„Stress mit der Liebe" am Kinder- und Jugendtelefon Ergebnisse eines Modellprojektes

Sexualpädagogisch relevante Themen begegnen den zumeist ehrenamtlich tätigen MitarbeiterInnen am Kinder- und Jugendtelefon [KJT]¹ in zahlreichen Gesprächen. Für viele Kinder und Jugendliche ist die anonyme Telefonberatung eine der wenigen Möglichkeiten, offen über ihre Fragen und Probleme im Zusammenhang mit Liebe, Partnerschaft und Sexualität zu sprechen. „Ich bin verknallt in Tobias, was kann ich tun, damit er mit mir geht?", „Woran merkt man eigentlich, dass man verliebt ist?", „Wie machen Schwule denn genau Sex?" oder „Wenn man mit jemandem schläft, liebt man ihn dann?" - Fragen wie diese werden tagtäglich am Kinder- und Jugendtelefon gestellt. Auch wenn es natürlich noch viele andere Themen gibt, die Heranwachsende zum Hörer greifen lassen, so sind doch die Themen Liebe, Partnerschaft und Sexualität in rund 50% aller Beratungsgespräche der Anlass, weshalb Kinder und Jugendliche „Die Nummer gegen Kummer" (so der Slogan des Kinder- und Jugendtelefons) anrufen.

Das Modellprojekt „Stress mit der Liebe"

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit der BundesArbeitsGemeinschaft Kinder- und Jugendtelefon (BAG) - des Dachverbandes der Kinder- und Jugendtelefone - mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Die Themen am Kinder- und Jugendtelefon und der persönliche und direkte Zugang zu Kindern und Jugendlichen bildeten die konkrete Grundlage für eine Kooperation der BAG mit der BZgA. Im Juli 1996 begann das gemeinsame Modellprojekt „Stress mit der Liebe" (offiziell „Förderung der Akzeptanz des Kinder- und Jugendtelefons sowie begleitende sexualpädagogische Qualifizierungsmaßnahmen"), das von der BAG verantwortlich durchgeführt und über den gesamten Projektzeitraum (7/96-12/99) durch die BZgA gefördert und inhaltlich begleitet wurde.

Stress oder Frust erleben mitunter auch die BeraterInnen, wenn sie sich den Anliegen, die Jugendliche im Bereich Sexualität thematisieren, nicht gewachsen fühlen. Differenzierte Antworten auf die zahlreichen spezifischen Fragen zu finden, ist auch für die pädagogisch und fachlich geschulten Ehrenamtlichen nicht immer einfach. Setzt die Beratungssituation am Telefon ohnehin schon viel Fingerspitzengefühl voraus, verlangt der Themenkomplex Sexualität von den MitarbeiterInnen einmal mehr fundiertes Fachwissen und nicht zuletzt einen souveränen persönlichen Umgang mit der Thematik.

Die Qualitätssicherung und -verbesserung der Arbeit am Kinder- und Jugendtelefon waren von daher die allgemeinen Ziele des Projektes. Neben Maßnahmen zur Erhöhung des Bekanntheits- und Nutzungsgrades der „Nummer gegen Kummer" sollte die Arbeit der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen am KJT mittels gezielter sexualpädagogischer Qualifizierungsangebote direkt unterstützt und darüber hinaus eine sexualpädagogische Ausbildungskonzeption entwickelt und erprobt werden, die langfristig eine Grundlage für die Vermittlung sexualpädagogischer Inhalte in der Telefonausbildung der BAG sein kann. Ein weiteres wichtiges Ziel des Projektes war der Aufbau eines einheitlichen Systems zur statistischen Erfassung und Auswertung der Gespräche am Kinder- und Jugendtelefon, um differenzierte Erkenntnisse über Themen und Problemfelder von Kindern und Jugendlichen zu erhalten.

Die Umsetzung dieser Ziele erforderte das Zusammenwirken von vielen Menschen. Neben den Kooperationspartnern - BAG und BZgA, der Agentur „Neues Handeln" und Fachleuten aus den unterschiedlichsten sexualpädagogischen Handlungsfeldern und Institutionen - waren in erster Linie die MitarbeiterInnen der Kinder- und Jugendtelefone und die MitarbeiterInnen des Institutes für Sexualpädagogik (ISP), die die Qualifizierung der ehrenamtlichen BeraterInnen durchführten, am Gelingen des Projektes beteiligt. Da eine detaillierte Beschreibung des Projektverlaufs und aller seiner Inhalte, Prozesse und Entwicklungen den Rahmen dieses Beitrages sprengen würde, sollen hier nur exemplarisch drei wichtige Phasen umrissen werden:

  • 1. Für die Erstellung und den Einsatz von projektbegleitenden alters- und themenspezifischen Öffentlichkeitsmaterialien musste zuerst eine Gestaltungslinie entwickelt werden, die im Rahmen einer Zielgruppenbefragung im Zeitraum von August bis Dezember 1996 getestet wurde. An dieser Befragung nahmen insgesamt 471 Schülerinnen und Schüler zwischen 10 und 16 Jahren von unterschiedlichen Schultypen (Real-, Gesamtschulen und Gymnasien) teil. Die Ergebnisse der Befragung waren die Grundlage für die Auswahl der Motive für die Öffentlichkeitsarbeit der Jahre 1997 bis 1999.
  • 2. Im Zeitraum von Juli bis Dezember 1996 wurden - zusätzlich zu fünf Arbeitstreffen im gesamten Bundesgebiet - alle MitarbeiterInnen des Kinder- und Jugendtelefons mittels eines weitgehend standardisierten Fragebogens hinsichtlich ihrer aktuellen Aus- und Weiterbildungssituation befragt. Es wurden 1600 Fragebogen verschickt. Die Rücklaufquote war hoch, und insgesamt konnten die Daten von 802 Fragebogen in die Auswertung eingehen. Mittels dieser Bestandsaufnahme konnten der sexualpädagogische Qualifizierungsbedarf der MitarbeiterInnen konkretisiert und wichtige Informationen für die zu entwickelnde Ausbildungskonzeption gewonnen werden.
  • 3. Die Entwicklung und Erprobung der sexualpädagogischen Ausbildungskonzeption war ein Prozess, der sich zeitlich über den gesamten Projektzeitraum erstreckte. Unter Abwägung von Faktoren wie allgemeine Rahmenbedingungen (Dauer der Gesamtausbildung, personelle und finanzielle Möglichkeiten), zeitliche Beschränkungen der zumeist ehrenamtlich tätigen MitarbeiterInnen, Bedürfnisse der befragten MitarbeiterInnen und inhaltlichen Mindestanforderungen, die unabdingbar für die Beratung von jungen Menschen zu Fragen von Sexualität sind, wurde eine erste Konzeption entwickelt.

Die Erprobungs- und Modifikationsphase der Ausbildungskonzeption war prozessorientiert angelegt. Im Zeitraum zwischen 1997 bis 1999 wurde die Konzeption in sieben Modellausbildungen sowohl hinsichtlich ihres Informationsgehaltes als auch hinsichtlich ihrer methodisch-didaktischen Angemessenheit überprüft. Die Erfahrungen und Einschätzungen der Leitungsteams und die persönlichen Rückmeldungen der TeilnehmerInnen waren dabei die wichtigsten Quellen für die Beurteilung der Brauchbarkeit und Angemessenheit der Ausbildungskonzeption.

Ergebnisse des Modellprojektes im Überblick

Alters- und themenspezifische Öffentlichkeitsarbeit

Der Schwerpunkt lag auf der Zielgruppe der 10- bis 16-jährigen Mädchen und Jungen. Insgesamt wurden fünf verschiedene Motive („Ich trau mich nicht!", „Ich wär' gern anders!", „Das erste Mal war nur Stress!", „Sie hat 'nen andern!" und „Bei ihr krieg ich keine Schnitte") auf Materialien wie Plakate, Aufkleber, Stundenpläne und auf „Scheckkarten" umgesetzt. Mehr als zwei Millionen Materialien wurden erstellt und verteilt.

Sexualpädagogische Qualifizierungsmaßnahmen:

Im Zeitraum von 1997 bis 1999 wurden folgende Veranstaltungen durchgeführt:

  • eine Fachtagung zum Thema „Sexualmoral und Sexualverhalten von 10- bis 14-Jährigen" (für 100 TeilnehmerInnen, 1,5 Tage),
  • eine Fachtagung zum Thema „Sexuelle Kindesmisshandlung" (für 100 TeilnehmerInnen, 1,5 Tage),
  • ein Seminar zum Thema „Das andere Gesicht der Sexualität - Prostitution, Pornographie, Perversionen" (für 18 TeilnehmerInnen, 2 Tage),
  • ein Seminar zum Thema „XY ungelöst - Ein Seminar zur männlichen Sexualität" (18 TeilnehmerInnen, 2 Tage),
  • zwei Seminare zur Diskussion der neu entwickelten Ausbildungskonzeption mit AusbilderInnen (für je 16 TeilnehmerInnen, je 2 Tage),
  • insgesamt sieben Modellausbildungen, in denen die Ausbildungskonzeption angewandt und erprobt wurde; jede Modellausbildung wurde über zwei Wochenenden mit jeweils zwei Tagen Fortbildung und jeweils für 16 bis 18 TeilnehmerInnen durchgeführt,
  • zwei Fortbildungsseminare für AusbilderInnen zu den inhaltlichen Schwerpunkten der Ausbildungskonzeption (für je 16 TeilnehmerInnen, je 2 Tage).
  • Insgesamt wurden 57 weitere sexualpädagogische Weiterbildungsveranstaltungen (an verschiedenen Standorten des Kinder- und Jugendtelefons) gefördert.
  • Zum Abschluss des Modellprojektes und im Hinblick auf die zukünftige Implementierung der sexualpädagogischen Ausbildungskonzeption in die allgemeine Telefonausbildung fand noch die Fachtagung „Sexualität als Thema in der Ausbildung am Kinder- und Jugendtelefon" (für 40 TeilnehmerInnen, 1 Tag) statt.

Abb. 1 Anrufende am Kinder-und Jugendtelefon 1999 nach Altersgruppe und Geschlecht

Abb. 2 Themenbereiche am Kinder-und Jugendtelefon 1999

Entwickelte und erstellte Materialien

Es wurde eine sexualpädagogische Ausbildungskonzeption entwickelt und erprobt, die ab 2000 ein fester Bestandteil der Ausbildung am Kinder- und Jugendtelefon ist:

  • Basiskonzeption für die sexualpädagogische Qualifizierung ehrenamtlicher MitarbeiterInnen am Kinder- und Jugendtelefon. Wuppertal, 1999.

Darüber hinaus wurden folgende Dokumentationen und die Ausbildung ergänzende Materialien erstellt:

  • Dokumentation der Fachtagung „Sexualmoral und Sexualverhalten 10- bis 14-jähriger Mädchen und Jungen" vom 28. Februar bis 1. März 1997 in Königswinter. Wuppertal, 1997.
  • Reader - Pornographie, Prostitution, Perversion. Wuppertal, 1998.
  • XY ungelöst - Ein Reader zur männlichen Sexualität. Wuppertal, 1999.
  • Reader - Körper- und Sexualaufklärung. Wuppertal, 1999.
  • Dokumentation der Fachtagung „Sexualität als Thema in der Ausbildung am Kinder- und Jugendtelefon" am 9. November 1999 in Köln. Wuppertal, 1999.

Statistische Auswertung der Gespräche am KJT

Im Projektzeitraum ist der Aufbau einer bundesweit einheitlichen Statistik gelungen, die Informationen zur Beratung am Kinder- und Jugendtelefon enthält, insbesondere über das Geschlecht und die Altersstruktur der anrufenden Kinder und Jugendlichen sowie die Themen der Beratungsgespräche.

Sexualaufklärung am Kinder- und Jugendtelefon 1999

Im Auftrag der BZgA wurde 1999 eine geschlechts- und altersdifferenzierte Auswertung der sexualpädagogisch relevanten Themen am Kinder- und Jugendtelefon durchgeführt². Da die Ergebnisse dieser Auswertung von besonderem allgemeinen Interesse sein dürften, sollen nachfolgend einige ausgewählte Ergebnisse dargestellt werden.

Jeder Anruf am Kinder- und Jugendtelefon wird registriert und nach verschiedenen Anruftypen (z.B. Beratungsgespräche, Testanrufe, Schweigeanrufe oder auch Belästigungen der MitarbeiterInnen) kategorisiert. Die Beratungsgespräche werden darüber hinaus mittels eines maschinenlesbaren Statistikbogens erfasst und durch die BAG ausgewertet. So konnten 1999 fast 500.000 Anrufe am KJT angenommen werden (21% mehr als im Jahr 1998). Aus diesen Anrufen entwickelten sich 151.077 längere Beratungsgespräche, die mit Kindern und Jugendlichen zu den verschiedensten Problemen und Themen geführt wurden. Sie bilden die Gesamtdatenbasis der hier vorgestellten Ergebnisse.

Das Geschlecht der Anrufenden

1999 haben insgesamt 34.123 Jungen und junge Männer (23%) und 103.461 Mädchen und junge Frauen (68%) ein Beratungsgespräch mit den MitarbeiterInnen des Kinder- und Jugendtelefons geführt. In 9% der Fälle liegen keine Angaben zum Geschlecht vor.

Abb. 3 Themenbereiche am Kinder-und Jugendtelefon 1999 in Abhängigkeit vom Geschlecht

Das Alter der Anrufenden

Das Beratungs- und Gesprächsangebot KJT wird sehr stark von Jugendlichen in der Pubertät genutzt. 80% der Gespräche 1999 wurden mit Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 16 Jahren geführt, wobei allein die Gruppe der 12- bis 14-Jährigen 50% der Gespräche ausmachen. Einen Überblick über die Verteilung der Gesamtstichprobe nach Alter und Geschlecht gibt Abbildung 1.

Die Themen der Anrufenden

Bei den Gesprächen geht es um sehr unterschiedliche Fragen und Probleme, die Heranwachsende beschäftigen. Die Anrufenden suchen GesprächspartnerInnen, mit denen sie ein persönliches Problem besprechen können, aber auch Antworten auf ihre Fragen und Informationen zu einzelnen Themen.

Die erfassten Einzelthemen lassen sich zu insgesamt neun Themenbereichen bündeln. Einen Überblick über diese Themenkomplexe und die Verteilung der einzelnen Gespräche zeigt Abbildung 2. Bereits diese Übersicht gibt Anhaltspunkte, was Kinder und Jugendliche beschäftigt und sie veranlasst, zum Telefonhörer zu greifen. Es geht um Selbstvertrauen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, Ärger mit FreundInnen oder in der Schule, aber oft auch um Probleme innerhalb der Familie wie den Erziehungsstil der Eltern, Verbote oder Krisen im Familienleben und nicht zuletzt um Gewalt in all ihren Formen. Den größten Raum nehmen aber Themen wie Verliebtheit, unerfüllte Beziehungswünsche, das Ja oder Nein zu sexuellen Kontakten wie auch Fragen zur Verhütung oder Unsicherheiten hinsichtlich der eigenen sexuellen Orientierung ein.

Abbildung 2 zeigt, dass der häufigste Anlass für einen Anruf beim Kinder- und Jugendtelefon ein Anliegen aus dem Bereich Partnerschaft und Liebe ist. Mehr als ein Drittel aller Gespräche beschäftigt sich mit Themen wie „Kontaktwunsch", „Verliebtheit" oder auch ersten Erfahrungen mit dem Scheitern einer Beziehung. Erweitert man Partnerschaft und Liebe noch um das Themengebiet Sexualität, dann sind rund 50% aller Gespräche, also durchschnittlich jeder zweite Anruf, auf diese Inhalte bezogen. Betrachtet man die beiden Themengebiete noch in Abhängigkeit vom Geschlecht der Anrufenden, ergeben sich bemerkenswerte Unterschiede (vgl. Abb. 3). So holen sich fast 35% aller Mädchen Rat und Unterstützung zu Themen aus dem Bereich Partnerschaft und Liebe, jedoch nur 28% der Jungen. Auch wenn dies dafür zu sprechen scheint, dass die Auseinandersetzung mit Bindungen und Beziehungen für die Persönlichkeitsentwicklung von Mädchen besonders wichtig ist, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Themen aus dem Bereich Partnerschaft und Liebe auch für Jungen insgesamt die häufigsten Anrufanlässe darstellen. Beim Themengebiet Sexualität kehrt sich dieses Verhältnis jedoch um. So sprechen Jungen (20%) weitaus häufiger als Mädchen (16%) über Inhalte des Bereiches Sexualität, der Themen wie Aufklärung, sexuelle Praktiken und Homosexualität einschließt. Das Interesse hieran ist zwar insgesamt bei beiden Geschlechtern groß, aber die Anonymität eines Telefongespräches scheint es vor allem Jungen sehr zu erleichtern, auch über intime Fragen und Probleme zu sprechen, die ihnen sonst eher peinlich sind.

Die Altersgruppe der 11- bis 12-Jährigen

Die 11- bis 12-jährigen Jungen und Mädchen (n=34.114) sind die zweitgrößte Gruppe von Anrufenden am Kinder- und Jugendtelefon. Rund ein Drittel dieser Altersgruppe (n=10.477) ruft zum Themenbereich Partnerschaft und Liebe an, der bei den Mädchen vor der Familie und den persönlichen Themen und bei den Jungen vor der Schule am wichtigsten ist. Der Wunsch nach einer exklusiven Zweierbeziehung ist für diese Altersgruppe der häufigste Anrufanlass. Dazu suchen 42% der Jungen (von n="2.093)" und 39% der Mädchen (von n="8.171)" Rat und Unterstützung. Aber auch Themen wie Verliebtheit, Liebeskummer und erste Erfahrungen mit Beziehungskonflikten beschäftigen beide Geschlechter dieser Altersgruppe gleichermaßen, wie Abbildung 4 zeigt. In den Gesprächen zum Themenkomplex Sexualität in dieser Altersgruppe findet sich diese Übereinstimmung zwischen den Geschlechtern nicht (vgl. Abb. 5).

Abbildung 5 macht deutlich, dass das Thema „Körperentwicklung" bei den Mädchen dieser Altersgruppe den größten Stellenwert hat (auch im Vergleich - zu allen anderen Altersgruppen). 31% der Mädchen haben Fragen und Informationsbedarf im Hinblick auf die eigene Körperentwicklung. Die Frage, was normal ist und was nicht, steht dabei meist für die Mädchen im Mittelpunkt. Für die 11- bis 12-jährigen Jungen hingegen ist die „formale sexuelle Aufklärung" der wichtigste Anrufanlass innerhalb des Themengebietes Sexualität. So nutzen deutlich mehr Jungen (23%) als Mädchen (16%) das Beratungsangebot des KJT, um sich „aufklären" zu lassen. Im Vergleich zu den 9- bis 10-Jährigen nimmt der Beratungsbedarf hierzu jedoch in dieser Altersgruppe bereits stark ab.

Darüber hinaus beginnen bei den 11- bis 12-Jährigen auch andere Inhalte des Themenkomplexes Sexualität immer stärker an Bedeutung zu gewinnen. Mädchen in dieser Altersgruppe nutzen verstärkt das Telefon, um sich über Ängste und Erfahrungen mit „dem ersten Mal" und „Schwangerschaft" beraten zu lassen. Jungen hingegen haben zahlreiche Fragen hinsichtlich spezifischer sexueller Praktiken und setzen sich verstärkt mit Ängsten, Unsicherheiten und Problemen auseinander, die sich aus einer möglichen gleichgeschlechtlichen Orientierung ergeben.

Die Altersgruppe der 13- bis 14-Jährigen

Die 13- bis 14-Jährigen sind die zahlenmäßig größte Altersgruppe am Kinder- und Jugendtelefon 1999. Rund 40% der Mädchen (n=15.385) und ein Drittel der Jungen (n=3.035) hatten ein Anliegen aus dem Bereich Partnerschaft und Liebe, der für die 13- bis 14-Jährigen das wichtigste Themengebiet überhaupt darstellt.

Die Verteilung der Einzelthemen des Bereiches Partnerschaft und Liebe weist allgemein gesehen in dieser Altersgruppe kaum Veränderungen zu den 11- bis 12-Jährigen auf. Nach wie vor ist das wichtigste Thema der 13- bis 14-Jährigen ein „Kontaktwunsch", gefolgt von „Verliebtheit" und „Liebeskummer". In dieser Altersgruppe sind aber auch zunehmend beziehungsorientierte Themen Anlass, sich Rat und Unterstützung zu suchen. So wenden sich bereits 17% der Mädchen und 16% der Jungen aufgrund von Beziehungskonflikten wie beispielsweise Eifersucht und Streit innerhalb der Partnerschaft an die BeraterInnen des Kinder- und Jugendtelefons. Jungen suchen darüber hinaus häufig am Telefon Rat, weil sie verlassen wurden oder befürchten, verlassen zu werden. Aus diesem Grund riefen 1999 15% der 13- bis 14-jährigen Jungen an. Die anonyme Situation des Telefons scheint es auch hier den Jungen zu erleichtern über Gefühle zu sprechen, die in Peergruppen von Jungen vermutlich sehr selten angesprochen und dort eher tabuisiert werden.

In dieser Altersgruppe zeigt sich für den Themenbereich Sexualität erstmals im Altersverlauf eine deutliche Verschiebung der Beratungsschwerpunkte (vgl. Abb. 6). Der Informationsbedarf zu Körperentwicklung und Aufklärung verliert im Vergleich zu den anderen Einzelthemen stark an Bedeutung. Für beide Geschlechter ist die Thematisierung und Auseinandersetzung mit Erfahrungen (bzw. Nichterfahrung) mit ihrem ersten Geschlechtsverkehr von großer Wichtigkeit. Darüber hinaus ist für die 13- bis 14-jährigen Mädchen das Thema „Schwangerschaft" der wichtigste Anrufgrund. Fragen zum „Wie" und „Wann" von Schwangerschaft, Informationen zum Schwangerschaftsverlauf oder Ängste, schwanger zu sein, bestimmen 31% der Beratungsgespräche dieser Mädchen (von n="6.672)." Bei den gleichaltrigen Jungen hingegen besteht der größte Aussprachebedarf zum Thema Homosexualität. 19% der Jungen (von n="1.749)" thematisieren ihre eigene Homosexualität und Schwierigkeiten, die sie selbst bzw. ihre Umwelt mit ihrer sexuellen Orientierung haben.

Abb. 4 Themenkomplex Partnerschaft und Liebe 1999 bei den 11-bis 12-Jährigen in Abhängigkeit vom Geschlecht

Abb. 5 Themenkomplex Sexualität 1999 bei den 11-bis 12-Jährigen in Abhängigkeit vom Geschlecht

Das Einzelthema „Körper und Aussehen"

Ein Anliegen aus dem Themenbereich persönliche Themen und Probleme ist für 22% aller Anrufenden der Anlass, sich an das Kinder- und Jugendtelefon zu wenden (vgl. Abb. 2). Die Spannbreite der Einzelthemen reicht hier von Persönlichkeitskonflikten über elementare Erfahrungen mit Trauer und Einsamkeit bis hin zu Grenzerfahrungen wie Autoaggression und Suizidgedanken.

Ein zentrales Einzelthema innerhalb der persönlichen Themen ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper bzw. Aussehen. Es ist mit Abstand sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungen über alle Altersgruppen hinweg von enormer Bedeutung. In der Regel äußern die Anrufenden Unzufriedenheit mit ihrem Körper, würden gern anders aussehen oder andere physische Merkmale aufweisen. Die Mädchen wollen meist schlanker sein und (orientiert an anderen) besser aussehen, und die Jungen wollen vor allem größer und stärker sein. Bereits für die 9- bis 10-jährigen Mädchen ist ihr Körper bzw. ihr Aussehen das wichtigste persönliche Thema, und für die Jungen dieser Altersgruppe rangiert es (hinter Fragen der Freizeitgestaltung) auf dem zweiten Platz. So sprechen 15% der Jungen (n=649) und 27% der Mädchen (n=1.600) dieser Altersgruppe am KJT über ihre Einstellung zum eigenen Körper. Am bedeutsamsten ist das Thema „Körper/Aussehen" bei Mädchen zwischen 11 und 12 Jahren und bei den Jungen zwischen 13 und 14 Jahren. Insgesamt sprechen 35% der 11- bis 12-jährigen Mädchen (n=5.062) und 25% der 13- bis 14-jährigen Jungen (n=2.093) Probleme und Unzufriedenheit mit ihrem Körper und Aussehen an.

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper ist für Mädchen im Alter zwischen 9 und 16 Jahren der häufigste Anrufanlass überhaupt im Themenbereich persönliche Themen und Probleme. Für die Jungen ist diese Thematik vor allem zwischen 11 und 14 Jahren wichtig, danach beginnen Themen wie Selbstsicherheit und Selbstvertrauen immer stärker an Bedeutung zu gewinnen.

Gewalt als Thema am KJT

Die Auswertung der Gespräche am Kinder- und Jugendtelefon ermöglicht zudem, etwas Licht auf das Thema Gewalt im Leben junger Menschen zu werfen. Ein Bereich, der, bezogen auf die Datenlage (sieht man einmal von Kriminalstatistiken ab), eher ein Schattendasein führt.

1999 haben insgesamt 15.809 Kinder und Jugendliche am Kinder- und Jugendtelefon zum Themenbereich Gewalt angerufen. In der Mehrzahl der Beratungsgespräche geht es dabei um erlebte Gewalt. Die Erfahrungen, über die die Anrufenden berichten, reichen von Gewaltandrohung über körperliche und psychische Gewaltanwendung bis hin zu allen Formen sexualisierter Gewalt. Innerhalb der letzten Kategorie unterscheiden die BeraterInnen bei der Erfassung der Gesprächsinhalte zwischen „sexueller Belästigung"

Abb. 6 Themenkomplex Sexualität bei den 13- bis 14 jährigen in Abhängigkeit vom Geschecht

(z.B. verbale sexuelle Angriffe, „Busengrabschen", Exhibitionismus) und „sexueller Gewalt" (z.B. sexuelle Handlungen Erwachsener an Kindern, Jugendlichen und Abhängigen, erzwungener Geschlechtsverkehr).

Unabhängig von Alter und Geschlecht der Anrufenden ist der Anteil von berichteter „körperlicher Gewaltanwendung" innerhalb der Beratungsgespräche besonders hoch. Aus diesem Grund wenden sich 47% der anrufenden Kinder und Jugendlichen (von n="15.809)" an die BeraterInnen des Kinder- und Jugendtelefons. Dabei sind tendenziell mehr Jungen als Mädchen von dieser Form der Gewaltausübung betroffen. So berichteten 1999 63% aller anrufenden Jungen (von n="4.024)" und 44% der Mädchen (von n="9.666)" von teilweise dramatischen Übergriffen auf ihre Person.

Ein Drittel aller Anrufe zum Themengebiet Gewalt beziehen sich auf sexualisierte Gewaltformen (15% auf „sexuelle Belästigung" und 18% auf „sexuelle Gewalt"). Von den betroffenen Mädchen und Jungen wird oft zum allerersten Mal in der schützenden Anonymität des Telefons von sexuellen Übergriffen gesprochen. Erwartungsgemäß sind mehr Mädchen als Jungen von Formen sexueller Gewalt betroffen. Unabhängig vom Alter berichten 18% der Mädchen (von n="9.666)" von eigenen Erfahrungen mit „sexueller Belästigung" und 22% von Erfahrungen mit „sexueller Gewalt". Bei den Jungen sind 7% (von n="4.024)" von Formen „sexueller Belästigung" und 9% von Formen „sexueller Gewalt" betroffen. Dass von diesen beiden Gewaltformen Mädchen und Jungen in allen Altersstufen betroffen sind, zeigt abschließend Tabelle 1.

Resümee

Das Modellprojekt „Stress mit der Liebe" war auf sehr verschiedenen Ebenen für das KJT und die Beratung von Kindern und Jugendlichen wichtig und effektiv. Die Integration sexualpädagogischer Themen und Inhalte in die allgemeine Telefonausbildung kommt sowohl der Beratungswirklichkeit als auch den Bedürfnissen der MitarbeiterInnen im hohen Maße entgegen und schafft für die Vielzahl der Themen aus dem Bereich Sexualaufklärung ein starkes Bewusstsein. Die MitarbeiterInnen können sich den Themen von Kindern und Jugendlichen mit noch mehr Kompetenz und Sicherheit nähern und damit die Beratungsqualität allgemein deutlich verbessern. Eine Teilnehmerin der Modellausbildungen fasste die Bedeutung der Ausbildung wie folgt zusammen: „Mein Informationsdefizit ist so weit wie möglich ausgeglichen worden, ich habe in Rollenspielen meine Möglichkeiten austesten können, und außerdem hatte ich Gelegenheit, meine Emotionen zu einzelnen Themen klar zu kriegen."

Tabelle 1 Gespraeche am Kinder-und Jugendtelefon 1999 zu den Einzelthemen sexuelle Belaestigung und sexuelle Gewalt 

Darüber hinaus eröffnete das Modellprojekt die Möglichkeit, die Gespräche am Kinder- und Jugendtelefon als wichtige Informationsquelle für Politik, Forschung und Praxis zu erschließen. So sind die Daten des Kinder- und Jugendtelefons sowohl vom Umfang und ihrer Aktualität her als auch durch ihre thematische Offenheit wahrscheinlich einmalig in der Bundesrepublik Deutschland. Sie spiegeln wider, mit was und in welchem Alter sich junge Menschen beschäftigen, zu welchen Themen sie Fragen haben und vor allem, was sie belastet.

Die hier dargestellten Ergebnisse zu den Themenbereichen Partnerschaft und Liebe, Sexualität und Gewalt aus dem Jahr 1993 sind auch über den sozialpolitischen und akademischen Kontext hinaus von Bedeutung. So bieten sie gerade dem sexualpädagogisch praktisch Tätigen wichtige Informationen und zeigen, wo Hilfe für Kinder und Jugendliche ansetzen muss, um diese sinnvoll zu unterstützen und in ihrer Entwicklung zu begleiten.

Fußnoten

1 Das KJT ist ein thematisch offenes Gesprächsangebot an Kinder und Jugendliche aller Altersstufen. Es ist leicht erreichbar und garantiert den Anrufenden absolute Anonymität. Wenn Kinder und Jugendliche beim KJT einen Ansprechpartner suchen, sollen sie Anregung und Unterstützung finden, um Situationen, Probleme, Entwicklungsaufgaben zu reflektieren und besser zu bewältigen. Um eine qualifizierte und individuelle Beratung bemühen sich derzeit rund 2.500 zumeist ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an insgesamt 93 Kinder- und Jugendtelefonen in Deutschland. Seit Mitte der 70er Jahre wurde dieses Gesprächs- und Beratungsangebot aufgebaut, das seit 1991 flächendeckend in Deutschland zu erreichen ist und seit 1. Juli 1997 auch bundesweit kostenlos unter der Rufnummer 0800-1110333. Die Beratungszeiten des Kinder- und Jugendtelefons sind (mindestens) montags bis freitags von 15 bis 19 Uhr.

2 Erste Ergebnisse zu den Anrufen am Kinder- und Jugendtelefon 1997 wurden im Rahmen des 2. Statusseminars der BZgA 1998 in Freiburg dem interessierten Fachpublikum vorgestellt und sind inzwischen veröffentlicht: Heidi Schütz (1999): Fragen von Kindern und Jugendlichen zu Sexualität, Liebe und Partnerschaft. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Wissenschaftliche Grundlagen. Teil 1 - Kinder. Forschung und Praxis der Sexualaufklärung und Familienplanung, Band 13.1., S. 119-137. Daten zum Kinder- und Jugendtelefon 1998 konnten im Rahmen der von der BZgA veranstalteten bundesweiten Fachtagung zur sexualpädagogischen Mädchenarbeit „meine Sache, Mädchen gehen ihren Weg" vom 19.-21. Juni 2000 in Hohenroda präsentiert werden (Veröffentlichung in Vorbereitung).

3 Im Auftrag der BZgA werden auch die Beratungsgespräche am Kinder- und Jugendtelefon im Jahr 2000 zu diesen Themengebieten ausgewertet.

Autorin

Heidi Schütz
Heidi Schütz ist Diplom-Psychologin und Sexualpädagogin. Sie ist als Fachleiterin für Statistik und Ausbildung beim DKSB BundesArbeitsGemeinschaft Kinder- und Jugendtelefon e.V. in Wuppertal tätig. Von 1996 bis 1999 leitete sie das Modellprojekt „Förderung der Akzeptanz des Kinder- und Jugendtelefons sowie begleitende sexualpädagogische Qualifizierungsmaßnahmen" mit den Arbeitsschwerpunkten sexualpädagogische Aus- und Weiterbildung, Evaluation und Dokumentation.
 

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