Das Recht auf Verhütung: Erfolge und Rückschläge

Die Geschichte moderner Familienplanung ist eine Erfolgs­geschichte und zugleich eine Geschichte von Verfehlungen. Zwangssterilisationen und Erprobung neuer Kontrazeptiva an Frauen, die hierüber nicht informiert worden waren, gehören zu den dunklen Kapiteln moderner Familien­planung. Erinnerungsverlust auf diesem Gebiet ist allerdings gefährlich. Frauen und Männer können kaum existenzieller getroffen werden, als durch Eingriffe zur Manipulation oder Behinderung ihrer Sexualität und Fruchtbarkeit.

Das Menschenrecht auf Familienplanung ist noch nicht einmal 40 Jahre alt. Im Artikel 16 der Abschlussdeklaration der UN-Menschenrechtskonferenz 1968 in Teheran heißt es: „Eltern verfügen über das grundlegende Menschenrecht, frei und eigenverantwortlich über Anzahl und Geburtenabstand ihrer Kinder zu entscheiden.“ Aus diesem Recht leitet sich auch das Recht auf ungehinderten Zugang zu Informatio­nen, Methoden und Diensten der Familienplanung ab. In der Folge entstanden in den Sechziger- und Siebzigerjahren auch internationale Familienplanungsprogramme in der Träger­schaft von Regierungen, UN-Organisationen und internatio­nalen Nichtregierungsorganisationen (NRO). Sie entstanden in einer Phase vehementer Auseinandersetzungen über die Wirkungen einer vermeintlich drohenden „Weltbevölke­rungsexplosion“. Diese Auseinandersetzung hat zweifelsohne die Ausrichtung der internationalen Familienplanungspro­gramme beeinflusst.

Die an überwiegend demographischen Zielen ausgerichte­ten internationalen Familienplanungsprogramme der Sech­ziger- und Siebzigerjahre unterlagen strikten Auflagen der Geldgeber. Zum Beispiel sah das 1975 verabschiedete „Inter­national Development and Food Assistance“-Gesetz der US­ amerikanischen Regierung vor, keine Entwicklungsgelder an Nehmerländer zu vergeben, wenn diese nicht eigene An­strengungen für Familienplanungsprogramme leisten. Das Gesetz sah weiterhin vor, dass mehr als 60% der bewilligten Entwicklungsgelder für Bevölkerungsprogramme eingesetzt werden mussten.

Dieser Druck auf die Nehmerländer hat einerseits dazu geführt, dass in zahlreichen Entwicklungsländern Familien­planungsdienste erstmals eingeführt wurden. Allein dies war bereits ein gesundheitspolitischer Fortschritt. Andererseits führte die überwiegend demographische Zielsetzung der Programme auch zu zweifelhaften Pillen-Verteilungsprogrammen und Verletzungen des Menschenrechts auf Familienplanung (z. B. mangelnde Aufklärung über Neben­wirkungen von Kontrazeptiva).

Mit der Entstehung der „neuen sozialen Bewegungen“, insbesondere der Frauenbewegung in den Siebzigerjahren, wurde die Idee der Familienplanung in den westlichen Industrieländern in einen umfassenderen Zusammenhang von Körper, Sexualität und Geschlechterverhältnis gestellt. Damit entstanden neue Gegenkonzepte von Familien­planung¹,

  • die die Idee der sexuellen Selbstbestimmung zunehmend in den Mittelpunkt rückten
  • die Verschiedenartigkeit sexueller Lebensweisen mehr und mehr vom singulären Modell der Heterosexualität ablösten und 
  • sexuelles Wohlbefinden und Familienplanung als gleich­bedeutend anerkannten.

In den Achtzigerjahren gerieten die internationalen Famili­enplanungsprogramme erneut unter Kritik, denn es war weder gelungen, das Menschenrecht auf Familienplanung weltweit durchzusetzen, noch die hohe Müttersterblichkeit in den Entwicklungsregionen wirksam zu reduzieren.

Gemeinsame Bemühungen von UN-Organisationen, internationalen Familienplanungsorganisationen (vor allem des internationalen Dachverbands der nichtstaatlichen Familienplanungsorganisationen, der International Planned Parenthood Federation, IPPF) und der internationalen Frauengesundheitsbewegung führten schließlich auf der Internationalen UN-Konferenz für Bevölkerung und Entwick­lung 1994 in Kairo zu einem erneuten Perspektivenwechsel. Der neue Orientierungsrahmen „Reproduktive Gesundheit und Rechte“, der sexuelle Gesundheit einbezieht, verknüpft erstmals Reproduktion, Sexualität und Gesundheit mit den allgemeinen Menschenrechten². Dieser ganzheitliche Ansatz umfasst alle Lebensphasen von Frauen und Männern und sieht eine stärkere Vernetzung der vielfältigen Gesundheits-, Sozial-und Menschenrechtsorganisationen vor. Damit wird global der politische Wille bekundet, sexuelle und repro­duktive Gesundheit zu schützen. Auf der 4. UN-Weltfrauen-konferenz 1995 in Peking wurde dieses Konzept bestätigt und die Idee des Menschenrechts auf sexuelle und reproduk­tive Selbstbestimmung sowie die Bedeutung von Sexualität und sexueller Gesundheit für das allgemeine Wohlbefinden von Frauen und Männern weiterentwickelt. Aus diesem Grund verwenden vor allem die IPPF und die Weltgesund­heitsorganisation (WHO) heute den Begriff „Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte“.

In Kairo wurde auch ein Aktionsprogramm beschlossen, zu dessen Verwirklichung bis 2015 sich 179 UN-Mitglieds-länder verpflichtet haben. Ziel des Programms ist die nach­haltige Bekämpfung von Armut in den Entwicklungsländern. Der Fokus richtet sich auf die Situation der Frauen und Mädchen. Deshalb kommt den Forderungen nach sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten im Aktions­programm eine zentrale Bedeutung zu.
Die ambitionierten Ziele, die sich die Mitgliedsländer gesetzt haben, sind:

  • Gleichstellung der Geschlechter
  • Senkung der Mütter-und Säuglingssterblichkeit
  • ungehinderter Zugang zu Bildung, speziell für Mädchen
  • weltweiter Zugang zu qualitativ hochwertigen Dienstleistungen im Bereich der reproduktiven Gesundheit einschließlich Familienplanung, sexueller Gesundheit, HIV/Aids-Prävention und Sexualerziehung
  • Verhinderung von sexueller Misshandlung wie Genital­verstümmelung, von Zwangsheirat und Zwangsprostitution sowie jeder Art von Sklaverei.

Zehn Jahre nach Kairo lässt sich feststellen, dass durchaus Fortschritte zu verzeichnen sind. Viele Entwicklungsländer haben mittlerweile Dienstleistungen zu sexueller und repro­duktiver Gesundheit in ihre Gesundheitsversorgung inte­griert. Gesetzesinitiativen zum Schutz von Frauen und Mäd­chen sind ergriffen worden.

Die mangelnde Zahlungsmoral der UN-Mitgliedsländer – allen voran die der Industrieländer – behindert allerdings die zügige Umsetzung des Aktionsprogramms von Kairo. Noch nicht einmal die Hälfte der vereinbarten jährlichen Zahlun­gen wird aufgebracht. Hätten die UN-Mitgliedsländer zu ihren Verpflichtungen gestanden, hätten nach Schätzungen der UNFPA mehr als 700 000 Fälle von Müttersterblichkeit, 270 Millionen ungeplante Schwangerschaften und mehr als 110 Millionen Schwangerschaftsabbrüche – zumeist unter für Frauen gesundheitsschädlichen Bedingungen – vermieden werden können.

Rückschlag für Kairo: Die Mexico City Policy

Kurz nach seinem Amtsantritt im Januar 2001 führte Präsident Bush die so genannte „Mexico City Policy“, auch „Global Gag Rule“ (Knebelverordnung) genannt, wieder ein. Die Mexico City Policy wurde erstmals von Präsident Reagan 1984 eingeführt und 1993 von Präsident Clinton wieder zurückgezogen.

Ihr zufolge dürfen ausländische NRO keine amerikani­schen Entwicklungsgelder für Programme und Aktivitäten erhalten, die sich auf den Schwangerschaftsabbruch beziehen. Diese Einschränkung bezieht sich nicht nur auf die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen, sondern auch auf medizinische Beratung und Information zum Schwangerschaftsabbruch wie auch auf jegliches Einsetzen für eine Schwangerschaftsabbruchreform auf nationaler Ebene. Selbst wenn NRO diese Auflagen akzeptieren und schwangerschaftsabbruchbezogene Aktivitäten aus anderen Quellen finanzieren würden, würden sie keine US-amerikanischen Entwicklungsgelder erhalten können. Die Mexico City Policy verletzt die Souveränität von Nationalstaaten, und sie verletzt das Recht von NRO auf Meinungsfreiheit. Der eigentliche Skandal aber ist, dass mit der Wiedereinführung dieser Vorschrift Frauen in Entwicklungsländern notwendige Programme der sexuellen und reproduktiven Gesundheit vorenthalten werden, die sie vor ungeplanten Schwanger­schaften und unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen hätten schützen können. Diese auf der Grundlage des Aktionspro­gramms von Kairo entwickelten Programme können nicht realisiert werden, weil sie das Thema Schwangerschafts­abbruch einbeziehen – sei es in der Beratung oder Sexual­aufklärung.

Seit der Wiedereinführung der Mexico City Policy haben weltweit zahlreiche Organisationen US-amerikanische Gelder verloren, einige von ihnen sogar den Zugang zu Kontra­zeptiva. Dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) werden im vierten Jahr Zuwendungen in Höhe von etwa 34 Millionen US-Dollar jährlich verweigert, weil ihm zu Unrecht eine Beteiligung an Zwangsschwangerschafts­abbrüchen und -sterilisationen in China vorgeworfen wird. Die IPPF, die größte internationale nichtstaatliche Organisa­tion für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte, mit Mitgliedsorganisationen in 149 Ländern, erhält ebenfalls keine amerikanischen Gelder mehr. Die EU hat sich hierzu bislang eindeutig positioniert und für finanziellen Ausgleich gesorgt.

Parallel zu dieser Entwicklung haben sich in den letzten zehn Jahren weitere oppositionelle Kräfte gegen das Aktions­programm von Kairo organisiert. Neben den federführenden Vereinigten Staaten sind dies der Vatikan und fundamen­talistisch religiöse Länder wie zum Beispiel der Sudan. Diese Gegenbewegung reicht mittlerweile bis in das Europäische Parlament (wenn auch nicht mehrheitsfähig) und wird verstärkt durch neue EU-Mitgliedsländer wie zum Beispiel Polen, die Slowakei und Litauen. Die Kritik dieser Gegen­bewegung konzentriert sich auf die Themen Schwanger­schaftsabbruch, Sexualaufklärung, Vielfalt der Lebensweisen, Elternrechte, religiöse Werte und sexuelle und reproduktive Gesundheit.

Die Auseinandersetzung mit dieser Gegenbewegung ist nicht einfach und wird auch nicht einfacher werden. Ihre Protagonisten behindern wochen-bis monatelang die Ver­handlungen im UN-System mit hundertfachen Interventio­nen, verzögern und blockieren parlamentarische Entschei­dungen, setzen systematisch Falschinformationen in die Welt und erklären wissenschaftliche Erkenntnis für obsolet (z. B. in den Vereinigten Staaten die Sicherheit von Kon­domen). Die Unterstützerinnen und Unterstützer des Aktionsprogramms von Kairo werden sich dieser Auseinan­dersetzung immer wieder stellen müssen. Für sie müssen die effektive Bekämpfung der Armut mit besonderem Fokus auf Frauen und Mädchen und deren sexuelle und reproduk­tive Gesundheit und Rechte im Vordergrund stehen. Dabei müssen sie im Auge behalten, dass weiterhin

  • medizinisch unsachgemäße Schwangerschaftsabbrüche jährlich etwa 78 000 Frauen und Mädchen das Leben kosten,
  • etwa zwei Millionen Frauen und Mädchen jährlich der Gefahr genitaler Verstümmelung ausgesetzt sind
  • von 300 Millionen Kindern ohne Zugang zu Bildung zwei Drittel Mädchen sind,
  • 14 Millionen Kinder durch Aids zu Waisen geworden sind,
  • mindestens zwei Millionen Mädchen im Alter zwischen fünf und 15 Jahren jedes Jahr zur Prostitution gezwungen werden,
  • in verschiedenen Ländern insgesamt 60 Millionen Mädchen fehlen, da weiblicher Nachwuchs durch selektive Abtreibung nicht zur Welt kommt oder nach der Geburt an Unterernährung oder Vernachlässigung stirbt.

Versäumnisse und Konsequenzen

Fünf Jahre nach Kairo verabschiedeten 189 Mitgliedsländer der Vereinten Nationen die Milleniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals, MDGs) zur Bekämpfung der Armut. Bis zum Jahr 2015 soll die Zahl der Menschen, die in absoluter Armut leben, halbiert werden. Die Regierungen haben sich dabei auf die acht folgenden Ziele verständigt:

  • 1 Beseitigung der extremen Armut und des Hungers
  • 2 Grundschulbildung für alle
  • 3 Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und des Empowerments der Frau
  • 4 Verringerung der Kindersterblichkeit
  • 5 Verbesserung der Gesundheit von Müttern
  • 6 Bekämpfung von HIV/Aids, Malaria und anderen Krankheiten
  • 7 Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit
  • 8 Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft

NRO kritisieren an den MDGs unter anderem, dass mit der Reduzierung auf acht Ziele bestehende Abkommen, z. B. das Aktionsprogramm von Kairo, maßgeblich geschwächt und in der Folge für deren Realisierung weniger Mittel zur Verfü­gung stehen werden. Nur die Ziele 4, 5 und 6 befassen sich explizit mit sexueller und reproduktiver Gesundheit. Das reicht den Befürwortern des Aktionsprogramms von Kairo für eine effektive Armutsbekämpfung nicht aus. Vielmehr sei hierfür erforderlich, das gesamte Spektrum des Programms einzubeziehen³. Aus diesem Grund haben sie sich weltweit im Vorfeld des UN World Summit im September 2005, auf dem eine Bilanz der Umsetzung der MDGs seit ihrer Verabschiedung gezogen werden sollte, für ein neuntes MDG zu sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rech­ten eingesetzt (so auch die IPPF, Dachorganisation der pro familia)[4]. Auf zahlreichen Konferenzen wurde versucht, für ein neuntes MDG zu werben und Allianzen aufzubauen, um Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen. Die Prognosen für einen erfolgreichen Ausgang des UN World Summits waren düster. Mit mehr als 700 Einwendungen chaotisierten die Vereinigten Staaten die Vorverhandlungen und legten diese nahezu lahm.

Wider Erwarten verpflichteten sich die Regierungen im Abschlussdokument erneut für einen weltweiten Zugang zu reproduktiven Gesundheitsdiensten, wie sie es bereits 1994 in Kairo getan hatten. Der Vatikan und die Vereinigten Staaten haben versucht, dies zu verhindern – was ihnen 2000 so erfolgreich bei der Verabschiedung der MDGs gelungen war – sind aber diesmal gescheitert. Allerdings ist es ihnen gelungen, dass Begriffe wie „sexuell“, „Sexualität“ oder „Rechte“ in dem Abschlusstext nicht aufgenommen worden sind[5]. Die Befürworter von Kairo sind dennoch zuversichtlich. Nach ihrer Auffassung können die MDGs nur erreicht werden, wenn weltweit Frauen und Männer Zugang zu reproduktiven Gesundheitsdiensten haben. Diese Sicht­weise wird ihre zukünftigen Strategien bestimmen.

Die NRO sollten aus ihren Versäumnissen im Zusam­menhang mit den MDGs eine Lehre ziehen. In den Neunzi­gerjahren sind auf den großen UN-Konferenzen in Kopen­hagen, Kairo und Peking Fortschritte für mehr sexuelle und reproduktive Rechte erzielt worden. Es waren Fortschritte auf der Basis fragiler Mehrheiten. Solche Fortschritte, insbeson­dere wenn es Frauen und selbstbestimmte Sexualität betrifft, sind immer gefährdet. Wie sonst hätte es 2000 dazu kom­men können, dass die Verfasser der MDGs sexuelle und re­produktive Gesundheit und Rechte übergehen konnten. Das Ergebnis des UN World Summit sollte daher nicht über­bewertet werden. Wachsamkeit und kontinuierlicher Einsatz für das Aktionsprogramm von Kairo sind angesagt, denn die Folgen unserer Versäumnisse tragen die betroffenen Frauen und Männer.

Die Schlüsselrolle der Kontrazeptionsforschung

Aus dem Menschenrecht auf Familienplanung leitet sich auch das Recht auf den ungehinderten Zugang zu Methoden gesundheitlich verträglicher Kontrazeptiva ab. Hierbei kommt der Kontrazeptionsforschung eine Schlüsselrolle zu.

Die so genannte erste kontrazeptive Revolution ging in den Sechzigerjahren überwiegend von der Industrie aus. Sie bestimmte Zielsetzung und Schwerpunkte der Kontrazep­tionsforschung. Die zweite kontrazeptive Revolution setzte laut David Griffith (WHO) in den Neunzigerjahren mit den UN-Konferenzen für Bevölkerung und Entwicklung in Kairo (ICPD 1994) und der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 ein. Bedürfnisse und Präferenzen von Frauen und Männern in bezug auf Kontrazeption wurden Forschungs­thema und rücken seither mehr und mehr in den Mittel­punkt der Forschung. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Harvard-Studie „Women’s Preferences for Contraceptive Technology“ aus den Jahren 1994/1995.

Da in den letzten vier Jahrzehnten die Verhütungspraxis weltweit außergewöhnlich zugenommen hat (z. B. in den Entwicklungsländern um 50%), könnte dies nahe legen, dass die Kontrazeptionsforschung ihren Auftrag erledigt hat. Doch das Gegenteil ist der Fall. Laut der Weltgesundheitsbehörde (WHO) wenden 120 Millionen Paare weltweit keine Verhü­tungsmittel an. 300 Millionen Paare sind unzufrieden mit den Methoden, die sie anwenden. Bis zu 27 Millionen ungewollte Schwangerschaften entstehen jährlich, obwohl die betroffenen Paare verhüten.

Im Zusammenhang mit der weltweiten, pandemischen Verbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten werden effektive Doppelschutzmethoden, die vor ungewollter Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Krankheiten schützen, gebraucht. In diesem Kontext sind besonders sol­che Methoden von großer Notwendigkeit, die ohne Wissen der Sexualpartner angewendet werden können. Dies ist wich­tig in Ländern, wo Frauen nahezu rechtlos sind und über­wiegend von HIV/Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten betroffen sind. Die noch immer hohe Drop-out-Rate der Anwenderinnen, die innerhalb eines Jahres die von ihnen gewählte Methode wieder aufgeben, erfordert ebenso die Fortführung einer die Verbraucherperspektive besser berücksichtigende Kontrazeptionsforschung. Weiterhin un­befriedigend ist auch die beschränkte Zahl von Verhütungs­methoden für den Mann.

Die zweite kontrazeptive Revolution hat unser Wissen um die Bedürfnisse und Präferenzen von Anwenderinnen und Anwender wesentlich erweitert, existierende Verhütungs­methoden sind weiterentwickelt und durchaus auch verbes­sert worden, neue sind hinzugekommen.

Tatsache bleibt aber, dass die Wahl der Methoden noch immer begrenzt ist – und dies auf dramatische Weise in Entwicklungsländern – und alle Methoden auch ihre spezifi­schen Nachteile haben, die mit ein Grund dafür sind, dass nach WHO-Schätzungen nahezu 50% der Anwenderinnen innerhalb eines Jahres die von ihnen gewählte Methode wieder aufgeben. Gebraucht wird also eine größere Vielfalt von Methoden, die sich in die Lebenswirklichkeit von Frauen und Männern besser integrieren lassen und ihnen eine echte Wahlfreiheit garantieren. Sie müssen gesundheitsverträglich und wirksam sein. Sie müssen leicht anwendbar und vor allem erschwinglich sein. Erschwingliche Kontrazeptiva sind besonders für Entwicklungsländer überlebenswichtig, denn sie helfen, das Leben von Frauen und Kindern, zum Beispiel durch Geburtenabstand, zu retten. Nach Angaben des UN-Bevölkerungsfonds UNFPA wollen in diesen Ländern mehr als 200 Millionen Paare verhüten. Ihnen stehen keine Ver­hütungsmittel zur Verfügung, weil ihren eigenen Regierun­gen Mittel fehlen, diese zu importieren oder die internatio­nalen Geldgeber nicht genügend zur Verfügung stellen.

Gesundheitsverträgliche, wirksame Verhütungsmethoden können das Leben und die Gesundheit von Millionen Frauen und Kindern in Entwicklungsländern retten und Wege aus der Armutsfalle ermöglichen. Wer dies ignoriert, macht sich mitverantwortlich. Seien es die Kontrazeptiva herstellenden Unternehmen mit ihren überteuerten Produkten, die Bush-Regierung mit der Mexico City Policy und der Förderung von Abstinenzprogrammen, der Vatikan mit seiner Ablehnung moderner Kontrazeptiva oder fundamentalistisch-rückständi-ge Regierungen in Afrika oder Asien.

Fortschritte: Weltweite Verhütungspraxis

Ängste und Vorurteile im Zusammenhang mit der Bevölke­rungsentwicklung in Entwicklungsländern sind bemer­kenswert zählebig. Auch wenn sie nicht mehr mit denen der Sechziger-und Siebzigerjahre identisch sind und der Begriff „Bevölkerungsexplosion“ mittlerweile tabuisiert ist, fällt auf, wie wenig Kenntnis davon genommen wird, dass die welt­weite Verhütungspraxis in den Neunzigerjahren sich wesentlich verbessert hat.

Das Department of Economic and Social Affairs, Popula­tion Division, der Vereinten Nationen untersucht regelmäßig das Verhütungsverhalten von verheirateten oder in Lebens­gemeinschaften lebenden Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren. Es beschränkt sich auf diese Zielgruppe, weil für sie mehr vergleichende Informationen zur Verfügung stehen als für alleinlebende Frauen oder Männer[6].

Die aktuellsten Ergebnisse sind der Übersicht World Contraceptive Use 2003 zu entnehmen. Demnach verhüten weltweit 61% der verheirateten oder in Lebensgemeinschaf­ten lebenden Frauen. Zu den Hauptergebnissen zählt, dass

  • die Verhütungspraxis in entwickelten Regionen mit 69% noch immer höher ist als in weniger entwickelten Regionen (59%),
  • in Afrika die Verhütungspraxis mit 27% am niedrigsten ist,
  • neun von zehn Frauen moderne Verhütungsmethoden anwenden (Sterilisation: 21%, Spirale: 14%, Pille: 7%)
  • in entwickelten Ländern kurzfristig wirkende und reversible Methoden (Pille, Kondom) bevorzugt werden und in Entwicklungsländern hochwirksame Langzeitmethoden (Sterilisation, Spirale),
  • weltweit 61% der Frauen mit traditionellen Methoden (periodische Abstinenz, Coitus interruptus) verhüten.

Trotz der bemerkenswerten Zunahme der weltweiten Verhü­tungspraxis besteht weiterhin ein hoher Bedarf an Verhü­tung. Dies betrifft insbesondere Frauen in Afrika südlich der Sahara. In dieser Region geben 23% der Frauen im repro­duktiven Alter an, dass sie keine Kinder mehr oder Gebur­tenabstand praktizieren wollen, aber nicht verhüten. In Asien oder Lateinamerika sind dies 16% der Frauen (in Europa 6%).

Trotz aller Unterschiede nähert sich die Verhütungspraxis von Frauen aus Entwicklungsländern und entwickelten Ländern mehr und mehr an. Hier eröffnen sich Perspektiven gemeinsamen Handelns in Bezug auf nutzerfreundlichere, gesundheitsverträglichere, leicht zugängliche und preisgüns­tige Kontrazeptiva. Unabhängig davon gilt es, den weiterhin ungedeckten Bedarf (unmet need) nicht aus den Augen zu verlieren und sich insbesondere auf die Regionen zu konzen­trieren, die mit sexuellen und reproduktiven Diensten katas­trophal unterversorgt sind.

Erst wenn umfassende Dienste für sexuelle und repro­duktive Gesundheit und den Schutz von Rechten zur Verfügung stehen, werden Frauen und Mädchen ihr Recht auf Verhütung selbstbestimmt verwirklichen können. Dies wird ihnen ermöglichen

  • erst schwanger zu werden, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben,
  • ihre Gesundheit zu verbessern,
  • ihre soziale Position zu stärken,
  • das Gesundheits-und Ausbildungsniveau ihrer Kinder zu verbessern,
  • ihre gesellschaftliche Mitwirkung stärken und damit
  • den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen.[7]

Fußnoten

1 Thoss, Elke (1999): Familienplanung im Kontext sexueller und reproduk­tiver Gesundheit und Rechte. In: pro familia magazin 4/1999, pro familia Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexual­
beratung e. V. (Hrsg.). Frankfurt am Main
2 Thoss, Elke (1996): Total Global und Uniform: Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte. In: pro familia magazin 2/1996, pro familia Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexual­beratung e.V. (Hrsg.). Frankfurt am Main
3 Pracht, Elisabeth/Thoss, Elke (Hrsg.) (2005): informiert handeln: Konzepte/Konferenzen/Kontroversen, sexuelle und reproduktive gesund­heit und rechte, Österreichische Gesellschaft für Familienplanung. Wien
4 Sinding, Steven W. (2005): Milleniumsziel Kairo – Sexuelle und repro­duktive Rechte entscheiden über Erreichen der Entwicklungsziele. In: pro familia magazin 1/2005, pro familia Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V. (Hrsg.).Frankfurt am Main
5 Sinding, Steven W. (2005): Sex and the Summit: Reproductive Rights and Wrongs at the UN World Summit, IPPF London
6 United Nations Department of Economic and Social Affairs, Population Division (Hrsg.) (2005): World Population Monitoring 2003 – Population, education and development. New York
7 IPPF European Network/pro familia Bundesverband (Hrsg.) (2005): Fakten und Hintergründe. Den Zusammenhang verstehen: Armut und sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte. Brüssel/Frankfurt am Main

Literatur

ASTRA Central and Eastern European Women’s Network for Sexual and Reproductive Health and Rights (Hrsg.) for the European Population Forum Geneva 2004: Reproductive Health and Rights in Central and Eastern Europe – Country Reports (Armenia, Belarus, Bulgaria, Croatia, Georgia, Poland, Romania, Russia, Slovakia, Ukraine). Warsaw/Poland
Goldberg, Howard, PhD/Morris, Leo, PhD/Serbanescu, Florina, MD, MPH (Hrsg.) for the European Population Forum Geneva 2004, the session on „Morbidity, Mortality and Reproductive Health: Facing Challenges in Transition Countries“ (2004): Reproductive Health in Transition Countries in the European Context. Atlanta/USA
Haug, Werner/MacDonald, Alphonse L./Macura Miroslav (2005): The New Demographic Regime – Population Challenger and Policy Responses, United Nations (Hrsg.). New York/Geneva
Population Reference Bureau MEASURE Communication (Hrsg.) (2003): Reproductive Health Trends in Eastern Europe and Eurasia. Washington D. C./USA
UNDP/UNFPA/WHO/World Bank Special Programme of Research, Deve­lopment and Research Training in Human Reproduction (2004): Research on reproductive health at WHO – pushing the frontiers of knowledge, Biennial Report 2002–2003, World Health Organization (Hrsg.). Geneva

Autorin

Elke Thoß
Elke Thoß ist Diplom-Soziologin, Geschäftsführerin des pro familia-Bundesverbands, Beraterin der WHO und IPPF. Sie berät Regierungen zum Thema „Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte“. Seit mehr als 15 Jahren leistet sie ehrenamtliche Unterstützung für NRO in Osteuropa.
 

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