„Meine Eltern tun das nicht." Zum Umgang mit Sexualität in der Generationenfolge

Einleitung

Wie denken Jugendliche über die Sexualität ihrer Eltern? Diese Frage suchen wir mit der psychoanalytischen Entwicklungslehre zu klären. Dass menschliche Fortpflanzung sich innerhalb familiärer Strukturen abspielt, ist ein Wissen, welches Kinder gewöhnlich schon in der Vorschulzeit erwerben, denn sie erleben sich selbst oder, im Falle eines allein erziehenden Elternteils, zumindest ihre Spielgefährten als die nachwachsenden Menschen innerhalb von Familien. Das wird im Spiel der Kinder besonders deutlich: Das Spiel von Mädchen mit Puppen, sei es in der Pflege von Säuglingspuppen oder in der eigenen Rolle als Puppenmama mit einem Puppenvater, ist nicht nur Zeichen für dieses Erleben, sondern stimuliert es auch. Die Familie als der schützende Raum für die nachfolgende Generation, die im Leben noch unerfahren ist und daher der Hilfe und des Schutzes bedarf, wird so frühzeitig schon von Kleinkindern wahrgenommen. Der kindlichen Entwicklung entsprechend ist es hier vor allem zunächst die Dyade zwischen Mutter und Kind, welche das Kleinkind als erstes erlebt, und erst mit Beginn des von der Psychoanalyse so genannten „Ödipuskomplexes" in der so genannten genitalen, der dritten Phase der frühen Kindheit zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr, wird auch der Vater in der Wahrnehmung des Kindes in Abhebung von der Mutter bedeutsam. Dieser psychoanalytischen Entwicklungslehre entsprechend - von neopsychonalytischen Vorstellungen etwa der „frühen Triangulierung" nun einmal abgesehen - ist es ja tatsächlich zunächst ein dyadisches Erleben, welches in der zweiten, der so genannten „analen" Phase, also etwa zwischen Ende des ersten und dem dritten Lebensjahr, auf den Plan tritt und damit das Erleben des „grandiosen Selbst" in der ersten, so genannten „oralen" Phase - die im frühen symbiotischen Erleben des Säuglings ungetrennte Einheit zwischen dem Erleben der eigenen Person und der Umwelt - aufbricht. Ein Säugling, also noch in der oralen Phase befangen, spielt nicht mit Puppen, also Repräsentanten eines anderen „Selbst", sondern mit Bauklötzchen, Rasseln oder ähnlichen Gegenständen, also Repräsentanten der sachlichen Umwelt, welche noch relativ undifferenzierte taktile, optische oder akustische Wahrnehmungen vermitteln. In dieser ersten Phase geht es ja um die Vergewisserung der eigenen Existenz, um die Gewissheit, in dieser Welt angenommen zu sein, sich behütet zu fühlen und die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse nach Ernährung, Wärme und Zärtlichkeit befriedigt zu erleben. Es geht eben um die „symbiotische Einheit", welche auf Seiten der engsten Bezugsperson des Säuglings, meist also der Mutter, als vitale Bindung erlebt wird, während der Säugling die Mutter als ein Teil seines eigenen Selbst, seiner Welt erlebt und noch nicht zwischen Ich und Du unterscheiden kann, was einem monadischen Erleben entspricht. Diese aus ganz unterschiedlichem Erleben von Mutter und Kind sich einstellende symbiotische Bindung ist genau das, was als die ganz gesunde und für die Entwicklung notwendige frühe Symbiose bezeichnet wird.

Die Psychodynamik der Generationenfolge

Erst im Aufbruch dieser Symbiose, also mit dem beim Kind aufkommenden Erleben einer Trennung zwischen sich selbst und der Bezugsperson, mit der neuartigen Qualität des Erlebens von zwischenmenschlicher Kommunikation in der zweiten, der analen Phase, ist es dann möglich, die Mutter auch als eigenständiges „Objekt", als die Halt gebende, versorgende und behütende Instanz zu erleben. Dieses Erleben ist dann die Voraussetzung für die oben erwähnten Spiele mit Puppen, in denen sich diese Dyade zwischen der Hilfsbedürftigkeit des Kindes und der komplementären Bezugsperson widerspiegelt.

Die Generationenfolge wird dem Kind also zunächst in der Form einer Aufteilung zwischen versorgenden und versorgt werdenden Personen in der Familie, also zwischen Eltern und Kindern erfahrbar. Der Begriff „Libido" von S. Freud, eine Bezeichnung für die Lebensenergie schlechthin, zielt in der ersten, der oralen Phase, ganz auf die vitale Versorgung des kleinen Menschen hin. Sie wird nach Freud nun in der zweiten, der analen Phase, eng mit der Reinlichkeitserziehung des Kindes verbunden. Es geht dann um die Frage der Anpassung an die von außen vorgegebenen Regulatorien, etwa der Vorgabe der Zeit und Ort der Defäkation, und um deren Akzeptanz durch die Verinnerlichung dieses vorgegebenen Prinzips beziehungsweise des Protestes gegen dieses Prinzip. Damit tritt die Frage der Anpassung auf dem Wege der Verinnerlichung im Gegensatz zum Aufbegehren gegen die von außen vorgegebenen Prinzipien auf den Plan. Die Verinnerlichung der Regulatorien durch Identifikation führt zu Anpassung, deren Ablehnung zum Aufbegehren. Die Polarisierung des Sozialverhaltens zwischen Eingliederung und Protest im späteren Leben als Erwachsener hat hier ihre Wurzeln.

Mit diesem Erleben sind aber auch Identifikationsprozesse im weiteren Sinne möglich: Das Kind kann sich nun mit der es versorgenden Instanz, der bedeutsamen Bezugsperson, also meist der Mutter, identifizieren. Diese nun aufgetauchte Fähigkeit zur Identifikation ermöglicht das oben genannte Spiel mit Puppen, in welchem das Kind sich selbst als zu versorgende Puppe, oder in der Identifikation mit seiner Mutter als versorgende Instanz für die Puppe, das heißt auch für sich selbst, erlebt. Auch spielen die Kinder in diesem Alter gern die familiären Rollen zusammen mit anderen Kindern oder auch den eigenen Familienangehörigen, wobei sie manchmal sich selbst, das Kind, dann Mutter oder Vater, beide jedoch noch als versorgende Instanzen und nicht in getrennter Wahrnehmung, aufgreifen.

Das zugrunde liegende Erleben: die Triade

Das dyadische Erleben ändert sich grundsätzlich in der dritten Phase der kindlichen Entwicklung, in welcher das Kind den so genannten „Ödipuskonflikt" erlebt - nämlich zum triadischen Erleben. Denn hier werden Vater und Mutter nun in grundsätzlich unterschiedlicher Bedeutung erlebt. Hier wird auch erstmals in der kindlichen Entwicklung das eigene Geschlecht bedeutsam: Freud will mit „Ödipuskomplex" ein Erleben bezeichnen, in welchem das Kind je nach eigenem Geschlecht Mutter und Vater, nun aber in ganz verschiedener Bedeutung wahrnimmt, nämlich als unterschiedliche Geschlechtswesen. Deswegen wird dieser Entwicklungsabschnitt auch als „genitale Phase" bezeichnet. Hier wird nun auch die Triebenergie „Libido" in ihrer engeren Bedeutung, nämlich als Sehnsucht nach intimer Partnerschaft mit einer Person des Gegengeschlechts, empfunden. Der Junge richtet seine libidinöse Energie auf die Mutter, das Mädchen auf den Vater. Tatsächlich äußern Kinder in diesem Alter auch ganz unbefangen Wünsche nach Heirat oder Partnerschaft mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil. Diese Wünsche werden zunächst ganz ohne Hemmung oder Argwohn vorgebracht. Im Erleben des Kindes tritt ein Problem erst dann auf, wenn Mutter beziehungsweise Vater diesen Wunsch als unmöglich ablehnen und zurückweisen. Diese Rückäußerung nimmt dem Kind seine Unbefangenheit. Es verbindet seinen Wunsch nun mit etwas Unstatthaftem und gerät dadurch in einen Konflikt zwischen dieser libidinösen Sehnsucht und ihrem Verbot durch die Elterninstanz.

Der Konflikt und seine Folgen: die Inzestschranke

An dieser Stelle der kindlichen Entwicklung dürfte nun - darum wurde zuvor auf die psychoanalytische Entwicklungslehre zurückgegriffen - die Wurzel für die Vorstellung des jungen Erwachsenen von elterlichem Geschlechtsverkehr verankert sein. Denn der Ödipuskonflikt, also der Konflikt zwischen der libidinösen Sehnsucht nach dem Elternteil des anderen Geschlechts und dem Verbot der libidinösen Kommunikation mit ihm durch die Eltern, wird verinnerlicht, wobei infolge der eigenen Abhängigkeit von den Eltern und durch deren Dominanz deren Verbot überwiegt und die Sehnsucht unterdrückt wird.

Bekanntlich entsteht durch diese Identifikation mit der verbietenden Elterninstanz in dem jungen Menschen eine spezifisch menschliche Einstellung, die es bei Tieren so nicht gibt, nämlich die Inzestschranke. Hiermit wird die Verinnerlichung eines Verbots des geschlechtlichen Verkehrs zwischen Eltern und Kindern bezeichnet. Infolge seiner Verinnerlichung wird dieses Verbot zu einem Bestandteil des eigenen „Überich", nach Freud eine Instanz in der Lehre von der seelischen Struktur, welche den triebhaften Bedürfnissen im weiten und im engeren Sinn, wie hier, Einhalt gebietet. Wie andere von den elterlichen Instanzen in der zweiten und dritten Phase ausgehenden Verbote und Gebote bleibt auch diese Inzestschranke, also das Verbot der geschlechtlichen Beziehung zwischen Generationen, lebenslang wirksam.

Auf die genitale Phase folgt die „Latenzzeit", in welcher das Kind vor allem Orientierung im sozialen und sachlichen Umfeld, also Realitäten zu erfassen sucht. Es ist die Phase der „Schulfähigkeit", ein Begriff, mit welchem die Fähigkeit des Kindes zu sozialem Kontakt und das Interesse für Sachverhalte, also die Fähigkeit zum Lernen in der Schülergruppe bezeichnet wird. Die libidinösen Dynamismen treten während dieser Zeit, also etwa ab dem sechsten Lebensjahr bis zum Beginn der Pubertät, die bei Mädchen meist früher als bei Jungen einsetzt, in den Hintergrund.

Die zentrale Dynamik: Sehnsucht - Kränkung - Verdrängung

Zum Thema „Meine Eltern tun das nicht" ist aber noch Folgendes wichtig, und insofern blicken wir nochmals auf die genitale Phase zurück. Das Verbot der im engeren Sinn libidinösen Betätigung im ödipalen Erleben des Kindes hat noch eine weitere Folge: Das Kind nimmt durchaus wahr, dass zwischen den Eltern eine enge Beziehung besteht, deren emotional-libidinösen Charakter es registriert. Infolge des Verbots, die eigene libidinöse Sehnsucht im ödipalen Kontext zu realisieren, bildet sich Eifersucht oder gar Aggression gegen den gleichgeschlechtlichen Elternteil, weil dieser als Rivale dem gegengeschlechtlichen Elternteil gegenüber erlebt wird. Das Kind entwickelt phantasievolle Vorstellungen über das, was die Eltern wohl miteinander tun und woran es durch Zurückweisung seiner eigenen libidinösen Sehnsucht keinen Anteil hat. Es vermutet zu Recht, dass sich die eigene Sehnsucht zwischen den Eltern verwirklicht.

Diese Diskrepanz ruft aber eine unerträgliche Kränkung hervor. Eifersucht, Rivalitäten, Missgunst und Neid, Eigenschaften von Erwachsenen, haben in diesem ödipalen Erleben ihre Wurzeln. Die Unerträglichkeit, dass die Eltern miteinander genau das machen, was ihm selbst durch diese Eltern vorenthalten wird, führt dazu, dass das Kind seine Wahrnehmung dieser intimen Verbindung zwischen den Eltern in das nun voll funktionierende Unbewusste verdrängt und damit für sich subjektiv ungeschehen macht.

Die Verdrängung der Vorstellung, dass die Eltern untereinander etwas tun, zu welchem das Kind nicht zugelassen ist, ist so nachdrücklich und anhaltend, dass man hier die psychodynamische Wurzel dafür findet, dass, entgegen aller rationalen Erkenntnis und allen biologischen Wissens, die Vorstellung, dass Eltern keinen Sexualverkehr haben, auch in der Pubertät und oft noch darüber hinaus wirksam bleibt.

Natürlich ist dem jungen Erwachsenen bewusst, dass diese Vorstellung der Wirklichkeit wohl nicht entsprechen dürfte. Denn gerade, wenn weitere Geschwister nachgeboren werden, ist ja dem jungen Erwachsenen klar, dass dies nicht ohne sexuelle und damit eine im engeren Sinn libidinöse Verbindung zwischen den Eltern möglich ist.

Ein Schweben zwischen Wissen und Verdrängen

Es ergibt sich ein Zustand, der sich zwischen Wissen und Verdrängen bewegt, eine Kenntnis, die - obwohl rational vollkommen klar - weder akzeptiert wird noch der vollkommenen Verdrängung ins Unbewusste anheim fällt. Es ist ein Zustand, welcher das Wissen um die intime genitale Beziehung zwischen den Eltern nicht voll ins Bewusstsein treten lässt, andererseits aber auch nicht die Überzeugung zulässt, dass die Eltern keine intime sexuelle Beziehung haben.

Inwieweit das „Meine Eltern tun das nicht" als eine Leerformel mit dem Wissen „Sie tun es doch," als eine Ignoranz gegenüber dem Wissen, als tatsächlich in Frage gestellte Kenntnis oder vielleicht sogar als eine Überzeugung „Sie tun es wirklich nicht" dem jungen Erwachsenen gegenwärtig ist, also inwieweit die Formel „Meine Eltern tun das nicht" mehr beschwörenden Charakter hat und eine Kenntnis über die Realität verschleiern soll, oder inwieweit sie einer tatsächlichen Überzeugung entspricht, hängt gewiss auch noch von weiteren Einflussgrößen ab. So dürfte die Identifikation mit der eigenen Geschlechtsrolle wesentlich sein: Der Ödipuskonflikt wurde ja in der Kindheit schließlich dadurch gelöst, dass infolge der Versagung des libidinösen Kontaktes zum gegengeschlechtlichen Elternteil und durch die Verinnerlichung seines Verbots eine Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, beim Sohn also mit dem Vater, bei der Tochter mit der Mutter, einsetzte und dadurch die Übernahme der Rolle als Mann beziehungsweise als Frau möglich wurde. Diese Rollenübernahme blieb während der Latenzzeit noch unbedeutend, während sie in der Pubertät erneut Aktualität gewinnt. Der individuell verschiedene Grad der Identifikation mit der eigenen Geschlechtsrolle dürfte einen unterschiedlichen Grad der Überzeugung bewirken: Vielleicht ist dieses „Meine Eltern tun das nicht" überhaupt kein Problem, und das Wissen, dass sie es doch tun, eine Selbstverständlichkeit? Oder vielleicht ist diese Formulierung sogar eine Beschwörung gegen ein Wissen, welches unerträglich ist, oder vielleicht ist sie wirkliche Überzeugung des jungen Heranwachsenden, die sich wider alle bessere Kenntnis bildet? Das hängt gewiss zum einen wesentlich davon ab, ob die Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, also mit der eigenen Geschlechtsrolle, nur unvollkommen oder vollständig und überzeugend ist und eine volle Identifikation mit dem eigenen Körpergeschlecht bewirkt hat und somit auch zu einer erfolgreichen und befriedigenden Partnerbeziehung disponiert. Die so gewonnene Möglichkeit oder auch Verwirklichung einer eigenen Beziehung zum Gegengeschlecht dürfte gegenüber der Kränkung, welche die Versagung im ödipalen Durchgang hervorrief, heilsam sein. Damit kann dann auch den Eltern das zugestanden werden, was in der Kindheit geneidet wurde.

Eine weitere Einflussgröße ist gewiss das Alter des Jugendlichen: Die sexuelle Stimulation in der körperlichen und seelischen Selbstwahrnehmung zu Beginn der Pubertät führt gewöhnlich zunächst zu einer Verunsicherung in der eigenen Geschlechtsrolle, zumindest was die Partnerwahl betrifft. Enttäuschungen, Sehnsüchte, Phantasien und Kränkungen erlebt der Pubertierende meist weit häufiger als befriedigende Freundschaften, die ja gewöhnlich zunächst ohne sexuelle Beziehung verlaufen. Mit Aufnahme der sexuellen Beziehung treten sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen erneut Verunsicherungen auf; die vorangegangene Erfahrung mit dem eigenen Körper, auch durch Selbstbefriedigung, wird dann durch die Erfahrung in der sexuellen Partnerschaft ergänzt oder ersetzt. Dies ist eine Erfahrung, die nicht nur der eigenen Initiative und Vorstellung folgt und vielfach von Unsicherheit und Hemmung begleitet ist. Erst allmählich, mit zunehmender so genannter „intimer Erfahrung", stellt sich dann auch eine gewisse Sicherheit in der sexuellen Kontaktnahme ein. Je mehr sich in weiteren Lebensjahren dann eine feste Partnerschaft bildet, je mehr also eine stabile Identität in der eigenen Geschlechtsrolle und Komplementarität in der Rolle als Partner möglich ist, umso eher kann dann auch die Vorstellung akzeptiert werden, dass die Eltern sexuellen Kontakt ausüben.

Eine weitere Einflussgröße ist gewiss der Grad an Tabuisierung, also das generelle Verdrängen von sexuell-intimen Vorstellungen und Bedürfnissen im familiären Rahmen, sei dies nun auf religiöser oder sonst wie ideologischer Basis. Denn durch die familiäre Tabuisierung kommt zur Aufgabe der Lösung des Ödipuskonfliktes noch ein weiterer Konflikt hinzu: ein zusätzlicher Gewissensdruck schon bei der Vorstellung und erst recht bei der autoerotischen oder heterosexuellen Betätigung. Wird die Tabuisierung in der Herkunftsfamilie dann auch in das erwachsene Leben des „Kindes" übernommen, kann die Vorstellung „Meine Eltern tun das nicht" sich lange fortsetzen und im Extremfall die Vorstellung von einer „Josefsehe" zwischen den Eltern, also einer Ehe der Eltern ohne Sexualverkehr, bewirken. Das dürfte allerdings wohl nur dann der Fall sein, wenn dem erwachsenen Kind die Entwicklung einer eigenen, alle zwischenmenschlichen Ebenen einschließenden befriedigenden Partnerschaft misslingt.

Familie und Sexualität

Aber auch unabhängig von ideologischer oder religiöser Bindung bei den Eltern besteht immer ein mehr oder weniger tiefer Einschnitt zwischen Eltern und kleinen oder erwachsenen Kindern in der Form einer Diskretion der jeweiligen sexuellen Intimsphäre: Wohl immer - und das dürfte eine Komplementarität zwischen Eltern und Kindern im Rahmen des Inzestverbots sein - spielt sich Sexualität zwischen den Eltern einerseits und die Sexualität der auch erwachsenen Kinder andererseits wie die Ausübung von Sexualität überhaupt in der Diskretion, das heißt der Abgeschlossenheit der die Sexualität ausübenden Partner von anderen Partnern, insbesondere dem Elternpaar, ab. Situative oder akustische Wahrnehmungen eigener sexueller Betätigung - das gilt auch für die Selbstbefriedigung - werden ja praktisch immer vermieden. Sexuelle Betätigung wird so im Rückzug von anderen, nicht beteiligten Personen ausgeübt. Dies gebietet die Scham, ein Gefühl, welches nicht nur im sexuellen Kontext, sondern überhaupt immer dann auftritt, wenn Gepflogenheit oder Verpflichtung zu Geheimhaltung und Intimität disponieren, diese aber nicht eingehalten wurden. Es ist schon banal festzustellen, dass dies insbesondere die Ausübung sexueller Kontakte betrifft. Das gilt insbesondere auch zwischen den Generationen: Die ersten sexuellen Kontakte Pubertierender oder Heranwachsender werden gegenüber den Eltern gewöhnlich verheimlicht, vielleicht schon deswegen, weil man die Eltern nicht wissen lassen will, dass man etwas tut, was man bei jenen für nicht möglich oder zumindest für eine geheime Sache hält. Vielleicht denken die Kinder auch, wie zuvor erwähnt, dass die Eltern es wirklich (zumindest „nicht mehr") tun und dieselbe Unterlassung auch bei den Kindern erwarten. Umgekehrt schotten aber auch die Eltern ihren sexuellen Kontakt gegenüber den Kindern nicht nur situativ durch räumliche Trennung, sondern gewöhnlich auch zeitlich ab, indem sie sich sexuell zusammenfinden, wenn Kinder nicht in der Nähe sind. Mit ihrem Verhalten entsprechen die Eltern so den Erwartungen ihrer Kinder. Ein Spiel dieser Art, nämlich des gegenseitigen Verheimlichens nicht nur der jeweiligen Sexualkontakte, sondern auch der Kenntnisgabe darüber, ist ja gar nichts Außergewöhnliches. Krankmachend (pathogen) wird eine solche Situation erst dann, wenn Verheimlichung, Tabuisierung und vielleicht sogar generelle Entwertung und wahrheitswidrige Verneinung jeder sexuellen Bedürftigkeit oder gar Praxis im Rahmen familiärer Gemeinschaften eine Atmosphäre von Unaufrichtigkeit oder gar Unwahrhaftigkeit produzieren, welche dann neben Schuldgefühlen der sexuellen Kontakte wegen noch weitere Schuldgefühle, nämlich der Unredlichkeit wegen, produzieren. Psychosomatische Störungen, nicht nur in der Sexualausübung, sondern die körperliche und seelische Gesundheit überhaupt betreffend, die eventuell nur durch eine Psychotherapie zu beheben sind, können die Folge sein.

Autoren

Prof. Dr. Dr. Mechthild Neises
Professorin Dr. Dr. med. Mechthild Neises ist seit 1998 Leiterin des Funktionsbereichs Psychosomatische Frauenheilkunde an der Medizinischen Hochschule Hannover in der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie. Seit 1999 ist sie Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe, DGPFG e.V.
 

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Andreas Ploeger
Andreas Ploeger ist Professor für Medizinische Psychologie, Psychotherapie und Sozialpsychiatrie, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie für psychotherapeutische Medizin. Seit seiner Emeritierung 1994 leitet er eine Privatpraxis mit Tagesklinik für tiefenpsychologische Therapie sowie Psychiatrie in Aachen und führt Weiterbildungen für ÄrztInnen und PsychologInnen durch.
 

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