Interprofessionelle Qualitätszirkel in der Pränataldiagnostik¹: Ein Modellprojekt verbessert die Versorgung

Das von der BZgA in den Jahren 2003 bis 2007 geförderte Modellprojekt hatte zum Ziel, die Kooperation zwischen Ärzten und Ärztinnen auf der einen Seite und psychosozialen Beraterinnen auf der anderen Seite anzuregen, um dadurch die psychosoziale Beratung langfristig stärker in der Versorgungsstruktur zur Pränataldiagnostik zu verankern. In welchem Ausmaß wurde dieses Ziel erreicht? Welche Veränderungen und insbesondere welche Verbesserungen hat das Modellprojekt bewirkt?

Der Kontext

Pränataldiagnostik (PND) ist heute ein selbstverständlicher und allgemein anerkannter Bestandteil der gynäkologischen Schwangerenvorsorge (Ackermann 2005). Dennoch können pränataldiagnostische Untersuchungen mit einer Vielzahl psychischer Probleme, Belastungen und Konflikte verbunden sein, auf die Schwangere häufig nur unzureichend vorbereitet sind (Brähler/Meyer 1991; Kuhn et al. 2004). Verschiedene medizinische Fachgesellschaften fordern deswegen ein Beratungsangebot, das neben der medizinischen (einschließlich der humangenetischen) Beratung auch die psychosoziale Beratung umfasst (Zerres 2003).

Pränataldiagnostische Prozesse lassen sich gliedern (a) in die Zeit vor Inanspruchnahme, (b) in die Zeit während Inanspruchnahme (Zeit zwischen den Untersuchungen bzw. beim Warten auf Befunde) und (c) in die Zeit nach Erhalt eines pathologischen Befundes.

Die Richtlinien der Bundesärztekammer (BÄK 2003) beziehen sich auf die medizinische Beratung vor und nach PND; zur Beratung während PND werden keine Aussagen gemacht. Die Beratung vor PND hat diesen Richtlinien zufolge primär zum Ziel, Ratsuchende über Anlass, Ziel, Risiken und Grenzen von PND sowie über die Sicherheit möglicher Untersuchungsergebnisse und über alternative beziehungsweise weiterführende pränataldiagnostische Vorgehensweisen aufzuklären. Die Beratung nach PND beinhaltet Informationen über die Bedeutung des Befundes, über Ursache, Art und Prognose der vermuteten Erkrankung oder Entwicklungsstörung des Kindes und über mögliche Komplikationen. Sie informiert darüber hinaus über prä- und postnatale Therapie- und Förderungsmöglichkeiten, über Konsequenzen für die Geburtsleitung, über Alternativen (Fortführung oder Abbruch der Schwangerschaft), über Kontaktmöglichkeiten zu gleichartig Betroffenen und über Möglichkeiten der Inanspruchnahme medizinischer und sozialer Hilfen.

Die medizinische Beratung wird von Fachärzten und Fachärztinnen für Gynäkologie, die genetische Beratung von Fachärzten und Fachärztinnen für Humangenetik durchgeführt. Bei Feststellung schwerer Erkrankungen des ungeborenen Kindes werden ferner Spezialisten für Kinderheilkunde (Neonatologie) in die Beratung einbezogen. Eine besondere Rolle kommt den niedergelassenen Gynäkologen und Gynäkologinnen zu, die in der Regel erste Ansprechpartner für Schwangere sind und häufig eine Beratung anbieten, die weit über das Medizinische hinausgeht. Dennoch zeigt sich in vielen Fällen, dass diese Beratung allein den Schwangeren nicht ausreicht, um tragfähige Entscheidungen vor, während oder nach PND zu treffen (Dewald/Cierpka 2001).

Psychosoziale Beratung beinhaltet psychologische Krisen- und Konfliktberatung, aber auch rechtliche, medizinische und soziale Informationen sowie die Vermittlung von Hilfen. Sie wird in Schwangerschafts- beziehungsweise Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen staatlicher, kirchlicher und freier Träger (Sozialdienst katholischer Frauen, pro familia, Diakonie, Caritas etc.) angeboten und dort zumeist von Sozialpädagoginnen, Sozialpädagogen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, aber auch von Psychologinnen und Psychologen mit speziellen Qualifikationen in der Schwangerenkonfliktberatung durchgeführt (Schulz/Siebert 2002). Anliegen und Inhalte der psychosozialen Beratung vor, während und nach PND sind klar beschrieben (Lammert/Neumann 2002): Vor PND werden den Betroffenen Informationen und Entscheidungshilfen für oder gegen die Durchführung von PND angeboten. Die Beratung während PND geht vor allem auf die Sorgen und Ängste der Betroffenen ein und bietet emotionale Begleitung und Entlastung an. Psychosoziale Beratung nach PND hat zum Ziel, die Entscheidungsfähigkeit der Betroffenen für oder gegen die Fortsetzung der Schwangerschaft zu stärken und je nach Entscheidung weitere spezifische Unterstützungsmöglichkeiten anzubieten.

Psychosoziale Beratung erfolgt idealerweise unabhängig von der medizinischen Behandlung und Beratung und wird als ein nicht-direktives, ergebnisoffenes und ressourcen-orientiertes Beratungsgebot verstanden (Lammert/Dewald 2002), das sich an erster Stelle an den Bedürfnissen der Ratsuchenden orientiert.

Das Modellprojekt

Das Modellprojekt wurde durch die geringe Inanspruchnahme psychosozialer Beratung im Kontext von PND angestoßen, obwohl nach §2 SchKG ein Rechtsanspruch darauf besteht (BMFSJ 2001; Dewald 2001; Dewald/Cierpka 2001; Geier 2001). Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Ärztinnen und psychosozialen Fachkräften fand nur vereinzelt, meist an humangenetischen Beratungsstellen von Universitäten statt. Außerhalb universitärer Einrichtungen erwies sich die Zusammenarbeit bei PND zwischen beiden Berufsgruppen als schwierig (Cramer/Beckers 2002; Dewald 2001; Lammert/Dewald 2002; Pingen-Rainer 2001; Schulz/Siebert 2002).

Im Modellprojekt wurde die Arbeitsform des Interprofessionellen Qualitätszirkels (IQZ) auf der Basis eines strukturierten Konzepts von Bahrs et al. (2001) gewählt, um die Zusammenarbeit zwischen beiden Berufsgruppen zu erleichtern und deren Vorteile konkret und praxisnah erfahrbar zu machen (Dewald/Cierpka 2002). IQZ wurden an sechs Standorten in Deutschland implementiert: In einer ersten Projektphase in Heidelberg, Freiburg und Mannheim, in einer zweiten Phase in Augsburg, Erfurt und Schwerin. Es wurde erwartet, dass auf diesem Weg der Aufbau von persönlichen Beziehungen gefördert, die Arbeits- und Sichtweisen der jeweils anderen Berufsgruppe direkt erfahrbar, verschiedene Formen der Zusammenarbeit erprobt und der Wert der psychosozialen Beratung für die Versorgung der Patientinnen praxisnah erlebt werden können.

Im Folgenden wird ausschließlich auf Veränderungen beziehungsweise Verbesserungen innerhalb der Versorgungsstruktur eingegangen. Ausführliche Darstellungen zu den teilnehmenden Personen/Institutionen sowie zur Durchführung und zu den Ergebnissen liegen bereits vor bzw. werden in Kürze erscheinen (Kuhn et al. 2003; Kuhn/Riehl-Emde 2007; BZgA 2007).

Auswirkungen des Modellprojekts

Im Rahmen unserer Begleitforschung wurden die Teilnehmenden zu Beginn und am Ende der über eineinhalb Jahre laufenden IQZ ausführlich schriftlich zu ihren soziodemografischen Merkmalen, zur Einstellung gegenüber PND und Schwangerschaftsabbruch, zu beruflichen Stereotypien, zur Kooperationsbereitschaft und zu Erwartungen an die IQZ-Arbeit befragt. Darüber hinaus wurde die Arbeit der IQZ dokumentiert, auf Tonträger aufgezeichnet, transkribiert und inhaltlich analysiert, etwa in Hinblick auf Problemfelder und Kooperationsformen.

Positive Einstellung zur Kooperation

Die Eingangsbefragung bestätigte auch für die teilnehmenden Personen nochmals den Befund, dass psychosoziale Fachkräfte bisher kaum in die Beratung zur PND involviert waren und dass die beiden Berufsgruppen eher selten zusammenarbeiteten. Wer am Modellprojekt teilnahm, war jedoch sehr positiv zur fachübergreifenden Kooperation eingestellt. Die teilnehmenden Ärzte und Ärztinnen beschrieben sich sogar etwas interessierter an der Kooperation mit anderen Berufsgruppen als die psychosozialen Beraterinnen. Bis zum Ende des Modellprojekts ist die positive Einstellung zur Kooperation erhalten geblieben, und an der Mehrzahl der Standorte ist die Fortsetzung der IQZ-Arbeit über die Projektphase hinaus geplant. Die Zufriedenheit der Beraterinnen mit ihrer Arbeit im Kontext von PND und auch ihre Sicherheit darin waren am Ende deutlich gewachsen. In beiden Berufsgruppen war eine größere Flexibilität und ganzheitlichere Wahrnehmung der Anliegen der Schwangeren zu erkennen.

Stereotypien und Vorurteile zwischen beiden Berufsgruppen haben sich verringert²
Eine mögliche Hypothese über die Gründe der fehlenden Kooperation im Vorfeld des Modellprojekts fokussierte auf potenzielle Vorurteile zwischen den Berufsgruppen, welche die Zusammenarbeit erschweren, wenn nicht sogar verhindern können. Es zeigte sich dann auch in der Eingangsuntersuchung, dass beide Berufgruppen zu stereotypen Wahrnehmungen der jeweils anderen Gruppe neigen, die seitens der Ärzteschaft sogar etwas stärker ausgeprägt sind. In der IQZ-Arbeit wurde deutlich, dass sich beide Berufsgruppen im persönlichen und beruflichen Kontakt bisher selten erlebt haben und noch sehr wenig darüber wissen, wie die jeweils andere Berufsgruppe arbeitet und denkt. So berichtete die Ärzteschaft an allen Standorten, kaum Vorstellungen darüber zu haben, welche Hilfsangebote Beraterinnen im Kontext von PND anbieten, wie sie konkret vorgehen und welche Inhalte eine psychosoziale Beratung ausmachen. Bei den Beraterinnen wurden zu Beginn der IQZ-Arbeit vor allem Unsicherheiten gegenüber der Ärzteschaft und gleichfalls Unwissen in Bezug auf die ärztliche Beratungspraxis beobachtet. So herrschte häufig die Ansicht vor, dass Ärzte und Ärztinnen sehr technisch und sachlich aufklären sowie wenig empathisch und einfühlsam auf die Bedürfnisse ihrer Patientinnen eingehen. Mehrfach wurde aber auch explizit der Wunsch geäußert, mehr über die Arbeit und Vorgehensweise der jeweils anderen Seite zu erfahren. Erfreulicherweise haben sich die stereotypen Wahrnehmungen nach Ablauf der Modellprojektphase verringert und beide Berufsgruppen haben ihre Vorannahmen oder Vorurteile über die jeweils andere Berufsgruppe relativiert. Beide Berufsgruppen haben sich durch die IQZ-Arbeit tatsächlich besser kennengelernt und können sich gegenseitig realistischer und vorurteilsfreier einschätzen.

Die Fallzahlen in der psychosozialen Beratung sind kaum gestiegen

Auch direkt nach Ablauf der Modellprojektphase hat die Anzahl der Beratungsfälle zur PND in den psychosozialen Beratungsstellen nicht zugenommen, das heißt die Anzahl der Fälle, in denen PND konkreter Anlass des Beratungsgespräches ist, macht nach wie vor nur 1 bis 2% aller Beratungsfälle aus, obwohl die beteiligte Ärzteschaft angibt, Patientinnen vermehrt auf psychosoziale Beratungsangebote hinzuweisen oder an konkrete Beratungsstellen weiter zu verweisen. Von 10 auf 20% verdoppelt haben sich allerdings die Fälle der Beraterinnen, in denen PND zwar nicht konkreter Anlass, aber Thema des Beratungsgesprächs ist. Die Beraterinnen erklären dies damit, dass sie anders als zuvor jetzt selbst das Thema PND häufiger von sich aus mit ihren Klientinnen ansprechen.

Weshalb kommen trotz vermehrter ärztlicher Empfehlungen nicht mehr Patientinnen in die Beratungsstellen? Offenbar hängt die Inanspruchnahme psychosozialer Beratungsangebote nicht nur von dem Überweisungsverhalten der Ärzteschaft und ihrer positiven Einstellung zur Kooperation ab, wie Beraterinnen im IQZ berichteten: Patientinnen haben vermutlich eine hohe Hemmschwelle in Bezug auf die Inanspruchnahme psychosozialer Hilfsangebote. Insbesondere nach Mitteilung eines auffälligen Befundes seien sie emotional oft stark belastet, hätten oft schon viele (ärztliche) Beratungsgespräche hinter sich und „wollen eher ihre Ruhe haben". Ein psychosoziales Beratungsgespräch werde möglicherweise sogar vermieden, um einer intensiveren Auseinandersetzung mit eigenen schwierigen Gefühlen oder der Infragestellung einer bereits getroffenen Entscheidung aus dem Wege zu gehen.

Unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte, aber mehr Offenheit für die jeweils andere Seite

Erwartungsgemäß setzen beide Berufsgruppen unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte in der Beratung, ein konstitutives Element für die Kooperation, das auch über die Laufzeit des Projekts bestehen blieb: Ärztinnen und Ärzte legen gemäß Richtlinien der BÄK großen Wert auf medizinische Informationen und erachten die umfassende Diagnosemitteilung und medizinische Aufklärung über Risiken einer pränataldiagnostischen Untersuchung und mögliche Fehlbildungen des werdenden Kindes als wichtig. Beraterinnen legen hingegen vor Durchführung von PND großen Wert darauf, die individuellen Bedürfnisse und die Bedeutung der jeweiligen Maßnahme für die Klientin herauszuarbeiten. Sowohl vor, aber insbesondere während und nach PND gehen Beraterinnen stärker auf die emotionale Situation der Betroffenen ein. Ganz allgemein neigen Ärztinnen und Ärzte aufgrund ihrer medizinischen Ausbildung wohl eher dazu, sich an formal fassbaren Zahlenwerten (z.B. Alter, Schwellenangaben) zu orientieren, während Beraterinnen mit einer eher an sozialen, psychologischen beziehungsweise philosophischen Inhalten ausgerichteten Ausbildung inhaltlich-emotionale Argumente höher gewichten als Zahlenwerte. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Schwerpunkte beider Berufsgruppen sehr gut ergänzen: Eine Berufsgruppe greift die Themen in der Beratung auf, die in der Beratung der jeweils anderen Gruppe bisweilen zu kurz kommen.

Obwohl sich leichte Veränderungen bei den inhaltlichen Schwerpunkten der Beratung abzeichnen, bleiben die berufsspezifischen Schwerpunkte auch nach Ablauf des Modellprojekts eindeutig erhalten. Die Ärzteschaft legt nach wie vor den größten Wert auf eine gründliche medizinische Aufklärung über Untersuchungsmethoden, über potenzielle Befunde und deren Konsequenzen. Beraterinnen ist es ein wesentliches Anliegen, auf die emotionale, familiäre und soziale Situation ihrer Klientinnen einzugehen. Allerdings zeigen die Antworten auf die offene Frage „Was sind Ihrer Erfahrung nach wichtige Themen in der Beratung vor, während und nach PND?" vor allem für die Zeitpunkte vor und während PND leichte Veränderungen, die dafür sprechen, dass beide Berufsgruppen sich für die Themen der jeweils anderen Seite geöffnet haben: Für die Beraterinnen hat die Aussagefähigkeit der medizinischen Untersuchungen in der Beratung vor und während PND an Gewicht gewonnen. Bei der Ärzteschaft ist die Motivation der Patientinnen zur Inanspruchnahme von PND und die emotionale Situation der Betroffenen vor allem während PND mehr ins Blickfeld gerückt. Hierzu passt, dass sich an einigen Standorten die Dauer der ärztlichen Beratungsgespräche deutlich verlängert hat.

Die Frage nach „neuen/anderen Schwerpunkten aufgrund der IQZ" haben im Durchschnitt 63% der Ärzteschaft und 44% der Beraterinnen bejaht. Auf die offen formulierte Zusatzfrage, um welche Veränderungen es sich handele, nannte die Ärzteschaft mehrfach folgende konkrete Veränderungen:

  • vermehrt medizinische und psychosoziale Informationen von der Patientin einzuholen (z.B. frühere Schwangerschaften; frühere Aborte, bessere Sozialanamnese);
  • aktiver und überzeugender psychosoziale Beratung zu empfehlen einschließlich des Vorsatzes, Beraterinnen bereits im frühen Stadium einer Schwangerschaft stärker einzubeziehen;
  • sensibler geworden zu sein für die psychosoziale Dimension einschließlich der Bedeutung von Seelsorge;
  • besser mit anderen ärztlichen Kollegen und Kolleginnen sowie mit anderen Kliniken zusammenzuarbeiten, auch mehr Überweisungen an diese auszusprechen.

Die psychosoziale Berufsgruppe nannte überwiegend folgende Veränderungen:

  • PND insgesamt häufiger und aktiver zu thematisieren, zum Beispiel die Klientinnen nach ihren bisherigen Erfahrungen mit PND und nach den Ultraschallbefunden zu fragen;
  • Angaben im Mutterpass mehr zu beachten;
  • sensibler für Fragen der Klientinnen geworden zu sein;
  • vermehrten Kontakt zur Ärzteschaft vor Ort zu suchen.

Die genannten Veränderungen unterstützen das Ergebnis der verbesserten Kooperation sowohl interprofessionell, zwischen den beiden Berufsgruppen, als auch interdisziplinär, innerhalb der Ärzteschaft. Darüber hinaus berechtigt die in Bezug auf PND-Maßnahmen ganzheitlichere Wahrnehmung der Schwangeren, die sich in der gewachsenen Sensibilität beider Berufsgruppen ausdrückt, zur Hoffnung, dass sich die Veränderungen auch in einer verbesserten Versorgung der Schwangeren niederschlagen.

Unterschiedliche Einstellungen zur Pränataldiagnostik
Auch nach Ablauf der Modellprojektphase lassen sich die zu Beginn beobachteten Unterschiede zwischen den beiden Berufsgruppen in den Einstellungen zur PND nachweisen. Ärzte und Ärztinnen messen dem Alterskriterium bei der Durchführung einer PND-Maßnahme eine deutlich höhere Bedeutung bei als Beraterinnen. Die Gewichtung medizinischer Vorbefunde für das weitere Vorgehen ist aber stärker vom Geschlecht der Fachperson beeinflusst als von deren Berufsgruppen-Zugehörigkeit (Kuhn/Riehl-Emde 2007): Ärzte raten im Fall medizinischer Vorbefunde eher zu PND als Ärztinnen und Beraterinnen, die eine mehr abwartende Haltung einnehmen. Lediglich für die Gewichtung des Alterskriteriums hat das Geschlecht der Fachperson keine Bedeutung. Ärzte und Ärztinnen geben dem Alter der Schwangeren eine deutlich höhere Bedeutung für die Durchführung einer PND-Maßnahme als die Beraterinnen.

Im Modellprojekt entwickelte Kooperations- und Versorgungsmodelle

Die fachübergreifende Zusammenarbeit zwischen der Ärzteschaft und den Beraterinnen hat deutlich zugenommen. Folgende Formen der Zusammenarbeit wurden angedacht und auch teilweise realisiert:

  • Vermehrte Kontakte und Informationsaustausch innerhalb der einzelnen Professionen und zwischen den beteiligten Berufsgruppen: zum Beispiel telefonische Rücksprachen über gemeinsame Patientinnen; häufigere ärztliche Empfehlung oder Weiterverweisung der Patientinnen an psychosoziale Beraterinnen vor Ort; gegenseitige Hospitationen, wobei tendenziell mehr Beraterinnen in Kliniken oder bei niedergelassenen Ärzten und Ärztinnen hospitieren als umgekehrt.
  • Maßnahmen zur gemeinsamen Fortbildung beider Berufsgruppen zum Thema PND, auch Einladung der Beraterinnen zur Teilnahme an lokal bestehenden Stammtischen von Gynäkologen und Gynäkologinnen zum Thema PND, dort vermehrter Einbezug psychosozialer Themen.
  • Gemeinsame Qualitätssicherung durch kritische kollegiale Überprüfung der eigenen Arbeit im Rahmen des IQZ.
  • Gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit in Form von Flyern und Informationsbroschüren für Schwangere über das lokale Beratungsnetzwerk.
  • Initiierung und Ausbau von Kooperationsstrukturen im Rahmen der Versorgung der Schwangeren: Einrichtung ambulanter psychosozialer Sprechstunden an Kliniken.

Vor allem zwei Wege der Zusammenarbeit sollen abschließend nochmals gesondert hervorgehoben werden, weil sie die psychosoziale Beratung nachhaltig in der Versorgungsstruktur beziehungsweise in der Beratung zur PND verankern:

  1. 1. Seitens niedergelassener Gynäkologen und Gynäkologinnen vermehrte ärztliche Empfehlungen oder Weiterverweisungen von Patientinnen an Schwangerschaftsberatungsstellen beziehungsweise an Beraterinnen, die durch die gemeinsame Arbeit im IQZ persönlich bekannt sind.
  2. 2. Einrichtung psychosozialer Beratungsangebote in Frauenkliniken und in bestehenden pränataldiagnostischen Zentren von Kliniken.

An zwei Standorten wurden direkt nach Ablauf der Modellprojektphase an den jeweiligen Kliniken psychosoziale Sprechstunden eingerichtet. Die konkrete Ausgestaltung erfolgte je nach Standort unterschiedlich. An einem Standort wurde an der am IQZ beteiligten Frauenklinik des Universitätsklinikums eine feste ambulante psychosoziale Sprechstunde eingerichtet. Hier kommt eine Beraterin zu festen Zeiten in die Klinik und steht den Patientinnen bei Bedarf für die psychosoziale Beratung zur Verfügung. Am anderen Standort wurden ambulante psychosoziale Sprechstunden auf Abruf initiiert. Hier stehen alle Beraterinnen beziehungsweise die am IQZ beteiligten Beratungsstellen den beiden ortsansässigen Kliniken auf Abruf für ein interprofessionelles Beratungsgespräch zur Verfügung. Die beteiligten Beratungsstellen erstellen vorab einen Wochenplan, in dem die Abrufbereitschaft geregelt ist. Während die psychosoziale Beratung am ersten Standort bei Bedarf und getrennt beziehungsweise inhaltlich unabhängig von der medizinischen Beratung angeboten wird, wird im anderen Modell eine gemeinsame Beratung angestrebt. Die Beraterinnen werden zum ärztlichen Zweitgespräch hinzugezogen, welches obligatorisch (z.B. vor invasiver Diagnostik oder zur Beratung nach auffälligem Befund) durchgeführt werden soll.

Während der erste Weg eher die Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Gynäkologen/Gynäkologinnen und Beratungsstellen berührt und damit die vermehrte Integration der psychosozialen Beratung im niedergelassenen Bereich fördert, stärkt der zweite Weg die Integration psychosozialer Beratungsangebote in Kliniken beziehungsweise verbessert die Zusammenarbeit zwischen Beratungsstellen und Kliniken. Die beiden Modelle unterscheiden sich vor allem darin, dass die Patientinnen im zweiten Fall beide Versorgungsangebote (medizinische und psychosoziale Beratung) unter einem Dach vorfinden, also die psychosoziale Beratung im Rahmen der klinischen Versorgung zur PND mit angeboten wird. In dieser Form der Kooperation wird die Chance gesehen, den Betroffenen den Weg zur tatsächlichen Inanspruchnahme psychosozialer Beratung zu erleichtern.

Ambulante psychosoziale Sprechstunden wurden auch schon im Rahmen anderer Modellprojekte in pränataldiagnostischen Fachabteilungen von Kliniken eingerichtet und waren vereinzelt auch bereits im Vorfeld des Modellprojekts anzutreffen, zum Beispiel an den humangenetischen Beratungsstellen der Universitätsklinken Heidelberg und Freiburg, wobei die psychosozialen Fachkräfte dort allerdings direkt angestellt und nicht von „externen" Beratungsstellen freigestellt werden.

Das Kooperations- beziehungsweise Versorgungsmodell einer gemeinsamen Sprechstunde wurde auch für den niedergelassenen Bereich an zwei Modellstandorten diskutiert, kam bisher allerdings nicht zustande, weil die niedergelassenen Gynäkologen und Gynäkologinnen meinten, zu wenig „Fälle" zur PND zu haben, und weil die Beraterinnen darauf bestanden, psychosoziale und medizinische Beratung zeitlich und räumlich voneinander getrennt zu halten. Selbst wenn in den gynäkologischen Praxen, die nicht auf PND spezialisiert sind, weiterhin das klassische Modell der ärztlichen Überweisung oder Empfehlung bevorzugt wird, wäre insbesondere in Schwerpunktpraxen zur PND, die in jüngster Zeit vermehrt entstehen, die Einrichtung einer psychosozialen Sprechstunde unter Beteiligung der lokalen Beratungsstellen der Region zu erwägen. Dies ist ein Modell, das sich insbesondere in Regionen mit weitflächiger Infrastruktur anbietet.

Die weitere Strategie des Modellprojekts Interprofessionelle Qualitätszirkel in der PND zielt darauf ab, dass sich derartige Zirkel oder auch andere Kooperationsformen im Kontext von PND weiter etablieren und über die Modellstandorte hinaus ausbreiten. Empfehlungen dazu finden sich im Fachheft der BZgA (BZgA 2007).  

Fußnoten

1 Kooperationsprojekt zwischen den Universitäten Heidelberg (Projektleiter: PD Dr. A. Riehl-Emde, Prof. Dr. M. Cierpka) und Göttingen (Projektleiter: Dr. O. Bahrs), gefördert durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).
2 Operationalisiert als Differenzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung (Semantisches Differenzial).

Literatur

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Wissenschaftlicher Beirat der Bundesärztekammer. Richtlinien zur pränatalen Diagnostik von Krankheiten und Krankheitsdispositionen, Stand: 28.02.2003
Zerres, K. (2003): Humangenetische Beratung. Deutsches Ärzteblatt, 100 (42), A2720-A2727

Autoren

Priv.-Doz. Dr. phil. Astrid Riehl-Emde
Priv.-Doz. Dr. phil. Astrid Riehl-Emde ist Diplom-Psychologin, Paar- und Familientherapeutin und Stellvertretende Leiterin des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Psychosozialen Zentrum, Universitätsklinikum Heidelberg. Sie ist eine der Leiterinnen des Modellprojekts „Interprofessionelle Qualitätszirkel in der Pränataldiagnostik“.

Rita Kuhn
Rita Kuhn ist Diplom-Psychologin in Weiterbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Modellprojekt „Interprofessionelle Qualitätszirkel in der Pränataldiagnostik“. Davor war sie im Bereich Human Ressource Management Versorgungsforschung tätig.

Axel Dewald
Axel Dewald ist Diplom-Psychologe,Psychologischer Psychotherapeut und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Modellprojekt „Interprofessionelle Qualitätszirkel in der Pränataldiagnostik“. Außerdem ist er als geschäftsführender Gesellschafter des Heidelberger Präventionszentrums und lizenzierter Faustlos-Trainer tätig.

Prof. Dr. med. Manfred Cierpka
Prof. Dr. med. Manfred Cierpka ist Arzt für Psychiatrie, Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker und Familientherapeut. Er ist Ärztlicher Direktor des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Psychosozialen Zentrum, Universitätsklinikum Heidelberg und einer der Leiter des Modellprojekts „Interprofessionelle Qualitätszirkel in der Pränataldiagnostik“.
 

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