Projekt Jungenarbeit Rheinland-Pfalz/Saarland

Bereits in einer früheren Ausgabe dieser Fachzeitschrift (FORUM 3/98) haben wir über die Absichten und Ziele dieses über dreieinhalb Jahre laufenden Projektes berichtet. Im Folgenden geben wir einen kurzen Überblick über dessen Ziele und Ergebnisse anhand von sieben Projektbausteinen. Die aus den Projekterfahrungen gewonnenen Einsichten und Absichten werden im letzten Abschnitt kritisch reflektiert, und es wird eine Perspektive für die Jungenarbeit in beiden Bundesländern skizziert.

Die Projektbausteine

1. Erfassung von Angeboten der Jungenarbeit in Rheinland-Pfalz und dem Saarland

In Rheinland-Pfalz und dem Saarland befand sich zu Projektbeginn 1997 die geschlechtsbewusste Jungenarbeit hinsichtlich eines inhaltlichen Konzeptes, entsprechend ausgebildeten Mitarbeitern und einer Verankerung in den Institutionen noch im Aufbaustadium. Sexualpädagogische Jungenarbeit war, mit Ausnahme der Angebote von Pro Familia-Sexualpädagogen, nicht existent. Die Situation erschien durchaus vergleichbar mit den Gründerinnenjahren der Mädchenarbeit im Sozial- und Gesundheitswesen. 1999 hat sich die Anzahl aktiver Einrichtungen und Personen, unter Anlegung strenger Qualitätsmaßstäbe, nach zwei Dritteln der Projektlaufzeit verdreifacht.

Jungenarbeiterische Maßnahmen werden in Rheinland-Pfalz und dem Saarland nicht (mehr) nur vereinzelt, sondern kontinuierlich durchgeführt. Dabei existieren mehr Kurzzeitangebote als langfristig angelegte Projekte. Als Hauptzielgruppen haben sich zu annähernd gleichen Teilen 10- bis 12-Jährige und 13- bis 16-Jährige herausgebildet.

In beiden Bundesländern besteht nach wie vor, über die kleine Gruppe aktiver und zum Großteil bereits intensiv informierter bzw. geschulter Jungenarbeiter hinaus, ein hoher und durchgängiger Informations- und Qualifizierungsbedarf zur Jungenarbeit. Alle empirischen Indikatoren sprechen dafür, dass das Modellprojekt und seine Infrastruktur einen (mit)entscheidenden Anteil an der Konsolidierung vorhandener und der Implementierung neuer Praxisstellen und -projekte der Jungenarbeit hatten.

Im Gesamtrahmen bleibt jedoch festzuhalten, dass Jungenarbeit als Querschnittsaufgabe in der ambulanten und stationären Jugendhilfe weiterhin unterrepräsentiert ist und noch für Jahre der kontinuierlichen Förderung und Unterstützung bedarf.

2. Fachtagungen zur Jungenarbeit

Zur Fortführung der Theoriediskussion und zur Weiterentwicklung der Praxisansätze in der Jungenarbeit haben wir im Rahmen des Modellprojektes drei Fachtagungen zur geschlechtsbewussten und sexualpädagogischen Jungenarbeit durchgeführt:

  • 1. „Coole Kerle, süße Jungs ...", Kirkel 1996,
  • 2. „Die Jungen im Blick", Mainz 1996,
  • 3. „Harte Schalen - weiche Kerle". Einblicke in Jungenwelten, Saarbrücken 1999.

Zu den Tagungen kamen insgesamt ca. 240 Fachkräfte aus der Jugendhilfe. Viele von ihnen nahmen auch an weiteren Angeboten des Projektes teil. Aufgrund der Teilnahme an den Fachtagungen ist vielfach der Wunsch gewachsen, sich vertiefend mit der Thematik Jungenarbeit auseinander zu setzen. Gleichzeitig waren die Fachtagungen der Ort, an dem nahezu alle Fachkräfte - auch nach der Teilnahme an anderen Maßnahmen des Projektes - zusammenkamen.

Neben Anregungen zur Theorie und Praxis ist es mit der Durchführung von drei konsekutiven Fachtagungen gelungen, eine Vernetzung und Strukturbildung der Jungenarbeit in Rheinland-Pfalz und Saarland voranzubringen.

3. Durchführung einer Fort- und Weiterbildung für hauptamtliche Mitarbeiter in der Jugendarbeit und Jugendhilfe

Die dokumentierte Planung, Durchführung und wissenschaftliche Auswertung einer mehrteiligen Fortbildung für männliche Fachkräfte aus der Jugendarbeit war eines der „Herzstücke" des Projektes. Eine Fortbildung dieses Zuschnitts ist im Rahmen eines Projektes erstmalig in der Bundesrepublik realisiert worden.

Theorie und Praxis der Jungenarbeit und Sexualpädagogik wurden innerhalb der vierteiligen Fortbildung unmittelbar verbunden. Die Teilnehmer hatten im Rahmen eines Praxisprojektes die Möglichkeit, Erlerntes direkt umzusetzen

und parallel kollegiale Unterstützung zu erhalten. Weiterhin hat die Arbeit am Praxisprojekt Prozesse in den Einrichtungen der Teilnehmer angestoßen.

Alle Teilnehmer äußerten hohe bis sehr hohe Zufriedenheit in den wiederholten Befragungen während und nach der Fortbildung. Weiterhin weisen zusätzliche Kommentare auf eine intensive persönliche Beschäftigung mit den Fortbildungsinhalten und auf Entwicklungsprozesse der Teilnehmer hin. Die in der Vorabbefragung angemeldeten Wünsche nach kollegialem Austausch, Klärung von Fragen zur männlichen Sozialisation und Sexualität, zu Verhaltensweisen im Umgang mit Jungen etc. konnten erfüllt werden. Den Bedürfnissen nach Vermittlung von Methoden, Vorstellung von Medien und Ausprobieren von Materialien für die Jungenarbeit konnte weitgehend nachgekommen werden; von Einzelnen wurde hier eine Erweiterung gewünscht. Die Teilnehmer profitierten sehr von der wechselseitigen kollegialen Unterstützung während der einzelnen Fortbildungsabschnitte.

Es hat sich bewährt, eine mehrteilige Fortbildung zum Thema Jungenarbeit vorerst nur für Männer auszuschreiben und durchzuführen. Beim jetzigen Stand der Entwicklung der Konzepte von Jungenarbeit ist es notwendig, dass Männer sich eigenständig in der Jungenarbeit fortbilden und Jungenarbeit institutionalisieren. Weiterhin muss es grundsätzlich Fortbildungsangebote nur für Männer geben. Ergänzend ist es sinnvoll, Veranstaltungen für Männer und Frauen zur Jungenarbeit anzubieten. Fortbildungen zur geschlechtsbewussten Jungenarbeit müssen kontinuierlich angeboten werden und in die Programme von Träger- und Qualifikationseinrichtungen integriert werden.

Neben der Wissens- und Methodenvermittlung sind bei Fortbildungen zur geschlechtsbewussten Jungenarbeit Arbeitseinheiten zur Auseinandersetzung mit der eigenen männlichen Biographie unentbehrlich.

Die Erfahrungen aus der viermal dreitägigen Fortbildung 1998/99 haben gezeigt, dass zahlreiche geplante Inhalte nicht ausreichend berücksichtigt werden konnten. Das Zeitmanagement war nicht immer optimal, Zeitdruck kennzeichnete viele Arbeitseinheiten. Die Konsequenz für zukünftige Fortbildungen ist eine deutliche Erweiterung des zeitlichen Rahmens, m.E. auch der Inhalte. Gruppenprozesse, Wissensvermittlung und die Erprobung des Gelernten brauchen Zeit. Darüber hinaus kann dem Bedürfnis der Teilnehmer nach Netzwerkbildung schon während des Fortbildungsprozesses Rechnung getragen werden.

Empfohlen wird vor diesem Hintergrund ein Fortbildungsdesign, das insgesamt 144 Arbeitseinheiten à 45 Minuten umfasst. Als Struktur empfiehlt sich eine Verteilung der Arbeitseinheiten auf fünf dreitägige Fortbildungsabschnitte und einen fünftägigen Fortbildungsabschnitt.

Die gesamte Fortbildung sollte in etwa eineinhalb bis zwei Jahren durchgeführt werden. Dieser Zeitraum lässt einerseits eine ausreichende Erprobung des Gelernten in der Praxis sowie Rückkopplungsprozesse in die Fortbildungsgruppe zu und ist andererseits für potentielle Teilnehmer planbar und überschaubar. Innerhalb dieser Zeit sollten sich die regional zu organisierenden Praxisprojektgruppen der Teilnehmer mindestens dreimal zum Austausch und zur Bearbeitung vorgegebener Fragestellungen treffen.

4. Entwicklung und Durchführung thematischer Fortbildungen

Jungenarbeit ist immer noch fast ausschließlich auf das Engagement und die Einsicht einzelner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angewiesen. Ein wichtiges Ziel des Modellprojektes war deshalb, dass sich Jungenarbeit zunehmend als Leistungsmerkmal von Einrichtungen der Jugendhilfe entwickelt, institutionell verankert und als grundlegender Ansatz in der Jugendhilfe akzeptiert wird. Die Umsetzung dieses Ziels konnte am besten durch eine Arbeit in den Institutionen und mit ihren Entscheidungsträgern umgesetzt werden.

Im Rahmen dieses Projektbausteins war die Kooperation mit anderen Einrichtungen als Mitveranstalter unterschiedlicher Maßnahmen möglich. Dadurch kam es zu einer Zusammenarbeit mit Kolleginnen aus der Mädchenarbeit und Kollegen, die Ideen des Projektes und Erfahrungen in ihre Einrichtungen weitertrugen.

Geschlechtsbewusste Jungenarbeit in der Kindertagesstätte muss anders aussehen, sie bedarf anderer Zielsetzungen und Methoden als z.B. Jungenarbeit in der Heimerziehung oder im Jugendzentrum. Folglich hat die pädagogische Fachkraft im Kindergarten einen anderen Fortbildungsbedarf als der Erzieher oder die Erzieherin in der stationären Wohngruppe. Wir waren in Einrichtungen der Heimerziehung, Jugendzentren, Kindergärten und Kindertagesstätten, Beratungsstellen, Jugendverbänden und unterschiedlichen Projekten tätig und haben dabei mit folgenden Beratungsinstrumenten gearbeitet: Vortrag, halb-, ein- und mehrtägige Fortbildung, Konzeptberatung, Supervision, Fachtag.

Die Maßnahmen im Rahmen dieses Projektbausteins hatten einen entscheidenden Anteil an der nachhaltigen Wirkung, die in etlichen Institutionen der Jugendhilfe zu beobachten ist. Jungenarbeit wurde und wird thematisiert, und Strukturen zu einer Verstetigung werden gesucht. Durch die häufigen Anfragen nach Beratung, Fortbildung, Supervision und Praxishilfe, insbesondere im letzten Jahr des Projektes, wird diese Einschätzung ebenso belegt wie durch die Bereitschaft mehrerer Einrichtungen der Jugendhilfe, im Rahmen einer geplanten „Fachstelle für Jungenarbeit" zu kooperieren.

5. Durchführung von Supervisionen

Supervision hat sich als eine Qualifikationsmaßnahme erwiesen, die im Kontext aller weiteren Angebote des Projektes einen wichtigen und sinnvollen Platz hatte. Durch die Supervisionen konnte dem Interesse nach intensiver und tiefer gehender Arbeit zu dem Thema „Jungenarbeit" entsprochen werden. Dies wird auch durch die Themen belegt, die sowohl in den Einzel- als auch in den Gruppensupervisionen bearbeitet wurden. Mit dieser Beratungsform konnte je nach Notwendigkeit und Interesse der Supervisanden biographiebezogen, fallbezogen oder methodisch-handlungsorientiert gearbeitet werden.

Das durchgängige Interesse an diesem Supervisionsangebot, die Bereitschaft der Supervisanden, sich auf den Prozess einzulassen und die Auswertung der einzelnen Supervisionsprozesse veranlassen uns zu der Empfehlung, Mitarbeitern in der Jungenarbeit Supervision als Regelleistung anzubieten.

6. Selbstevaluation

Die Selbstevaluation war ein wichtiges Instrument, um durch reflexive Handlungsforschung im Projektteam auch subjektive Eindrücke zu nutzen. Sie bestand im Kern aus drei Teilen: Werkstattberichte, Teamsupervisionen durch einen externen Supervisor und interne Feedbacks nach jedem Teamtreffen.

Selbstevaluation wurde vom Team als Herausforderung betrachtet: Wie könnte es gelingen, nach außen intensiv geschlechtsbewusste Jungenarbeit in Rheinland-Pfalz und dem Saarland zu initiieren, zu installieren und den öffentlichen Diskurs hierüber mitzubestimmen und zugleich nach innen als Teammitglied nicht nur zu funktionieren, sondern sich auch persönlich weiterzuentwickeln. Was an Qualitäten für Jungenarbeiter wünschenswert erschien, wollten wir auch in der Projektleitung erfüllen und überprüfen.

7. Öffentlichkeitsarbeit

Zu Beginn des Modellprojektes wurde folgende Zielbeschreibung für die Öffentlichkeitsarbeit in der Evaluationsplanung festgelegt:

  • Rekrutierung von TeilnehmerInnen für die Maßnahmen und Vorhaben des Projektes,
  • Anstöße zur individuellen und institutionellen Auseinandersetzung mit der Notwendigkeit einer geschlechtsspezifischen Pädagogik,
  • Anstöße zu gesellschaftspolitischen Diskussionen, Anregung zur Auseinandersetzung mit Theorie- und Praxisansätzen geschlechtsbewusster Jungenarbeit.

Im Rahmen dieser Zielsetzungen ist es dem Modellprojekt bis Ende 1999 gelungen, eine breite Fachöffentlichkeit zu erreichen. Es wurden Kontakte zu zahlreichen Institutionen der Jugendarbeit geknüpft. Hieraus entwickelte sich häufig ein Interesse für weiterführende Kontakte und Fortbildungen sowie Referententätigkeiten in den jeweiligen Einrichtungen. Darüber hinaus gab es Anfragen aus Italien, Luxemburg, der Schweiz und Österreich nach Angeboten und Veröffentlichungen des Projekts.

Über die fachliche Öffentlichkeit hinaus konnte das Projekt einen gewissen Bekanntheitsgrad in Rheinland-Pfalz und noch mehr im Saarland erreichen. Zu Beginn des Projektes war es meist schwierig, Printmedien dafür zu interessieren, über die geschlechtsspezifische Jungenarbeit zu berichten. Im abschließenden Jahr 1999 gab es dann verschiedene Veröffentlichungen in Tageszeitungen, Fachliteratur und Kirchenzeitungen auf Initiative der jeweiligen Pressevertreter hin.

Folgerungen und Ausblicke

Zunächst wurde das angestrebte Ziel, Institutionen der Jugendhilfe und ihre MitarbeiterInnen bei der Entwicklung und Anwendung einer geschlechtsbewussten Jungenarbeit zu unterstützen, erreicht. Nahezu 500 männliche und weibliche Fachkräfte der sozialen und pädagogischen Arbeit haben an unseren Maßnahmen teilgenommen. Wir haben die unterschiedlichen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe (Kindergärten, Kindertagesstätten, Horte, Einrichtungen der Heimerziehung, Beratungsstellen für Jugendliche, Jugendzentren, Jugendverbände) erreicht und bewirkt, dass eine Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischer Arbeit im Allgemeinen und Jungenarbeit im Besonderen erfolgte.

Beobachtbar ist nach Abschluss des Projektes auch, dass sich Impulse, die in den letzten drei Jahren gegeben werden konnten, weiterentwickeln. Dennoch bedarf Jungenarbeit

als Querschnittsaufgabe auch für die nächsten Jahre einer kontinuierlichen Förderung und Unterstützung. Deshalb sind wir bemüht, für das Saarland und Rheinland-Pfalz eine „Fachstelle Jungenarbeit" einzurichten, die eine Implementierung des Ansatzes in Einrichtungen der Jugendhilfe weiter voranbringt, gebildete Netzwerke verstetigt, fachlich begleitet und Angebote zur Fortbildung organisiert und durchführt.

Jungenarbeit und Jungenarbeiter

Zu Jungenarbeit wurde und wird viel geredet und geplant, aber wenig konkret mit Jungen getan. Einem hohen Interesse an Literatur und theoretischen Konzepten steht eine vergleichsweise geringe Aktivität in der Praxis gegenüber. Aber: Wenn Männer dazu bereit sind, mit Jungen zu arbeiten, wenn sie sich auf die Jungen einlassen können und ihnen mit Respekt und Neugierde begegnen, wird dieses Angebot von den Jungen begierig aufgenommen. Dies ist das Ergebnis aus den Erfahrungen und Berichten von Jungenarbeitern, jenseits von spezifischen Altersstrukturen und Institutionen, von Kindergärten bis zu Streetwork- Projekten.

Die Diskrepanz zwischen beiden Erfahrungen während der Projektlaufzeit belegt unseres Erachtens hohe Anforderungen in der Jungenarbeit. Es ist für pädagogische Fachkräfte eine schwierige Herausforderung, professionelle Beziehungen zu den Jungen zu entwickeln und zu gestalten, mit der Suche der Jungen nach Väterlichkeit und Vorbild umzugehen und unter Berücksichtigung unterschiedlicher Aspekte von Männlichkeit reflektiert und die eigene Biografie einbeziehend, zu arbeiten. Hinzu kommt, dass sie dafür in der Regel wenig Anerkennung und Unterstützung von Kollegen, Kolleginnen und der jeweiligen Institution erhalten.

Männer in Leitungsfunktionen von Ministerien und Institutionen haben häufig keinen Bezug zu einer Arbeit mit Jungen, die eine Auseinandersetzung der Männer mit ihrem eigenen Mann-geworden-Sein voraussetzt. In zahlreichen Begegnungen mit Männern an der Spitze von Hierarchien war spürbar, dass sie diese Arbeit exotisch und auch ein bisschen als überflüssig betrachten. Ein Schwarz-Weiß-Denken im Sinne von Jungen="Täter/Mädchen=Opfer," oder ein Kopfschütteln über geschlechtsspezifische Zugehensweisen war die Regel. Vielleicht ist es uns auch nicht immer gelungen, unsere Überlegungen und Arbeitsweisen transparent und für diese Männer verstehbar zu machen. Zu beobachten war auch, dass Aspekte von Selbsterfahrung und Sexualaufklärung in Fortbildungskontexten eine eher ablehnende Haltung hervorriefen.

Geschlechtsbewusste Jungenarbeit kann man aber nicht nebenbei machen. Wenn sie gewollt wird, müssen in den Institutionen die Bedingungen dazu geschaffen werden. Männlichen Fachkräften muss die Möglichkeit gegeben werden, sich entsprechend zu qualifizieren. Diese Qualifikation sollte praxisbezogen angelegt sein, persönliches Wachstum fördern und Unterstützung sowohl für Vernetzungen als auch für die institutionelle Implementierung des Ansatzes bieten. Die berufsbegleitende Fortbildung, die wir im Rahmen des Projektes entwickelt und durchgeführt haben, verstehen wir diesbezüglich als modellhaft.

Jungenarbeit im Wandel

Jungenarbeit löst sich zunehmend aus ihrer Nischenexistenz und entwickelt sich zu einer fachlich akzeptierten und anerkannten Arbeitsform in der Jugendhilfe. Diese Entwicklung war in den letzten drei Jahren bundesweit zu beobachten. Die Aufnahme geschlechtsspezifischer Jungenarbeit in den Kinder- und Jugendplan des Bundes und die Diskussionen in etlichen Jugendhilfeausschüssen verschiedener Länder und Kreise belegen dies. Insofern war der Zeitpunkt zur Durchführung des Projektes sehr günstig. Diese allgemeine Entwicklung förderte im Laufe der Projektdurchführung die Etablierung des Ansatzes in Rheinland-Pfalz

und Saarland erkennbar. Auch die steigenden Anmeldezahlen für die Fachtagungen zur Jungenarbeit belegen hier ein breiter werdendes Interesse der Institutionen, die Jungenarbeit durchführen oder durchführen wollen. In einigen Jugendhilfeausschüssen wurde und wird über die Aufnahme von Jungenarbeit in den Kinder- und Jugendhilfeplan der Kommune bzw. des Landkreises debattiert.

Jungenarbeit in Institutionen

Diese beschriebene günstige Entwicklung hat sich jedoch nur begrenzt auf die Einrichtungen der Jugendhilfe ausgewirkt. Dies wird allerdings verständlich, wenn man bedenkt, in welchem Maße sich diese Institutionen oftmals zur Sicherung ihrer Existenz engagieren müssen und wie sehr sie mit Rationalisierungen und Verfahren zur Qualitätssicherung konfrontiert sind. Von lobenswerten Ausnahmen abgesehen ist Jungenarbeit nach wie vor abhängig von der Einsicht und dem Engagement einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gibt kaum Einrichtungen, in denen Jungenarbeit institutionell verankert wäre - etwa durch Dienstanweisungen, Arbeitsplatzbeschreibungen und entsprechende Konzepte.

Deshalb war es richtig und notwendig, mit unseren Angeboten auch beratend in die unterschiedlichen Institutionen hineinzuwirken und entsprechende Hilfestellungen zu bieten. Zu beobachten ist, dass es auch Einrichtungen und Träger von Maßnahmen gibt, die Jungenarbeit als Leistungs- und Qualitätsmerkmal benennen, ohne dass über die physische Anwesenheit männlicher Fachkräfte und Klientel hinaus etwas an Prinzipien reflektierter Jungenarbeit erkennbar wäre. Institutionen versprechen sich damit Wettbewerbsvorteile gegenüber Konkurrenten bei Kostenträgern.

Qualitätsentwicklung in der Jungenarbeit

Sowohl durch die letztgenannte Tendenz, aber auch davon unabhängig, wird zunehmend die Frage bedeutsam, ob Qualitätsstandards für die Jungenarbeit entwickelt werden sollten. Auch wenn es gute Gegenargumente gibt und mit der Einführung von Qualitätsstandards die Gefahr verbunden ist, dass der „Etikettenschwindel" nicht behindert, sondern gefördert wird, halten wir es für dringend notwendig, dass die Diskussion zu dem Themenkomplex „Jungenarbeit und Qualitätsförderung" bundesweit geführt wird.

Wir haben Prinzipien für die Jungenarbeit entwickelt, die wir als unseren Beitrag für diese Diskussion verstehen und die im Folgenden kurz benannt und in der Dokumentation der 2. Fachtagung zur geschlechtsbewussten Jungenarbeit 1997 in Mainz begründet sind:

  • 1. Jungenarbeit erfordert ein reflektiertes Handeln des Jungenarbeiters.
  • 2. Jungenarbeit erfordert Wissen und Verständnis für die Situation der Jungen.
  • 3. Jungenarbeit muss neben der individuellen Kompetenzförderung an der Beendigung nachteiliger gesellschaftlicher Geschlechterhierarchien mitwirken.
  • 4. Jungenarbeit muss von Männern gemacht werden.
  • 5. Jungenarbeit erfordert die Anwendung sozialpädagogischer Methoden.
  • 6. Jungenarbeit muss institutionell verankert werden.

Jungenarbeit und Migration als Zukunftsthema

Sehr häufig zählen männliche Migranten zur Klientel der Jugendhilfe. Als Besucher von Jugendzentren, Teilnehmer von Maßnahmen der Jugendarbeit und Bewohner von Wohngruppen sind sie präsent. Bei den Jungen und jungen Männern, die in unseren unterschiedlichen Maßnahmen „Thema" waren, handelte es sich häufig um Migranten. Bei den Fragen, die uns dabei beschäftigten, ging es um Fremdheit, Verstehen und das Nutzen von Kompetenzen.

In Überlegungen und Konzepten zur geschlechtsbewussten Jungenarbeit bleibt die unterschiedliche kulturelle Herkunft der Jungen und männlichen Jugendlichen weitgehend unberücksichtigt. Die männlichen Migranten, ihre Erfahrungen, ihre „Männlichkeitsthemen", ihr erworbenes Rollenverhalten und ihre Einstellungen zu Sexualität und zur Geschlechterfrage sind in den Konzepten zur Jungenarbeit selten zu finden. Geschlechtsbewusste Jungenarbeit ist überwiegend durch unsere eigene Kultur geprägt. Es bestehen deutliche konzeptionelle und praktische Defizite im Kontakt mir einer nicht-deutschen Klientel.

Die Autoren halten es für zunehmend wichtig, Jungenarbeit im Kontext kultureller Entwicklungen zu überdenken und zu planen, Konzeptionen und Kompetenzen entsprechend zu entwickeln oder zu verändern. Dies ist eine große pädagogische Herausforderung für die Zukunft der Jugendhilfe.

Dokumentationen

unter Verwendung von Textauszügen aus:Franzkowiak, P., Reuter, L., Steinberg, V., Wanielik, R.: Abschlussdokumentation Modellprojekt „Geschlechtsbewußte Jungenarbeit Rheinland-Pfalz/Saarland" Mainz, Saarbrücken 2000

Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz (1996): Coole Kerle, süße Jungs - Fachtagung zur reflektierten Jungenarbeit - Tagungsdokumentation

Projekt Jungenarbeit Rheinland-Pfalz/Saarland (1997): Die Jungen im Blick - Dokumentation 2. Fachtagung zur geschlechtsbewussten Jungenarbeit. Mainz 1998

Paritätisches Bildungswerk Landesverband Rheinland-Pfalz/Saarland e.V. (2000): Harte Schalen - weiche Kerle - Dokumentation 3. Fachtagung zur geschlechtsbewussten Jungenarbeit. Saarbrücken 2000

Kontakt

Die Dokumentationen zu den drei Fachtagungen und weitergehende Informationen können unter folgender Adresse bezogen werden:

PARITÄTisches Bildungswerk Landesverband Rheinland-Pfalz/Saarland e.V.
Feldmannstraße 92
66119 Saarbrücken

Telefon (0681) 92 66 022
Fax (0681) 92 66 0 23
E-Mail: pbw(at)quarternet.de 

Autoren

Lothar Reuter
Lothar Reuter ist Dipl.-Sozialarbeiter und Supervisor (DGSV). Seit 1996 ist er Referent beim Paritätischen Bildungswerk Rheinland-Pfalz/Saarland und Leiter der Fachstelle Jungenarbeit.


Reiner Wanielik
Reiner Wanielik ist Sozialpädagoge und war langjähriger Mitarbeiter der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. Zur Zeit ist er freiberuflich tätig, u.a. am Institut für Sexualpädagogik (ISP). Seine Arbeitsschwerpunkte sind Jungenarbeit und männliche Identität.
 

Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.