Der Weg in die Normalität

Wie lebt er eigentlich, ob männlich oder weiblich: der homosexuelle Mensch? Hat er die Homoehe, also das Lebenspartnerschaftsgesetz gewollt? Und möchte er nun auch das Adoptionsrecht? Können schwule Männer oder lesbische Frauen Familie sein - gar eine gründen?

Ein Skandal aus vergangenen Zeiten

Vor mehr als drei Jahrzehnten war die Republik noch sittlich aufzuwühlen. Damals, genauer gesagt: 1972, hatte der inzwischen weithin bekannte Filmregisseur Rosa von Praunheim, nach einer Vorlage des Sexualwissenschaftlers Martin Dannecker, einen Dokumentarfilm gefertigt, der mit einem Tabu brach. Was der Filmkritik damals nicht auffiel: Erstmals hatte ein bekennend schwuler Kinomacher Material zu einem visuellen Beitrag zusammengestellt, in dem homosexuelle Männer nicht mehr das Objekt medizinisch oder biologisch inspirierter, jedenfalls antipathischer Beobachter waren. Vielmehr ging es dem Autor darum, überhaupt einmal den Homosexuellen, das unbekannte Wesen (um einen pädagogischen Leitsatz des Aufklärers Oswalt Kolle zu paraphrasieren), zu zeigen, wie er ist, wie er lebt, was er denkt, was er überhaupt möchte, was er liebt und was er ablehnt. Der Film trägt den bis heute kaum zu widerlegenden Titel: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt".
Um die Zeit genau zu skizzieren: Als der Film produziert wurde, war es gerade gut zwei Jahre her, dass die von den Nationalsozialisten verschärfte Fassung des Paragraphen 175 vom Bundestag kassiert wurde. Bis zu jenem Zeitpunkt stand die einvernehmliche Sexualität zwischen erwachsenen Männern vollständig unter Strafandrohung. Und das war beileibe kein Paragraph ohne Folgen: Bis Ende der Sechzigerjahre wurden mehr schwule Männer zu Freiheitsstrafen verurteilt als während der Zeit zwischen 1909 und 1933. Die von einer linksliberalen Allianz zuletzt 1932 vorgeschlagene Streichung des Sonderparagraphen, dessen Strafbestimmungen das ns-Regime - ganz im Gegensatz zu dieser Intention - selbst bei einem begründeten Verdacht zur Anwendung brachte, war erst Ende der Sechzigerjahre wieder diskutabel geworden. Und es sollte noch weitere zwei Jahrzehnte dauern, ehe die Strafbestimmung gänzlich getilgt werden konnte: Nicht wegen der Einsicht der ja bis 1998 regierenden Union, sondern als Folge des Einigungsvertrages mit der DDR, in dem festgeschrieben stand, dass Homosexuelle mit DDR-Herkunft in dem für sie neuen Staat keine rechtliche Verschlechterung erleiden dürfen - denn in der DDR gab es diesen Paragraphen schon länger nicht mehr.
Der Film wurde vor allem in Lichtspielhäusern gezeigt, die in Studentenvierteln lagen - und führte zunächst in Metropolen wie Westberlin, Hamburg, Frankfurt am Main oder Köln zur Gründung dessen, was historisch betrachtet heute als moderne deutsche Schwulenbewegung begriffen werden kann: Gruppen von Homosexuellen, die klandestines (heimlich, im Verborgenen, Anm. d. Red.), schweigendes, sich fügendes Verhalten ablehnten und mit Flugblattaktionen und (freilich kleineren) Demonstrationen um Öffentlichkeit buhlten. Seht her, uns gibt es, wir sind nicht so untertänig, wie ihr gerne hättet! Es war das erste Mal in der demokratischen Geschichte Deutschlands, dass Schwule das Recht auf massive öffentliche Präsenz in Anspruch nahmen. Allein:
Als der Film schließlich im Fernsehen gezeigt werden sollte, kam es eben zu jener Erregung, die in heutiger Zeit kaum noch nachfühlbar ist: Nach harter interner Kontroverse beschloss der Bayerische Rundfunk, ihn nicht in seinem Sendebereich auszustrahlen.

Jahre des Aufbruchs und der Selbstvergewisserung

Es waren zugleich jene Jahre, in denen das Magazin „Der Spiegel" zwei Titelgeschichten zum Thema veröffentlichte und in denen der Soziologe Martin Dannecker (zusammen mit Reimut Reiche) seine gründliche Untersuchung über das Leben Schwuler unter der Überschrift „Der gewöhnliche Homosexuelle" publizieren konnte. Es waren Jahre, in denen der Ruf, schwul zu sein, noch zur Zerstörung der bürgerlichen Existenz führen konnte. Die ersten Schwulenkneipen, die nach der Liberalisierung des Paragraphen 175 öffnen konnten, waren nur nach Klingeln zu betreten; allesamt aber waren es keine Einrichtungen, in die man wie in Cafés oder Kneipen hineinblicken konnte: Man hätte sonst den Nachbarn entdecken können - und das wollte jeder Nachbar auf jeden Fall vermeiden.
Was zunächst feige erscheinen mag, resultierte allerdings aus Erfahrungen, die sich mit dem Frühling der gesellschaftlichen Lockerungen im Gefolge der AchtundsechzigerBewegung nicht einfach vergessen ließen: Die meisten Verurteilungen nach dem alten Paragraph 175 waren nur möglich, weil die Betreffenden von ZimmerwirtInnen, NachbarInnen oder Angehörigen denunziert wurden. Mühsam, dieses Misstrauen gegen das gesellschaftliche Ganze zu tilgen - und gänzlich ist es bis heute nicht gelungen: Der Feind, der gewöhnliche Ansprüche an das Leben bestreitet, konnte und kann überall sein, sei es der Nachbar, die Arbeitskollegin, der Zimmerwirt, die Vereinskameraden - und meist auch die Eltern.
Aber der Aufbruch hatte begonnen - wenn er auch zunächst sehr zäh ausfiel. Seit Ende der Sechzigerjahre hat sich (nicht nur) in der Bundesrepublik eine gay community, eine homosexuelle Infrastruktur herausgebildet, die so groß ist wie keine sonst außerhalb der USA. In Metropolen wie Berlin und Köln (den beiden dominanten Städten der Homoszenen) ohnehin, aber auch in Kleinstädten wie Villingen oder Husum oder Fulda oder Neunkirchen haben sich wenigstens kleinere Gruppen von Homosexuellen gegründet. „Wir sind überall", hieß es auf einem Plakat von schwulen Demonstranten Mitte der Siebzigerjahre in Münster: ein selbstbewusstes Zeichen und zugleich eine Drohung gegen die heterosexuelle Majorität. „Ihr könnt uns nicht immer in die Ecke stellen!" hieß das.
Aber nach wie vor existierte der Paragraph 175, und bis in die Neunzigerjahre war an ihm nicht zu rütteln: Für Schwule gab es somit ein Sonderstrafrecht. Die Schutzaltersgrenze für heterosexuelle Menschen lag bei 16 Jahren, bei homosexuellen allerdings bei 18 Jahren, also beim Beginn der Volljährigkeit, von der an der Gesetzgeber ohnehin nichts mehr zu melden hatte. Wie schon gesagt: Erst mit dem Beitritt der früheren Gebiete der DDR (und dem Einigungsvertrag) fiel dieser Paragraph.

Graswurzelarbeit und Aids

Unterhalb dieser legislativen Ebene hatte sich, unabhängig von den Blockaden im Bundestag (seitens der Union sowieso, aber auch der SPD), eine Menge getan. Formierte sich seit Anfang der Siebzigerjahre eine autonome Homosexuellenbewegung, die freilich keine politisch folgenreiche Resonanz in der Mehrheitsgesellschaft fand, so wurden Schwule erst mit einer Krankheit in den Fokus öffentlichen Interesses gerückt: Aids - die Immunschwächekrankheit. Die damaligen GesundheitspolitikerInnen Rita Süssmuth und Heiner Geissler sorgten für ein kleines Wunder: Statt, wie von traditionell homophoben Konservativen wie Peter Gauweiler vorgeschlagen, Schwulen die Schuld zu geben - und sie damit den von der Mehrheitsgesellschaft selbst geschaffenen Strukturen des Ressentiments gegen Homosexuelle auszuliefern -, favorisierten sie eine Zusammenarbeit mit Betroffenengruppen. Prävention hieß das Stichwort jener Jahre - und ist es bis heute geblieben. Mitleid und Mitgefühl wurden den schwulen HIV-Infizierten zuteil: Pogromstimmungen hatten da keine Chance.
Es war, wie man heute erkennen mag, der Auftakt eines Zeitgeistes, der Homosexuelle nicht mehr als Parias behandeln wollte - an dessen Ende im Jahre 2000 die rot-grüne Koalition im Bundestag die Einrichtung der so genannten „Homoehe" („Eingetragene Partnerschaft") beschloss. Zwar hatte die Union gegen diese neue familienrechtliche Institution fundamental opponiert, aber selbst deren Klage in Karlsruhe gegen das Gesetz, weil es die (heterosexuelle) Ehe entwerte, hatte keinen Erfolg: Mittlerweile mehren sich in der Union die Stimmen, welche sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten aussöhnen wollen: Schwule und Lesben, heißt es, sind zu respektieren.

Also eine Story mit Happyend?

Fast. Dennoch mag sie zunächst noch etwas differenzierter gezeichnet werden. Sozialwissenschaftler wie Michael Bochow oder Martin Dannecker haben die Genese dieser neuen Liberalität nachgezeichnet. In den Achtzigerjahren, als mit Aids das Bild des Homosexuellen konkreter zu werden versprach, war eine andere Jugend als die der Sechzigerjahre präsent. Eine Haltung, die Menschengruppen den Rang von Minderwertigen zuweist, erschien ihr nicht mehr akzeptabel. Die Eltern- und Großelterngenerationen, die noch unter den Nazis lernten (und lernen wollten), dass schwule Männer gesellschaftszersetzend seien, hatten kaum mehr hegemoniale Legitimationskraft.
In den Medien spiegelte sich dieser Wandel am entschiedensten wider, beispielsweise in der öffentlichen Debatte um eine schwule Rolle in der populären TV-Serie „Denver-Clan". Ein paar Jahre später wird eine Hauptrolle in der „Lindenstraße" mit einem (auch schwulen) Rolleninhalt besetzt (Carsten Flöter). Die Grünen, seit 1983 im Bundestag, haben auf ihrer Liste einen offen schwulen Abgeordneten - und das wird in der „Tagesschau" erwähnt. Heutzutage gibt es fast keinen Daily Talk, der ohne homosexuelle Themen auskommen will. TV-Spiele, Fernsehfilme überhaupt haben Quotenerfolg mit schwulen oder lesbischen AkteurInnen. Das mag mit dem Zwang des Fernsehens (und der Medien überhaupt) zu tun haben, Bilder des Nonkonventionellen zeigen zu müssen: Normalität zieht nicht, wie jeder Medienwissenschaftler bestätigen kann. Alles in allem zählt es zum Zeitgeist der Bundesrepublik, in puncto Lebensformen auf jeden Fall nicht illiberal zu sein: und Homosexuelle zählten zu den ersten Profiteuren dieses Klimawandels. Der Bayerische Rundfunk müsste einen Gutteil seines Programms entbehren, würde er wie 1972 aus der ARD ausscheren, sobald diese einen Homosexuellen sichtbar macht.

Zum Lebenspartnerschaftsgesetz

Das Reformwerk wurde als solches erst kenntlich, nachdem das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ausführte, dass, anders als die klagenden, unionsgeführten Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen es wünschten, das Lebenspartnerschaftsgesetz keineswegs den Artikel 6 Grundgesetz (Schutz von Ehe und Familie) verletze. Da das Lebenspartnerschaftsgesetz nur für homosexuelle Paare eingerichtet worden sei, werde die klassische Ehe auch nicht berührt.

Rechtlich können homosexuelle Paare nun heterosexuellen Ehen gleichgestellt sein. Das Gesetzespaket regelt die gleichen Rechte und Pflichten - Stichworte wie Zeugnisverweigerungsrecht, Namensrecht, finanzielle Verantwortungsgemeinschaft mögen genügen. Die rot-grünen Gesetzesarchitekten allerdings bauten in ihr eigenes Reformvorhaben Vorschriften ein, die eine völlige Gleichstellung mit der Ehe negierten. So ist ein Adoptionsrecht ausdrücklich nicht vorgesehen, dafür aber ein (auch für heterosexuelle Paare notwendiges) „kleines Sorgerecht" eingeführt worden. Die Kinder eines Partners, einer Partnerin können nun, unabhängig von der Blutsverwandtschaft, im Falle einer Ehe oder einer Partnerschaft, beim Elternabend oder beim Arzt mitvertreten werden.

Homosexuelle Partner sind, so sie es vor dem Standesamt (oder in Bayern: vor einem Notar) erklärt haben, bei den finanziellen Pflichten den heterosexuellen Ehen gleichgestellt. Die dazugehörenden Rechte (auch im Steuerrecht) sind am unionsdominierten Einspruch des Bundesrats gescheitert und harren in dieser Legislatur der Realisierung. Bei der Erbschaftssteuer, eine weitere noch andauernde Diskriminierung, werden homosexuelle Paare nach wie vor als einander Fremde behandelt.

Das Schweigen hat ein Ende

Unter dem Summenstrich lassen sich, so die good news, die homosexuellen Verhältnisse seit Anfang der Siebzigerjahre so bilanzieren: Eine Fülle von Selbsthilfegruppen trägt zu einem verdaulichen Verlauf von Coming-outs (dem Prozess der positiven Selbstannahme als Schwuler oder Lesbe) bei; ein Netzwerk von Wissenschaft und Medizin hat der Immunschwächekrankheit Aids einen Teil ihres Horrors genommen; das Klima der Unerwähnbarkeit, des Schweigens in Sachen Homosexualität ist hinfällig; homosexuelle Partnerschaften, so die Essenz, sind ebenso wünschenswert wie heterosexuelle Ehen - das ist mehrheitsfähig, wie das Resultat der Bundestagswahlen vom 22. September nahe legt.
Der dänische Soziologe Henning Bech beschreibt die Zeit des anything goes, die seit 30 Jahren währt, als „Heterosexualisierung der Homosexuellen und Homosexualisierung der Heterosexuellen": Denn die Liberalisierung in puncto Homosexualität war ja stets eingebettet in eine Idee der Kritik an den traditionellen Verhältnissen. Frauen, die ihre Kinder allein großziehen, gelten nicht mehr als Mütter von illegitimem Nachwuchs; Ehe ist keine zwangsläufige Lebensform mehr; auch Heterosexuelle genießen den (vermeintlich uniformen) Lebensstil der Homosexuellen - One-Night-Stands, serielle Monogamie, Flüchtigkeit des Sexuellen, also seine Entdramatisierung, Spiel mit den Grenzen, Fetischinszenierungen, seine einverständige Redramatisierung mithin. Homosexuelle hingegen möchten alle Rechte in Anspruch nehmen, die Heterosexuellen offen stehen - und so leben wie sie glauben, dass sie leben, zweisam, monogam und verlässlich. Vor allem nicht mehr so sein müssen, wie es das Schema fordert: immer nur anders sein zu müssen - das ist anstrengend. Das Fernsehen, so Bech, dieses Medium der Weltzufuhr per Knopfdruck, hat die Verhältnisse aufeinander losgelassen - und für ein Tempo der Kritik der Lebensstile gesorgt, das noch vor zwei Generationen auch theoretisch undenkbar gewesen wäre. Man lernte Verhältnisse kennen, die nicht die eigenen sind - und komponierte eine eigene Rezeptur, als sei die Welt ein Kochstudio.
Ein Paradies, diese mitteleuropäische Welt, das die Enge der Kleinbürgerlichkeit hinter sich gelassen hat? Ist schon alles erreicht, wenn ein Politiker mit dem Bekenntnis, schwul zu sein, und das sei auch gut, die konservative Konkurrenz hinter sich lässt - wie Klaus Wowereit in Berlin?
Ist das schon ein Spot aus der Welt der Gleichen - und die Abwesenheit von Diskriminierung? Man wird sehen.

Alles paletti?

Nun zu den bad news: Der Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt hat Ende der Sechzigerjahre eine Untersuchung über die Sexualität von StudentInnen vorgenommen. Neben anderen Resümees fand er heraus, dass Homosexualität in deren Augen keine Strafandrohung verdiene - aber selbst schwul oder lesbisch zu sein als Vorstellung Angst mache und strikt ausgeschlossen werde. Schmidt, das ist die Pointe, fand diese Einschätzung in einer Folgerecherche, drei Jahrzehnte später, bestätigt: Schwules, lesbisches Leben gelte als unattraktiv und stehe allen persönlichen Lebenszielen entgegen. Ein Befund, den sein Kollege Martin Dannecker untermauerte: Keine Angst sei unter Jugendlichen so verbreitet wie die, homosexuell zu werden.
Mehr noch würde eine starke Mehrheit von Eltern es bedauern, wenn ihre Kinder homosexuell wären. Dannecker berichtete im Jahre 1999 von einer Elterngruppe, in der eine Mutter schilderte, dass sie einen schwulen und einen nicht-schwulen Sohn habe. Sie berichtete von den Stärken und Schwächen beider, ohne dass den anderen in ihrer Gruppe ersichtlich wurde, dass sie den heterosexuellen Sprössling für gelungener hielt. Diese (für beide Söhne wohl gesunde) Perspektive weckte freilich beim Rest der Gruppe unverhohlene Aggression: ein Leben als Schwuler, so wurde ihr schließlich verdeutlicht, sei keineswegs gleichwertig mit dem eines heterosexuellen Mannes.
Aller Liberalisierung zum Trotz gilt Homosexualität also nach wie vor als Stigma, als Verfehlung, die in den Augen der nächsten Angehörigen enttäuscht; was auch Beobachtungen von LehrerInnen bestätigen: Schwule (vor allem, weniger Lesben) sind Objekte der Abwehr, der Belustigung und der Aggression. Nur in den Metropolen wie Berlin, Köln, Hamburg, Frankfurt am Main, München, Stuttgart und Düsseldorf sind Homosexuelle „geborgen" - und auch dort nur in jenen Bezirken, die über eine starke gay community verfügen. Über den Rest der Realitäten wissen schwule Überfalltelefone, akribische Buchhalter der schattigen Seiten homosexuellen Lebens, mehr zu berichten als die einflussreichen Lifestyle-Magazine Hinnerk, Siegessäule, Sergej oder Our Munich: Überall dort, wo Schwule und Lesben (in majoritär heterosexueller Umwelt) an die Liberalität glauben, die seit drei Jahrzehnten an Raum und Atmosphäre gewinnt, können sie Opfer werden. Und zwar im wörtlichen Sinne: Aus ländlichen Räumen (und aus stark muslimisch bewohnten Stadtvierteln) wird berichtet, dass Schwule, werden sie erkannt, geprügelt, ja, so Dannecker, gefoltert werden. Einzelfälle zwar, aber Indikatoren für ein dünnes Eis, auf dem manches Selbstbewusstsein aufgebaut wird - und in das man einbrechen kann.
Nun ist hier überwiegend von schwulen Männern die Rede. Gab oder gibt es denn gar keine Lesben? Waren die nicht auch bewegt? Zutreffenderweise muss gesagt werden, dass auch sie Teil einer politisch-sozial-kulturellen Bewegung waren - auf ihre ganz eigene Art. Sie schlossen sich nämlich, deren studentische Teile zumindest, zunächst der Frauenbewegung an, stellten die meisten der Aktivistinnen, die der Feminismus, theoretisch wie praktisch, hervorgebracht hat.
Schon Anfang der Siebzigerjahre formulierten lesbische Frauen, auch Schwule seien Männer - und deshalb als Teil des Unterdrückungsapparates zu nehmen, ergo zu bekämpfen. Bis Mitte der Achtzigerjahre waren Lesben in der Homosexuellenbewegung kaum sichtbar. Erst Ende der Achtzigerjahre änderte sich diese Frontstellung entscheidend, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Immunschwächekrankheit Aids: Eine neue Generation begann praktisch zusammenzuarbeiten, zuerst in universitären Zusammenhängen, daraus hervorgehend beispielsweise in Praxisprojekten wie den schwul-lesbischen Filmtagen in Hamburg (seit 1989).
Nach der Wende freilich spielte der (vorwiegend akademisch inspirierte, mittelschichtig gelebte) Feminismus westdeutscher Prägung eine geringere Rolle. Sichtbar wurden die lesbischen Frauen (auch aus der früheren DDR), die sich dem Kampf um die Homoehe anschlossen. Die homosexuellen Stadtmagazine, jedenfalls die Berliner „Siegessäule" wie auch die „Queer", verstehen sich ausdrücklich als Magazine für eine Leserschaft, die sexuell irgendwie anders ist - Lesben, Schwule, Transsexuelle ...
Ein Terrain des Kampfes, dies zum Schluss, haben Lesben inzwischen für sich erobert: das um das Recht auf ein Kind, durch Adoption oder per Samenspende. Meinungsumfragen ergeben immer wieder, dass eine Mehrheit der Bevölkerung sich vorstellen kann, dass zwei Lesben ein Elternpaar abgeben, ein Recht, das Schwulen zugleich aberkannt wird.

Gewalt gegen Schwule

Die Polizei hat, in fast allen Bundesländern, zwar ein Netz von Hilfsangeboten geknüpft, aber, wie im Falle einer folterähnlichen Prügelei an der mecklenburgischen Ostseeküste, es trägt nicht überall. Die Anzeige der beiden Männer wurde zunächst nicht angenommen: Wenn sie zusammen tanzten, sollten sie sich nicht wundern, dass das nicht allen gefalle, hieß es. Man stelle sich vor, wie diese Art von Ignoranz Wirbel gemacht hätte, wenn die Opfer Deutsche türkischer oder arabischer oder schwarzafrikanischer Herkunft gewesen wären. Aber Schwule, so war daraus zu lernen, müssten eben ertragen, was zu ertragen sei, wenn sie nicht heterosexuell sind. Anekdote am Rande: Die Polizei, die tatsächlich versucht, Schwule auch an ihren Orten zu schützen (seien es eigene Badestrände, Parks, Kneipen), hat Schwierigkeiten, die homophoben Delikte auch wirklich zu verfolgen. Der Grund liegt in der andauernden Angst, die Ordnungsbehörden würden sich wie vor Jahrzehnten als Handlanger der Homosexuellendiskriminierung (Rosa Listen!) betätigen.
Die Liberalität, aller Freiräume zum Trotz, die sie verschaffen kann, ist eine fragile. Aufschluss über diese Brüchigkeit gibt die Argumentation der Union, als sie in Karlsruhe gegen das Lebenspartnerschaftsgesetz klagte. Faktische Gründe, weshalb, individuell gesehen, eine homosexuelle Partnerschaft nicht ebenso gleich sein kann wie
eine heterosexuelle, konnte sie keine anführen. Denn der Hinweis, eine klassische Ehe sei auf Kinder gerichtet, wird schon entwertet mit einem Blick in die Statistik: Das Gros der klassischen Ehe entsteht aus Liebe, gegenseitiger Zuneigung - und Kinder sind ein Potenzial dieser Bindungen. Aber erstens kommen Kinder auch aus nicht getrauten Beziehungen hervor, doch zweitens gibt es viele Bindungen, die gar keine Kinder generieren - und oft, bei alten Paaren, auch nicht mehr können. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland hat diese Unwucht in der Argumentation plakativ auf den Punkt gebracht: Auf einem Flugblatt sieht man ein lesbisches Paar mit zwei Kindern - und die Unionsvorsitzende Angela Merkel, die mit ihrem Mann keinen Nachwuchs betreut. Die Union freilich sagte daraufhin, dass es darauf gar nicht ankomme, sondern auf den besonderen Rang der heterosexuellen Ehe als Grundlage des Staates. Anders formuliert bedeutete dies: Die Ehe als Favorit aller Lebensformen - und deshalb Heterosexualität als Belohnungssystem.

Ehe - die moderne Form

Das ist, in summa, der ideologische Kern des Furors gegen die Eingetragene Partnerschaft: der Anspruch Homosexueller als Liebesgleiche. Kein Wunder, dass sozialwissenschaftliche Untersuchungen über homosexuelle Coming-outs weniger hoffnungsfroh stimmen als die These von der immerwährenden Liberalisierung nahe legt: Die meisten Homosexuellen berichten, der Prozess der Selbstannahme als Schwuler oder Lesbe sei traumatisierend. Und, noch wichtiger: Die Eltern und die Peer Groups (Schule, Freundeskreis) seien die letzten Stationen, zu denen sie Vertrauen fassen würden. Nur ein geringer Prozentsatz gibt an, das Coming-out als lebensbejahend erlebt zu haben - und dabei die Unterstützung der Eltern gehabt zu haben. Und ebenso wenig nimmt wunder, weshalb - auf dieser Basis - Schwule und Lesben sich häufig aus vorwiegend heterosexuellen Lebenszusammenhängen entfernen und sich der gay community zuwenden: Anderenorts scheint (und, so die Erfahrung, ist) keine Hilfe beim Aufbau eines eigenen, in homosexueller Hinsicht fraglosen Lebens möglich: Am Ende steht in der Mehrheit aller Fälle die Konstruktion einer Wahlfamilie - weil die Herkunftsfamilie keine Sicherheit, Integrität oder Integration in das gewöhnliche Familienschema verspricht.
Aber anders als zu Zeiten vor Rosa von Praunheims erwähntem Film ist diese gay community kein Ort, an dem Anpassung und Unterordnung eingeübt werden. Vielmehr kommt sie einem Labor gleich, in dem die Integration Homosexueller erdacht, geplant - und gelebt wird. Die jährlichen Paraden des Christopher-Street-Day nahmen genau in jenem Moment den Charakter von Manifestationen an, als die Einführung der Homoehe zur gemeinsamen Forderung wurde: Sie waren politische Bekundung: „Wir sind wie ihr. Und wir wollen alles, was ihr auch habt, alle Rechte und alle Pflichten." Gerade in der lesbian community ist das Thema Kinder kein Tabu mehr - die Reproduktionsmedizin macht es möglich: ob als Projekt mit Wahlvätern oder als Serviceleistung einer Samenbank (wie in Israel oder den Niederlanden). In den einschlägigen Szeneblättern wird allgemein davon ausgegangen, dass aus künftigen lesbischen Beziehungen ebenso oft Kinder hervorgehen werden wie aus heterosexuellen.

Avantgarde der Normalen

Und eben dies hat Folgen für die gesamte homosexuelle Infrastruktur, vor allem für deren schwulen Teil. Der seit den Siebzigerjahren - auch als Kritik an den angepassten Homosexuellen der Nachkriegsjahre - gepflegte Kult des Randständigen, des Subversiven, des objektiv besseren Teils der Menschheit, wird an Attraktivität verlieren. Schwule und Lesben werden weniger sich selbst als Teil einer besonderen Minderheit begreifen: Die Normalität zu erreichen ist ihnen avantgardistisches Projekt genug. Und zwar aus dem Wissen heraus, dass jeder und jede besonders und unnormal ist. Die vornehmlich aus Sexorten bestehende Infrastruktur wird dann ihre Position als Mekka eines flüchtig-intensiven Lebens opfern müssen, oder zumindest an Exklusivität einbüßen. In Beziehungen, in denen das Sexuelle nicht mehr den Fokus bildet, wo möglicherweise (zeitbudgetliche) Sorgen wie Elternabend, erste Zähne, Verantwortung also für den Nachwuchs, für den anderen überhaupt dominieren, kann das individualistische Konzept des metropolen Freischärlers nicht mehr aufgehen.
Am Ende werden vielleicht, so diskutiert man in sexualwissenschaftlichen Kreisen, die Kategorien homosexuell und heterosexuell an Strahlkraft verlieren. Familie ist, wo Kinder sind, Beziehung ist da, wo Liebe und Verantwortung wohnen: Wenn dies der moralische Maßstab ist, werden besagte Sortierungsmuster keinen Sinn mehr stiften. Schon in der Forderung nach der Homoehe lag der Wunsch, dem Bild des Schwulen als sexuelles Monster entgegenzuwirken: In der Forderung nach der Eingetragenen Partnerschaft war keine Kritik der bürgerlichen Ehe enthalten, kein Angriff auf sie, sondern im Gegenteil eine Bejahung eines bewährten, aber nichtsdestotrotz nur noch freiwillig zu lebenden Musters.

Kinder, Kinder

Kurzum, so die surprising news: Schwule und Lesben sind sehr wohl in der Lage und obendrein bereit, das an Verantwortung für sich, ihre Partner und Partnerinnen, aber auch für die Nachkommen zu übernehmen, was ihnen zukommt und was sie möchten. Der Unterschied zum Heterosexuellen, so darf das gesellschaftliche Murmeln in den Szenen gebündelt beschrieben werden, ist ein behaupteter - und klingt nicht mehr plausibel. Die Selbstwahrnehmung Homosexueller hat sich seit den Fünfzigerjahren eben krass geändert: Früher damit beschäftigt, wenigstens nicht völlig zu vereinsamen und an den Verhältnissen irre zu werden, geht es nun um einen Aufbruch, der dem Homosexuellen das Stigma des Spektakulären (individuell oder gesellschaftlich) nimmt. US-amerikanische Untersuchungen aus Kalifornien und New York belegen, dass Kinder homosexueller Paare ebenso günstig aufwachsen wie Sprösslinge aus klassisch-heterosexuellen Verbindungen.
Mit einem Unterschied: Mädchen und Jungen schwuler oder lesbischer Paare fühlen sich oft besser und sind lebenstüchtiger als der Nachwuchs von Mann-Frau-Kombinationen. Der Grund ist kein finanzieller (schwule Paare haben, da meist beide berufstätig, oft mehr Geld zur Verfügung als heterosexuelle Gemeinschaften), sondern ein paardynamischer: Kinder, ob adoptiert oder im Reagenzglas gezeugt, aus homosexuellen Bindungen sind durchweg Wunschkinder. Christlich argumentiert hieße das ohnehin: Kinder aus Beziehungen, in denen Respekt und Liebe zu Hause sind (so die Argumentation aus dem Bundesfamilienministerium), sind eher in der Lage, das Leben zu meistern. Schwierig ist für solche Kinder häufig nur das Unverständnis, das ihren familiären Hintergründen in den Szenen außerhalb der Familie entgegengebracht wird: in Schulen, unter LehrerInnen, KlassenkameradInnen, im Jugendzentrum oder im Sportverein. Hier wäre Aufklärung nötig - und wünschenswert.

Die Datenlage - konfus

Weitere Konkretisierungen müssen leider unterbleiben - wobei von millionenfachen Einzelfällen auszugehen ist. Tatsache aber ist: Sozialwissenschaftliche Recherchen zu dem, was Homosexuelle wollen, wie sie empfinden, was sie gerne hätten, existieren nur rudimentär. Martin Danneckers und Reimut Reiches Befund aus den frühen Siebzigerjahren ist noch nicht für die Jetztzeit wiederholt worden. Gewiss scheint nur: Homosexuelle wollen unangefochten leben; sie können sich vorstellen, Kinder zu haben; sie haben krass mehrheitlich rot-grün gewählt - und werden dies auch wieder tun, wenn das konservative Milieu ihnen nicht nahe kommen will. Homosexuelles Leben, die Zeitungen und Filme, die es betreffen, belegen dies, ist wesentlich zufriedenstellender geworden als vor 30, 40, 50 Jahren. Der weitere Weg ist vorgezeichnet: Auf dass es nichts mehr Besonderes ist, als Mann einen Mann, als Frau eine Frau zu lieben und zu begehren. Mit allen Wechselfällen des Lebens: Scheidung vor dem Familiengericht inklusive. Wenn das denn eine Schande sein sollte - würde das nichts machen. Das wäre für Heterosexuelle wie für Homosexuelle gleichfalls eine - wenn sie es denn so empfänden.

Literatur

Bech, Henning (1997): When men meet. Homosexuality and modernity. Chicago
Bech, Henning (1991): Recht fertigen. Über die Einführung „homosexueller Ehen" in Dänemark. In: Zeitschrift Sexualforschung, Jahrgang 4, Heft 3, September 1991, Stuttgart
Bochow, Michael (2000): Das kürzere Ende des Regenbogens. Berlin
Dannecker, Martin, Reimut Reiche (1994): Der gewöhnliche Homosexuelle. Frankfurt am Main
Dannecker, Martin (1997): Vorwiegend homosexuell. Hamburg
Dannecker, Martin (1990): Homosexuelle Männer und Aids. Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, Band 252, Stuttgart
Schmidt, Gunter (1986): Das große Der Die Das. Über das Sexuelle. Herbstein
Schmidt, Gunter/Strauss, Bernhard (Hrsg., 1998): Sexualität und Spätmoderne. Über den kulturellen Wandel der Sexualität. Stuttgart
Stümke, Hans-Georg (1989): Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte. München

Autor

Jan Feddersen
Jan Feddersen, Jahrgang 1957, lebt in Berlin. Er arbeitet als Redakteur und Autor bei der „tageszeitung“ und ist dort unter anderem verantwortlich für die politische Berichterstattung zum Thema Homosexualität. Sein Coming-out begann als 18-Jähriger 1975, ehe er 1977 sein Schwulsein als lebensbejahend zu akzeptieren begann. Für die so genannte Homoehe hat er sich seit der Geburt des politischen Projekts mit eingesetzt. Neben Buchbeiträgen und Essays, unter anderem in Christopher-Street-Magazinen und im „Merkur“,hat er Bücher geschrieben, zuletzt 2002 eines unter dem Titel „Ein Lied kann eine Brücke sein. Die deutsche und internationale Geschichte des Grand Prix Eurovision“
 

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