„Break the Silence"

Bericht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über die 13. Internationale AIDS-Konferenz (Durban, 9.-14. Juli 2000) zum Themenbereich Prävention¹

Die Bedeutung verschiedener Strategien der Aids-Bekämpfung: Therapie, Impfstoff, Prävention

Die 1996 auf der 11. Internationalen AIDS-Konferenz in Vancouver genährte Hoffnung auf vollständige Viruseradikation und damit auf Heilung durch neue medikamentöse Therapien wurde mittlerweile enttäuscht. Aids ist in den entwickelten Ländern im günstigsten Fall zu einer für viele Infizierte zu managenden ‚chronischen Krankheit' geworden. Dies gilt allerdings nicht für die Entwicklungsländer. Schon Monotherapien sind dort derzeit kaum zu bezahlen, und Kombinationstherapien erst recht nicht. Hinzu kommt, dass die erforderlichen Infrastrukturen im Gesundheitswesen für eine adäquate Versorgung von PatientInnen in den meisten Entwicklungsländern kaum vorhanden sind.

Die Erwartungen in die Impfstoff-Entwicklung konnten bislang ebenfalls nicht erfüllt werden. Die hier und da geäußerte optimistischere Perspektive einer (therapeutischen oder präventiven) HIV-Impfung als „ultimate goal" erscheint eher als Zweckoptimismus und beruht nicht zuletzt auf einer starken Absenkung der Effizienz-Erwartungen.

Die Primärprävention konnte demgegenüber in den vergangenen Jahren eindeutig zeigen, dass sie relevante Beiträge zur Verhinderung der Übertragung von HIV erbringen kann. Fragte P. Lamptey 1993 in Berlin in seinem zentralen Beitrag noch „Prevention - Does It Work?", so lautete der Titel seines Plenarvortrags in Durban: „Prevention Does Work!" Prägnanter lassen sich die Ergebnisse der Evaluationen unterschiedlicher Präventionsmaßnahmen und -programme nicht zusammenfassen.

Die zentrale Bedeutung, die der Prävention global zukommt, leitet sich also vor allem aus der begrenzten Wirksamkeit anderer Strategien der Aids-Bekämpfung ab. In diesem Sinne ist „Prävention als Vakzine der nächsten 10 Jahre" (R. Kurth) anzusehen - also als Interventionsmethode der Wahl. Dabei gilt in Bezug auf Effektivität und Effizienz präventiver Interventionen: „Much more is to be gained in terms of cost effectiveness and impact if interventions are implemented early on before extensive spread" (R. Anderson).Gerade in Bezug auf extrem bevölkerungsreiche Länder, die an der Schwelle zu einer wahrscheinlichen großen HIV-Epidemie stehen, wie z.B. Indien, Russland und China, ist das aktuell von besonders großer Bedeutung - erhebliche, jetzt beginnende Anstrengungen zur Aidsprävention wären gerade dort eine wichtige Investition in die Zukunft. Als heute gesicherte Voraussetzungen, damit nationale Präventionsprogramme in einem epidemiologisch relevanten Ausmaß Wirkungen erbringen können, wurden benannt:

  • 1.Political Leadership and Financial Commitment
  • 2.Early Start of Interventions
  • 3.Adequate Ressources
  • 4.Large Scale Interventions Involving Relevant Sectors
  • 5.Sound Technical Strategies
  • 6.Good Source of Evaluation Data²

Betrachtet man diese von Lamptey genannten Erfolgsfaktoren bzw. Wirksamkeitsprinzipien mit Blick auf die Aids-prävention in Deutschland, dann lässt sich feststellen, dass sie hier weitgehend und frühzeitig zur Geltung kamen. Nicht zuletzt deshalb ist in der Bundesrepublik Deutschland und den wenigen anderen Ländern mit vergleichbaren nationalen Präventionsstrategien ein relativ günstiger Verlauf der Epidemie feststellbar.

2. Einzelergebnisse der Konferenz im Themenbereich Prävention

Allgemeines

Auf noch keiner internationalen Konferenz zuvor wurde der Prävention so viel Bedeutung beigemessen. Die Präsentationen bildeten dabei eine große Bandbreite ab: von „State of the Art"-Programmen (bestmöglicher Erkenntnisstand, Anm. d. Red.) auf der einen Seite bis hin zu Präventionsansätzen, die zumindest in Mitteleuropa bereits vor 10 bis 15 Jahren als unwirksam bis kontraproduktiv eingeschätzt oder nachgewiesen wurden. Zu letzteren gehörten „Angst-und-Schrecken"-Botschaften, (oft verpflichtende) HIV-Test-Programme ohne Beratung sowie Programme, die auf Abstinenz und Sex ausschließlich in einer monogam definierten Ehe setzen. Solche Programme sind nicht etwa nur in der Dritten Welt anzutreffen, sondern auch in vermeintlich entwickelten Ländern. Es wurde erneut deutlich, dass z.B. in Mitteleuropa bewährte Ansätze in Ländern mit anderen kulturellen, religiösen und materiellen Bedingungen nur nach kultureller und sozialer Adaptation übertragbar sind. Richtet man jedoch die Aufmerksamkeit nicht nur auf die gegebenen Unterschiede, dann zeigen sich überraschend große Gemeinsamkeiten auch bei sehr unterschiedlichen Kulturen, was die Übertragung von Konzepten und Strategien anbelangt. Dies stellt grundsätzlich günstige Voraussetzungen für internationale Kooperationen dar. Als wichtige aktuelle Aufgaben von Prävention, die insbesondere die Prioritäten und Möglichkeiten in der Dritten Welt berücksichtigt, wurden benannt³, [4]:

  • möglichst schnelle Implementation von umfangreich und langfristig angelegten Programmen, deren Wirksamkeit nachgewiesen ist - in (epidemiologisch gesehen) Schwellenländern, aber auch dort, wo die HIV-Epidemiologie bereits auf höherem Niveau ist (als „Investment into the future");
  • Schwerpunktsetzung auf Verringerung sozialer Ungleichheiten und Stärkung von Menschenrechten als Rahmenbedingung für gelingende Prävention;
  • Kampf gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung von betroffenen Menschen, (sexuelle) Gewalt und Abhängigkeit sowie Verleugnung von Aids;
  • klares, öffentliches „Commitment" der politischen Führung des Landes;
  • Aufbau und Stärkung von Strukturen, in denen Prävention, Behandlung und Pflege wirksam werden können (inklusive des oft fehlenden Zugangs zu - freiwilliger und vertraulicher - HIV-Beratung/-Testung);
  • Zugang zu bezahlbaren antiretroviralen Medikamenten (Verhinderung von Mutter-zu-Kind-Übertragungen, aber auch zur HIV-/Aids-Therapie);
  • Behandlung von STIs (Sexual Transmitted Infections), die ein zusätzliches HIV-Übertragungsrisiko darstellen.

Die auf der Konferenz diskutierten Ansätze zur Primärprävention reichen z.T. deutlich über die in Mitteleuropa etablierte, in diesem Kulturkreis als wirksam erkannte und deshalb zu Recht fokussierte Förderung der Kondomnutzung hinaus.

Im Folgenden werden einige Präsentationen zu Aspekten der Primärprävention in den Entwicklungsländern zusammengefasst.

Prävention bei Jugendlichen und Kindern (Entwicklungsländer)

Schulprogramme: In nahezu allen Entwicklungsländern sind Präventionsprogramme etabliert. Sie richten sich primär an Jugendliche ab 12 bis etwa 19 Jahre, aber auch an Kinder von 5 bis 11 Jahren, bevor sie sexuell aktiv werden[5]. Begleitende Maßnahmen sollen Familien, insbesondere Eltern, und das weitere soziale Netzwerk beteiligen. Trotz hoher HIV-Zahlen sind aber Sexual- und Aidsaufklärung in vielen Entwicklungsländern nicht in schulische Lehrpläne integriert. In Südafrika, wo eine große Zahl von LehrerInnen ausgebildet wurde, Live-Skill-Trainings durchzuführen, wird die aktuelle Umsetzung in den Schulen als „armselig"[6] bewertet. Ein Grund dafür ist, dass 1999 schätzungsweise 860.000 Kinder im südlichen Afrika ihre LehrerInnen durch Aids verloren haben. Aus bisher noch unbekannten Gründen ist die HIV-Prävalenz im Erziehungsbereich besonders hoch. Damit gehen auch die mühsam erreichten qualitativen Verbesserungen im Schulsystem der letzten Jahre nunmehr wieder verloren[7].

Public/Private Partnerships zur Aidsprävention: Die Zusammenarbeit von staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen und kommerziellen Partnern spielt in vielen Ländern - wie auch in Deutschland - eine zunehmende Rolle. Einige herausragende Beispiele:

a) „Condom, I live with it": Eine große Werbeagentur hat für das brasilianische Gesundheitsministerium kostenlos eine Präventionskampagne entwickelt. Drei TV-Spots wurden entwickelt, einer für jede Fernsehstation. Die Spots wurden 565-mal kostenlos zur Hauptsendezeit ausgestrahlt[8].

b) Coca Cola und STOP AIDS: Seit 13 Jahren führt die Schweiz erfolgreich ihre plakative Präventionskampagne unter dem Slogan „STOP AIDS" durch. Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit hat nunmehr eine (global angelegte, keineswegs nur national bezogene!) Kooperation mit Coca Cola vorgeschlagen, um die Akzeptanz von Kondomen zu steigern und Tabus insbesondere in Entwicklungsländern abzubauen. Dazu soll Coca Cola's positives (Marketing-) Image des „Lifestyle-Feeling" genutzt und in Verbindung mit der Botschaft „Enjoy your life, practice safer sex" gebracht und genutzt werden. Dafür soll (ähnlich der deutschen „mach's mit"-Plakatkampagne) eines der „O"s von „Coca Cola" durch ein frontal abgebildetes Kondom ersetzt werden. Eine Zusammenarbeit mit dem weltweit operierenden Unternehmen würde möglicherweise die Tür zu einer Bandbreite verschiedener Kampagnenmaßnahmen wie Broschüren, Einbindung von laufenden Promotionaktionen und Events, „safe parties" und Solidaritätsaktionen öffnen. Das Konzept wurde bisher der Konzernspitze in Atlanta vorgestellt, eine abschließende Reaktion liegt noch nicht vor. Bei einer positiven Entscheidung plant die Schweiz, mit interessierten Partnern auf internationaler Ebene zu kooperieren[9].

c) „LoveLife - TALK ABOUT IT" ist das Motto der nationalen südafrikanischen Präventionskampagne gegen HIV/Aids, STIs, ungewollte Schwangerschaften und sexuelle Gewalt[10]. LoveLife ist eine Gemeinschaftsaktion von verschiedenen nichtstaatlichen Organisationen[11] in Zusammenarbeit mit der staatlichen Gesundheitsbehörde und weiteren Regierungsämtern, der nationalen Jugendkommission, UNICEF und privaten Unternehmen. Die Aktion steht unter der Schirmherrschaft der Frau des südafrikanischen Präsidenten und des Königs der Zulu.

Die Kampagne hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, in den nächsten 3 bis 5 Jahren die Neuinfektionsrate in der am stärksten betroffenen Gruppe der bis 20-Jährigen um 50% zu reduzieren. Frühere Aufklärungsprogramme haben nicht zu wesentlichen Verhaltensänderungen geführt. Hauptzielgruppe sind 12- bis 17-Jährige, ausdrücklich eingeschlossen sind auch Programme für Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren und die sie betreuende Personen.

LoveLife ist eine professionell konzipierte Präventionskampagne mit multimedialer Strategie:

  • LoveTrain: Das weltgrößte „rollende Sexualaufklärungszentrum" fährt Bahnhöfe in allen Regionen Südafrikas an. Dort können Aufklärungsgespräche geführt werden und im Umfeld unterschiedlichste Aktionen stattfinden.
  • TV-Produktionen und -Kooperationen (Sex-Talkshows für Jugendliche, Peer-TV-Formate, diverse Formate inklusive einer zeitgemäßen Soapopera[12]).
  • Radio: Langfristige Zusammenarbeit von kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Radiosendern mit themenoffenen Live-Diskussionen, Einspielungen zu Sexualität und partnerschaftlichem Verhalten, Musiktiteln passend zum Thema und informativen „Infomercials" sowie vorbereiteten Unterhaltungsprogrammen.
  • Printmedien: Beilagen für Jugendliche in Tageszeitungen, Beiträge für Editorials, Anzeigen.
  • Hotlines: AIDS Helpline für Informationen zu HIV/Aids, YouthLine für Informationen zu Sexualität/sexuelle Gesundheit und Familienplanung; seit September 1999, derzeit über 70.000 Anrufe pro Monat.
  • Internet: www.lovelife.org.za mit Online-Chat und Unterhaltungselementen.
  • LoveLifeGames: In Zusammenarbeit mit der United Schools Sports Association of South Africa Durchführung von Wettkämpfen in verschiedenen Sportarten auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene.
  • Öffentliche Kliniken (die über 80% der SüdafrikanerInnen versorgen): Entwicklung von Standards für jugendgerechte Angebote.
  • Y-Centres: Jugendzentren in unterentwickelten Regionen mit Sexualaufklärungsangeboten, Beratung und Versorgung. Peergruppen zur Aidsaufklärung starten von hier aus ihre Vor-Ort-Arbeit.
  • Give aways: Poster, Plakate, T-Shirts, Kappen, Sticker etc.

Frauenspezifische Aspekte

Lebenssituation und Perspektiven: Diese wurden äußerst engagiert und sehr differenziert unter dem Zielbegriff „Empowerment" diskutiert. Die wichtigsten Aspekte dieser Debatte waren Menschenrechte, Selbstverwirklichung, Veränderung der Geschlechterrollen, Entwicklung beruflicher Perspektiven und Verbesserung der Gesundheit.

Der Plenarvortrag von G. Gupta (Indien) über „Gender, sexuality and HIV"[13] war ein vielbeachtetes Highlight im Kontext der zunehmenden Thematisierung und auch Etablierung von umfassenden geschlechtsspezifischen Zugängen in der HIV-Prävention. Wieder einmal wurde deutlich, dass viele HIV-Risikofaktoren stark sozial determiniert sind und dass effektive Prävention deshalb einen sehr umfassenden Ansatz haben muss. Einige Beispiele, die im Folgenden betrachtet werden:

  • Fragen der Mutter-zu-Kind-Übertragung, dabei insbesondere auch die HIV-Übertragung durch Stillen;
  • die vielfältigen Abhängigkeiten und sozialen Benachteiligungen von Frauen und die dadurch verminderten bis nicht verfügbaren Schutzmöglichkeiten (die bisher üblichen Schutzoptionen sind i.d.R. eine „male contolled technology");
  • die (häufige) Erfahrung sexueller Gewalt als Kind oder Erwachsene (als ein „strong predictor of HIV-Infection");
  • das in weiten Teilen der Welt vorherrschende Männerbild (bzw. die Männerrollen).

Mutter-zu-Kind-Übertragung (Mother-to-Child-Transmission, MTCT): Die hohen relativen Raten und absoluten Zahlen der vertikalen HIV-Übertragung v.a. in den Entwicklungsländern waren einer der beherrschenden Themenkomplexe der Konferenz. Insbesondere auch deshalb, weil sie durch die kurzzeitige Gabe antiretroviraler Medikamente (AZT oder als neuere und realistischere Option Nevirapin) kurz vor bzw. während der Geburt in Hochendemiegebieten deutlich reduziert werden könnten. Die Bedeutung der Prävention von MTCT geht aus den folgenden Zahlen hervor: So sind z.B. in Zambia bereits 35% aller Mädchen im Alter bis 18 Jahren schwanger, in Uganda 39% und in Mozambique sogar 43%[14]. 22,4% aller schwangeren Frauen waren in Südafrika Ende 1999 HIV-positiv, nach Schätzungen der WHO sogar bis zu 36%[15]. Zwischen 20 und 43% aller Neugeborenen infizieren sich während der späten Schwangerschaft, der Geburt oder über das Stillen[16]. Insbesondere Letzteres stellt bei Maßnahmen gegen MTCT ein großes Problem dar, vor allem weil das über sechs Monate hinausgehende Stillen die Häufigkeit von Infektionen bei Kindern deutlich vergrößert und Alternativen zumeist nicht verfügbar sind.

Frauenkontrollierte Barriere-Methoden

Kondome für Frauen: Breiten Diskussionsraum nahm wie auf früheren Konferenzen[17] das Frauenkondom als Alternative zum „klassischen" Kondom ein, mit dem Frauen sich (wieder) von Männern unabhängiger machen können. Vor allem in den USA, Frankreich und lateinamerikanischen wie afrikanischen Entwicklungsländern laufen derzeit Projekte zur weiteren Propagierung des Frauenkondoms. Mit finanzieller Regierungsbeteiligung wurden jeweils mehrere zehntausend Frauenkondome kostenlos oder preisreduziert abgegeben. Die Nachfrage ist groß. Mit Stückpreisen von 2 bis 3 DM bleiben die Kosten für die breite Bevölkerung in den meisten Ländern jedoch weiter fast unerschwinglich[18]. Gemeinsam mit UNAIDS soll nun versucht werden, niedrigere Preise zu erreichen[19]. Die Vermarktung des Frauenkondoms ist v.a. in der Dritten Welt eine wichtige Option. Deutschland ist für die Kondomindustrie weiterhin kein interessanter Markt.

Topische Mikrobizide: Die bereits auf früheren Konferenzen intensiv diskutierte[20] Option einer vaginalen (grundsätzlich aber auch rektal anwendbaren) Barriere aus anti-HIV-wirksamen (zusätzlich idealerweise aber auch bakteriziden und spermiziden) Substanzen in Form von Gelen, Schäumen, Schwämmen oder auch Filmen steht heute mehr denn je im Mittelpunkt des Interesses und war Gegenstand mehrerer Präsentationen und Workshops. Nachdem sich kürzlich aber in prospektiven „Phase-III-Studien"[21] zeigte, dass Nonoxinol 9 als bisher favorisierte (zudem sehr preisgünstige und sofort verfügbare) Substanz sogar einen fördernden Einfluss auf HIV-Inzidenz (und andere STIs) hatte[22], werden jetzt (zusätzlich zu einer Reihe allgemeiner viruzider/bakterizider Alternativen wie Polysaccharid-Sulfate oder pH-absenkende Substanzen) auch spezifischere Konzepte in die Forschung einbezogen: nämlich vaginal applizierbare, HIV-wirksame Substanzen analog der systemischen HAART (Highly Active Antiretroviral Therapy). Ein breit einsetzbares topisches Mikrobizid sollte aber auch die Fähigkeit der Verhütung anderer wichtiger STIs sowie spermizide Eigenschaften aufweisen[23] - ein solches „ideales" Produkt ist zwar vorstellbar, aber derzeit noch weit entfernt von einer realen klinischen Einsetzbarkeit.
Eine bemerkenswerte Ankündigung kam in diesem Zusammenhang von der Weltbank: Sie will in Zusammenarbeit mit UNAIDS Gelder zum Kauf und zur (kostenlosen) Verteilung zur Verfügung stellen, sobald ein erfolgversprechendes Mikrobizid verfügbar ist. Mit dieser Ankündigung soll die Industrie (die hier bisher offenbar kein ausreichend renditeträchtiges Aktionsfeld sah) angesprochen und für intensivierte Forschung und späteres Marketing interessiert werden. Dass ein vaginal anwendbares Mikrobizid auch beim Analverkehr erfolgreich eingesetzt werden könnte, zeigte eine Akzeptanzstudie aus New York[24]: Danach würden 92% der befragten homosexuell aktiven Männer eine solche protektive Option begrüßen - dies verweist auf ein insbesondere in Mitteleuropa und USA großes Präventionspotential.

Vergewaltigung

Südafrika wird weltweit zu einem der Länder mit den höchsten Raten an Vergewaltigungen gezählt. Experten schätzen, dass 1999 1,6 Millionen Frauen und Kinder in Südafrika vergewaltigt wurden und dass jede zweite Frau mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt wird[25]. Einer von vier jungen südafrikanischen Männern hat bereits vergewaltigt[26]. 75% der Vergewaltigungen verüben Gangs von drei bis zu 30 Männern. Aber auch Ehemänner, Familienmitglieder und viele andere Gruppen tragen zu dieser erschreckenden Situation bei[27]. Das Johannisburger Zentralkrankenhaus schätzt, dass 40% aller jungen Männer im Alter von 20-29 Jahren, die größte Vergewaltigergruppe, HIV-infiziert sind. Zudem ist in Afrika der Mythos weit verbreitet, dass ein HIV-positiver Mann das Virus wieder verliert, wenn er Sex mit einer Jungfrau hat - der nicht selten erzwungen wird. Bis heute gibt es weder staatliche noch private Kampagnen oder Aufklärungsmaßnahmen, die diesen tief sitzenden Mythos aufgreifen und ihm widersprechen[28].

Aber nicht nur in der Dritten Welt, sondern auch in Industriestaaten stellen Vergewaltigungen ein zunehmendes Thema auch der HIV/STI-Prävention dar[29]. So wurde aus Paris im Rahmen einer Postexpositionsprophylaxe (PEP)- Studie berichtet[30], dass dort allein im Jahre 1999 mehrere 1000 Opfer von Vergewaltigungen in speziell eingerichteten Zentren kostenlos behandelt wurden (was psychologische, juristische und medizinische Hilfe inklusive des Angebotes von PEP im Falle eines unbekannten HIV-Status des Vergewaltigers einschließt; siehe dazu weiter unten).

HIV-PEP nach Vergewaltigungen ist also ein wichtiges Thema von hoher präventiver Relevanz - aber auch hier stehen ähnlich der MCTC erhebliche Hindernisse nicht zuletzt finanzieller Art einer breiten Einführung entgegen. Glaxo Wellcome gibt derzeit in Afrika ein dreitägiges kostenloses Startpaket ab, das Betroffenen zumindest in dieser Zeit erlauben könnte, das Geld für die weitere 25-tägige Behandlung zusammenzubekommen. AktivistInnen drängen daher sowohl die Regierungen, entsprechende Programme einzuführen, als auch die Pharmafirmen, geeignete Medikamente zu einem niedrigen Preis zu verkaufen. Im Sunninghill Krankenhaus[31] haben Untersuchungen gezeigt, dass von 400 vergewaltigten Frauen, Männern und Kindern, die eine PEP bekamen, niemand HIV-positiv wurde.

Heterosexueller Analverkehr: Einer Studie zufolge haben in den USA rund siebenmal mehr Frauen als Männer ungeschützten Analverkehr, in Lateinamerika und vielen anderen Regionen weltweit sogar noch mehr. Dabei werden in diesen Ländern entsprechende Risikofaktoren in der Aufklärung nicht thematisiert, sondern weitgehend ignoriert und stigmatisiert[32].

„Trockener Sex": Trockener Sex (ohne oder mit gezielt verminderter Lubrikation) ist in einigen afrikanischen Regionen und Lateinamerika weit verbreitet, besonders auf Wunsch von Männern, um das eigene Lustgefühl zu steigern, aber auch aus der Annahme heraus, dass Frauen mit Gleitmitteln promisk würden. Einige Studien[33] haben u.a. aufgrund dessen ein erhöhtes (plausibel erscheinendes) HIV-Risiko der Frauen ergeben.

Männerbild: Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass sich die vorherrschenden traditionellen Männlichkeitsvorstellungen (die sich nicht zuletzt in einer expliziten und oft aggressiven Dominanz über Frauen erfüllen) massiv ändern müssen, wenn HIV-Prävention erfolgreich sein soll[34]. Im Folgenden werden weitere auf der Konferenz diskutierte „Männer-Aspekte" referiert:

Männerspezifische Aspekte

Kondome für Analverkehr: Dickere Kondome für den Analverkehr sind offenbar doch nicht sicherer als Kondome mit der üblichen regulären Wandstärke, wie eine Untersuchung der Londoner Universität zeigte35. Weder in Bezug auf das Platzen noch auf das Abrutschen von Kondomen fanden sich beim Sex schwuler Männer Unterschiede. Die Ausfallraten für beide Kondomarten sind niedrig.

Männliche Beschneidung[35]: Studien in elf Ländern haben einen signifikanten Zusammenhang zwischen HIV-Infektionen und einer Beschneidung ergeben[36]. Mögliche physiologische Gründe, warum ohne Circumzision eine HIV-Infektion wahrscheinlicher erworben wird, sind: die innere Vorhaut besitzt eine große Anzahl infizierbarer Langerhanszellen, unterliegt einem höheren Abrieb der äußeren Hautzellen und ist anfälliger für ulzerative STIs. Ein relevanter Grund ist aber auch, dass offenbar in vielen Ländern die „intime Hygiene" vieler Männer derart unzureichend ist, dass die Smegmabildung häufig chronische Entzündungen (mit der Folge höherer STI-Suszeptibilität wie auch Infektiosität) hervorruft. Zudem wird in vielen HIV-Endemiegebieten, in denen Männer nicht beschnitten sind, oft „trockener Sex" bevorzugt.

Es gibt aufgrund der komplexen Problematik, bei der neben medizinischen auch sehr viele soziale Einflüsse bedacht werden müssen, derzeit aus keiner der bisherigen retrospektiven Studien zuverlässig erscheinende Zahlen über den Einfluss einer Beschneidung auf die HIV-Inzidenz. Eine erste prospektive Studie hat begonnen[37]. Das öffentliche Gesundheitswesen hat dieses Thema bislang wenig kommuniziert, obwohl es einen möglichen Beitrag zu (umfassenderen) Präventionsprogrammen liefern könnte. Damit verbunden wären aber auch Gefahren: Der Verzicht auf Safer Sex und seine Propagierung lägen bei einer Konzentration auf eine solche Strategie allzu nahe. Für die Industrieländer stellt diese Art von Prävention u.a. deshalb sicher keine sinnvolle Alternative zu den weit wirksameren bereits etablierten Präventions-Strategien dar.

„Barebacking": Ungeschützter Sex ist eine seit vielen Jahren bekannte und in einer Vielzahl von Studien untersuchte Tatsache. Immer wieder wurde auch auf früheren Konferenzen über in einigen Gruppen zu beobachtende „Rebound"-Phänomene, also das (Wieder-)Ansteigen von Unsafe Sex diskutiert. Die Gründe dafür sind sehr vielschichtig, die Diskussion wird aber häufig eher eindimensional und teilweise moralisierend geführt. Neu ist, dass ungeschützter Sex seit einiger Zeit unter dem Label „Barebacking" öffentlich(er) kommuniziert wird. Offenbar wird „Barebacking"- wie viele andere soziale und sexuelle Vorlieben - auch zunehmend offen, z.B. über das Internet, organisiert, vor allem von HIV-positiven Männern, die unter diesem Stichwort einvernehmlichen Sex ohne Kondome suchen. Neu ist auch die Intensität, in der dieses (alte) Verhalten unter diesem (neuen) Label in den Medien aufgegriffen wird. Obwohl die Medien das Thema z.T. spektakulär publizieren, können epidemiologische Untersuchungen keine Zunahme von Unsafe Sex im gleichen Ausmaß belegen[38].

HIV-Aidstherapien und ihr primärpräventiver Effekt

Auch wenn bisherige Studien keine verlässliche Korrelation zwischen Senkung der Viruslast durch eine effektive HIV-Therapie und der Infektiosität von Menschen mit HIV/Aids zeigen und deswegen im Individualfall keinesfalls eine Entwarnung gegeben werden kann, ist doch offenbar heute Konsens, dass auf Bevölkerungsebene durch Implementation von HAART (Highly Active Antiretroviral Therapy) signifikante Effekte des Rückganges der Inzidenz zu erwarten sind[39]. Dies impliziert allerdings Probleme für die Primärprävention insbesondere in höher riskierten (und oft besser informierten) Zielgruppen, in denen möglicherweise auf solchen Befunden eine individuelle Risikominimierungs-Strategie aufgebaut werden könnte. Gleichwohl werden die möglichen Beiträge der HAART zu Inzidenz- und Prävalenzsenkung für die Länder der Dritten Welt als signifikanter Beitrag zur Primärprävention gerechnet[40].

HIV-Postexpositionsprophylaxe (PEP) im sexuellen, nicht-beruflichen Setting

PEP und Risikoverhalten: Das Wissen um die Möglichkeit der PEP nach sexueller Exposition und der Kombitherapien (HAART) beeinflusst laut einer US-amerikanischen Studie[41] nicht das HIV-Risikoverhalten junger Männer, die Sex mit Männern haben und führt auch nicht zu einem Anstieg ungeschützten Analverkehrs oder der Anzahl der Sexpartner. Das gleiche Fazit zog J. P. Moatti in einem Überblick über die Erfahrungen aus 27 europäischen Staaten[42].

PEP-Inanspruchnahme: Wie schon 1998 wurden mehrere Studien präsentiert, die eine relativ geringe Inanspruchnahme von PEP auch dann zeigen, wenn das Angebot öffentlich und breit kommuniziert wird[43]. So hatten 52% der Männer in verschiedenen amerikanischen Großstädten von der nicht-beruflichen PEP gehört, und 10% kannten jemanden, der eine solche PEP bekommen hatte, aber nur 1,5% hatten selbst eine PEP in Anspruch genommen[44]. In ganz Sydney wurden (offizielle Zählung) zwei PEP-Fälle pro Woche durchgeführt[45], und - ähnlich wie bei anderen Studien - signifikante Compliance-Probleme (Übereinstimmung, Vertrauensverhältnis zwischen Arzt/Ärztin und PatientIn, Anm. d. Red.) nicht zuletzt aufgrund erheblicher Nebenwirkungsraten gefunden[46], [47]. Zwei Empfehlungen werden in den unterschiedlich angelegten Studien durchweg gegeben: eine HIV-PEP ist nur bei „Höchstrisiko" indiziert und muss eingebettet sein in „the context of broader prevention"[48], [49], also als Chance der gezielten individuellen Prävention bei höchstriskierten Menschen genutzt werden (wie dies z.B. in Deutschland auch beispielhaft geschieht[50]).

PEP in Europa: Im Rahmen eines EU-Projektes wurde von einer französischen Gruppe die Handhabung beruflicher und nicht-beruflicher HIV-PEP in 27 europäischen Ländern untersucht, wobei sich ein sehr unterschiedliches Bild bezüglich offizieller Richtlinien bzw. Empfehlungen, Verfügbarkeit und Integration in die HIV-Prävention zeigt. Ein offizieller Bericht steht noch aus[51]. In allen Ländern außer Schweden gibt es heute Empfehlungen zur beruflichen PEP. Nur eine Minderheit dieser Länder aber hat auch (wie Deutschland/Österreich) spezifische Empfehlungen oder Richtlinien für den Umgang mit PEP in nicht-beruflichen Zusammenhängen.

Effektivität der HIV-PEP: David Holgrave, Prevention Director der CDC, gab bei nicht-beruflicher Exposition eine durchschnittliche 79%-Effektivität für die PEP-AZT-Monotherapie an. Aufgrund der epidemiologischen Situation und Kosten-Effektivitäts-Untersuchungen sehen die CDC jedoch weiterhin von einer generellen Empfehlung zu PEP ab[52].

Kirchen und religiöse Gruppen in der Aidsbekämpfung

Eine Reihe von Beiträgen und ein eigener Workshop[53] widmeten sich dem Beitrag, den die in vielen Ländern und Kulturen stark verankerten kirchlichen und religiösen Gruppen zur Bewältigung des globalen Aidsproblems leisten könnten. Deutlich wurde - als wenig überraschendes Fazit -, dass die meisten religiösen Gruppen und Institutionen die sozialen Aspekte von Aids (Ent-Stigmatisierung, Unterstützung Betroffener, Pflege etc.) glaubhaft und effektiv aufnehmen und unterstützen können, produktive (wirksame) Beiträge zur sexuellen Primärprävention von ihnen jedoch nur spärlich zu erwarten sind, da sie durch ihre Träger-Kirchen zur Propagierung von Monogamie, Sexualität (nur) in der Ehe und Anti-Homosexualität „verpflichtet" sind. Eine solche in sich (scheinbar) beschränkte Funktion kann jedoch durchaus produktiv werden, wenn kirchliche Gruppen glaubhaft und für die Mehrheit akzeptabel zum „Brechen des Schweigens" um Aids beitragen und die präventiven Bemühungen anderer Akteure im Feld (die deutlicher sein können) nicht behindern. Beispiele für Netzwerke, in denen solche (meist informellen) Arbeitsteilungen funktionieren, gibt es durchaus[54]. Leider sind die kontraproduktiven Beispiele, bei denen Aids die Quittung bzw. Sühne für Schuld und Sünde und „Abfall von der Religion"[55], [56] darstellt, immer noch in der Überzahl. In einem Workshop über Jugendliche als „vulnerable Groups"[57] zeigten sich vergleichbare typische Probleme:
A. Bourawi (Libyen)[58] berichtete über die Rolle der Pfadfinder, die in diesem sehr islamisch-traditionell geprägten Land auch über Aids kommunizieren, in diesem Zusammenhang allerdings ausschließlich die „Bedrohung durch die Krankheit" thematisieren, ohne auf Sexualität oder Kondome einzugehen. Da Sexualität in Libyen ausschließlich in der Ehe stattfinde und es aufgrund intakter Ehe- und Familienstrukturen auch keine Scheidungen und keinerlei außereheliche Sexualität (von Homosexualität ganz abgesehen) gäbe, sei das auch nicht nötig. Im übrigen würde auch seitens der Eltern die Thematisierung von Sex sicher nicht toleriert - und eine Zuwiderhandlung würde zum Verbot der Pfadfindergruppen führen.

HIV-Impfung [59]

Auch im Jahre 2000 gibt es trotz vieler Wissenszuwächse im Detail und inzwischen begonnener Phase-III-Studien keinen begründeten Optimismus, dass innerhalb der nächsten 10 Jahre realistisch mit einer breit einsetzbaren und wirksamen HIV-Schutzimpfung zu rechnen ist. Gleichwohl wurde die Impfung in sehr vielen prominenten Beiträgen als das wichtigste Ziel im Kampf gegen die globale HIV-Verbreitung benannt[60]. Dem Ziel, die Entwicklung in diesem Bereich schneller weiterzutreiben, hat sich u.a. die IAVI (International AIDS Vaccine Initiative[61]) verschrieben, die weltweit Lobbyarbeit für Aufbau und Verstärkung von Forschungsvorhaben, klinischen Studien und die stärkere Beteiligung der Pharma-Industrie betreibt[62].

Der hier und da spürbare Optimismus bezüglich der HIV-Impfung speist sich wohl weniger rational, sondern nicht zuletzt auch aus herabgesetzten Wirksamkeitserwartungen: Wurden auf früheren Konferenzen mindestens 70% Effizienz als sinnvolles Minimum diskutiert, wurden diesmal schon 40% als ausreichend angesehen, um eine bevölkerungsweite Implementation vorzunehmen[63], [64]. Die Diskussion um eine Impfung zeigt, dass sie in überschaubarer Perspektive bestenfalls einen Teilbeitrag zur Eindämmung von HIV leisten könnte und zwingend von weiteren, langfristig angelegten und umfangreich eingesetzten Maßnahmen der Primärprävention begleitet werden muss.

MigrantInnen

Ein wichtiges Thema der Konferenz waren Präventionsprogramme für legale und illegale MigrantInnen in Industriestaaten wie in Entwicklungsländern. Die Niederlande führen derzeit eine breit angelegte Präventionskampagne durch, um der steigenden Zahl von HIV-Infektionen unter den dort aufgrund der Kolonialgeschichte besonders zahlreichen MigrantInnen präventiv zu begegnen. Dabei wird eine massenmediale Kampagne über Printmaterialien, Radio und weitere Medien mit einer telefonischen Hotline (für drei verschiedene MigrantInnengruppen: TürkInnen, MarokkanerInnen und ChinesInnen) sowie Peer Education[65] kombiniert. Für Oktober 2000 ist ein sechsmonatiges Trainingsprogramm für kreolische sowie Frauen aus den Antillen und Ghana geplant.

Vietnam: Die Vietnamesische Ärztevereinigung hat ein Projekt gestartet, um vietnamesische MigrantInnen in ihren neuen Wahlheimaten anzusprechen[66]. In Kalifornien wurden z.B. Artikel in vietnamesischen Zeitungen geschaltet, Talks im Fernsehen und Radio durchgeführt. ÄrztInnen sind über Internet-Foren vernetzt und dienen als örtliche MediatorInnen. Zukünftig sind sowohl in Vietnam als auch in den Zuwanderungsländern die Ausstrahlung von Musikvideos und die Gewinnung von bekannten KünstlerInnen als BotschafterInnen geplant. Zudem soll für Auswanderungswillige in Vietnam noch vor der Emigration ein Präventionsprogramm gestartet werden. Angesprochen werden damit vornehmlich EmigrantInnen, die voraussichtlich häufiger wieder nach Vietnam reisen werden.

MigrantInnen-Arbeit mit Körperpuppen: Im Rahmen eines kostenlosen Sprachunterrichts informiert das Gesundheitsamt Örebro, Schweden, MigrantInnen aus afrikanischen Staaten auch über STIs und HIV/Aids[67]. Denn ImigrantInnen mit einer nicht ausreichenden schulischen Bildung haben große Schwierigkeiten, Informationen zu verstehen, da ihnen grundlegende Kenntnisse über den menschlichen Körper fehlen. Im Rahmen des Sprachunterrichts entwickelte eine Gruppe von afrikanischen Frauen im Alter von 25-40 Jahren mit Unterstützung der SprachlehrerInnen, Krankenschwestern und einem Pathologen Materialien zum Thema „Körper und Gesundheit". Eine Bildhauerin erstellte zunächst eine weibliche und eine männliche Puppe aus Stoff in natürlicher Größe. Die afrikanischen Frauen produzierten anschließend die „Organe". Gemeinsam wurden Gesundheitszentren vor Ort besucht und der Kontakt zu schwedischen Frauen aufgenommen. Erst im Anschluss an diese Einheiten schloss sich das Thema HIV/Aids und STIs an, das mit sehr großer Beteiligung angenommen wurde.

SexarbeiterInnen

Prostitution ist in den meisten Ländern illegal. Anliegen der Projekte für SexarbeiterInnen sind daher neben dem Thema Gesundheit vor allem die Menschenrechtspolitik mit dem Fokus Legalisierung und Antidiskriminierung. Projekte für weibliche Prostituierte gibt es nahezu überall. Für männliche Sexarbeiter bestehen erst wenige Angebote. Die niederländische STD-Stiftung betreibt ein integriertes Präventionsprogramm, mit dem sowohl SexarbeiterInnen als auch die Kunden und BordellbetreiberInnen angesprochen werden[68]. Für Freier wurde eine „unverfängliche" Webseite im Internet unter www.prostitutie.nl eingerichtet. Monatlich wird sie von 5.000 bis 8.000 Besuchern in Anspruch genommen, die Informationen über Safer Sex im Sexgewerbe erhalten.

HIV-Test

Der Umgang mit dem HIV-Test wird weiter im Spannungsfeld zwischen offensiver Werbung für Tests[69] und einer eher zurückhaltenden Kommunikation aufgrund weiter bestehender Stigmatisierungs- und Diskriminierungsbefürchtungen von HIV-Positiven diskutiert. Zwei hervorzuhebende Beispiele:

Schweden: Trotz Kritik einiger nicht-staatlicher Organisationen wird in Schweden mittlerweile aufgrund der verbesserten Therapiemöglichkeiten der HIV-Test massiv propagiert; man sieht sich in dieser Strategie durch eine geringe Zahl von Neuinfektionen bestätigt[70].

USA: Insgesamt ist in den USA (anders als in Europa) der Stellenwert des HIV-Testes seit langem sehr hoch, das Wissen um den eigenen HIV-Status wird als entscheidender Faktor für präventive Verhaltensänderungen bewertet. Der Test wird deshalb (allerdings auf der Basis oft fehlender Safer Sex-Kampagnen) als Präventionsmaßnahme propagiert. Sechs Städte in den USA promoten nunmehr gemeinsam den HIV-Test für die Altersgruppe der 13- bis 21-Jährigen unter dem Motto: „HIV. LIVE WITH IT. GET TESTED!", „Hittin' it? If you are, and you're between the ages of 13 and 21 - get tested"[71]. New York warb mit einer Testwoche:

„GET TESTED! WEEK New York". Hintergrund ist, dass 25% aller Neuinfektionen in den USA bei 13- bis 21-Jährigen stattfinden.

Internetangebote

Kommunikationsangebote unter Nutzung des Internet sind in die meisten neueren Präventionsmaßnahmen integriert, auch wenn sie nicht explizit in den Präsentations-Titeln deklariert wurden. Sie haben sich mittlerweile zum Normalfall sowohl in der Primärprävention als auch in der Kommunikation zu bzw. zwischen Menschen mit HIV/Aids entwickelt. Der Konferenzbeitrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung thematisierte mit der Präsentation des bundesweiten „mach's mit"-Kreativwettbewerbes ebenfalls eine solche Maßnahme, in der die Internetkommunikation eine innovative und sehr reichweitenstarke Rolle spielte[72].

Als Vorteil des Internet wird übereinstimmend hervorgehoben, dass das Netz niedrigschwellige, relativ kostengünstige und interaktive Kommunikation ermöglicht - und heute selbst in ärmeren Ländern immer reichweitenstärker wird. Auch viele Projekte in Entwicklungsländern setzen deshalb heute systematisch Internetangebote ein.

Das Internet eröffnet nicht zuletzt neue Möglichkeiten, gesundheitliche Informationen und Präventionsbotschaften an Menschen zu kommunizieren, die nicht über traditionelle Medien oder über personalkommunikative, aufsuchende Präventionsmaßnahmen erreicht werden können[73]. Über die schützende Anonymität des Internet können z.B. auch Männer erreicht werden, die Sex mit Männern haben, ohne sich als schwul zu definieren. In der Studie einer STI-Klinik wurden Männer untersucht, die Sex mit Männern haben und sich über das Internet kennen lernten. Diese Gruppe setzte sich im Vergleich zu Männern, die nicht das Internet zur Kontaktaufnahme nutzten, in höherem Maß ungeschütztem Analverkehr aus bzw. suchte diesen sogar offen („barebacking"). In San Francisco wurde festgestellt, dass sich ein Syphilis-Ausbruch auf Männer zurück- und anschließend auch weiterverfolgen ließ, die sich untereinander über das Internet getroffen hatten. Die Presseberichterstattung über solche Ergebnisse im Nachgang zur Durban-Konferenz verkürzte diese Sachverhalte leider oft darauf, dass das Internet heute ein neues, vorher unbekanntes HIV-Risiko darstelle.

3. Schlussbemerkung

Insgesamt ist die Konferenz in mehrfacher Hinsicht als Erfolg zu bewerten. Sie fand in einer Region statt, die weltweit von der HIV/Aids-Epidemie am stärksten betroffen ist und in einem (Entwicklungs-)Land, das neben einer hohen HIV/Aids-Problematik eine politische Führung hat, die das Thema relativiert statt es offen aufzugreifen und die gebotenen Konsequenzen zu ziehen. Die Resonanz in den Medien generell und insbesondere in den südafrikanischen zeigt, dass es der Konferenz gelang, das selbst gesetzte Ziel zu erreichen: Das Schweigen wurde gebrochen.

Wie in keiner Welt-Aids-Konferenz zuvor wurde der Prävention Gelegenheit gegeben, ihre Leistungsmöglichkeiten zu demonstrieren. Und diese Chance konnte genutzt werden. Qualitativ exzellente Vorträge und Diskussionen zeigten, dass Prävention Erfolge aufweisen kann, wenn sie politisch gewollt, wissenschaftlich geplant, finanziell angemessen ausgestattet, bevölkerungsweit implementiert sowie kontinuierlich evaluiert und gesteuert wird74. Daran kann auch in anderen Präventionsfeldern angeknüpft werden.

Deutlicher denn je wurde, dass Aids nicht länger als ein Problem entfernter Regionen betrachtet werden kann. Die bekundete Bereitschaft zu helfen, war demzufolge selten so groß. Bleibt zu wünschen, dass der von dieser Konferenz ausgehende, spürbare Elan nun weltweit in die als zielführend bekannten Aktivitäten mündet.

Dieser Bericht entstand im Auftrag des Robert-Koch-Institutes Berlin und wird in der nächsten Ausgabe des Bundesgesundheitsblattes, voraussichtlich im Januar 2001, publiziert. Wir danken dem herausgebenden Institut für die freundliche Genehmigung zur vorzeitigen Veröffentlichung.

Fußnoten

1 Hinweis: Die angegebenen Quellen beziehen sich, soweit nicht anders angegeben, auf die offizielle Benennung der Vorträge und Präsentationen (Poster) durch den Kongress (siehe Abstractbände 1 und 2 sowie CD-ROM). Viele dieser Quellen sind im Internet verfügbar unter www.webcast.aids2000.com.

2 Peter Lamptey, „Prevention Does Work!", Presentation at the XIII International AIDS Conference, Durban, South Africa, July 9-14, 2000

3 3rd International HIV Prevention Works Symposium

4 Bericht des Rapporteurs für Track D, Peter Aggleton „Social Science" am 14.7.2000

5 UNICEF 2000, The Progress 2000 of Nations

6 WePeD4729

7 UNICEF 2000, The Progress 2000 of Nations

8 MoPeD2851. D. Souza, Brasilian STI/AIDS Program

9 MoPpE1136, M. Allemann

10 LoveLife, 86 6th Street, Parkhurst Johannesburg, RSA: www.lovelife.org.za

11 The Planned Parenthood Association of South Africa, Reproductive Health Research Unit, Advocacy Initiatives, and The Health Systems Trust

12 Pressematerialien zur Präventionskampagne „LoveLife";

s.u. www.lovelife.org.za

13 Geeta Rao Gupta, „Gender, Sexuality and HIV/AIDS: The What, the Why, and the How", Plenary Address XIII International AIDS Conference, Durban, South Africa, July 12, 2000

14 UNICEF 2000, The Progress 2000 of Nations

15 National HIV Sero-prevelance survey of woman attending public antenatal clinics in South Africa 1999, Dep. of Health

16 MoOrD202, C. Luo: Strategies for prevention of mother to child transmission of HIV

17 siehe RKI: InfFo III+IV/96, S.62 f.

18 Die auf früheren Konferenzen präsentierten Studien, nach denen ohne Sicherheitsverlust eine mehrfache (und damit stark kostenreduzierende) Nutzung dieser Kondome möglich sei, spielten diesmal in der Diskussion keine wesentliche Rolle.

19 Abstract ThPeC5359, M. Arnaudies, Ministre De L'Emploi Et De La Solidarité, Paris, E-Mail arnaudies.michelle@sante.gouv.fr

20 wie 16

21 Anwendung an größeren Probandenzahlen in der täglichen Lebenspraxis z.B. von Prostituierten

22 Mark Wainberg, Montreal, „Are we closer to a successful microbicide?" (IAS-Satellit „Our Commitment to the Next Generation" am 9.7.2000)

23 M. Wainberg, K. Nichols in: Debate 14 am 13.7.2000 („Future Microbicides Research Should Focus on Specific Anti-HIV-Approaches")

24 WePeA4108, A. Carballo-Dieguiez

25Charlene Smith, südafrikanische Journalistin: Speech to Durban World AIDS conference, July 8, 2000

26 mündliche Mitteilung von A. Wulfsohn, Johannisburg Hospital, Südafrika, auf der Internationalen AIDS-Konferenz

27 Das Thema „Vergewaltigung von Jungen und Männern" wurde auf der Konferenz kaum diskutiert

28 Charlene Smith, südafrikanische Journalistin: Speech to Durban World AIDS conference, July 8, 2000

29 z.B. in den USA: Poster MoPeE 2938 und MoPeE2953

30 TuOrC314, J.P. Benais

31 Charlene Smith, südafrikanische Journalistin: Speech to Durban World AIDS conference, July 8, 2000

32 TuPeC3477, D. Halperin

33 MoPeD2617, S. Chabala; TuPeC3426, N. Nzila; TuPeC3477, D. Halperin; WePeD4647, O. Davidson

34 siehe den Vortrag von G. Gupta Fußn. 15 sowie WeOrD560, C. Watts

35 WePpC1395, R. Harding

36 TuPeC3477, D. Halperin

37 mündliche Mitteilung von D. Halperin, University of San Francisco, AIDS Research Institute, E-Mail dhalp@earthlink.net

38 MoPeE2935 und ThPeD5589

39 Bericht des Rapporteurs für Track C „Epidemiology, Prevention & Public Health" am 14.7.2000

40 MoOr3, R. Anderson: „Successes in HIV control, fact or fiction?"

41 ThPeD5810, B. Batholow, ähnliche Ergebnisse fand die BZgA in der deutschen Allgemeinbevölkerung („Aids im öffentlichen Bewusstsein",

BZgA 1999)

42 TuOrC316, J.P. Moatti

43 so z.B. in Deutschland, Frankreich und in der Schweiz, wo die PEP als „Notmaßnahme" in den Medien der nationalen Kampagne benannt wird,

in USA u.a. in San Francisco, wo mehrere spezialisierte Zentren PEP anbieten (Poster TuPpD1203 und WePeC4326), sowie in New York City, „The Non-Occupational Post-Exposure Prophylaxis Program", Poster WePeC4307 und WePeC4309

44 ThPeD5810, B. Batholow

45 WePeC4420, P. Correll

46 hierzu u.a. J.-P. Benais, Vortrag TuOrC314

47 MoPeC2438, F. Lot et al.

48 In diesem Sinne agiert auch die PEP-Beratung in der Telefonberatung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, bei deren Klienten in den allermeisten Fällen keine PEP-Indikation in Frage kommt, die aber umfassend präventiv beraten werden.

49 WePeC4315, M.R. Browning

50 so z.B. das Vorgehen bei der Telefonberatung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

51 TuOrC316, D. Rey

52 David Holgrave, Prevention Director CDC, Atlanta, USA, 3rd International HIV Prevention Works Symposium

53 E04 am 10.7.2000 „Role of Religion & Religious Institutions: Access or Avoidance?"

54 z.B. ICAN (International Christian AIDS Network, www.ican-network.org)

55 MoOrE269, P. Weerathammaphiban

56 MoOrE270, N. M. Samuel

57 Sy 11 am 12.7.2000

58 WeOrE466

59 Eine detaillierte Betrachtung der medizinischen und naturwissenschaftlichen Hintergründe der Impfstoff-Forschung ist nicht Teil dieses Berichtes der BZgA.

60 Bericht des Rapporteurs für Track A (Basic Science) am 14.7.2000

61 u.a. ThPpC1452, W. Koff et al.

62 in Deutschland seit Mitte 2000 angebunden an die Deutsche AIDS-Stiftung, Bonn

63 Bericht des Rapporteurs für Track A (Basic Science) am 14.7.2000

64 Poster (Auswahl): TuPeB3199, J. L. Excler; WePeC4471, B. Schwab

65 WePeD4717, N. van Kesteren

66 MoPeD2770, P. Huynh Do

67 MoPeD2596, A. Wallin

68 WePeD4817, L. van Mens

69 als Beispiel siehe letzte Fußnote

70 TuPeD3511, G. Rado

71 ThPeC5391, D. Futtermann

72 Informationen zur „mach's mit"-Kampagne und zum Wettbewerb über www.machsmit.de oder mueller@bzga.de

73 Abstract WePpD1331, A. Kim Leider gibt es - wie schon an einigen Stellen des Berichtes beschrieben - aber auch immer noch negative Beispiele, die nicht unterschlagen werden sollen. Sie reichen von neuen (z.B. Singapore) und weiterbestehenden (z.B. USA) Einreiseverboten für Menschen mit HIV, über die Propagierung von Toilettensitz-Abdeckungen als Beitrag einer Firma aus der VR China (mit der laut Verkaufsprospekt „STD and skin disease" verhütet werden können), der indischen Gesetzgebung, nach der einer HIV-positiven Frau die Heirat untersagt ist, selbst wenn der Mann einverstanden ist, bis hin zur massiven Promotion des HIV-Speicheltestes (z. B. Firma Epitope mit dem „OraQuick Rapid oral HIV 1-2 Test"), dessen breite Anwendung in Entwicklungsländern, aber auch in USA „a first step to hope" (Verkaufsprospekt) sei - von Beratung und Umgang mit einem möglicherweise positiven Test war nicht die Rede.

Autoren

Jürgen Töppich
Jürgen Töppich ist Dipl.-Soziologe und Leiter des Referates „Wissenschaftliche Untersuchungen, Erfolgskontrolle, Dokumentation“ der BZgA.
 

Dr. med. Dr. rer. nat. Wolfgang H. Müller
Dr. med. Dr. rer. nat. Wolfgang H. Müller ist seit 1987 Referatsleiter für „Maßnahmen zur Aids-Bekämpfung“ in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Schwerpunktaufgabe ist die Primärprävention von Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, insbesondere die Betreuung der bundesweiten Schwerpunktkampagne „Gib Aids keine Chance“.
 

René Domschat
René Domschat ist geschäftsführender Gesellschafter der Agentur Sinus – Büro für Kommunikation in Köln. Schwerpunkte sind Gesundheitskommunikation, Public Affairs und interne Kommunikation. Im Auftrag der BZgA organisiert er unter anderem die Kinderliedertour.
 

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