Das Engagement der pro familia für Menschen mit Behinderungen

Jede vierte pro familia-Beratungsstelle hält heute besondere Angebote für Menschen mit Behinderungen bereit. Dieser Beitrag schildert die Vorgeschichte, dokumentiert Überlegungen zur Umsetzung von Barrierefreiheit und schildert vorbildliche Praxisbeispiele.

Seit dem 26. März 2009 ist die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention) verbindlich. Deutsch land hat sich verpflichtet, »… gegenüber der internationalen Gemeinschaft, aber auch gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, die Behindertenrechtskonvention einzuhalten und umzusetzen und insbesondere die dort formulierten Rechte zu achten, zu schützen und ihre volle Verwirklichung zügig und unter Einsatz verfügbarer Ressourcen anzustrengen« (Aichele 2008; vgl. Beitrag von Sigrid Arnade in diesem Heft, d. Red.).

Wenn auch nicht rechtlich verbindlich wie für den Staat und seine Institutionen, so ist die UN-Behindertenrechtskonvention doch auch für soziale Organisationen wie die pro familia eine zentrale Grundlage für die Ausrichtung und Bewertung der an den Menschenrechten orientierten fachlichen und fachpolitischen Arbeit. Bereits in den 1990erJahren hat sich der pro familia-Bundesverband den Menschen rechten verpflichtet und das Ziel der Umsetzung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte der Menschen (SRGR) in seine Satzung aufgenommen. SRGR nehmen direkt Bezug auf die internationale Menschenrechtsbewegung und deren Institutionen. 2004 forderte die Bundesmitgliederversammlung den Bundesverband und die Landesverbände auf, verstärkt mit Menschenrechtsorganisationen zusammenzuarbeiten.

Das Aktionsprogramm der UN-Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung in Kairo aus dem Jahr 1994 war und ist für die Konkretisierung der SRGR der entscheidende Entwicklungsmotor in der jüngeren Geschichte. Aus dem Kairoer Aktionsprogramm entwickelte die internationale Familienplanungsbewegung unter dem Dach der International Planned Parenthood Federation (IPPF), der Dachorganisation der pro familia, den Schwerpunkt SRGR. »Die Konferenz von Kairo hat weltweit die Arbeit von Familienplanungsorganisationen verändert. Die Verknüpfung ihres Themas mit den Menschenrechten hat zu einer höheren Komplexität geführt, aus der zwingend nicht nur eine Überprüfung vorhandener Strukturen folgt, sondern auch die ständige Aufgabe, den eigenen Teilbereich in größeren Zusammenhängen zu reflektieren und zu handhaben« so Elke Thoß, Geschäftsführerin des pro familia-Bundesverbandes, die den Paradigmenwechsel national und international von Anfang an vorangetrieben und mit gestaltet hat (Thoß 2009).

Nicht zuletzt auf der Grundlage der IPPF-Charta für sexuelle und reproduktive Rechte, in der Menschen mit Behinderungen explizit genannt werden, hat pro familia schon vor Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention auf allen Ebenen ihre Arbeit mit und für Menschen mit Behinderungen intensiviert. Was vor 20 Jahren bei einigen lokalen pro familia-Einrichtungen in Beratung, Medizin und Sexualpädagogik begann, mündete darin, dass mittlerweile jede vierte pro familia-Beratungsstelle spezialisierte Angebote für Menschen mit Behinderungen vorhält.

Der pro familia-Bundesverband hat die Entwicklung mit Fortbildungen, Informationsmaterialien für Klientinnen und Klienten, Fachgutachten und – auf verbandspolitischer Ebene – mit Beschlüssen begleitet. Im Zukunftsprogramm »Parcours 2002« wurde der Schwerpunkt Sexualität und Behinderung aufgenommen und 2003, im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen, entschied sich die Bundesmitgliederversammlung für die Fortsetzung des Schwerpunktes für die folgenden fünf Jahre (Schweriner Beschluss).

Barrierefreiheit und »angemessene Vorkehrungen«

In der UN-Behindertenrechtskonvention, der – ebenso wie dem SRGR-Konzept der pro familia – ein Empowerment-Ansatz zugrunde liegt, wird die Bedeutung von Barrierefreiheit und »angemessenen Vorkehrungen« betont. Ins besondere der zweite Begriff ist bei uns bisher wenig bekannt, seine Implikationen aber folgenreich. In der Forderung nach angemessenen Vorkehrungen steckt ein erhebliches Potenzial für gesellschaftlichen Wandel, darauf hat das Deutsche Institut für Menschenrechte im Dezember letzten Jahres im Rahmen einer Fachtagung aufmerksam gemacht (Aichele 2009).

Doch zunächst zur Barrierefreiheit, einem umfassenden und faszinierenden Konzept, von dem alle Menschen profitieren können. Barrierefreiheit zeigt sich in der Weise, wie sich Menschen einander verständlich machen, in der Art, wie dem Gegenüber, auch in scheinbar Beiläufigem, Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, in der leichten Begehbarkeit der Räume, so dass Rollstühle, aber auch Kinder wagen genügend Platz finden und alte Menschen gefahrlos gehen können, im Wertschätzen von Langsamkeit, in verständlicher Sprache, die sich auch leseungeübten Menschen oder Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache erschließt, bis hin zum gynäkologischen Stuhl für behinderte Frauen; sie zeigt sich in der richtigen Farbe der Türen für Sehbehinderte bis zum Internetauftritt. Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht, eine Qualität, die das Leben für alle menschlicher macht.

Sie bedeutet die Abschaffung von Hindernissen, die dem Recht auf gleichberechtigte Teilhabe entgegenstehen, weil sie den Zugang zu Beratung, medizinischer Untersuchung und Behandlung u.v.m. erschweren beziehungsweise unmöglich machen. Sie findet ihre Analogie in der Forderung nach ungehindertem Zugang (»Access«), einem der fünf strategischen Ziele der pro familia im Verbund mit der IPPF.

Während Barrierefreiheit auf Gruppen von Menschen und deren Behinderungen bezogen ist (etwa auf Rollstuhlfahrer und -fahrerinnen, Sehbehinderte usw.), kann das Recht auf angemessene Vorkehrungen von einzelnen Menschen in Bezug auf deren spezifische Bedürfnisse beansprucht werden, etwa wenn Bedarf an Sexualberatung besteht, Verhütungswissen erlangt werden soll, ausreichende medizinische Versorgung in der Schwangerschaft gewünscht ist usw.

Angemessene Vorkehrungen ergänzen und erweitern die Barrierefreiheit somit entscheidend. Das grundlegende Konzept eröffnet erhebliches Innovationspotenzial und neue Instrumente für die Durchsetzung von Rechten von Menschen mit Behinderungen. Ein Beispiel dafür: Die Gewährung von Sexualassistenz kann eine angemessene Vorkehrung für einen Mann mit Lähmungen sein, da er nur so sein Recht auf selbstbestimmte Sexualität leben kann.¹

Die UN-Behindertenkonvention fasst angemessene Vorkehrungen und Barrierefreiheit als notwendige Voraussetzungen zur Schaffung von gleichberechtigter Teilhabe und Inklusion – beides sind Rechte von Menschen mit Behinderungen. Ihr Fehlen wird als Merkmal von Diskriminierung bewertet (vgl. Aichele 2009).² Im Folgenden sollen drei fachliche Initiativen des pro familia-Bundesverbandes vorgestellt und in Beziehung zur UN-Behindertenkonvention gesetzt werden. 

Ansätze für die barrierefreie Gestaltung von Beratungsstellen

Wesentlich für die UN-Behindertenrechtskonvention ist das zugrunde liegende dynamische Verständnis von Behinderungen. Demnach stehen Behinderungen in Wechselwirkung mit der Gesellschaft und entstehen nicht selten erst durch Barrieren, die Menschen in den Weg gestellt sind und sie daran hindern, zum Beispiel Dienstleistungen zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit in Anspruch zu nehmen (vgl. Aichele 2008).

Zur Identifizierung und Beseitigung von Barrieren, die Menschen den Zugang zu Beratungsstellen erschweren, beriet sich auf Einladung des pro familia-Bundesverbandes Fachpersonal aus pro familia-Einrichtungen mit Referentinnen und Referenten aus Behindertenverbänden. Folgende Empfehlungen und Überlegungen zur Umsetzung der Barrierefreiheit wurden seitens der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachgesprächs formuliert (vgl. pro familia 2007):

  • Die Umsetzung der Barrierefreiheit ist ein Prozess, der nur mit Unterstützung des jeweiligen Trägers/Verbandes erfolgreich sein kann.
  • Träger von Beratungsstellen sollten Barrierefreiheit zu ihrem Ziel erklären.
  • Die Zielvorgaben sollten formuliert und festgeschrieben werden (z.B. im Qualitätshandbuch einer Beratungsstelle).
  • Barrierefreiheit ist auf alle Arten von Behinderungen zu beziehen.
  • Die Herstellung von Barrierefreiheit ist ein Prozess mit vielen kleinen Schritten.
  • Geschaffene Barrierefreiheit muss kontinuierlich gepflegt und überprüft werden.
  • In den Beratungsstellen sollten Menschen mit Behinderungen beschäftigt sein.
  • Es sind gemeinsame Anstrengungen und die Motivation aller Beteiligten in der Beratungsstelle notwendig. Sensibilisierung und Schulung aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind unabdingbar.
  • Nicht vernachlässigt werden dürfen die Barrieren in den Köpfen derer, die als Professionelle oder Ehrenamtliche in den Beratungsstellen oder den Verbänden arbeiten.
  • Innerhalb der Verbände sind Kooperation und Kommunikation über Barrierefreiheit notwendig. Dabei könnten Arbeitsgruppen oder die Ernennung von Beauftragten zur Barrierefreiheit sinnvolle Maßnahmen sein.
  • Die Beteiligung von Menschen mit Behinderungen als Expertinnen und Experten in eigener Sache ist für eine erfolgreiche Umsetzung unerlässlich.

Umsetzung in die Praxis

Für Menschen mit körperlicher Behinderung fehlen häufig barrierefreie Zugänge an Orten wie Parkplätzen und Eingangs bereichen und innerhalb von Gebäuden (z.B. Aufzüge, Treppen, Toiletten, Wartebereich, Beratungsräume, Gruppenräume).³

Häufig erfahren die Rechte von Menschen mit einer Sehbehinderung oder einer Hörschädigung wenig Beachtung. Stärker als bisher sollten Barrieren bearbeitet werden, die gerade ihnen beim Zugang zu den Angeboten von Beratungsstellen entgegenstehen.

So sind zum Beispiel für Sehbehinderte die kontrastreiche Gestaltung der Beratungsstellen-Türen, Induktionsschleifen, ausreichendes Licht, Hinweisschilder und tastbare Schriften in Aufzügen notwendig. Und für Menschen mit Hörschädigungen ist die Möglichkeit zur schriftlichen Kommunikation (per Fax, Mail, Internet) von besonderer Bedeutung.

Während die Barrieren für Menschen mit körperlichen Behinderungen oftmals augenfällig sind, ist deren Beschreibung für Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen beziehungsweise Lernschwierigkeiten oder auch psychisch Erkrankte schwerer allgemein zu fassen.

Verschiedene Kompetenzen und unterschiedliche Beeinträchtigungen auf neuro-psychologischer Ebene verlangen differenzierte Herangehensweisen seitens der Beratungseinrichtungen. Die Idee der Barrierefreiheit kann Menschen mit solchen Handicaps zusätzlich helfen, wenn an ihre Fähigkeiten angeknüpft wird und davon ausgehend notwendige Vorbereitungen, Einrichtungen, Umgangs- und Kommunikationsweisen geschaffen werden.

Der Gebrauch der Leichten Sprache ist dabei ein zentrales Mittel. Sie sollte in nahezu allen Handlungsbereichen der Beratungsstelle Anwendung finden: Schon die Gesprächsführung beim Erstkontakt und die Art der Terminvereinbarung können erkennen lassen, dass das Recht auf Zugang geachtet wird.

Grundsätzlich bedarf es der Ruhe und Geduld, des Zeitlassens zum Nachfragen für beide Seiten, des Respekts für die Ausdrucksweise und die Sprache des Gegenübers. Terminzettel sollten in Leichter Sprache verfügbar sein. Es kann sinnvoll sein, den Namen und ein Foto der beratenden Person aufzudrucken; das hilft, die Ängste vorab zu reduzieren, denn immerhin sollte die Klientin, der Klient schon früh Vertrauen aufbauen können. Weitere sinnvolle Maßnahmen sind: Wegweisung innerhalb der Beratungsstelle bereits auf dem Terminzettel (»Gehen Sie in der Beratungsstelle immer der gelben Linie nach«), zentrale und verkehrsgünstige Lage (eingeschränkte Mobilität bei vielen Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen bzw. Lernschwierigkeiten), Wegbeschreibung zur Beratungsstelle in Leichter Sprache (z.B. prägende Bauwerke, Fotos).

Auch für die Beratung selbst ergeben sich Qualitätsanforderungen:

  • primäre Hinwendung zu Klient/Klientin, nicht zur Begleitperson/Assistenz
  • Ansprechen verschiedener Sinne (z.B. Kombination von verbalen Erklärungen und Materialien zum Anfassen und Anschauen)
  • Leichte Sprache, Zeitlassen, ruhige Sprechweise, Geduld, Respekt vor der persönlichen Integrität der Klienten/ Klientin nen, ihren Besonderheiten und Kompetenzen
  • Herstellung eines möglichst engen Bezugs zur persönlichen Lebenssituation
  • Sensibilität, etwa durch Nachfragen, ob die Anliegen der Klientin/des Klienten richtig verstanden wurden
  • mögliche Einschränkungen des Gedächtnisses der Klientin/des Klienten sind zu bedenken (Wiederholungen, nicht zu viele Informationen auf einmal)
  • Nachhaltigkeit der Beratung ist sicherzustellen (Informationsschriften in Leichter Sprache zum Nachlesen zu Hause).4
  • Für Autisten und Menschen mit psychischen Erkrankungen ergeben sich Anforderungen an Beratungsstellen, die bisher in der Fachdiskussion noch nicht dokumentiert sind.

Zugang für Frauen mit Behinderung zu gynäkologischen Angeboten

In der UN-Behindertenrechtskonvention heißt es in Artikel 25 zu Gesundheit: »Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen, das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit ohne Diskriminierung aufgrund von Behinderung zu genießen. Die Vertragsstaaten treffen alle geeigneten Maßnahmen um zu gewährleisten, dass Menschen mit Behinderungen Zugang zu gender-sensiblen Gesundheitsdiensten (...) haben.« (s. Fußnote 2)

Für Frauen mit körperlichen Behinderungen gibt es nur ganz selten barrierefreie Angebote zur gynäkologischen Versorgung. Viele können deshalb zum Beispiel keine Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen, die Teil unserer Gesundheitsversorgung für alle sein sollten. In der öffentlichen Diskussion wird diese skandalöse Unterversorgung bisher kaum wahrgenommen (genaue Zahlen gibt es bisher nicht). Im Sinne der UN-Behindertenkonvention ist dies eine klare Diskriminierung, und der Staat ist aufgefordert, diese zu beseitigen.

Die pro familia-Beratungsstellen in Frankfurt und Berlin bieten seit vielen Jahren gynäkologische Sprechstunden für Frauen mit Behinderungen an. Sie entwickelten ein Frauengesundheitsprogramm, das nicht mehr ausschließlich auf Defizite und ein Fürsorgeverständnis ausgerichtet ist, sondern auf Gleichberechtigung, Befähigung, Teilhabe und selbstbestimmtes Leben setzt. Möglich war und ist dieses erfolgreiche Angebot insbesondere auch durch die jahrelange und kontinuierliche Kooperation mit Behindertenorganisationen.

Der pro familia-Bundesverband setzt sich ein für den Erfahrungs- und Wissenstransfer aus diesen (seltenen) guten Beispielen in die gynäkologische Hauptversorgung hinein, die von niedergelassenen Gynäkologinnen und Gynäkologen geleistet wird, mit dem Ziel der Verbesserung der Angebote für Frauen mit Behinderungen. Zu diesem Zweck fand im November 2008 das Fachgespräch »Qualitätsstandards für die ambulante gynäkologische Versorgung von Frauen mit Behinderung und rechtliche Grundlagen für ihre Durchsetzung« (pro familia-Bundesverband 2009) statt. Neben Anforderungen an Barrierefreiheit, die bereits für Beratungsstellen formuliert wurden und zum großen Teil auch auf die Arbeit in medizinischen Praxen übertragen werden könnten, ergeben sich weitergehende Anforderungen an die Ausstattung von Praxen. Dazu gehören: Hebelifte für Frauen mit körperlichen Behinderungen, stark höhenverstellbare Untersuchungsstühle, die der Sitzhöhe von Rollstühlen anzupassen sind, hydraulisch verstellbare Untersuchungsliegen, kleine Untersuchungsinstrumente und Ultraschallsonden sowie besondere Vorrichtungen an den Untersuchungsstühlen, die es der körperbehinderten Frau erlauben, weitestgehend selbstständig die richtige Position einzunehmen. Spezielle Fachkenntnisse über die Art der Behinderung und deren Folgen sind unabdingbar für eine qualifizierte medizinische Beratung, Diagnose und Behandlung. In die Ausbildung von Fachärztinnen und -ärzten zur Gynäkologie sollten entsprechend Qualifizierungen aufgenommen werden.

Bisher wurde die Fachdebatte zur Umsetzung solcher Forderungen weitgehend auf die Kosten von Barrierefreiheiten reduziert, die niemand zahlen will oder kann. Mit der UN-Behindertenkonvention gibt es ein neues internationales Rechtsinstrument, das kraftvolle und erfolgversprechende neue Möglichkeiten zur Durchsetzung des Rechts von Frauen mit Behinderungen auf breiten Zugang zur gynäkologischen Versorgung eröffnet.

Sexualassistenz

Die in der UN-Behindertenkonvention geforderten angemessenen Vorkehrungen richten den Blick radikal auf die einzelne Person und die Voraussetzungen, die sie braucht, um ihre Rechte auf gleichberechtigte Teilhabe und Inklusion wahrnehmen zu können. Im Auftrag des pro familia-Bundesverbandes erstellte Dr. Julia Zinsmeister die Expertise »Sexuelle Assistenz für Frauen und Männer mit Behinderungen«, in der rechtliche Grundlagen der sexuellen Assistenz betrachtet werden (vgl. pro familia-Bundesverband 2005). Wenn ein Mensch aufgrund einer Behinderung seine Sexualität nicht ohne die Unterstützung von anderen leben kann, braucht er unter Umständen sexuelle Dienstleistungen, die von der Hilfe bei der Suche nach einem intimen Raum, der Beschaffung von Verhütungsmitteln bis hin zum Geschlechtsverkehr gegen Bezahlung reichen können.

Solche Dienstleistungen, die als sexuelle Assistenz bezeichnet werden, können für viele die einzige Möglichkeit zum Erleben selbstbestimmter Sexualität sein und doch sind sie heute aus verschiedenen Gründen hoch umstritten.5 Einzelne Personen können nun mit Rückendeckung der UN-Behindertenrechtskonvention prüfen, ob sie, mit Bezug auf die geforderten angemessenen Vorkehrungen, Sexualassistenz als Teil ihres Rechts auf Ausübung selbstbestimmter Sexualität durchsetzen können.

Die Implikationen der UN-Behindertenrechtskonvention im Hinblick auf Barrierefreiheit und angemessene Vorkehrungen sind noch lange nicht umfassend entfaltet. Sie bieten viele Chancen für die an Menschenrechten orientierte Arbeit von sozialen Diensten, Fachorganisationen und deren Zuwendungsgeber. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention ist ein großer Schritt gelungen. Aufgabe der sozialen Organisationen wie der pro familia ist es, beharrlich und mit Leidenschaft an ihrer Umsetzung zu arbeiten.

 

Fußnoten

1 Angemessene Vorkehrungen haben in der UN-Behindertenkonvention ihre Grenzen dort, wo sie unbillige Härten für den Staat bedeuten würden.

2 Die Autorin bezieht sich auf die Übersetzung der UN-Konvention: Schattenübersetzung des Netzwerk Artikel 3 e.V. Korrigierte Fassung der
zwischen Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz abgestimmten Übersetzung. www.institut-fuer-menschenrechte.de

3 Um sich sachkundig zu machen, empfehlen sich Checklisten wie »Bauen für alle! Barrierefrei – eine Checkliste für barrierefreies Bauen« der Stadt Münster, www.muenster.de/komm.

4 Übersetzungen, Schulungen und Beratungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bieten u.a. Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.v. und Lebenshilfe Bremen e.V.

5 vgl. erstes FORUM Themenheft 2/3-2001 Sexualität und Behinderung (vergriffen), als pdf-Datei unter: www.forum.sexualaufklaerung.de

 

Literatur

Aichele, V. (2008): Das Innovationspotential der UN-Behindertenrechtskonvention. Vortrag im Rahmen der Fachtagung »UN-Behinderten rechtskonvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen zwischen Alltag und Vision« des Deutschen Instituts für Menschenrechte am 16. 4. 2008 in Berlin, www.institut-fuer-menschenrechte.de

Aichele, V. (2009): Behinderung im Einzelfall überwinden: das Konzept auf angemessene Vorkehrungen nach der UN-Behindertenrechtskonvention. Vortrag im Rahmen der Fachtagung »Die UN-Behindertenrechtskonvention und das Konzept der angemessenen Vorkehrungen« des Deutschen Instituts für Menschenrechte am 8. Dezember 2009, Berlin, podcast www.institut-fuer-menschenrechte.de

pro familia-Bundesverband (2005): Expertise von Julia Zinsmeister: Sexuelle Assistenz für Frauen und Männer mit Behinderungen. Frankfurt am Main

pro familia-Bundesverband (2007): Runter mit den Schwellen! Wege zur barrierefreien Beratungsstelle, Dokumentation eines Fachgesprächs. Frankfurt am Main

pro familia-Bundesverband (2009): Qualitätsstandards für die ambulante gynäkologische Versorgung von Frauen mit Behinderung und rechtliche Grundlagen für ihre Durchsetzung, Dokumentation eines Fachgesprächs, Frankfurt am Main

Thoß, E. (2009): Komplexität und die Suche nach neuen Strukturen, Vorwort zum Jahresbericht 2008, pro familia-Bundesverband. Frankfurt am Main

Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, UN-Konvention in der Schattenübersetzung des Netzwerk Artikel 3 e.V. – korrigierte Fassung der zwischen Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz abgestimmten Übersetzung (www.institut-fuer-menschenrechte.de)

Weitere Veröffentlichungen des pro familia-Bundesverbandes:
Sexualität und körperliche Behinderung, KlientInnen-Broschüre. Frankfurt am Main 2004/2006

Sexualität und geistige Behinderung, KlientInnen-Broschüre. Frankfurt am Main 2004/2006

Sexualität – Was sind unsere Rechte? KlientInnen-Broschüre in Leichter Sprache. Frankfurt am Main 2005

Qualitätsstandards für die ambulante gynäkologische Versorgung von Frauen mit Behinderung und rechtliche Grundlagen für ihre Durchsetzung, Dokumentation eines Fachgesprächs. Frankfurt am Main 2009

Sexualität und geistige Behinderung, Dokumentation einer Fachtagung. Frankfurt am Main 2010
 

Autoren

Sigrid Weiser
Sigrid Weiser ist Diplomsoziologin und Projektkoordinatorin beim Bundesverband der pro familia.

 

 

 

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