Evaluation der Eltern-Broschüre „Körper, Liebe, Doktorspiele"

Ziele der Broschüre

Die Broschüre „Körper, Liebe, Doktorspiele" der BZgA wendet sich an eine Zielgruppe von Eltern mit Kindern im Alter von 0 bis 3 und 4 bis 6 Jahren. Sie ist - bezogen auf die jeweiligen Altersgruppen - in zwei Teilbroschüren gegliedert. Sie schildert Phänomene der psychosexuellen Entwicklung und behandelt Fragen und Probleme, die im erzieherischen Umgang für Eltern auftreten können. Die Broschüre folgt in ihrem Aufbau und ihrer inhaltlichen Gliederung der Altersentwicklung in Abschnitten der einzelnen Lebensjahre. Sie greift dabei beispielhaft die in den jeweiligen Altersphasen typischerweise auftretenden Äußerungsformen kindlicher Sexualität und körperbezogener Neugier auf.

„Körper, Liebe, Doktorspiele" will Eltern helfen, das Thema „Sexualität" angemessen aufzugreifen, um die Entwicklung eines positiven Körpergefühls der Kinder und eines positiven Bezugs zur eigenen Geschlechtlichkeit (Geschlechtsidentität) zu sichern und zu fördern.

Die Broschüre möchte einerseits ermutigen, erzieherisch offen und unbefangen mit kindlicher Sexualität umzugehen und Raum im Umgang mit Körperlichkeit und kindlicher Neugier zu öffnen. Sie möchte jedoch gleichzeitig Eltern für die Grenzen sensibilisieren, die Kinder im Umgang mit Körperlichkeit zeigen. Sie möchte Eltern dabei auch anregen, über Schamgrenzen und Schwierigkeiten im Umgang mit Sexualität und Körperkontakt nachzudenken, eigene Einstellungen und die eigenen Grenzen der Einlassung auf kindliche Neugier in dieser Hinsicht zu erkennen und zu reflektieren. Damit werden die Fähigkeiten und gegebenenfalls Barrieren der Eltern berührt, die durch die eigene sexuelle Entwicklung und Erziehung gegeben sind.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und inwieweit die Broschüre von Eltern und ErzieherInnen als sinnvolle und hilfreiche Unterstützung für den konkreten Umgang mit Problemsituationen erkannt und angenommen werden kann. Die Frage stellt sich im Sinne eines komplexen seelischen Wirkungszusammenhangs, der neben kognitiven Aspekten auch affektive, emotionale und motivationale seelische Aspekte berührt.

Fragestellung der Evaluation

Das zentrale Anliegen einer evaluativen Untersuchung ist es zu erfassen, ob und inwieweit die inhaltliche und formale Gestaltung der Broschüre zum intendierten Ziel führt und dabei unerwünschte Nebeneffekte vermieden werden.

Die Fragestellung richtet sich einerseits auf die Inhalte und deren Relevanz in der Zielgruppe (Wird das für die Zielgruppe Richtige kommuniziert?) sowie andererseits auf die Effizienz im Sinne der sprachlichen Gestaltung und Verständlichkeit sowie der formalen Gestaltung und der Tonalität (Wird das Intendierte in einer für die Zielgruppe angemessenen Sprache und Form kommuniziert?). Allgemein formuliert stellt sich aus evaluatorischer Sicht grundsätzlich die Frage: Wird die Zielgruppe bezüglich der sie bewegenden Themen durch die Broschüre „abgeholt", adäquat angesprochen, „mitgenommen" und im Sinne der Zielsetzung positiv bewegt? Das heißt hier: Kann sie dazu beitragen, bestehende, gelernte und gegebenenfalls verfestigte Einstellungen und Handlungsmuster des erzieherischen Umgangs mit Sexualität und Körperlichkeit zu relativieren, schafft sie Freiraum für Handlungsalternativen und ermutigt sie, diese in der Praxis umzusetzen?

Die Frage nach einer relevanten inhaltlichen Auswahl und wirkungsvollen, zielführenden Gestaltung stellt sich schon in der Phase der Konzipierung. Pretestungen können hier einen ersten unterstützenden Hinweis aus der Sicht der Zielgruppe geben. Die Gestaltung eines Entwurfs erzeugt jedoch nicht selten neue Fragen, so zum Beispiel ob die gewählten Inhalte und formalen Gestaltungsmerkmale einer Broschüre in ihrer komplexen Gesamtheit, in ihrer Tonalität und in ihrem Darstellungsstil von der Zielgruppe angenommen werden und die erwarteten positiven Wirkungen erzielen, oder ob sich Verständnisprobleme, Hindernisse und Ablehnungstendenzen zeigen, die die Akzeptanz einschränken, die Wirkung stören oder verhindern.

Die Frage der Akzeptanz stellt sich nicht nur bezogen auf die Endzielgruppe - hier Eltern mit Kindern im relevanten Altersspektrum -, sondern auch bezüglich der MeinungsmultiplikatorInnen - hier Erzieher und Erzieherinnen -, und zwar im Hinblick auf deren Einschätzung der Eignung der Broschüre und Bereitschaft zur Weitergabe an die Eltern.

Methode der psychologischen Wirkungsanalyse

Die Erhebung komplexer Wirkungszusammenhänge wirft die Frage nach geeigneten Methoden und dem angemessenen forschungstechnischen Vorgehen auf. In methodischer Hinsicht folgt die Untersuchung der Zielgruppe einem psychologisch fundierten wirkungsanalytischen Ansatz. Die Wirkung von Kommunikation wird dabei als komplexes gesamtseelisches Geschehen in dem Rezipienten/der Rezipientin aufgefasst. Die Methode will nicht nur äußeres Verhalten erfassen und Meinungen erheben. Sie setzt an der „inneren Bühne" der LeserInnen und der in ihnen ausgelösten Dynamik an und möchte ermitteln, ob und inwieweit die RezipientInnen die Broschüre für sich subjektiv als sinnvoll aufnehmen und verarbeiten und als hilfreich annehmen können. Sie stellt nicht nur auf die Ermittlung der kognitiven Informationsübermittlung ab, sondern auch auf die affektiven, emotionalen und motivationalen Wirkungsaspekte. Die Wirkung ganzheitlich zu erfassen, erfordert forschungsmethodisch sowohl die Erhebung molarer Stellungnahmen - also die Erhebung von ganzheitlichen Eindrucksqualitäten, Anmutungen und primär ausgelösten Gefühlen - als auch die differenzierte Beurteilung einzelner Gestaltungsaspekte - wie einzelner Abbildungen, Format, Farben, Typografie und Ähnliches mehr. Als Datenfundament erfordert dies eine differenzierte Erfassung der inneren Zugangsbereitschaft und des äußeren Umgangs mit der Broschüre und ihrer einzelnen Beiträge und Kapitel.

Diese theoretische und methodische Konzeption einer psychologisch wirkungsanalytischen Evaluation kann erhebungstechnisch sowohl rein qualitativ als auch quantifizierend umgesetzt werden. Die Quantifizierung erfordert ein differenziertes Erhebungsinstrument und eine einfühlsame Gesprächsführung.

Erhebungsinstrument

Bei dieser Evaluation wurde ein quantifizierender Ansatz angestrebt. Als Erhebungsinstrument wurde ein themengeleiteter, aber befragtenzentrierter Fragebogen entwickelt. Die Datenerhebung erfolgte anhand von persönlichen Interviewgesprächen in der häuslichen Umgebung der Befragten. Dies erschien angezeigt, weil hier ein ruhiger und einlassungsfördernder Rahmen für eine Befragung am ehesten gegeben erschien. Sie war als Feldstudie mit zwei persönlichen Interviewgesprächen angelegt. Die Befragung wurde durch psychologisch geschulte InterviewerInnen durchgeführt.

Der Fragebogen besteht überwiegend aus offenen Fragen; er enthält auch geschlossene Fragen zu einfacheren Sachverhalten sowie verbalisierte und nicht verbalisierte Rating-Skalen zur Messung ausgewählter Merkmale - wie Interessantheit, Neuigkeitsgrad, Hilfestellung der einzelnen Kapitel.

Dem wirkungsanalytischen Ansatz gemäß soll der Fragebogen dem/der Befragten so viel wie möglich Gelegenheit geben, sich offen zu äußern und zu den anstehenden Themen, Inhalten und Darstellungsformen Stellung zu nehmen. Er/sie soll dabei, einem persönlichen inneren Bezugsrahmen folgend, darlegen können, wie die Broschüre erlebt und bewertet wird. Die Formulierung der Fragen und die Gestaltung der Fragenabfolge folgt diesem Ziel. Besonderer Wert wird auf die überlegte und einfühlsame Abfolge von Fragen mit mehr molarem, ganzheitlichem Charakter (zum Beispiel beschreibende Frage nach dem Eindruck von der Broschüre) und Fragen mit mehr detaillistisch molekularem Charakter gelegt (z.B. Sprachstil, Farben, Abbildungen). Die einfühlsame Verlagerung der Schwerpunkte von der Ganzheit zum Detail und umgekehrt im Verlaufe des Interviewgesprächs erleichtert das offene Gespräch. Sie eröffnet dem/der Befragten einerseits die Möglichkeit zum differenzierteren Erfassen und Verstehen der Gesamtwirkung der Broschüre durch die Berücksichtigung der Gestaltungsdetails, andererseits fördert sie das Verständnis und die Bewertung der gestalterischen Einzelelemente in ihrem Bezug zum Ganzen. Den Gesprächscharakter zu wahren, ist die Leitmaxime des Fragebogens.

Fragebogenaufbau

Der erste Fragenkomplex des Fragebogens dient der Ermittlung der Relevanz der anstehenden Thematik in der Zielgruppe. Hierzu wurden Fragen nach dem grundlegenden, basalen Interesse, nach der Einschätzung der Wichtigkeit, nach der subjektiven Einschätzung der eigenen Informiertheit und der eigenen Problembelastung durch die anstehende Thematik gestellt. Zusätzlich wurden im Rahmen einer offenen Frage Erwartungen der Zielgruppe an eine Broschüre erhoben. Dieser Erhebungsteil erfolgte ohne Vorlage der Broschüre.

Der zweite Fragenkomplex bezieht sich auf den ersten ganzheitlichen Eindruck der Broschüre. Die Broschüre wurde den Befragten zu diesem Zweck zum Durchblättern übergeben. Erhoben wurden hier die ersten spontanen Anmutungen in Form offener Fragen, das initial ausgelöste Interesse, die Broschüre lesen zu wollen (Aufforderungscharakter zur Nutzung), der Eindruck vom Titelblatt, die Beurteilung des Formats und des Umfangs der zweiteiligen Broschüre sowie die Auffälligkeit der Zweiteilung nach dem Alter. Beide Teile der Broschüre wurden den Befragten im Anschluss an diesen Befragungsschritt überlassen und ein Termin für den zweiten Interviewbesuch - nach 3 bis 5 Tagen - vereinbart.

Dieser Erhebungsschritt hat zum Ziel, die spontanen ganzheitlichen Anmutungsqualitäten und primären Wirkungen aufgrund der äußeren Gestaltung sowie aufgrund eines ersten Eindrucks von der Aufmachung, Text- und Bildgestaltung und Gliederung zu erfassen. Diese ersten Eindrucksqualitäten erweisen sich als wesentliche Indikatoren, um den Aufforderungscharakter der Broschüre zu beurteilen und die primäre Bereitschaft zu ermitteln, sich mit der Broschüre befassen zu wollen.

Der dritte Fragenkomplex bezieht sich auf die Erfassung der Beurteilungen und bewertenden Stellungnahmen zu der Publikation im Rahmen des zweiten Interviewbesuchs.

Erfasst wird hierbei der gesamtheitliche Eindruck der zweiteiligen Broschüre nach dem Lesen, die Interessantheit ihrer Inhalte, gefallende und weniger gefallende Elemente, die Beurteilung des Aufbaus, der Gliederung, der Gestaltung (Fotos, Zeichnungen, Schrifttypographie) und des Umfangs sowie die subjektive Erinnerung an die Lesemenge. Die Meinung zu ausgewählten Merkmalen der Broschüre wurde mithilfe einer Eigenschaftsliste anhand einer Rating-Skala gemessen. Dieser Fragenkomplex erfasst auch die emotional bewertenden Stellungnahmen der Befragten zur Gesamtgestaltung der Broschüre und zu ihren Gestaltungsdetails.

Ein vierter Fragenkomplex bezieht sich auf die detaillierte Ermittlung der Lesenutzung (Verhaltensanalyse). Hierzu wird die Broschüre zur Stützung der Erinnerung im Interviewgespräch wieder vorgelegt. Erhoben wird die Lesenutzung pro Kapitel der Broschüre.

Zu jedem gelesenen Kapitel wird eine Beurteilung im Sinne des Gefallens, der hieraus entnommenen Hilfe für die praktische Erziehung und des Neuigkeitsgrades der Inhalte mittels Rating erfasst.

Aus dem vierten Fragenkomplex ergibt sich die Datenbasis für eine detaillierte Analyse der Lesenutzung (Nutzungsprofil). Anhand des Leseverhaltens zeigt sich die konkrete Interessezuwendung zu den einzelnen Kapiteln. Aus dem Nutzungsprofil lassen sich die Schwerpunkte des Interesses der Zielgruppe und ihrer Subpopulationen an einzelnen Kapiteln und Themen erkennen. Schwächen der formalen Darstellung lassen sich im analytischen Zusammenhang mit den Befunden des dritten Fragenkomplexes erkennen. Weiterhin erlaubt die Analyse Aufschlüsse über die Art der Lesenutzung - etwa im Sinne der Nutzung als Nachschlagewerk oder im Sinne eines kontinuierlichen Leseverlaufs. Sie zeigt damit auch, in welcher Weise die Broschüre von den RezipientInnen im Alltag praktisch genutzt wird.

Ein fünfter Fragenkomplex stellt die spezifischen aufklärerischen Ziele der Broschüre in den Mittelpunkt. Ermittelt wurde hier zunächst die Relevanz einzelner Kapitel in einer offenen Frage. Sie erlaubt den Befragten eine persönliche Selektion und Schwerpunktsetzung, je nach individueller Verfassung, in einem „angewärmten" Stadium des Gesprächs. Weiterhin wurde erfasst, ob der inhaltliche Vertiefungsgrad als angemessen erlebt wird. Zudem wurden spezifische Fragen danach gestellt, ob und inwieweit die Broschüre nach Meinung der Eltern praktische Hilfe bietet für die Förderung der Entwicklung eines positiven Körpergefühls und einer positiven Einstellung ihrer Kinder zum eigenen Geschlecht. Erhoben wurde auch, ob sie Eltern anregt, über eigene Schamgrenzen und Schwierigkeiten im Umgang mit Sexualität und Körperkontakt nachzudenken und ob und inwieweit die Broschüre dazu beiträgt, Eltern für die Intimitätsgrenzen ihrer Kinder zu sensibilisieren. Schließlich wurde erfasst, ob die angesprochenen Themen und ihre Behandlung in dem/der Befragten Peinlichkeitsgefühle auslösen.

Fragen dieser Art beziehen sich auf spezifische Wirkungsdimensionen, die den individuellen subjektiven inneren Raum des jeweiligen Elternteils und den intersubjektiven Rahmen der Beziehung zwischen Mutter beziehungsweise Vater und Kind in der Sexualerziehung betreffen.

Im sechsten Fragenkomplex wurde abschließend nach dem weiteren Umgang mit der Broschüre gefragt. Von Interesse war es hierbei zu erfahren, ob die Broschüre Anregung gibt, mit weiteren Personen darüber zu reden und ob die Befragten sie weiterempfehlen würden. Diese Fragen geben Hinweise auf die Intensität und die Nachhaltigkeit der Wirkung der aufgeworfenen Themen und Anregungen.

Der Fragebogen für ErzieherInnen wurde analog gestaltet und auf die Zielgruppe und das Erkenntnisinteresse hin adaptiert. Er kann aus Platzgründen hier nicht im einzelnen dargestellt werden.

Stichprobengestaltung

In die Untersuchung wurden insgesamt 60 Mütter und 30 Väter einbezogen - je zur Hälfte bezogen auf die beiden Altersgruppen der Kinder. Als Erhebungseinheit wurden Mütter oder Väter als Einzelpersonen definiert und befragt - bei Elternpaaren konnten demgemäß entweder die Mutter oder der Vater an der Befragung teilnehmen -, nicht jedoch beide Elternteile. Der Anteil allein erziehender Elternteile wurde auf 10% der Gesamtstichprobe quotiert.

Um die Wirkung und Akzeptanz der Broschüre bei Eltern von Mädchen und Jungen differenziert betrachten zu können, wurden jeweils zur Hälfte Eltern von Mädchen und Eltern von Jungen in die Erhebung aufgenommen. Der Bildungsgrad der Elternteile wurde je zu einem Drittel nach Hauptschul-, Realschul- und Abiturabschluss quotiert.

Die Gewinnung der Stichprobe erfolgte im Rahmen des Quotaverfahrens. Personen, für welche die Thematik der psychosexuellen Entwicklung ihrer Kinder von geringem grundlegendem Interesse war (Stufe 1-3 der 7-stufigen Rating-Skala; 1=gering, 7=hoch), wurden gemäss der Definition der Grundgesamtheit nicht als Zielgruppe der Broschüre aufgefasst und aus der Stichprobe ausgeschlossen.

Die Ziehung der Stichprobe der ErzieherInnen (ExpertInnen und MeinungsmultiplikatorInnen) erfolgte aus dem Adressmaterial relevanter Institutionen der BZgA.

Ergebnisse im Überblick

Die Ergebnisse der Evaluation können im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes nur in Auszügen wiedergegeben werden. Zunächst sei auf die grundlegende Relevanz der Thematik in der Zielgruppe eingegangen. Diese wurde vorab als Beschreibung und Basisinformation über die Stichprobe erhoben. Es seien dann die Befunde der spontanen Beurteilung aufgrund der Kurzvorlage und darauf folgend die Ergebnisse der Erhebung auf der Grundlage der eingehenden Lektüre dargestellt. Die Gesamtschau der Ergebnisse erlaubt Rückschlüsse auf die innere und äußere Wirkung und ihre Dauerhaftigkeit.

Relevanz der Thematik in der Zielgruppe

Die Relevanz der Thematik bemisst sich am grundlegenden Interesse der Zielgruppe an der anstehenden Thematik, der Einschätzung ihrer Wichtigkeit, der subjektiven Einschätzung der eigenen Informiertheit und gegebenenfalls an Schwierigkeiten, die im familiären Kontext im Zusammenhang mit Fragen der Sexualität und Körperlichkeit auftreten.

Das grundlegende Interesse, sich über die psychosexuelle Entwicklung im Kleinkind- und Kindesalter und die damit verbundenen Probleme zu informieren, ist mit einem Mittelwert von 5,7 der 7-stufigen Rating-Skala (1=geringes Interesse, 7=hohes Interesse) in der Zielgruppe in hohem Maße gegeben. 51% der Befragten bekunden ein sehr hohes beziehungsweise hohes Interesse (Skalenwert 7 und 6 - im folgenden Top-2-Box genannt), sich über die Thematik zu informieren (Frage 10):

Abb. 1 Wie gross ist ihr persoehnliches Interesse, sich ueber die psychosexuelle Entwicklung im Kleinkindalter zu informieren?

Nur eine Minderheit der Befragten (21%) hält sich bereits für sehr gut beziehungsweise gut informiert (Stufe 7 und 6 der Skala). Mehrheitlich wird eine sachlich informative Aufklärung über das anstehende Thema von den Eltern als sehr wichtig beziehungsweise wichtig eingestuft.

Insgesamt wird das Thema des Umgangs mit der psychosexuellen Entwicklung von Kindern im Kleinkind- und Kindesalter von der Zielgruppe als hochgradig relevant und wichtig erlebt. Ein deutlicher Bedarf an Informationen über die Thematik wird erkennbar.

Erwartungen an eine Broschüre

Die offene Frage nach den Erwartungen an eine Broschüre zum Thema der psychosexuellen Entwicklung zeigt in inhaltlicher Hinsicht in erster Linie den Wunsch nach konkreten und praktischen Hilfen und Empfehlungen. Erziehungstipps und Informationen zur Entwicklung des Kindes sowie die Veranschaulichung an Beispielen erscheinen den Befragten wünschenswert. Die Praxisnähe erscheint somit

als wesentlicher Erwartungsgesichtspunkt. In bezug auf die formale Gestaltung steht der Wunsch nach einer einfachen Sprache und guten Verständlichkeit im Vordergrund der Erwartungen.

Beurteilung der Broschüren aufgrund des ersten Eindrucks

Die Broschüre „Körper, Liebe, Doktorspiele" wird von Eltern bereits spontan - nach erstem Durchblättern - sehr positiv erlebt:

Abb. 2 Wie groß ist Ihr Interesse, sich mit dieser Broschüre näher zu befassen, sie durchzublättern und in ihr zu lesen?

Auf spontanes Gefallen stoßen im Einzelnen die übersichtliche Gliederung sowie die lebendige und ansprechende Farb- und Bildgestaltung. Die Breite der Themen und Ausführlichkeit ihrer Behandlung erzeugt einen positiven Eindruck und lässt hilfreiche und nützliche Informationen erwarten.

Aufgrund des ersten Eindrucks nach Durchblättern löst die Broschüre ein hohes Interesse aus, in ihr zu lesen und sich vertieft mit ihr zu beschäftigen. 64% der Befragten bekunden ein sehr hohes beziehungsweise hohes Interesse (Top-2-Box). Das spontan ausgelöste Leseinteresse übersteigt den Wert des grundlegenden (basalen) Interesses an der Thematik deutlich. Die Broschüre hat demnach einen starken Aufforderungscharakter und aktiviert maßgeblich das Interesse, in ihr zu lesen (Fragen 17, 10):

Abb. 3 Wie finden sie diese Broschüre? Wie ist ihr spontaner Eindruck?

In formal-gestalterischer Hinsicht gilt das Format in allen Befragtengruppen weit mehrheitlich als angemessen:

Abb. 4 Wie gefällt ihnen das Format der Broschüren?

Auch der Umfang der Broschüre wird – aufgrund des ersten Eindrucks nach Durchblättern – mehrheitlich als
„genau richtig“ angesehen; dies gilt für alle Bildungsgruppen – wenngleich mit höherer Bildung in verstärktem Maße:

Abb. 5 Wie erscheint ihnen der Umfang der Broschüren?

Beurteilung der Broschüre nach dem Lesen

Der positive spontane Eindruck erhält und bestätigt sich nach der Gelegenheit zur ausführlichen Lektüre in der häuslichen Umgebung.

Der Vergleich des spontanen Urteils aufgrund des ersten Durchblätterns (vor Lesen) mit dem Eindruck nach dem Lesen zeigt ein gleichermaßen positives Eindrucksbild:

Abb. 6 Wenn man beide Broschüren als ein Gesamtes betrachtet - wie viel haben Sie dann insgesamt gelesen?

In inhaltlicher Hinsicht wird die Broschüre als informativ, relevant und umfassend in der Themenauswahl und -behandlung erlebt. Bezüglich der formalen Gestaltung wirkt sie gut verständlich und klar strukturiert. Dabei wird ihr Umgang mit der Thematik als angenehm offen und unverkrampft erlebt und geschätzt.

Die Broschüre löst die vom ersten Eindruck geweckten hohen positiven Erwartungen ein und findet nach eingehender Beschäftigung eine ganz überwiegend positive Resonanz sowohl im Hinblick auf die Themenauswahl, die Breite der Behandlung, den Darstellungsstil und die Tonalität.

Interessantheit

Die Broschüre wird nach dem Lesen in hohem Maße als „interessant" beurteilt; mit einem Mittelwert von 5,7 und einer Besetzung der Top-2-Box von 65% findet sich ein deutlich positives Urteil im Hinblick auf die gesamtheitliche Interessantheit ihrer Inhalte.

Der Vergleich der Interessantheit der Inhalte nach Leseerfahrung mit dem spontanen Interessantheitsversprechen aufgrund des ersten Durchblätterns ist in der folgenden Übersicht dargestellt und zeigt, dass die Broschüre die geweckten hohen Erwartungen voll erfüllt:

Abb. 7 Wie finden Sie diese Broschüren? Welchen Eindruck haben Sie von Ihnen?

Die Aufteilung der Broschüre in zwei Einheiten nach dem Alter der Kinder und die Altersstrukturierung der einzelnen Kapitel werden im Sinne einer gelungenen Orientierungsmöglichkeit allgemein geschätzt.

Lesenutzung

Das hohe spontane Leseinteresse schlägt sich in einer umfangreichen Lesenutzung nieder. 71% der Eltern haben in beiden Broschürenteilen gelesen und sich somit nicht ausschließlich auf den Broschürenteil beschränkt, der sich auf die Altersgruppe des eigenen Kindes bezieht. Dies deutet auf ein weitergehendes, das Alter und die Entwicklung des eigenen Kindes übergreifendes Interesse hin.

Im Hinblick auf die Lesemenge zeigt sich folgendes Bild: 21% der Befragten geben an, beide Broschürenteile ganz, 37% zumindest zu drei Vierteln und 80% zumindest die Hälfte gelesen zu haben. Diese Werte bedeuten eine hohe Lesenutzung, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass es sich um zwei Hefte handelt, die insgesamt einen erheblichen Textumfang aufweisen und von denen nur eines für den/die jeweiligen Befragten im Hinblick auf das Alter der Kinder relevant ist. Hohe Lesenutzungen zeigen sich dabei auch in Befragtengruppen mit geringerer formaler Bildung:

Abb. 8 wenn man beide Broschüren als gesamtes betrachtet - wie viel haben sie dann gelesen?

Ein so geartetes Nutzungsprofil verweist auch darauf, dass die Broschüre nicht als Nachschlagewerk, sondern als Lesetext genutzt wird und eine hohe Leserbindung auslöst.

Die Erhebung der Nutzung der einzelnen Kapitel wurde unter Vorlage der Broschüre im Interviewgespräch durchgeführt. Dies sollte sicherstellen, dass Erinnerungslücken geschlossen und Verfälschungen vermieden werden. Die Erhebung der kapitelweisen Nutzung dient der Präzisierung und der differenziellen Erfassung des Leseinteresses an den einzelnen Kapiteln. Die Befunde bestätigen die hohe Interessegenerierung und Leserbindung und stellen sich wie folgt dar:

Jedes der einzelnen Kapitel wurde im Durchschnitt von 62% der Befragten gelesen. Dies entspricht nach Maßgabe unserer Forschungserfahrung mit Broschüren einer hohen Nutzungsbreite der Gesamtbroschüre und ihrer Kapitel. Deutliche Unterschiede in den Lesepräferenzen zwischen den einzelnen Kapiteln treten dabei nicht auf. Alle Kapitel sprechen somit in hohem Maße an und stoßen auf hohes weit mehrheitliches Interesse.

Die Beurteilung der einzelnen Kapitel mittels einer 7-stufigen Rating-Skala zeigt, dass sie durchgehend in hohem Maße einerseits als hilfreich für den eigenen Erziehungsalltag eingestuft werden und andererseits in erheblichem Umfang neue Informationen für die Befragten enthalten. Der Vertiefungsgrad der Informationen gilt allgemein als gelungen.

Persönliche Stellungnahmen, individuelle Wirkungen und Nutzungsabsichten

Die Broschüre wird von 88% der Eltern als Hilfestellung zur Förderung eines positiven Körpergefühls und von 86% als Hilfestellung zur Förderung der Entwicklung eines positiven Bezugs zur eigenen Geschlechtlichkeit der Kinder empfunden. 89% der Eltern fühlen sich durch die Broschüre auch für die Wahrnehmung und Beachtung der Grenzen der Intimsphäre ihrer Kinder sensibilisiert.

69% der Befragten finden in der Broschüre Inhalte und Betrachtungsweisen, die sie für sich persönlich als besonders wichtig erleben. Als besonders relevant werden dabei Hinweise erlebt, die deutlich machen, dass ein Kind seine Sexualität entdecken und entwickeln muss und Eltern in diesem Zusammenhang angemessen positiv reagieren sollten. Auch der offene Umgang mit dem Thema und die Anregung zur Reflexion eigener Schamgefühle und Grenzen wird als wichtig erachtet. Nahezu 90% der Befragten geben an, dass die Broschüre Eltern für die Grenzen und die Intimsphäre ihrer Kinder sensibilisiert. 77% der Eltern fühlen sich durch die Broschüre angeregt, über eigene Empfindungen im Zusammenhang mit Sexualität und Körperlichkeit nachzudenken. Die Broschüre wirkt somit auf die Befragten sehr bewegend im Hinblick auf die Reflexion eigener Gewohnheiten und Anschauungen.

Die anregende Wirkung der Broschüre zeigt sich auch darin, dass die Mehrheit der Eltern angibt, mit Dritten über die Broschüre sprechen zu wollen. 86% der Eltern würden die Broschüre zudem an Freunde und Bekannte weiterempfehlen.

Auf die Befunde der Untersuchung bei ErzieherInnen kann hier aus Raumgründen nur kurz eingegangen werden. Insgesamt ist dazu festzustellen: Die sehr positive Beurteilung der Broschüre findet sich auch in der ExpertInnenzielgruppe. ExpertInnen beurteilen die Broschüre in hohem Maße als praxisnah und gut verständlich und sehen in ihr ein wichtiges und gelungenes Mittel, dem aus ihrer Erfahrung defizitären Informationsstand der Eltern mit relevanten Informationen für die praktische Erziehung entgegenzuwirken. Sie gilt nach Einschätzung aus fachlicher Sicht als gut geeignet, Eltern bei einer entwicklungsfördernden Erziehung in sexualpädagogischer Hinsicht zu unterstützen.

Zusammenfassung

Die Broschüre „Körper, Liebe, Doktorspiele" erweist sich in allen Indikatoren der Wirkungsanalyse als gelungenes Informationsmittel. In ihrer inhaltlichen Gestaltung greift sie hoch relevante Themen der Elternschaft auf und verarbeitet sie in gut verständlicher Form. In ihrer äußeren Gestaltung hat die Broschüre einen hohen Aufforderungscharakter und generiert ein hohes Leseinteresse. Vom ersten äußeren Eindruck erscheint sie interessant, ansprechend und anziehend. Dieser Eindruck bestätigt sich für die LeserInnen nach der eingehenden Beschäftigung mit ihr. Das Nutzungsprofil zeigt eine weitreichende Lesenutzung sowohl der Broschüre insgesamt als auch aller einzelner Kapitel in beiden Broschürenteilen. Dies verweist auf die hohe Interessebindung, die von ihrem Inhalt, ihrem Darstellungsstil und ihrem Aufbau ausgeht. Insofern wird die Zielgruppe durch die Broschüre in gelungener Weise „abgeholt" und „mitgenommen". Die Beurteilungen der Gesamtbroschüre und aller einzelnen Kapitel ist durchgehend hochgradig positiv - insbesondere auch im Hinblick auf das Empfinden, persönliche Anregungen und hilfreiche Unterstützung für den Erziehungsalltag zu erhalten. Dies verweist auf die positiven Impulse, welche die Broschüre im Sinne der beabsichtigten Zielsetzung individuell bei den LeserInnen auslöst. Auch die deutliche Anregungswirkung zur Reflexion der eigenen Sexualität und Einstellungen zu Körperlichkeit bei den Eltern zeigt, dass die Broschüre dahin gehend wirkt, ein angemessenes und positives Verständnis der Sexualentwicklung anzuregen und zu fördern und aus Unsicherheit resultierende Befangenheiten und übertrieben restriktive Handlungs- und Reponsivitätsmuster im erzieherischen Umgang mit Kindern zu überdenken und gegebenenfalls zu revidieren.

Autor

Wilfried Höveler
Wilfried Höveler, Dipl.-Psychologe, Dipl.-Volkswirt und Psychotherapeut, ist Senior Research Manager und Consultant bei IFUMA, Institut für Marktforschung in Köln und ist als Projektleiter der beschriebenen Studie tätig.
 

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