsweise aufgrund von Vorurteilen, die mit der Behinderung verknüpft sind, in der Regel später erste sexuelle Kontakte mit anderen haben als nichtbehinderte Jugendliche. Für manche zieht sich diese Erfahrung wie ein roter Faden durch das Leben. Unerfülltes sexuelles Verlangen bis hin zur ungewollten Kinderlosigkeit sind häufig die Folge.

In Einrichtungen der Behindertenhilfe kommt es auf die strukturellen Bedingungen an, ob und inwieweit Sexualität gelebt werden kann. Sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter offen für das Thema? Gibt es Einzel- oder Paarzimmer? Dies sind nur einige Fragen, die Auswirkungen auf die sexuelle Selbstbestimmung haben.

Allein in dieser Einführung wird deutlich: Sexualität von Frauen mit Behinderung ist ein weites Feld. In diesem Beitrag geht es primär darum, einen punktuellen Überblick über aktuelle Diskussionen rund um das Thema zu geben und einige Sichtweisen von Frauen mit Behinderung einfließen zu lassen.1 Dabei werden Themen, die häufig in anderen Kontexten thematisiert werden, wie zum Beispiel Aufklärung, Verhütung und Kinderwunsch, ausgeklammert.

Bei mir bist du schön …

»alles was weiblichkeit in ihrem kern beinhaltet, was frauwerden bedeutet, wurde mir rundum abgesprochen. einfach im vorgesehenen programm gelöscht. aufmüpfiges begehren und mich nicht einordnen und als asexuelles wesen abstempeln lassend, kämpfte ich um die kleinsten dinge: ein lippenstift, rosa fingernägel, ein kurzer rock, der erste kuss. einen bh bekam ich nie. ›du brauchst das nicht!‹ drang der alles vernichtende satz in mein bewußtsein. warum ich nicht?« (Mielke 2004)

Ja, warum eigentlich nicht? Warum muss eine junge Frau um einen BH kämpfen, nur weil sie im Rollstuhl sitzt und ihr Körper nicht den gesellschaftlich akzeptierten Vorstellungen von Schönheit entspricht? Andrea Mielke hat es schließlich geschafft. Sie hat den langen Weg beschritten, bis sie zu ihrem Spiegelbild sagen konnte: »du bist schön wie du bist! mit den verformungen meines körpers, der immer wäh ren den bewegungslosigkeit aller glieder und der abhän gig keit von fremden menschen.« (ebd.)

Schönheit, Attraktivität, Ästhetik, sinnliche Ausstrahlung stehen im engen Zusammenhang mit Erotik und Sexualität. Und so beschäftigt dieses Thema Frauen mit Behinderung zumindest seit dem Entstehen der Bewegung behinderter Frauen. Während Anfang der 1980er-Jahre das gängige Schön heitsideal von Frauen mit Behinderung grundsätzlich abgelehnt wurde, gab es zu Beginn des neuen Jahrtausends den ersten Modelcontest speziell für körperbehinderte Frauen, bei dem viele Frauen mitmachten (vgl. Faber/Puschke 2007). Innerhalb der Bewegung behinderter Frauen wurde dieser in den ersten Jahren zum Beispiel in einem kontroversen Streitgespräch in der Zeitschrift EMMA disku tiert (EMMA 2004).

In der Zwischenzeit sind einige erotische Fotoausstellungen und Filme entstanden, in denen sich selbstbewusste und schöne Frauen mit Behinderung zeigen – und zwar Frauen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit tut gut, sowohl uns Frauen als auch allen anderen. Zeigt er doch, dass es Zeit ist, mit alten Klischees aufzuräumen, die mit der Behinderung überwiegend abwertende Attribute verbinden.

Zu kontroversen Diskussionen unter Frauen mit Behinderung kommt es im Zusammenhang mit Fotos und Filmen nur noch selten. Es sei denn, die Grenzen zu Pornografie oder gar Amelotatismus2 verschwimmen. Eine der letzten öffentlichen Diskussionen wurde über Fotoserien und einen Film von Gerhard Aba in 2007 geführt. Aba fotografiert ausschließlich amputierte Frauen, weist jedoch den Vorwurf des Amelotatismus von sich.3

Wie stehen Frauen zu Sexualbegleitung und Sexualassistenz?

Als Ende der 1990er-Jahre die Diskussion um »Sexualbegleitung« für Menschen mit Behinderung begann, dachten wir vom Weibernetz e.V. mit den angeschlossenen Landesnetz werken behinderter Frauen, dies sei nahezu ausschließlich ein Thema für Männer mit Behinderung. Zu nah erschien uns diese Dienstleistung zur Prostitution.

Zudem war deutlich: Diese Dienste werden überwiegend von heterosexuellen Männern in Anspruch genommen (pro familia 2005). Das liegt unter anderem daran, dass Frauen diese Form der Erotik, quasi »auf Knopfdruck« zu den vereinbarten 45 Minuten, weniger liegt als Männern. Dennoch stellten wir die Sexualbegleitung im Rahmen einer Tagung des Weibernetz e.V. zum 25-jährigen Bestehen der Bewegung behinderter Frauen im September 2006 zur Diskussion. Eine Teilnehmerin äußerte sich folgendermaßen: »Es ist gut, wenn eine Frau die Dienstleistungen nicht braucht, weil ihre sexuellen Wünsche erfüllt werden oder sie diese anders kompensiert. Ich hatte noch nie einen Freund in meinem Leben. Für mich sehe ich daher sowohl in der Sexualassistenz als auch in der Sexualbegleitung die einzige Möglichkeit, auch mal erotische Stunden mit Sex zu haben.«

De facto interessieren sich Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen sehr wohl für Sexualbegleitung. Das Interesse ist jedoch nicht gleichzusetzen mit der Inanspruchnahme dieser Dienstleistung, denn nur wenige Frauen nutzen den Dienst tatsächlich. Zudem wurde und wird die Abgrenzung zur Prostitution von vielen Frauen weiterhin kritisch gesehen und diskutiert.4

Häufig vernachlässigtes Thema: Lesbisch und behindert

Inzwischen gibt es kaum eine Vorabendserie ohne lesbisches (oder zumindest schwules) Paar, und insbesondere in Großstädten sind Lesben und Schwule in der Öffentlichkeit sichtbar. Diese (mediale) Akzeptanz spiegelt sich jedoch nicht in allen Bereichen des Lebens wider. Homophobie und Diskriminierungserfahrungen sind leider nach wie vor Alltag vieler lesbischer Frauen und schwuler Männer sowie trans- und intersexueller Menschen.

Und wo werden Lesben mit Behinderung sichtbar? In der medialen Öffentlichkeit spielen sie keine Rolle. Zu drastisch wäre offenbar die Darstellung mehrfacher Stigmatisierung in einer Person. Richtigerweise muss die Antwort jedoch lauten: Sie sind überall: allein, als Paar, in der eigenen Wohnung, dem betreuten Wohnen, dem Wohnheim … Nur wird ihre Sexualität häufig nicht wahr-, und zum Teil auch nicht ernst genommen oder sogar tabuisiert.

Ein Beispiel: In einem Wohnheim für Menschen mit Lernschwierigkeiten teilen sich zwei Frauen ein Zimmer und haben Sex miteinander. Das Personal geht darüber hinweg, reagiert nicht darauf. Glück für die beiden auf der einen Seite, aber bedauernswert für den Fall, dass sie Fragen zu ihrer Sexualität haben und sich die Antworten nur auf heterosexuelle Sexualität beziehen – ganz abgesehen von der fehlenden Akzeptanz (und damit einhergehender Diskriminie rung der lesbischen Lebensweise), die mit dem Ignorieren seitens der Einrichtung einhergeht. Wenn sich im Wohnheim eine Frau und ein Mann ein Zimmer teilen würden, um Sex miteinander zu haben, wäre der Umgang in den allermeisten Fällen ein anderer. Die sexuellen Bedürfnisse würden zumindest thematisiert, mit welchem Ergebnis auch immer.

Lesbische Frauen mit Behinderung haben sich vor vielen Jahren im bundesweiten Krüppellesbennetzwerk zusammengeschlossen. In manchen Städten gibt es Krüppellesben gruppen oder Gruppen lesbischer behinderter Frauen. Zum Teil treffen sich behinderte Lesben und Schwule auch gemeinsam. In einigen Interessenvertretungen behinderter Frauen sind Lesben (neben Mädchen) im Untertitel genannt, um sichtbar zu machen, dass es auch lesbische Frauen und Mädchen mit Behinderung gibt, deren Lebenssituation ebenso beachtet werden muss.5

In neueren Broschüren zur Sexualität von Menschen mit Lernschwierigkeiten wird auch die lesbische oder schwule Sexualität thematisiert (vgl. Fegert u.a. 2007). Die meisten veröffentlichten Artikel zum Thema »Sexualität und Behinde rung« klammern Homosexualität jedoch weiterhin weit gehend aus.

Lesbenberatungsstellen haben in wenigen Fällen auch Lesben mit Behinderung im Blick.6 Zu erwähnen ist auch das jährliche Lesbenfrühlingstreffen (2010 in Hamburg) als Treffpunkt für Lesben mit Behinderung.7

Folgen sexualisierter Gewalt für das Sexualerleben

Sexualisierte Gewalt ist keine Sexualität. Sexualisierte Gewalt ist Gewalt. Gewalt, bei der es um die Ausübung von Macht geht. Dennoch muss es in diesem Beitrag auch einen kurzen thematischen Abstecher zur sexualisierten Gewalt geben. Denn das Erleben von sexualisierter Gewalt kann das künfti ge Sexualleben im hohen Maße beeinträchtigen. Angst, erneut Übergriffe bis hin zur Gewalt zu erleben, kann den Wunsch nach Nähe und Intimität mit Sexualpartnerinnen und -partnern mindern oder das Zulassen von Nähe beein träch tigen und sogar verhindern.

Auch können Traumatisierungen noch viele Jahre nach dem Gewalterlebnis auftreten und das eigene Körperbewusst sein, das Zulassen von Nähe zu anderen Menschen und die eigene Sexualität beeinflussen. Wir wissen insbesonde re von alten Frauen, dass Re-Traumatisierungen infolge von Verge waltigungen im Krieg im Alter in Pflegesituationen (erneut) hervortreten und neben anderen Beeinträchtigungen massive Auswirkungen auf das Körpererleben haben. Es ist daher wichtig, neben einer guten Aufklärung und dem Schaffen guter Bedingungen für das Erleben von Sexualität, auch die Prävention von Gewalt und Hilfen nach erlebter Gewalt in den Blick zu nehmen.

Frauen mit Behinderung erleben besonders häufig (sexualisierte) Gewalt in ihrem Leben. Eine österreichische Studie von 1996 belegt, dass 60% der Frauen, die in Einrichtungen leben, Gewalterfahrungen haben (Zemp/Pircher 1996). Für Deutschland liegen bislang keine repräsentativen Zahlen vor. Das soll sich jetzt ändern. Denn das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hat eine Studie »Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland« in Auftrag gegeben. Im Rahmen dieser Studie ermit teln Wissenschaftlerinnen des Interdisziplinären Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung (IFF) der Universität Bielefeld derzeit in Zusammenarbeit mit weiteren Kolleginnen repräsentative Daten, um Aussagen über das Ausmaß von Gewalt bei Frauen mit Behinderung in Deutschland treffen zu können. Die Ergebnisse der Studie werden 2011 vorliegen.

Der Handlungsbedarf zur Prävention von Gewalt sowie der Bedarf an Hilfsangeboten nach erlebter Gewalt ist groß. In den letzten Jahren wurden einige Angebote und Projekte speziell auf die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen mit Behinderung zugeschnitten. Hier einige Beispiele:

Zum Schutz vor Gewalt entwickelten Frauen mit Behinderung in den 1990er-Jahren gemeinsam mit Wen-Do-Trainerinnen Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse speziell für Frauen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Seither werden diese von unterschiedlichen Anbieterinnen durchgeführt. Es gibt jedoch kein flächendeckendes Netz von Angeboten.

In 2001 wurden dann sogenannte »Übungen für behinderte oder von Behinderung bedrohte Frauen und Mädchen, die der Stärkung des Selbstbewusstseins dienen«, gesetzlich verankert.8Diese Übungen lehnen sich an die oben beschriebenen Kurse an, sind jedoch im Rehabilitationssport verankert. Nach einer ärztlichen Verordnung werden die Übungen vom zuständigen Rehabilitationsträger (z.B. Krankenkasse oder Rentenversicherungsträger) finanziert. Da es in allen Bundesländern Landesbehindertensportverbände mit Untergliederungen gibt, die in den allermeisten Fällen Rehabilita tionssport anbieten, war die Hoffnung berechtigt, über die sen Weg bald in allen Bundesländern entsprechende Angebote für Mädchen und Frauen vorhalten zu können. Derzeit warten Frauen und Mädchen allerdings noch vergeblich auf diese Übungen. Denn sie werden im Reha-Sport – auch neun Jahre nach Inkrafttreten des SGB IX – immer noch nicht angeboten.

Da es sich bei diesen Übungen um ein völlig neues Angebot handelte, das die Leistungserbringer so noch nie vorhalten mussten, vergab das BMFSFJ zunächst ein dreijähriges Forschungsprojekt mit dem Titel: SELBST – Selbstbewusstsein für behinderte Mädchen und Frauen (§ 44 SGB IX). In diesem Projekt der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe wurden in Kooperation mit dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) sowohl ein Curriculum für die Übungen zur Stärkung des Selbstbewusstseins als auch ein Curriculum für die Ausbildung von Übungslei terinnen erarbeitet. Das Curriculum für die Übungen wurde erfolgreich evaluiert, so dass beide Curricula seit Beendigung des Projekts im Dezember 2006 vorliegen.9

Der DBS hat die Ergebnisse des SELBST-Projekts noch nicht umgesetzt. Quasi als Ersatz für diese Übungen ist es im Jahr 2006 einer Frau mit Lernschwierigkeiten (bzw. ihrem Vater als Kläger) gelungen, die Kosten für ein Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungstraining einer freien Trainerin von der Krankenkasse erstattet zu bekommen, weil es im Wohnumfeld an einem entsprechenden Angebot im Reha-Sportbereich fehlte.10  

Frauen mit Behinderung im Aktionsplan zur Bekämpfung von Gewalt

Im Aktionsplan II der Bundesregierung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2007 gelang es, die Zielgruppe der Mädchen und Frauen mit Behinderung zu benennen und konkrete Projekte zu verankern.

So werden seit Frühjahr 2009 Frauen mit Lernschwierigkeiten im Rahmen des Projekts »Frauenbeauftragte in Einrichtungen« geschult, um als Frauenbeauftragte in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen (WfbM) oder in Wohnheimen arbeiten zu können. Ein sehr intensives Schulungsthema ist der Umgang mit Gewalt gegen Frauen in Einrichtungen. In acht Schulungseinheiten werden die Teilnehmerinnen auf ihre Aufgabe als Ansprechpartnerin für die Frauen in »ihrer« Einrichtung vorbereitet. Bei ihrer neuen Aufgabe als Frauenbeauftragte werden sie von einer Person vor Ort unterstützt. Das ist in manchen Fällen eine Mitarbeiterin der WfbM, in anderen Fällen eine Unterstützerin von außen. Das Projekt des Weibernetz e.V. wird noch bis Mitte 2011 in Kooperation mit Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V. durchgeführt und gefördert vom BMFSFJ.11

Ebenfalls im Aktionsplan verankert ist das Projekt »Laut(er) starke Frauen« zur Prävention von Gewalt an Frauen und Mädchen mit Behinderung/chronischer Erkrankung. In diesem Projekt der BAG Selbsthilfe in Zusammenarbeit mit der LAG Selbsthilfe NRW und dem Netz werkbüro Frauen und Mädchen mit Behinderung/chronischer Erkrankung NRW und mit Förderung durch das Bundesministerium für Gesundheit werden Projekte, die zum Thema arbeiten, noch bis Sommer 2010 vernetzt. Durch das Kennenlernen und den Austausch soll der verbesserte Zugang von Frauen mit Behinderung zu Hilfsangeboten ermöglicht werden.12

Neben bundesweiten Projekten gibt es weitere Angebote, die von einzelnen Trägern oder trägerübergreifend ins Leben gerufen wurden. So hat der Caritasverband für das Erzbistum Paderborn e.V. mit dem Sozialdienst katholischer Frauen Paderborn e.V. ein Netzwerk gegen sexuelle Gewalt an Menschen mit Lern- und geistiger Behinderung gegründet. Die Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. bietet seit vielen Jahren Seminare zum Thema sowohl für Frauen mit Lernschwierigkeiten als auch für Mitarbeiterinnen an. Bei der AWO im Bezirksverband Niederrhein e.V. bietet das Lore-Agnes-Haus in Essen im Rahmen des Projekts »In Sachen Liebe unterwegs« unter anderem Präventionsangebote zum Schutz vor sexualisierter Gewalt an (s. Beitrag von Annette Wilke, S. 40 ff., d. Red.). Auch pro familia ist seit vielen Jahren zum Thema Sexualität, aber auch sexualisierte Gewalt, unterwegs. Dies sind einige beispielhafte Projekte, die zeigen, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen (und zum Teil Jungen und Männer) mit Behinderung aus der Tabuzone geholt wird.

Hilfesystem noch nicht barrierefrei

Die hier genannten positiven Beispiele dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Hilfesystem nach erlebter Gewalt nach wie vor nicht barrierefrei ist. Nur etwa 10% der Frauenhäuser sind eingeschränkt barrierefrei zugänglich, und auch Frauennotrufe und -beratungsstellen öffnen sich erst langsam für einzelne Zielgruppen, etwa indem sie rollstuhlzugänglich werden, Mitarbeiterin nen Gebärden sprache lernen oder Materialien in Leichter Sprache entwickeln. Einzelne Frauenberatungs stellen wie Wildwasser e.V. bieten eine spezielle Beratung für Mädchen und Frauen mit Behinderung an, zum Teil in Kooperation mit Netzwerken behinderter Frauen (wie in Mainz oder Berlin).

Fazit

Die kurzen Ausführungen zeigen: Das Thema Sexualität von Frauen (und Männern) mit Behinderung ist in Bewegung. Dabei fällt positiv auf, dass die Aktivitäten von unterschiedlichen Richtungen ausgehen. Frauen mit Behinderung gewinnen an Selbstbewusstsein, stellen sich zum Beispiel durch erotische Fotoausstellungen positiv in der Öffentlichkeit dar und fordern ihr Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität ein. In der Wissenschaft traut sich (hoffentlich) niemand mehr zu fragen, ob Menschen mit Behinderung heiraten können, dürfen, sollen. Es werden Lehrmaterialien für die Zielgruppe behinderter Jugendlicher hergestellt. Die Bundesregierung fördert einschlägige Projekte. In der Behindertenhilfe wird das Thema nach und nach enttabuisiert und Frauenprojekte öffnen sich vermehrt für Frauen mit Behinderung.

Damit dürfen wir uns jedoch nicht zufriedengeben! Bei aller wohlwollenden, differenzierten Darstellung darf nicht vergessen werden, dass eine selbstbestimmte Sexualität, das Leben von Partnerschaft und Elternschaft, Menschenrechte sind. Nicht zuletzt in der UN-Behindertenrechtskonvention wurden diese Rechte speziell mit Blick auf Menschen mit Behinderung formuliert. Jeder Einzelfall, bei dem diese Rechte nicht wahrgenommen werden können, stellt eine Menschenrechtsverletzung dar. 

 

Fußnoten

1 Als selbst behinderte Autorin, die in der Bewegung behinderter Frauen verwurzelt ist, schreibe ich nicht über Frauen mit Behinderung, sondern nehme die Binnensicht an und beziehe viele Aussagen aus unserer Bewegung ein.

2 Amelotatisten sind Männer, die insbesondere beinamputierte Frauen sexuell attraktiv finden und diese häufig per Kontaktanzeige oder auf einschlä gigen Messen wie der RehaCare-Messe suchen. Dabei kann es (muss aber nicht) zu Übergriffen und Verfolgungen kommen. Manche Frauen merken nach dem Eingehen einer Beziehung, dass sie auf die Amputation redu ziert gesehen werden.

3 Der Film »Vom Charme des Makels« ist im Jahr 2005 mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds in Österreich entstanden. Er basiert auf einer Fotoausstellung. Im Mai 2007 diskutierten einige Fotomodels, der Künstler, Theresa Lugstein von make it – Büro für Mädchenförderung des Landes Salzburg und Martina Puschke vom Weibernetz e.V. kontrovers über diesen Film. Viele Fragen blieben offen, etwa warum nur amputierte Frauen fotografiert wurden und ob bei einem Foto, auf dem ein Kreissägeblatt an den amputierten Beinstumpf gehalten wird, Gewalt verherrlicht wird.

4 Mehr zum Thema Sexualbegleitung s. Website zur Sexualbegleitung des Instituts zur Selbst-Bestimmung Behinderter – ISBB: www.sexualbegleitung.org/was.htm

5 Eine Auflistung von Gruppen- und Beratungsangeboten für Lesben mit Behinderung befindet sich auf der Website des Weibernetz e.V. unter www.weibernetz.de/lesben.html

6 siehe u.a.: RuT - Rad und Tat e.V. Offene Initiative Lesbischer Frauen e.V. in Berlin, www.lesbischeinitiativerut.deund www.lesbenfruehling.de

7 siehe www.lesbenfruehling.de

8 s. SGB IX § 44 Abs. 1 Nr. 3

9 Download des Abschlussberichts unter www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationsliste,did=121214.html

10 siehe Sozialgericht Konstanz, AZ.: S 8 KR 1641/05, Urteil vom 29. 6. 2006

11 Infos unter: www.weibernetz.de/frauenbeauftragte

12 Infos unter: www.bag-selbsthilfe.de/news/1880/projekt-lauter-er-starke-frauen

Literatur

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2008): Projekt: SELBST Stärkung des Selbstbewusstseins für behinderte Mädchen & Frauen (§ 44 SGB IX). Abschlussbericht. Berlin

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2007): Aktionsplan II der Bundesregierung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Berlin

EMMA (2004): Der etwas andere Schönheitswettbewerb. Ein Pro und Contra. Interview von Ch. Louis mit M. Heering und M. Puschke, EMMA September/Oktober 2004, S. 46ff.

Faber, B./ Puschke, M. (Hrsg.) (2007): 25 Jahre Bewegung behinderter Frauen. Erfahrungen, Anekdoten und Blitzlichter aus den Jahren 1981–2006. Kassel

Fegert, J. M./Bütow, B./Fetzer, A. E./König, C./Ziegenhain, U. (Hrsg.) (2007): Ich bestimme mein Leben … und Sex gehört dazu. Geschichten zur Selbstbestimmung, Sexualität und sexueller Gewalt für junge Menschen mit geistiger Behinderung. Ulm

Mielke, A./Hauch, A. (2004): Ein Hauch von Gefühl. Weiblich Behindert Sinnlich. Salzburg

Pro familia-Bundesverband (Hrsg.) (2005): Expertise Sexuelle Assistenz für Frauen und Männer mit Behinderungen. Frankfurt

Zemp, A./Pircher, E. (1996): »Weil das alles weh tut mit Gewalt«. Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung. Schriftenreihe der Frauenministerin, Bd. 10. Wien
 

Autoren

Martina Puschke
Martina Puschke ist Diplompädagogin und lebt in Kassel. Sie ist Projektleiterin in der bundesweiten Politischen Interessenvertretung behinderter Frauen im Weibernetz e.V. mit dem Arbeitsschwerpunkt politische Lobbyarbeit für Frauen mit Behinderung, zum Beispiel in den Bereichen Antidiskriminierung, Gleichstellung, sexualisierte Gewalt.

 

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