Modellprojekt „Sexualpädagogik in den Fachschulen und Berufsfachschulen für Sozialpädagogik"

Ergebnisse der Evaluation

Das von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und dem Land Schleswig-Holstein in Auftrag gegebene Modellprojekt wurde vom Institut für Pädagogik der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Christian Albrechts-Universität zu Kiel wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Das Modellprojekt verfolgte die folgenden Ziele:

  • 1. Erarbeitung von sexualpädagogischen Unterrichtsmaterialien für Lehrkräfte an Fach- und Berufsfachschulen für Sozialpädagogik,
  • 2. Erprobung der Unterrichtsmaterialien durch Lehrkräfte in Schleswig-Holstein,
  • 3. Entwicklung und Erprobung eines Fortbildungskonzeptes für Lehrkräfte der Fach- und Berufsfachschulen,
  • 4. Ausarbeitung und Verschriftung von Empfehlungen zur Lehrplanarbeit,
  • 5. Transfer der Ergebnisse des Modellprojektes an die Berufsfachschulen und Fachschulen für Sozialpädagogik in Schleswig-Holstein und anderen Bundesländern.

Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation bezog sich während der Curriculumarbeit und der Fortbildungsmaßnahmen - mit unterschiedlicher Intensität - auf:

  • 1. den institutionellen Kontext zur Erhöhung der Praxisnähe und Implementationswahrscheinlichkeit (Handlungsfelder der ErzieherInnen, Fachschulen, Schuladministration),
  • 2. den Input des Modellprojekts zur Optimierung der Curriculumelemente (Inhalte, didaktische Impulse, Medien, Vermittlungsformen),
  • 3. die Prozesse des Modellprojekts zur Optimierung der Vermittlungswege (in der Projektgruppe, zwischen Projektgruppe und LehrerInnen, im didaktischen Prozess zwischen LehrerInnen und SchülerInnen),
  • 4. die Ergebnisse zur Erhöhung der Legitimation und Fachlichkeit des Curriculums (Motivationsstrukturen und Lernprozesse sowie -ergebnisse bei den beteiligten Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schülern),
  • 5. die Produkte zur Optimierung des Transfers und der praktischen Brauchbarkeit sowie Benutzerfreundlichkeit des Curriculums (Curriculum und Materialempfehlungen).

Die Evaluation wurde von einer Gruppe aus drei DiplompädagogInnen bzw. DiplompsychologInnen durchgeführt, die im Rahmen von Werkverträgen (insgesamt 30 Personenwochenstunden) die Arbeit des Modellprojekts kontinuierlich begleiteten. Die wissenschaftliche Beratung übernahm Prof. Dr. Uwe Sielert.

Der Evaluationsgruppe wurde innerhalb des gesamten Projektes eine neutrale Position zugedacht, sie hatte neben der dokumentierenden Funktion die Aufgabe, sich einen Überblick über alle Interventionen der Projektgruppe zu verschaffen, um ihr ein möglichst umfassendes Bild der Handlungsspielräume zu geben. Diese Projektgruppe war im gesamten curricularen Entwicklungsprozess die wichtigste Adressatin der Evaluationsergebnisse. Entsprechend war die Qualität der Zusammenarbeit zwischen Evaluations- und Projektgruppe von besonderer Bedeutung.

Zu diesem Zweck wurden zwischen diesen beiden Gruppen folgende Kommunikationskanäle entwickelt:

  • Austausch von Protokollen, Berichten und Außendarstellungen,
  • Koordination der Arbeit über regelmäßigen Austausch von VertreterInnen beider Gruppen,
  • Planung, Auswertung, Rückmeldung zu einzelnen Vorhaben (z.B. Planung der Fortbildungsevaluation),
  • gemeinsame Supervision,
  • gemeinsame Veranstaltungen (z.B. Präsentationen).

Diese Formen des Austauschs waren deshalb besonders wichtig, weil prinzipiell zwischen beiden Gruppen ein strukturelles Spannungsverhältnis bestand: Evaluation bedeutet konstruktive Begleitung der Projektgruppenarbeit und bedingt kritisches Hinterfragen und Prüfen der Material- und Fortbildungsarbeit der Projektgruppe. Damit die Arbeit der Evaluation nicht als Kontrolle oder Einmischung wahrgenommen wurde, legten beide Gruppen besonderen Wert auf ihre formale institutionelle Autonomie. So vermied die Evaluation eine direkte Einflussnahme auf die inhaltliche Gestaltung und Ausrichtung der Materialempfehlungen und beschränkte sich auf die Vermittlung der Erhebungsergebnisse. Die Evaluation war als fördernde Begleitung konzipiert, die Entscheidung, ob und wie die Informationen der Evaluationsgruppe verwertet wurden, oblag allein der Projektgruppe.

Mit Hilfe einer Kraftfeldanalyse (einer Befragung aller EntscheidungsträgerInnen rund um das Projekt) konnte die Evaluationsgruppe die Ausgangssituation der ProjektmitarbeiterInnen einschätzen und ihre evaluative Vorgehensweisen auf die spezifische Situation und Bedürfnisse der Projektgruppe abstimmen. Die Projektgruppe selbst hatte darüber hinaus eine gute selbstreflexive Einschätzung

ihrer Arbeitsbedigungen vor Augen, um entsprechend die Transfermöglichkeiten auf Arbeitsbedingungen in anderen Bundesländern kritisch zu überdenken. Die Konfrontation der Kraftfeldanalyse mit den Intentionen der Projektgruppe ergab eine reflektierte und auf Schleswig-Holstein bezogene Standortbestimmung der Projektgruppe.

Die Evaluationsgruppe hat im Verlauf des Projektes eine Reihe weiterer Erhebungen durchgeführt. Die sieben ProjektmitarbeiterInnen (zwei hauptamtliche und fünf stundenweise freigestellte Lehrkräfte) wurden dreimal, die Lehrkräfte (20) und SchülerInnen (100), welche die erste Fassung der Materialien im Unterricht erprobt haben, zweimal befragt. Hinzu kommt die zweimalige Befragung von Lehrerinnen und Lehrern (11 von 22 ), die an den Fortbildungen teilnahmen.

Die Evaluationsgruppe hat ihre Arbeit in einem ausführlichen Abschlussbericht dokumentiert, der hier nicht unter methodischen Gesichtspunkten, sondern mit einigen wesentlichen inhaltlichen Ergebnissen - ohne tabellarische Nachweise - zusammengefasst wird. Sie sind in sieben Themenbereichen dargestellt, die aus der Sicht der Evaluation die relevanten Ergebnisse umfassen und die wesentlichen Fragen verdeutlichen, mit denen Projekt und Evaluation sich auseinander zu setzen hatten.

1. Sexualpädagogische Grundanliegen, Haltungen und theoretische Basis

Leitfragen

  • Welche Haltungen nehmen die AdressatInnen der Materialien und Fortbildungen gegenüber Sexualität, Sexualpädagogik und sexualpädagogischem Unterricht ein?
  • Welche pädagogischen Anliegen verbinden sie mit der Sexualpädagogik?
  • Welche sexualpädagogische Haltung wird von der Projektgruppe vertreten, wie findet sich diese Haltung in den Materialien wieder, und auf welche Resonanz trifft sie bei den LehrerInnen und SchülerInnen?
  • Wie fügt sich die Ausrichtung der Materialien in den bildungspolitischen Zusammenhang ein?

Ergebnisse

Alle am Projekt beteiligten Institutionen und Personengruppen teilten eine sexualfreundliche, offene und respektvolle sexualpädagogische Grundhaltung, welche Selbstbestimmung und Selbstverantwortung fördert.

Weder im Vorfeld noch im Projektverlauf gab es grundlegende ideologische oder konzeptionelle Auseinandersetzungen um die Richtung der Sexualpädagogik.

Eine Analyse von Dokumenten (u. a. Veröffentlichungen der BZgA und des Instituts für Praxis und Theorie der Schule in Schleswig-Holstein, Ausbildungsordnungen von Fach- und Berufsfachschule etc.) und der Befragungen von EntscheiderInnen, Lehrkräften, SchülerInnen und ProjektmitarbeiterInnen ergab weitgehende Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen der verwendeten Begriffe.

Danach sollte Sexualpädagogik

  • die Selbstwahrnehmung und die Selbstbestimmung unterstützen,
  • sexualfreundlich und ganzheitlich ausgerichtet sein,
  • identitätsstützend und persönlichkeitsbildend wirken,
  • für relevante sexuelle Themen sensibilisieren,
  • Emotionalität, Empathie und Sprachfähigkeit fördern.

Alle Beteiligten, insbesondere SchülerInnen und LehrerInnen, nannten Offenheit, Einfühlungsvermögen, Toleranz und Verantwortungsbewusstsein als wesentliche Eigenschaften, über die sexualpädagogisch Tätige verfügen sollten. Lehrkräfte und SchülerInnen gaben außerdem an, großes Interesse an Sexualpädagogik zu haben und bezeichneten sie als wichtiges Thema der Ausbildung von ErzieherInnen und sozialpädagogischen AssistentInnen.

Es konnte festgestellt werden, dass die Auseinandersetzung mit sexualpädagogischen Fragestellungen das Interesse an sexualpädagogischer Arbeit in der sozialpädagogischen Praxis und im Unterricht erhöht. Sowohl die Lehrkräfte, welche die Materialien erprobt hatten, als auch die ProjektmitarbeiterInnen bezeichneten die Haltung, die in den Unterrichtsmaterialien „durchscheint", mehrheitlich als emanzipatorisch, offen, wertschätzend, vielseitig und tolerant. Bewertungen wie unbestimmt, tendenziös, einseitig aus weiblicher Perspektive, antifeministisch, polarisierend, moralisierend, christlich, wertekonservativ und klischeehaft wurden von keiner Person angekreuzt.

Diskussionswürdig bleiben folgende Fragen:

Das Projekt traf in Schleswig-Holstein in konzeptioneller Hinsicht auf ausgesprochen „günstige" Rahmenbedingungen: Alle Schulen sind in staatlicher Trägerschaft, die SchülerInnen sind erwachsen, die Kirchen mussten in den Erstellungsprozess der Materialien nicht mit einbezogen werden. Das kam der hohen Akzeptanz der Arbeitsergebnisse - insbesondere der sexualpädagogischen Grundhaltung - mit Sicherheit zugute.

Für die bundesweite Implementation der Materialien und des Fortbildungskonzeptes stellt sich allerdings die Frage, ob die Ergebnisse auch für Regionen aussagekräftig sind, in denen es deutliche Unterschiede zwischen den Grundpositionen der Beteiligten und Betroffenen gibt. Wie wirkt sich dort beispielsweise der Einfluss der Kirchen aus, die in anderen Bundesländern auch Ausbildungsträgerinnen sind? Das Modellprojekt konnte die Fragen aus zeitlichen Gründen nicht mehr beantworten.

2. Sexualpädagogische (Unterrichts-)Ziele

Leitfragen

  • Welche Ziele verbinden die Gruppen, die an dem Projekt beteiligt sind, mit Sexualpädagogik bzw. sexualpädagogischem Unterricht?
  • Unterstützen die Unterrichtsmaterialien und Fortbildungen das Erreichen dieser Ziele?

Ergebnisse

Die Ziele: Alle am Modellprojekt beteiligten Gruppen nannten - mit unterschiedlichen Formulierungen - ähnliche sexualpädagogische Ziele:

  • Sensibilität gegenüber sexualpädagogischen Fragestellungen,
  • Bewusstsein der Bedeutung von Sexualität für die Identität des Menschen,
  • Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualgeschichte,
  • Bestimmung des eigenen Standortes,
  • Emanzipation von Vorurteilen und überkommenen Tabus,
  • Faktenwissen zur Sexualität und zur Sexualpädagogik,
  • Annahme von Sexualität als positiver Lebensenergie (Sinnlichkeit, Freude),
  • Selbstbejahung, auch der eigenen Geschlechtsidentität,
  • sexuelle Selbstbestimmung,
  • sexualpädagogische Handlungskompetenz,
  • Verantwortungsbewusstsein.

SchülerInnen, LehrerInnen und ProjektmitarbeiterInnen gewichteten diese Ziele aber unterschiedlich: Je weniger direkt die Befragten in ihrer Arbeit mit der Praxis in den sozialpädagogischen Arbeitsfeldern befasst sind, umso mehr richteten sie ihre Ziele an der Persönlichkeitsbildung aus und umso weniger an Problemen, Sachthemen und Handlungskonzepten.

Die Projektgruppe bezeichnete ihren (sexual-)pädagogischen Ansatz als humanistisch-emanzipatorisch und strebte vorwiegend eine Sensibilisierung der AdressatInnen für sexualpädagogische Fragestellungen an. Sie bezeichnete die Persönlichkeitsbildung als wesentliches Anliegen ihrer sexualpädagogischen Arbeit. Sexualität wurde als positive Lebensenergie bezeichnet, mit der selbstbestimmt und verantwortungsbewusst umgegangen werden könne.

Die Lehrkräfte hielten im Zusammenhang der Sexualpädagogik den Bereich der Selbsterfahrung und der Persönlichkeitsentwicklung für sehr bedeutsam, hatten darüber hinaus aber stärker die praktischen Anforderungen im Blick, denen die SchülerInnen in der Berufspraxis begegnen würden. Sie nannten als sexualpädagogische Ziele Fachwissen und Handlungskompetenz ebenso häufig wie die Reflexion eigener Sexualität, Selbstbejahung, Offenheit, Kommunikationsfähigkeit.

Die SchülerInnen legten vor allem Wert auf Handlungskompetenz und Fachwissen, wünschten aber auch, eigene Grenzen zu erkunden. Als Ziele bzw. als positiv bewertete Ergebnisse von sexualpädagogischem Unterricht nannten sie insbesondere die Erhöhung von Handlungssicherheit in der Praxis, Einfühlungsvermögen in die sexuellen Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen, Erweiterung des eigenen Vorstellungs- und Sprachvermögens.

Die Materialien

ProjektmitarbeiterInnen und LehrerInnen bescheinigten den Materialien eine hohe Eignung für eine Unterrichtsgestaltung entsprechend der genannten Ziele. LehrerInnen und SchülerInnen beschrieben den Unterricht, der mit den Materialien durchgeführt wurde, als in diesem Sinne erfolgreich. Die LehrerInnen konnten mit Hilfe der Materialien gut zur Persönlichkeitsbildung und zur Erhöhung der Reflexionskompetenz arbeiten. Die Auseinandersetzung mit Einstellungen und Verhaltensweisen und die Selbstwahrnehmung zu sexualpädagogischen Fragestellungen seien unterstützt worden.

Trotz der Vorbehalte, welche die SchülerInnen vor Beginn des sexualpädagogischen Unterrichts geäußert hatten, hat ihnen die selbstreflexive Arbeit an ihrer eigenen Persönlichkeit „Spaß gemacht". Im Rückblick auf den Unterricht vermissten sie aber Informationen zu Themen wie Aufklärung, Hygiene, Geschlechtsrollen und sexuellem Missbrauch.

Diskussionswürdig bleiben folgende Fragen: Hat die Projektgruppe aus ihrer größeren Distanz zur Praxis heraus den Bedarf der SchülerInnen an Sachinformationen (z.B. zu Körperaufklärung und Gewaltthemen) vernachlässigt? Oder sticht das Argument der Projektgruppe, dass es zu diesen Bereichen bereits genügend Materialien gibt?

3. Sexualpädagogische Inhalte und Themen

Leitfragen

  • Welche Themen und Inhalte halten die beteiligten Gruppen jeweils für die wichtigsten, interessantesten oder schwierigsten, und wie sind sie in den Projektergebnissen repräsentiert?
  • In welchem Zusammenhang, für welche Vermittlungsebene werden diese Themen jeweils als relevant angesehen?

Ergebnisse:Die Themen

Für die Materialien und für die Fortbildungen bezeichneten die ProjektmitarbeiterInnen folgende Themen als besonders wichtig: Geschlechtsrollen, Körperwahrnehmung, Persönlichkeitsbildung, psychosexuelle Entwicklung, Umgang mit Widerständen, rechtliche Fragen, sexuelle Selbstbestimmung, Berufsrolle. Für die sozialpädagogische Praxis in den Arbeitsfeldern hielten sie Körperwahrnehmung für besonders bedeutsam. Für die Unterrichtspraxis maßen sie der Persönlichkeitsbildung das größte Gewicht zu, während die SchülerInnen ihrer Einschätzung nach in der sexualpädagogischen Theorie vor allem mit der psychosexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen konfrontiert werden sollten.

Die Lehrkräfte nannten vor der Erprobung der Materialien die Themen Geschlechtsrollen/Geschlechtsidentität und Jungenarbeit als wichtigste bzw. häufigste sexualpädagogische Themen ihres Unterrichtes, häufig genannt wurden auch psychosexuelle Entwicklung und Verhütung. Große Aufmerksamkeit widmeten die LehrerInnen in ihrem Unterricht auch Themen der sexuellen oder sexualisierten Gewalt, insbesondere dem sexuellen Missbrauch. Diese Themen sahen sie - im Gegensatz zu ihren SchülerInnen - jedoch nicht als besonders wichtige Fragen der Sexualpädagogik an und hielten ihre Thematisierung im Unterricht darüber hinaus für ausgesprochen schwierig.

Die SchülerInnen sahen Sexualität und Gewalt aber als wichtigste sexualpädagogische Thematik an, gefolgt von HIV/Aids, Körperaufklärung, Verhütung/Schwangerschaft. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie wurde von den SchülerInnen als weniger wichtig bezeichnet bzw. abgelehnt. Die Lehrkräfte sahen bei diesem Themenbereich entsprechend viele Umsetzungsprobleme.

Die Materialien und der Unterricht

Die Wahl der Themen für den Unterricht, in dem die Materialien erprobt wurden, zeigt, dass die Lehrkräfte auf die Interessen und bedrängenden Themen der SchülerInnen eingegangen sind: Als Themen, die am umfangreichsten behandelt worden waren, nannten die SchülerInnen: Sexualität und Gewalt, Sexualrecht, Geschlechtsrollen und Körperaufklärung. Der Unterricht zu dem Thema Sexualität und Gewalt wurde in seiner Durchführung von den SchülerInnen am besten beurteilt; am schlechtesten schnitt in ihrer Beurteilung der Unterricht über Geschlechtsrollen ab.

Einzelne SchülerInnen äußerten, dass sie bei der Behandlung der Themen Missbrauch, Jugendprostitution und eigene Biographie innere Widerstände gespürt hätten.

Die Wahl der Unterrichtsthemen zeigt, dass die Lehrkräfte während der Erprobung deutlich andere thematische Schwerpunkte gesetzt haben, als die ProjektmitarbeiterInnen bei Auswahl und Zusammenstellung der Materialien. Insgesamt fand das Themenangebot der Materialien aber die Zustimmung der LehrerInnen.

Diskussionswürdig bleiben folgende Fragen: Konnten die ProjektmitarbeiterInnen die Lehrkräfte und SchülerInnen mit ihrer Entscheidung überzeugen, Präventionsthemen wie sexuellem Missbrauch, HIV/Aids etc. nur wenig Raum in den Materialien zu geben und Sexualpädagogik als positiven Ansatz zu betonen? Oder haben diese Zielgruppen die Entscheidung nur hingenommen und das Fehlende selbst organisiert?

4. Didaktik und Methodik von sexualpädagogischem Unterricht

Leitfragen

  • Auf welche Erwartungen zur Didaktik und Methodik trafen die Materialien und die Fortbildungen bei Lehrkräften und SchülerInnen?
  • Welche didaktischen und methodischen Ziele hatten die ProjektmitarbeiterInnen mit den Produkten ihrer Arbeit verknüpft?

Ergebnisse

Die Materialien

Die didaktischen und methodischen Hinweise in den Materialien unterstützen insgesamt den Ansatz des „Lebendigen Lernens". Damit entsprechen sie sowohl den Ansprüchen der emanzipatorischen Sexualpädagogik als auch den Anforderungen der neuen Ausbildungsordnung in Schleswig-Holstein.

Vor dem Hintergrund dieser hohen Ansprüche betrachteten die ProjektmitarbeiterInnen die Ergebnisse ihrer eigenen Arbeit besonders kritisch: Sie hielten die lernbereichsübergreifende Ausrichtung, die Vielfalt der Perspektiven und die Breite der methodischen Anregungen der Materialien für stark ausgeprägt. Weniger ausgeprägt seien die Berücksichtigung der doppelten Vermittlungspraxis und die Verknüpfung von theoretischem Basiswissen mit Methoden.

Ihre Ziele zum Persönlichkeitslernen sahen die ProjektmitarbeiterInnen als erreicht an, ebenso betrachteten sie ihren Anspruch an die didaktische Vielgestaltigkeit und die Handlungsfeldnähe und -relevanz in den Materialien als eingelöst.

Die Lehrkräfte lobten das Methodenangebot der Materialien und hatten ihre Brauchbarkeit schon erfahren oder waren von ihr überzeugt. Die Erwartungen der Lehrkräfte an Vielfalt und Verwendbarkeit der Methodenhinweise wurden nicht nur erfüllt, sondern mehrheitlich sogar übertroffen. Die Methoden wurden durchweg als brauchbar eingestuft, manche waren jedoch bereits weitgehend bekannt.

Die folgenden Aussagen über die Materialien fanden die mehrheitlich hohe Zustimmung der Lehrkräfte:

  • Die Materialien enthalten für beide Ausbildungsgänge und für alle Klassenstufen Brauchbares.
  • Ich habe neue Methoden gefunden, mit denen ich ohne weiteres arbeiten kann.
  • Die Materialien enthalten für mich Neues und Interessantes.

Weniger Zustimmung fanden die Aussagen:

  • Sie sind hilfreich für den Umgang mit Widerständen der SchülerInnen.
  • Sie sind vielseitig in Bezug auf die Interventionstiefe.

Der in den Materialien enthaltene Teil „Persönlichkeitslernen" wurde von den Lehrkräften verhaltener beurteilt als von der Projektgruppe: Die Aussage, dieser Teil gebe Anstöße für die Auseinandersetzung mit eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen, erhielt große Zustimmung, dagegen wurde dem Satz: „Er unterstützt die Selbstwahrnehmung der SchülerInnen" nur verhalten zugestimmt. Die Aussage „Er baut auf realistischen Einschätzungen der Interessenlage der SchülerInnen auf", fand kaum Zustimmung,

Der sexualpädagogische Unterricht

Nach Aussagen der SchülerInnen war der Unterricht noch weitgehend von den klassischen Methoden des LehrerInnen-Vortrages und der Textarbeit beherrscht, auch wenn die Materialien anderes vorgeben oder anregen. Zumindest hatten die üblichen didaktischen Vermittlungsformen (LehrerInnenvortrag, Frontalunterricht) gleiches Gewicht wie die von ihnen bevorzugten Unterrichtsformen: Arbeit mit Medien (z.B. Bilderbüchern), offener Erfahrungsaustausch oder Arbeit in gemischtgeschlechtlichen Kleingruppen.

Diskussionswürdige Fragen:

Die SchülerInnen äußerten Vorbehalte dagegen, dass ihre eigene Biographie zum Unterrichtsgegenstand gemacht wird. Wie sollte darauf bei der Unterrichtsgestaltung reagiert werden? Können die Materialien in dieser Hinsicht noch optimiert werden, oder obliegt eine Optimierung dieser Umsetzungsthematik dem Geschick der einzelnen Lehrkraft?

5. Berücksichtigung der Praxis in den Arbeitsfeldern

Leitfragen

  • Welches Bild von der Relevanz der Sexualpädagogik in sozialpädagogischer Praxis haben SchülerInnen und LehrerInnen?
  • Wie wird die Praxis in den Materialien dargestellt? Sind die Materialien hilfreich für die Vorbereitung der SchülerInnen auf die berufliche Praxis?

Ergebnisse

Alle am Projekt beteiligten Personen und Gruppen hielten Sexualität/Sexualpädagogik für ein wichtiges Thema der pädagogischen bzw. sozialpädagogischen Praxis.

Der Unterricht

Vor der Materialerprobung berichteten die Lehrkräfte, dass die Praxiserfahrungen der SchülerInnen eine wichtige Rolle für den sexualpädagogischen Unterricht spielten: Sie waren der häufigste Anlass für die Behandlung sexualpädagogischer Themen. Oft gaben auch Fragen aus der Praxis, vor allem im Bereich Jugendarbeit, den Anstoß für die Behandlung des Themas in der Ausbildung.

Alle befragten SchülerInnen hatten sexualpädagogisch relevante Vorerfahrungen, sei es durch ein Praktikum, Berufstätigkeit oder im unmittelbaren verwandtschaftlichen Umfeld. Im Rahmen von Praktika waren sie dem Thema Sexualität am häufigsten in Form freundschaftlicher Kontaktaufnahme von Kindern und Jugendlichen untereinander begegnet, oft aber auch in Form grenzverletzender Sprache. Hinzu kamen auch sexuelle Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen im engeren Sinne und Fragen ihrer Klientel zur Sexualität. Folglich sind den SchülerInnen praxisbezogene Themen besonders wichtig: Sie wünschen sich an erster Stelle „Körperaufklärung" und „Sexualität und Sprache" als Unterrichtsthemen.

Beurteilung der Materialien

Die Verwendung der Materialien für den Unterricht hatte für die SchülerInnen insofern Relevanz für die berufliche Praxis, weil sie mehrheitlich berichten, sie hätten an Handlungssicherheit gewonnen. Nur ein Teil der LehrerInnen bescheinigt den Materialien, dass sie die sozialpädagogischen Arbeitsfelder realistisch darstellen und Praxisfragen angemessen behandeln. Insgesamt sehen die LehrerInnen den Praxisbezug der Materialien zwar nicht als ausgesprochen stark, aber doch ausreichend an. Auch die ProjektmitarbeiterInnen bewerteten die Materialien unter diesem Aspekt nicht uneingeschränkt positiv, beispielsweise bestehen bei einigen Zweifel am Realitätsbezug der Praxisbeispiele (die sie nicht alle selbst in der Praxis erlebt hatten). Die Berücksichtigung der doppelten Vermittlungspraxis dagegen wird als eindeutig gelungen angesehen.

Diskussionswürdige Fragen:

Ist die relativ geringe Zustimmung, welche die Praxisbeispiele bei den LehrerInnen gefunden haben, und die selbstkritische Skepsis der Projektverantwortlichen ein Zeichen dafür, dass die Praxis nicht angemessen dargestellt wurde? Oder zeigt die Differenz, dass jeder Einzelne nur einen spezifischen Ausschnitt der Praxis kennt bzw. wahrnimmt und seine Erfahrungen in den Materialien deshalb nicht angemessen repräsentiert findet?

6. Evaluationsergebnisse zu den Fortbildungsreihen

In der Ausgangsbefragung der Fortbildungsevaluation wurden die TeilnehmerInnen nach ihren Erwartungen an die Fortbildung befragt. Als wichtigste Erfolgskriterien wurden neben einer offenen Gesprächsatmosphäre in der Fortbildungsgruppe eine interessante Themenauswahl und eine ansprechende und praxisgerechte methodische Aufbereitung dieser Themen genannt. Für viele Lehrkräfte bestanden wichtige weitere Kriterien in einem anregenden informellen Austausch mit KollegInnen und einem sensiblen Umgang mit Widerständen der TeilnehmerInnen durch die Seminarleitung.

Die Befragung nach Abschluss der Fortbildung ergab, dass die meisten Erwartungen erfüllt und einige sogar „übererfüllt" wurden. Die Atmosphäre beurteilten die Lehrkräfte als durchweg „gut" und hoben das gute und offene Gesprächsklima hervor. Einige Lehrkräfte hatten allerdings den Eindruck, dass es eine zunehmende Anhäufung von Problemen gab, die nicht ausgeräumt, sondern übergangen worden seien. Die Rahmenbedingungen der Fortbildung wurden ebenfalls als „gut" bewertet. Dies gilt insbesondere für die Veranstaltungsteile, die außerhalb der Räumlichkeiten des IPTS stattgefunden haben. Ebenso positiv wurde die Leistung der ReferentInnen (mit einer Ausnahme) bzw. der Seminarleitung bewertet. Leitung und ReferentInnen haben einen „sachkompetenten, freundlichen, engagierten und methodenkompetenten Eindruck" hinterlassen.

Kritik hatten einige Lehrkräfte am Auftreten einiger ReferentInnen oder Leitungsmitglieder, die mit ihrer Aufgeschlossenheit gegenüber dem Thema „geprotzt" hätten. Die meisten Teilnehmenden hoben hervor, dass sie sich hätten „ausprobieren", „öffnen" und ihre „Ängste überwinden" können, wobei einer Lehrkraft die eigene Selbstoffenbarungsbereitschaft im Nachhinein als „zuviel" erschien. Diese Aussagen decken sich überwiegend mit den in der Ausgangsbefragung erhobenen individuellen Absichten wie „sich öffnen", „einbringen" und „Hemmungen überwinden".

Hinsichtlich der Inhalte zeigt sich ein eher gespaltenes Bild. Einerseits hoben die TeilnehmerInnen den Selbsterfahrungsansatz und den Anteil an Biographiearbeit als positiv hervor. Auf der anderen Seite wird von einigen Lehrkräften eine zu oberflächliche und zu praxisferne Theorievermittlung bemängelt. Die behandelten Themen trafen z.T. nicht die Erwartungen. Vermisst wurde insbesondere der Themenkomplex Sexualität und Gewalt. Insgesamt erhielten die Inhalte der Fortbildung nur die Note „befriedigend", wobei die Bewertung durch die Teilnehmerinnen etwas schlechter ausfällt als die der Teilnehmer.

Die methodische Aufbereitung der Inhalte wurde hingegen als „gut" bezeichnet, wobei viele Lehrkräfte die Vielfalt methodischer Anregungen hervorhoben. Auch die Mischung von spielerischen Elementen mit Theoriephasen wurde von einer Lehrkraft als besonders positiv angemerkt. Wenigen TeilnehmerInnen erschien die Fortbildung schleppend, da „zu lange" gemeinsam reflektiert worden sei.

Insgesamt hat die Fortbildung den Teilnehmerinnen ebenso wie den Teilnehmern also ausgesprochen gut gefallen. „Bloßstellungen", „Peinlichkeiten", „Ausgrenzung" oder „Langeweile" (die einige Lehrkräfte befürchtet haben), wurden in der Abschlussbefragung nicht erwähnt. Die Befürchtung „zu viel Theorie" oder „Verkopfungs-Blockade" wurde offenbar für einige TeilnehmerInnen, die eine theoretische Oberflächlichkeit bemängelten, im Fortbildungsverlauf in ihr Gegenteil verkehrt. In diesem Zusammenhang hat sich eher die Befürchtung „Aufguss bekannter Inhalte" teilweise erfüllt.

Diskussionswürdige Fragen:

Muss die Konzeption der Grundlagenfortbildung überarbeitet werden, oder wurde sie lediglich nicht an der richtigen Zielgruppe erprobt? Die Evaluationsergebnisse legen die Vermutung nahe, dass sie - wie ihr Name schon sagt - eher für „Neulinge" geeignet ist als für die Fortgeschrittenen unter den Lehrkräften, die an der Evaluation teilnahmen.

Autor

Prof. Dr. Uwe Sielert
Prof. Dr. Uwe Sielert, Jg. 1949, Studium der Pädagogik, Psychologie, Soziologie und Theologie an den Universitäten Dortmund, Bochum und Amsterdam, Dissertation und Habilitation in Sozialpädagogik an der Universität Dortmund, 1974-89 Mitarbeiter und Lehrstuhlvertreter an der Universität Dortmund, 1989-92 Mitarbeiter der BZgA, seit 1992 Professor für Pädagogik mit den Schwerpunkten Sozial-, Sexual- und Geschlechterpädagogik an der Universität zu Kiel.
 

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