Evaluation eines Faltblatts der BZgA zum Thema „Pränataldiagnostik"

Im April 2001 wurde im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von der Alpha-Institut GmbH eine Evaluation des Faltblatts „Pränataldiagnostik" durchgeführt. Ziel dieses Faltblatts war, Schwangere in verständlicher und übersichtlicher Form über pränatale Diagnostik zu informieren und sie bei ihrer Entscheidung für oder gegen die Inanspruchnahme von pränataldiagnostischen Untersuchungen zu unterstützen.

Grob untergliedert bestand das Faltblatt aus zwei Teilen: Auf den äußeren Seiten wurden in kurzen Abschnitten Themen rund um den Bereich der vorgeburtlichen Untersuchungen und der Gesundheit des ungeborenen Kindes angeschnitten. Dabei wurde im Text klar herausgestellt, dass Pränataldiagnostik kein zwingendes Muss für jede Schwangere ist, sondern den Frauen ganz individuell überlassen bleiben sollte - je nachdem, ob Detailwissen über den gesundheitlichen Zustand des ungeborenen Lebens eher beruhigt oder, ganz im Gegenteil, zu Verunsicherung führt.

Im aufgeklappten Zustand bestand der gesamte innere Teil des Faltblatts aus einer Tabelle, die über die verschiedenen pränataldiagnostischen Maßnahmen informierte: über die jeweilige medizinische Vorgehensweise, den Zweck und Zeitpunkt der Untersuchung, über mögliche Ergebnisse und deren Bedeutung sowie über Nachteile und Risiken, die bei der Entscheidung für die jeweilige Methode zu bedenken sind.

Ziele der Untersuchung

Die wichtigste Aufgabe der Evaluation bestand darin, die Akzeptanz des Faltblatts bei Schwangeren als Endadressatinnen ausführlich zu untersuchen. Im Vordergrund stand das Interesse der Schwangeren am Thema „Pränataldiagnostik" allgemein und die Bereitschaft, sich mit schriftlichen Informationen zum Thema „Pränataldiagnostik" in Form eines Faltblatts auseinander zu setzen. Da das Blatt besonders in der Tabelle viele medizinische Sachverhalte beschreibt, war die Verständlichkeit des Textes ein weiterer wichtiger Aspekt der Untersuchung - wie auch das Verständnis des Begriffs „Pränataldiagnostik" an sich. Auch sollte Aufschluss darüber gewonnen werden, wie gut die Frauen mit der Falttechnik zurechtkommen und ob nicht das (vielleicht schwierige) Handling eine Nutzungsbarriere darstellt. Ein weiteres Thema war die Art der Beschäftigung mit dem Faltblatt - welche Teile werden beachtet, welche werden ausgelassen, und wie lange wird überhaupt in dem Faltblatt gelesen? Schließlich waren Urteile zu formalen Aspekten (z.B. Layout, Umfang) und besonders die Bewertung des Inhalts von zentraler Bedeutung für die Evaluation.

Ein weiteres Anliegen war es festzustellen, inwieweit MultiplikatorInnen (GynäkologInnen) das Blatt für sinnvoll halten und sich an dessen Verbreitung beteiligen wollen. Schwerpunkt der Untersuchung bei GynäkologInnen war, neben der Relevanz des Themas „Pränataldiagnostik" in der täglichen Arbeit, zum einen die persönliche Bewertung des Faltblatts unter fachlich-medizinischen Aspekten. Zum anderen war die Frage von Belang, inwieweit es aus ärztlicher Sicht eine echte Informationshilfe für Schwangere darstellt und wie hoch die Bereitschaft der GynäkologInnen einzuschätzen ist, das Faltblatt etwa durch Auslegen in den Praxen oder durch persönliche Übergabe an Schwangere zu verteilen.

Zielgruppen der Untersuchung

Zielgruppen der Evaluation waren also zum einen schwangere Frauen, zum anderen GynäkologInnen.

Schwangere

In die Untersuchung wurden insgesamt 62 schwangere Frauen einbezogen. Da es mit einer relativ kleinen Stichprobe wie dieser nicht automatisch gelingt, die Grundgesamtheit der Zielgruppe repräsentativ abzubilden, wurden Quotierungen vorgenommen - die Stichprobe wurde nach bestimmten, teilweise demografischen, teilweise mit der Schwangerschaft verbundenen Merkmalen zusammengestellt:

  • Die 20. Schwangerschaftswoche sollte nicht überschritten sein,
  • weil nach der 20. Woche die meisten pränatalen Diagnoseverfahren bereits stattgefunden haben.
  • Außer Ultraschall, Blut- und Urinuntersuchungen sowie Nackenfaltenmessung des Embryo (meist Routine beim ersten Ultraschall) durften noch keine weiterführenden pränatalen Diagnoseverfahren durchgeführt worden sein, um sicherzustellen, dass die Schwangeren noch vor der Entscheidung über die Inanspruchnahme pränataler Diagnostik stehen.
  • Zur Hälfte Erstgebärende, zur Hälfte Frauen, die bereits Kinder haben,

um die Einflüsse dieser Merkmale in der Gesamtstichprobe auszubalancieren und gleichzeitig bei der Auswertung berücksichtigen zu können. Hypothese: Erstgebärende sind vielleicht ängstlicher als Frauen, die bereits Schwangerschaften hinter sich gebracht und eine gewisse Routine, Gelassenheit gewonnen haben.

  • Zur Hälfte jüngere (20 bis 34 Jahre), zur Hälfte ältere Frauen (35 Jahre und älter)

wie zuvor: um die Einflüsse dieser Merkmale in der Gesamtstichprobe auszubalancieren und gleichzeitig bei der Auswertung berücksichtigen zu können. Hypothese: Spätgebärende sind aufgrund des Altersrisikos (vor allem: Down-Syndrom beim Kind) möglicherweise Pränataldiagnostik gegenüber aufgeschlossener als Jüngere mit geringem Risiko.

  • Schulbildung: Je zu einem Drittel Grundschulabschluss, Mittlere Reife und Abitur,

um Effekte auf die Ergebnisse auszuschließen, die durch ein Ungleichgewicht der Schulbildung bedingt sein könnten.

  • Ortsgröße: Die Schwangeren der Stichprobe leben zur Hälfte in Orten unter, zur Hälfte in Orten über 20.000 Einwohner,

um Effekte auf die Ergebnisse auszuschließen, die durch ein Ungleichgewicht von Stadt- und Landbevölkerung bedingt sein könnten.

GynäkologInnen

Die Stichprobe bestand aus 60 GynäkologInnen. Hier lag eine Quotierung nach demographischen Merkmalen nahe:

  • Ortsgröße: Die ÄrztInnen führen ihre Praxis zur Hälfte in Orten unter, zur Hälfte in Orten über 20.000 Einwohner (analog der Quotierung bei Schwangeren),

um Einflüsse zu nivellieren, die sich daraus ergeben, dass die GynäkologInnen ihre Praxis in der Stadt oder auf dem Land haben.

  • Geschlecht: Je zur Hälfte Männer und Frauen,

um mögliche geschlechtsspezifische Einflüsse auf die Ergebnisse auszugleichen.

Rekrutierung der Schwangeren und der GynäkologInnen

Schwangere

Die Schwangeren wurden bundesweit über persönliche Kontakte von InterviewerInnen rekrutiert. Dazu wurden in einem ersten Schritt 40 InterviewerInnen damit beauftragt, in ihrem engeren und weiteren Bekanntenkreis und über Kontakte von Bekannten Frauen zu suchen, bei denen eine Schwangerschaft vorliegt und die zu einem Interview bereit sind, das in einem (weiteren) Zusammenhang mit ihrer Schwangerschaft steht (das eigentliche Thema wurde nicht genannt). Mit diesen Frauen wurde ein erstes telefonisches oder persönliches Interview durchgeführt, das die oben beschriebenen Quotenmerkmale und Ausschlusskriterien in einem kurzen Kontaktfragebogen erfasste. Alle Kontaktbogen, die nicht zum Ausschluss führten, wurden zentral gesammelt und ausgewertet.

In einem zweiten Schritt wurde aus dem Pool der erfolgreichen Kontakte die Stichprobe entsprechend den Anforderungen an die Zielgruppe zusammengestellt. Dabei wurden die einzelnen Merkmale (Alter, Schulbildung und Ortsgröße) zu 20% überquotiert, um mögliche Ausfälle bei den Interviews aufzufangen. Die Stichprobe bestand also brutto aus 72 Schwangeren mit dem Ziel, netto mindestens 60 Schwangere befragen zu können. Die InterviewerInnen erhielten dann eine Mitteilung, mit welchen ihrer Kontakte sie ein Interview durchführen sollten und die entsprechende Menge Fragebogen und Faltblätter zugeschickt. Für die Durchführung der Befragungen war ein Zeitraum von zehn Tagen angesetzt; die gesamte Dauer der Interviewphase vom ersten Kontakt bis zum letzten Tag der Durchführung betrug drei Wochen. Einige Schwangere konnten an dem Interview nicht teilnehmen, meist bedingt durch Krankheit oder durch Terminprobleme. Am Ende der Feldzeit waren 62 Interviews durchgeführt worden, die in die Auswertung eingingen.

Theoretisch wäre auch eine Rekrutierung der Schwangeren über GynäkologInnen möglich gewesen. Praktisch kollidieren jedoch aus Marktforschungssicht Kontakte über ÄrztInnen mit dem Datenschutzgesetz, da mit dem Namen der Frauen schützenswerte persönliche Informationen (hier: das Vorliegen einer Schwangerschaft, die Schwangerschaftswoche, Inanspruchnahme pränataldiagnostischer Maßnahmen) weitergegeben werden. Zwar würden diese Daten nicht vom Marktforschungsinstitut, sondern an das Institut vermittelt, aber aus ethischen Gründen schien es angezeigt, auf diesen Weg zu verzichten. Davon abgesehen: Frauen, die wissen, dass ihr Name von GynäkologInnen weitergegeben wurde, könnten eine Verpflichtung zur Teilnahme an der Untersuchung empfinden, um ihre ÄrztInnen nicht zu brüskieren oder zu verärgern - keine gute Voraussetzung für ein unbeeinflusstes, ehrliches Antwortverhalten im Interview.

GynäkologInnen

Die GynäkologInnen wurden per Zufall aus einem bundesweiten Branchenregister ausgewählt, wobei in der Vorphase der Auswahl bereits das Quotenmerkmal „Ortsgröße" berücksichtigt wurde. In einem ersten telefonischen Kontakt wurden der Zweck der Untersuchung sowie die BZgA als Auftraggeberin identifiziert und die Bereitschaft der GynäkologInnen eingeholt, an einem etwa 15- bis 20-minütigen telefonischen Interview zur Bewertung des Faltblatts „Pränataldiagnostik" teilzunehmen, das ihnen zuvor per Post zugeschickt und von ihnen durchgelesen werden sollte. Nach Absprache eines telefonischen Befragungstermins wurden im Kontaktinterview noch die Relevanz von Pränataldiagnostik in der Praxis und ein generelles Befürworten von Patientinnen-Informationen zu diesem Thema abgesichert.

Im Rahmen dieser ersten Kontakte wurde die GynäkologInnen-Stichprobe nach Geschlecht und Größe des Ortes zusammengestellt, in dem sich die Praxis befindet. In dieser Zielgruppe war eine 30%ige Überquotierung notwendig, um Ausfälle bei der späteren Interviewdurchführung auszugleichen. Das Faltblatt wurde also brutto an 88 GynäkologInnen verschickt, um auf jeden Fall netto 60 Interviews durchführen zu können.

Einige Tage nach dem Versand des Faltblatts führten die InterviewerInnen gemäß des zuvor vereinbarten Termins die telefonische Befragung zum Faltblatt durch. Die GynäkologInnen wurden in ihren Praxen angerufen.

Wie bei der Befragung der Schwangeren war der Zeitraum vom Kontaktieren der GynäkologInnen bis zum Abschluss der Interviewdurchführung auf drei Wochen festgesetzt. Dabei waren Verzögerungen mit einkalkuliert, die sich aus Terminproblemen bei den ÄrztInnen ergaben. Einige Personen verweigerten im Nachhinein aus Zeitgründen das Interview, andere mussten mehrere Male angerufen werden, bevor das Interview stattfinden konnte - zum Teil auch, weil sie das Faltblatt noch nicht gelesen hatten. Die Nettostichprobe betrug schließlich 60 GynäkologInnen - wie vorgesehen.

Ausgewählte Ergebnisse

Beide Fragebogen (für Endadressatinnen und GynäkologInnen) basierten auf einem schriftlichen Briefing der BZgA, das vom Alpha-Institut in befragungsgerechte Formulierungen umgesetzt wurde. Natürlich unterschieden sich beide Fragebogen in den einzelnen Formulierungen erheblich, da sie dem Sprachstil der jeweiligen Zielgruppe angepasst sein mussten. Auch war der Fragebogen für GynäkologInnen mit etwa 15 bis 20 Minuten Dauer erheblich kürzer als der für die schwangeren Frauen (40 bis 50 Minuten). Das lag zum einen daran, dass ÄrztInnen erfahrungsgemäß ungern einer längeren Zeitdauer für ein Interview zustimmen. Zum anderen wird bei Bevölkerungszielgruppen das Frageninventar üblicherweise etwas ausführlicher (teilweise redundant) gestaltet, um Verständnisprobleme zu vermeiden und um maximale Sicherheit der Ergebnisse bei schwierigen Fragestellungen zu erreichen.

Daher wurden im Bogen zur Befragung der Endadressatinnen die Themen laut Briefing der BZgA um einige Fragestellungen und Methoden erweitert und ergänzt: Ziel war es, ein Maximum an Information zum spontanen Interesse am Faltblatt, zum Verständnis und zur Bewertung seiner Inhalte, zum Leseverhalten und zum Umgang mit dem etwas ungewohnten Format des Blattes in der Interviewsituation gewinnen und auswerten zu können.

Dazu war es notwendig, eine ganze Reihe von Fragen indirekt beziehungsweise projektiv abzufassen und Teile der Befragung experimentell in Form von Interviewerbeobachtungen anzulegen. Im Folgenden finden sich einige dieser Ansätze mit einer Auswahl an Ergebnissen.

Leseinteresse - Simulation einer quasi-biotischen Situation

Wichtig war, ob der erste Eindruck des Faltblatts geeignet ist, das Interesse der Schwangeren zu wecken. Dazu wurde den Schwangeren zu Beginn des Interviews zunächst das Faltblatt mit der Titelseite vorgelegt (nicht aufgeklappt) - ohne Nennung dessen, worum es sich dabei handelt oder worin die Inhalte des Faltblatts bestehen. Die Schwangeren sollten das Blatt zunächst nur betrachten, nicht in die Hand nehmen. Erfasst wurden erste spontane Kommentare zu dem Faltblatt und das Interesse, in dem Faltblatt zu lesen.

Abb. 1 Ergebniss spontane Kommentare

Abb. 2 Ergebnis spontanes Leseinteresse

Interpretation: Die ersten Reaktionen zum (geschlossenen) Faltblatt fallen sehr positiv aus; die Aufmerksamkeitszuwendung zum Faltblatt ist sehr stark. Die Werte spiegeln hohes Interesse wider, das durchaus auf eine realistische Situation übertragen werden kann.

Interessant ist die Kritik, die sich aus den spontanen Reaktionen zum Titelbild ergibt: Ein Teil der Schwangeren stört sich am Aussehen der abgebildeten Frau, die auf sie krank und etwas unglücklich wirkt - offensichtlich würden diese Frauen ein Bild vorziehen, das dem Stereotyp der glücklichen, gesunden Schwangeren entspricht. Später, nach ausführlicher Auseinandersetzung mit dem gesamten Faltblatt, bestätigt sich dieses Ergebnis: das Titelbild wird relativ häufig (von 32% der Schwangeren) als „nicht so gut" oder „überhaupt nicht gut" bewertet.

10% betonen beim ersten Anschauen des Faltblatts, dass ihnen der Begriff „Pränataldiagnostik" unbekannt ist - ein erster Hinweis, dass sich nicht alle Schwangeren angesichts des Titels eine konkrete Vorstellung von den Inhalten machen können. Der Fragebogen sah ohnehin vor, diesen Aspekt zu klären - der nächste Abschnitt gibt Aufschluss darüber.

Verständnis des Begriffs „Pränataldiagnostik"

Wie gut verstehen die Schwangeren, was mit dem fachterminologischen Wort „Pränataldiagnostik" gemeint ist? Setzt das Faltblatt mit diesem Begriff auf der Titelseite zu viele Vorkenntnisse voraus? Um diese Frage zu beantworten, wurde eine Frageformulierung gewählt, die nicht direkt auf Wissen abzielt (um Frauen mit geringen Kenntnissen nicht das peinliche Gefühl zu geben, ungebildet zu erscheinen). Stattdessen wurde auf indirekte Weise versucht, den Wissenshintergrund zu beleuchten:

Abb. 3 Der Titel des Faltblatts ist ja ein medizinischer Fachbegriff...Wie würden Sie Pränataldiagnostik mit eigenen Worten umschreiben?

Interpretation: Ein erheblicher Teil der Frauen kennt den Begriff „Pränataldiagnostik" nicht, noch mehr missverstehen ihn im Sinne einer allgemeinen „Schwangerschaftsvorsorge". Nur ein Fünftel - und damit viel zu wenige - sind sich über die exakte Bedeutung von „Pränataldiagnostik" im Klaren.

Als Referenzwert wurde die subjektive Einschätzung des eigenen Wissensstands zum Thema „Pränataldiagnostik" erhoben, was auch Rückschlüsse auf das Interesse an Infor-mationen zum Thema zulässt:

Ergebnis_der_Einsch_tzung_eigener_Informationen

Abb. 4 Ergebnis der Einschätzung eigener Informationen

Interpretation: Da Pränataldiagnostik häufig mit Schwangerenvorsorge verwechselt wird, fühlen sich die Betroffenen besser informiert als sie es eigentlich sind. Dennoch bleibt ein großer Teil, der ein Informationsdefizit bei sich erkennt. Da andere Ergebnisse zeigen, dass dieses Defizit nicht auf mangelndes Interesse am Thema zurückzuführen ist, sind gute Voraussetzungen gegeben, das Faltblatt als geeignet zur Erweiterung des eigenen Wissens zu betrachten.

Handhabung des Faltblatts

Das zusammengefaltete Blatt stellt eine sehr kompakte, platzsparende Form einer Informationsbroschüre dar. Können die Schwangeren jedoch damit umgehen? Wie gut gelingt es ihnen, das Blatt aufzuklappen und auf die jeweils richtige Seite zu drehen? Um diese Frage zu beantworten, wurde neben dem Urteil der Schwangeren zum Faltmechanismus auch die Methode der InterviewerInnen-Beobachtung eingesetzt:

Abb. 5 Ergebnis der Beobachtung

Interpretation: Es ergeben sich nur vereinzelt Probleme bei der Handhabung des Faltblatts und eine gute Übereinstimmung zwischen Interviewerbeobachtung und eigenem Urteil. Oft fällt bei Fragestellungen zum Handling im Vergleich zur Beobachtung das Urteil der Testperson viel positiver aus, da sie sonst befürchten muss, bei dem/der InterviewerIn als ungeschickt zu gelten. Im vorliegenden Fall scheinen tatsächlich kaum Handhabungsprobleme zu existieren.

Leseverhalten - Simulation einer quasi-biotischen Situation

Wie verhalten sich die Frauen, wenn sie aufgefordert werden, das Faltblatt „einmal in Ruhe" durchzulesen und ihnen dabei überlassen wird, wie viel Zeit sie dafür aufwenden? Natürlich legt die ungewohnte Interviewsituation kein übliches, „normales" Leseverhalten nahe, aber es lässt sich zumindest eine Annäherung an die Realität schaffen. Auch bei dieser Frage beobachteten die InterviewerInnen die Verhaltensweisen der Frauen:

Abb. 6 Ergebnis der Interviewbeobachtung

Interpretation: Leseverhalten und Lesezeit deuten auf ein hohes Interesse am Thema und auf eine Textgestaltung hin, die die Aufmerksamkeit bindet. Beachtlich ist, dass die vom Verständnis her nicht ganz einfache Tabelle annähernd gleich häufig gelesen wird wie der Text auf den Umschlagseiten. Dies ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass die Tabelle - obwohl sie viele medizinische Begriffe enthält - durch ihren übersichtlichen Aufbau grundsätzlich gut verstanden wird.

Interesse am Faltblatt im Sinne von echtem Involvement

Wenn die Frauen in der vorliegenden Studie auf direkte Weise nach ihrem Interesse am Faltblatt oder nach der persönlichen Relevanz der enthaltenen Informationen gefragt werden, urteilen sie außerordentlich positiv. Vielleicht jedoch entstehen diese Urteile aus dem Bedürfnis, im Sinne sozialer Erwünschtheit zu antworten - die Schwangeren könnten denken, dass positive Reaktionen erwartet werden und sie sich mit einer kritischen Haltung ins Unrecht setzen. Über den Trick der Projektion lassen sich solche Antworttendenzen aushebeln, und es ergeben sich Antworten, die näher an der Wahrheit sind als die Antwort auf ein direktes „Wie denken Sie persönlich darüber?".

Abb. 7 Ergebnis zur projektiven Frage: Würden Sie dieses Faltblatt an andere weiterempfehlen - z.B. an eine Freundin die auch schwanger ist?

Interpretation: Die Bereitschaft, das Faltblatt anderen zu empfehlen, kann als sehr hoch eingestuft werden. Eine generell positive Einstellung, so zeigt das Ergebnis, würde bei vielen Frauen ohne weiteres zu einer solchen Empfehlung führen.

Bei den GynäkologInnen ergeben sich über die (sehr positive) Gesamtbewertung des Faltblatts hinaus auch einige Ergebnisse, die interessante Einblicke in Kommunikationsmuster zwischen Schwangeren und ÄrztInnen liefern, unter anderem in Abhängigkeit von deren Alter und Geschlecht.

Abb. 8 Einstellung älterer Gynäkologen im Vergleich zu jüngeren Gynäkologen

Interpretation: Ältere Gynäkologen erwecken oft den Anschein, der traditionellen Rolle des Arztes stärker verhaftet zu sein als ihre jüngeren Kolleginnen, die als junge Ärztinnen den Problemen ihrer (gleichgeschlechtlichen) Patientinnen möglicherweise aufgeschlossener gegenüberstehen.

Abb. 9 Wie sehen sich GynäkoloInnen im Faltblatt repräsentiert?

Interpretation: Die Bedeutung des Arztes/der Ärztin wird nach Ansicht eines Teils der GynäkologInnen im Faltblatt nicht angemessen gewürdigt. Die Beratungsfunktion und -leistung der ÄrztInnen kommt ihrer Auffassung nach zu kurz, und es wird die Gefahr gesehen, dass Schwangere den Arztbesuch als weniger wichtig empfinden. Besonders für eine Aufklärung über die Risiken der Pränataldiagnostik sehen sich ÄrztInnen allein zuständig; nur sie kennen individuelle Faktoren und sehen sich dadurch besser in der Lage, Risiken von Fall zu Fall abzuschätzen - das Faltblatt pauschalisiert in ihren Augen und könnte Patientinnen verunsichern.

Weitere Anmerkungen zum Fragebogen für Endadressatinnen und GynäkologInnen

Von den Besonderheiten des Fragebogens für die Zielgruppe der Schwangeren abgesehen, wurden die meisten Fragen zur Bewertung formaler und inhaltlicher Aspekte des Faltblatts in beiden Zielgruppen mit Hilfe von Rating-Skalen (abgestufte Antwortvorgaben) und offenen Fragen (keine Antwortvorgaben, offene Antworten der Testpersonen) erfasst. Beide Fragenmethoden ergänzen einander sehr gut: Offene Fragen geben viele qualitative Hinweise auf die oft sehr breit gefächerten Meinungen zu einem bestimmten Aspekt. Häufig lassen sich ebenso unerwartete wie aufschlussreiche Ergebnisse „entdecken" (im vorliegenden Fall zum Beispiel die Kritik am Aussehen der Schwangeren auf dem Titelblatt), die zu wichtigen Erkenntnissen über die Zielgruppe und zu Optimierungen des Untersuchungsgegenstands führen können. Rating-Skalen dagegen werden eingesetzt, um Bewertungen zu quantifizieren oder zuvor entwickelte Hypothesen zu überprüfen - sie können jedoch keine überraschend neuen Einsichten generieren.

Im vorliegenden Fall haben die eingesetzten Methoden zu einem klaren Ergebnis geführt und darüber hinaus durch den Methodenmix zuvor unbekannte Einstellungsaspekte aufgedeckt.

Autorin

Petra Schöneberger
Petra Schöneberger ist Diplom-Psychologin und geschäftsführende Gesellschafterin des Alpha-Instituts für psychologische Markt- und Kommunikationsforschung. Sie hat im Auftrag der BZgA schon mehrere Projekte zur Evaluation von Printmedien durchgeführt, meist von Broschüren im Bereich der Sexualaufklärung und Familienplanung.
 

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