Evaluation der Broschüre „Wie geht's - wie steht's?"

Aufgabenstellung und Methode

Ziel der vorliegenden Untersuchung ist die Evaluation der Broschüre „Wie geht's - wie steht's?" - einer Informationsbroschüre der BZgA zur männlichen Sexualität für Jungen und junge Männer, die auch als Arbeitsmittel für SozialpädagogInnen in der sexualpädagogischen Jungenarbeit konzipiert ist.

Die Fragestellung der Untersuchung bezieht sich einerseits auf die Relevanz der Thematik in der Zielgruppe männlicher Jugendlicher und junger Männer und andererseits auf die Akzeptanz und Wirkung der Inhalte und der formalen Gestaltung.

Die Untersuchung war als Home-Use-Test mit zwei Besuchen angelegt. Der erste Interviewbesuch diente der Erfassung der spontanen Stellungnahmen aufgrund des äußeren Eindrucks von der Broschüre, der zweite Besuch der Erhebung detaillierter Stellungnahmen nach der Gelegenheit zum Lesen und zur mehrtätigen Nutzung der Broschüre. In die Untersuchung der Endadressaten wurden 60 männliche Jugendliche und junge Männer jeweils zu einem Drittel im Alter von 14 bis 17 Jahren, 18 bis 21 Jahren und 22 bis 24 Jahren einbezogen. Je zu einem Drittel bestand die Stichprobe aus Hauptschülern, Realschülern und Abiturienten. Die Stichprobengewinnung erfolgte nach Quotaverfahren.

In methodischer Hinsicht kam ein psychologisch wirkungsanalytischer Ansatz zur Anwendung. Die methodische Konzeption der psychologischen Wirkungsanalyse, der Fragebogenaufbau und die Grundprinzipien der Datenerhebung sowie ihre psychologische Fundierung sind an anderer Stelle näher beschrieben.¹

Die Befragung der MultiplikatorInnen erfolgte in Form einer Telefonbefragung in zwei Wellen. Die Zielgruppe bestand aus 60 „Jungenarbeitern", das heißt aus Personen, die mit männlichen Jugendlichen und jungen Männern im Alter von 14 bis 24 Jahren konkret arbeiten.

Die Stichprobenziehung der MultiplikatorInnen erfolgte ad random aus dem Adressenmaterial der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die Befragungen fanden im Juni 2001 statt.

Konzeption der Broschüre

Die Broschüre vermittelt sachliche Informationen über die körperlichen Hintergründe der männlichen Sexualität. Sie behandelt die Anatomie und körperlichen Funktionen der männlichen Geschlechtsorgane (Penis, Hoden, Geschlechtsdrüsen), Orgasmus, Samenerguss, männliche Fruchtbarkeit, körperliche Veränderung in der Pubertät und Adoleszenz sowie Fragen der Vaterschaftsverhütung bis hin zu gesundheitlichen Problemen und Fragen im Zusammenhang mit urologischen Untersuchungen und dem Patient-Arzt-Verhältnis.

Ihr Ziel ist es, Jungen mit den körperlichen Grundlagen und funktionalen Abläufen männlicher Sexualität vertiefter vertraut zu machen, Einsichten in die körperlichen Funktionszusammenhänge zu geben und zuweilen auftretende beunruhigende oder irritierende Phänomene verstehbar zu machen.

Die Broschüre richtet sich dabei an eine - aus entwicklungspsychologischer Sicht - altersmäßig breite Zielgruppe von 14- bis 24-Jährigen. Es stellt sich daher die Frage, ob sie für alle Segmente dieses Altersspektrums hinreichend interessante und ansprechende Beiträge anbietet.

Ergebnisse der Evaluation bei den Endadressaten

Relevanz der Thematik in der Zielgruppe

Zur Erfassung der Relevanz der Thematik wurde das grundlegende, basale Interesse, die subjektive Einschätzung der Wichtigkeit sachlicher Aufklärung sowie die Bedeutung der Themen „Verhütung" und „Gesundheitsrisiken" erhoben. Die Daten wurden mithilfe einer 7-stufigen Rating-Skala erfasst (1=geringste Stufe, 7=höchste Stufe). Personen mit sehr geringem Interesse - Stufen 1 bis 3 der Interessenmessung - wurden nicht in die Stichprobe aufgenommen. Sie waren nicht als Zielgruppe dieser Broschüre im engeren Sinne anzusehen.² Die Erhebung zur Relevanz der Thematik in der Stichprobe zeigt folgende Befunde: Mit einem Mittelwert von 5,2 ist ein deutliches Interesse an der angesprochenen Thematik in der Stichprobe gegeben:

Abb. 1 Wie groß ist ihr persöhnliches Interesse, sich über dieses Thema zu informieren?

Die Besetzung der beiden höchsten Skalenstufen (Top-2-Box) zeigt, dass insgesamt 42% der Zielgruppe ein sehr hohes Interesse an Informationen zu der Thematik haben. Bei Hauptschülern und männlichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren ist ein sehr hohes Interesse unterdurchschnittlich, bei Personen mit höherer Bildung und bei über 18-Jährigen dagegen überdurchschnittlich häufig gegeben. Die Besetzung der drei oberen Skalenwerte (Top-3-Box) als Indikator des Interesses lässt erkennen, dass ein deutliches Interesse an der Thematik bei der Mehrheit (70%) der Zielgruppe besteht. Die Wichtigkeit sachlicher Aufklärung wird mit einem Mittelwert von 5,7 hoch eingeschätzt:

Abb. 2 Für wie wichtig halten Sie eine sachliche informative Aufklärung über den männlichen Körper und die männliche Sexualität?

Junge Männer ab 18 Jahren schätzen die Wichtigkeit besonders hoch ein. Dies gilt auch für die Gruppe mit Realschulbildung. Eine mit steigendem Alter höhere Bedeutung der körperlichen Grundlagen der Sexualität sowie deutlich werdende Informationsdefizite bei Personen mit Realschulbildung können hierfür maßgeblich sein.Die Wichtigkeit von Informationen zum Thema Verhütung wird ebenfalls insgesamt sehr hoch eingeschätzt:

Abb. 3 Für wie wichtig halten Sie Informationen zur Verhütung?

Ähnliches gilt auch für Fragen der Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit Sexualität:

Abb. 4 Für wie wichtig halten Sie Informationen über Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit Sexualität?

Insgesamt zeigen die Befunde, dass in der Mehrheit der Stichprobe ein teils starkes, aktuelles, aber zum Teil auch ein eher latentes Interesse an der Thematik der Aufklärung über die körperlichen Hintergründe der männlichen Sexualität besteht. Weiterhin lässt sich feststellen, dass Fragen der Verhütung und Gesundheitsrisiken ebenfalls wichtige Themen für junge Männer sind.

Spontaner Eindruck der Broschüre

Die Frage nach dem ersten spontanen Eindruck von der Broschüre nach einem ersten Durchblättern zeigt ein weit überwiegend positives Meinungsbild (73%). Kritische Aspekte werden nur minderheitlich genannt (38%).³ Sie werden vergleichsweise häufiger von Hauptschülern und von 18- bis 21-Jährigen geäußert:

Abb. 3 Wie finden Sie diese Broschüre? Was ist Ihr erster spontaner Eindruck? Bitte sagen Sie mir einmal, was Ihnen durch den Kopf geht.

Das handliche Format, die Auswahl relevanter Themen sowie die Breite der Themenauswahl werden auf den ersten Blick hin positiv bewertet. In negativer Hinsicht wird die Lesemenge von 15% der Befragten spontan als zu hoch kritisiert, zudem wird in geringem Umfang die Aufmachung als zu schlicht und etwas langweilig angesehen (8%). Diese Kritikpunkte sind bei Hauptschülern etwas stärker ausgeprägt.

Das Format der Broschüre wird von 75% der Befragten als „genau richtig" angesehen. Die gezielte Frage nach der Beurteilung des Umfangs der Broschüre zeigt, dass er von 60% mehrheitlich als „genau richtig" beurteilt wird; insgesamt 40% halten die Broschüre jedoch für „etwas zu lang" (28%) beziehungsweise für „viel zu lang" (12%). Dies gilt mit relativ geringen Schwankungen für alle Teilzielgruppen:

Abb. 6 Wie finden Sie den Umfang der Broschüre? Bitte sagen Sie es mir anhand der folgenden Statements.

Ausgelöstes Leseinteresse

Vor dem Hintergrund des allgemeinen Interesses und des ersten Gesamteindrucks von der Broschüre stellt sich die Frage, ob sie die Befragten zum Lesen motiviert und somit für die Zielgruppe Aufforderungscharakter hat. Von wirkungsanalytischem Interesse ist zudem, ob der Anreiz, die Broschüre zu lesen, vergleichbar hoch ist wie das generelle, basale Interesse an der Thematik (Frage 5). Aus diesem Grunde seien die Ergebnisse zu beiden Fragen im Vergleich dargestellt:

Abb. 7 Wie groß ist ihr Interesse, sich mit dieser Broschüre näher zu befassen, sie durchzublättern und in ihr zu lesen?

Die Broschüre weckt aufgrund ihres ersten Eindrucks und nach erstem Durchblättern ein - gemessen am Mittelwert von 4,9 - gutes Leseinteresse in allen Segmenten der Zielgruppe. Ein sehr hohes Leseinteresse (Top-2-Box der Skala) zeigt sich bei einem Drittel der Befragten; es ist bei älteren (22- bis 24-Jährigen) und bei Personen mit Realschulbildung besonders deutlich ausgeprägt. Nimmt man den Skalenwert 5, der eine Besetzung mit 33% der Befragten aufweist, als weiteren Indikator für Leseinteresse zur Top-2-Box hinzu, so zeigt sich ein insgesamt deutliches Leseinteresse bei

66% der Befragten. Das durch die Broschüre evozierte konkrete Leseinteresse bleibt jedoch leicht hinter dem grundlegenden, basalen Interesse zurück. Nicht alle grundsätzlich Interessierten werden durch die Broschüre zum Lesen angeregt. Dennoch ist die Ausschöpfung und der Aktivierungsgrad der grundsätzlich an der Thematik Interessierten durch die Broschüre als hoch anzusehen. Die Broschüre hat trotz eines Umfangs von 101 Seiten einen guten Aufforderungscharakter zum Lesen.

Beurteilung der Broschüre nach dem Lesen

Für die vertiefte Auseinandersetzung mit der Broschüre und ihren Inhalten wurde diese den Befragten für einen Zeitraum von drei bis fünf Tagen für die Nutzung zu Hause übergeben mit der Bitte, einmal in Ruhe in ihr zu lesen. Es stellt sich die Frage, wie die Broschüre genutzt und wie sie aufgrund der konkreten Nutzungserfahrung beurteilt wird. In der folgenden Übersicht ist das Verhältnis von positiven zu negativen Stellungnahmen für beide Messzeitpunkte - vor dem Lesen und nach dem Lesen - im Vergleich dargestellt:

Abb. 8 Wie finden Sie diese Broschüre? Was ist Ihr erster spontaner Eindruck? Bitte sagen Sie mir einmal, was Ihnen durch den Kopf geht.

Nach dem Lesen und den dabei gemachten Erfahrungen hat sich der positive Eindruck von der Broschüre durchgängig in allen Teilzielgruppen verstärkt. Dies gilt besonders ausgeprägt für die älteren Zielgruppen (ab 18 Jahren) und die Befragten mit Realschulbildung. Bei Hauptschülern zeigt sich sowohl eine leichte Zunahme der positiven als auch der kritischen Stellungnahmen.

Abb. 9 Wie finden Sie diese Broschüre - jetzt, nachdem Sie sich intensiver mit ihr befasst haben? Welchen Eindruck haben Sie von ihr?

Im Vordergrund der positiven Eindrucksqualitäten steht der hohe Informationsgehalt bezüglich wichtiger Themen. Die Broschüre erscheint zudem ansprechend, interessant, ausführlich, verständlich, anschaulich sowie „locker" im Sprachstil. Der Umfang des Textes ist der Hauptaspekt der Kritik bei einer Minderheit der Befragten. Daneben wird die etwas trockene, lehrbuchartige Anmutung mitunter bemängelt. Diese Kritikpunkte werden von Hauptschülern häufiger angeführt.

Interessantheit der Broschüre insgesamt

Der positive Eindruck wird bestätigt durch die positive Beurteilung der Interessantheit der Gesamtbroschüre:

Abb. 10 Wie finden Sie den Umfang der Broschüre?

Lesenutzung

Von hohem Interesse war es zu ermitteln, in welchem Maße die Broschüre gelesen wurde und welche Kapitel dabei in welchen Segmenten der Zielgruppe auf besondere Beachtung stießen. Insbesondere stellt sich die Frage, wie sich der Umfang der Broschüre auf die Lesenutzung auswirkt.

Zunächst sei auf die subjektive Selbsteinschätzung des Grades der Vollständigkeit der Lesenutzung eingegangen (Frage 17).

Insgesamt 23% der Befragten geben an, die Broschüre „nur durchgeblättert" zu haben. Hinsichtlich der Vollständigkeit der Lesenutzung meinen 77% aller Befragten, die Broschüre zumindest zu einem Viertel, 50% zumindest zur Hälfte, 33% zumindest zu drei Vierteln und 15% ganz gelesen zu haben. Nach Alter und Bildung der Befragten zeigen sich dabei deutliche Unterschiede. Keiner der 14- bis 17-Jährigen gibt an, die Broschüre ganz gelesen zu haben; demgegenüber stehen 40% der 22- bis 24-Jährigen. 20% der Befragten mit Gymnasialbildung geben an, sie vollständig gelesen zu haben, ein höherer Prozentsatz als bei den Real- und Hauptschulabsolventen mit 11% bzw. 14%.[4]

Abb. 11 Wieviel haben Sie von der Broschüre gelesen?

Abb. 12 Haben Sie im Kapitel ... gelesen?

Der Vollständigkeitsgrad der Lesenutzung erscheint somit vom Alter und der Schulbildung abhängig. Dem Alter kommt dabei der erkennbar stärkere Einfluss zu. Mit höherem Alter steigt die Vollständigkeit der Nutzung der Broschüre deutlich an. Der Einfluss des Bildungsgrades ist demgegenüber schwächer ausgeprägt. Dies sei im Folgenden am Nutzungsprofil näher untersucht.

Nutzungsprofil nach Zielgruppensegmenten und Kapiteln

Die weiteren Befunde zeigen, dass die Broschüre in Abhängigkeit von Alter und Bildung selektiv genutzt wird. Sie ist insbesondere für Jüngere und für weniger Gebildete eine Broschüre zur Vertiefung ausgewählter Themen und wird insofern in diesen Segmenten im Sinne eines Nachschlagewerks genutzt.

Im Rahmen der Untersuchung wurde im Einzelnen erhoben, welche Kapitel der Broschüre gelesen wurden. Hierzu wurde die Broschüre zur Gedächtnisstützung wieder vorgelegt und Kapitel für Kapitel durchgegangen. Dabei zeigt sich folgendes Nutzungsprofil (Frage 26 a).

Der Vergleich der Lesenutzung der einzelnen Kapitel bei allen Befragten (Spalte „Gesamt" der Tabelle) zeigt deutliche Unterschiede. Gemessen am Durchschnitt aller Kapitel (56%) findet sich in der Gesamtheit der Befragten eine überdurchschnittliche hohe Nutzung bei den Kapiteln „Orgasmus und Samenerguss" (80%) und „Der Penis" (70%). Unterdurchschnittlich häufig gelesen werden die Kapitel „Die Geschlechtsdrüsen" (38%), „Zeiten körperlicher Veränderung" (45%) und „Alles in Ordnung" (47%). Bei den übrigen Kapiteln liegt die Leserrate im Durchschnitt aller Kapitel. Die Broschüre beinhaltet somit interessantere und weniger interessante Themen - bezogen auf die Gesamtzielgruppe.

Bezogen auf die Segmente der Gesamtzielgruppe bestätigt die Analyse eine vollständigere Nutzung mit höherem Alter als Haupteffekt und höherer Bildung als Sekundäreffekt.

Das Kapitel „Die Hoden" stößt insbesondere in den höheren Altersgruppen und bei Befragten mit Realschul- und Gymnasialbildung auf höheres Interesse. Ein höheres Interesse findet sich mit höherem Alter und höherer Bildung ebenfalls bei den Kapiteln „Die Geschlechtsdrüsen" und „Alles in Ordnung". Mit höherem Alter und höherer Bildung steigt demnach das Interesse an den medizinisch hintergründigeren Fragen der männlichen Sexualität. Bei jüngeren Befragten und bei Hauptschülern stehen dagegen die Kapitel zum Penis, zum Orgasmus und zur Vaterschaftsverhütung - als mehr praktische, auf den Sexualkontakt hin ausgerichtete Fragen - im Vordergrund des Interesses.

Der Befund zeigt, dass die Broschüre in der Breite ihrer Themen über die spezifischen Interessen der jüngeren Zielgruppe hinausgeht. Mit dieser hohen Breite erreicht sie jedoch auch die älteren Segmente in ihren weitergehenden Interessen. Das Nutzungsprofil ist typisch für ein Kommunikationsmittel, das eine breite Zielgruppe ansprechen möchte. Die Nutzung ist dann - nach den Erfahrungen unserer Studien - selektiv und weist unterschiedliche Leserreichweiten einzelner Beiträge in den Segmenten auf.

Die positive Beurteilung der Interessantheit, die der untersuchten Broschüre insgesamt zugesprochen wird, zeigt jedoch, dass die Anzahl und der Anteil an „lesenswerten Kapiteln" für jedes der Zielgruppensegmente hinreicht, um die Broschüre als Ganzes interessant und attraktiv zu finden. Das Verhältnis von Kapiteln mit höherer und geringerer Lesereichweite ist so geartet, dass die Broschüre von der Gesamtheit der Zielgruppe positiv angenommen wird. Die Breite der Themen und ihre Vertiefung werden von den Befragten zudem subjektiv als Vorteil gewertet, selbst wenn damit ein höherer Umfang verbunden ist und nicht jedes Kapitel von der Mehrheit jedes Subsegmentes gelesen wird.

Auch der durchschnittliche Nutzungsgrad aller Kapitel in der Gesamtzielgruppe von 56% sowie die Anzahl und der Nutzungsgrad der stark beachteten Kapitel in den einzelnen Alters- und Bildungssegmenten zeigt - gemessen an unseren Erfahrungen -, dass die Broschüre eine gelungene Auswahl von Themen in angemessener Vertiefung anbietet.

Interessantheit, Hilfe und Neuigkeitsgrad der gelesenen Kapitel

Im Folgenden wurde den Lesern der einzelnen Kapitel die Frage gestellt, wie interessant, hilfreich und neu sie die gelesenen Kapitel empfunden haben (Frage 26 b-d).

Abb. 13 Frage 26 b- d

Die Messergebnisse zeigen sowohl hinsichtlich der Interessantheit als auch hinsichtlich der Hilfe und des Neuigkeitswertes hohe positive Werte. Mit Mittelwerten zwischen 6,1 und 5,4 werden alle Kapitel von ihren Lesern als interessant beziehungsweise sehr interessant beurteilt.

Gute Messwerte zeigen sich auch für den Grad der vermittelten Hilfestellung. Mit Werten zwischen 5,7 und 4,7 liegt der überwiegende Teil der Kapitel im Messbereich oberhalb des Punktes 5 der Skala.

Im Hinblick auf den Neuigkeitswert schwanken die Messwerte zwischen 5,3 und 4,2. Erheblicher Neuigkeitswert wird dabei den Kapiteln „Die Geschlechtsdrüsen" und „Alles in Ordnung" zugesprochen. Die übrigen Kapitel werden bezüglich des Neuigkeitswertes in einem Skalenbereich zwischen 4,2 und 4,8 eingestuft. Der Neuigkeitswert der Kapitel ist angesichts der Themen, die den Befragten zum Teil zumindest grundsätzlich vertraut sind, als gut zu beurteilen.

Die weiteren diagnostischen Fragen der Evaluation zeigen ebenfalls eine positive Beurteilung:
Der Vertiefungsgrad der Broschüre wird von 65% der Befragten als „gerade richtig" eingestuft; 32% sind der Meinung, sie sei „zu vertieft" und 3% halten sie für „zu oberflächlich". Mit höherem Alter und höherer Bildung steigt der Anteil derer an, die den Vertiefungsgrad für „gerade richtig" halten. 83% der jungen Männer und männlichen Jugendlichen sind auch der Meinung, dass die Broschüre in richtigem Maße auf Gefühle eingehe, die im Zusammenhang mit dem Körper und der Sexualität stehen. Über Peinlichkeitsgefühle berichtet mit 12% nur eine kleine Minderheit der Befragten. Freunden und Bekannten weiterempfehlen würden die Broschüre 77%.

Ergebnis der Evaluation bei den ExpertInnen

Im Folgenden sei auf die Untersuchungsergebnisse der ExpertInnenbefragung (SexualpädagogInnen in der Jungenarbeit) eingegangen.

Die Wichtigkeit der behandelten Thematik wird von ExpertInnen überaus hoch eingeschätzt (Frage 6):

Abb. 14 Für wie wichtig halten Sie eine sachliche informative Aufklärung junger Männer über den männlichen Körper und die männliche Sexualität?

87% der SexualpädagogInnen in der Jungenarbeit benutzen aktuell bei ihrer Arbeit Aufklärungsmaterialien oder -medien zum Thema männliche Sexualität. Die Thematik erscheint jedoch mit den bestehenden Materialien bei weitem nicht abgedeckt; fast einhellig wird eine neue Broschüre als wünschenswert angesehen (Frage 8):

Abb. 15 Wäre eine neue Broschüre zur Sexualaufklärung für Sie und Ihre Arbeit grundsätzlich von Interesse? Könnten Sie sich vorstellen, diese für Ihre Arbeit mit Jungen zu nutzen - oder haben Sie ihren Bedarf an Materialien zu dieser Thematik abgedeckt?

58% sind der Meinung, dass eine adäquate und zeitgemäße Broschüre für Jungen fehlt. Wichtig erscheint sie ihnen unter anderem als Hilfsmittel, um mit jungen Männern und männlichen Jugendlichen über das Thema Sexualität ins Gespräch zu kommen.

Eindruck nach dem Lesen

Der Eindruck der ExpertInnen nach eingehender Beschäftigung mit der Broschüre ist ganz überwiegend positiv. Kritische Meinungen werden nur minderheitlich geäußert (Frage 10).

Abb. 16 Wie finden Sie die Broschüre - jetzt, nachdem Sie sich intensiver mit Ihr befasst haben? Welchen Eindruck haben Sie von Ihr?

Für den positiven Gesamteindruck primär maßgeblich ist die ansprechende Aufbereitung der Thematik allgemein, der hohe Informationsgehalt und die Auswahl für die Zielgruppe relevanter Themen. Zudem wird das Format geschätzt.

Ein kritischer Einwand ist, dass die Broschüre zu umfangreich und dadurch zu anspruchsvoll für Hauptschüler sein könnte. Dies ist eine durchgehend bestehende Befürchtung von Seiten der ExpertInnen: Bei gezielter Nachfrage hält nur eine Minderheit von 38% den Umfang für „genau richtig", im quantitativen Unterschied zu den Endadressaten mit 58%. 45% halten sie für „etwas zu lang" (Endadressaten 35%) und 15% für „viel zu lang" (Endadressaten ebenfalls 15%). Die ExpertInnen erweisen sich somit im Hinblick auf den Umfang der Broschüre als kritischer als die Endadressaten.

Beurteilung der Kapitel aus ExpertInnensicht

Die Beurteilung der einzelnen Kapitel der Broschüre stellt sich aus ExpertInnensicht sehr positiv dar. Jedes Kapitel wird in hohem Maße für wichtig und hilfreich gehalten (Frage 17b):

Abb. 17 Für wie wichtig halten Sie die Inhalte des Kapitels junge Männer?

Der Vertiefungsgrad der Kapitel wird mit 53% mehrheitlich als „gerade richtig" beurteilt; 45% der MultiplikatorInnen halten ihn jedoch für zu weitgehend. Auch hier sind die ExpertInnen kritischer als die männlichen Jugendlichen und jungen Männer mit 65% („gerade richtig") und 32% („zu vertieft"). Kritischer erweisen sich die ExpertInnen auch bezüglich der Frage nach der Vertiefung von Gefühlen im Zusammenhang mit Körper und Sexualität. Während 48% von ihnen die Broschüre in dieser Hinsicht für „genau richtig" halten, sind es bei den Endadressaten 83%; während 52% Gefühle als zu kurz behandelt ansehen, sind es bei den Endadressaten nur 8%. Insgesamt neigen die ExpertInnen somit in den oben genannten Hinsichten zu einer skeptischeren Einschätzung als die Endadressaten.

Weitergabebereitschaft und Einsatzmöglichkeiten

Die Bereitschaft, die Broschüre an die Endzielgruppe weiterzugeben, ist mit 93% ausgeprägt hoch. Als Zielgruppe sehen die MultiplikatorInnen junge Männer und männliche Jugendliche im Alter ab 14 Jahren an.

Als Einsatzmöglichkeiten in der praktischen Arbeit nennen 65% die Jungenarbeit an Schulen und in Gruppen, 48% das Verteilen nach Veranstaltungen oder Beratungen und 33% das „Auslegen für alle". Die Broschüre wird somit mehrheitlich als begleitendes Arbeitsmittel angesehen. 87% der ExpertInnen meinen auch, ihr eigenes Wissen mittels der Broschüre auffrischen zu können.

Zusammenfassung

Die Broschüre „Wie geht's - wie steht's?" spricht in ausführlicher und umfangreicher Form Themen von hoher - jedoch zum Teil latenter - Bedeutung für männliche Jugendliche und junge Männer an. Durch ihre formale Gestaltung ist sie in der Lage, das latente Interesse in einem erheblichen Umfang zu aktivieren und Leseinteresse zu generieren.

Die Broschüre wird dabei in der jüngeren Zielgruppe eher ausschnittweise gelesen. Mit steigendem Alter wird sie zunehmend vollständiger genutzt. Ihr Nutzungsprofil zeigt unter anderem ihre Eignung als Nachschlagewerk. In der Gesamtheit der Kapitel deckt sie alle interessanten Themen für die altersmäßig breite Zielgruppe ab. Sprachlich und inhaltlich erscheint die Broschüre auch für weniger formal Gebildete gut verständlich. Ihre Inhalte werden von den Lesern als wichtig und hilfreich beurteilt. Auch die Behandlung des Themas „Verhütung der Vaterschaft" stößt auf allgemein breites Interesse. Die Behandlung gesundheitlicher Fragen wird vornehmlich im älteren Segment der Zielgruppe als wichtig, neu und hilfreich angesehen.

Für SozialpädagogInnen in der Sexualarbeit mit männlichen Jugendlichen und jungen Männern erscheint die Broschüre als wichtiges, unterstützendes Arbeitsmittel sehr willkommen. In inhaltlicher Hinsicht wird sie sehr positiv beurteilt. Kritische Einwände der ExpertInnen gegen den Umfang und den Vertiefungsgrad müssen vor dem Hintergrund der Befragung der Endadressaten relativiert werden. Probleme in dieser Hinsicht erweisen sich als weniger gravierend als von ExpertInnen angenommen wird.

Insgesamt erscheint die Broschüre als begleitendes Arbeitsmittel der Sozialarbeit, als umfassendes Informationsmittel und als Nachschlagewerk zur gezielten - je nach Alter der Endadressaten mehr oder weniger breiten - vertieften Information sehr geschätzt, und sie vermittelt durch ihre inhaltliche Fülle und ihren zielgruppenadäquaten Darstellungs- und Ansprachestil den Eindruck einer sachkundigen, weitgehend vollständigen und gut verständlichen Informationsquelle.

Anmerkung der Abteilung „Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung":
Es handelt sich um die Evaluation der ersten Auflage der Broschüre, die aufgrund der Ergebnisse hinsichtlich Layout und Textlänge umfassend überarbeitet wurde.

Fußnoten

1 Vgl. Evaluation der Broschüre „Körper, Liebe, Doktorspiele" in diesem Heft.

2 Die Ausfallquote belief sich auf 16%.

3 Aufsummierte %-Werte über 100 beruhen auf Mehrfachnennungen; der %-Wert über 100% bezeichnet Personen, die ambivalente Stellungnahmen abgeben.

4 Die Punkte der stärksten Abnahme der Leserrate in der Vollständigkeitsskalierung sind mit Doppelpfeilen (<<) gekennzeichnet.

Autor

Wilfried Höveler
Wilfried Höveler, Dipl.-Psychologe, Dipl.-Volkswirt und Psychotherapeut, ist Senior Research Manager und Consultant bei IFUMA, Institut für Marktforschung in Köln und ist als Projektleiter der beschriebenen Studie tätig.
 

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