„Auf uns lastet der Vorwurf, wir würden Schwangerschaft zum Risiko machen - so ist es nicht."

Interview mit Dr. med. Klaus König, Berufsverband der Frauenärzte e.V., über Veränderungen der gynäkologischen Praxis durch Pränataldiagnostik, die informierte Patientin, die Rolle der Hebammen bei der Beratung, Qualitätskontrollen und  Verbesserungsmöglichkeiten in der Schwangerenvorsorge.

FORUM: Herr Dr. König, welche Leistungen werden gegenwärtig im Rahmen gynäkologischer Schwangerschaftsvorsorge angeboten, die zum Bereich der Pränataldiagnostik zählen?
König
: Zunächst muss man klarstellen: Das Ziel der Mutterschaftsvorsorge, der gesamten Schwangerenvorsorge ist es nicht, Pränataldiagnostik zu machen und nach Fehlern zu suchen, das wird heute oft falsch verstanden.
Die Aufgabe ist, die Frau in der Schwangerschaft zu betreuen und die Gesundheit von Mutter und Kind zu erhalten. Das ist auch eine Frage der Aufklärung der Mutter, etwa zum Ultraschall. Der Ultraschall ist ja ein Element von Pränataldiagnostik, und hier muss informiert werden, was gefunden werden könnte und ob die Schwangere das überhaupt will. Der Frauenarzt muss hier Aufklärung leisten, vor allem muss das falsche Bild der Mutterschaftsvorsorge als Aufspüren von Fehlbildungen beim Kind korrigiert werden.
Zur Pränataldiagnostik gehört der Ultraschall, dann der sogenannte Fehlbildungsultraschall in der 20. bis 22. Schwangerschaftswoche (SSW) bei Verdacht, der aber bekanntlich nicht in der Routine vorgesehen ist. Dann die Amniozentese, also die Fruchtwasserpunktion, die als Kassenleistung allen Frauen ab dem Alter von 35 Jahren angeboten werden muss.
Wir haben weitere sogenannte „Softmarker" wie das Alpha-Feto-Protein, zur Frage des offenen Rückens, sie werden bei der Amniozentese miterhoben, spielen aber keine große Rolle mehr, weil der offene Rücken ja beim Fehlbildungsultraschall entdeckt werden kann.
Der Triple-Test hat ebenfalls an Bedeutung verloren, er wurde durch die Nackentransparenzmessung im Ersttrimester-Screening ersetzt. Nicht erwähnt haben wir die Chorionzottenbiopsie, die eine geringere Rolle spielt ...

FORUM: Wegen des im Vergleich zur Amniozentese etwas höheren Risikos?
König: Ich glaube, dass da die Erfahrung des Arztes eine große Rolle spielt. Aber das Verfahren hat den Nachteil, dass Sie Informationen aus dem Fruchtwasser, zum Beispiel die Höhe des Alpha-Proteins, nicht haben, Sie haben ja nur die Chorionzotten.

FORUM: Was hat sich in der gynäkologischen Praxis im Verlauf der letzten Jahre durch diese neuen diagnostischen Verfahren verändert?
König: Im Laufe der Jahre haben sich die Praxen unterschiedlich entwickelt, die einen bieten neue Verfahren selber an, die anderen müssen überweisen. Dann ist die Anzahl der Amniozentesen aufgrund der vermehrt eingesetzten Nackentransparenzmessung, gerade bei jüngeren Frauen, zurückgegangen.
Die Ultraschalldiagnostik wird immer besser, durch neuere Geräte mit mehr Möglichkeiten, zum Beispiel dreidimensionaler Darstellung des Feten.
Und sicher müssen die Schwangeren sich mit den diagnostischen Angeboten heute intensiv auseinandersetzen: Die 40-Jährige hat ein Risiko von 1:100 für eine genetische Erkrankung des Embryos. Das müssen die Mütter vollkommen allein entscheiden, wie sie mit dieser Statistik umgehen und welche Diagnostik sie in Anspruch nehmen wollen. Unsere Aufgabe ist die Aufklärung und die Begleitung, insofern nimmt die Beratung mittlerweile einen sehr hohen Stellenwert ein.

FORUM: Heute ist es möglich, durch das sogenannte Ersttrimester-Screening, eine Kombination aus nicht-invasiven Verfahren, schon im ersten Drittel der Schwangerschaft eine Risikoabwägung bezüglich einer möglichen Chromosomenstörung des Kindes vorzunehmen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
König: Wenn zertifizierte Ärzte genau untersuchen und zertifizierte Labors diese Untersuchungen machen, sind sie sehr hilfreich, aber eben nur unter diesen Voraussetzungen.

FORUM: Sie sagten bereits, dies führt zu einem Rückgang der risikoreicheren Amniozentese?
König: Die Untersuchungen können auf jeden Fall zu einem Rückgang der Amniozentese beitragen. Wir machen heute viel weniger Amniozentesen, weil die Patientinnen sich mit der Risikoabwägung durch das Ersttrimester-Screening zufriedengeben. Es ist ganz wichtig der Patientin zu vermitteln, dass die Nackentransparenzmessung eine Risikokalkulation ist, aber keine Fehlbildungsdiagnostik. Wir ermitteln ihr individuelles Risiko aufgrund von Ultraschall und Laborwerten.

FORUM: Und das verstehen die Frauen auch, sie können mit dieser Risikokalkulation umgehen?
König: Sie können damit umgehen. Sie haben auch Angst vor der Fruchtwasseruntersuchung und sind froh, wenn sie sie vermeiden können.
Der Begriff Screening¹ ist übrigens problematisch: Bei einem Screening werden alle Schwangeren untersucht, hier aber nur die, die untersucht werden wollen und bereit sind, diese IGeL-Leistung zu bezahlen. Es handelt sich nicht um eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Ziel der Untersuchung ist nur, die individuelle Höhe des Risikos für eine genetische Erkrankung herauszubekommen, mehr ist es nicht. Das kann nicht jeder machen, nur qualifizierte Untersucher. In Deutschland wird diese Qualifikation von der Fetal Medicine Foundation (FMF) unter Leitung von Professor Merz erworben und jährlich kontrolliert, durch eine Qualitätssicherung und eine Erneuerung der Zertifizierung.

FORUM: Ist das gut, dass das in einer Hand liegt?
König
: Das ist sinnvoll, aber ein Monopol bietet immer die Gefahr, dass die Preise bestimmt werden, ohne dass eine Konkurrenz da ist, und auch die Anforderungen werden allein definiert.

FORUM: Das Ersttrimester-Screening wird also nicht in jeder gynäkologischen Praxis angeboten?
König: Nein, es ist so gedacht, dass die Gynäkologen das in bestimmten Fällen empfehlen und dann an entsprechend geschulte Experten verweisen. Ähnlich ist es beim Fehlbildungsultraschall, auch hier hat nicht jeder Gynäkologe die Zulassung. Beim Ultraschall formulieren die Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder die Anforderungen im Sinne einer Qualitätskontrolle. Auf der anderen Seite gibt es die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM), die ein Dreistufenmodell zur Bewertung der Leistungsfähigkeit der Untersucher entwickelt hat. Und das ist auch richtig, dass jeder das tut, wofür er sich speziell qualifiziert hat.

FORUM: Kommen die Schwangeren mit der Risikoeinschätzung beim Ersttrimester-Screening zurecht? Was bedeutet diese im Schwangerschaftsverlauf sehr frühe Konfrontation mit möglichen Schäden des Fötus für das Schwangerschaftserleben der Frauen?
König: Wann sollen die Frauen sich denn mit diesen Fragen beschäftigen, wenn nicht am Anfang der Schwangerschaft? Sie können so viel tun, nicht rauchen, keinen Alkohol, Anpassen des Arbeitsplatzes, das sind alles Faktoren, um die die Schwangere sich Gedanken machen muss, um ihr Kind zu schützen. Die Frauen wollen doch unbedingt wissen, ob das Kind in Ordnung ist, sie haben ein großes Sicherheitsbedürfnis.

FORUM: Kann man ihnen denn diese Sicherheit geben, ist das nicht ein überzogener Anspruch?
König: Nein, diese Sicherheit kann man nicht geben, ein völlig falscher Anspruch. Die Frau meint, dass man einen Fehlbildungsausschluss geben kann, das kann man nicht. Sie will einen 3D-Ultraschall haben, daraufhin haben sich viele Gynäkologen trotz knapper Ressourcen ein solches Gerät angeschafft, aber das ist auch eine IGeL-Leistung, die die Patientin selbst zahlen muss.
Man muss auch sehen, dass viele der Frauen schon älter sind und zum Teil lange gebraucht haben, bis sie schwanger waren, auch das erhöht das Sicherheitsbedürfnis. Die Angst, dass mit dem Kind etwas sein könnte, gab es schon immer. Sie nimmt zu, weil die älter werdende Frau dann auch bedenken muss, dass sie so viele Chancen einer weiteren Schwangerschaft auch nicht hat.
Häufig wird die Frage gestellt, warum die Freundin einen Fehlbildungsultraschall bekommen hat und sie, die Patientin, nicht.
Es wird immer vom Anspruch auf Leistungen gesprochen, den es aber nicht gibt.

FORUM: Also eine Art Eigendynamik durch Austausch, Öffentlichkeit?
König: Ja, auf jeden Fall, das nimmt stark zu. Sie wissen gar nicht, was die Presse für eine Macht hat. Nehmen Sie nur das Beispiel Kaiserschnitt, wenn irgendwelche Filmsternchen das machen, dann wollen immer mehr Frauen einen Kaiserschnitt, das nimmt rasant zu. Wenn wir eine Kampagne machen, etwa weil die Mutterschaftsvorsorge noch stärker in Anspruch genommen werden soll oder bei der Brustkrebsprävention, dann suchen wir Prominente, die das vermitteln und in jeder Talkshow noch anfügen, dass es wichtig ist, zur Krebsfrüherkennung zu gehen, so geht das.

FORUM: Teilt das die Praxen in zeitgemäße, attraktive, die möglichst viele Verfahren anbieten und solche, die der Entwicklung hinterherhinken?
König: Unbedingt. Ich glaube auch, dass die Patientinnen im älteren Arzt den vermuten, der nicht mehr auf dem neuesten Stand ist und in dem jüngeren den, der alles anbieten kann. Dabei spielt aber die Erfahrung, beispielsweise beim Auswerten von Ultraschallbildern, eine große Rolle.

FORUM: Sie sagen, der Beratungsbedarf ist angestiegen. Ist eine angemessene Schwangerenberatung im Rahmen der üblichen Vorsorge nach wie vor gewährleistet?
König: Der Beratungsbedarf ist enorm angestiegen, und der Beratungsbedarf wird auch geleistet. Sehen Sie, vieles von dem, was wir jetzt besprochen haben, erkläre ich ja auch der Patientin. Bei der Erstuntersuchung kläre ich ab: Gibt es ein erhöhtes Risiko, etwa auch bei jüngeren Frauen durch familiäre Belastungen, Krankheiten ...; dann kläre ich auf, welche Leistungen die gesetzliche Krankenkasse erbringt und was darüber hinaus selbst gezahlt werden kann. Den Frauen gebe ich bei der Erstuntersuchung auch schriftliche Informationen an die Hand, denn es ist ja das Schlimmste, wenn man sie mit all dem überfährt ...
Aber auch das Bild der Patientin hat sich gewandelt. Wir haben nicht mehr die Frau Meier, die von nichts eine Ahnung hat und sagt „Herr Doktor, machen Sie das, was Sie für richtig halten", das gibt's heute nicht mehr. Heute hat die Schwangere im Internet nachgeschaut, sie hat dort gechattet, sich mit andern unterhalten; sie weiß über vieles Bescheid und erwartet von mir eine qualifizierte Auskunft. Auch deshalb ist der Aufwand für uns viel größer. Der Arzt hat eine informierte Patientin vor sich, die mit ihm als Partner das Ganze gemeinsam meistern will. Ich mache nun 28 Jahre Praxis und habe Zeiten erlebt, wo ich der Entscheider war - das bin ich heute nicht mehr.

FORUM: Wie werten Sie diese Entwicklung?
König: Das begrüße ich sehr, es ist sehr viel angenehmer, eine informierte Patientin vor sich zu haben, eine, die mich dann auch versteht.
Der wichtigste Teil unserer Arbeit ist die Beratung. Die wird uns zwar nicht adäquat bezahlt, im Gegensatz zu den Hebammen, aber wir machen sie!

FORUM: Sind die Patientinnen nicht dadurch verunsichert, dass sie sich mit all den diagnostischen Möglichkeiten befassen müssen?
König: Nein, die Verunsicherung ist nicht gegeben; eine Verunsicherung ist nur da, wenn sie sich zu viel informiert oder es vom Intellekt her nicht verarbeiten kann.
Es ist viel einfacher, wenn mich die Patientin versteht. Und wir sind ja verpflichtet, über alle Angebote zu informieren, die es gibt.

FORUM: Welche Kooperationspartner (humangenetische und psychosoziale Beratungsstellen, sonstige?) sind hier für Sie wichtig? Findet in der Regel eine koordinierte Zusammenarbeit statt?
König: Diese Zusammenarbeit funktioniert, es gibt auch flächendeckende Angebote beim Ultraschall. Wir haben vor allem hier im Ballungsraum ein hervorragendes Netz an Experten, die auch therapieren können.
Wir wissen, mit welchen Zentren wir gut arbeiten können, das läuft hervorragend. Genetische Beratungen können auch flächendeckend angeboten werden.

FORUM: Findet auch eine gute Zusammenarbeit mit Institutionen statt, die psychosoziale Beratung anbieten?
König: Wir Gynäkologen machen ja selbst psychosomatische Beratung, wir sind dafür ausgebildet. Wir haben das in der Weiterbildungsordnung stehen. Für die Schwangerenbetreuung und auch um über den Fehlbildungsultraschall aufzuklären, brauchen wir keine externen Beratungsstellen.

FORUM: Heißt das, dass auch im Falle einer diagnostizierten Fehlbildung durch Amniozentese im späteren Verlauf der Schwangerschaft und einem eventuell folgenden Abbruch die Beratung vom Gynäkologen geleistet werden kann?
König: Richtig. Sie können, wenn Sie sich das nicht zutrauen, natürlich jemand hinzuziehen, aber ob er oder sie das inhaltlich gut darstellen kann, ist eine andere Frage.
Das meiste wird dann im Falle von Spätabbrüchen in der Klinik geleistet, die ja ihre psychosozialen Ansprechpartner haben. Die Patientin kann aber auch von außen Beratungsstellen in Anspruch nehmen. Auch da ist die Zusammenarbeit gut, ob Sie die pro familia oder die Diakonischen Werke nehmen, die Caritas etc., die alle arbeiten sehr gut, und ich habe auch überhaupt keine Probleme, die Patientin, wenn sie mehr Beratung braucht, dorthin zu verweisen. Wenn alles in einer Hand ist, ist das zwar schön, aber vielleicht auch einseitig.

FORUM: Es besteht, etwa Hebammen zufolge, die Gefahr, dass Schwangerschaft überwiegend als „Risikozeit" erfahren wird. Teilen Sie diese Ansicht? Und könnte sich dies auf den Verlauf der Schwangerschaft auswirken?
König: Wir versuchen den Frauen klarzumachen, dass die Schwangerschaft eine ganz normale Zeit ist. Und Schwangere sind nicht mehr so schicksalsergeben wie früher. Sie sind informiert, haben häufig schon eine Kinderwunschbehandlung hinter sich. Sie haben viele medizinische Fragen, und die Betreuung der Schwangerschaft ist deshalb mehr als früher eine besondere Aufgabe des Frauenarztes. Risiken werden ermittelt und es wird entsprechend aufgeklärt.
Die Schwangerschaft wird nicht vorwiegend als Risikozeit erlebt. Wir freuen uns mit jeder Frau über die Schwangerschaft, wir suchen nicht primär nach Krankheiten und Mängeln, sondern das ist ein schöner Kontakt alle vier Wochen, und wir sind mit der Frau auf gleicher Augenhöhe.
Zu den Hebammen ist zu sagen, dass sie gar nicht gelernt haben, eine Schwangerschaft vollständig nach den Mutterschaftsrichtlinien zu betreuen. Sie können keinen Ultraschall machen, deshalb stehen sie ihm kritisch gegenüber, sie können keine weitere Abklärung selber machen.
Sie erwerben in Deutschland - in anderen Ländern ist das anders - die Befähigung, Entbindungen durchzuführen. Hier ist die Hebamme zwingend erforderlich, nicht der Arzt, so steht es in den Richtlinien.
Wir haben in Deutschland die ärztliche Schwangerenbetreuung. Bei der risikofreien Schwangerschaft darf der Arzt an die Hebamme delegieren. Und Risikoschwangerschaften dürfen auf keinen Fall von der Hebamme betreut werden. Dies festzustellen, darin sind Hebammen medizinisch nicht ausreichend geschult. Sie sind keine Frauenärzte mit langem Studium und anschließender Facharztausbildung. In England und Holland machen die Hebammen die Schwangerenbetreuung, dort sind sie entsprechend ausgebildet, in England und Holland gibt es gar keine niedergelassenen Frauenärzte.

FORUM: Und wer betreut dort Risikoschwangerschaften?
König: Der Hausarzt oder die spezialisierten Zentren.

FORUM: Ist dort denn die Anzahl der Risikoschwangerschaften niedriger als bei uns, wie unterscheidet sich das?
König: Da müssen Sie die Perinatalstatistik der Länder anschauen, wie viele Kinder werden gesund geboren, wie  viele sterben. Hier sind wir heute wieder führend in der Welt. Und wir müssen hart dran arbeiten, dass das so bleibt, das ist ein riesiger Aufwand.

FORUM: Noch einmal zur Frage des Risikos ...
König: Im Mutterpass gibt es leider nur ein Feld, in dem Sie „Risiko" ankreuzen können, das muss geändert werden. Ich mache immer ein zusätzliches Feld für „kein Risiko". Ich kümmere mich auch um Qualitätssicherung. Wir haben in Hessen wie in den anderen Bundesländern eine Perinatalstatistik. Zum Beispiel prüfen wir, ob die Daten aus dem Mutterpass richtig in die Statistik übertragen werden. Ein Beispiel: Im Pass kann man nur „Allergie" ankreuzen, das kann aber eine Allergie gegen Erdbeeren sein, die für die Schwangerschaft gar nicht relevant ist, aber in der Statistik wird daraus schnell eine Risikoschwangerschaft! In der Statistik muss vieles geändert werden, etwa der Wunschkaiserschnitt muss aus der normalen Kaiserschnittrate herausgenommen werden, hier liegt keine medizinische Indikation vor. Es gibt bereits Diskussionen, ob dann dieser Kaiserschnitt von den Kassen bezahlt werden muss oder die Patientin dafür aufkommen muss. Aber so weit sind wir noch nicht.

FORUM: Das erscheint sonst in der Statistik als Risiko, die Zahlen steigen also auch aufgrund fehlerhafter Statistik an?
König: Vollkommen richtig. Der jetzt vorliegende Katalog der Risiken setzt sich zusammen aus den anamnestischen Risiken, vorbestehenden Erkrankungen der Familie oder der Schwangeren und den in der Schwangerschaft auftretenden Erkrankungen oder auffälligen Entwicklungsstörungen des Kindes. Einige anzukreuzende Parameter sind heute überholt und müssen dringend ausgetauscht oder entfernt werden. Ich denke hier an das mütterliche Alter von 35 Jahren: laut Pass als Risiko anzukreuzen, von den Experten als zu streichen empfohlen. So steigt die Zahl der Risiken, obwohl viele keine echten Risiken sind. Es besteht Handlungsbedarf, um die echten Risiken herauszustellen.

FORUM: Ist es aus Ihrer Sicht vertretbar, Frauen selbst zu Beginn der Schwangerschaft entscheiden zu lassen, ob sie auf weitergehende, den Fötus betreffende Untersuchungen verzichten wollen?
König: Manche Frauen wollen nichts wissen, das muss man auch akzeptieren. Manche wollen keinen Ultraschall, das ist in Ordnung, aber man muss über die Konsequenzen aufklären, ohne der Frau einen Vorwurf zu machen. Nur muss sie eine bewusste, eine informierte Entscheidung treffen, das ist ganz entscheidend. Hebammen sagen oft, Kinder werden auch ohne Ultraschall groß, das stimmt natürlich. Nur kann ich in Einzelfällen Veränderungen mit Krankheitswert entdecken und auch therapieren, Dinge, die mir ohne Ultraschall entgehen, das ist dann tragisch.

FORUM: Meinen Sie Therapien am Fötus? Da gibt es ja noch nicht so viele Möglichkeiten ...
König: Wichtig ist das Ertasten des Muttermundes, eventuell zusätzlich die Messung der Cervix (Gebärmutterhals) mit Ultraschall. Falls der Muttermund sich öffnet, sollte die Frau viel liegen, bei weiterem Öffnen sollten Wehenhemmer gegeben werden und falls nötig und vor dem letzten Drittel der Schwangerschaft, kann eine Cerclage² durchgeführt werden.
Falls wenig oder kein Fruchtwasser vorhanden ist, kann man Flüssigkeit auffüllen. Hier hat mir der Ultraschall die Veränderungen gezeigt. Ein Tastbefund allein ist nicht ausreichend. Mangelndes Wachstum ist auch eine Ultraschalldiagnostik. Bei Lebensfähigkeit und zunehmendem fehlendem Wachstum wegen Mangelernährung kann ich rechtzeitig die Entbindung anstreben, bevor das Kind intrauterin verstirbt.

FORUM: Welche Aufgaben und Erfordernisse sehen Sie im Bereich Qualitätssicherung? Wer könnte Qualitätsstandards gynäkologischer Aus- und Fortbildungen im Bereich der PND gewährleisten und kontrollieren?
König: In Deutschland ist das eigentlich alles geregelt. Beim Ultraschall macht die Kassenärztliche Vereinigung die Qualitätssicherung. Sie ist verbesserungsfähig, aber sie ist da. Bei der Nackentransparenzmessung übernimmt das die FMF mit regelmäßiger Zertifizierung. Hier handelt es sich um eine bestens qualitätsgesicherte IGeL-Leistung. Die Patientinnen sind heute schon in der Lage zu erkennen, wer qualifiziert ist.
Der Arzt darf für sich keine Reklame machen, und die Ergebnisse der Qualitätssicherung dürfen nicht nach außen gegeben werden.

FORUM: Sie vertreten den Berufsverband der Frauenärzte e.V. Wie sehen Sie die gegenwärtigen und zukünftigen Aufgaben des Verbandes hinsichtlich der aktuellen Entwicklung?
König: Wir fördern die pränataldiagnostischen Entwicklungen, wir haben ja auch qualitätssichernde Maßnahmen wie den Sonotrainer³ im Programm, mit dem wir bundesweit die Kollegen im Ultraschall schulen und qualifizieren. Da werden auch Fehlbildungen simuliert. Wir sitzen in vielen Gremien und versuchen das, was die Wissenschaft erforscht so umzusetzen, dass es von niedergelassenen Ärzten verwertet und angewandt werden kann.
Das ist unsere eigentliche Aufgabe und die, glaube ich, erfüllen wir vollständig und gewissenhaft.

FORUM: Sollten neue Angebote wie das Ersttrimester-Screening als IGeL-Leistungen bestehen bleiben oder in die reguläre Kassenversorgung mitaufgenommen werden?
König: Nur als Kassenleistung, wenn das dafür erforderliche Geld zusätzlich zur Verfügung gestellt wird, wobei die Preise mit uns gemeinsam und nicht allein von den Kassen festgesetzt werden müssten.

FORUM: Ist den Frauen bewusst, dass es sich hier um Wahlmöglichkeiten handelt, suchen sie das Gespräch, um informierte Entscheidungen zu treffen, oder werden die Verfahren eher als Norm akzeptiert?
König: Wir suchen das Gespräch, um aufzuklären und Defizite abzubauen, wir warten nicht darauf, bis wir von der werdenden Mutter irgendwann angesprochen werden, eventuell zu einem Zeitpunkt, an dem eine Abklärung zu spät ist.
Die ersten Hinweise auf Abklärungsmöglichkeiten werden im Erstgespräch gegeben, wie im Mutterpass gefordert. Dass es sich um IGeL-Leistungen handelt, zeigt, dass die Frau die Wahlmöglichkeiten hat.

FORUM: Denken Sie, dass die bestehenden Haftungsregelungen (es gibt ja erfolgreiche Unterhaltsklagen gegen Ärzte und Ärztinnen bei der Geburt behinderter Kinder aufgrund unzureichender Beratung) dazu führen, dass Gynäkologinnen/Gynäkologen Frauen verstärkt pro PND beraten? Besteht hier juristischer Klärungsbedarf?
König: Das ist juristisch geklärt, das heißt wir Ärzte sind verpflichtet, auf die Möglichkeiten der PND hinzuweisen. Wenn wir die Schwangerschaft betreuen, dann haben wir den Mutterpass und die Mutterschaftsrichtlinien, da steht klar drin, was gemacht werden muss. Hebammen sind teilweise Gegnerinnen der PND und raten den Frauen davon ab. Wir Ärzte müssen aufklären, deshalb lastet der Vorwurf auf uns, wir würden Schwangerschaft zum Risiko machen.
Entscheiden tut die Patientin selber, ihre Entscheidung ist von uns nach entsprechender Aufklärung zu akzeptieren.
Was die rechtliche Seite angeht, fühle ich mich eigentlich sicher. Ich lasse mir unterschreiben, worüber wir gesprochen haben und dass die Frau die schriftlichen Informationen zur Kenntnis genommen hat und auch, dass ich mit dem Ultraschall nicht alles entdecken kann. Damit bin ich immer noch ein Spielball der Juristen, aber meine Aussichten sind besser, und das rate ich auch allen Kolleginnen und Kollegen.

FORUM: Teilen Sie die Auffassung, dass sich mittlerweile stillschweigend eine „Pflicht zum unbehinderten Kind" und eine damit verbundene Selektion etabliert hat?
König: Ich glaube nicht, dass die ethische Debatte hier im Zentrum stehen sollte. Die Autonomie der Patientin ist entscheidend. Pflicht zum unbehinderten Kind würde ich nicht sagen. Wir haben viele Eltern, die sagen: „Wir tragen jede Schwangerschaft aus." Entscheiden tut die Patientin, und sie ist auch der Mittelpunkt bei alldem.

FORUM: Vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Heike Lauer
13. Februar 2007, Steinbach/Taunus

Fußnoten

1 Medizinisches Verfahren zur Reihenuntersuchung (d. Red.)
2 Umschlingung; Verschluss des Muttermundes durch eine ringförmige Naht (d. Red.)
3 Computer mit aufgenommenen 3D-Datensätzen in Verbindung mit einer Puppe und einer Ultraschallkopfattrappe. Er ermöglicht, Ultraschalldiagnostik praxisnah zu simulieren (d. Red.).

Autor

Dr. med. Klaus König
Dr. med. Klaus König ist 2. Vorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V. und Vorsitzender des Landesverbandes Hessen. Er ist niedergelassener Gynäkologe in Steinbach/Taunus.
 

 

Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.