Gesellschaft in den Leib geschrieben - Körper und Sexualität in der Adoleszenz junger Frauen

Dieser Bericht basiert auf einer tiefenhermeneutischen Auswertung von 20 Interviews mit Mädchen und jungen Frauen, ergänzt durch Interviews mit Müttern und Vätern. Er zeigt, wie in der Adoleszenz gesellschaftliche Geschlechterbilder durch die Interaktion in der Familie auf die Selbstwahrnehmung und das Körperbewusstsein der Töchter Einfluss nehmen.

Frühe Beziehungserfahrungen und gesellschaftliche Geschlechterbilder

Im Zentrum steht im Folgenden eine spezifische Fassette der Einwirkung gesellschaftlicher Verhältnisse auf den Körper: Es geht um die Prägung von Körperwahrnehmungen und Körpererleben in sozialen Interaktionen, um die Ausgestaltungen von Körpererfahrungen in sozialen Beziehungen. Im Mittelpunkt stehen dabei familiale Interaktionen und die oft unbewussten Botschaften, die in ihnen bezogen auf Sinngehalt, Bedeutsamkeit und affektive Qualität von Körperlichkeit enthalten sind.

Körpererfahrungen und Körpererleben sind von Anbeginn des Lebens an eingebunden in die Qualität der Beziehung zu den nahen Bezugspersonen. Dabei gehen schon in die frühesten Gestaltungen der körperlichen Nähe zu kleinen Töchtern und Söhnen Geschlechterbilder und um Körperlichkeit und Sexualität kreisende Fantasien ein, die auf diese Weise Einfluss auf die Körperwahrnehmung und das Körpererleben der Kinder haben. Schon die ersten sinnlich-erotischen Interaktionen sind immer auch geprägt von Vorstellungen der Mütter über das eigene und das andere Geschlecht, über Erotik und Sexualität, über entsprechende Tabuisierungen und Möglichkeiten. So fließen zum Beispiel in den frühen, stark leibbezogenen Austausch zwischen Mutter und Kind - beim Stillen, bei der Körperpflege, den zärtlichen Berührungen des kindlichen Körpers - je nach Geschlecht des Kindes variierende Botschaften über Erlaubtes und Tabuisiertes ein, Botschaften über die Bedeutung einzelner Körperregionen, über „Leerstellen" und lustvoll Erlebbares. Die sinnlich-erotischen Gefühle der Mutter beim Stillen der kleinen Tochter können als lustvoll empfunden und zugelassen werden, aber auch als tabuisiert erlebt, unterdrückt und das Stillen entsprechend gestaltet werden. Die Genitalien der kleinen Tochter können bei der Körperpflege und den liebevollen Berührungen des Körpers ebenso einbezogen werden wie andere Bereiche, sie können aber auch ausgespart bleiben, weil sie als anstößig und ihre Berührungen als verboten erlebt werden (vgl. zusammenfassend Moré 1997; Schäfer 1999). Entsprechendes - jedoch gemäß der unterschiedlichen mit Weiblichkeit und Männlichkeit verbundenen Fantasien und Gefühle mit anderen unbewussten Botschaften verknüpft - gilt auch für die Beziehung zu kleinen Söhnen und auch für die Vater-Tochter- und Vater-Sohn-Beziehung (vgl. zusammenfassend Mertens 1992).

Ich möchte solche Prozesse der Ausgestaltung von Körperwahrnehmungen und Körpererleben in familialen Interaktionen und die Verknüpfung von „Körperlichkeit" mit geschlechtlichen Zuordnungen und sozialen Bedeutungen im Folgenden für die Adoleszenz junger Frauen darstellen. Basis sind die Ergebnisse einer Studie, in der Interviews mit 13- bis 19-jährigen Mädchen und jungen Frauen sowie ihren Müttern und Vätern beziehungsweise Stiefvätern psychoanalytisch-hermeneutisch interpretiert wurden (zur ausführlichen Darstellung der Ergebnisse vgl. Flaake 2001).

Familienbeziehungen und Adoleszenz

Die Familie, die Beziehung zwischen Mutter und Tochter und Vater - oder Stiefvater - und Tochter, ist eines der zentralen Felder adoleszenter Auseinandersetzungen. Die adoleszenten Wandlungsprozesse lösen nicht nur bei den jungen Frauen Verunsicherungen und Erschütterungen bisheriger psychischer Balancen aus, sie sind ebenso für Erwachsene mit Irritationen, Verwirrungen und Konflikten verbunden, die ihr Verhalten auch jenseits bewusster Vorstellungen und Intentionen prägen.

Von Müttern und von Vätern werden jeweils unterschiedliche durch die Adoleszenz der Tochter aktualisierte Problembereiche als besonders verwirrend und bedrohlich erlebt. Für Väter steht mit der Adoleszenz der Tochter eine Verunsicherung durch auf die Tochter bezogene sexuelle Wünsche, Fantasien und Erregungen im Vordergrund. Ein für Mütter besonders verunsichernder Problembereich bezieht sich auf die mit der Adoleszenz der Tochter besonders deutlich werdende Generationendifferenz.

Sexuelle Wünsche und Fantasien in der Vater-Tochter-Beziehung

In allen Interviews mit Vätern wird deutlich, dass die mit der Pubertät verbundenen körperlichen Veränderungen der Tochter für sie mit starker Verwirrung und Verunsicherung verbunden sind. Die in der Kindheit der Tochter als Ausdruck wechselseitiger Zärtlichkeit erlebten körperlichen Kontakte, zum Beispiel Umarmungen, erhalten eine neue Qualität. Der weibliche Körper der Tochter wird spürbar, Veränderungen werden sichtbar und können mit als bedrohlich erlebten erotischen Wünschen und Fantasien verbunden sein. In die Nähe zur Tochter kommt eine sexuelle Dimension, die - da genitale Kontakte auf einer Erwachsenenebene real möglich werden - zugleich erregender und bedrohlicher ist als in früheren Phasen der Vater-Tochter-Beziehung. Auch von Seiten der jungen Frauen kommen sexuelle Wünsche und Fantasien auf eine neue Weise in die Beziehung zum Vater.

Die konkreten Beziehungsgestaltungen zwischen Vätern und ihren adoleszenten Töchtern hängen in starkem Maße davon ab, inwieweit Väter sich ihre gesellschaftlich stark tabuisierten Gefühle gegenüber der Tochter zugestehen und sie innerpsychisch in deutlicher Abgrenzung von der Tochter bearbeiten können, insbesondere durch eine erneute Etablierung der Generationengrenzen zur Tochter und die Orientierung auf die Beziehung zu einer erwachsenen Partnerin, in der auch das Begehren Raum hat. Da auch die Beziehungen unter den Erwachsenen mit der Adoleszenz der Tochter oft in eine Phase der Turbulenz geraten, ist eine Stabilisierung durch eine befriedigende Paarbeziehung für viele nicht leicht. Gelingt es Vätern, der Tochter zu signalisieren, dass der Ort für Sexualität die Paarbeziehung der Erwachsenen ist, zur Tochter aber eine liebevoll vertraute Beziehung auf der Basis einer prinzipiellen Abgegrenztheit bestehen bleibt, so sind auch für die jungen Frauen Impulse gegeben für eine Lösung ihres Begehrens aus der Beziehung zum Vater und den Bezug auf außerfamiliale Liebesbeziehungen.

Wenn die bei Vätern durch die zur Frau werdende Tochter ausgelösten Gefühle nicht in entlastenden Erwachsenenbeziehungen aufgefangen werden können, kann es dazu führen, die eigenen als bedrohlich erlebten Fantasien in Person der Tochter zu bekämpfen und abzuwehren.

Bewältigungsstrategien hilfloser Väter

Eine in den Interviews mit Vätern nicht seltene Form des Umgehens mit den zugleich als verführerisch und bedrohlich erlebten körperlichen Veränderungen der Tochter besteht darin, sie ironisch zu kommentieren - eine Haltung, die als „lustiger", „spaßiger" Umgang mit der Pubertät der Tochter beschrieben und als Bestandteil einer „lockeren" Familienkommunikation gesehen wird. Die von Vätern selbst geschilderten Kommentierungen beziehen sich dabei direkt auf den Körper der Tochter und häufig auf die Brüste.

In der Beziehung zur Tochter werden damit die Beschämung, die Unsicherheit und Hilflosigkeit, die Väter angesichts ihrer sexuellen Fantasien und Empfindungen verspüren, in eine Position der Überlegenheit gegenüber der Tochter gewendet und die zugrunde liegenden Gefühle ihr zugewiesen. Die Tochter ist es jetzt, die sich schämt - für ihren Körper -, die unsicher ist und sich hilflos - den ironischen Kommentierungen gegenüber - fühlt, nicht mehr der angesichts der herangewachsenen Tochter verwirrte, hilflose und möglicherweise sexuell erregte Mann und Vater. In solchen Verhaltensmustern von Vätern kann eine mögliche gesellschaftlich nahe gelegte Strategie gesehen werden, um mit den durch die Pubertät der Tochter ausgelösten Verunsicherungen umzugehen: die Strategie, den weiblichen Körper zum Objekt zu machen, zum Objekt der eigenen sexualisierenden Blicke und der entwertenden Kommentare. Auf die Tochter bezogene erotische Fantasien finden sich darin ebenso wie das Bemühen, sie durch Herabsetzung des weiblichen Körpers zu bannen. Solche Strategien entsprechen einer Fassette gesellschaftlicher Weiblichkeitsbilder, in denen das Bedrohliche aktiver weiblicher Sexualität beherrschbar zu machen versucht wird durch eine „entwertende [...] Enttabuisierung des weiblichen Körpers" (Brückner 1999, S. 59).

Eine andere Fassette kollektiver Fantasien über weibliche Sexualität bezieht sich auf das Bild der Frau als Verführerin und des Mannes als Opfer (Rohde-Dachser 1991, S. 108ff.; Brückner 1999). Auch in den Schilderungen von Vätern finden sich Elemente dieser Fantasie. So wenn ein Vater, der sich mit der ersten Regelblutung der Tochter abrupt von ihr distanzierte, seine Distanzierung mit den Worten beschreibt, er habe die Tochter „zurückgewiesen" und sich „ostentativ umgedreht". In diesen Formulierungen ist ein latenter Schuldvorwurf enthalten: Unterstellt wird, dass die Tochter Angebote gemacht hat, die „zurückgewiesen" werden mussten und sie etwas Anstößiges gezeigt hat, von dem er, der Vater, sich „ostentativ" abwenden musste. Die Tochter wird in solchen Mustern zur Verführerin des Vaters, der Vater zum Opfer ohne ein eigenes aktives Begehren, das sich vor der Tochter in Sicherheit bringen muss. Unsichtbar gemacht werden damit die erotischen Wünsche und Fantasien des Vaters.

Nicht alle Väter von Töchtern in der Adoleszenz verhalten sich in der beschriebenen Weise, jenseits individueller Verhaltensmöglichkeiten gibt es jedoch für Väter die in den Strukturen des Geschlechterverhältnisses angelegte Verführung, ihre Hilflosigkeit und Unsicherheit angesichts der zur Frau werdenden Tochter in eine Situation von Überlegenheit zu wenden, die anknüpfen kann an gesellschaftliche Bilder weiblicher Körperlichkeit und Sexualität und auf Kosten der Wertschätzung der Weiblichkeit der Tochter geschieht. Auf Seiten der jungen Frauen kann dadurch nicht nur der Stolz auf den Körper, sondern auch das Begehren, die Möglichkeit eines aktiven erotischen Wünschens und Wollens gebremst werden: Die Scham des Vaters für seine Gefühle ist dann zur Scham der Tochter für ihren Körper und die auch auf den Vater gerichteten Wünsche und Fantasien geworden.

Mutter-Tochter-Beziehung und Generationendifferenz

Die Verhaltensmöglichkeiten von Müttern sind eingebunden in die Komplexität des innerpsychischen Geschehens, das mit der Adoleszenz der Tochter verbunden ist. In der Tochter treten Frauen noch einmal die eigenen adoleszenten Wünsche und Ängste entgegen und damit auch die Gefühle, meist Enttäuschungen, die das Verhalten der eigenen Mutter hervorgerufen hat. Ob der Tochter ein Mehr an Bestätigung und Lust signalisiert werden kann, als es selbst früher erlebt wurde, hängt zudem jedoch entscheidend von der Verarbeitung der gegenwärtigen Lebenssituation ab: insbesondere davon, wie Frauen mit der Erkenntnis umgehen, dass die Tochter ihr Erwachsenenleben jetzt vor sich hat und sie selbst mit den durch das Älterwerden gesetzten Grenzen konfrontiert sind.

Diese Konfrontation mit der eigenen Lebenssituation, die auch die anstehende Trennung der Tochter umfasst, wird auf unterschiedliche Weise verarbeitet: Sie kann genutzt werden zur Reflexion des bisherigen Lebens, des Erreichten, der unerfüllten Wünsche und des jetzt Möglichen und zu einer Neugestaltung führen, durch die die Tochter aus mütterlichen Bindungen entlassen wird. Der Neid auf die Tochter und die Rivalität - auch bezogen auf den Partner - können jedoch so dominierend sein, dass lustfeindliche Botschaften überwiegen. Der Körper der Tochter trifft dann - trotz oft entgegengesetzter bewusster Intentionen - eher auf einen kritischen denn bestätigenden Blick der Mutter, ein aktives sexuelles Wünschen und Wollen der Tochter wird dann eher begrenzt denn ermutigt, und die körperliche Verbundenheit zwischen Mutter und Tochter findet ihren Ausdruck nicht selten im gemeinsamen negativen Erleben und Leiden an der Regelblutung.

Ich möchte solche Dynamiken in der Mutter-Tochter-Beziehung exemplarisch darstellen am Beispiel von durch die erste Regelblutung der Tochter ausgelösten Prozessen.

Bedeutung der ersten Regelblutung

Deutlich wird in allen untersuchten Mutter-Tochter-Konstellationen die starke Bindung aneinander über das Erleben der ersten Menstruation und der folgenden Regelblutungen. Es scheint von beiden Seiten - der der Mütter und der der Töchter - jenseits aller intentionalen und bewussten Abgrenzungen eine leibliche Verbundenheit miteinander zu geben, die auf einer Gemeinsamkeit des Leidens, des negativen Erlebens der Menstruation beruht.

Viele der befragten Mütter und Töchter beschreiben ein ähnliches Erleben ihrer ersten Menstruation und ähnliche Symptome bei den Regelblutungen. Aus der Tochterperspektive wird das Verschwimmen der Grenzen zwischen Mutter und Tochter deutlich in der Formulierung einer 14-jährigen jungen Frau, die das Gemeinsame der Menstruationsbeschwerden mit den Worten beschreibt: „ihre Schmerzen, wie ich sie hab'". Die junge Frau scheint in ihrem Erleben keine eigenen Schmerzen zu haben, sondern die der Mutter zu übernehmen, vielleicht in der Fantasie als Unterstützung der Mutter, die sich in einer belastenden Lebenssituation befindet und als Wiedergutmachung für die eigenen heftigen Abgrenzungstendenzen. Eine Verbundenheit zwischen Mutter und Tochter über die Menstruation wird auch deutlich in der Überschneidung der Regelzeiten, wie sie von einigen der jungen Frauen beschrieben wird.

Für einige Mutter-Tochter-Beziehungen lässt sich vermuten, dass die Gemeinsamkeit im Leiden und Missgelauntsein der Vermeidung von offener Aggressivität und Rivalität dient. So ermöglichen die Menstruationsbeschwerden zum Beispiel in einer Mutter-Tochter-Beziehung der Tochter die Aufrechterhaltung einer von beiden - Mutter und Tochter - als positiv empfundenen Nähe auf der Ebene der Mutter-Kind-Beziehung, die zugleich die Rivalität zwischen den beiden Frauen bezogen auf den Vater - die in den Interviews deutlich ist - gleichsam unsichtbar macht. So kann eine unbewusste Bedeutung des gemeinsamen Leidens von Mutter und Tochter an der Regelblutung darin bestehen, offene Rivalität und Aggressivität zu vermeiden: Diese aktiv nach außen gewandten und trennenden Impulse werden quasi nach innen umgeleitet und verwandelt in Schmerzen und Missbehagen, die wieder eine Gemeinsamkeit, allerdings keine als positiv empfundene, herstellen.

Mit der ersten Menstruation spitzt sich in der Mutter-Tochter-Beziehung das emotionale Geschehen um die Themen Abgrenzung, Neid und Rivalität in besonderer Weise zu: Für die Tochter ist die erste Menstruation das Signal dafür, dass sie ihr erwachsenes Leben jetzt vor sich hat, die Mutter wird dagegen mit den durch das Älterwerden gesetzten Grenzen konfrontiert. Besonders deutlich wird diese Konstellation in einer Familie: Kurz nach der ersten Menstruation der Tochter bleibt die Regelblutung der Mutter aus, die Wechseljahre beginnen, die von ihr als ein beängstigendes Signal für den Verlust von Sexualität und das Ende der Möglichkeiten, das Leben befriedigend zu gestalten, empfunden werden.

Von Tochterseite wird die mit der ersten Menstruation veränderte Situation deutlich in der Schilderung einer 15-jährigen jungen Frau, die berichtet, ihre erste Regelblutung zunächst im Schlafzimmer der Mutter mit den Worten: „Mutti, ich bin jetzt auch eine Frau", und dann im Schlafzimmer des Vaters mit: „Vati, ich bin jetzt auch eine Frau", bekannt gegeben zu haben. Diese Szene kann interpretiert werden als Ankündigung einer neuen Rivalität mit der Mutter um den Vater. „Ich bin jetzt auch eine Frau" signalisiert dem Vater eine neue mögliche Ebene der Beziehung: „auch" eine wie die zur Mutter. Bezogen auf die Mutter kann die Aussage „ich bin jetzt auch eine Frau" ergänzt werden mit „und kann jetzt auch meine erotische Ausstrahlung auf Männer, zum Beispiel den Vater wirken lassen".

Nicht zufällig ist es eine Mutter-Tochter-Beziehung, in der die Mutter sich ihr Bedauern über das eigene Älterwerden zugestehen und sich zugleich mit der Generationendifferenz innerlich arrangieren kann, in der sowohl die Tochter als auch die Mutter zu der Unterschiedlichkeit des Erlebens der Regelblutung stehen können. Unterschiede zwischen Mutter und Tochter haben in dieser Beziehung Raum: Es darf sein, dass es der Tochter besser geht als der Mutter, und beide bewerten diese Unterschiedlichkeit positiv. Solche Muster setzen auf beiden Seiten - der der Mütter und der der Töchter - innerpsychische Abgrenzungs- und Trennungsprozesse voraus, durch die für beide Schritte in ein voneinander unabhängiges Leben möglich werden (zur Bedeutung der Generationendifferenz in der Adoleszenz vgl. King 2002).

Resümee

Körpererfahrungen und Körpererleben sind in allen lebensgeschichtlichen Phasen in ein komplexes Zusammenspiel von inneren und äußeren Verhältnissen eingebunden, ein Zusammenspiel von Fantasien, Wünschen und Ängsten und Botschaften der sozialen Umgebung, die körperbezogene Wahrnehmungen und Erlebensweisen mit sozialen Bedeutungen versehen. Solche Bedeutungszuschreibungen vollziehen sich wesentlich in den Interaktionen zwischen Kindern beziehungsweise Heranwachsenden und den wichtigen Bezugspersonen in ihrer Umgebung, insbesondere den Müttern und Vätern. Jede intensive Beziehung zu Kindern und Heranwachsenden konfrontiert Erwachsene mit eigenen im Laufe der Lebensgeschichte verdrängten Strebungen und kann eine Bedrohung psychischer Balancen durch Wiederkehr früherer Affekte, Wünsche und Ängste bedeuten (vgl. dazu Schon 1995). Insbesondere die Adoleszenz kann eine solche Labilisierung psychischer Balancen bei den Erwachsenen auslösen. Zentrale Themen in der Adoleszenz sind die erwachsene geschlechtliche Körperlichkeit und Sexualität der Tochter, die Mütter und Väter noch einmal mit den eigenen entsprechenden Fantasien, Wünschen und Ängsten konfrontiert. In dieser Phase großer Verunsicherung - die nicht selten auch eingespielte Muster in der Paarbeziehung erschüttert - können sich gesellschaftliche Bilder weiblicher Körperlichkeit und Sexualität und die Weitergabe eigener früher erlebter Beschränkungen als Stabilisierungshilfen anbieten. In der Tochter werden dann noch einmal all jene Impulse und Strebungen abgewehrt, die selbst als unerträglich empfunden werden. Auf diese Weise werden Fassetten gesellschaftlicher, um weibliche Körperlichkeit und Sexualität kreisende Fantasien und Bilder in leibbezogenen Erlebensweisen der jungen Frauen verankert. Bezogen auf familiale Interaktionen besteht eine Chance für Veränderungen darin, die durch die Adoleszenz der Tochter ausgelösten Fantasien, Wünsche und Ängste nicht erneut in der Tochter abzuwehren, sondern auf eine Weise neu zu bearbeiten, die Spielräume für Umgestaltungen traditioneller Geschlechterbilder eröffnet.
Karin Flaake

Literatur

Brückner, Margrit (1999): Von der Vagina dentata zur friedfertigen Frau. In: gruppenanalyse, Vol. 9, Heft 1, 1999, S. 55-68

Flaake, Karin (2001): Körper, Sexualität und Geschlecht. Studien zur Adoleszenz junger Frauen. Gießen

King, Vera (2002): Die Entstehung des Neuen in der Adoleszenz. Transformationen der Jugendphase in Generationen- und Geschlechterverhältnissen in modernisierten Gesellschaften. Opladen

Mertens, Wolfgang (1994): Entwicklung der Psychosexualität und der Geschlechtsidentität, Bd. 2: Kindheit und Adoleszenz. Stuttgart, Berlin, Köln

Moré, Angela (1997): Die Bedeutung der Genitalien in der Entwicklung von (Körper)Selbstbild und Wirklichkeitssinn. In: Forum der Psychoanalyse 4, 1997, S. 312-337

Rohde-Dachser, Christa (1991): Expedition in den dunklen Kontinent. Weiblichkeit im Diskurs der Psychoanalyse. Berlin, Heidelberg, New York

Schäfer, Johanna (1999): Vergessene Sehnsucht. Der negative weibliche Ödipuskomplex in der Psychoanalyse. Göttingen

Schon, Lothar (1995): Entwicklung des Beziehungsdreiecks Vater-Mutter-Kind. Stuttgart, Berlin, Köln

Autorin

Prof. Karin Flaake
Professorin Karin Flaake ist Hochschullehrerin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Frauen und Geschlechterforschung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die soziologische und psychoanalytisch-sozialpsychologische Frauen- und Geschlechterforschung.
 

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