Verhütung für den Mann – ein Arbeitsschwerpunkt der Weltgesundheits­organisation WHO

FORUM: Die WHO engagiert sich stark im Bereich der Erforschung männlicher Kontrazeption. Warum ist das Thema für die WHO so bedeutsam?

Vogelsong: Von den weltweit etwa 1,05 Milliarden ver­heirateten Frauen im gebärfähigen Alter verlassen sich 62% auf die eine oder andere Verhütungsmethode. Von den ver­bleibenden 38%, die keine Kontrazeption anwenden, geben mehr als 120 Millionen Paare an, dass sie keine weiteren Kinder mehr wünschen oder bis zur Erwartung ihres nächs­ten Kindes mindestens zwei Jahre warten möchten. Diese Zahlen sind ein Hinweis darauf, dass die heute vorhandenen Verhütungsmethoden nicht den Erfordernissen eines bedeu­tenden Teils der Bevölkerung entsprechen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass keine einzelne Methode den Bedürf­nissen aller Paare gerecht werden kann. Bei Paaren, die Familienplanung betreiben, fallen bei der Wahl der Verhü­tung Faktoren wie Sicherheit, Wirksamkeit, Kosten, Glau­bensgründe, persönliche Präferenzen und Lebensführung ins Gewicht. Die Anwendung der Familienplanung rettet welt­weit das Leben unzähliger Frauen und Kinder. Die Erhöhung des Angebots an Verhütungsmethoden fördert die Gesund­heit und das Wohlbefinden der Familien.

Wir glauben, dass ein bedeutender Vorteil einer männli­chen Empfängnisverhütung darin liegt, dass es der bisher begrenzten Auswahl an männlichen Verhütungsmethoden (Kondom, Coitus interruptus, Sterilisation) eine weitere Alternative hinzufügt. Viele Männer wollen die Verantwor­tung in der Familienplanung teilen. Und viele Frauen würden dies begrüßen, da es sie von der Verantwortung ent­lastet, alleine für die Familienplanung Sorge zu tragen.

Wir wissen, dass weltweit mehr als 120 Millionen Paare keinen Zugriff auf angemessene oder akzeptable Verhü­tungsmethoden haben. Aus diesem Grund ist es sehr wich­tig, die Auswahl an verfügbaren Verhütungsmethoden zu vergrößern, damit es den Paaren, die Familienplanung betreiben wollen, möglich wird, wenigstens eine Methode zu finden, die ihren Bedürfnissen entspricht.

FORUM: Welchen Forschungsbedarf sehen Sie, und in welchen Projekten ist die WHO derzeit aktiv?

Vogelsong: Die WHO unterstützt Forschung, die streng wissenschaftlich und unter ethischen Maßstäben durch­geführt wird. Sie muss anerkannten Richtlinien entsprechen, die schließlich eine nationale und internationale Produkt­registrierung und Vermarktung zulassen. Unsere Ziel­setzung ist es, neue Methoden der Geburtenregelung zu fin­den, die sicher, effektiv, akzeptabel und erschwinglich sind. Während es unser übergeordnetes Ziel ist, die Familien­planungsbedürfnisse jedes Mitgliedsstaates der Organisation zu erfüllen, gilt unser primäres Interesse der Betreuung der Männer, Frauen, Paare und Familien in den Entwick­lungsländern.

Die WHO ist zurzeit sehr aktiv an der Entwicklung einer hormonellen Methode der männlichen Fruchtbarkeitsregu­lierung beteiligt, da solch eine Methode reversibel wäre, zu den am weitesten entwickelten Methoden zählt und am engsten am Markt orientiert ist. Die Organisation unterstützt den in China durchgeführten ersten und einzigen Phase III Versuch einer hormonellen Methode. Wir arbeiten mit dem US Forschungsprogramm CONRAD zusammen, um Anfang 2006 einen multinationalen Versuch mit einer kombinierten Testosteron/Gestagen-Methode durchzuführen.

FORUM: Wie sind überhaupt die physiologischen Voraus­setzungen beim Mann beschaffen, die offenbar die Ent­wicklung effektiver Verhütungsmittel so schwierig machen?

Vogelsong: Traditionell konzentrierte sich die Verhü­tungsforschung auf die Frau, da sie als diejenige, die das Kind auszutragen hatte, auch die Verantwortung für die Familienplanung trug. Ein hormonelles Verhütungsmittel für den Mann bringt die Spermaproduktion zum Stillstand. Viele in der Forschungs- und Entwicklungsgemeinschaft hielten es lange für unmöglich, die kontinuierliche tagtägli­che Produktion von Millionen von Spermien zu unter­brechen. Stattdessen entschied man sich, an der Methode festzuhalten, die monatlich Einfluss auf die Freigabe oder das Überleben eines einzelnen Eies nahm, so wie viele hor­monelle Verhütungsmittel für Frauen es tun.

FORUM: Es gibt unterschiedliche Voraussetzungen bei Männern des kaukasischen Typs, also etwa bei europäischen Männern, und Männern aus Fernost – worin bestehen sie?

Vogelsong: Bei den bis dato durchgeführten multinatio­nalen Studien wurde festgestellt, dass Männer aus chine­sischen Untersuchungszentren besonders empfindlich auf die Einflüsse der Hormone zu reagieren scheinen, die in experimentellen Verhütungsstudien eingesetzt wurden. Das heißt, dass die Hormone bei den in China getesteten Män­nern die Spermaproduktion stärker einzudämmen scheinen als bei den zeitgleich in Europa und Nordamerika getesteten Männern. Wir sind uns nicht sicher, ob alle asiatischen Männer ähnlich reagieren, da wir keine Daten von Versuchs­reihen besitzen, die die Reaktionen unter den verschiedenen asiatischen Populationen vergleichen. Manche Forschungs­gruppen haben die Gründe für die verschiedenen Reaktionen untersucht, können aber keine endgültigen Schlüsse ziehen.

FORUM: Können wir in naher Zukunft mit Erfolg ver­sprechenden hormonellen Mitteln männlicher Empfängnis­verhütung rechnen? Bitte erläutern Sie uns den aktuellen Stand der Forschung.

Vogelsong: Der öffentliche Sektor und einige Pioniere unter den Forschern haben über die letzten Jahrzehnte an der Entwicklung eines männlichen hormonellen Verhütungs­mittels gearbeitet. Tatsächlich nahm dies seit den frühen 1970er Jahren einen bedeutenden Vorrang in der Forschung der Weltgesundheitsorganisation ein. Frühe Untersuchungen beschränkten sich vornehmlich auf Tierversuche und einige klinische Versuchsreihen kleineren Umfangs. Erst in den letzten zehn bis 15 Jahren sind größere klinische Studien durchgeführt worden, die bewiesen, dass verschiedene Hor­monkombinationen nicht nur die Spermaproduktion stoppen, sondern auch für einen hohen Verhütungsschutz sorgen können.

In den späten 1980er Jahren unterstützte die WHO die ersten großen klinischen Versuche zu hormonellen Ver­hütungsmitteln für den Mann. Diese Forschungsarbeit liefer­te die entscheidenden Daten, die letztlich die Machbarkeit einer solchen männlichen Kontrazeptionsmethode bewies.

In diesen multinationalen Studien kam ein Prototyp der hormonellen Methode zum Einsatz, auf den ein beachtlicher Teil der Probanden mit Azoospermie reagierte. Das bedeutet, ihre Spermaproduktion wurde gänzlich unterbrochen, be­ziehungsweise es konnten keine Spermien im Ejakulat fest­gestellt werden – eine Verhütungswirksamkeit von mehr als 99%! Bei anderen Männern reduzierte sich die Spermien­anzahl dramatisch, wobei das Risiko, eine Schwangerschaft zu verursachen, ja direkt an die Anzahl der Spermien gekop­pelt ist. Je niedriger die Anzahl der Spermien, desto niedriger das Risiko einer Schwangerschaft. Zurzeit werden Versuche durchgeführt um eine Optimierung der zu verordnenden Hormongaben zu erreichen, die die höchstmögliche Stufe an Sicherheit, Wirksamkeit und Akzeptanz bietet.

Es ist schwierig einzuschätzen, wann solche Methoden auf dem Markt zur Verfügung stehen werden, da nationale Richtlinien der Marktfreigabe stark variieren. Basierend auf dem gegenwärtigen Stand der Forschung wird es weitere fünf bis zehn Jahre dauern, ehe gesicherte Daten zur Verfü­gung stehen, die die Freigabe eines Produktes legitimieren.

Zwei der größten Pharma-Konzerne (Organon und Schering AG) haben sich zusammengetan, um die männli­che hormonelle Kontrazeption zu erforschen. Die Beteiligung der Industrie signalisiert, dass eine erhebliche Nachfrage nach einer solchen Methode besteht.

Weltweit durchgeführte klinische Studien belegen die Akzeptanz der experimentellen männlichen Verhütungsme­thoden. Die verabreichten Hormone beinhalten synthetische Formen des natürlichen Steroids Testosteron, die von den männlichen Probanden gut vertragen werden. Mehrere Studien weisen darauf hin, dass in Verhütungsversuchen diese Hormone weder die Aggressivität noch die Stimmung oder das sexuelle Verhalten beeinflussen. Die Daten, die während der Versuche gesammelt wurden, deuten darauf hin, dass sowohl Männer als auch Frauen eine solche Methode begrüßen würden.

FORUM: Frau Vogelsong, wir danken Ihnen für dieses Interview.

Interview: Heike Lauer 

Autor

PhD Kirsten M. Vogelsong
Kirsten M. Vogelsong PhD ist seit 2001 Wissenschaftlerin im Department of Reproductive Health and Research der WHO in Genf. Sie ist verantwortlich für die Erforschung und Entwicklung von Verhütungsmethoden, insbesondere die männliche Kontrazeption.
 

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