Wirkungsqualität einer Website

Die „Usability Inspection" von www.loveline.de, der Jugend-Homepage der BZgA zur Sexualaufklärung

Einleitung

Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit den Eigenarten der Qualitätssicherung in einem neuen Medium mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und interaktiven Wirkmechanismen der Rezeption. Teil 1 behandelt die Besonderheiten und Probleme der „Website Usability"¹ im Medium Internet. Um den LeserInnen einen kurzen Abriss der Geschichte der Usability zu bieten, beschreibt der zweite Teil „Bitte ganz doll bunt!" die Impulse für die Entstehung der Usability-Untersuchungen. Im dritten Teil „Was ist Usability Inspection, was Usability Testing?", werden die verschiedenen Verfahren,

die im Rahmen von Qualitätssicherungsverfahren zum Einsatz kommen, beschrieben und erläutert. Was das Untersuchungsfeld und den Gegenstand der Website-Usability als Disziplin ausmacht, wird in „Wirkfaktoren im interdisziplinären Feld Usability" erläutert. Die methodische Ausrichtung ganzheitlicher Usability wird im fünften Teil „Qualitative Verfahren im Medium der Kompromisse" dargestellt. Die Bedeutung von Regelsystemen für Usability Inspections wird im sechsten Teil „Jede Website ein Einzelfall?" aufgegriffen. Zum Schluss folgt die Beschreibung des „loveline-Projekts", der Qualitätssicherung für die Jugend-Homepage der BZgA.

Website Usability: Qualitätssicherung im Medium Internet

Das Konzept der Usability existiert nicht erst seit der Erfindung des Internet und ist auch keine bloße Folge dieser technologischen Revolution. Ursprünglich stammt Usability als Kriterium für ganzheitliche Gestaltungsrichtlinien aus der Produkt- und Interface-Entwicklung, um größere Fehlinvestitionen für Ladenhüter, die die potenzielle Zielgruppe kognitiv überfordern und keinen echten Mehrwert bieten, zu vermeiden.

Für den Bereich der Software-Entwicklung existieren Evaluationskriterien wie die DIN 9241-10ff., die Aufschluss darüber geben, wie ein erfolgreiches Softwareprodukt auszusehen hat und Entwicklungsrichtlinien dafür bereitstellen. Die Teile 10 bis 17² dieser DIN-Norm für unterschiedliche Anwendungsbereiche des Interfacedesign lassen sich auf drei zugrunde liegende (Erfolgs-)Kriterien reduzieren: Effektivität, Effizienz und NutzerInnenzufriedenheit. So viel zum Thema Qualitätssicherung im Bereich des Interfacedesign. „Prima", könnte man jetzt denken, „schon ist alles Wesentliche gesagt, jetzt einfach noch die akzeptierten Normen auf das Internet übertragen und schon winkt der Erfolg ..."

Das Problem: Im Internet wirkt mehr als Normung. Die angeführten Kriterien haben ihre Berechtigung, doch das Medium Internet ist nicht alleine ein Arbeitsmedium. Daher lassen sich die Forderungen der Deutschen Gesellschaft für Normung nicht 1:1 auf ein Medium, das auch der Unterhaltung dient, übertragen. Man stelle sich nur vor, das Qualitätssicherungssystem einer Finanzbehörde einfach mal zum Spaß unreflektiert auf einen Clownverleih zu übertragen. Witzig werden Sie denken, wenn Clowns ihre Salve des Frohsinns über ihr kindliches Publikum abfeuern, währenddessen die bereits servierten Witze auf Ihrer Checkliste abhaken und zwischendurch immer mal wieder einen Fragebogen zur KundInnenzufriedenheit einreichen. So überzogen dieser Vergleich auch klingen mag, so macht er doch die Probleme eines neuen Mediums mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und Zielsetzungen deutlich.

Betrachtet man das Internet als virtuellen Schulterbund der Software-EntwicklerInnen dieser Welt, stellt man fest, dass sich noch längst nicht jede/r EntwicklerIn an die DIN-Normen hält. Genauso wenig besagt der Umkehrschluss, dass die Einhaltung der DIN-Normen bei der Produktion von User-Interfaces allein auch automatisch Zielgruppenangemessenheit garantiert. Um es mit den Worten von Ted Nelson auf den Punkt zu bringen: „Das World Wide Web ist wie Karaoke: Jeder kann es, ohne es geuebt zu haben, und das ist das grossartige daran." (http://beat.doebe.li/bibliothek/w00577.html, erfasst im Biblionetz am 07.02.2001). Genau dieser Großartigkeit (man beachte nur „geuebt" und „grossartige") wird man mit allzu starren und gegenstandsinadäquaten Regeln und Usability-Stoppuhren nicht gerecht. Das bloße Messen der Zeit, die zur Bearbeitung einer bestimmten Aufgabenstellung benötigt wird (ein Verfahren innerhalb des Usability Testing), liefert keine valide Prognose über

den zukünftigen Geschäftserfolg. Wenn das so einfach wäre, hätten alle Agenturen die DIN-Normen und eine Stoppuhr gekauft, Positivismus zum Bekenntnis gemacht und ihre Normüberzeugung an alle Bestandskunden verkauft. Die reale Entwicklung sieht anders aus.

„Bitte ganz doll bunt!" Impulse für die Entstehung der Usability

Gerade in den Gründertagen des Internet wurde auf Websites alles Mögliche umgesetzt, selten aber besonders zielführende, effektive Zugänge zu den interessierenden Infor-mationen. So waren besonders Lösungen gefragt, die durch ihre Farbigkeit und ihr verschlungenes Zugangskonzept eine „innovative" Andersartigkeit vermittelten. Doch gerade als der Wildwuchs besonders um sich griff, kam plötzlich und unerwartet die Wende. Einer der prominenten Anhänger der „Buntheitsbewegung" behauptete plötzlich das Gegenteil dessen, was er vorher vertreten hatte. Der Mann, von dem die Rede ist, heißt Jared Spool und ist neben Jakob Nielsen und Steve Krug einer der bekannten Gurus aus der Usability-Szene.

Spool, wie gesagt einst Verfechter der unendlichen virtuellen Buntheit, geriet in Anbetracht erster eigener Usability-Studien ins Grübeln über die Richtigkeit des eigenen Thesenwerks gezielter Andersartigkeit. Ernüchternd war für Spool vor allem die Tatsache, dass User weniger bunte, bewegte Bilder wertschätzten als einen schnellen Zugang zur gewünschten Information. Seitdem schreibt Spool schlaue Bücher, und die Usability-Entwicklung ist einen Schritt weiter.

Die VerfechterInnen der Usability predigen seither die NutzerInnenemanzipation („The User is the ruler", Nielsen). Konnten EntwicklerInnen noch zu Beginn des Internet-Zeitalters mangelnde Bedienbarkeit einfach mit der Unfähigkeit der User erklären, bewahren heutzutage derartig fadenscheinige Ausreden nicht mehr vor dem Relaunch (der Überarbeitung, Anm. d. Red.). Es interessiert heutzutage nur noch, wie die Website optimal auf eine möglichst große potenzielle NutzerInnengruppe zugeschnitten werden kann, um Mehrwert und Umsatz zu generieren.

Die Bedeutung der Usability für das Internet ist also vor allem durch gestiegene Useranforderungen im Zuge eines immer breiteren Dienstleistungsangebotes im Internet zu erklären. Internetlösungen müssen sich, um KundInnen zu werben, aus der Masse der Angebote hervorheben.

Was ist Usability Inspection, was Usability Testing?

Im Internet findet man neben sehr vielen hilfreichen Hinweisen auch zwei sehr brauchbare Definitionen zu Usability Inspection und Usability Testing.³

Usability Inspection ist der Name für eine Reihe von Methoden, bei denen Gutachter Usability relevante Aspekte eines Produktes überprüfen. Die Gutachter können dabei Endanwender, Domänenexperten, Software-Entwickler oder Usability-Ingenieure sein. Dieser Ansatz baut auf die Fähigkeit der Gutachter, Probleme der Endanwender vorherzusagen.

Usability Test ist der Name für ein Vorgehen, währenddessen überprüft wird, ob die festgelegten Usability-Ziele erreicht worden sind. „Test" ist dabei ein generischer Name für eine Vielzahl verschiedener Methoden, die dabei zum Einsatz kommen können. Sie reichen von einfachen Fragebogenerhebungen bis hin zu aufwendigen Laboruntersuchungen.

Unter Online Evaluation versteht man eine Reihe von Methoden, die dazu dienen, durch das Medium Internet Daten über Nutzer bezüglich bestimmter Merkmale und Merkmalskombinationen zu erheben. Dabei kann die Erhebung über unterschiedliche Internet-Kanäle erfolgen: E-Mail, WWW oder über Diskussionsforen. In der Mehrzahl der Untersuchungen kommen so genannte Online-Fragebogen zum Einsatz.

Usability Engineering definiert eine Reihe von Methoden, deren Ziel es ist, wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst praxisnah in den Design- und Entwicklungsprozess zu integrieren. Dabei folgt der gesamte Entwicklungsprozess der Maxime, Endanwendern ein Produkt mit hoher Benutzungsqualität an die Hand zu geben.

Die Usability Testings und Inspections müssen an den je-weiligen Untersuchungsgegenstand angepasst werden. Wäh-rend zu Beginn des Usability Engineerings hauptsächlich qualitative Verfahren zum Einsatz kommen, um den Untersuchungsgegenstand verstehen zu lernen, wird dieser Methodenkanon zum Abschluss durch Online-Evaluation begleitet. So lassen sich die gewonnenen Erkenntnisse an einer größeren Stichprobe validieren.

Wirkfaktoren im interdisziplinären Feld Usability

Das Internet ist ein Medium, das Eigenleben und eigene Sprachformen entwickelt hat. Emoticons4 und Icons5 sind schöne Beispiele dafür. Das Internet hat sich zum Spiegel unserer Seele entwickelt. Als Usability Engineer muss man die seelischen Wirkmechanismen bei der Rezeption einer Website entdecken, dies ist das Ziel qualitativ orientierter Usability Testings. Doch damit bewegt sich die Usability weg von den Wurzeln der reinen Benutzungsqualität; Anmutungs- und ästhetische Qualität sind ebenso wichtige Wirkfaktoren. Aber gerade an dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise mangelt es derzeit noch. Zu sehr liegt der Fokus dessen, was ForscherInnen unter dem Begriff Usability verstehen, noch einzig auf der Benutzungsqualität. Doch das, was im Internet wirkt, ist mehr: Zusammenhang und Verflechtung der textlich-visuellen Wahrnehmung machen das neue Medium aus.

Die Passung verschiedener Faktoren der Wirkungs- und Benutzungsqualität (Usability) zwischen NutzerInnen und Website ist der eigentliche Gegenstandsbereich. Darunter fallen Faktoren wie das verwendete Bezeichnungssytem, Farb- und Formgebung, Sprachfärbung, Attraktivität des Service-, Informations- und Interaktionsangebotes sowie intuitive Bedienbarkeit, Unterhaltungswert etc.

Durch Einsatz qualitativer psychologischer Verfahren wie dem Tiefeninterview wird man dieser Einmaligkeit individueller, interaktiver Wirkungswelten des Internet und seiner sich ändernden Zielgruppen gerecht. Ein weiterer Vorteil dieser Tiefeninterviews ist, dass sie auch die unbewussten Aspekte der Human-Computer-Interaction (HCI) berücksichtigen und somit zum ganzheitlichen Verständnis der HCI beitragen. Gegenstandsangemessenes Usability Engineering ist von Eklektizismus und Ganzheitlichkeit geprägt. Möchte man die Gesetze bei der visuellen Rezeption besser verstehen, liefert die Wahrnehmungspsychologie, insbesondere die Gestaltpsychologie, wichtige Erkenntnisse (Christian von Ehrenfels, Max Wertheimer, Kurt Koffka, Wolfgang Köhler, Kurt Goldstein, Kurt Lewin). Was die Gestaltgesetze im Kern ausmacht, ist die Erkenntnis, dass das Gesamte mehr als die Summe seiner Teile ist und dass Wahrnehmung ganzheitlich funktioniert. Kognitionspsychologie und Denkpsychologie liefern wiederum Erkenntnisse darüber, wie Wissen am besten zu strukturieren ist und wie sich Wissen vermittelt. Gerade die Theorien zu semantischen Netzwerken haben zum Verständnis darüber beigetragen, wie Wissensvermittlung funktioniert.

Konkrete Modelle zum Ablauf des Problemlösevorgangs findet man ebenfalls in der Kognitionspsychologie (Hussy, 1984; Atkinson & Shiffrin, 1968 etc.). Das Tiefeninterview selbst entstammt der Psychoanalyse und verwandten tiefenpsychologischen Richtungen wie der Morphologie. Aber auch die Theorie und Praxis der Gesprächsführung und der Gesprächspsychotherapie liefern wichtige Erkenntnisse darüber, wie man Interviews im Rahmen von Usability Testings durchführt. Im Kern macht dieser Eklektizismus ganzheitliche Usability aus. Betrachtet man die Begriffsbildung dieser neuen interdisziplinären Forschungsrichtung, wird schnell deutlich, dass der Gegenstandsbereich in seiner Komplexität die Grenzen der reinen Benutzungstauglichkeitsbetrachtung überschreitet. Spaltet sich die Usability in Einzeldisziplinen auf, oder tritt ein neuer Begriff wie „Online-Wirkungsforschung" die Nachfolge an?

Qualitative Verfahren im Medium der Kompromisse

Trotz der geschilderten, durchaus begrüßenswerten Gesamtentwicklung, die die User mit ihren Wünschen stärker berücksichtigen möchte, kommt es immer wieder vor, dass für sie das Internet zum Dschungel wird, in dem sie sich verlieren. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die unternehmerischen Ziele der verschiedenen Website-BetreiberInnen nicht in Einklang gebracht werden mit den Wünschen potenzieller NutzerInnengruppen (oder der Erfolg der vermeintlich profitablen Website scheitert schon an der nur impliziten Zielsetzung des Betreibers). Ihre Renaissance im Medium Internet verdankt die Usability dem Umstand, dass NutzerInnen Websites umgehend verlassen, wenn sie nicht abschätzen können, wohin die virtuelle Reise geht. Was das Medium Internet auszeichnet, ist die Beeinflussung und Veränderung der Rezeption durch die NutzerInnen. Diese kontextabhängigen Veränderungen der Rezeption nennt man in der Fachsprache „nicht-linear" (im Gegensatz dazu gelten Bücher und das Fernsehen als lineare Medien mit klar vorgegebenem Rezeptionsverlauf). Aus diesem Grund ist die Interaktion ein entscheidender Bestandteil des Mediums Internet, und die Navigation rückt ins Zentrum der Untersuchung.

Die Aufgabe der Usability-ExpertInnen in diesem Spannungsfeld besteht nun darin, Zielsetzungen auf Seiten der NutzerInnen und BetreiberInnen aufzudecken, bewusste

wie unbewusste, und diese mit der jeweiligen Lösung abzugleichen. Die Verschiedenartigkeit an Zielsetzungen unterschiedlicher BetreiberInnen zeigt, wie einzigartig eine Website ist und wie idiographisch sie methodisch betrachtet werden muss. Im Entwicklungsprozess, dem Usability Engineering, muss durch klare Handlungsanweisungen ein Gleichgewicht der verschiedenen Zielsetzungskräfte hergestellt werden. Versteht man Usability Engineering als ganzheitlich und idiographisch (Windelband, 1921), bedeutet dies also, die Fragestellungen des Usability Engineerings an die individuelle Erlebniswelt des Users und die Einzigartigkeit der jeweiligen Website-Lösung anzupassen. Erst durch Einsatz qualitativer Methoden zum Verstehen seelischer Wirkfaktoren bei der Rezeption sind gute Prognosen über NutzerInnenakzeptanz und Erfolg einer Website möglich.

Das Internet ist das Medium der Kompromisse: Zwar lassen sich sehr leicht Daten erheben und auswerten, aber selten lassen sich die Daten eindeutig einem Nutzer/einer Nutzerin zuordnen, und noch seltener werden Grundsätze wissenschaftlicher Methodenlehre bei der Konzeption von Studien beachtet. Von vielen selbstberufenen ForscherInnen wird gern vergessen, dass eine Fragebogenkonstruktion on- wie offline nach methodischen Kriterien erfolgen sollte, wenn valide Ergebnisse erzielt werden sollen.

Gerade die quantitativen Erhebungsverfahren haben durch das Internet an Popularität gewonnen. Statistiken zum NutzerInnenverhalten in Bezug auf das Betriebssystem oder die Monitorauflösung sind leicht verfügbar. Doch was nutzen solche isolierten Erkenntnisse bei der Konzeption einer Website? Wenig, denn damit weiß man noch nicht, welche Informationen eingestellt werden sollen und wie die Website gestaltet werden sollte. Genau an dieser Stelle, wenn es darum geht zu verstehen, was NutzerInnen möchten, empfiehlt sich der Einsatz qualitativer Verfahren.

Jede Website ein Einzelfall?

Websites weisen sehr unterschiedliche inter- wie intraindividuelle Rezeptionsverläufe auf, abhängig von der jeweiligen Zielsetzung des Users. Für die Entwicklung solcher Websites bedeutet dies, dass die fehlende Grundlage fester Interface-Gestaltungsrichtlinien wie etwa bei der Software-Entwicklung (DIN 9241-10ff.) aufgefangen werden muss. Dementsprechend gibt es eine ganze Reihe an Faktoren, die während der Konzeption und Produktion einer Website zu beachten sind. Solche Faktoren werden oftmals zu Regelsystemen vereinheitlicht (so genannte Heuristiken), die Ableitungen für den konkreten Einzelfall erlauben sollen (so genannte Heurismen). Usability-Heuristiken sind technologische Regeln zur Vereinfachung und Objektivierbarkeit des Evaluationsprozesses der Usability Inspection. Heuristiken sind allgemeine Richtlinien und Empfehlungen, die nicht uneingeschränkt anwendbar sind, sondern deren Gültigkeit im Einzelfall überprüft werden muss.

Häufig wird der Einsatzbereich der Usability-Untersuchung auf die drei Dimensionen Navigation, Content (Inhalt) und Design reduziert. Eine weitere wichtige Komponente ist der „Grad erlebter Interaktivität", der ebenso wie die Navigation Auswirkungen auf die subjektiv erlebte Autonomie der NutzerInnen hat. Daher ist es wichtig, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie alle Mittel zur Bestimmung des Rezeptionsverlaufs besitzen. In der praktischen Umsetzung bedeutet dies Service- und Hilfefunktionen bereitzustellen, die Navigation so einfach wie möglich zu halten und den subjektiv erlebten Grad an Interaktivität, zum Beispiel durch Mouseover (grafische Hervorhebung bei der Mouse-Bewegung), zu steigern.

Häufig wird gerade der Navigation als wichtigem Faktor innerhalb der Website-Entwicklung zu wenig Beachtung geschenkt wird, obwohl die Navigation für die Benutzungsqualität einer Website eine ganz besondere Rolle spielt. Dieses Phänomen wurde sehr treffend als „Lost in Hyperspace" charakterisiert (Deborah M. Edwards & Lynda Hardman, 1988). Jedem Usability-Tester ist dieses Problem schon begegnet: User sitzen regungslos vor ihrem Bildschirm und sind nicht in der Lage, bestimmte Aufgaben auf einer Website zu erledigen. Dieser Verlust der selbsterlebten Autonomie führt meist zum Verlassen der Website. Das Online-Internetjournal Fit for net beschreibt6, wie sehr Navigation als typisches Element nicht-linearer Medien Auswirkungen auf die Gesamtwirkung einer Website hat:

„Aus der Sicht des Besuchers einer website ist ein Navigationssystem, mit dem er sofort umgehen kann, wesentliche Voraussetzung für seine ‚positive Beziehung' zur website und damit zur Marke oder zum Unternehmen (bonding)."

Die Ansprüche von NutzerInnen sind im Übrigen derart vielfältig, dass sie sich meist nicht einfach durch ein Heuristiksystem abdecken lassen. An eine Such-Website werden andere Ansprüche gestellt als an eine News-Seite. Genau aus diesem Grund sind Usability Testings unersetzbar, denn durch die Auswahl der Versuchspersonen wie auch der qualitativen Vorgehensweise wird man der Website als Einzelfall gerecht und bekommt die Gelegenheit, unmittelbar in die Welt der NutzerInnen einzutauchen.

Das loveline-Projekt

Die Website www.loveline.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wendet sich speziell an Jugendliche.

Ihr Ziel ist es, Jugendliche über Liebe, Partnerschaft, Sexualität und Verhütung zu informieren. Aufgabe des Usabilty Engineerings war es nun zu überprüfen, inwieweit die Website Forderungen der Usability berücksichtigt und den Zielsetzungen ebenso wie der Zielgruppe gerecht wird. Daher wurde von der dbc gmbh gemeinsam mit der BZgA ein umfassender Test erarbeitet, der für die erste Untersuchungsphase, die inzwischen abgeschlossen ist, eine Usability Inspection (Expertencheck) vorsah. In der zweiten Phase, die zur Zeit läuft, werden mittels Fragebogen Erkenntnisse über die NutzerInnen der loveline.de gesammelt, um die Website noch stärker auf das Zielpublikum auszurichten und Erkenntnisse über die Zusammensetzung der User hinsichtlich Alter, Schulbildung, Geschlecht und weiterer Faktoren genauer zu bestimmen. Um zur Teilnahme an der Fragebogenuntersuchung zu motivieren und um Verzerrungen und Drop-Outs zu vermeiden, wurde dem Fragebogen ein Verhütungsspiel vorgeschaltet.

Eine weitere Funktion dieses Fragebogens liegt in der Präzisierung der Nutzungsgewohnheiten der Zielgruppe und der Bewertung der Website durch sie. Neben dem Zugang zum loveline-Angebot (technische Aspekte/Referrer) wurden Alternativangebote, angenommene Urheberschaft und Präferenz der NutzerInnen für die Website getestet. In der abschließenden Phase wird die Website einem Usability Testing unterzogen, einer qualitativen Analyse der Benutzungs- und Erlebnisqualität der Site-Lösung aus Sicht der User, um sie, nach einer ersten Überarbeitung, schließlich zu optimieren. Im Rahmen des Usability Testing sollen folgende Aspekte hinterfragt werden:

  • Erwartungen an eine „Aufklärungs-Website"
  • Relevanz des Themas Liebe, Sexualität und Verhütung für Jugendliche
  • Interesse am Thema Liebe, Sexualität und Verhütung
  • Wirkungs- und Benutzungsqualität der Website und der einzelnen Rubriken: News, Liebesacht, Liebesspiel, FAQ, Gästebuch
  • bevorzugte Einstiegsbereiche
  • Bewertung des Online-Angebotes von loveline.de und vergleichbarer Alternativangebote
  • Analyse der aufbereiteten Informationen auf loveline.de/Zielgruppenadäquanz
  • Bekanntheitsgrad der Website und möglicher Alternativangebote etc.

Das Testing selbst wird etwa 90 Minuten dauern. Die Exploration der interessierenden Fragestellungen findet im Einzelinterview statt. Als Erhebungsinstrument dienen halbstrukturierte psychologische Tiefeninterviews in Kombination mit klientInnenzentrierter Gesprächsführung. Das zugrunde liegende Analysekonzept entstammt der Qualitativen Medienpsychologie. Die Testings selbst werden ausschließlich von InterviewerInnen mit akademischer Ausbildung in tiefenpsychologischen/psychotherapeutischen Gesprächsführungs- und Analysetechniken durchgeführt - auch das ist Qualitätssicherung.

Aus der Kombination beider Verfahren, Usability Inspection und Testing, ergibt sich ein umfassendes Optimierungspotenzial, nicht zuletzt weil ExpertInnen und NutzerInnen verschiedene Fehlerquellen unterschiedlich stark fokussieren. Deshalb ist es sinnvoll, einem Usability Testing einen ExpertInnen-Check voranzustellen. Weiterhin sprach die schnelle Umsetzbarkeit und das ökonomische Kosten-Nutzen-Verhältnis für eine Usability Inspection der Website in der ersten Untersuchungsphase.

Da zur Zeit nur die Ergebnisse der Usability Inspection vorliegen, sollen diese in Kürze referiert werden: Im Zentrum standen Seitenaufbau, Konsistenz der Gestaltungsrichtlinien und die Benutzungsqualität des Navigations-Systems. Ziel der Inspection war es, den Zugang zu den einzelnen Informationsbereichen auf Effizienz zu untersuchen.

An der Website fällt die zielgruppengerechte Ansprachestrategie auf, die kaum Tabus kennt und sich damit erfrischend von allzu belehrenden Websites mit erzieherischem Anspruch abhebt. Auf die inhaltlichen Elemente von www.loveline.de, die in der Reihe FORUM bereits ausführlich beschrieben wurden und vor allem hinsichtlich der zweiten und dritten Untersuchungsphasen relevant sind, soll im Kontext der Usability Inspection nicht näher eingegangen werden. An dieser Stelle werden daher vorrangig technisch-formale Probleme und Lösungen dargestellt.

Neben vielen positiven Eindrücken wirkte die Website dennoch etwas unstrukturiert. Die Startseite offenbarte mangelnde Konsistenz. Die verschiedenen Links waren sehr unterschiedlich formatiert, so dass die Orientierung entsprechend schwer fiel. Weitere Hauptschwachpunkte der Internetpräsenz unter loveline.de waren die grafische Umsetzung und die Navigierbarkeit der Website. Letztere war sehr ungewöhnlich und deshalb nicht intuitiv zu erschließen.

Die grafische Gestaltung wies vor allem folgende Mängel auf:

  • Fehlende visuelle Trennung der Textinformationen von den Links, allgemein: mangelnde visuelle Priorisierung der verwendeten Einzelelemente;
  • mangelnder Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund;
  • mangelnde visuelle Trennung unterschiedlicher Funktionsbereiche;
  • grafische „Flüchtigkeitsfehler" (Platzierungsprobleme grafischer Elemente);
  • verwirrende Hintergründe und Animationen;
  • mangelnde visuelle Gliederung des Content (Inhalt);
  • mangelnde Ausnutzung des zur Verfügung stehenden Raumes für den Content.

Hinsichtlich der Navigierbarkeit konnten folgende Fehlerpotenziale ausgemacht werden:

  • Unökonomisches räumliches Verhältnis zwischen Content und Navigation;
  • fehlende Konsistenz der Navigationslogik und ihrer Elemente;
  • fehlende Trennung zwischen thematischer und Service-Navigation;
  • einzige Navigationsvariante auf Flash-Basis, Fehlen einer navigierbaren Flash-Alternative;
  • die Ausweisung aktivierter Navigationszustände erfolgt nicht intuitiv.7

Als Lösung zur Behebung dieser Mängel empfahl dbc die Schaffung und Einhaltung eines durchgängigen Gestaltungsrasters mit festen Seitenqualitäten für Start-, Center- und Contentpage. Die Vereinheitlichung der verwendeten grafischen Elemente und der Links sollte durch einen Styleguide vorangetrieben werden. Ein solcher Styleguide, der zur Dokumentation der verwendeten grafischen Elemente zwingt, schafft Transparenz und Orientierung im Produktionsprozess und fördert die Vereinheitlichung einer Website. Um diese Vereinheitlichung und Nachvollziehbarkeit auch auf Seiten der Programmierung zu gewährleisten, empfiehlt sich die Dokumentation über einen Webguide. Dieser gibt Aufschluss über die verwendeten Technologien, die Sitestruktur und über die Quellcodes.

Über die Ergebnisse der NutzerInnenbefragung, also des Usability Testings in der zweiten und dritten Phase dieser Evaluation, werden wir zu einem späteren Zeitpunkt in FORUM berichten.

Literatur

Atkinson, R. C. & Shiffrin, R. M. (1968): Human memory: a proposed system and its control processes. In: K. W. Spence & J. T. Spence (Eds.), The psychology of learning and motivation: advances in research and theory. New York: Academic Press (Vol. 2, pp. 89-195)Edwards, Deborah M. & Hardman, Lynda (1988): Lost in Hyperspace: Cognitive Mapping and Navigation in a Hypertext Environment. Hypertext: Theory into Practice. Ray McAleese, ed. Oxford: Intellect, UK Hypertext, 104-125

Hussy, W. (1984): Denkpsychologie: e. Lehrbuch. Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: Kohlhammer

Krämer, N. C. & Bente, G. (2002): Mehr als Usability (Sozial-)psychologische Aspekte bei der Evaluation von anthropomorphen Interface-Agenten. i-com,

Littleford, A. ( 1991): Artificial intelligence and hypermedia. In: Berk, E. and Devlin, J. (Eds.): Hypertext/Hypermedia Handbook. Intertext Publications/ McGraw-Hill Publishing Co., Inc., New York, 357-378

Shiffrin, R. M.: Short-term store: The basis for a memory system. In: F. Restle, R. M. Shiffrin, N. J. Castellan, H. R. Lindman & D. B. Pisoni (Eds. 1975): Cognitive theory (Vol. 1). Hillsdale, N. J.: Erlbaum

Spool, Jared (1999): Web Site Usability: A Designer's Guide. San Francisco, Kaufmann

Windelband, Wilhelm (1921): Präludien. Aufsätze und Reden zur Philosophie und ihrer Geschichte. Band II, 7./8. Auflage Tübingen

Fußnoten

1 Usability: Wirkungs- und Nutzungsqualität eines Internet-Angebots

(Anm. d. Red.)

2 Teil 10: Grundsätze der Dialoggestaltung

Teil 11: Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit - Leitsätze

Teil 12: Informationsdarstellung

Teil 13: Benutzerführung

Teil 14: Dialogführung mittels Menüs

Teil 15: Dialogführung mittels Kommandosprachen

Teil 16: Dialogführung mittels direkter Manipulation

Teil 17: Dialogführung mittels Bildschirmformularen

3 Armin Eichinger, Usability pcptpp030.psychologie.uni-regensburg.de/student2001/Skripten/Zimmer/u-tests.html

4 Emoticons wie z.B. J oder L sind Interpunktionskombinationen, die Befindlichkeiten und Verfassungen der User ausdrücken sollen (Anm. d. Red.).

5 Icons sind grafische Vereinfachungen (Symbolsprache) im Bereich des Screen- und Interfacedesigns (Anm. d. Red.).6 unter www.fitfornet.de/trend/websites/webdocs/web942.htm

Durch die Trennung in Usability Inspection und Testing konnte die www.loveline.de frühzeitig zu einer thematischen Portalseite mit wechselnden inhaltlichen Themen entwickelt werden. Die Ergebnisse bezüglich der Grafik konnten im laufenden Betreuungsprozess unmittelbar umgesetzt werden. Die Anregungen hinsichtlich der Navigation wurden nach einer konzeptionellen Diskussion allerdings verworfen. Gerade die gewählte Flash-Navigation ohne sichtbare Trennung von thematischer und Service-Navigation hatte sich als inhaltlich wichtig und zielgruppengerecht herausgestellt. (Anm. d. Abteilung Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung)

Autor

Boris Weinrich
Boris Weinrich ist Dipl.-Psychologe und leitet den Bereich Usability Engineering bei der dbc gmbh.
 

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