Sexualität und Älterwerden. Ein Arbeitsschwerpunkt der pro familia

Einführung¹

Im Unterschied zu europäischen Nachbarländern sind in Deutschland demographische Debatten nicht selbstverständlicher Bestandteil allgemeiner gesellschaftlicher Diskurse. In unregelmäßigen Abständen entdecken Politik und Medien den „demographischen Faktor" und verwerfen diesen auch wieder. So ergeht es auch dem Thema „Alterung der Gesellschaft" seit den siebziger Jahren. Die deutsche Bevölkerungswissenschaft und europäische Institutionen wie der Europarat haben seither kontinuierlich fundierte Analysen zu diesem Sachverhalt vorgelegt. In den seltensten Fällen sind aus den Analysen ernsthafte Konsequenzen gezogen worden.

Familienplanungs- und Sexualberatungsorganisationen wie pro familia können sich demographischen Veränderungen in der Gesellschaft nicht entziehen. Die informations- und Rat suchenden Menschen kommen zu ihnen und erwarten Dienstleistungsangebote, die auf ihre jeweilige Lebenslage zugeschnitten sind. Das Alter der Klientel ist sowohl in der Familienplanungsberatung und Sexualpädagogik als auch in der Partnerschafts- und Sexualberatung von Bedeutung. Ein traditionelles Thema der Familienplanungsberatung, welches sozusagen das Thema „Sexualität und Älterwerden" immer mittransportiert, ist das Thema „Wechseljahre". Wechseljahre-Gruppen gehören zum Regelangebot der pro familia. Über dieses Angebot haben sich die MitarbeiterInnen frühzeitig Wissen und Erfahrungen zum Thema „Sexualität und Älterwerden" erworben. Im Unterschied zur traditionellen Familienplanungsberatung und Sexualpädagogik gibt es in der Sexual- und Partnerschaftsberatung jedoch keine Altersbeschränkung nach oben. Aus diesem Grund, und weil sich pro familia nicht nur den reproduktiven, sondern auch den sexuellen Rechten von Menschen verpflichtet hat, ist das Thema „Älterwerden und Sexualität" selbstverständlicher Teil ihrer Agenda.

Außer Frage steht, dass das Thema Sexualität und Älterwerden auch bei pro familia gewissen Konjunkturen unterworfen war. „Der Ächtung von Alterssexualität folgte, ausgehend von den USA, in den achtziger Jahren eine entgegengesetzte Welle, die Sexualität als gesundheitsfördernd darstellte und (...) die körperlichen Einschränkungen des Alters und statistische Tatsachen, etwa das zahlenmäßige Verhältnis von Frauen und Männern, einfach leugnete."² Zeitgleich begann pro familia mit der systematischen Bearbeitung des Themas. Dies schlug sich in zahlreichen Beiträgen der Verbandszeitschrift pro familia magazin, internen Debatten über die Perspektiven des Aufgabengebiets und neuen Fortbildungsangeboten zum Thema „Sexualität in der zweiten Lebenshälfte" nieder. Parallel hierzu wurden - den Möglichkeiten der pro familia-Einrichtungen entsprechend - sukzessive Dienstleistungsangebote für ältere Menschen aufgebaut.

Zweifelsohne hat die UN-Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung 1994 in Kairo einen für Familienplanungsorganisationen wesentlichen Beitrag zum Thema Älterwerden und Gesundheit geleistet. In Kairo wurde ein Aktionsprogramm verabschiedet, das auch das Thema Alter und die Situation älterer Menschen berücksichtigt. In der Folge von Kairo hat die Dachorganisation der pro familia, die International Planned Parenthood Federation (IPPF), die IPPF-Charta der sexuellen und reproduktiven Rechte verabschiedet, der sich auch pro familia verpflichtet hat. Im Kapitel 3, 3.2. der Charta heißt es: „Alle Personen haben ohne Berücksichtigung ethnischer Zugehörigkeit, Hautfarbe, Armut, Geschlecht, sexueller Orientierung, Familienstand, Stellung in der Familie, Alter, Sprache, Religion, politischer und anderer Überzeugung, nationaler und sozialer Herkunft, Eigentum, Geburt oder eines sonstigen Status das Recht auf einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Information zur Sicherung ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens. Dies schließt den Zugang zu Informationen, Beratung und Dienstleistungen, die ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit und ihre sexuellen und reproduktiven Rechte betreffen, ein."

Vor diesem Hintergrund entwickelte der pro familia-Bundesverband ein neues Sechs-Jahre-Programm, in dem der Schwerpunkt „Älterwerden und Sexualität" einen herausragenden Platz einnimmt. Im Rahmen des Programms wurde eine neue dreistufige Fortbildung zu „Alter und Sexualität" unter der Leitung des renommierten Psychoanalytikers und Alternspsychotherapeuten Professor Hartmut Radebold eingeführt.

Das pro familia-Dienstleistungsangebot für ältere Menschen ist mittlerweile breit gefächert. Neben Sexual- und Paarberatung sowie Wechseljahre-Gruppen werden themenspezifische Gesprächskreise und Veranstaltungen sowie Bewegungskurse angeboten. Telefonsprechstunden zu Liebe, Sexualität und Partnerschaft erfreuen sich besonders hoher Nachfrage und werden auch von Angehörigen älterer Menschen und AltenpflegerInnen genutzt. In der Frauen- und Männergesundheitsberatung (z.B. Beratung zu Erektionsproblemen) hat das Thema Sexualität und Älterwerden seinen selbstverständlichen Platz. Schließlich engagiert sich pro familia seit Jahren auf dem Gebiet der Multiplikatoren-Qualifizierung (z.B. für Pflegepersonal) in Zusammenarbeit mit Fachhochschulen.

Unstrittig ist für pro familia, dass sie sich auch weiterhin für das Recht älterer Menschen auf sexuelles Wohlbefinden und das damit verbundene Recht auf entsprechende Informations- und Beratungsangebote einsetzen wird. Sie wird zukünftig - so die Ergebnisse einer pro familia-Fachkonferenz zum Thema³ - ihre Bemühungen

  • um Wissensvermittlung zum Thema Alterssexualität für die Betroffenen selbst und alle die in diesem Bereich tätigen Berufsgruppen noch verstärken;
  • ihre Beratungsangebote für über 60-Jährige ausbauen;
  • die pro familia-Sexualpädagogik dafür nutzen, Sexualität im Alter zu entstigmatisieren und vor allem
  • mit Organisationen für ältere Menschen und Initiativen von älteren Menschen den pro familia-Arbeitsbereich Sexualität und Älterwerden weiterentwickeln.

Aus der Praxis: Paar- und Sexualberatung älterer Menschen[4]

In meiner Beratungstätigkeit bei der pro familia-Beratungsstelle München-Schwabing waren im vergangenen Jahr 2002 32 % meiner KlientInnen älter als 50 Jahre und 7,3 % älter als 60 Jahre. Die älteste Klientin war 79 Jahre alt. Eine Zunahme älterer KlientInnen ist seit einigen Jahren deutlich feststellbar.

Mein bisher ältester Klient war ein Mann mit 85 Jahren, dessen 60-jährige Freundin mit der gemeinsamen Sexualität unzufrieden war. Er wandte sich zunächst an seinen Apotheker, der ihn dann zur pro familia weiter verwies. Das ist nun schon einige Jahre her, noch vor der Einführung der berühmten blauen Pille für Männer, und ich weiß nicht, ob ich ihm damals bei seinem Problem beratend helfen konnte. Heute, nach einigen speziellen Fort- und Weiterbildungen zum Thema Altern, Partnerschaft und Sexualität, weiß ich wesentlich mehr als damals und könnte sicher adäquater auf seine Probleme eingehen.

Einige Recherchen zur Vorbereitung auf dieses Thema ergaben interessante Ergebnisse: So ergab die Suche über MSN[5] Ende November 2002 zu „Sexualität im Alter" 22690 Treffer, der GeroLit Suchbegriff „Alterssexualität" im Deutschen Zentrum für Altersfragen brachte 519 Literaturhinweise, und die Nachschau bei Deutschlands größtem Online-Buchhändler zeigte etliche neue Publikationen aus den Jahren 1999 bis 2002 (wobei interessanterweise auch ein Ratgeber für Sex über Vierzig [!] in der Liste auftauchte). Nimmt man die ganzseitigen Anzeigen in diversen Magazinen hinzu, so ist eines klar: Das Thema ist in! Und wie sieht es nun in der gelebten Wirklichkeit von Menschen aus?

Annäherung 1

Monika Kornfeld, eine diplomierte Ehe- und Familienberaterin und Psychotherapeutin aus Linz in Österreich, beschreibt sie in aller Kürze so: „Bis zum Ende der aktiven Berufszeit werden Frauen und Männern Erotik und Sexualität offen zugestanden. Über die Zeit danach wird geschwiegen. Es schickt sich nicht, darüber noch ernsthafte Worte zu verlieren. So als sei mit der Pensionierung auch das Liebesleben irgendwie zu Ende und ausgestanden. Nicht wenige Frauen und Männer haben diese Einstellung verinnerlicht, verzichten auf ihre Wünsche und leiden still an einer wachsenden sinnlichen Kargheit. Doch das Bedürfnis nach Sexualität und Zärtlichkeit begleitet unser gesamtes Leben. Vielleicht nimmt die Bedeutung von wärmender und lustvoller Berührung im Alter sogar noch zu."

Frau Kornfeld gibt Seminare für Paare zu diesem Thema und hat die Erfahrung gemacht, dass hier eine Tür geöffnet wird „für einen bislang fast sprachlosen Lebensbereich. In einer geschützten, vertraulichen Atmosphäre wird gesagt werden können, was ältere Menschen sich an Zärtlichkeit und Sexualität wünschen und was es schwer macht, liebevoll und sinnlich auch in fortgeschrittenen Jahren zu leben."[6] Dies trifft nach meinen Erfahrungen ebenso auf Paar- und Sexualberatung zu, eine entsprechende empathische Zugangsweise vorausgesetzt. Hier kann kurz angemerkt werden, dass es eine wichtige Rolle spielt, wie alt jeweils die/der Beratende ist, die/der dem Paar und auch einzelnen älteren Frauen und Männern gegenübersitzt.

Meine Annahme ist - sicher auch analytisch begründbar - dass BeraterInnen nicht zu jung sein dürfen, um mit älteren Menschen gut arbeiten zu können. Wer würde denn gerne seine Paar- und Sexualprobleme mit jemandem im Alter der eigenen Kinder oder sogar Enkelkinder besprechen wollen? So ist es für mich eine Voraussetzung, dass zu einem Fach-Team immer auch ältere KollegInnen gehören sollten - und selbstverständlich männliche und weibliche.

Zurück zu den KlientInnen: Natürlich unterliegt die Sexualität altersbedingten Veränderungen, hat aber keine Altersgrenze. Man kann gesichert davon ausgehen, dass ältere Menschen sexuell aktiv sind, sofern sie die Möglichkeit dazu haben. In einer Untersuchung hierzulande (von Sydow 1994) war nur für ein Drittel bis ein Viertel der älteren Frauen und für 12 % der Männer die Sexualität bedeutungslos geworden (nach Fahrner/Kockott 2003).

Dieselben Autoren stellen fest, dass „die Einstellung der Gesellschaft, ältere, besonders aber alte Menschen seien sexuell nicht mehr aktiv, (...) sehr verbreitet (ist). Insbesondere gilt dies für die ältere Frau; die Sexualität des älteren Mannes ist im Vergleich weniger tabuisiert. Ihm wird zum Beispiel Masturbation im Alter eher zugestanden, und außerpartnerschaftliche Kontakte werden eher ‚erlaubt', unter Umständen sogar positiv gesehen ... Andererseits sind die sexuellen Funktionen des älteren Mannes störanfälliger als bei der Frau, sowohl für körperliche als auch für psychische Faktoren."

Empfehlung 1

Sie ist für KollegInnen im Bereich von Paar-, Partnerschafts- und Sexualberatung (eigentlich) selbstverständlich: Ältere KlientInnen (genauso wie jüngere) sollten einfühlsam nach ihrer Sexualität befragt werden und, sofern gewünscht, sollte Sexual- (und Paar-)Beratung angeboten werden. Eine wichtige Voraussetzung ist die Kenntnis der altersbedingten Veränderungen bei Männern und Frauen, der Sexualstörungen im Alter, zum Beispiel der Appetenz-, Erektions- und Ejakulationsstörungen beim älteren Mann und deren körperliche und psychische Ursachen, nicht zu vergessen die Kenntnis der Auswirkungen von Pharmaka, die vielfach genommen werden.

Als Nichtmediziner bin ich bei den oben genannten Themen auf eine gute Zusammenarbeit mit Fachärzten (zum Beispiel Andrologen) hier in München angewiesen. Auf Grundlage von deren Diagnosen kann ich mich - falls von den KlientInnen gewünscht - den psychischen Faktoren zuwenden. Im Wesentlichen geht es dabei zuallererst um das Akzeptieren des eigenen Alterns und damit der eigenen Lebenswirklichkeit, aber auch um das Erkennen von Veränderungen in der Partnerschaft und, nach meinen Erfahrungen, insbesondere auch im Beruf.

Empfehlung 2

Auch halte ich es für wichtig, dem Paar oder dem einzelnen Mann, der einzelnen Frau im Beratungsprozess zu vermitteln, dass Veränderungen in der Sexualität, die altersbedingt sind, völlig normal sind. Diese Information entlastet den/die Einzelne/n und das Paar in der Regel ganz erheblich.

Annäherung 2

Hier möchte ich auf einige Auslöser für sexuelle Probleme eingehen, die im höheren Lebensalter auftreten können, aber auch bereits im mittleren Lebensalter vorfindbar sind. Ich stütze mich auf eigene Beobachtungen und Erfahrungen in meiner Beratungsarbeit der letzten Jahre, ergänzt durch Mitteilungen von KollegInnen im Bereich von Paar- und Sexualberatung und Fundstellen in der Fachliteratur.

Auslöser für sexuelle Probleme im partnerschaftlichen Bereich können sein:

  • Monotonie in der Partnerschaft, die teilweise bereits seit Jahren/Jahrzehnten besteht und, wie mir ein Klient vor kurzem erzählte, bei ihm zu einer „chronischen Frustration" in der Beziehung geführt hat. Eine Umwandlung in eine „akute" Frustration, mit der dann gearbeitet werden könnte, erscheint häufig schwierig, ist aber in vielen Fällen möglich.
  • Mangelnde Kommunikation zwischen den Partnern, die bis zur Sprachlosigkeit führen kann, wobei die berühmten 8-Minuten-Gespräche pro Woche über die Beziehung (ein Durchschnittswert), falls diese überhaupt noch stattfinden, wenig ändern.
  • Umorientierung in der Partnerschaft durch den Auszug der erwachsen gewordenen Kinder. Hier spielt eine große Rolle, ob während der Jahre mit den Kindern in der Familie nur noch die „Eltern-Ebene" gelebt wurde, was mir sehr häufig begegnet, und die „Paar-Ebene" verloren ging. Diese Paar-Ebene neu zu entdecken und wieder mit gemeinsamem Leben als Paar zu füllen, ist die Aufgabe dieses Lebensabschnitts, was nicht immer gelingt und dann zu einer Trennung/Scheidung im höheren Lebensalter führen kann.
  • Sexuelle Selbstüberforderung: Davon höre ich vor allem dann, wenn ältere Männer Beziehungen zu (wesentlich) jüngeren Partnerinnen eingehen; oft existiert in diesen Beziehungen eine unterschwellige Angst des älteren Mannes vor jüngeren Konkurrenten. Hinzu kommen sehr konflikthafte Situationen, wenn sich die jüngere Frau mit ihrem Partner Kinder wünscht, dieser bereits erwachsene Kinder hat und seinen Kinderwunsch als erfüllt ansieht.
  • Nichtwissen/Teilwissen der altersbedingten Veränderungen bei Frau und Mann: Ich stelle häufig fest, wie wenig Wissen bei manchen Paaren und EinzelklientInnen über derartige Veränderungen vorhanden ist. Immer wieder wird in den Beratungsgesprächen zum Beispiel die Meinung geäußert, dass mit dem Klimakterium der Frau deren Sexualität „verschwinden" würde.
  • Körperliche und/oder seelische Erkrankungen: Ich wundere mich immer wieder, wie begrenzt behandelnde ÄrztInnen und TherapeutInnen ihre PatientInnen darüber informieren, welche Auswirkungen körperliche und seelische Erkrankungen auf Partnerschaft und Sexualität haben. Mitunter werden diese Informationen gar nicht gegeben, und die KlientInnen sind ohne dieses Wissen oft sehr irritiert und verzweifelt.

Auch im beruflichen Bereich finden sich viele Auslöser für sexuelle Probleme, wie zum Beispiel berufliche Überlastung, Probleme mit der Pensionierung/Verrentung, aber auch Enttäuschung und Frustration, etwa wenn der Arbeitgeber eine Altersteilzeitregelung (ATZ) oder eine Abfindung und damit die Beendigung des Arbeitsverhältnisses nahe legt. Hier erlebe ich in den Beratungsgesprächen immer wieder, welchen großen Einfluss der berufliche Bereich auf das partnerschaftliche und sexuelle Leben von Paaren hat. Besonders Männer, die ihr Selbstwertgefühl im Wesentlichen über den beruflichen Bereich beziehen, sind hier sehr sensibel. So sagte mir vor kurzem ein Mann mit Ende fünfzig, dass er, seit ihm sein Chef angeboten habe, ob er nicht in Altersteilzeit gehen wolle, in eine Krise geraten sei, die sich bereits in seiner Ehe und, wie er hinzufügte, „besonders im Bett" bemerkbar mache.

Es würde im Rahmen dieser Kurzdarstellung zu weit führen, auf körperliche und seelische Erkrankungen im Einzelnen eingehen zu wollen; hierzu gibt es sehr brauchbare Darstellungen in der Fachliteratur (für den älteren Mann zum Beispiel bei Fahrner/Kockott [2003]; hierzu würde ich Berberich/Brähler [2001], Daimler [1999], Gromus [2002], Wiegang/Kockott [1997] und andere zählen).

Ferner würde es zu weit führen, auf Beratungsansätze und -techniken eingehen zu wollen. Jeder Kollege, jede Kollegin, der/die eine qualifizierte Ausbildung zum/zur Ehe-, Partnerschafts- und Lebensberater/-in gemäß den Richtlinien des Deutschen Arbeitskreises durchlaufen hat, verfügt über die entsprechende Qualifizierung. In der Arbeit mit älteren und alten KlientInnen halte ich jedoch die bereits weiter oben geschilderten Zusatzkenntnisse für unverzichtbar. Dass hier regelmäßige Intervision und Supervision unterstützend hinzukommen, ist für mich eine Selbstverständlichkeit im beraterischen Arbeitsfeld. Meine eigene zusätzliche Qualifizierung habe ich durch eine mehrteilige themenspezifische Fort- und Weiterbildung des pro familia-Bundesverbands sowie durch team-eigene Fortbildungen mit Professor Hartmut Radebold vom Lehrinstitut für Alterspsychotherapie in Kassel erhalten.

Empfehlung 3 und Fazit

Ich stimme Fahrner/Kockott (2003) inhaltlich zu, dass das wichtigste Ziel aller Sexual- und Paarberatung „die sexuelle Zufriedenheit des Paares sein (sollte), nicht die (vielleicht bei organischer Mitbeteiligung gar nicht mögliche) Wiederherstellung der sexuellen Funktion".

Ebenso stimme ich ihrem folgenden Fazit zu: „Sexualität ist im Alter bedeutsam, wobei Zärtlichkeit, Nähe und Intimität gegenüber dem Geschlechtsverkehr erheblich an Bedeutung gewinnen. Sexuelle Störungen sind im Alter häufig durch organische und psychische Ursachen bedingt. Viele sexuelle Probleme im höheren Lebensalter können mit Sexualberatung geklärt werden. Bei psychotherapeutischen Maßnahmen muss darauf geachtet werde, dass es zu keiner Überforderung der Patienten kommt."

Ich fände es - auch vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung - sehr gut, wenn sich mehr und mehr KollegInnen entschließen könnten, mit dieser neuen, interessanten, herausfordernden Zielgruppe zu arbeiten.

Literatur

Berberich, Hermann/Brähler, Elmar (Hg.) (2001): Sexualität und Partnerschaft in der zweiten Lebenshälfte. Reihe „Beiträge zur Sexualforschung" Band 79; Psychosozial-Verlag, Gießen

Butler, Robert N./Lewis, Myrna I. (1996): Alte Liebe rostet nicht: Über den Umgang mit Sexualität im Alter. Verlag Hans Huber, Bern

Daimler, Renate (1999): Verschwiegene Lust: Frauen über 60 erzählen von Liebe und Sexualität. Franz Deuticke Verlag, Wien, München

Fahrner, Eva-Maria/Kockott, Götz (2003): Sexualtherapie: Ein Manual zur Behandlung sexueller Funktionsstörungen bei Männern (hier besonders Kapitel 18: Männer im höheren Lebensalter). Hogrefe-Verlag, Göttingen

Gerhardt, Günter/Wagner, Beatrice (2001): Wieder Lust an der Lust! Verlag im Kilian, Marburg

Gromus, Beatrix (2002): Sexualstörungen der Frau. Reihe „Fortschritte der Psychotherapie" Band 16. Hogrefe-Verlag, Göttingen

Starr, Bernard/Weiner, Marcella (1998): Liebe im Alter: Zärtlichkeit und Sexualität in reiferen Jahren. Scherz Verlag, Bern, München, Wien

Sydow, Kirsten von (1994): Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen (zweite, verbesserte Auflage). Reinhardts Gerontologische Reihe, Band 5. Ernst Reinhardt Verlag, München, Basel

Wiegand, Michael H./Kockott, Götz (Hrsg.) (1997): Partnerschaft und Sexualität im höheren Lebensalter. Springer-Verlag, Wien

Fußnoten

1 von Elke Thoss

2 Jürgensen, Ortrun, Die Sexualität älterer Menschen, Gesundheit und Umwelt, München, November 1999

3 Pro familia Fachkonferenz „Älterwerden und Sexualität" am 8. Mai 1999, Leipzig, siehe besonders Fachvortrag von Hartmut Radebold „Beratung (und Psychotherapie) Älterer - eine Utopie?"

4 von Robert Bolz; überarbeitete Fassung eines Impulsreferates auf der 6. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und

-psychotherapie e.V. vom 2. - 5. April 2003 in München (Fortbildungskurs FB B, Sozial- und Pflegeberufe, Beratung Älterer)

5 eine Internet-Suchmaschine (Anm. d. Red.)

6 Ausschreibung des Paar-Seminars „Sexualität und Zärtlichkeit im Alter", Referentin: Monika Kornfeld, Bildungshaus Schloss Puchberg, April 2003

Autoren

Elke Thoß
Elke Thoß ist Diplom-Soziologin, Geschäftsführerin des pro familia-Bundesverbands, Beraterin der WHO und IPPF. Sie berät Regierungen zum Thema „Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte“. Seit mehr als 15 Jahren leistet sie ehrenamtliche Unterstützung für NRO in Osteuropa.
 

Robert Bolz
Robert Bolz, Jahrgang 1942, ist Diplom-Pädagoge, Paar-und Sexualberater, Projektbegleiter und Organisationsberater. Er ist Mitarbeiter bei pro familia auf lokaler Ebene (Beratungsstelle München-Schwabing) und auf Ebene des Bundesverbandes (Federführung Ausschuss für Fort- und Weiterbildung).
 

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