Berufsbegleitende Zusatzausbildung Sexualpädagogik für Fachkräfte in Beratungsstellen Kooperationsprojekt der Fachhochschule Merseburg mit dem Bundesverband der Pro Familia

Die Idee

Gerade in Zeiten der zunehmenden Pluralisierung und Individualisierung und einer eher scheinbaren Offenheit gegenüber allem Sexuellen wird sexualpädagogische Arbeit nicht überflüssig. Die Vielfalt von Lebensweisen und Sexualitäten bietet nicht nur mehr Freiheiten, sie erschwert auch für viele Menschen die Orientierung. Gerade in diesen Zusammenhängen wird eine professionelle sexualpädagogische Arbeit immer bedeutsamer. Professionalität jedoch verlangt eine qualifizierte und effiziente Ausbildung. Die wenigen Anbieter sexualpädagogischer Fort- und Weiterbildungen in der Bundesrepublik Deutschland kommen überwiegend aus dem Praxisbereich. Auch die Pro Familia bietet seit vielen Jahren mehrtägige Fortbildungsveranstaltungen an. Die guten Erfahrungen mit der an der Fachhochschule Merseburg etablierten Schwerpunktausbildung Sexualpädagogik im grundständigen Studiengang Sozialarbeit/Sozialpädagogik ließen auch hier die Ideen zu einer berufsbegleitenden Zusatzausbildung reifen. In gemeinsamen Gesprächen zwischen Vertretern des Bundesverbandes der Pro Familia und des Fachbereiches Sozialwesen der FH Merseburg entwickelte sich die Einsicht, daß eine Kooperation zwischen einer Hochschule und einem langjährig auf sexualpädagogischem Gebiet arbeitenden Dienstleistungsverband wie der Pro Familia, ein zukunftsweisender Weg für die Etablierung einer derartigen Zusatzausbildung sein könnte. Die Praxiserfahrungen der Pro Familia, verbunden mit dem wissenschaftlichen Hintergrund der Hochschule, sahen die Initiatoren als ausgezeichnete Grundlage für die Konzeption einer effizienten Ausbildung. So wurde bei der BZgA die Finanzierung eines Bundesmodellprojekts in gemeinsamer Kooperation beantragt.

Curriculum, Zielgruppen und Ziele der Ausbildung

Zur Realisierung des Kooperationsgedankens und Entwicklung des Curriculums wurde eine aus sechs ExpertInnen bestehende und paritätisch besetzte Gruppe (Ost/West, weiblich/männlich, FH Merseburg/Pro Familia) berufen. Auf diese Weise konnten unterschiedliche Sichtweisen und Erfahrungen beider Träger in Ost und West in das Curriculum eingebracht werden. Auch die Leitung der geplanten zwei Kurse wurde nach diesem Prinzip besetzt (Tatjana Botzat - Pro Familia, Prof. Dr. Harald Stumpe - FH Merseburg). Die Curriculumgruppe erhielt zugleich die Aufgabe, während der gesamten Laufzeit des Projekts als ständiges Beratungsgremium zur Verfügung zu stehen. Für das gesamte Management, einschließlich interner Evaluierung, steht dem Projekt eine halbe Personalstelle (Projektkoordinator mit Sitz in der Bundesgeschäftsstelle der Pro Familia) zur Verfügung.

Das Curriculum des eineinhalbjährigen Weiterbildungsprojekts sieht einen Umfang von 176 Stunden an insgesamt 11 Wochenenden und ein 100stündiges Praktikum unter Supervision (zwei Wochenenden) vor. Der gesamte Kurs wird vom Teamerpaar an allen Wochenenden begleitet und mit einem Abschlußkolloquium am 12. Wochenende beendet. Der größte Teil des geplanten Stundenvolumens wird von den KursleiterInnen auch inhaltlich bestritten. Zu speziellen Ausbildungsfeldern (z.B. Projektmanagement, Theaterpädagogik, Arbeit mit dem Medium Video, sexueller Mißbrauch) konnten externe ReferentInnen gewonnen werden. Die berufsbegleitende Zusatzausbildung, welche bundesweit ausgeschrieben wurde, richtet sich primär an Fachkräfte in Beratungsstellen, ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen, LehrerInnen, PsychologInnen und ÄrztInnen. Auch bei der Auswahl der TeilnehmerInnen wurde auf ein ausgewogenes Verhältnis von BewerberInnen aus Ost und West geachtet, um die unterschiedlichen Erfahrungen und Ansichten in der Gruppe fruchtbar zu machen.

Die Ausbildung soll insbesondere Kompetenzen auf den folgenden vier Lernzielebenen entwickeln:

  • Ebene der Selbsterkenntnis (Reflexion der eigenen sexuellen Sozialisation, eigener Einstellungen, Wünsche, Phantasien und Ängste);
  • Ebene der Wissensaneignung (relevante sexuologische und entwicklungspsychologische Fachkenntnisse);
  • Pädagogische Ebene (TZI-Grundlagen, Didaktik, sexualpädagogisches Methodeninstrumentarium);
  • Ebene des Management (Projektmanagement, Akquisition von Ressourcen, Einflußnahme auf politische und pädagogische Institutionen).

Besondere Bedeutung wird in der Ausbildung dem Praktikum beigemessen. Dort geht es um die didaktische Umsetzung sexualpädagogischer Themen für die unterschiedlichen Zielgruppen der Sexualpädagogik, wobei die TeilnehmerInnen auf die Planung, Durchführung und Auswertung eines eigenen kleinen Projekts hin orientiert werden, welches im Rahmen der eigenen Einrichtung oder in einer anderen Institution realisiert werden kann. Der Entwicklung eines solchen Praxisprojekts vorausgegangen sind Bausteine, die die TeilnehmerInnen mit Grundlagen der sexualpädagogischen Arbeit vertraut gemacht haben: mit den Werten und Normen, den Funktionen und Formen von Sexualität, mit den geschlechtsspezifischen und interkulturellen Ansätzen, den unterschiedlichen Zielgruppen und Handlungsfeldern, den spezifischen Themen und Fragestellungen.

Bisherige Erfahrungen

Die Ausschreibung der beiden Kurse erfolgte bundesweit über die Printmedien und direkte Schreiben an Beratungsstellen u. ä. Einrichtungen mit dem Schwerpunkt in den neuen Bundesländern. Die Resonanz war unerwartet groß. Zum Ausschreibungsende des zweiten Kurses lagen mehr als 350 Anfragen und dreimal so viele Bewerbungen wie vorhandene Seminarplätze vor. So war es möglich, eine Auswahl unter den BewerberInnen zu treffen, die eine annähernd optimale Gruppenzusammensetzung nach den Kriterien Ost/West, Frau/Mann, unterschiedliches Alter und Vielfalt der persönlichen Lebensweisen sowie beruflichen Arbeitsfeldern und sexualpädagogischen Vorerfahrungen zuließ (vgl. auch Beitrag des IFT Kiel).

Die Zusammensetzung der Gruppe des ersten Kurses konnte aufgrund der relativ kurzen Ausschreibungszeit und der kurzfristigen Absage ursprünglich angemeldeter Männer nicht so günstig wie im Kurs 2 gestaltet werden. Diese gewollte Heterogenität der Gruppen stellt und stellte die Kursleitung jedoch immer wieder vor neue Fragen und Aufgaben. So mußten die jeweils bevorstehenden Kurswochenenden trotz detailliertem Curriculum immer wieder inhaltlich, didaktisch und methodisch ausdifferenziert werden. Hier wird schon deutlich, daß diese sensiblen Gruppenprozesse nur sichtbar und beeinflußbar durch eine den gesamten Kurs begleitende Gruppenleitung (idealerweise Teamerpaar) werden.

Das Kooperationsprojekt schreibt im Unterschied zu den anderen Modellprojekten ein Praktikum (100 Stunden) mit Supervision (50 bzw. 36 Stunden) vor. Aufgrund der Erfahrungen im ersten Kurs wurden die TeilnehmerInnen des zweiten Kurses auf die Durchführung eines eigenen sexual-pädagogischen Projekts für eine bestimmte Zielgruppe von Anbeginn hingeleitet. Dieses Projekt kann durchaus im Auftrage der eigenen Arbeitsstelle erfolgen. Es muß sich jedoch typischerweise durch innovative Bestandteile eindeutig von den alltäglichen Arbeitsaufgaben abheben. Im Gegensatz dazu absolvierten einige TeilnehmerInnen des ersten Kurses ein klassisches Praktikum in einer anderen Einrichtung mit sexualpädagogischen Aufgaben (z.B. Schwangerenberatungsstelle, AIDS-Hilfe), was sich unserer Auffassung nach nicht bewährt hat. Die Erarbeitung, Durchführung und Nachbereitung eines eigenen Projekts stellt höhere Anforderungen

und hat einen weitaus größeren Lerneffekt. Die erstellten Projektdokumentationen stellen übrigens die Grundlage der Abschlußkolloquia dar. An den ersten fünf Kurswochenenden wird konsequent auf dieses Ziel hingearbeitet. Das fünfte Wochenende vermittelt den TeilnehmerInnen Grundlagen im Projektmanagement, die dann auf das jeweilige Projekt angewendet werden. Am Ende dieser ersten Ausbildungsphase verfügt jede(r) TeilnehmerIn über ein Grobkonzept für die Praxisphase, die sich etwa über 4-6 Monate hinzieht. Die Supervision der Praxis hat sich insgesamt gesehen sehr bewährt. Aber auch hier gab es Modifikationen beim zweiten Kurs: Die TeilnehmerInnen des ersten Kurses mußten sich selbständig um ihre Supervision bemühen (SupervisorInnen wurden von den Trägern der Zusatzausbildung nur vorgeschlagen). Diese Regelung führte zu Unzufriedenheiten insofern, daß TeilnehmerInnen, die in ihrem beruflichen Zusammenhang regelmäßige Supervision genossen, diese auch anerkannt bekamen. Aufgrund dieser Erfahrungen nehmen alle TeilnehmerInnen des zweiten Kurses an zwei von den Trägern organisierten Supervisionswochenenden in drei Regionalgruppen, mit in der sexual-pädagogischen Praxis erfahrenen SupervisorInnen, verbindlich teil (daher auch die Reduzierung der ursprünglich vorgeschriebenen 50 Stunden auf 36).

Erste Schlußfolgerungen

Aus den bisher gesammelten Erfahrungen und dem Verlauf des Modellprojekts lassen sich schon heute einige wichtige Schlußfolgerungen ziehen. Diese sollen zusammenfassend kurz dargestellt werden:

  • Bei der Bewilligung von Modellprojekten im Bereich der Fort- und Weiterbildung sollte dem Antragsteller die Möglichkeit gegeben werden, wenigstens zwei abgeschlossene Durchgänge (in unserem Falle zwei Kurse) verwirklichen zu können, die möglichst unter der gleichen Leitung stehen sollten. Wie wir bisher selbst feststellen konnten, ist der Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn aus dem ersten Durchgang sehr hoch. Fehler können so nicht nur analysiert werden, sondern zielgerichtet in einem zweiten Durchgang vermieden werden.
  • Um die sensiblen Gruppenprozesse stets analysieren und entsprechend beeinflussen zu können, bedarf es sinnvollerweise bei längeren Weiterbildungen einer Leitung, die den gesamten Verlauf der Ausbildung begleitet und dabei selbst in hohem Maße inhaltlich wirksam wird. Idealerweise sollte das bei einer sexualpädagogischen Weiterbildung ein Leitungspaar (Frau und Mann) sein.
  • Eine Gruppengröße von ca. 12-15 TeilnehmerInnen ist sicher ideal. Wir meinen, daß durch gezielten Methodeneinsatz (z.B. Kleingruppenarbeit) durchaus mit Größen bis max. 20 Personen effektiv gearbeitet werden kann. Bei einer möglichen Auswahl unter ausreichend vielen BewerberInnen ist der Heterogenität der Gruppe bei einem möglichst ausgewogenen Geschlechterverhältnis der Vorzug zu geben. Dabei sollte jedoch berücksichtigt werden, daß die Vorerfahrungen nicht zu stark polarisiert sind (TeilnehmerInnen mit keinerlei Vorerfahrungen gegenüber TeilnehmerInnen mit bereits mehreren sexualpädagogischen Fortbildungen). Im Sinne der Annäherung und Integration von Ost- und Westerfahrungen gestaltet sich ein gleichgewichtiges Verhältnis von TeilnehmerInnen aus den neuen und alten Ländern durchaus fruchtbar.
  • Ein curricularer Rahmen, der konsensuelle Standards enthalten sollte, ist Voraussetzung einer qualitativ hochwertigen sexualpädagogischen Weiterbildung. Das Leitungsteam der Bildungsmaßnahme (insbesondere die Kursleitung) muß in der Lage sein, auf die Zusammensetzung und die Bedürfnisse der Gruppe flexibel zu reagieren und notwendige Veränderungen des Curriculums vorzunehmen (jede Gruppe benötigt letztendlich ihr eigenes Curriculum).
  • Wir halten den Baustein eines Praktikums, oder besser: die Integration eines sexualpädagogischen Projekts in die Ausbildung, für zwingend notwendig. Eine Supervision der Praxisphase durch geeignete Fachkräfte (SupervisorInnen mit sexualpädagogischen Erfahrungen) sollte den TeilnehmerInnen ermöglicht werden.
  • Die bisherigen Erfahrungen ermuntern beide Träger, über Möglichkeiten der Fortführung dieser Weiterbildung nach Auslaufen des Modellprojekts nachzudenken.

Autor

Prof. Dr. Harald Stumpe
Prof. Dr. Harald Stumpe ist Professor für Sozialmedizin an der FH Merseburg. Dort hat er gemeinsam mit Prof. Dr. K. Weller eine Schwerpunktausbildung „Sexualpädagogik und Familienplanung" aufgebaut. Er leitet mit Tatjana Botzat die berufsbegleitende Zusatzausbildung „Sexualpädagogik".
 

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