Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung als Kooperationszentrum der WHO

Seit 2002 ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) WHO-Kooperationszentrum im Bereich sexuelle und reproduktive Gesundheit. In dieser Funktion dient sie als Beratungs- und Informationszentrum der WHO und vernetzt sich mit anderen Kooperationszentren für sexuelle und reproduktive Gesundheit sowie mit staatlichen und nicht staatlichen Organisationen auf nationaler und internationaler Ebene.
Die BZgA unterstützt insbesondere das WHO-Programm zur intensiveren Kooperation mit den Ländern Mittel- und Osteuropas in Fragen der Gesundheit und fördert eine engere Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission.

„Wir freuen uns, dass wir in Europa eins der wenigen Kooperationszentren in diesem Bereich sind", sagt Dr. Elisabeth Pott, die Direktorin der Bundeszentrale. „Insbesondere sind wir stolz darauf, unseren Auftrag zur Sexualaufklärung und Familienplanung auch international fruchtbar zu machen."

Diese gesetzliche Aufgabe wurde der BZgA 1992 auf der Basis des Schwangeren- und Familienhilfegesetzes (SFHG, Art. 1) übertragen. Zur Umsetzung entwickelt sie zielgruppenspezifische Konzepte sowie entsprechende Medien und Maßnahmen mit dem Ziel der Vermeidung von Schwangerschaftskonflikten wie auch der allgemeinen Sexualaufklärung. Grundlage der Arbeit ist das von der BZgA entwickelte und mit den Ländern abgestimmte Rahmenkonzept zur Sexualaufklärung, in dem die Aufgaben, Ziele und Zielgruppen (Allgemeinbevölkerung, insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene, Multiplikatoren/Multiplikatorinnen) sowie die Konzepte benannt werden. Die BZgA arbeitet dabei eng mit allen Bundesländern zusammen. Kooperationspartnerinnen und -partner sind unter anderem Fachverbände und Nichtregierungsorganisationen (NROs), mit denen die Arbeit in Wissenschaft und Praxis umgesetzt wird.

Dazu setzt die BZgA folgende Instrumente ein:

  • Bereich Wissenschaft/Konzeption/Strategie: Marktübersichten, Monitoring, Qualitätssicherung (Studien und Datenerhebungen, Evaluationen zu ausgewählten BZgA-Medien und -Maßnahmen, wissenschaftliche Begleitforschung zu Modellprojekten), Strategieentwicklung, Vernetzung, Beratung von Organisationen.
  • Bereich Kooperation/Fortbildung/Schulung: Zusammenarbeit mit nationalen Institutionen, NROs, national und international anerkannten Experten und Expertinnen; Entwicklung von unterschiedlichen Qualifizierungs- und Professionalisierungsmodellen in der Sexualpädagogik.
  • Bereich Erprobung zielgruppenadäquater Zugangswege: Lehrplanentwicklung im universitären, schulischen und außerschulischen Bereich sowie in der betrieblichen Ausbildung; Durchführung nach geschlechtsspezifischen Ansätzen unter besonderer Berücksichtigung von Ethnizität, sozialer Lage, Lebensstil, sexueller Orientierung.

Bereich Entwicklung von Medien und Maßnahmen: Vor allem Printmedien und audiovisuelle Medien für den massen- und personalkommunikativen Einsatz sowie Gesprächs- und Diskussionsangebote vor Ort für die Endadressatengruppen Kinder und Jugendliche, junge Erwachsene und Erwachsene, Eltern und Familie.

Der spezifische Arbeitsplan des Kollaborationszentrums orientiert sich am Grundprinzip der Gesundheitsförderung und zielt darauf, die Menschen durch Information, Motivation und Kompetenzvermittlung zu einem eigenverantwortlichen Umgang mit ihrer Sexualität zu befähigen. Sexualität wird dabei als ein existenzielles Grundbedürfnis der Menschen verstanden, das ein zentraler Bestandteil ihrer Identität ist und sowohl biologische als auch psychosoziale und emotionale Elemente umfasst.

Jugendliche in einem multikulturellen Europa

Konkret stehen Jugendliche im Mittelpunkt der ersten Arbeitsphase der Zusammenarbeit von WHO und BZgA. In regionalen und nationalen Strategien zur Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit sind Jugendliche stets eine besonders wichtige Zielgruppe. Insbesondere in Anbetracht der zunehmenden Globalisierung und Grenzöffnung ist es eine zentrale Aufgabe, sie über die Möglichkeiten des Schutzes ihrer sexuellen und reproduktiven Gesundheit zu informieren und ihnen das dafür notwendige Wissen zu vermitteln.

Sexualaufklärung, die den besonderen Bedürfnissen der Jugendlichen Rechnung trägt, übernimmt demnach eine Schlüsselfunktion bei der Förderung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Da die jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen (Geschlechterverhältnisse, Religion, kulturelle Tabus usw.) die reproduktive Gesundheitssituation der Menschen wesentlich prägen, müssen die einzelnen Staaten Strategien und Konzepte zu ihrer Verbesserung entwickeln, die auf die lokalen Bedingungen zugeschnitten sind und der Diversität ihrer Bevölkerung Rechnung tragen. Eine besondere Herausforderung stellen in diesem Zusammenhang die spezifischen Bedürfnisse der wachsenden ausländischen Bevölkerungsteile (Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten, Zuwanderer) in vielen europäischen Mitgliedsstaaten dar.

Um den anstehenden Fragen in diesem Kontext nachzugehen, veranstaltet die BZgA gemeinsam mit der WHO im November 2006 die Konferenz „Sexualaufklärung für Jugendliche in einem multikulturellen Europa".

Die große Konferenz möchte den Fachkräften der Sexualaufklärung in der WHO Euro Region ein Forum bieten, bei dem nationale Strategien und ihre Umsetzung aus staatlicher wie auch nicht staatlicher Perspektive diskutiert werden können. Die teilnehmenden Länder sind ausführlich zu nationalen Rahmenbedingungen und Strategien der Sexualaufklärung befragt worden. Die Ergebnisse sind als Dokumentation zusammengefasst und werden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Form von Country papers zur Verfügung gestellt. Weiterhin sollen erfolgreiche Modellprojekte präsentiert werden. Das Forum dient dem Fachaustausch und hat die Förderung von Lernprozessen, Netzwerkbildung und Kooperationen in der Europäischen Region zum Ziel. Auf inhaltlicher Ebene wird angestrebt, Ergebnisse zu den drei Themenschwerpunkten der Konferenz zu erarbeiten: Multikulturalität, Qualitätsmanagement und die Umsetzung des Lebenskompetenzansatzes in der Sexualaufklärung.

Wir freuen uns, mit dieser Konferenz einen Beitrag zur Umsetzung der gemeinsamen Ziele von WHO und BZgA auf dem Gebiet der sexuellen und reproduktiven Gesundheit, auf nationaler und internationaler Ebene, leisten zu können.

Autorin

Monika Hünert
Monika Hünert ist Diplom-Pädagogin. Seit 1999 ist sie Referatsleiterin für Zusammenarbeit und Koordination in der Sexualaufklärung und Familienplanung mit den Arbeitsschwerpunkten Gremienarbeit, Kooperationsstrukturen und Vernetzung.
 

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