Sexualpädagogik in der sozialpädagogischen Grundausbildung Modellprojekt des Instituts für Praxis und Theorie der Schule (IPTS)

Am 1. September 1996 startete ein dreijähriges Modellprojekt mit dem Titel „Sexualpädagogik in der Fachschule und Berufsfachschule für Sozialpädagogik". Mit diesem Projekt werden die Bemühungen, sexualpädagogische Inhalte in den unterschiedlichen (sozial)pädagogischen Ausbildungsgängen stärker zu berücksichtigen und fester zu verankern, auf der Ebene der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern und sozialpädagogischen Assistentinnen und Assistenten¹ fortgesetzt.

Die Ausbildungssituation im Bereich Sexualpädagogik

Die Ausbildungssituation im Bereich Sexualpädagogik kann insgesamt als unzureichend bezeichnet werden. Die wenigen vorhandenen Untersuchungen belegen sowohl für die (sozial)pädagogischen Ausbildungsgänge in Fachhochschulen und Hochschulen als auch für die Ausbildungen an Fachschulen und Berufsfachschulen² für Sozialpädagogik Defizite in der Berücksichtigung sexualpädagogischer Inhalte (vgl. Hunfeld/Wrege 1990 und Philipps/Sielert 1994).

Die mangelhafte Verankerung sexualpädagogischer Inhalte an Fachschulen und Berufsfachschulen für Sozialpädagogik wird durch eine Situationsanalyse mit dem Titel „Sexual-pädagogik in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern" belegt. Diese Untersuchung wurde von einer Forschungsgruppe der Universität Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. Uwe Sielert im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 1995 in Schleswig-Holstein durchgeführt (Sielert et al. 1996). Die Untersuchung umfaßte eine schriftliche Befragung von und Gruppendiskussionen mit Lehrkräften, eine Befragung von Schülerinnen und Schülern sowie eine Analyse wesentlicher Arbeitsfelder von Erzieherinnen und Erziehern - Elementarbereich, offene Jugendarbeit, Heimerziehung und Arbeit mit geistig behinderten Menschen - hinsichtlich sexualpädagogischer Alltagsthemen und notwendiger professioneller Handlungskompetenzen.

Die Befragung der Lehrkräfte sowie der Schülerinnen und Schüler ergab, daß das Thema Sexualität kein fester Bestandteil der Ausbildung ist, im Rahmen der Ausbildung, wenn überhaupt, nur am Rande aufgegriffen wird und Lehrkräfte wie Auszubildende hiermit mehrheitlich unzufrieden sind. Ein Konsens über sexualpädagogische Inhalte, Ziele und Methoden war nicht festzustellen. Dies ist unter anderem auf die lückenhaften sexualpädagogischen Vorkenntnisse der Lehrkräfte zurückzuführen. Aus der Analyse der Handlungsfelder von Erzieherinnen und Erziehern läßt sich ableiten, daß Sexualität in allen Arbeitsfeldern auf vielfältige Weise Thema und Aufgabe pädagogischer Prozesse ist. Nirgendwo läßt sich Sexualität auf ein genitales Verständnis reduzieren und auf ihre Fortpflanzungsfunktion beschränken. In allen Arbeitsfeldern bestimmen mit jeweils unterschiedlicher Ausprägung sowohl Lust- und Fruchtbarkeitsaspekte als auch Beziehungs- und Identitätsaspekte des Sexuellen (Sielert 1993, S. 45ff.) die pädagogische Arbeit. Sexualerziehung kann als wesentlicher Aspekt der Persönlichkeitsbildung bezeichnet werden, die in der praktischen Arbeit nicht vom übrigen Erziehungsgeschehen zu trennen, sondern integrativer Bestandteil der Gesamterziehung ist (Sielert et al. 1996).

Schließlich läßt sich feststellen, daß die Kompetenzen zur Wahrnehmung, Deutung und der angemessenen Reaktion auf situativ geprägte, spontane und auch indirekte sexuelle Bedürfnisäußerungen und Probleme der Adressaten und Adressatinnen insbesondere durch eine stärkere „Lebensweltorientierung" (Thiersch 1992) der Praxis in den untersuchten Handlungsfeldern für die pädagogisch Tätigen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die differenzierten sexualpädagogischen Anforderungen der praktischen Arbeit werden jedoch nicht genügend in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern und sozialpädagogischen Assistentinnen und Assistenten berücksichtigt. Das Modellprojekt soll hier wichtige Ergebnisse und Anregungen geben, um die Situation langfristig und breitenwirksam zu verbessern.

Das Modellprojekt

Inhaltliche und gesellschaftspolitische Bedeutung gewinnt dieses Modellprojekt vor allem aus der wieder entflammten öffentlichen Auseinandersetzung mit den Präventionsmöglichkeiten von „sexueller Gewalt" und der hiermit verbundenen Forderung nach einer sexualfreundlichen und persönlichkeitsstärkenden Begleitung von Kindern und Jugendlichen. Gerade im Elementarbereich ist eine große Verunsicherung der pädagogisch Tätigen im Umgang mit kindlicher Sexualität und in der Auseinandersetzung mit den Eltern festzustellen (vgl. Wanzeck-Sielert 1997, Klein-schmidt/Martin/Seibel 1996 und Berger 1994). Das Verhältnis von Präventionsinteressen und einer sexualfreundlichen Erziehungshaltung ist in Kindertageseinrichtungen häufig spannungsgeladen und führt nicht selten zum Versuch, das Thema Sexualität aus dem Tagesstättenalltag auszuklammern.

Erzieherinnen und Erzieher sind allerdings nicht nur im Elementarbereich beschäftigt, sondern werden in zunehmendem Maße auch in der Heimerziehung, in der außerschulischen Jugendarbeit und in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung eingesetzt (vgl. Rauschenbach 1995). Dementsprechend werden in dem Projekt didaktische Materialien entwickelt, mit denen Erzieherinnen und Erzieher und sozialpädagogische Assistentinnen und Assistenten in angemessener Weise auf die Anforderungen in den verschiedenen Handlungsfeldern vorbereitet werden können.

Angestrebt wird eine an den Bedürfnissen der zukünftigen Adressatinnen und Adressaten orientierte sexualpädagogische Basisschulung, die

  • eine Reflexion der eigenen sexuellen Biographie mit ihren Folgen für Werthaltungen und Hemmungen beinhaltet,
  • Wissen vermittelt und Sprachfähigkeit fördert,
  • Sicherheit in der Wahrnehmung sexueller Äußerungen
  • von Kindern, Jugendlichen und Menschen mit einer Behinderung ermöglicht und Verhaltensalternativen im Umgang damit aufzeigt.

Folgende Ziele stehen im Mittelpunkt des Modellprojekts:

1.Erarbeitung eines sexualpädagogischen Curriculums mit Materialempfehlungen für den Einsatz in Fachschulen und Berufsfachschulen für Sozialpädagogik.

2.Erprobung der Unterrichtsmaterialien durch Lehrkräfte in Schleswig-Holstein.

3.Entwicklung und Erprobung eines Fortbildungskonzeptes für Lehrkräfte der Fachschulen und Berufsfachschulen.

Transfer der Ergebnisse des Modellprojekts in die Berufsfachschulen und Fachschulen für Sozialpädagogik in Schleswig-Holstein und anderen Bundesländern.

Das Projekt wird von der BZgA finanziert, vom Bildungsministerium Schleswig-Holstein gefördert und vom Landesinstitut Schleswig-Holstein für Praxis und Theorie der Schule (IPTS) durchgeführt. Geleitet wird es von der Lehrerin und Diplompädagogin Christa Wanzeck-Sielert. Die Projektgruppe setzt sich zudem aus zwei weiteren Diplompädagogen und vier mit begrenzter Stundenzahl abgeordneten Lehrkräften aus den Fachschulen und Berufsfachschulen für Sozialpädagogik zusammen.

Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation des Projekts wird vom Institut für Pädagogik der Universität Kiel geleistet.

Projektverlauf

1. Phase: Projektorganisation und Teambildung

  • Zusammenstellung der Projektgruppe
  • Inhaltliche Einarbeitung
  • Projektplanung und nähere Bestimmung der Projektziele
  • Kontaktaufnahme und Verzahnung mit relevanten Stellen, Institutionen sowie der Evaluationsgruppe

2. Phase: Konzeptionalisierung

  • Curriculumentwicklung und Lehrplanarbeit
  • Erarbeitung eines Materialkonzeptes
  • Entwicklung von Materialien für Lehrkräfte

3. Phase: Unterrichtsmaterialien

  • Erprobung der Materialien durch angeworbene Lehrkräfte
  • Optimierung der Materialien durch Rückkoppelung mit den erprobenden Lehrkräften
  • Überarbeitung der Bausteine

4. Phase: Fortbildung

  • Entwicklung eines Fortbildungskonzeptes für Lehrkräfte
  • Durchführung von Fortbildungen
  • Auswertung und Optimierung des Fortbildungskonzeptes

5. Phase: Endbericht und Tagung

  • Endgültige Verschriftung der Unterrichtsmaterialien und des Fortbildungskonzeptes
  • Transfer und Implementation der Ergebnisse in andere Bundesländer
  • Durchführung einer Fachtagung

Die Unterrichtsmaterialien

Die Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher und zur sozialpädagogischen Assistentin/zum Assistenten wird bundesweit bestimmt durch Unübersichtlichkeit und Uneinheitlichkeit. Dies hat verschiedene Gründe:

  • den Bildungsföderalismus der Bundesrepublik, der durch die Wiedervereinigung quantitativ und qualitativ noch verschärft wurde und aufgrund der Zuständigkeit der einzelnen Länder zu einer Regionalisierung der Ausbildung führt;
  • die grundgesetzlich geschützte Trägerpluralität, wodurch
  • die länderspezifische Ausbildungsstruktur weiter ausdifferenziert wird;
  • die teilweise weitgehende Unabhängigkeit (je nach Bundesland und Trägerschaft) der einzelnen Fach- und Berufsfachschulen in der Umsetzung der Ausbildungsrichtlinien.

Unterrichtsmaterialien, die bundesweit für Lehrkräfte an Fach- und Berufsfachschulen für Sozialpädagogik nützlich sein sollen, können sich dementsprechend nicht an den verschiedenen Ausbildungsordnungen orientieren, sondern müssen eine fachdidaktische Perspektive einnehmen und für die Unterrichtsrealität verschiedener Lehrkräfte attraktiv sein. Folglich sind die Materialien keine Zusammenstellung von ausgearbeiteten Unterrichtseinheiten, sondern eine Methoden- und Materialsammlung im Baukastenprinzip.

Die Unterrichtsmaterialien gliedern sich in folgende Kapitel:

  • Texte zu sexualpädagogischen Grundlagenthemen, wie psychosexuelle Entwicklung, Sprache, Prävention usw.
  • Persönlichkeitsbildung: Biographie, Normen/Werte und Körperbewußtsein (theoretische Grundlagen und Methoden);
  • Methoden/Material, Grundlagentexte und Literaturhinweise zu den Arbeitsfeldern: Kindergarten und Hort; offene Kinder- und Jugendarbeit; Heimerziehung; Einrichtungen für Menschen mit einer geistigen Behinderung.

Die Methoden- und Themenvielfalt ist dabei nicht als Beliebigkeit mißzuverstehen: Ausgehend von den Ausbildungsordnungen und Unterrichtserfahrungen in Schleswig-Holstein orientiert sich das Materialkonzept an den Kriterien Persönlichkeitsbildung, Arbeitsfeldorientierung, Erwachsenenbildung, lernbereichsübergreifender Unterricht und Projektunterricht.

Persönlichkeitsbildung: Die Anregung und Möglichkeit der Selbstreflexion ist eine notwendige Voraussetzung für pädagogisches und insbesondere für sexualpädagogisches Handeln. Gleichzeitig bietet die eigene Lebensgeschichte einen Erfahrungsfundus, der die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bereichern und die Reflexion darüber erleichtern kann. Hierfür sind die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie und eine persönliche Standortbestimmung nützlich.

Gemeint ist dabei das Nachdenken über die eigenen Motivationen zur sexualpädagogischen Arbeit, die Reflexion der sexuellen, geschlechtlichen und körperlichen Biographie und die Auseinandersetzung mit persönlichen Werten. Stärker als bei anderen Themen neigen Pädagoginnen und Pädagogen dazu, ihre Vorstellungen von Sexualität und Sexualmoral unreflektiert auf Kinder und Jugendliche zu übertragen. Nicht die Bedürfnisse und realen Handlungen von Kindern und Jugendlichen bestimmen dann das pädagogische Handeln, sondern Phantasien und moralische Vorstellungen. Selbstreflexion kann dazu beitragen, Kinder und Jugendliche in ihren Handlungen und Bedürfnissen unvoreingenommener wahrzunehmen, Empathie zu entwickeln, sprachfähiger zu werden und das eigene Handeln zu überdenken und gegebenenfalls zu verändern. Dieses sind Gründe dafür, daß im Materialkonzept die Bedeutung von selbstreflexiven Methoden betont wird.

Arbeitsfeldorientierung: Die Ausbildungsordnungen an Fach- und Berufsfachschulen für Sozialpädagogik betonen weit mehr als die sozialpädagogischen Fachhochschulen die Praxisnähe. Aus diesem Grund sind nicht theoretische Fragestellungen, sondern die sexualpädagogischen Anforderungen in den verschiedenen Arbeitsfeldern Ausgangspunkt für die meisten Methoden- und Materialvorschläge. Theoretische Auseinandersetzungen können sich anschließen.

Durch die Gliederung „Arbeitsfeld Kindergarten und Hort" soll dies verdeutlicht werden:

1.Sexualität im Kindergarten und Hort: Ein Überblick

  • Grundsätzliches zum Arbeitsfeld
  • Sexualität und Sexualerziehung
  • Anlässe und Themen von Sexualerziehung
  • Leitgedanken einer sexualfreundlichen Erziehung im Kindergarten und Hort
  • Literatur

Die theoretischen Grundlagen der Materialien werden vorgestellt, die sexualpädagogische Situation im Arbeitsfeld skizziert und erforderliche sexualpädagogische Handlungskompetenzen beschrieben.

2.Spezielle Einstiege

Methoden, die den Themenbereich „Sexualität in der offenen Kinder- und Jugendarbeit" eröffnen, und den Schülerinnen und Schülern die verschiedenen Dimensionen des Themenbereichs verdeutlichen.

3.Praxisbeispiele

Alltagssituationen ergeben einen Überblick und können Ausgangspunkt für eine praxisorientierte Auseinandersetzung sein.

4.Themenbausteine

  • Sprache (Sprüche, Kinderfragen, Aufklärung)
  • Umgang mit Ausdrucksformen kindlicher Sexualität (Selbstbefriedigung, Doktorspiele, Kuscheln, Scham)
  • Atmosphärische Bedingungen (Intimität, Kuschelecke, Medien)
  • Sinnes- und Körperwahrnehmung (Selbstbewußtsein, Lebenslust, Hygiene)
  • Geschlechtsrollen (geschlechtstypisches Verhalten, Konflikte zwischen Jungen und Mädchen, „Rollenspiele", „abwesende" Männer, kulturelle Unterschiede)
  • Freundschaften und Beziehungen (Verliebtheit, Eifersucht, Trennung, „sprunghafte Beziehungen für die Ewigkeit", gleichgeschlechtliche Liebschaften)
  • Eltern („sich beobachtet fühlen", Fragen von Eltern, Auseinandersetzungen mit Eltern, Elternabende)
  • Umgang mit HIV/AIDS (Infektionsrisiko, Umgang mit betroffenen Kindern, Ängste von Eltern und Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeitern)
  • Sexueller Mißbrauch (Prävention, Unsicherheit und Wut, Elternarbeit)

5.Projektideen

Die Projektideen vermitteln einen Eindruck, welche Fragestellungen sich im Themenbereich „Sexualität im Kindergarten und Hort" für ein Unterrichtsprojekt eignen.

6.Hinweise zu den Lernbereichen

Um lernbereichsübergreifendes Unterrichten zu fördern, werden an dieser Stelle beispielhaft Anregungen gegeben, welche Aspekte des Themenbereichs „Sexualität im Kindergarten und Hort" in welchen Lernbereichen aufgegriffen werden können.

Erwachsenenbildung: Besonders die heterogene Altersstruktur, die unterschiedlichen Vorbildungen und zum Teil umfangreiche Lebenserfahrung der Schülerinnen und Schüler machen eine Orientierung an didaktischen Prinzipien der Erwachsenenbildung unumgänglich. Dies gilt vor allem für die Formulierung der selbstreflexiven Methoden: Fachschulen und Berufsfachschulen bleiben auch mit dem Anspruch, persönliches Lernen zu ermöglichen, ein Bewertungsraum und gerade das Thema Sexualität verlangt einen hohen Grad an Sensibilität der Unterrichtenden und Selbstbestimmung der Schülerinnen bzw. Schüler.

Lernbereichsübergreifender Unterricht: Die Forderung nach fächerübergreifendem Unterricht ist alt. In Schleswig-Holstein sind bei der Überarbeitung der Ausbildungsordnungen die einzelnen Unterrichtsfächer zugunsten von Lernbereichen aufgegeben worden. Für die Ausbildung von Erzieherinnen bzw. Erziehern gibt es nun folgende Lernbereiche: Kommunikation und Gesellschaft; sozialpädagogische Theorie und Praxis; musisch-kreative Gestaltung; Ökologie und Gesundheit; Ordnung, Recht und Verwaltung. Die Ausbildungsordnung sieht den lernbereichsübergreifenden Unterricht ausdrücklich vor, und in den einzelnen Fachschulen wird diese Vorgabe im „Klassenteam" (alle Lehrkräfte, die in einer Klasse unterrichten) umgesetzt. Diese Innovation ist positiv zu bewerten und findet in den Unterrichtsmaterialien Berücksichtigung durch Methoden und Materialien zu allen Lernbereichen.

Projektunterricht: Zentraler Gedanke des Projektunterrichts ist die Orientierung an den Interessen und Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler und die gemeinsame Erarbeitung von Fragestellungen und Antworten. Übergeordnete Ziele verschieden umfangreicher Projektformen (Mini-Projekte bis Projektwochen) sind die Entwicklung arbeitsmethodischer, sozialer und fachlicher Kompetenzen (vgl. Frey 1990). Diese Methode eignet sich hervorragend für die sozialpädagogische Ausbildung und ist in die überarbeitete Ausbildungsordnung der Fachschule für Sozialpädagogik eingegangen. Mit Ideen für Unterrichtsprojekte in den verschiedenen Arbeitsfeldern sollen Lehrkräfte ermutigt werden, diese Methode im sexualpädagogischen Unterricht auszuprobieren. Momentan werden die Unterrichtsmaterialien von 30 Lehrkräften an den Fachschulen und Berufsfachschulen für Sozialpädagogik in Schleswig-Holstein erprobt und evaluiert. Die Ergebnisse der Erprobungsphase werden zur Optimierung der Materialien beitragen.

Die Fortbildungen

Ein Ergebnis der Situationsanalyse „Sexualpädagogik in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern"‚ (Sielert et al. 1996) war, daß viele Lehrkräfte Fortbildungsbedarf äußern, die Bereitschaft, an Fortbildung teilzunehmen, allerdings relativ gering ist. Diese scheinbare „Fortbildungsmüdigkeit" ist unterschiedlich zu interpretieren: Die Lehrkräfte haben keine Ressourcen für Fortbildung oder die vorhandenen Fortbildungsangebote sind nicht attraktiv.

Bei der Entwicklung des Fortbildungskonzepts fließen diese Überlegungen ein. Momentan arbeitet die Projektgruppe an einem niedrigschwelligen, differenzierten Fortbildungsangebot für Lehrkräfte an Fach- und Berufsfachschulen für Sozialpädagogik. In diesem Jahr werden in Schleswig-Holstein eine vierteilige Grundlagenfortbildung (überwiegend Tagesveranstaltungen) als Block und Einzelfortbildungen (Tagesveranstaltungen) zu den verschiedenen Arbeitsfeldern angeboten. Zudem wird in Zusammenarbeit mit dem Institut für Praxis und Theorie der Schule (IPTS) an einer angemessenen Qualifizierung von Referendarinnen und Referendaren gearbeitet.

Die Themen der Grundlagenfortbildung sind:

  • Sexualpädagogische Theorie
  • Biographie, Normen und Werte
  • Körper, Sprache und Sexualität
  • Praxisreflexion

Bei der Konzeptionierung der Grundlagenfortbildung sind insbesondere die Qualitätskriterien für sexualpädagogische Fortbildungsmaßnahmen der BZgA (BZgA 1995) eingeflossen: Wissenschaftlichkeit und Theoriebezug, Selbstreflexion der Teilnehmenden, Vermittlung didaktischer Handlungs- und Reflexionskompetenz und Praxisorientierung. Eine Besonderheit der Fortbildungen wird die Verzahnung der Unterrichtsmaterialien mit den Fortbildungsmaßnahmen sein. Die Unterrichtsmaterialien sollen den Lehrkräften zur Vor- und Nachbereitung der einzelnen Veranstaltungen dienen und während der Fortbildungen eingebracht werden.

Der Transfer

Die Möglichkeiten, die Erfahrungen der Projektgruppe in der Lehrplanarbeit, bei der Entwicklung der Unterrichtsmaterialien und der Fortbildung von Lehrkräften in anderen Bundesländern und bei verschiedenen Trägerverbänden einzubringen, sind begrenzt und dennoch ein wichtiges Projektziel. Geplant ist die Zusammenarbeit mit Entscheidungsträgerinnen bzw. -trägern aus den Bundesländern und Verbänden, die die jeweilige Ausbildungssituation einschätzen können. Gemeinsam sollen Strategien entwickelt werden, die dem eigentlichen Projektziel, sexualpädagogische Inhalte in der Ausbildung in allen Bundesländern fester zu verankern, dienen.

Fußnoten

1 Die Ausbildung zur „sozialpädagogischen Assistentin" bzw. zum „sozialpädagogischen Assistenten" ist das Ergebnis der Neukonzeption der Kinderpflegerinnen- und Kinderpflegerausbildung in Schleswig-Holstein.

2 Aus Gründen der Lesbarkeit wird im folgenden die bundesweit unterschiedliche Bezeichnung der Ausbildungsstätten von Erzieherinnen bzw. Erziehern und sozialpädagogischen Assistentinnen bzw. Assistenten, z.B. Fachakademie in Bayern oder Berufskolleg in Baden-Württemberg, nicht berücksichtigt.

Literatur

Berger, M. (1994): Sexualerziehung im Kindergarten. Frankfurt a.M., 4. Aufl.

BZgA (1995): Wegweiser. Sexualpädagogische Aus- und Fortbildung in der Bundesrepublik Deutschland. BZgA, Köln.

Frey, K. (1990): Die Projektmethode. Weinheim.

Hunfeld, M./Wrege, B. (1990): Sexualpädagogik in der Hochschulausbildung. (Abschlußbericht eines Forschungsprojektes). Bielefeld.

Kleinschmidt, L./Martin, B./Seibel, A. (1994): Lieben, Kuscheln, Schmusen. Münster.

Philipps, I.-M./Sielert, U. (1994): Sexualpädagogische Aus- und Fortbildungsangebote für MitarbeiterInnen des Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesens der Bundesrepublik Deutschland. Eine Expertise im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Dortmund.

Rauschenbach, Th. (1995): Die Erzieherin. Ausbildung und Arbeitsmarkt. Weinheim und München.

Sielert, U. (1993): Sexualpädagogik. Konzeption und didaktische Anregungen. Weinheim.

Sielert, U. et al. (1996): Sexualpädagogik in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. Eine Expertise zur Bestimmung curricularer Planungsdaten im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Köln (unveröffentlicht).

Thiersch, H. (1992): Lebensweltorientierte soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel. Weinheim.

Wanzeck-Sielert, Ch.: Der Mißbrauchsdiskurs und seine Auswirkungen auf Sexualität und Sexualerziehung. In: BZgA Forum Sexualpädagogik 1/2-1997, S. 22-25.

Autoren

Christian Osbar
Christian Osbar ist Diplompädagoge und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Modellprojekts „Sexualpädagogik in der Fachschule und der Berufsfachschule für Sozialpädagogik“ am IPTS.
 

Ralf Specht
Ralf Specht ist Diplompädagoge und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Modellprojekts „Sexualpädagogik in der Fachschule und der Berufsfachschule für "Sozialpädagogik“ am IPTS.
 

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