Schwangerschaftserleben

Ergebnisse einer repräsentativen Befragung der BZgA 2004

Was Frauen in der Schwangerschaft bewegt, wie sie sich fühlen, welche Beschwerden sie haben, wie sie sich informieren und welche Themen sie besonders interessieren - diese Fragen stehen im Zentrum der Erhebung. Sie ist Teil der Forschung, auf deren Basis die BZgA in naher Zukunft weitere Medien und Maßnahmen zum Schwerpunktthema „Schwangerschaft" entwickeln wird.

Die Schwangerschaft ist ein wichtiger Ansatzpunkt für Gesundheitsförderung und Prävention. Interventionen kommen sowohl der werdenden Mutter als auch dem ungeborenen Kind zugute und wirken sich nicht nur zum Zeitpunkt der Schwangerschaft, sondern auch noch nach der Geburt des Kindes positiv auf die Gesundheit beider aus. Schwangere sind auch - insbesondere wenn sie ihr erstes Kind erwarten - besonders offen für gesundheitsbezogene Informationen und eher bereit, gesundheitlich bedenkliche Verhaltensweisen abzulegen. Medien und Maßnahmen für Schwangere können also sowohl für Frauen als auch für ihre Kinder Wirkungen entfalten und sind zudem besonders effektiv, weil sie Menschen in einer sensiblen Lebensphase ansprechen.

Seit 1997 ist die Schwangerschaft ein Schwerpunktthema in der Sexualaufklärung und Familienplanung der BZgA. Es wurden bereits verschiedene Aufklärungsmaterialien, zum Beispiel ein Faltblatt zur Pränataldiagnostik oder ein Dokumentarfilm über Väter im Kreißsaal, entwickelt. Weitere Medien und Materialien, mit denen Schwangere über Themen informiert werden, die aus der Perspektive der Gesundheitsprävention wichtig sind, werden in den nächsten Jahren folgen.

Um mehr über die subjektive Befindlichkeit von Schwangeren, über ihre Einstellungen und ihren Informationsbedarf zu erfahren und die neuen Medien besser darauf abstimmen zu können, hat die BZgA eine repräsentative Befragung beauftragt. Die Probanden wurden von dem Meinungsforschungsinstitut TNS Healthcare nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und gaben Auskunft über verschiedene Aspekte des Schwangerschaftserlebens sowie über ihre Erfahrungen mit der Pränataldiagnostik und über ihre Zukunftserwartungen.

Im Folgenden werden einige Ergebnisse zum Schwangerschaftserleben dargestellt, denen folgende Fragen zugrunde liegen: Welches Alter ist - aus Sicht der Frauen - das beste für eine Schwangerschaft? Was ist die optimale Kinderzahl? Wie wohl fühlen sich die Schwangeren und welche Beschwerden treten auf? Welche Gefühle sind mit der Schwangerschaft verbunden? Wie informieren sich die Schwangeren und welche Themen interessieren sie besonders? Um die Ergebnisse nicht zu verzerren, haben wir ausschließlich Frauen einbezogen, deren Schwangerschaft weiter fortgeschritten ist, d.h. die sich mindestens in der 20. Schwangerschaftswoche befinden (559 Frauen).

Methode der Datenerhebung

Bei turnusmäßigen Befragungen von rund 30.000 Haushalten, Mitgliedern des TNS ACCESS Panels, wurde 2003 und 2004 in drei Wellen eine Screening-Frage nach schwangeren Haushaltsmitgliedern gestellt.¹ In etwa 2 % der Haushalte befand sich eine Schwangere, die auch den voraussichtlichen Geburtstermin angeben konnte. Diese Frauen wurden gezielt ab der 20. Woche ihrer Schwangerschaft angeschrieben und um die Beantwortung eines umfangreichen Fragebogens (25 Seiten) gebeten.² Die Antwortbereitschaft der Schwangeren war sehr hoch, was sich auch in einer Ausschöpfungsquote von 72% zeigt. 791 rücklaufende Fragebogen wurden insgesamt ausgewertet; 559 stammen von Schwangeren in der 20. bis 40. Woche.

Dieses Sample ist hinsichtlich mehrerer Kriterien repräsentativ für die Gesamtheit der Schwangeren in Deutschland, zum Beispiel hinsichtlich der Region, in der sie leben, des mittleren Alters bei der Geburt des ersten und zweiten Kindes, der durchschnittlichen Anzahl der bereits geborenen Kinder, des Anteils der Erst- und Mehrgebärenden sowie der Erwerbstätigen. Feststellen lässt sich jedoch ein Mittelschichts-Bias: Frauen, die schlechter ausgebildet sind, haben den Fragebogen seltener beantwortet. Nicht berücksichtigt wurden in dieser Untersuchung die Migrantinnen.

Das beste Alter und die optimale Kinderzahl

Da Kinder eher dann geplant werden, wenn (auch) das Alter der Eltern als passend empfunden wird, kann der Anteil geplanter Schwangerschaften in einer Altersgruppe Aufschluss darüber geben, welches Lebensalter im Allgemeinen als „das beste" für eine Schwangerschaft gilt.

Über 70% der Befragten im Alter zwischen 25 und 34 Jahren sagen, dass sie die feste Absicht hatten, schwanger zu werden. Bei weniger als jeder zehnten Frau in dieser Altersgruppe war die Schwangerschaft zum jetzigen Zeitpunkt ungewollt. Ganz anders sieht es bei den sehr jungen und den älteren Schwangeren aus: Die Mehrheit der unter 25- und der über 40-Jährigen gibt an, dass die Schwangerschaft nicht geplant oder zum Zeitpunkt ihres Eintretens ungewollt war. Es scheint also einen breiten Konsens darüber zu geben, dass man Kinder erst ab Mitte 20 bekommen sollte. Mit 35 und insbesondere mit über 40 schließt sich das optimale Zeitfenster nach Einschätzung der Schwangeren wieder.

Dass sie die feste Absicht hatten, schwanger zu werden, sagen insbesondere Frauen, die bereits ein Kind haben: 76 % der Ein-Kind-Mütter haben ihr zweites Kind geplant. Nur 6 % geben an, dass sie zu diesem Zeitpunkt nicht schwanger werden wollten. Sind bereits zwei Kinder in der Familie vorhanden, ist ein drittes Kind von nur noch etwa der Hälfte der Mütter geplant, ein viertes von 38 %. Die Ergebnisse bestätigen die verbreitete Präferenz für die Zwei-Kind-Familie.

Gründe für den Verzicht auf ein weiteres Kind

Wir haben uns gefragt, warum viele Eltern auf ein zweites, drittes oder viertes Kind verzichten. 322 der werdenden Mütter geben an, dass sie kein weiteres Kind mehr möchten. Als Grund nennen die meisten Schwangeren (70%), dass mit der Geburt des Babys ihre persönliche Wunschkinderzahl erreicht ist. Über die Hälfte der Frauen gibt an, dass (auch) finanzielle Gründe ihrem Kinderwunsch entgegenstehen. Die dritt- und vierthäufigsten Nennungen sind ungeeignete Wohnverhältnisse und berufliche Gründe.

Dass die Wunschkinderzahl erreicht ist, sagen zum Zeitpunkt der gegenwärtigen Schwangerschaft überwiegend Mütter eines Kindes, die mit der Geburt des Babys das Zwei-Kind-Familien-Ideal realisieren (85 %); ungeeignete Wohnverhältnisse tragen insbesondere bei Familien mit zwei oder mehr Kindern zu einem Verzicht auf weiteren Nachwuchs bei (49%), und berufliche Gründe werden überwiegend von kinderlosen Schwangeren genannt (42%).

Wohlgefühl und Gesundheit

Nach ihrem generellen Befinden befragt, sagen die meisten Frauen, dass sie sich in ihrer Schwangerschaft „wohl" oder „sehr wohl" fühlen (79%). Bei den Mehrgebärenden ist der Anteil der Frauen, die ihr Befinden als „weniger wohl" und „gar nicht wohl" bezeichnen, deutlich höher als bei den kinderlosen Schwangeren (25 % versus 17 %). Möglicherweise kommt hier die in der Regel höhere Belastung von schwangeren Müttern zum Ausdruck.

Um den allgemeinen Gesundheitszustand der Schwangeren einschätzen zu können, wurden die Frauen nach der Anzahl der Tage gefragt, an denen sie in den letzten vier Wochen wegen gesundheitlicher Beschwerden im Bett bleiben mussten. 23 % der Frauen waren an durchschnittlich 6,1 Tagen an das Bett gebunden. Erstaunlich ist, dass die älteren Schwangeren im Durchschnitt weniger Tage im Bett verbrachten als die jüngeren: So liegt der Durchschnitt in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen bei 7,8 Tagen, bei den 35- bis 39-Jährigen aber bei nur 4,4 Tagen.

Unter welchen Beschwerden leiden Schwangere?

Von leichten gesundheitlichen Beschwerden wie zum Beispiel Müdigkeit oder Sodbrennen berichten fast alle Schwangeren. Demgegenüber treten Beeinträchtigungen, die mit einem hohen Gesundheitsrisiko für Mutter und Kind einhergehen, selten auf, werden aber als besonders belastend erlebt.

Die am häufigsten genannte Befindlichkeitsstörung ist „Müdigkeit": 95 % der Schwangeren geben an, dass sie sich „häufig" oder „manchmal" müde fühlen. Jede fünfte dieser Frauen empfindet die Müdigkeit als „sehr belastend". Jeweils fast 80% leiden unter Erschöpfung und Rückenschmerzen, 64% unter Schlafstörungen. Diese häufig auftretenden, „typischen" Schwangerschaftsbeschwerden werden als störend, aber - mit Ausnahme der Kreuz- und Rückenschmerzen - oft nicht als belastend eingeschätzt.

„Untypische Blutungen" werden am seltensten genannt, wirken sich aber besonders stark auf das Schwangerschaftserleben aus: 76 % der Frauen mit „untypischen Blutungen" fühlen sich dadurch „sehr belastet". Auch andere Beschwerden, die hohe Risiken für Mutter und Kind bergen wie zum Beispiel „vorzeitige Wehen" und „Erbrechen" beeinträchtigen die Befindlichkeit sehr stark.

Ambivalenzen in der Schwangerschaft

Eine große Mehrheit der Schwangeren gibt an, sich in ihrer Schwangerschaft „wohl" oder „sehr wohl" zu fühlen. Um neben dieser generellen Einschätzung einen Einblick in die ganz konkreten Gefühle zu erhalten, die mit einer Schwangerschaft verbunden sein können, wurden die Frauen noch einmal explizit nach verschiedenen Aspekten ihres momentanen Gefühlszustandes befragt. Über 85 % der Schwangeren antworten, dass sie zum Zeitpunkt der Befragung über ihre Schwangerschaft „erfreut" sind; 78 % bezeichnen sich als „optimistisch", 61% als „erfüllt". Hier kommt ein ausgesprochen positives Erleben der Schwangerschaft zum Ausdruck. Gleichzeitig berichten die Frauen jedoch auch von negativen Gefühlen: 35 % sind (auch) „besorgt"; ein Viertel bezeichnet sich als „gestresst" und 13 % der Frauen fühlen sich „niedergeschlagen".

Trotz der fast durchweg positiven Grundeinstellung gegenüber ihrer Schwangerschaft schwingen bei vielen Frauen auch negative Gefühle mit. Gestresst fühlen sich insbesondere Schwangere der mittleren Altersgruppen; Sorgen machen sich vor allem sehr junge Frauen und Schwangere über 40, von denen sich fast die Hälfte als „besorgt" einschätzt. Der Anteil der Niedergeschlagenen ist in allen Altersgruppen annähernd gleich.

Unterstützung - benötigt und erhalten

Die Schwangeren wurden gefragt, welche Art der Unterstützung sie benötigen und welche sie erhalten. Bei einigen Unterstützungsarten gibt mehr als die Hälfte der befragten Frauen an, mehr Unterstützung zu erhalten, als sie eigentlich benötigen, zum Beispiel Hilfe bei regelmäßig anfallenden Aufgaben und kurzfristige Hilfe in dringenden Fällen. Auch „Dinge für das Kind" (z.B. Kleidung oder Spielsachen) erhalten die Frauen oft mehr als sie eigentlich brauchen.

Demgegenüber werden andere Formen der Unterstützung häufig vermisst: So sagt ein Viertel der Schwangeren, dass es weniger finanzielle oder materielle Zuwendungen erhält als notwendig. Ein Fünftel vermisst Bestätigung und Anerkennung von anderen Personen; ein weiteres Fünftel benötigt Ratschläge und Informationen bei praktischen Dingen.

Interessant ist ein Vergleich der Antworten von Schwangeren unterschiedlicher sozialer Lagen. Den Frauen wurde über verschiedene Indikatoren (z.B. Bildung und Einkommen) eine Position in einem Schichtkontinuum zugewiesen. Werdende Mütter mit geringer Bildung und/oder niedrigem Einkommen benötigen nach eigener Einschätzung in allen Bereichen deutlich mehr Unterstützung als andere Frauen: Die höhere Bedürftigkeit betrifft nicht nur die finanziellen oder materiellen Zuwendungen - fast die Hälfte dieser Gruppe benötigt mehr als sie erhält -, sondern auch zum Beispiel Bestätigung und Anerkennung von anderen Personen (30%), einen Gesprächspartner für persönliche Angelegenheiten (28 %) oder Ratschläge/Informationen bei praktischen Dingen (33 %).

Informationsquellen - welche werden genutzt, welche sind hilfreich?

Die am häufigsten genutzte Informationsquelle in der Schwangerschaft ist die Ärztin beziehungsweise der Arzt: Drei Viertel der Frauen haben in der gynäkologischen Praxis Neues erfahren. Etwas weniger (69%) bezogen Informationen aus Broschüren, von Hebammen (68 %) oder aus Büchern (64%). Selten informieren sich Schwangere in Beratungsstellen (13 %), über Werbung (13 %), in der Apotheke (9%) oder über Vorträge/Seminare/Lehrveranstaltungen (8 %).

Ärztin/Arzt und Hebamme sind die mit Abstand wichtigsten AnsprechpartnerInnen der Schwangeren. Sie sind nicht nur die am häufigsten in Anspruch genommenen Informationsquellen, sondern werden auch als besonders hilfreich eingeschätzt: 91% der Schwangeren, die von einer Hebamme Neues erfahren haben, fanden diese Informationen nützlich; 89% schätzten (auch) die ärztlichen Informationen als besonders wertvoll ein.

Besonders zufrieden waren auch die Schwangeren, die sich im Internet informierten. Zwar haben nur 41% der Frauen Neues zum Thema Schwangerschaft im Internet gesucht, von diesen beurteilten jedoch 89% die dort gefundenen Informationen als hilfreich. Offensichtlich ist das Internet ein noch nicht sehr bekanntes Informationsmedium für werdende Mütter, scheint sich aber sehr gut zur Informationsvermittlung zu eignen.

Was interessiert die Schwangeren?

Fast alle Schwangeren - bei den Erstgebärenden 98 % - haben sich über die Entwicklung des Kindes im Mutterleib informiert. Das zweitwichtigste Thema ist der Schwangerschaftsverlauf, gefolgt von der Geburt, der Geburtsvorbereitung und dem Stillen. Es ist wenig überraschend, dass Erstgebärende bei allen Themen eher nach Informationen gesucht haben, als Frauen, die bereits mindestens ein Kind geboren haben.

In einer offenen Abfrage erläuterten die Frauen den Grund für ihre intensive Beschäftigung mit einem bestimmten Thema. Auffällig ist, dass sich die Schwangeren eher über Themen informieren, die positiv besetzt sind: So wird etwa die Entwicklung des Kindes im Mutterleib, für die sich fast alle Frauen interessiert haben, auch ganz besonders positiv erlebt. Für einen Großteil der Schwangeren ist „jede Woche, jeder Monat sehr faszinierend, was alles so passiert", einige empfinden dies als das „Interessanteste und Schönste in der Schwangerschaft" und bezeichnen es als „Wunder der Natur".

Deutlich seltener haben sich die Frauen über Themen informiert, die mit negativen Gefühlen verbunden sind. Am wenigsten interessant fanden sie Informationen über pränatale Diagnostik, über Fehlbildungen, über Früh- und Fehlgeburten, über den plötzlichen Kindstod oder über die Vererbung genetischer Krankheiten. Die hauptsächliche Beschäftigung mit angenehmen Themen in der Schwangerschaft und die Ausblendung von Informationen, die Angst erzeugen können, ist ein Mechanismus des Selbstschutzes. Er trägt dazu bei, dass Frauen in der Ausnahmesituation einer Schwangerschaft eine optimistisch gelassene Grundhaltung beibehalten können. Wichtig ist jedoch, dass auch die mit negativen Assoziationen belasteten Themen, die aber für Vorsorge und Prävention von besonderer Bedeutung sind, den Schwangeren so vermittelt werden können, dass sie das Schwangerschaftserleben nicht beeinträchtigen.

Abbildung 1 Planung der Schwangerschaft in den Altersklassen

Abbildung 2 Planung der Schwangerschaft bezogen auf Anzahl der Kinder

Abbildung 3 Gründe, kein weiteres Kind zu wollen 

Abbildung 4 Benötigte und erhaltene Unterstützung im Vergleich

Abbildung 5 Informationsquellen während der Schwangerschaft

Abbildung 6 Themen die Mütter am meisten interessieren

Fußnoten

1 Das ACCESS Panel besteht aus einem Pool von Adressen befragungsbereiter Haushalte. Die Adressen streuen über alle Gemeinden des Bundesgebiets und sind somit regional repräsentativ.

2 Die meisten Anschreiben enthielten einen weiteren Fragebogen, der an eine andere schwangere Frau aus dem Bekanntenkreis des Panel-Mitglieds weitergegeben werden sollte. Das Rekrutieren weiterer Schwangerer nach dem „Schneeballverfahren" war jedoch nur bedingt erfolgreich: Nur 11 % der Frauen wurden auf diesem Weg für die Untersuchung gewonnen. 89% stammen aus dem ACCESS Panel.

Autorin

Ilona Renner
Ilona Renner ist Soziologin. Seit 1999 arbeitet sie in der Abteilung „Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung“ der BZgA als Referentin für Forschung und Evaluation.
 

 

 

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