Spätmoderne 60-Jährige

„Alterssexualität" gehört zu den Begriffen, die man am besten abschaffte. Dieser Begriff legt nahe, dass die Sexualität Älterer klar von der anderer Erwachsener abgrenzbar, essentiell vorgegeben und historisch unveränderbar ist, er dampft Vielfalt ein und suggeriert, dass die Sexualität im höheren Lebensalter vor allem durch eins bestimmt ist: durch das „physiologische" Merkmal Alter. Doch die Sexualität älterer Menschen ist so unterschiedlich wie die jüngerer und unterliegt wie bei diesen einer Vielzahl von Einflüssen und Umständen. Sie hängt vor allem davon ab, ob ein Mann/eine Frau alleine lebt oder in einer Beziehung und wie lange die Beziehung schon dauert; sie variiert mit der Schichtzugehörigkeit, den Lebensbedingungen, der Gesundheit, der individuellen Biografie, den kollektiven Einstellungen einer Generation und vielem anderen mehr. Sie hängt weiterhin von der Rigidität oder Offenheit kultureller Szenarios ab, die eine Gesellschaft für ein „adäquates" Leben Älterer vorgibt, und da diese sich ändern, ändert sich „Alterssexualität" von Generation zu Generation.

Wir wollen hier über eine Gruppe großstädtischer „junger Alter" berichten, nämlich über 258 60-jährige (Jahrgang 1942) Frauen und Männer aus Hamburg und Leipzig, die wir im Frühjahr 2002 im Rahmen unserer Studie „Beziehungsbiographien im sozialen Wandel" über ihre Beziehungsgeschichte und ihre Sexualität interviewten (Schmidt u.a. 2003). Befragt wurden noch zwei andere Generationen, nämlich 45-Jährige (Jahrgang 1957, N = 255) und 30-Jährige (Jahrgang 1972, N = 263), die wir gelegentlich zu Vergleichen heranziehen werden.¹ Tabelle 1 zeigt einige Hintergrunddaten der Stichprobe 60-jähriger Männer und Frauen. Die meisten leben in festen Beziehungen. Ein für diese Generation ungewöhnlich hoher Prozentsatz hat die Hochschulreife; dies verweist darauf, dass Probanden mit höherer Schulbildung eher zu einem Interview bereit waren und unsere Stichprobe deshalb zur Mittelschicht verschoben ist. Etwa die Hälfte ist noch im Arbeitsprozess (mehr Männer als Frauen, mehr Hamburger als Leipziger), ein Fünftel ist berentet und ebenfalls ein Fünftel arbeitslos (mehr Leipziger als Hamburger). Jeder und jede Achte bewertet seinen beziehungsweise ihren Gesundheitszustand als „schlecht".

Die vorliberale Generation

Ein Faktor, der sexuelles Verhalten beeinflusst, ist selbstverständlich auch bei älteren Menschen die Generation, der sie angehören. Die von uns befragten 60-Jährigen, Jahrgang 1942, erlebten ihre Jugend in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren. Sie waren junge Erwachsene und oft schon verheiratet, als die „sexuelle Revolution" begann. Man kann sie deshalb nach der Zeit ihres Heranwachsens die „vorliberale Generation" nennen.

Tab. 1 Hintergrunddaten der befragten 60-Jährigen

Um die Besonderheit dieser Generation zu umreißen, wollen wir ihre frühen sexuellen und Beziehungserfahrungen mit denen der nur 15 Jahre später geborenen „Generation der sexuellen Revolution" vergleichen, die in den 1970er Jahren ihre Jugend verbrachte.² Abbildung 1 zeigt die generationsbezogenen Veränderungen anhand einiger Beispiele. Drei Tendenzen, die eng miteinander zusammenhängen, sind zu erkennen:

  • Liberalisierung der (Jugend-)Sexualität: Jungen und Mädchen beginnen früher mit Masturbation und Geschlechtsverkehr.
  • „Gender equalisation"³: Der Liberalisierungsschub ist bei Mädchen stärker als bei Jungen; dadurch verringern sich traditionelle Geschlechtsunterschiede im Sexualverhalten (Masturbation) oder sie verkehren sich (Mädchen haben nun früher Koitus als Jungen). Dies signalisiert einen Abbau doppelmoralischer Vorschriften und eine Zunahme sexueller Selbstbestimmung von Frauen.[4]
  • Zunehmende Beziehungsmobilität: Die Tendenz zum Wechsel von festen Partnerschaften im jungen Erwachsenenalter nimmt zu.

Diese Modernisierungstendenzen lassen sich für Hamburger und Leipziger nachweisen, sie sind im Westen allerdings stärker ausgeprägt als im Osten. Insgesamt haben die heute 60-Jährigen also deutlich andere sexuelle Sozialisierungserfahrungen als die jüngeren Generationen. Der „sexuellen Revolution" waren sie erst im frühen Erwachsenenalter ausgesetzt. Wie stark hat sie dieses Ereignis später beeinflusst, wie weit ist es an ihnen vorbeigegangen?

Wir wollen dieser Frage im Hinblick auf das Beziehungsverhalten nachgehen. Aus den Angaben der Befragten zu ihrer Beziehungsgeschichte (Beginn und Dauer aller festen Beziehungen, Beginn und Dauer aller Single-Phasen) lassen sich ihre Beziehungsbiografien rekonstruieren und zu Typen zusammenfassen. Abbildung 2 veranschaulicht diese Biografietypen an jeweils einem Beispiel. Die Häufigkeitsverteilung dieser Typen (Tabelle 2) ist für unsere Frage relevant:

  • Die meisten 60-Jährigen, nämlich 55 %, haben eine Kontinuitätsbiografie; sie leben seit mindestens 25 Jahren (im Durchschnitt seit 37 Jahren) in einer festen Beziehung. Die „sexuelle Revolution" hat der Stabilität ihrer Beziehung offenbar nur wenig anhaben können
  • 31 % der 60-Jährigen haben eine nicht-traditionelle Beziehungsbiografie. Männer und Frauen mit einer Umbruchsbiografie (17 %) haben sich von einer Beziehung getrennt, die mindestens 15 Jahre (im Durchschnitt 23 Jahre) hielt; die meisten trennten sich im Alter zwischen 36 und 50 Jahren, fast alle hatten Kinder. Befragte mit einer Kettenbiografie (14 %) hatten mindestens 3 (im Durchschnitt 4 bis 5) feste Beziehungen in ihrem Leben (wobei die Dauer dieser Beziehungen die Dauer der Single-Phasen übersteigt). Beide Gruppen verabschiedeten sich früher oder später aus einem traditionellen Lebensentwurf, und man kann vermuten, dass zumindest bei manchen von ihnen die „sexuelle Revolution" dazu beitrug.

Im Hinblick auf das Beziehungsverhalten legen unsere Daten also den Schluss nahe, dass viele 60-Jährige in ihren Traditionen verharrten und etliche die neuen Tendenzen assimilierten. Das „Verharren" war im Osten, das „Assimilieren" im Westen deutlich stärker, zwischen Frauen und Männern gibt es keine Unterschiede (Tabelle 2).

Partnersituation und Sexualverhalten

Tabelle 3 fasst die Partnersituation der 60-Jährigen zusammen. Die meisten Männer und Frauen leben in sehr langen Beziehungen (30 Jahre und mehr), nur Minderheiten berichten über relativ kurze Partnerschaften (15 Jahre und weniger). Wie in anderen Erhebungen auch ist der Anteil der Singles bei älteren Frauen erheblich höher als bei älteren Männern. (Wir kommen darauf im Abschnitt „Singles" zurück.) Hamburger und Leipziger 60-Jährige unterscheiden sich beträchtlich in ihrer Partnersituation: Hamburger sind häufiger Singles und leben häufiger in kurzen Partnerschaften; Leipziger haben besonders oft sehr lange Partnerschaften. Das zeigt noch einmal, dass der soziokulturelle Wandel des Beziehungsverhaltens bei dieser Altergruppe im Osten Deutschlands geringer war als im Westen.Die sexuelle Aktivität 60-Jähriger variiert enorm: Während 14 % den Geschlechtsverkehr aufgegeben haben und ihn seit mindestens fünf Jahren nicht mehr praktizieren, haben 4 % im letzten Monat mindestens dreimal wöchentlich mit ihrem Partner/ihrer Partnerin geschlafen. Diese große Varianz erklärt sich auch bei älteren Menschen vor allem durch den Partnerstatus (alleine, in fester Beziehung, siehe Tabelle 4). Der Einfluss der Partnersituation ist so stark, dass darüber hinaus andere Unterschiede (zwischen Männern und Frauen, LeipzigerInnen und HamburgerInnen) irrelevant werden beziehungsweise in ihnen aufgehen.

Abb. 1 Frühe sexuelle und Beziehungserfahrungen der vorliberalen Generation (JG. 1942) und der Generation der sexuellen Revolution (Jg. 1957)

Abb. 2 Beziehungsbiografien 60-jähriger, Beispiele für sechs typische Verläufe

45-Jährige sind generell etwas aktiver als 60-Jährige (Tabelle 4). Es wäre aber problematisch, diesen Unterschied allein auf das Alter zurückzuführen, denn die 60-Jährigen sind nicht nur älter, sondern sie leben auch in erheblich längeren Beziehungen (durchschnittlich seit knapp 30 Jahren im Vergleich zu etwa 15 Jahren bei den 1957 Geborenen). Die sexuelle Aktivität hängt aber deutlich von der Dauer der Partnerschaft ab: Sexuell aktiv mit hoher Frequenz sind

  • 67 % der 60-Jährigen in (für diese Altersgruppe) kürzeren Partnerschaften (bis 15 Jahre),
  • 50 % der 60-Jährigen in mittellangen Partnerschaften (16 bis 30 Jahre),
  • 45 % der 60-Jährigen in langen Partnerschaften (31 und mehr Jahre).

Partnerstatus und Dauer der Beziehung erlauben, statistisch gesehen, also genauere Voraussagen über das Sexualverhalten eines Menschen als sein Alter. Das gilt zumindest bis zu einer Altersgrenze von 60 Jahren, vermutlich aber deutlich darüber hinaus (vgl. dazu u.a. Kontula und Haavio-Mannila 1995, Starke 2000, Bucher u.a. 2001, Bucher 2002).[5]

Insgesamt sind die „spätmodernen 60-Jährigen", sofern sie in Partnerschaften leben, sexuell bemerkenswert aktiv. Selbst bei denen, die seit drei Jahrzehnten und mehr zusammen sind, ist das Begehren und/oder das Begehrtwerden häufig lebendig. Es handelt sich bei diesen Paaren um Menschen, die zwischen 50 und 72 Jahre alt sind. Mit 60-Jährigen früherer Generationen können wir unsere Gruppe leider nicht vergleichen, so dass die Frage, ob sich bei ihnen eine andere Bewertung und Praxis der Sexualität im höheren Erwachsenenalter abzeichnet, unbeantwortet bleiben muss.

Die Bedeutung der Sexualität für die Beziehung

Zum Geschlechtsverkehr kann es kommen, wenn beide sich begehren oder wenn einer begehrt und der andere partizipiert - liebevoll, gelassen oder unwillig, aus freien Stücken oder unter Zwang. Als nicht reziprok erleben vor allem ältere Frauen die Sexualität (vgl. dazu auch Kontula und Haavio-Mannila 1995). 21 % der 60-jährigen Frauen sagen, dass sie es beim letzten Mal „nur ihm zuliebe" gemacht haben, von den Männern haben es hingegen nur 8 % „nur ihr zuliebe" getan. Bei den 45-jährigen Frauen sind es ebenfalls deutlich weniger, nämlich 9 %. Die althergebrachte Vorstellung, dass die Sexualität vor allem etwas für den Mann ist, dass er „es" brauche, findet sich also noch relativ häufig in der älteren Frauengeneration.

Dies wird noch deutlicher, wenn wir uns die Antworten auf die freie Frage „Welche Bedeutung hat die Sexualität für Ihre Beziehung" ansehen. Die Vielfalt der Antworten wird an den Beispielen deutlich, die wir auf Seite 20 darstellen.

Tab. 2 Beziehungsbiografien 60-Jähriger

Tab 3 Partnersituation 60-Jaehriger

Tab. 4 Sexuelle Aktivität

Tab. 5 Welche Rolle spielt die Sexualitaet fuer ihre Beziehung? Antworten 60-Jähriger

Abb. 3 Hängt die Beziehungszufriedenheit ...

Es kommt alles vor: Der Sex ist erfüllender oder weniger wild als früher; er gilt als unverzichtbar oder man hat sich wehmütig, resignativ oder erleichtert von ihm verabschiedet; er macht beide zufrieden und glücklich - oder ist nur oder vor allem die Sache des einen, in der Regel die des Mannes. Die Beurteilungen der Frauen sind deutlich zurückhaltender als die der Männer. Dies zeigt sich auch, wenn wir die Antworten klassifizieren (Tabelle 5): Dass Sexualität ein wichtiger, schöner und verbindender Bereich ist und fraglos zum gemeinsamen Lebens gehört, betonen vorrangig Männer.

Tab. 6 Einstellungen zur Masturbation in festen Beziehungen bei 60- und 45-Jährigen

Die 60-jährigen Frauen sind dabei deutlich zurückhaltender und beschreiben die Rolle der Sexualität mehrheitlich als eher zweitrangig und untergeordnet. Etwa ein Zehntel der Befragten thematisiert unterschiedlich ausgeprägte sexuelle Wünsche bei den Partnern, und wieder sind es mehrheitlich die Männer, die sich mehr oder häufiger Sex wünschen oder eine stärkere Initiative der Partnerin. Obwohl es in der Einschätzung der Wichtigkeit der Sexualität deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, berichtet die überwiegende Mehrheit der Männer und Frauen, mit dem Partner oder der Partnerin eine für beide Seiten akzeptable Einigung gefunden zu haben - sei es, dass sich die Männer ohne allzu großes Bedauern an die Wünsche ihrer Partnerin anpassen, sei es, dass sich die Frauen auf die Initiative des Partners einlassen und dies dann oft auch als schön erleben. So beurteilen über 70 % der Männer und Frauen übereinstimmend die Häufigkeit des Sex in den letzten vier Wochen als für sie „gerade richtig".

Beziehungszufriedenheit und Sexualität

Selbst wenn man ein sehr strenges Kriterium[6] anlegt, sind fast zwei Drittel der Befragten, Männer wie Frauen, mit ihrer Beziehung sehr zufrieden. Abbildung 3 zeigt, dass die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs alleine keinen Einfluss auf die Zufriedenheit hat; wenn aber die hohe Frequenz einhergeht mit einer hohen Zufriedenheit mit der gemeinsamen Sexualität, dann sind sowohl Männer als auch Frauen besonders oft auch mit ihrer Beziehung sehr zufrieden. Es gibt also auch bei älteren Menschen eine deutliche Wechselwirkung zwischen Sexualität und Beziehung. Beinahe noch bedeutsamer aber ist, dass fast die Hälfte der Befragten auch dann mit ihrer Beziehung hoch zufrieden ist, wenn sie selten Geschlechtsverkehr hat oder mit der Sexualität wenig zufrieden ist. Wir haben oben beschrieben, dass viele Männer und vor allem Frauen sagen, dass die Sexualität in ihrer Beziehung eine untergeordnete Rolle spielt; wir können jetzt hinzufügen, dass dies bei etlichen ihr „Beziehungsglück" offenbar wenig stört.

Masturbation

Das Thema Masturbation bringt uns zurück zu Generationsbesonderheiten. Die „vorliberale Generation" unterscheidet sich in der Bewertung der Selbstbefriedigung erheblich von der „Generation der sexuellen Revolution" (Tabelle 6).

Abb. 4 Vorkommen der Masturbation in den letzten vier Wochen bei 60-Jährigen und 45-Jährigen, die in festen Beziehungen leben

Die meisten 60-Jährigen, Männer wie Frauen, lehnen die Masturbation in festen Beziehungen ganz ab oder akzeptieren sie bestenfalls als „Ersatz", wenn der partnerschaftliche Geschlechtsverkehr nicht häufig genug ist. Für die meisten 45-jährigen Männer und Frauen hingegen ist die Masturbation eine eigene Form der Sexualität, die auch dann ausgeübt werden kann, wenn der partnerschaftliche Sex häufig und befriedigend ist. Die „Vorliberalen" verharren also auch hier stärker in traditionellen Auffassungen, allerdings sind Assimilierungstendenzen wahrscheinlich: Die Hamburger 60-Jährigen sind nämlich auch in dieser Frage liberaler als die Leipziger.

Abbildung 4 zeigt, dass 45-Jährige, die in festen Beziehungen leben, masturbationsaktiver sind als 60-Jährige. Der voreilige Beobachter könnte dies auf eine altersbedingte Abnahme des sexuellen Verlangens zurückführen. Unsere Daten über die Einstellungen zur Selbstbefriedigung legen aber den Schluss nahe, dass die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen zumindest teilweise kulturell beziehungsweise generationsbedingt sind. Wir haben hier ein weiteres Beispiel dafür, dass die Reduktion auf die Dimension „Alter" dem Verständnis der Sexualität älterer Menschen nicht gerecht wird.

Singles

Wir haben schon darauf hingewiesen, dass die Partnersituation - Single/in fester Beziehung lebend - das sexuelle Verhalten entscheidend beeinflusst und dass gerade ältere Singles in der Regel ein karges Sexualleben haben. Weitere Aussagen über die Singles müssen notgedrungen kursorisch bleiben, da unsere Stichprobe der 60-Jährigen nur 57 allein stehende Männer und Frauen umfasst.

Der typische 60-jährige Single lebt schon lange, nämlich seit mehr als fünf Jahren, allein und geht davon aus, dass dies so bleiben wird, das heißt, er oder sie rechnet nicht mehr damit, noch einmal eine Partnerschaft einzugehen Es gibt zwei etwa gleich häufige Untertypen: diejenigen, die das in Ordnung finden, und diejenigen, die damit hadern und sehr gerne wieder in einer Partnerschaft leben würden. Die „Abgeklärten" sind bei den Frauen, die „Hadernden" bei den Männern häufiger. 60-jährige allein lebende Frauen sind sehr viel häufiger sexuell abstinent als Männer[7], dennoch sind sie sexuell seltener frustriert als diese. Es fällt ihnen offenbar leichter, auf Sexualität zu verzichten, wenn sie keinen festen Partner haben.

Anders als bei den 45-Jährigen, bei denen männliche und weibliche Singles etwa gleich häufig sind, sind bei den 60-Jährigen doppelt so viele Frauen wie Männer allein (s. Tabelle 3). Dies hat zumindest drei Gründe: Zum einen sind Frauen dieser Altersgruppe häufiger verwitwet als Männer, da sie eher ältere Partner haben und die Lebenserwartung von Männern geringer ist; zum Zweiten haben es ältere Männer offenbar leichter als ältere Frauen, nach Verwitwung oder Trennung eine neue Partnerin zu finden, da sie auf dem Heiratsmarkt knapp sind und sie zudem häufiger als Frauen auch deutlich jüngere Partnerinnen wählen oder wählen können; und drittens können Frauen dieser Altersgruppe, wie wir erwähnt haben, offenbar besser ohne Beziehung auskommen als Männer und wählen das Single-Sein häufiger als akzeptable Alternative zu Beziehung oder Ehe.

Letzteres wird deutlich, wenn man die Frauen fragt, was sie am Single-Leben gut finden und was ihnen fehlt. Zwar sagen fast alle, dass sie etwas vermissen, vor allem miteinander Reden und Zeit verbringen, Vertrautheit, Geborgenheit, Zärtlichkeit und gelegentlich sogar Sex werden entbehrt. Doch in den Antworten nach den guten Seiten des Single-Lebens werden Freiheitsdrang und Unabhängigkeitsstreben genannt (s.o.), sehr viel ausdrücklicher und auch vehementer als bei den gleich alten Männern. Auffällig oft thematisieren die Frauen, dass sie durch das Alleinleben den traditionellen Geschlechtsrollenverhältnissen entkommen können. Die Männer ihrer Generation sind dem Verlangen der 60-jährigen Frauen nach „gender equalisation" offenbar oft nicht gewachsen. Dies allerdings beklagen auch viele Frauen in festen Beziehungen.

Fazit

Unsere Studie beschränkt sich auf 60-Jährige, also auf eine Gruppe „junger" älterer Menschen, und auf Großstädte, in denen liberale Entwicklungen und sozialer Wandel sicherlich auch von Älteren eher assimiliert werden als in kleinstädtischen und ländlichen Milieus. Soziale Faktoren beeinflussen das sexuelle Verhalten zumindest bis zum Alter von 60 Jahren wesentlich stärker als das Alter selbst. Studien, in denen auch größere Stichproben höherer Altersgruppen untersucht wurden (Kontula und Haavio-Mannila 1995; Bucher u.a. 2001, Bucher 2002), zeigen aber, dass dies im Prinzip auch für über 60-Jährige gilt. Die wichtigsten sozialen Faktoren sind dabei Partnersituation und Beziehungsdauer sowie die Generationszugehörigkeit.

Die Partnermobilität der heute 45-Jährigen ist deutlich höher als es die der 60-Jährigen im Alter von 45 Jahren war. Man kann deshalb davon ausgehen, dass die 1957 Geborenen, wenn sie einmal 60 Jahre alt sind, sowohl häufiger in kürzeren Beziehungen als auch häufiger alleine leben werden als die von uns Befragten des Jahrgangs 1942. Das aber bedeutet, dass mehr ältere Männer und Frauen als heute besonders aktiv und auch mehr als heute relativ inaktiv sein werden, dass also die Variation der Sexualität älterer Menschen noch zunehmen wird.

Das Geschlechterverhältnis ist ein weiteres soziales Merkmal, das die Sexualität älterer Menschen beeinflusst. So ist die hohe Single-Rate älterer Frauen neben demographischen Faktoren auch dadurch begründet, dass das Alleinleben von etlichen Frauen als eine Möglichkeit erlebt wird, einengenden Geschlechtsrollenarrangements zu entkommen. Sie sind deshalb viel ambivalenter als Männer bei der Entscheidung, wieder eine Beziehung einzugehen. Das relativ hohe Vorkommen nicht-reziproker Sexualität bei älteren (heterosexuellen) Paaren - der Mann will mehr, der Mann ist initiativer - ist eine weitere Folge eben dieser Arrangements und wird vermutlich in dem Maße abnehmen, wie die „gender equalisation" in späteren Generationen zunimmt.

Fußnoten

1 Die Adressen der Befragten wurden nach einem Zufallssystem von den Einwohnermeldeämtern in Hamburg und Leipzig aus den Populationen der 1942, 1957 und 1972 Geborenen gezogen. 30 % der Männer und Frauen, die wir um ein Interview baten, waren zur Mitarbeit bereit. Die Interviews, die im Durchschnitt etwa 75 Minuten dauerten, wurden von den MitarbeiterInnen des Projekts und von StudentInnen, die für die Befragung besonders geschult waren, erhoben (vgl. im Einzelnen Schmidt u.a. 2003). Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgesellschaft (Schm 261/7-1) gefördert.

2 Die kollektiven Erfahrungen dieser beiden Generationen lassen sich selbstverständlich nicht nur und vermutlich nicht einmal in erster Linie auf Unterschiede in der sexuellen Sozialisation reduzieren, wie wir es hier vereinfachend tun. So sind die 1942 Geborenen Kriegskinder, die 1957 Geborenen „Wirtschaftswunder"-Kinder. Eine der vielen Konsequenzen dieser Differenz ist zum Beispiel, dass von ersteren 26 %, von letzteren 10 % den Vater in ihrer Kindheit verloren.

3 Dieser Begriff geht auf Haavio-Mannila u.a. 2002 zurück.

4 vgl. Schmidt 2003

5 Das heißt selbstverständlich nicht, dass Alterungsvorgänge keine Rolle spielen. So sagt ein Viertel der 60-Jährigen, dass körperliche Krankheiten von ihnen selbst oder ihrem Partner/ihrer Partnerin ihr Sexualleben im letzten Jahr „häufig" oder „sehr häufig" beeinträchtigt haben. Bei den 45-Jährigen ist es nur jeder Achte.

6 Drei Bedingungen mussten erfüllt sein, um die Befragten in die Kategorie „hohe Beziehungsbefriedigung" einzuordnen: (1) Sie fühlen sich zur Zeit sehr wohl mit ihrem Partner/ ihrer Partnerin; (2) sie sind heute ebenso zufrieden oder zufriedener mit ihrer Partnerschaft wie/als am Anfang der Beziehung; (3) sie beantworten die Frage, ob sie sich heute noch einmal für ihren Partner/ ihre Partnerin entscheiden würden, uneingeschränkt mit „ja".

7 So haben zum Beispiel 61 % dieser Frauen, aber nur 26 % dieser Männer in den vier Wochen vor der Befragung sexuell abstinent gelebt, das heißt, sie hatten weder mit jemandem geschlafen noch masturbiert.

Autoren

Prof. Dr. phil. Gunter Schmidt
Gunter Schmidt ist Professor für Sexualwissenschaft an der Abteilung für Sexualforschung der Universität Hamburg.
 

Dipl.-Soz. Silja Matthiesen
Dipl.-Soz. Silja Matthiesen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Forschungsprojekts „Beziehungsbiographien im sozialen Wandel“, das zur Zeit an der Abteilung für Sexualforschung der Universität Hamburg durchgeführt wird. Sie publizierte gemeinsam mit Arne Dekker und Gunter Schmidt mehrere Beiträge in dem von Gunter Schmidt herausgegebenen Band: „Kinder der sexuellen Revolution. Kontinuität und Wandel studentischer Sexualität 1966–1996“ (Psychosozial-Verlag, Gießen 2000).
 

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