„Anti-Aging" - rückwärts in die Zukunft.

Über den Umgang mit Alter und Sexualität in unserer Gesellschaft

Alter als Kontext der Sexualität

Sexualität und Alter war und ist ein schwieriges Thema. Mittlerweile darf darüber gesprochen werden, und das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, weil es Licht ins Dunkel der sexuellen Bedürfnisse bringt und so etliche persönliche Hemmungen und Fehleinschätzungen ausschalten wird. Allerdings herrscht im Umgang mit dem Thema noch Unsicherheit, und so wird im Augenblick in der öffentlichen Diskussion ein eher simpler Pragmatismus bevorzugt: Ein bisschen Viagra hier, ein paar Hormone da, am besten langfristig konsumiert, und schon ist die zweite Lebenshälfte auch an den Lebensstrom Sexualität angeschlossen. Dies ist ein ärgerliches Abstraktionsniveau. Ob dieser - wirtschaftlich erwünschte - Pragmatismus die menschliche Begegnung in der Sexualität verbessert, oder ob er sich eher wie eine Tarnkappe über den einzelnen Menschen und seine Bedürfnisse legt und so Beziehung nicht einfacher macht, sollte genauer betrachtet werden.

Für eine erfreuliche Sexualität müssen die Rahmenbedingungen stimmen, in welcher Lebenshälfte auch immer. Zu den wichtigsten Rahmenbedingungen der Sexualität in der zweiten Lebenshälfte gehören: (1.) das Alter, die eigene Haltung dazu, die des kulturellen Umfelds und (2.) der Stellenwert, den Sexualität im Laufe des Lebens zugewiesen bekam.

1.Alter

Sie ist eine - im Augenblick jedenfalls - lange andauernde Realität (statistisch gesehen ca. 30 Jahre, immerhin so lang wie die Zeit zwischen 20 und 50), in die die meisten von uns furchtsam und mit Widerständen hineinstolpern. Rückwärts - die Vergangenheit fest im Blick.

In sich das Altern zu erkennen, macht Angst, mehr noch, wenn es nicht im Schutz von intakten Beziehungen geschieht. Gilt alles, was mit Alter zu tun hat, in der Öffentlichkeit als unattraktiv, wird es schwer fallen, sich selbst als attraktiv und begehrenswert zu empfinden und selbst zu begehren. So beginnt eine ängstlich beobachtete körperliche Metamorphose, auf die die Betroffenen wenig Einfluss haben und die offensichtlich ins gesellschaftliche Abseits führt. Immerhin wird man auf dem Weg ins Abseits klüger. Man sammelt so manche Erkenntnis, zum Beispiel: Was als edle Farbe in der Mode geschätzt wird, erzielt nicht den gleichen Erfolg, wenn man es als Haarfarbe trägt. Manchmal hilft da nur noch Galgenhumor:

Als er sich mit vierzig im Spiegel sah
Seht mich an: Der Fuß der Zeit
trat mir meine Wangen breit.
Schaut mein Ohr! Die vielen Jahre
drehten es in's Sonderbare!
Ach des Kinns! Es scheint zu fliehn,
will die Lippen nach sich ziehn!
Ach der Stirn! Die vielen Falten
drohen mir den Kopf zu spalten!
Die Nase! Oh, wie vorgezogen!
Der Mund! So seltsam eingebogen!
Der Hals! So krumm! Die Haut! So rot!
Das Haar! So stumpf! Das Fleisch! So tot!
Nur die Augen lidumrändert
strahlen blau und unverändert,
schauen forschend, klar und mild
auf 's und aus dem Spiegelbild,
leuchten wie zwei Edelsteine -
sind das überhaupt noch meine?

(Robert Gernhardt)

2.Sexualität

Ein knapper Blick über wissenschaftliche Äußerungen zur Sexualität aus den letzten fünf Jahrzehnten legt die Vermutung nah: Die jetzt über 50-Jährigen hatten eher schlechte Chancen für Liebe und Sexualität. Sie wurden von wissenschaftlichen, politischen und privaten Meinungen geprägt, zumindest beeinflusst, die a) lustvollen Körperkontakt eher hemmten und b) in der Sexualität das Gefühlsleben und Körperempfinden der Frauen den männlichen Bedürfnissen unterordneten.

So schreibt 1955 der damals sehr anerkannte Soziologe Helmut Schelsky über die Veröffentlichung der Kinsey-Reporte: „Die erschütternde und verderbliche Wirkung der Kinsey-Reporte ist gar nicht zu unterschätzen: ... Tausende von Frauen (werden) jetzt die ehelichen Schwierigkeiten, die sie sonst vielleicht noch als relativ selbstverständliches Eheschicksal hingenommen und getragen hätten, im Lichte der Statistiken der Kinsey-Reporte interpretieren und nun endlich wissen, was in der Ehe anders sein könnte oder müsste ..." (Schelsky 1955)

Der Bundesgerichtshof stellte noch 1966 klar: „Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen läßt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen, zu denen die Unwissenheit der Eheleute gehören kann, versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen." (Stern-Zitat)

Auch Prof. Dr. Hans Giese sieht noch 1968 eine Hierarchie in der sexuellen Begegnung: „Zu Beginn jeder heterosexuellen Beziehung bildet der Mann ... seine Wunschvorstellung in das andere Geschlecht regelrecht hinein und die Frau stellt die Einbildung des Mannes dar" und, so vermutet er, „... der Orgasmus der menschlichen Frau sei eine Art von Erfindung des Mannes beziehungsweise eine besonders kultivierte Potenz der Frau zum Mitmachen und zur Einpassung". (Giese 1968)

Oder kurz und bündig formuliert, wie es die Mutter (Jahrgang 1920) einer Freundin ihr fürs Leben mitgab: „Sexualität ist Schweinkram mit dem einen Vorteil, er ist ruckzuck vorbei."

Die Sexualität hatte überwiegend einen schlechten Ruf in der Nachkriegszeit (davor auch), verständlicherweise besonders bei Frauen. Die männlichen Bedürfnisse waren im Wesentlichen der Maßstab für den Ablauf der sexuellen Begegnung, die Frau war „BGH-gestützt" zum Mitmachen verurteilt und hatte ein freundliches Gesicht dazu zu machen. Die Sexualität bot wenig Anlass zur Freude und war von eher kunstlosem Niveau. Es ist ein unschätzbarer gemeinschaftlicher Verdienst von Oswalt Kolle, StudentInnen- und Frauenbewegung und dem Erfinder der Pille, in die festgefahrene und unglücklich machende Haltung zur Sexualität Bewegung gebracht zu haben. Trotzdem bringen viele sehr zwiespältige Erfahrungen in die zweite Lebenshälfte mit, zumindest sind sie die gedämpfte Hintergrundmusik, die die aktuelle Sexualität untermalt.

Jugendwahn und Endzeitstimmung

Es ist schwer, in einer Gesellschaft zu altern, die als Lebensmaxime für die zweite Lebenshälfte das Motto „Forever young!" ausgibt. Wem das nicht gelingt, der sollte wenigstens „Erfolgreich altern!" Uns trifft eine umfassende Beschallung aus allen Kanälen, quer durch sämtliche Medien. Und immer mit Ausrufezeichen! Als Befehl! sozusagen. Wer sich aus Altersgründen gerade mit der Entdeckung der Langsamkeit anzufreunden beginnt, zuckt aufgeschreckt zusammen. Die Ratschläge knallen wie Peitschenschläge um die immer empfindsamer werdenden Ohren. „Mogeln Sie sich zwanzig Jahre jünger!" „Essen Sie sich, laufen Sie sich, schlafen Sie sich jünger."

Das Fernsehen legt nach mit Schönheits-OPs live; die knackenden Nasenknochen und abgesaugten Fettzellen sind zwar ein unappetitliches, aber einträgliches Geschäft.

Bäume, Villen, Whisky dürfen in Ruhe und Würde altern und werden mit jedem Jahr wertvoller, nur der Mensch leider nicht. Und so quälen sich Älterwerdende mit Jungbleiben ab, obwohl jede(r) weiß, das Ziel ist unerreichbar. Jede(r) hat sein Scheitern täglich vor Augen, sofern er oder sie mit offenen Augen in den Spiegel schaut. Die Plagiate sind selten so überzeugend wie das junge Original. Liften als Abwehrmaßnahme gegen das Alter hilft nur bedingt. Um mit Karl Lagerfeld zu sprechen: „Eine geliftete Sechzigjährige sieht aus wie eine Sechzigjährige, die geliftet ist." Der Umwelt lässt sich meist weniger vormachen als der eigenen Psyche.

In Anbetracht der offensichtlichen Vergeblichkeit wirken die Bemühungen, das Rad der Zeit aufzuhalten, ziemlich verzweifelt. Die Versuche, der Forderung nachzukommen, das Alter ungeschehen und ungesehen zu machen, bleiben teure, anstrengende und vergebliche Schwerstarbeit. Aber auch gegen den Strom zu schwimmen und einfach zu altern ist anstrengend. Standhalten verlangt echte Charakterstärke.

Und täglich grüßt uns Sisyphos

Die Probleme mit der Endlichkeit des Lebens sind so alt wie die Menschheit. Und wo das Ego isoliert zentrale Bedeutung bekommt, fällt das Abtreten von der Bühne besonders schwer.

In der griechischen Mythologie bezwingt Sisyphos Thanatos, den Gott des Todes. Es gelingt ihm zwar durch einige Listen, dem Tod zu entkommen und sehr alt zu werden, aber Unsterblichkeit wie die Götter erringt er nicht. Als es auch für ihn ans Sterben geht, ist die göttliche Antwort auf seinen Wunsch nach Unsterblichkeit, dass er zwar nicht sterben, aber bis in alle Ewigkeit einen Felsen auf einen steilen Berggipfel rollen muss, der kurz vor dem Ziel wieder bergab rollt. So bleibt Sisyphos zwar unsterblich, aber der Preis für seine Weigerung, Lebensprozesse abzuschließen, ist hoch. Die Unsterblichkeit wird zum Alptraum, der Wunsch zum Fluch.

Die westliche Angst vor dem Alter

Die weisen Mythologien des Altertums - alle umsonst, nichts daraus gelernt? Beim Alter überwiegen im westlichen Kulturkreis die negativen Zuschreibungen, Alter gilt als defizitärer Zustand, besonders für Frauen. Unsere Kultur beschreibt (willkürlich) Leben als ein Phasenmodell, dessen Höhepunkt in der Mitte liegt und zu dessen Ende es abwärts geht. Wir kommen aus der Tiefe und gehen wieder in die Tiefe. Das kann man auch anders sehen. Man könnte den Lebensbogen auch umdrehen: Wir kommen aus der Höhe, die Lebensmitte ist die tiefste Verhaftung, die größte Erdenschwere, die stärkste Gebundenheit, und dem Ende zu wird alles wieder leichter, es geht wieder aufwärts.

Aber die westliche Gesellschaft hat eine andere Wahl getroffen: Die Älteren (Männer wie Frauen) werden am Modell der Mittdreißiger gemessen, dem angenommenen Höhepunkt des Lebens. Alle Abweichungen davon gelten als defizitär. Je größer die Abweichung, desto schlimmer, desto mehr steigt die Angst. „Wird heute ein alter Mensch gepriesen, so immer durch das Attest, dass er verhältnismäßig noch jung sei, geradezu noch jugendlich. (...) Unser Respekt gilt in Wahrheit nie dem Alter, sondern ausdrücklich dem Gegenteil: Dass jemand trotz seiner Jahre noch nicht senil sei." (Max Frisch)

Die Angst entsteht aus dem Stellenwert, den wir dem Alter zuweisen. Je geringer wir es schätzen, desto größer die Angst. Folgerichtig ist da Max Frischs sarkastischer Entwurf einer „Vereinigung zur Verjüngung der abendländischen Gesellschaft (...) angesichts der katastrophalen Überalterung unserer Gesellschaft". Die Statuten sehen den Freitod als Pflicht vor, mit dem jedes Vereinsmitglied seinen Beitrag zur Verjüngung der Gesellschaft leisten kann. Jedes Mitglied verpflichtet sich, zu gegebener Zeit die Satzung zu erfüllen. Zum rechtzeitigen Freitod wird niemand gezwungen, aber Weiterleben wird als Satzungsverstoß vermerkt.

Woher kommt die Altersdiskriminierung, sowohl die von außen kommende, als auch die innere Selbstentwertung? Die wandelnde Entschuldigung, dass man so ist wie man ist, kombiniert mit der Annahme, dass das alles wenig wert sei? Die Abwertung ist ein Generationen übergreifender Prozess: „Die Voreingenommenen tragen das Vorurteil in sich, das sich unmerklich gegen sie selbst kehrt." (Kirkwood 2000)

Nachdem die Altersangst geschürt, die Abwehr gesteigert worden ist, bietet unsere Jugendkultur verschiedene Auswege an:

  • für die Alles-ist-machbar-Fraktion die Schönheitschirurgie,
  • für die AufschieberInnen das Aufschieben („Älter werde ich später"),
  • für die VerdrängerInnen das Totschweigen („Es gibt kein Alter, sondern nur mehr oder weniger junge Leute", Simone de Beauvoir)
  • und, wenn alles nicht mehr nützt, das Sammelbecken für alle vom Alter Gezeichneten: der „Seniorenpark".

Grauzonen

Da, wo etwas nicht sein darf und gemeinsam negiert wird, wie zum Beispiel das Alter, gibt es auch keine Daten und Informationen über die Realität und Ursachen bestimmter Realitäten. So waren Aussagen zum Thema Alterssexualität bis vor 10 Jahren äußerst selten. Fehlende O-Töne werden dann durch eine bunte Mixtur von Annahmen, Vorurteilen, Klischees und Mythen ersetzt, die viele Kassen klingeln ließen und lassen. So werden Zeiten der Veränderung wie die Wechseljahre nach einem strengen Rezept verkocht zu einem alptraumartigen Eintopf mit Zutaten wie Haarausfall, Depressionen, Harninkontinenz, Schrumpeln und Schrumpfen, nur bekömmlich durch eine hormonhaltige Gewürzmischung: Harmonisierung des schlechten Geschmacks durch Hormonisierung.

Aus den angedeuteten Zuschreibungen ergibt sich, dass Alter und Sexualität aus dem Blickwinkel unserer Kultur nicht kompatibel sind: Sexualität ist der Anfang, das Alter das Ende. Sexualität ist jung, schön, farbig, schöpferisch, biegsam, schnell, Alter in allem das Gegenteil. Insofern gibt es auch zur Alterssexualität bisher nur ein schwaches, halbherziges Lippenbekenntnis.

Sex sells - auch im Alter

Die Zahl der Menschen über 50 steigt, ihre Kaufkraft auch, das macht sie wirtschaftlich interessant. Allerdings: Das ist nicht zu verwechseln mit Anerkennung und Würdigung des Alters als Reifestufe des Menschen. Unmögliches wird also möglich, wenn damit Geld verdient werden kann, zum Beispiel eine breite Studie über Alterssexualität. Der Pharmakonzern Pfizer, Produzent von Viagra, hat eine Umfrage bei 26 000 Menschen zwischen 40 und 80 Jahren in allen fünf Kontinenten gemacht1 und festgestellt, dass in dieser Gruppe der Wunsch nach Sexualität, aber auch die gelebte Sexualität weit höher ist als angenommen. Das erhellt die Grauzone und das ist nützlich. Nebenbei tut dieses Ergebnis natürlich auch dem Pharmakonzern gut, denn es nutzt ihm unmittelbar: Der Wunsch nach Sexualität plus körperliche Beschwerden im Alter ist gleich Verschreibung von Viagra.

Der bevorzugte Kontext der Pharmaindustrie: Sexualität ist gesund! Und verlängert das Leben! So lautet lautstark die Animation der Anti-Aging-Zeitschriften, ÄrztInnen und Krankenkassen. „Wer dreimal die Woche Sex hat, sieht 10 Jahre jünger aus. Die dabei ausgeschütteten Hormone glätten Haut und Seele." (Express) (Frage: Wirkt Onanie auch? Macht schlechter Sex 10 Jahre älter?) Die Botschaft ist klar: Durch Sex „Altern verhindern! Leben verlängern!" Aber Sexualität als Fitnessprogramm zur Lebensverlängerung zu instrumentalisieren, ist fatal, weil es - wieder - die Quantität (der Lebensjahre) statt der Qualität (der Liebe und Beziehung) betont. Aber immerhin: Die Studie zeigt: Es gibt die Sexualität im Alter also und noch mehr den Wunsch danach, auch wenn man es sich immer noch nicht so richtig vorstellen mag. Alterssexualität braucht einen anerkannten Platz.

Die sexuelle Revolution - Teil 2?

Das Leben in der zweiten Lebenshälfte ist nicht nach dem Muster der ersten zu leben und die Sexualität ebenfalls nicht. Genau das tun wir aber, unterstützt von den Medien.

Sexualität in den Medien ist die Angelegenheit junger Menschen, in Wort und Bild, das prägt tagtäglich und manipuliert Geist und Gefühl. Diese tagtägliche Gehirnwäsche ist wirkungsvoll. Sie manifestiert bleischwere Vorstellungen in den Köpfen von Männern und Frauen, zum eigenen Schaden, besonders beim Älterwerden. Sie macht es dadurch schwer, den Horizont des eigenen eingeschränkten Hirns wieder zu erweitern und Gedanken und Gefühle zu entwickeln, die in der Öffentlichkeit nicht gedacht werden dürfen.

Die Älteren sind nicht wie die Jüngeren, und sie handeln nicht so, wozu auch? Alles hat seine Zeit und seine eigene Form.

Vielleicht ist das eine wichtige Aufgabe der 68er-Generation, der jetzt „älteren Generation", die viel dazu getan hat, die Sexualität aus den engen Zwängen und Moralvorstellungen der 50er und 60er Jahre zu befreien, neue Vorstellungen über Sexualität und Alter zu entwerfen. Die notwendige Voraussetzung ist allerdings ein neuer Entwurf des Alters. Solange es wie ein wertloser Wurmfortsatz der ersten Lebenshälfte betrachtet wird, lässt sich kein echtes Selbstbewusstsein - in keiner Lebensäußerung - entwickeln. Aus der Neudefinition des Sinns des Alters ergeben sich auch Sinn, Platz und Formen der Sexualität. Hier ist kreative Pionierarbeit nötig - und nicht einfach Fortschreibung der juvenilen Sexualität.

Leben als Prozess

Dass das Leben ein Prozess ist, in dem jeder Abschnitt einen besonderen Sinn und eine besondere Aufgabe hat, an der die Persönlichkeit reifen soll, um in ihren Erfahrungen vollständig zu werden, macht unserer Kultur größte Angst. Der Prozessgedanke wird zwar als schwaches Lippenbekenntnis vor sich hingemurmelt, aber in der Praxis machtvoll abgewehrt. Und so treten wir, nach C. G. Jung „... aufs tiefste unvorbereitet ... in den Lebensnachmittag, schlimmer noch, wir tun es unter der falschen Voraussetzung unserer bisherigen Wahrheiten und Ideale. (...) ... gibt es irgendwo Schulen, nicht bloß Hoch-, sondern höhere Schulen für Vierzigjährige, die sie ebenso auf ihr kommendes Leben und seine Anforderungen vorbereiten, wie die gewöhnlichen und Hochschulen unsere jungen Leute in die Kenntnis von Welt und Leben einführen?" Deren Fehlen bedauert Jung zutiefst, denn: „Wir können den Nachmittag des Lebens nicht nach demselben Programm leben wie den Morgen, denn was am Morgen viel ist, wird am Abend wenig sein, und was am Morgen wahr ist, wird am Abend unwahr sein." (C. G. Jung 1997)

„Forever young" heißt auch, dass die Jugendphase künstlich verlängert wird und die nächsten Entwicklungsschritte verzögert und zur falschen Zeit vollzogen werden. Werden Reifeprozesse aufgeschoben, wird ein Lebensstadium künstlich konserviert, gehen auch geistige Flexibilität und Weiterentwicklung verloren und damit auch wertvolle Zukunft. Unter diesem Gesichtspunkt könnte man die Frauen fast als bevorzugtes Geschlecht begreifen: Die Natur zwingt sie, durch das Ende der Gebärfähigkeit, sich mit dem Alter direkter zu konfrontieren und weniger auszuweichen. Man kann den Wandel zwar durch Hormone künstlich abmildern, aber eben nur abmildern, nicht beseitigen. Dadurch fällt ihnen schneller auf, dass das Leben ein Entwicklungsprozess mit verschiedenen Lebensabschnitten ist, zyklische Prozesse mit einem Anfang und einem Ende. So haben Frauen die größere Chance, sich dieser Lebensrealität, vor der man nur begrenzt weglaufen kann, zur rechten Zeit zu stellen.

Lob der Altersweisheit

Das Verwischen von Generationenunterschieden, das uns die Werbung schmackhaft machen will („Aussehen wie die eigene Tochter"), bedeutet im Kern wieder subtil die Entwertung des Alters. So kann „die zweite Lebenshälfte weder für den, der altert, zu einer Phase der Reifung werden, noch kann der alternde Mensch dem jüngeren eine Orientierung bieten." (Mitscherlich 1996)

„Wo ist die Weisheit unserer Alten?", fragt C. G. Jung. Ist sie mittlerweile flächendeckend verschwunden? Weise wäre es, sich der Altersangst, die existenziell ist und nicht klein geredet werden soll, zu stellen. Sie zu bewältigen, indem man das Unvermeidliche anerkennt und ihm einen Sinn gibt, hilft weiter. Es hilft den Betroffenen selbst, aber auch den Nachkommenden, die plötzlich kein schlecht kopiertes Abziehbild ihrer Generation mehr vor sich haben, von dem sie sich berechtigterweise oft sarkastisch-schroff abgrenzen. Sie fänden dann eine echte Orientierung. Ein Vorbild, das sich in die eigenen - passenden - Schuhe stellt und nicht in die der Jugend zwängt.

Es mildert den Generationenkonflikt und erhöht die gegenseitige Akzeptanz, wenn jede Generation sich dort den Platz nimmt, wo sie altersmäßig hingehört. Damit wird dann auch die Ruhe und der Platz geschaffen für einen kreativen Umgang mit der zweiten Lebenshälfte: ihrem besonderen Umgang mit menschlichen Begegnungen, ihrer Form der Sexualität, der Liebe und dem Leben.

Literatur

Frisch, Max (1979): Tagebuch 1966-1971. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt, 1. Auflage

Gernhardt, Robert (2002): Wörtersee. Fischer Taschenbuch Verlag

Giese, Hans (1968): Die Sexualität der Frau. Rowohlt Verlag

Jung, C.G. (1997): Seelenprobleme der Gegenwart. Deutscher Taschenbuchverlag München, 3. Auflage

Kirkwood, Tom (2000): Zeit unseres Lebens. Aufbau-Verlag

Mitscherlich, Margarete (1996): Die friedfertige Frau. Fischer Taschenbuchverlag Frankfurt

Schelsky, Helmut (1955): Soziologie der Sexualität. In: Sex - Vom Wissen und Wünschen. Begleitbuch zur Ausstellung Sex - Vom Wissen und Wünschen im Deutschen Hygiene Museum. Hrsg.: Stiftung Deutsches Hygiene Museum, 2001. Hatje Cantz Verlag (Ostfildern-Ruit)

Autoren

Ulrike Hauffe
Ulrike Hauffe ist Diplom-Psychologin. Sie arbeitete bis 1994 als Psychologin, Psychotherapeutin und Geburtsvorbereiterin. Seit September 1994 ist sie Bremer Landesbeauftragte für Frauen und leitet die Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF).

 

Petra Otto
Petra Otto ist Diplom-Pädagogin und Geburtsvorbereiterin. Sie bietet in eigener Praxis in Köln Paar- und Sexualberatung an. Zudem ist sie als Referentin für das Thema „Schwangerschaft und Geburt“ tätig.
 

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