Sexuelle Realitäten älterer Frauen

Im medizinischen Kontext werden Frauen ganz wesentlich durch ihren menopausalen Status definiert. Das gilt auch für die weibliche erotische Identität und Sexualität. Eine Vielzahl von Publikationen suggeriert, das einzige erotisch-sexuelle Problem von Frauen im mittleren und höheren Alter sei ein Mangel an Östrogenen (sowie die daraus eventuell resultierenden Folgen wie zum Beispiel Lubrikationsschwäche und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr), und jeder Frau sei da leicht zu helfen - nämlich durch das richtige Hormonpräparat. Stimmt das? Vor dem Hintergrund eines Forschungsüberblicks und einer eigenen Befragung von 91 50- bis 91-jährigen Frauen soll darauf näher eingegangen werden (Sydow 1994, 2000, im Druck, in Vorbereitung; Sydow/Reimer 1995).

Forschungsergebnisse zur sexuellen Aktivität und zum Interesse

Geschlechtsverkehr - die am häufigsten untersuchte Variable - wird von den meisten Paaren bis etwa Mitte/Ende 60 praktiziert, mit Anfang 70 noch von einem Drittel. Über nichtkoitale heterosexuelle Kontakte ist (ähnlich wie auch über homosexuelle/lesbische Kontakte) fast nichts bekannt. Zärtlichkeit ist wahrscheinlich lebenslang von hoher Bedeutung, wurde bisher aber kaum erforscht. Und Selbstbefriedigung ist sehr tabuisiert, wird aber immerhin noch von 8 bis 40 % der über 80-jährigen Frauen „zugegeben". Die Angaben zum sexuellen Interesse sind - je nach Studie - sehr unterschiedlich. Die Mehrheit der Frauen scheint (mindestens) bis Ende 70 sexuell interessiert zu bleiben, wobei das sexuelle Interesse im höheren Alter meist eher „gering" ausgeprägt ist. Während erotische Phantasien eher tabuisiert sind und von älteren Frauen seltener angesprochen werden, berichten noch ein Drittel der über 80-jährigen Frauen von erotischen Träumen nachts im Schlaf (Sydow 2000).

Doch Durchschnittswerte besagen nur wenig - der bedeutsamste Befund ist, dass ältere Frauen sich ebenso wie jüngere und noch stärker als Männer in sexueller Hinsicht voneinander unterscheiden. Die Reaktionen älterer Frauen auf die Beendigung des Geschlechtsverkehrs reichen von „Ich war darüber ganz froh" bis „Ich hab' manchmal geweint" (Sydow 1994). Das weibliche sexuelle Interesse und die Aktivität im reifen Alter ist von verschiedenen körperlichen, gesellschaftlichen und biografischen Einflüssen geprägt, auf die in der Folge näher eingegangen wird.

Wichtige Einflussfaktoren

Der Gesundheitszustand ist eine wesentliche Determinante der männlichen sexuellen Aktivität im Alter - weniger einflussreich dagegen bei Frauen. Auch von normalen Alternsveränderungen der sexuellen Reaktionen sind Männer stärker betroffen als Frauen: Zwar wird die Haut von Vulva und Vagina nach den Wechseljahren etwas dünner und empfindlicher, was den Geschlechtsverkehr erschweren kann, und die Lubrikation etwas schwächer, doch die sexuelle Reaktionsfähigkeit (Erregbarkeit und Orgasmusreaktion) bleibt Frauen im Wesentlichen unbeeinträchtigt bis ins hohe Alter erhalten.

Frauen haben eine etwa sieben Jahre höhere Lebenserwartung als Männer, insofern besteht in der Gruppe der über 65-Jährigen eine Unausgewogenheit der Geschlechter. Demographen sprechen vom „Frauenüberschuss" - doch aus weiblicher Sicht ist es eher ein Männermangel (60 bis 69 Jahre: in etwa ausgeglichen; 70 bis 79 Jahre: 3 Frauen/2 Männer; 80 bis 89 Jahre: 3 Frauen/1,5 Männer). Diese Problematik verschärft sich noch ungemein dadurch, dass Frauen oft mit etwas älteren Männern Beziehungen eingehen. Das führt dazu, dass 75 % der über 65-jährigen Männer verheiratet sind, während das nur für 28 % der gleichaltrigen Frauen gilt (die meisten Frauen in dieser Altersgruppe sind bereits verwitwet, zunehmend mehr Frauen und Männer jedoch auch geschieden). Insofern ist es für ältere Frauen weniger einfach, einen neuen Partner zu finden als für ältere Männer.

Die Partnersuche wird auch erschwert durch das, was die amerikanische Publizistin Susan Sontag (1977) den „double standard of aging" genannt hat (den - geschlechtsspezifisch unterschiedlichen - Doppelstandard des Alterns). Sie beschreibt, dass für Männer zwei Schönheitsideale existieren (der Knabe/junge Mann und der Herr mit den grauen Schläfen), für Frauen dagegen nur eines (das Mädchen) und dass „altes" Aussehen (z.B. Falten, weiße Haare) bei Frauen als stärker attraktivitätsmindernd gilt als bei Männern. Auch gilt körperliche Attraktivität von Frauen bei der Partnersuche generell als wichtiger als bei Männern. Obwohl sich inzwischen - kleine - historische Veränderungen abzeichnen und zum Beispiel in Modeillustrierten manchmal auch reifere Frauen dargestellt werden und es wohl schon immer ältere Frauen mit jüngeren Liebhabern gab, ist für älter werdende Frauen ein gesundes Selbstbewusstsein (das nicht allein auf körperlicher Attraktivität beruht) besonders wichtig (Sydow 1994).

Die sexuelle Biografie von Frauen (und Männern), die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgewachsen sind, war unter anderem geprägt durch unzureichende Sexualaufklärung, eine strikte Sexualmoral, sexuelle Doppelmoral, unzureichende Verhütungsmöglichkeiten sowie zum Teil sexuelle Gewalterfahrungen. Während viele Menschen durch die Frauenbewegung, die Pille und die so genannte „sexuelle Revolution" ihre Haltung zur Sexualität verändert haben, so existiert doch auch eine Gruppe älterer Menschen, die sich die Sicht ihrer Jugend „konserviert" haben und zum Beispiel im Alter massive Schuldgefühle wegen Selbstbefriedigung oder sogar ehelicher sexueller Kontakte nach den Wechseljahren empfinden.

Schließlich hat auch die emotionale Beziehungsqualität in Partnerschaften einen Einfluss auf die Sexualität, wobei die Wechselbeziehung zwischen beiden Komponenten komplex und zum Teil antagonistisch ist. Im therapeutischen Kontext wird deutlich, dass sexuelle Probleme unter anderem in folgenden Situationen auftreten können:

  • wenn Konflikte aus anderen Lebensbereichen (z. B. Haushalt) ungelöst schwelen;
  • nach schwerwiegenden emotionalen Verletzungen (z. B. durch Außenbeziehungen);
  • bei zu dichter, enger und „verschmolzener" Lebensweise des Paares;
  • wenn Probleme mit der Bewältigung ernster Erkrankungen auftreten;
  • bei Schüchternheit/Scheu, die eigenen sexuellen Bedürfnisse zu zeigen.

Was bereitet älteren Frauen sexuelle Probleme?

Während eine Vielzahl von Studien zu sexuellen Problemen menopausaler Patientinnen vorliegt, sind sexuelle Probleme „normaler" 50- bis 90-jähriger Frauen (keine Patientinnen) bisher kaum untersucht worden. Die vorliegenden Studien deuten darauf hin, dass das bedeutsamste Problem erstens ein Mangel an Zärtlichkeit ist (darunter leiden 32 % der Singles und 17 % der verheirateten Frauen) und zweitens ein Mangel an sexuellem Kontakt, beispielsweise wegen fehlendem Partner, Unlust, Potenzproblemen oder Krankheit des Mannes (27 % Singles, 41 % verh.). Andere Probleme wie sexuelle Kommunikationsprobleme, sexuelle Routine oder sexuelle Langeweile (13 % verh.), Koitus-Schmerzen/Scheidentrockenheit (7 bis 14 % verh.) oder Schuldgefühle wegen sexueller Gefühle oder Handlungen (5 bis 7 %) nehmen in Normalpopulationen einen geringeren Stellenwert ein (Literaturquellen: Sydow 2000).

Nicht unerwähnt sollte allerdings auch bleiben, dass 13 % der älteren Frauen unter Harnwegsbeschwerden leiden, was zwar an sich kein sexuelles Problem ist, jedoch leicht zu sexuellen Problemen beitragen kann.

Eine repräsentative US-Querschnittstudie, die sich allerdings auf Personen beschränkt, die einen Partner haben und mit diesem auch sexuell aktiv sind, belegt sogar, dass die meisten sexuellen Funktionsstörungen bei jungen Frauen und bei älteren Männern zu finden sind - alle Funktionsstörungen außer schwacher Lubrikation/Erregung treten bei den Frauen der ältesten untersuchten Gruppe (50 bis 59 Jahre) seltener (!) auf als bei jüngeren Frauen (Laumann et al. 1994; zit. n. Sydow, im Druck).

Insofern scheint der Fokus des medizinischen Interesses zwar durchaus eine Rolle zu spielen - doch bei weitem nicht so bedeutend zu sein wie der Wunsch nach mehr sexuellem Kontakt und nach mehr Zärtlichkeit.

Ist die Menopause „schuld" an sexuellen Veränderungen oder Beschwerden?

Das sexuelle Interesse und die Erregbarkeit sind eher relativ unbeeinflusst von den Wechseljahren. Der Östrogenstatus ist auch nicht signifikant korreliert mit diesen sexuellen Variablen. Allerdings stehen das Schwächerwerden der Lubrikation und Dyspareunie (= Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) zum Teil in Zusammenhang mit den hormonellen Umstellungen. Auch das Dünnerwerden der Haut von Vulva und Vagina (Atrophie), Veränderungen des Scheiden-Milieus (sauer-alkalisch) und das mit diesen Veränderungen einhergehende erhöhte Infektions-, Blutungs- und Verletzungsrisiko stehen in Zusammenhang mit den Wechseljahren. Bei der Mehrheit der Frauen treten jedoch nur geringe Veränderungen auf, die zu keinen oder nur geringen Beschwerden führen.

Eine neue Labor-Studie (mit allerdings nur einer kleinen Gruppe nicht-repräsentativer Frauen) belegt, dass sich die Lubrikation von prämenopausalen Frauen von der von Frauen in oder nach den Wechseljahren unterscheidet. Genauer: Die Vagina von jüngeren Frauen ist in sexuell nicht erregtem Zustand feuchter als die von älteren Frauen - bei sexueller Erregung jedoch bestehen keine Unterschiede in der Lubrikation (Laan/van Lunsen 1997, zit. n. Sydow, im Druck). Nun scheint es so zu sein, dass Frauen nicht selten Geschlechtsverkehr haben ohne sexuell erregt zu sein. Das kann bei jüngeren Frauen ohne große Schmerzen funktionieren, da auch ohne jede Erregung noch eine gewisse vaginale Lubrikation vorhanden ist. Wenn Frauen/Paare dieses sexuelle Verhaltensmuster dann während und nach den Wechseljahren fortsetzen, kann das für die Frau richtig schmerzhaft werden, da ihre Vagina nicht länger sowieso feucht ist - sie leidet unter Dyspareunie, die scheinbar durch die Wechseljahre kommt, tatsächlich aber von Geschlechtsverkehr ohne sexuelle Erregung.

Die Abnahme der koitalen Aktivität steht eher in Zusammenhang mit anderen Ursachen als mit den Wechseljahren: Es besteht auch kein signifikanter Zusammenhang zwischen Aktivität und Östrogenstatus. Stattdessen ist diese Abnahme in der Regel partnerbedingt. Entweder durch Partnerverlust (Tod, Trennung/Scheidung) oder aber durch Alternsveränderungen der Sexualität des Partners (Abnahme von sexuellem Interesse und Potenz) sowie auch - wie in jedem Lebensalter - durch Partnerschaftsprobleme. Auch ein eigenes sexuelles Desinteresse der Frau, das meist schon lange bestand, kann eine Rolle spielen.

Ältere Frauen sind sexuell unterschiedlich!

Menschen jeden Alters können auf unterschiedliche Weise mit ihrer Sexualität umgehen. Ältere Frauen nutzen verschiedene sexuelle Optionen - oft auch mehrere verschiedene Möglichkeiten gleichzeitig (ausführlich: Sydow 1994). „Selbstbestimmte sexuelle Abstinenz" ist sowohl bei manchen Witwen anzutreffen (s. Zitat unten) als auch bei Frauen in Partnerschaften, die vielleicht noch nie Freude an Sex hatten oder aber aufgrund partnerschaftlicher und/oder gesundheitlicher Probleme ihr sexuelles Interesse verloren haben.

Eine 73-Jährige: „Ich bin an meinen Mann gebunden, nich', auch selbst jetzt nach'm Tode noch, innerlich, nich'. Ich hätte kein Interesse - also, es würde mich irgendwie schütteln mit 'nem anderen Mann zusammen zu sein. - Ja, sag' ich ehrlich." (zit. n. Sydow 1994, S. 98)

Nicht selten bemühen sich allein stehende ältere Frauen auch um „Selbstbeherrschung, Ablenkung und Verdrängung". So antwortete eine 68-Jährige auf die Frage „Haben Sie jetzt manchmal Lust auf Sexualität?" mit leiser Stimme „Wenn ich meinen Mann hätte: ja. - ... Ja - im Grunde - weil man eben lernt sich - sich anders einzurichten und andere Dinge - den Tag zu verbringen, nicht - das ist einfach - das existiert nicht mehr, nicht. - Das geht überhaupt - ohne Gegenüber ist es ja ohne Bedeutung. ... Es ist noch da, ja. - Aber Sie können nicht mehr (lächelnd) radfahren, wenn Sie kein Fahrrad haben!" (zit. n. Sydow 1994, S. 102). Wobei gerade das Stockende und „Holprige" ihrer Antwort darauf hindeutet, dass es ihr nicht leicht fällt, sich mit diesem schmerzlichen Thema auseinander zu setzen.

Andere - nicht nur bei Alleinstehenden - verbreitete sexuelle Optionen sind „Flirten bzw. erotische Interaktion", „Träume, Phantasien und Erinnerungen", „Selbstbefriedigung (auch mit Nutzung von literarischen oder visuellen Erotika)", „Austausch von Zärtlichkeit", zum Beispiel mit Freundinnen, Freunden, Kindern und Enkeln und „Sublimierung", zum Beispiel durch die Beschäftigung mit Musik, Literatur und bildender Kunst.

Eine 77-jährige Frau: „Auch hier [im Seniorenclub] die Männer - da sind ja auch jüngere Männer, die sind auch sehr nett ... Sind auch zurückhaltend, die Männer. - Ich muss auch noch Blumen gießen. Wenn ich die Blumen gieße, wenn ich da reinkomm' [in den Raum, in dem die Männer sich aufhalten], da ham' die 'nen Spaß! (lacht, klatscht in die Hände) Und da sind schon mal - zwei Männer, sind ein paar nette, hübsche Männer, und wenn wir dann so 'ne Fahrt ins Blaue machen und wir tanzen - ja, wir tanzen zusammen. Aber sonst ist alles OK, ja. ... Man sagt ja mal: ‚Mit dem würd' ich ja schon 'ne Todsünde machen', sagt man ja schon mal, nicht. ‚Och, mit dem tät's ja och'n Todsünde mache'. (lacht) - Aber, wenn's drauf ankäme - nee, nee. Nein. Nein." (zit. n. Sydow 1994, S. 103)

Auch Schultz-Zehden (1998) identifizierte in ihrer Repräsentativstudie über ältere Frauen in Deutschland sechs unterschiedliche Gruppen (Cluster), die sich allerdings alle nur auf 50- bis 70-jährige Frauen mit Partner beziehen. Jeweils die Hälfte aller Frauen wurde einer positiven oder aber einer problematischen Gruppe zugeordnet. Drei Cluster galten als positiv: Die größte Gruppe sind die „zärtlichkeitsorientierten" Frauen, für die Zärtlichkeit wichtiger als Sex ist. Außerdem wurde noch eine Gruppe „sexuell befreiter" Frauen identifiziert, die nach den Wechseljahren einen zweiten Frühling erlebten und ihre Partnerschaft als besonders glücklich beschrieben. Als dritte wurde eine Gruppe „sexuell emanzipierter" Frauen identifiziert, die sich durch besonders hohe sexuelle Initiative (höher als die ihrer Partner) und Aktivität auszeichnen.

Die „sexuell Zurückgezogenen" praktizieren mehrheitlich keinen Geschlechtsverkehr mehr (nur noch 16 % sind koital aktiv) und sind froh über ihre sexuelle Abstinenz. Diese Gruppe nimmt seltener als alle anderen Gruppen Hormone ein (nur 8 %).

Zwei problematische Gruppen wurden identifiziert:

Die „sexuell Unbefriedigten" wünschen sich mehr Sexualität, erleben den Sex in ihrer Ehe/Partnerschaft jedoch eher negativ. Und eine Gruppe hatte „sexuell das Interesse verloren", was kein Problem sein muss, jedoch eines zu sein schien, da 65 % dennoch koital aktiv waren; hier war die Einnahme von Hormonmedikamenten am stärksten verbreitet (38 %).

Zusammenfassend lässt sich über die beiden problematischen Gruppen sowie die „sexuell Zurückgezogenen" (insgesamt 47 % aller Frauen mit Partner) sagen, dass alle ihr sexuelles Interesse und ihren Genuss als geringer als früher einschätzen, ihre sexuelle Aktivität als (viel) geringer, und dass koitale Inaktivität häufiger ist. Menopausale Beschwerden sind stärker ausgeprägt, und der Medikamentenkonsum ist hoch. Diese Frauen neigen auch stärker dazu, sexuelle Veränderungen auf hormonelle Veränderungen zurückzuführen und haben allgemein Probleme, über Sex zu sprechen. Die Frauen aus den drei positiven Gruppen (insgesamt 53 %) dagegen erleben sich in ihrem sexuellen Interesse und Genuss als unverändert. Ihre sexuelle Aktivität ist meist etwas geringer als früher (oder konstant) und 93 bis 98 % sind koital aktiv. Die menopausalen Beschwerden sind meist gering ausgeprägt, und auch der Medikamentenkonsum ist gering. Die Frauen aus diesen Gruppen haben bessere sexuelle Kommunikationsfähigkeiten.

Schlussfolgerungen

Frauen bleiben ebenso wie Männer lebenslang sexuelle Lebewesen. Zwar nimmt die koitale Aktivität während der Wechseljahre durchschnittlich ab (nicht aber die Selbstbefriedigung), doch das ist auch schon vor und weiterhin auch nach der Menopause der Fall und ist ein Effekt des Alters (insbesondere des Partners) und der Beziehungsdauer.

Manche ältere Frauen entwickeln uro-genitale Beschwerden, die (auch) in Zusammenhang mit der hormonellen Umstellung der Menopause stehen (z. B. Dyspareunie, Neigung zu vaginalen und Blaseninfektionen), und die Lubrikation wird bei allen Frauen etwas schwächer. Sie ist bei der Mehrheit der sexuell aktiven Frauen jedoch auch weiterhin ausreichend für den Geschlechtsverkehr - sofern die Frau sexuell erregt ist (nicht selten praktizieren Frauen Geschlechtsverkehr, ohne sexuell erregt zu sein, und das führt insbesondere bei älteren Frauen zu Problemen). Der Östrogenstatus ist nicht signifikant korreliert mit dem sexuellen Interesse, der Erregbarkeit, dem Orgasmus oder der vulvo-vaginalen Gesundheit (diese ist jedoch besser bei koital aktiven Frauen). Gelegentlich nutzen Frauen die Wechseljahre oder eine Erkrankung als Anlass, eine unbefriedigende sexuelle Beziehung zu beenden. In diesen Fällen bestanden oft seit Jahrzehnten sexuelle Probleme, und die Frau hatte noch nie oder schon lange keine Freude mehr an der Sexualität.

Doch die Mehrheit der älteren Frauen hat eher Probleme mit dem Fehlen sexueller Kontakte (z.B. weil der Partner krank ist oder Potenzprobleme hat oder kein Partner vorhanden ist) und dem Fehlen zärtlicher Kontakte (ein Viertel aller älteren Frauen und Männer hat gar keinen zärtlichen Kontakt). Und viele ältere Frauen schließlich leben sexuell zufrieden - eine Tatsache, die in der Fokussierung der Medizin auf Defizite, Beschwerden und Patientinnen leicht übersehen wird.

Literatur

Schultz-Zehden, B. (1998): Sexuality in postmenopasual women.

In: Nijs, P./Richter, D. (Eds.): Advanced research in psychosomatic obstetrics and gynaecology 1998. Peeters Press, Leuven/Belgium, S. 65-89

Sontag, S. (1977): The double standard of aging. In: Allmann, L. R./Jaffe, D. T. (Hrsg.): Readings in adult psychology. Harper & Row, New York,

S. 258-294

Sydow, K. v. (1994): Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen (2. Auflage). Ernst Reinhardt, München

Sydow, K. v. (2000): Die Sexualität älterer Frauen: Der Einfluss von Menopause, anderen körperlichen sowie gesellschaftlichen und partnerschaftlichen Faktoren. Zeitschrift für ärztliche Fortbildung und Qualitätssicherung, 94,

S. 223-229

Sydow, K. v. (im Druck): Wechseljahre und Sexualität. In Jahn, I. (Hrsg.): Wechseljahre multidisziplinär. Was wollen Frauen - was brauchen Frauen. Asgard-Verlag, St. Augustin

Sydow, K. v. (in Vorbereitung): Sexualität in Beziehungen. Hogrefe, Göttingen

Sydow, K. v./Reimer, C. (1995): Psychosomatik der Menopause: Literaturüberblick 1988-1992. Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie, 45(7), S. 225-235

Autor

PD Dr. Kirsten von Sydow
Kirsten von Sydow studierte an der Universität Bonn Psychologie und promovierte dort auch. Sie war an verschiedenen Universitäten und Forschungsinstituten als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und hat sich an der Universität Hamburg habilitiert. Sie ist approbierte Psychologische Psychotherapeutin (für Erwachsene und für Kinder/Jugendliche) mit tiefenpsychologischem und systemischem Hintergrund. Derzeit arbeitet sie als Vertretungsprofessorin für Klinische Psychologie an der Universität Duisburg-Essen.
 

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