"Mona, Lisa und Herr Hahnentritt"

Eine „KundInnenbefragung" mit Kindern zu sexualpädagogischen Medien

Während es kaum einen Produktionssektor sowohl in der Güter- als auch in der Dienstleistungsproduktion gibt, in dem nicht regelmäßig KundInnenwünsche und -zufriedenheit erhoben werden, leistet sich die Pädagogik, hier die Sexualpädagogik, bislang wenig Vergleichbares. Entsprechend wenig begründetes Wissen gibt es über die Wirkungen (die so genannten „Outcomes") der eigenen Praxis, zum Beispiel in Gestalt ihrer Methoden und Medien.

Hierfür lassen sich vor allem zwei Gründe finden: Zum einen fehlt es vielerorts an dem Bewusstsein, dass Qualitätssicherung ein unverzichtbares Moment jeglicher professionellen Praxis ist; zu stark sind die Ängste und Befürchtungen hinsichtlich eines möglichen Missbrauchs von Evaluation sowie das Vorurteil, dass pädagogische Prozesse prinzipiell nicht zu evaluieren seien. Zum anderen fehlt es vielfach an geeigneten Forschungsdesigns und -verfahren, um die Mitarbeit der Beteiligten beziehungsweise der betroffenen AdressatInnen zu sichern. Qualitätssicherung durch AdressatInnenbeteiligung ist aber wichtig, denn die „insider points of view", also die subjektiven Deutungs- und Handlungsmuster der NutzerInnen, sind durchaus nicht immer kompatibel mit öffentlichen und professionellen Definitionen. Ihre Abgleichung ist als Schritt zur Optimierung pädagogischer Qualität unabdingbar.

Qualität als partizipativer Diskurs

Qualität kann nur in einem kommunikativen Prozess mit den Beteiligten entwickelt werden. Das meint einen offenen Klärungsprozess mit den NutzerInnen beziehungsweise „KundInnen", ob die pädagogischen Produkte auch ihren Bedürfnissen entsprechen und die beabsichtigte Wirkung erzielen. Vor allem die Beteiligung von Kindern ist hier noch die Ausnahme. Sie wird häufig mit dem Hinweis auf besondere forschungstechnische Probleme zurückgestellt: Die begrenzten Möglichkeiten im sprachlichen Ausdruck und die Schwierigkeit, kindliche Aussagen richtig zu interpretieren, werden als Begründung hierfür ebenso hervorgehoben wie die Schwierigkeit, Erhebungsmaterial, Situationen oder Kommunikationsstrukturen kindgerecht zu gestalten (vgl. Petermann/Windmann 1993). Und so werden zumeist, wenn überhaupt, Erwachsene als anwaltschaftliche VertreterInnen befragt, die „im Interesse der Kinder" sprechen.

Zugänge und Artikulationschancen für Kinder öffnen

Die bereits in der Reformpädagogik formulierte und seit den neunziger Jahren erneut auflebende Forderung, Kinder als InformantInnen über ihre eigenen Lernprozesse ernst zu nehmen, sie zu verstehen und ihnen in ihrem Denken zu begegnen (vgl. Valtin 1991), geht mit einem neuen Vertrauen in die Glaubwürdigkeit und Kompetenz von Kindern in den Sozial- und Erziehungswissenschaften einher. Kinder und Jugendliche in den Prozess der Qualitätssicherung einzubeziehen, erfordert eine Offenheit für ihre Sinn- und Regelsysteme, die in möglichst „natürlichen" Situationen mit interpretativen Mitteln erschlossen werden können.

Denn die Perspektiven von Kindern und Erwachsenen unterscheiden sich, die Denk- und Verhaltensformen der Kinder sind den Erwachsenen häufig fremd. Das liegt unter anderem daran, dass sich die Äußerungen der Kinder meist auf ihren konkreten Lebenszusammenhang beziehen. Sie können früher in Handlungen ausdrücken was sie sehen, hören und in der Umwelt wahrnehmen als sie es verbalisieren oder gar reflektieren und interpretieren können. Damit liegt eine Entscheidung für Beteiligungsmethoden nahe, die handelnde Äußerungsformen der Kinder ermöglichen (wie zum Beispiel Spielen, Malen, Bewegen) und die Verbalisierungsanreize bieten, selber frei zu formulieren. Sie haben sich in Verbindung mit qualitativen Verfahren wie der offenen, inhaltsanalytischen Interpretation von sprachlichem Material bewährt - ohne dass eine überhebliche Erwachsenenperspektive eingenommen würde (vgl. Heinzel 1997).

Wenn Kinder echtes Interesse an den Fakten ihres Alltagslebens spüren, wenn sie keine Angst vor „falschen" Antworten haben, wenn sie sich nicht wie in einer Schul- oder Prüfungssituation fühlen, nutzen sie die Gelegenheit ausgiebig, ihre Sicht vom Leben, ihre Wünsche, Vorstellungen, Bedürfnisse und Probleme zu artikulieren (vgl. ebd., S. 406). Diese Erfahrungen legen nahe, Kinder nicht nur als „Werdende", noch nicht vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu sehen, sondern als „aktiv realitätsverarbeitende Subjekte" (Hurrelmann 2001, S. 65), als kompetente Akteure, die ihre Wirklichkeit durch Interaktionen gestalten können. Diese Grundhaltung ist eine Voraussetzung für eine kindorientierte Beteiligung an Qualitätssicherungsprozessen.

Medien für Kinder sollten auch von Kindern getestet werden

Der wachsende Respekt vor den Kompetenzen von Kindern in den Sozial- und Erziehungswissenschaften in Verbindung mit einer zunehmenden Demokratisierung pädagogischer Prozesse durch Partizipation beeinflusst auch die Gestaltung von Qualitätsdiskursen: „Betroffenen-" beziehungsweise „NutzerInnenbeteiligung" wird selbstverständlicher.

Entsprechend erteilte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung den Auftrag, zwei neue Medien, die für die Sexualaufklärung von Mädchen insbesondere im Grundschulalter entwickelt wurden, in einem Pretest dem Urteil der Adressatinnen zu überlassen. Dabei handelt es sich zum einen um die Broschüre „Mona, Lisa und Herr Hahnentritt", die den Charakter eines Lesebuchs hat, sowie um „Das kleine Körper-ABC". Die Broschüren enthalten Informationen zur körperlichen Entwicklung, Fragen zum Monatszyklus, zu Schwangerschaft und Geburt etc. Ziel der Broschüren ist die Stärkung des Selbstbewusstseins der Mädchen und die Vorbereitung auf die Pubertät.

Die pädagogische Qualität der Medien sollte anhand folgender Fragestellungen überprüft werden:

  • Werden die Intentionen der Texte deutlich, und sind sie in ihrer Ausführung adäquat und stimmig?
  • Ist die Sprache angemessen im Hinblick auf die Rezeptionskompetenzen der Zielgruppe?
  • Sind Umfang und Inhalte der einzelnen Kapitel angemessen?
  • Gibt es überflüssige beziehungsweise fehlende sexualpädagogische Themen vor dem Hintergrund der Aufnahmekapazität der Mädchen?
  • Sind die Gestaltungslinien der Broschüren (Illustrationen, Format etc.) angemessen?

Zur Beantwortung dieser Fragen wurden Prototypen der Hefte von einer Zielgruppenstichprobe (36 Mädchen im Alter von 8 bis 12 Jahren) beurteilt und, um die kinderspezifische Sichtweise herausarbeiten und sichern zu können, zusätzlich zum Vergleich einer Gruppe von 25 sexualpädagogischen Fachkräften und sonstigen MultiplikatorInnen, die mit Kindern dieser Altersgruppe pädagogisch arbeiten.

Der Zugang zu Kindern erfolgt am einfachsten über ihre Schulen. Dies hat den Vorteil, dass viele Kinder erreicht werden können, ein Nachteil kann - wie bereits angesprochen - darin bestehen, dass die Beteiligungssituation mit der Institution Schule und ihren Prinzipien verbunden wird. Aber auch Schneeballverfahren oder Aufrufe in Freizeiteinrichtungen sind möglich. Bei diesen Zugängen werden allerdings zumeist nur Kinder einer bestimmten Sozial- bzw. Bildungsschicht erreicht. Beide Zugänge wurden zur Rekrutierung der Stichprobe eingesetzt: 11 Schülerinnen stammen aus einer 4. Grundschulklasse, 13 Schülerinnen aus einer sechsten Klasse einer Realschule, 12 Mädchen besuchten einen Hort. Zusätzlich nahmen 30 Mitschüler an dem Pretest teil, deren Äußerungen, wenn sie interessante Gegenüberstellungen ermöglichten, zum Vergleich beziehungsweise zur Verdeutlichung der Mädchenaussagen berücksichtigt wurden.

Kindorientierte Erhebungsmethoden

Manche Themen (wie Verlieben und Sexualität) besprechen Kinder lieber mit Gleichaltrigen als mit Erwachsenen und beantworten Fragen dazu nur ungern (vgl. Heinzel 1997, S. 409). Es musste daher zusätzlich zu einer kindorientierten Beteiligungsform ein geschützter Rahmen geschaffen werden, in dem die Kinder sich auch trauen, ihre eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse zu äußern. Dies galt in besonderem Maße für die Erhebungssituation Schule, da die Kinder es gewohnt sind, dass ihre Beiträge hier in „richtig" oder „falsch" kategorisiert werden.

Aus diesem Grund wurde die NutzerInnenbefragung eingeleitet mit einer gruppendynamischen Übung aus dem Mediationstraining, mit dem so genannten „Welcome Diversity" (vgl. Faller/Kerntke/Wackmann 1996, S. 29). Diese Übung lässt sich für verschiedene Einsatzbereiche abwandeln, bringt Bewegung in die Kindergruppe und ermöglicht, wie der Name bereits andeutet, Verbindendes, aber auch Unterscheidendes zu entdecken. Mit ihrer Hilfe lässt sich eine Grundhaltung anbahnen, die von Rücksichtnahme, Akzeptanz und Toleranz geprägt ist, und die ermöglicht, Gruppenzwang und Ausgeschlossensein zu thematisieren. Mit Hilfe der Übung konnte auch der Kenntnisstand der SchülerInnen umrissen werden, das heißt es wurde deutlich, welche Begriffe aus dem Lexikon „Das kleine Körper-ABC" den SchülerInnen bereits vertraut waren.

Eifersucht, Flirt, Pubertät, Stimmbruch, Geschlechtsorgane - diese grundlegenden Begriffe zur körperlichen Entwicklung waren den meisten Grundschulkindern bekannt. Da die Kinder aber auch Gelegenheit hatten, selber alle sie interessierenden Fragen zu stellen, wurde auch der weitergehende Wissensbedarf erkennbar. Nachdem ein Mädchen recht harmlos anfing und wissen wollte, wer schon einmal geküsst hätte, war das Eis gebrochen. Die SchülerInnen fragten nach Verhütung, Samenerguss, Diaphragma, erogenen Zonen oder auch danach, was „blasen" bedeutet. Die älteren Mädchen aus der sechsten Klasse fragten überwiegend nach Begriffen, die nicht im Lexikon vorkommen und sich auf so genannte Problembereiche der Sexualität beziehen: Perversion, Exhibitionismus, Impotenz, Frigidität, Misshandlung, Nötigung.

Für die Lehrkräfte war die Übung „Welcome Diversity" mit den anschließenden freien Fragen der SchülerInnen eine Herausforderung, da durch die hier entstandene offene Gesprächsatmosphäre ungewohnte Fragen für den Rahmen der Schule gestellt wurden. Von daher kann man davon ausgehen, dass die SchülerInnen zumindest ansatzweise nach jenen Begriffen gefragt haben, die sie auch interessieren. Deutlich wurde in jedem Fall, dass das Anspruchsniveau des Lexikons für Grundschülerinnen angemessen ist; es enthält zahlreiche Begriffe, die sie schon kennen, aber auch eine Reihe von Themen, über die sie mehr erfahren wollten. Für ältere Mädchen (11- und 12-jährige) bietet es erwartungsgemäß nicht alles, was sie wissen möchten. Alle Mädchen beurteilten diese Broschüre mit „super" oder „gut".

Schreiben ist manchmal leichter als reden

Mit der Geschichte im Aufklärungsbüchlein „Mona, Lisa und Herr Hahnentritt" sollten sich die SchülerInnen in schriftlicher Form auseinandersetzen. Schreiben provoziert zu komplexeren Äußerungen als dies das spontane mündliche Gespräch vermag. Ansonsten eher zurückhaltende, „sprachlose" Kinder trauen sich zudem eher, sich zu äußern. Darüber hinaus können die Kinder zum Beispiel durch die Bilder eine zusätzliche Unterstützung erhalten, um ihre Version der Geschichte erzählend zu artikulieren und im Text Ausgespartes, für sie selbst aber unter Umständen Wesentliches, wiederzugeben. Auf diese Weise lassen sich die Verständnisvoraussetzungen, die emotionale Identifikation und die tatsächlichen Rezeptionsleistungen der Kinder qualitativ nachvollziehen, die allein in einem Gespräch oder einer Befragung nicht zu erfassen wären.

Jeweils zwei Kapitel der Broschüre wurden zusammengefasst und mit Hilfe von Fragen erarbeitet. Die Fragen auf den Arbeitsblättern waren weitgehend offen gehalten, damit die SchülerInnen zu den verschiedenen Auswertungskomplexen (Hauptpersonen, Handlungsstrang der Geschichte, Schwierigkeiten bei der Informationsbeschaffung, neue, interessante Informationen und unbeantwortete Fragen) das aufschreiben konnten, was ihnen wichtig war beziehungsweise an was aus der Geschichte sie sich vorrangig erinnerten.

Die Rückmeldungen zeigen deutlich, dass ein kleines Lesebuch wie das vorliegende ein geeignetes Medium für die Sexualaufklärung von Mädchen darstellt. Die Mädchen haben den recht umfangreichen Text sehr viel gründlicher gelesen als die Jungen der Vergleichsgruppe, und sie orientieren sich auch in erster Linie an der Textvorlage, weniger an den Illustrationen. Aus diesem Grund waren gerade die jüngeren Mädchen zum Teil desorientiert über die Rahmenfrage „Was war zuerst da - Huhn oder Ei?" - die älteren konnten sie deutlich besser „übersetzen" als Frage nach der Entstehung des Lebens.

Bei einem Lesemedium für Mädchen dieser Altersgruppe muss offensichtlich ganz besonders darauf geachtet werden, dass der Inhalt des Textes schlüssig und zielführend ist - Schnörkel oder Abschweifung führen bei den jüngeren Mädchen mit weniger Leseerfahrung eher dazu, dass sie den roten Faden in den Erzählsträngen verlieren, da sie sich sehr intensiv auf die Geschichte einlassen.

Jungen lesen anders

Die Jungen nehmen dagegen anscheinend nur das auf, was in ihrem Interesse liegt - sie lassen alles andere einfach außer Acht. Sie ziehen aus dem Medium selektiv nur jene Informationen, die in ihr bereits bestehendes Konzept passen. Dazu orientieren sie sich gegebenenfalls einfach an den Bildern und interpretieren sie in ihrem Sinne, selbst wenn der Text anderes aussagt. So sahen sie bei den Zukunftswünschen der beiden Protagonistinnen einfach über den Text hinweg und ignorierten deren Wunsch, Computerspezialistin beziehungsweise Pilotin zu werden. Stattdessen interpretierten sie die Illustrationen im Sinne der traditionellen Geschlechterstereotype und sahen Mona im Büro arbeiten und Lisa eine Geschichte über ein Flugzeug lesen.

Erstaunlich ist, dass trotz der negativen Rolle, die der Protagonist (Florian) in der Geschichte einnimmt, auch die Jungen die Broschüre durchaus mit Interesse aufgenommen haben, wobei sie vielfach Mitleid mit ihm formulierten - und zwar sowohl, was den Zwang zum Tragen einer „scheußlichen" Jacke anbetrifft, als auch im Hinblick auf Hänseleien von Mona, Lisa und den anderen Jungen. Die Jungen sehen ihn als einen ruhigen, verträumten Typ, der den anderen sicherlich noch zeigen wird, „was er drauf hat" - und damit finden sie unter Umständen in ihm doch eine geeignete Identifikationsfigur.

Auch wenn die Broschüren, wie auch die MultiplikatorInnen-Befragung (s.u.) ergeben hat, an der ein oder anderen Stelle durchaus verbesserungsbedürftig sind, hat der Pretest deutlich gezeigt, dass in der Altergruppe der 8- bis 12-Jährigen ein sehr großer Bedarf an Aufklärungsmedien dieser Art besteht. Nicht alle Kinder erhalten von ihren Eltern eines oder mehrere der mittlerweile zahlreichen und auch qualitativ guten, auf dem kommerziellen Büchermarkt zu erwerbenden Aufklärungsbücher für Kinder.

Insbesondere die befragten Jungen gaben an, dass sie bei wichtigen Fragen auf Bücher zurückgreifen würden - wobei das hier getestete Material offensichtlich nicht die für ihre Bedürfnisse optimalen Eigenschaften hat - sonst hätten sie es sicherlich gründlicher rezipiert. Es erschien ihnen andererseits immerhin so interessant, dass sie es trotz der unverkennbaren Mädchenperspektive nicht in einem einzigen Fall abgelehnt oder zurückgewiesen hatten.

Von den Inhalten her hat sich die Broschüre wie intendiert besonders für Grundschülerinnen als geeignet erwiesen: ihre Themen werden deutlich angesprochen. Allerdings stellte sich heraus, dass der inhaltliche Aspekt um Zeugung, Schwangerschaft und Geburt noch prägnanter und ausführlicher hätte erarbeitet werden müssen - hier blieben für die Mädchen viele Fragen offen. Auch die Sechstklässlerinnen haben die beiden Broschüren mit großem Interesse aufgenommen und bearbeitet. Sie nutzten die Medien allerdings als Anlass für eine Vielzahl von Fragen, die sich um konkretes sexuelles Handeln, Gefühle, Verhütung etc. drehten.

Der Hinweis, dass der erste Geschlechtsverkehr, je nach Beschaffenheit des Jungfernhäutchens, schmerzhaft sein kann, hat vor allem die jüngeren Leserinnen - aber auch einige Leser - zu beunruhigten Äußerungen veranlasst. Hier zeigte sich, dass andere Formulierungen oder weitere Erläuterungen nötig sind, damit dieses Ereignis nicht wie ein „Damoklesschwert" über den Mädchen schwebt.

Medien ersetzen keine Gespräche

Das Schaffen einer offenen und vertrauensvollen Atmosphäre in den Schulklassen ist mit Hilfe dieser Medien gelungen. Sie wurden als Anlass und Ausgangspunkt genutzt, um zahlreiche weiterführende Fragen zu stellen, die nicht unmittelbar geklärt wurden - und letztendlich durch Broschüren auch gar nicht alle geklärt werden können. Die Kinder haben einen großen Gesprächsbedarf zum Thema Sexualität und erleben offensichtlich immer noch viele Erwachsene, denen das Thema peinlich ist, die „um den heißen Brei herum reden" oder sich gar unwissend stellen. Da dies so ist, sind Broschüren dieser Art dringend erforderlich.

Solange sich Erwachsene - und das hat sich hier abgezeichnet - nach wie vor der Verantwortung entziehen, Kindern auch im Bereich des Sexuellen eine orientierungsgebende Erziehung anzubieten, werden diese Informationen anderswo gesucht. Und Internet und Videos, welche von einigen Kindern als geeignete Informationsquelle gesehen wurden, kann (und darf) diese Aufgabe nicht überlassen werden. Die zum Teil schon sehr konkreten Fragen der Sechstklässler zu außergewöhnlichen Verhaltensweisen im Bereich der Sexualität („sich mit Peitschen schlagen") beziehungsweise vorhandene Erfahrungen mit gewalthaltigem sexuellen Handeln zeigen, dass die heutigen Kinder einen drängenden Orientierungsbedarf haben. Sie wissen von all diesen Dingen, tauschen sich mangels gesprächsbereiter Erwachsener untereinander aus und entwickeln entsprechende Vorstellungen von Sexualität - lange bevor sie ihre ersten eigenen Erfahrungen sammeln.

An dieser Stelle erfüllen die Broschüren eine wichtige Aufgabe - insbesondere für Kinder, die niemandem zum Reden und Fragen haben. Aber sie ersetzen das Gespräch mit dem Erwachsenen nicht. Sie ermutigen die Kinder sogar, diejenigen, die ihnen die Broschüren an die Hand geben, als Vertrauensperson in die Pflicht zu nehmen. Darauf sollten die Erwachsenen vorbereitet sein: Sie könnten in die Situation kommen, „schwierige" Fragen beantworten zu müssen, und von der Art wie sie damit umgehen wird es abhängen, ob die Kinder sie weiter ins Vertrauen ziehen.

ExpertInnen sehen (manches) anders

Auch die befragten MultiplikatorInnen haben sich zum Teil sehr akribisch und vor allem konstruktiv mit den zu beurteilenden Medien auseinander gesetzt. Sie entdeckten eine Reihe von inhaltlichen Widersprüchen zwischen den einzelnen Lexikonartikeln oder zwischen Lexikon und Lesebüchlein, was von den Kindern aufgrund ihres Wissensstandes gar nicht erkannt werden konnte. In puncto Illustrationen sehen die PädagogInnen die Broschüren allerdings mit deutlich anderen Augen als die zukünftigen NutzerInnen: Während die Mädchen große Begeisterung für die so genannten „Wimmelbilder" zeigten, auf denen es viel zu entdecken gibt, hätten etliche MultiplikatorInnen lieber klare, vereinfachende Abbildungen (möglichst zum Beschriften) gehabt, an denen sich sexuelle Sachverhalte erläutern lassen - ein typisches Beispiel für einen sich aus einer „KundInnenbefragung" ergebenden Zielkonflikt: Soll das Medium eher an die Sehgewohnheiten heutiger Kinder anknüpfen und damit ein Bilder- und Lesebüchlein für die Hand der Mädchen sein, oder soll es vorrangig als didaktisches Material für die sexualpädagogische Arbeit mit Kindern fungieren? Wenn man es ernst meint mit einer stärkeren Partizipation von Kindern, ist die Antwort einfach.

Literatur

Faller, Kurt/Kerntke, Wilfried/Wackmann, Maria (1996):

Konflikte selber lösen. Mediation für Schule und Jugendarbeit. Verlag an der Ruhr, Mülheim

Heinzel, Friederike (1997): Qualitative Interviews mit Kindern. In: Friebertshäuser, Barbara/Prengel, Annedore (Hg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Juventa, Weinheim/ München, S. 396-413

Hilgers, Andrea (2001): Pre-Test zu den Mädchenmedien „Mona, Lisa und Herr Hahnentritt" und „Das kleine Körper-ABC". Im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Köln (unveröffentlichtes Manuskript)

Hurrelmann, Klaus (2001): Einführung in die Sozialisationstheorie. Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeitsentwicklung. Beltz, Weinheim/Basel

Petermann, Franz/Windmann, Sabine (1993): Sozialwissenschaftliche Erhebungstechniken bei Kindern. In: Markefka, Manfred/Nauk, Bernhard (Hg.): Handbuch der Kindheitsforschung. Luchterhand, Neuwied/Kriftel, S. 125-139

Valtin, Renate (1991): Mit den Augen der Kinder. Freundschaft, Geheimnisse, Lügen, Streit und Strafe. Rowohlt, Reinbek

Autorin

Dr. Andrea Hilgers
Prof. Dr. Andrea Hilgers ist Diplom-Pädagogin und Professorin für Erziehungswissenschaft und Kinder- und Jugendhilfe an der Fachhochschule Fulda
 

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