Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen

Sexueller Mißbrauch an Kindern ist ein Thema, das seit einigen Jahren großes öffentliches Interesse findet. Fast täglich berichten die Medien über spektakuläre Einzelfälle oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse. In der dritten Januarwoche dieses Jahres wurde beispielsweise in vielen großen Zeitungen gleich dreimal ausführlich über den sexuellen Mißbrauch berichtet. Am Anfang der Woche stand eine Experten/-innenanhörung der SPD-Fraktion im Mittelpunkt des Interesses. Die Frankfurter Rundschau titelte „Sexuelle Gewalt üben meist Jungen aus". Drei Tage später endete das zweite der drei „Wormser Kindesmißbrauchsverfahren". Schlagzeile im Hamburger Abendblatt dazu: „Aus Mangel an Beweisen: Freisprüche im Kindersexprozeß". Am darauffolgenden Tag beschäftigt ein aufsehenerregender Einzelfall Medien und Öffentlichkeit. Ein Ehepaar aus Oberbayern bot offenbar im Computerdienst T-Online Kinder zur Folter an. Schlagzeile in der Bild-Zeitung: „Das Folter-Haus. Paar verhaftet! Kellerverlies für Kindersex gebaut?" In der gleichen Woche finden sich in mehreren Wochenzeitungen Hintergrundberichte über die Frage, ob Sexualstraftäter therapierbar sind (z.B. Die Woche vom 24.1.1997). Durch diese Flut von Medienberichten werden neben wichtigen Informationen sehr häufig auch falsche Vorstellungen über den sexuellen Mißbrauch an Mädchen und Jungen transportiert. So wird im Bericht der Frankfurter Rundschau über die SPD-Anhörung beispielsweise behauptet, daß „sexuelle Gewalt in allen Formen laut Untersuchungen in zwei Drittel aller Fälle von Jugendlichen ausgeübt wird". Solche eindeutig falschen Informationen setzen sich oftmals in den Köpfen der Leser/-innen fest und behindern eine fachgerechte Diskussion. Dieser Beitrag möchte durch einen kurzen Überblick über den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen.

Zur Definition sexuellen Mißbrauchs

Bis heute gibt es keine allgemeingültige Definition sexuellen Mißbrauchs an Kindern. Einig sind sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darüber, daß alle sexuellen Handlungen, die durch Drohungen oder körperliche Gewalt erzwungen werden, sexueller Mißbrauch sind. Ebenso einhellig gilt es als sexuelle Gewalt, wenn die sexuellen Kontakte gegen den Willen eines Kindes stattfinden. Da Kinder in Einzelfällen jedoch sagen, daß sie „es" auch gewollt hätten, ergeben sich hier erste Probleme. Für betroffene Kinder kann eine solche Aussage eine wichtige Strategie sein, um die Situation auszuhalten. Sie versuchen damit, ihre eigene Machtlosigkeit und das sie verletzende Verhalten des Täters umzudeuten. Judith Lewis Herman (1994, S. 142) beschreibt solche Abwehrmechanismen bezogen auf den innerfamilialen sexuellen Mißbrauch folgendermaßen:

„Obwohl es (das Kind, D.B.) sich einer gnadenlosen Macht ausgeliefert fühlt, darf es die Hoffnung nicht verlieren und muß an einen Sinn glauben. Absolute Verzweiflung, die einzige Alternative, kann ein Kind nicht ertragen. Um sich das Vertrauen in die Eltern zu bewahren, darf das Kind die naheliegendste Schlußfolgerung, daß nämlich die Eltern extrem gestört sind, nicht ziehen. Es wird alles tun, um eine Erklärung für sein Schicksal zu finden, die seine Eltern von jeder Schuld und Verantwortung freispricht."

Eine Lösung für das Dilemma der „scheinbaren Einwilligung" von Kindern bietet das Konzept des wissentlichen Einverständnisses. Es geht davon aus, daß Kinder gegenüber Erwachsenen keine gleichberechtigten Partner sein können, weil sie ihnen körperlich, psychisch, kognitiv und sprachlich unterlegen sind. Hinzu kommt, daß Kinder auf die emotionale und soziale Fürsorge Erwachsener angewiesen und Erwachsenen rechtlich unterstellt sind. Kinder können aus diesen Gründen sexuelle Kontakte mit Erwachsenen nicht wissentlich ablehnen oder ihnen zustimmen. Aufgrund dieses strukturellen Machtgefälles ist jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Kind und einem Erwachsenen sexueller Mißbrauch (z.B. Fegert 1987, S. 167).

Verschiedene Forscher/innen modifizieren das Konzept des wissentlichen Einverständnisses dahin gehend, daß sie einen Altersunterschied zwischen Opfer und Täter als Definitionskriterium benutzen. Meistens setzen sie einen Altersunterschied von fünf Jahren voraus, ehe sie von sexuellem Mißbrauch sprechen. So wollen sie eine Ausuferung der Definition sexuellen Mißbrauchs vermeiden (z.B. Finkelhor 1979, S. 50f.). Problematisch an diesem Definitionskriterium ist, daß sexuelle Gewalt unter Jugendlichen nicht erfaßt wird.

Von einigen Autoren wird das Konzept des wissentlichen Einverständnisses abgelehnt. Sie behaupten, daß sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen keinesfalls immer ungleiche Beziehungen mit verschiedenen Machtpositionen seien. Vielmehr könne beispielsweise gerade bei „echten päderastischen Beziehungen" zwischen Männern und Jungen „von Mißbrauch nur in wenigen Ausnahmefällen die Rede sein" (Kentler 1994, S. 149; vgl. Lautmann 1994). Diese Wissenschaftler lassen außer acht, daß zwischen Kindern und Erwachsenen hinsichtlich ihrer Sexualität eine „Disparität der Wünsche" besteht (Dannecker 1987,

S. 84). Natürlich haben Kinder sexuelle Bedürfnisse, die sie auch ausleben sollen. Aber „aus der kindlichen Neugier an sexuellen Dingen einen Wunsch nach sexuellen Kontakten abzuleiten, ist ebenso unangemessen, wie aus der kindlichen Neugier an Tätigkeiten, die Erwachsene ausüben, einen Wunsch nach Berufstätigkeit abzuleiten" (Rust 1986, S. 14).

Fachliche Kontroversen bestehen auch bezüglich der Frage, ob sexualisierte Blicke und Exhibitionismus - d.h. Übergriffe ohne Körperkontakt - sexuellem Mißbrauch zuzurechnen sind oder nicht. Einige Forscher/-innen nehmen solche Handlungen nicht in ihre Definition auf, da sie sie für wenig oder nicht traumatisierend halten (Wolff 1994, S. 83); andere Wissenschaftler/-innen beziehen sie mit ein, weil sie zumindest von einem Teil der Kinder als belastend erlebt werden (Bange, Deegener 1996, S. 100ff.).

Eines der wahrscheinlich gängigsten Argumente gegen Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern ist, daß dadurch das Kind geschädigt werde. Folgende Gründe halten aber viele Forscher/-innen davon ab, sexuellen Mißbrauch in Abhängigkeit von möglichen Folgen zu definieren:

  • Nicht jeder sexuelle Mißbrauch ist traumatisch. Es gibt Kinder, deren Psyche fähig ist, „weniger intensive" sexuelle Ausbeutung ohne bedeutende Beeinträchtigungen der seelischen Entwicklung zu verarbeiten (Dannecker 1987, S. 81; Russell 1986, S. 42).
  • Nicht bei allen Kindern sind in direkter Folge des sexuellen Mißbrauchs Verhaltensauffälligkeiten festzustellen. Bei einigen Kindern zeigen sich die Schädigungen erst im Laufe der Jahre (Finkelhor, Berliner 1995, S. 1417).
  • Außerdem ist eine traumaorientierte Definition in gewissem Sinne eine empirische, die beispielsweise vor Gericht dazu führen könnte, „darüber zu streiten, ob überhaupt Schäden entstanden sind. Da bei sexuellem Mißbrauch sowohl Sofort- wie auch extreme Langzeitfolgen bekannt sind, ist eine solche Überprüfung schwierig." (Fegert 1987, S. 167)

Schwierigkeiten wirft auch die Bestimmung einer Altersgrenze auf, um den sexuellen Kindesmißbrauch von der sexuellen Gewalt gegen Frauen und Männer abzugrenzen. So wird in einigen Untersuchungen nur sexueller Mißbrauch, der vor dem 14. Lebensjahr stattfand, berücksichtigt. Andere Studien ziehen die Altersgrenze bei 16 Jahren und wieder andere bei 18 Jahren. So sinnvoll und logisch eine Altersbegrenzung scheint, ist sie dennoch nicht unproblematisch. Denn eine 15jährige kann weiter entwickelt sein als manche 17jährige, während einige 19jährige durchaus noch sehr kindlich sein können.

Ein einzelnes Definitionskriterium reicht also nicht aus, um alle Fälle sexueller Gewalt zu erfassen. Eine Kombination verschiedener Ansätze ist notwendig. Dennoch wird es immer Grenzfälle geben. Ein Verhalten kann einmal sexueller Mißbrauch sein und ein anderes Mal nicht. Wenn beispielsweise ein Vater immer schon mit seiner Tochter gebadet hat und sie Spaß daran hat, ist es sicher kein sexueller Mißbrauch, wenn er auch im Alter von neun, zehn Jahren noch mit ihr planscht. Sollte seine Tochter ihm aber zeigen, daß sie es nun nicht mehr möchte, und er tut es trotzdem, ist die Grenze überschritten. Haben Vater und Tochter nie zusammen gebadet und sich nie nackt gesehen, erlebt es das Kind sicher als sexuellen Übergriff, wenn der Vater plötzlich nach zehn Jahren mit ihm badet (Saller 1987, S. 30).

Eine allgemein akzeptierte und für alle Zeiten gültige Definition sexuellen Mißbrauchs an Kindern kann es aufgrund der beschriebenen Schwierigkeiten nicht geben.

Ausmaß und Umstände

In den letzten fünf Jahren wurden in Deutschland sechs größere Untersuchungen zum Ausmaß und zu den Umständen des sexuellen Mißbrauchs an Mädchen und Jungen durchgeführt. Die Studien stellen fest, daß zwischen 17 und 32 % der Frauen und zwischen 4 und 14 % der Männer als Kinder sexuell mißbraucht werden (siehe Tabelle S. 16).

Die in den Untersuchungen auftretenden deutlichen Schwankungen hinsichtlich der Häufigkeit sexueller Gewalt gegen Kinder sind u.a. durch die verschiedenen Untersuchungsgruppen, durch unterschiedliche Konzeptionen der verwendeten Fragebogen und durch die zugrunde gelegten teilweise erheblich divergierenden Definitionen bedingt.

Abb. 1 Das Ausmaß sexuellen Mißbrauchs an Kindern

Wie massiv sich gerade unterschiedliche Definitionen auswirken, zeigt die Studie von T. J. Elliger und K. Schötensack. Sie befragten per Fragebogen 220 Universitätsstudenten/-innen, 241 Fachhochschulabsolventen/-innen und 557 Berufsschüler/innen aus Würzburg. Der Auswertung ihrer Daten legten sie verschiedene Definitionen zugrunde. Nach ihrer weitesten Definition, die Mißbrauchserfahrungen mit und ohne Körperkontakt sowie Mißbrauch unter Gleichaltrigen einschließt, sind 33,5% der Befragten betroffen. Je weiter sie ihre Definition einschränken, desto weiter sinken die Zahlen. Wenn beispielsweise nur noch solche Erfahrungen als sexueller Mißbrauch gelten, bei denen Zwang und Gewalt angewendet wurde, die Vergewaltigungen beinhalteten, mindestens ein Altersunterschied von fünf Jahren bestand und bei denen Körperkontakt stattfand, sind „nur" noch 6,9% der Befragten betroffen (Elliger, Schötensack 1991, S. 149.).

Die Untersuchungen belegen unzweifelhaft, daß in Deutschland sehr viele Kinder Opfer sexueller Gewalt werden. Es muß jedoch genauer differenziert werden, wenn man ausgehend von den obigen Untersuchungsergebnissen davon spricht, daß etwa jedes fünfte Mädchen und jeder zwölfte Junge sexuell mißbraucht wird. Denn bedingt durch die Medienberichterstattung, viele autobiographische Romane und einige Sachbücher hat sich in vielen Köpfen die Vorstellung festgesetzt, daß all diese Kinder Opfer jahrelanger Vergewaltigungen von Vätern oder von brutal vorgehenden, dem Kind unbekannten Männern sind. Die Untersuchungsergebnisse zeigen jedoch, daß diese Fälle nur einen Teil des sexuellen Mißbrauchs ausmachen (Gloor, Pfister 1995; Julius, Boehme 1994; Brockhaus, Kolshorn 1993; Bange, Deegener 1996):

  • Etwa ein Viertel des sexuellen Mißbrauchs findet innerhalb der Familie statt. Als Täter treten dabei nicht nur Väter in Erscheinung, sondern auch Großväter, Onkel, Brüder, Cousins, Mütter und Tanten. Gut die Hälfte der Täter kommt aus dem außerfamilialen Nahraum der Kinder
  • (z.B. Nachbarn, Bekannte, Freunde der Familie). Dem Kind unbekannte Täter sind für das restliche Viertel des sexuellen Mißbrauchs verantwortlich.
  • Gut die Hälfte der in den Untersuchungen erfaßten Fälle sexuellen Mißbrauchs besteht aus einmaligen sexuellen Übergriffen. Die andere Hälfte geschieht wiederholt und zieht sich nicht selten über Jahre hin. Dies gilt insbesondere für den sexuellen Mißbrauch durch Väter.
  • Anale, orale oder vaginale Vergewaltigungen mit Penis, Fingern oder Gegenständen erfuhr etwa ein Drittel der befragten Frauen und Männer. Ein Drittel mußte genitale Manipulationen über sich ergehen lassen und ein Drittel wurde an der Brust angefaßt, mußte sich küssen lassen oder begegnete einem Exhibitionisten.
  • Mädchen und Jungen jeden Alters werden Opfer sexuellen Mißbrauchs. Bei den Untersuchungen schwankt das Durchschnittsalter zwischen 9,5 und 12 Jahren.
  • Etwa 80 bis 90% der Täter sind Männer. In den letzten Jahren ist jedoch immer deutlicher geworden, daß auch Frauen Kinder sexuell mißbrauchen. Bei Jungen geht man von einem Täterinnenanteil von etwa 20% und bei den Mädchen von unter 10% aus.
  • Der überwiegende Teil der Täter sind Erwachsene zwischen 19 und 50 Jahren. Die Studien weisen allerdings nach, daß mehr als ein Viertel der Täter selbst noch Kinder oder Jugendliche sind. Dies ist in der Diskussion lange übersehen worden und erfordert unbedingt neue Konzepte für die Arbeit mit sexuell auffälligen Jugendlichen.

Folgen

Sexueller Mißbrauch löst bei Kindern eine Reihe unangenehmer Gefühle und Gedanken aus. Sie fühlen sich verraten und sind traurig. Ein Mensch, dem sie vertraut haben, hat ihre Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit ausgenutzt. Sie haben Angst, daß sich der sexuelle Mißbrauch wiederholt. Sie haben Angst vor den Schmerzen und Angst vor den Reaktionen der Umwelt, vor Schwangerschaft und anderem mehr. Sie schämen sich für das, was ihnen passiert ist. Sie fühlen sich mitschuldig, weil sie glauben, sich nicht genügend gewehrt zu haben oder weil sie eigene Erregung gespürt haben. Sie sind sprachlos und fühlen sich hilflos der Situation ausgeliefert (Enders 1995, S. 39.).

Angesichts dieser Gefühle und Gedanken ist es keine Überraschung, daß die meisten sexuell mißbrauchten Mädchen und Jungen Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme entwickeln. Infolge eines sexuellen Mißbrauchs sind bei den betroffenen Kindern fast alle bekannten Verhaltensauffälligkeiten beobachtet worden. Ein spezifisches Mißbrauchssyndrom konnte trotz aller Anstrengungen bis heute nicht beschrieben werden (Bange, Deegener 1996, S. 74.).

Eine besondere Bedeutung hinsichtlich diagnostischer Bemühungen wird dem Symptom „altersunangemessenes Sexualverhalten" beigemessen, da in verschiedenen Untersuchungen festgestellt wurde, daß sexuell mißbrauchte Kinder - insbesondere Jungen - im Vergleich zu anderen auffälligen und nicht auffälligen Kindern signifikant häufiger ein solches Verhalten zeigen (z.B. Friedrich 1988, S. 191f.; Cosentino, Meyer-Bahlburg, Alpert, Weinberg, Gaines 1995, S. 1037). Vor einer Überinterpretation sexualisierten Verhaltens sei hier aber ausdrücklich gewarnt. „Doktorspiele" oder Zeichnungen, auf denen Genitalien zu sehen sind, finden sich häufig auch bei nicht mißbrauchten Kindern. Außerdem sind längst nicht alle sexuell mißbrauchten Kinder in sexueller Hinsicht auffällig. Schließlich bereitet es erhebliche Probleme, den Begriff „altersunangemessenes Sexualverhalten" präzise zu definieren, da kaum verläßliche Erkenntnisse über „normales" Sexualverhalten von Kindern vorliegen (Fegert 1993, S. 40f.; Schuhrke 1994, S. 98; Jones, Royal College of Physicians 1996, S. 20).

Nicht alle sexuell mißbrauchten Kinder sind im gleichen Maße geschädigt. Einige leiden dauerhaft, andere vorübergehend und einige zeigen zumindest äußerlich keine Auffälligkeiten (s.o.). Diese Erkenntnis hat mit zu der Frage geführt, welche Faktoren die Entwicklung der Folgen beeinflussen. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, daß die Umstände des sexuellen Mißbrauchs bedeutsam sind. Die Schädigungen sind in der Regel um so größer,

  • je enger die Beziehung zwischen Kind und Täter ist,
  • je mehr Zwang und (körperliche) Gewalt der Täter anwendet,
  • je massiver die sexuellen Übergriffe sind und
  • je häufiger und länger ein sexueller Mißbrauch stattfindet (Bange, Deegener 1996, S. 68.).

Aus diesen Ergebnissen darf jedoch nicht der Fehlschluß abgeleitet werden, daß nur sexueller Mißbrauch, der mit körperlicher Gewalt durchgesetzt wird, sich wiederholt und durch nahe Verwandte verübt wird, traumatisch ist. Auch sehr viele der anderen Opfer geben in den Untersuchungen an, daß sie sich extrem beeinträchtigt oder geschädigt fühlen (z.B. Russell 1986, S. 144.).

Neben den Umständen haben die Reaktionen auf die Aufdeckung des sexuellen Mißbrauchs erheblichen Einfluß. Eine besonders wichtige Rolle spielt das Verhalten der Eltern. Reagieren die Eltern ablehnend oder bestrafend, entwickeln die Kinder meist schwerwiegendere Verhaltensauffälligkeiten. Gehen die Eltern einfühlsam mit den Kindern um, mildert dies die Auswirkungen des sexuellen Mißbrauchs (Bange, Deegener 1996, S. 70). Eine ganze Reihe von Studien zeigt, daß sich eine therapeutische Begleitung bei vielen Kindern günstig auswirkt (Finkelhor, Berliner 1995, S. 1414f.).

Wie sich Heimunterbringungen, Gerichtsverhandlungen, polizeiliche Vernehmungen und andere institutionelle Maßnahmen auswirken, ist bisher leider kaum erforscht worden. Sehr kontrovers wird derzeit diskutiert, welche Auswirkungen ein Gerichtsverfahren hat. Verschiedene Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, daß die derzeitige gerichtliche Praxis wenig opferfreundlich ist und deshalb von den meisten Kindern als Belastung erlebt wird (Kirchhoff 1994; Fastie 1994). Andere Untersuchungen kommen zu der Einschätzung, daß Gerichtsverhandlungen besser als ihr Ruf sind (Volbert, Busse 1995).

Bei den Überlegungen, welche Faktoren die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen beeinflussen, müssen zudem die Entwicklung des Kindes vor dem sexuellen Mißbrauch und die Bewertung des Mißbrauchs durch das Kind berücksichtigt werden (Mannarino, Cohen, Berman 1994, S. 67.).

Hintergründe und Ursachen

Die Suche nach der Ursache für sexuellen Mißbrauch führt ins Abseits. Warum Männer (und Frauen) Kinder sexuell ausbeuten, kann nur durch ein Mehrfaktorenmodell erklärt werden. Ein solches Modell muß die individuellen und biographischen, die soziokulturellen und die situativen Faktoren erfassen und aufeinander beziehen (Finkelhor 1984, S. 33.).

Als eine der wichtigsten soziokulturellen Hintergründe wird die Jungensozialisation angesehen. Vor allem von feministisch orientierten Autorinnen werden die Ideologie patriarchalischer Vorherrschaft und die Hindernisse gegenüber der Gleichberechtigung von Frauen verantwortlich gemacht (Brockhaus, Kolshorn 1993, S. 203.). Damit eng verknüpft, erscheint die Machtlosigkeit von Kindern in unserer Gesellschaft als weitere wichtige Bedingung. Auch die geringen rechtlichen Sanktionen gegenüber den Tätern, die soziale Toleranz gegenüber abweichendem Verhalten, welches unter Alkoholeinfluß entsteht, mangelnde Sexualaufklärung und erotische Darstellungen von Kindern in der Werbung sowie die Kinderpornographie werden als Bedingungsfaktoren immer wieder genannt (ebd.; Bange 1993, S. 51.; Finkelhor 1984, S. 36.).

Auf individueller Ebene wird ein geringes Selbstwertgefühl und eine Persönlichkeit voller Schamgefühle als Gemeinsamkeit zwischen den Tätern gesehen. Selbst wenn es nach außen bei vielen Tätern so scheint, als wenn sie „starke Männer" wären, deutet doch alles darauf hin, daß sie zumindest auf emotionaler Ebene eher ängstlich und sich ihrer Männlichkeit unsicher sind. Dementsprechend haben sie häufig Schwierigkeiten, reife Beziehungen einzugehen bzw. sie in Krisenzeiten aufrechtzuerhalten. Hinzu kommen meist Probleme im Umgang mit Aggressionen und mit ihrer Sexualität (Schorsch, Galedary, Haag, Hauch, Lohse 1985, S. 38.).

Für diese Probleme können Kindheitserfahrungen mitverantwortlich sein, denn in ihrer Kindheit haben viele dieser Menschen Beziehungsabbrüche, Zurückweisungen, körperliche Mißhandlungen und sexuellen Mißbrauch erfahren (Hirsch 1990, S. 105). Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, daß diese Erkenntnisse bisher fast ausschließlich auf der Arbeit mit angezeigten und verurteilten Tätern beruhen. Diese Gründe können daher nicht verallgemeinert werden. Keinesfalls dürfen sie als Entschuldigung verstanden werden. Den Tätern und Täterinnen wegen ihrer Kindheitserfahrungen und den gesellschaftlichen Verhältnissen die Verantwortung für ihr Handeln abzusprechen, hieße, ihr menschliches Potential zu verleugnen, genauso wie die Gefühle, Wünsche, Träume und Bedürfnisse der Kinder von ihnen verleugnet wurden (Spring 1988, S. 45).

Ein Faktor, der lange Zeit für sexuellen Mißbrauch mitverantwortlich gemacht wurde, ist die soziale Schichtzugehörigkeit. Bis vor wenigen Jahren wurde sexueller Mißbrauch an Kindern als ein von Unterschichtsangehörigen begangenes Delikt angesehen. Die neueren Untersuchungen zeigen dagegen, daß sexueller Mißbrauch in allen Schichten vorkommt. Derzeit ist allerdings noch nicht klar, ob er über alle Schichten gleich verteilt ist (Bange, Deegener 1996, S. 53).

Übereinstimmend stellen die vorliegenden Untersuchungen fest, daß innerfamilialer sexueller Mißbrauch nicht selten mit körperlicher Mißhandlung oder emotionaler Vernachlässigung der Kinder einhergeht. Im Rückblick bewerten fast alle betroffenen Frauen und Männer ihre Familie als dysfunktional. Die Elternbeziehung und die Eltern-Kind-Beziehung wird sehr häufig als schlecht eingeschätzt. Wenn auch nicht in gleicher Ausprägung gilt ähnliches auch für die Befragten, die im außerfamilialen Nahraum sexuell mißbraucht wurden (z.B. Richtert-Appelt 1995, S. 67f.; Draijer 1990, S. 134). Allerdings muß hier - wie bei so vielen anderen Erkenntnissen zum sexuellen Mißbrauch - vor leichtfertigen Verallgemeinerungen gewarnt werden. Es sind nicht nur emotional oder sozial vernachlässigte Kinder, die sexuell mißbraucht werden, sondern manche Täter gehen auch auf freundliche und offene Kinder zu. Hier setzen sie auf die Vertrauensseligkeit dieser Kinder gegenüber Erwachsenen (Conte, Wolf, Smith 1989, S. 295.).

Hilfen für die Kinder

Sexuell mißbrauchte Mädchen und Jungen brauchen Hilfe und Unterstützung. Zeit allein reicht nicht, die Verletzungen zu heilen. Das heißt aber nicht, daß jedes Kind eine jahrelange Therapie benötigt. Für einen Teil der Kinder reicht eine professionelle Beratung und liebevolles Verhalten der Eltern bzw. ihrer Vertrauenspersonen aus (Lamers-Winkelmann 1993, S. 73). Leider stehen immer noch nicht genügend Hilfeangebote für die Kinder zur Verfügung. So stellten Edith Burger und Caroline Reiter bei ihre Untersuchung zur Intervention und Prävention bei sexuellem Mißbrauch fest, daß nur knapp 50% der in den Hilfeeinrichtungen bekannt gewordenen Kinder längerfristige Hilfen bekommen (Reiter, Burger 1993, S. 68.). Hier ist sozialpolitisches Handeln dringend geboten.

Doch nicht nur die Kinder, sondern auch deren Eltern und andere für das Kind verantwortliche Personen sollten mit ihren Gefühlen nicht allein gelassen werden. Viele Eltern leiden z.B. unter Schuldgefühlen und der Frage, was sie hätten anders machen können. Die eigenen Probleme erschweren es ihnen, ihren Kindern bei der Verarbeitung des sexuellen Mißbrauchs zur Seite zu stehen (Bange 1995, S. 155.).

Auf der Ebene des Hilfesystems erfordert die Intervention bei einem Verdacht auf sexuellen Mißbrauch eine Vernetzung: Denn es sind therapeutische und sozialarbeiterische sowie in vielen Fällen medizinische und juristische Kompetenzen gefragt, wenn allen Beteiligten geholfen werden soll.

In den letzten Jahren ist ernstzunehmende Kritik an der Interventionspraxis der Beratungsstellen und der Allgemeinen Sozialen Dienste geäußert worden. Von Wissenschaftlern/-innen und Gerichtsgutachtern/-innen wird der Jugendhilfe insbesondere vorgeworfen, es würde ohne entsprechende Ausbildung, genügend Hintergrundwissen und mit zweifelhaften Methoden (anatomisch korrekte Puppen) Diagnostik betrieben (z.B. Steller 1995; Schade, Erben, Schade 1995). Diese Kritik sollte zweifellos aufgenommen und dazu genutzt werden, die Interventionspraxis zu überdenken und zu verbessern, damit die Kinder und deren Vertrauenspersonen optimale Hilfe erhalten. Es muß jedoch in diesem Zusammenhang erwähnt werden, daß die Praxis der Glaubwürdigkeitsbegutachtung der Gerichtsgutachter/-innen keineswegs so überzeugend ist, wie dies von den Wissenschaftlern/-innen gerne behauptet wird. So stellen beispielsweise Beate Küpper und Siegfried Sporer (1995, S. 213) aufgrund einer empirischen Untersuchung fest:

„Ein oft als unfair empfundener Bestandteil der Sachverhaltsfeststellung ist das Problem der Glaubwürdigkeitsbeurteilung von Zeugenaussagen, in die häufig auch unbestätigte Alltagstheorien einfließen. Deshalb benötigt die Glaubwürdigkeitsdiagnostik begründete und objektive Verfahren. Bisher aufgestellte Kriterien zur inhaltlichen Bewertung der Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen genügen nicht den Anforderungen an eine wissenschaftlich fundierte und empirisch abgesicherte Methode zur Entscheidungsfindung."

Den sexuell mißbrauchten Kindern, ihren Vertrauenspersonen und auch den Beschuldigten würde es deshalb sicher mehr nutzen, wenn aus der derzeit mehr aus gegenseitigen Schuldzuschreibungen bestehenden Diskussion über die Intervention bei sexuellem Mißbrauch eine sachorientierter würde.

Prävention

Bis weit in die achtziger Jahre hinein wurden Kinder vor dem „schwarzen Mann" gewarnt. Durch solche Aussagen wurde den Kindern angst gemacht und Fehlinformationen vermittelt. Verängstigte und unwissende Kinder haben aber weniger Möglichkeiten, sich gegen einen sexuellen Mißbrauch zu schützen. Die neuen Präventionsansätze versuchen dagegen, Kindern zu mehr Selbstbewußtsein zu verhelfen und sie in ihren Rechten und Kompetenzen zu stärken.

Die folgenden Grundsätze haben sich in der Praxis als wichtig herausgestellt und sollen den Kindern vermittelt werden:

  • Dein Körper gehört dir!
  • Vertraue deinem Gefühl!
  • Es gibt schöne und blöde Gefühle!
  • „Nein" sagen, auch gegenüber Erwachsenen, ist erlaubt!
  • Es gibt gute und blöde Geheimnisse!
  • Wenn du sexuell mißbraucht wirst, darfst du darüber sprechen!
  • Wenn du sexuell mißbraucht wirst, darfst du dir Hilfe holen!
  • Kein Erwachsener hat das Recht, Kindern angst zu machen!
  • Nicht nur Fremde, sondern auch Angehörige und Bekannte können Täter sein (Braun 1993, S. 17).

Die Evaluation von Präventionsprogrammen hat zum einen gezeigt, daß die meisten Kinder von den „neuen" Präventionsprojekten in ihrem Selbstbewußtsein gestärkt werden und lernen, gefährliche Situationen besser zu erkennen und eventuell zu vermeiden. Dies gilt vor allem für handlungsorientierte Projekte, die in regelmäßigen Abständen wiederholt werden. Zum anderen hat sich aber auch herausgestellt, daß vieles von den komplexen Inhalten, die vermittelt werden sollen, Kinder im Vorschul- und frühen Schulalter überfordert. Besonders unter entwicklungspsychologischen Aspekten müssen die Präventionsmaterialien und-programme für Kinder deshalb noch einmal sehr genau unter die Lupe genommen werden. Wichtig ist zudem, daß die Prävention in eine kindgerechte Sexualerziehung eingebettet wird. Denn Mädchen und Jungen können ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung nur dann wahrnehmen, wenn sie wissen, was ihnen gefällt und was nicht. Das Gespräch über die Freude an der eigenen Sexualität und an Zärtlichkeit braucht deshalb zumindest den gleichen Raum wie der Austausch über belastende Themen wie sexuelle Gewalt (Kavemann 1996, S. 146f.; Bange 1995, S. 2).

Hinsichtlich der Prävention mit Kindern muß vor der Illusion gewarnt werden, dadurch könne sexueller Mißbrauch aus der Welt geschafft werden. Letztlich kann ein Kind einen Erwachsenen nicht abwehren, wenn dieser das Kind wirklich mißbrauchen will. Eine Selbstverteidigung von Kindern ist in den allermeisten Fällen völlig unrealistisch. Diese Aussage wird durch Untersuchungsergebnisse, die zeigen mit welcher Raffinesse die meisten Täter vorgehen, eindrucksvoll bestätigt (Bullens 1995; Elliott, Kilcoyne, Browne 1995; Conte, Wolf, Smith 1989). Geradezu unverantwortlich wäre es, den Kindern durch die Prävention zu vermitteln, es sei ihre Aufgabe, sich zu schützen oder sexuellen Mißbrauch aufzudecken. Für die Lösung des Problems sind einzig und allein die Erwachsenen verantwortlich!

Als erstes wären hier die Täter zu nennen. Sie müssen sich entweder aus eigenem Antrieb oder erzwungenermaßen ihrer Verantwortung stellen. Dazu muß deutlich gemacht werden, daß sexueller Mißbrauch ein Verbrechen ist, für das einzig und allein die Täter die Verantwortung tragen. Zudem benötigen Täter therapeutische Hilfe. Es ist unrealistisch zu hoffen, daß Täter allein durch Strafe zu bessern sind. Dementsprechend sind Beratungs- und Therapieangebote für Täter zu entwickeln und bereitzustellen. Allerdings darf Strafe nicht einfach durch Therapie ersetzt werden. Vielmehr müssen kreative Wege gefunden werden, wie Strafe und Therapie miteinander verbunden werden können. Von besonderer Bedeutung ist, daß Angebote für jugendliche Sexualstraftäter erprobt und zur Verfügung gestellt werden, damit sich ihr abweichendes Verhalten nicht verfestigt.

Auf zweierlei muß im Zusammenhang mit der Tätertherapie noch hingewiesen werden:

  • Die Entwicklung von Therapieangeboten für Täter darf nicht auf Kosten der Hilfen für Opfer geschehen. Sonst droht die paradoxe Situation, daß die Täter vom Staat finanzierte Therapie erhalten und die Kinder gleichzeitig Schwierigkeiten haben, Hilfe zu finden und diese womöglich noch von ihren Angehörigen bezahlt werden muß.
  • Die Tätertherapeuten als auch die Gesellschaft müssen sich mehr als bisher damit auseinandersetzen, daß es Täter gibt, die nicht therapierbar sind. Dies fällt vielen Therapeutinnen und Therapeuten schwer, da sie glauben, daß jeder Mensch in sich gut ist und die Fähigkeit besitzt, sich zu bessern. Daß einige Menschen, aus welchen Gründen auch immer, so „verkorkst" sind, daß alle therapeutischen Versuche scheitern, ist ein Angriff auf diese Ethik vieler Psychologen/ -innen. Der amerikanische Kinderpsychologe und Krimiautor Jonathan Kellerman (1985, S. 106) beschreibt die Rolle dieser Menschen für die Therapeuten/-innen treffend: „Der Psychopath ist für die Psychologen und Psychiater das, was der unheilbar erkrankte Krebspatient für die Allgemeinmediziner ist: der lebende Beweis von Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht."

Die Jungensozialisation wird als ein Bedingungsfaktor für die Entstehung sexueller Gewalt betrachtet (s.o). Deshalb ist reflektierte Jungenarbeit notwendig, die es Jungen ermöglicht, sich mit ihren Gefühlen, mit ihren Ängsten und ihren eigenen Verletzungen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig muß Jungenarbeit die Stärken und das Schöne am Jungesein betonen. Ein Konzept, das Jungen auf ihre potentielle Täterschaft reduziert, hat bei ihnen keinen Erfolg. Solcher Art Jungenarbeit verschließen sich die Jungen. Durch eine Stärken und Schwächen von Jungen in den Blick nehmende Arbeit läßt sich das Selbstbewußtsein vieler Jungen verbessern und Ängste mildern, die bei Jungen in aggressives Verhalten münden können (Hoffmann 1994; Neutzling, Fritsche 1992, S. 4). Parallel dazu muß natürlich Mädchenarbeit stattfinden, die Mädchen u.a. in ihrem Selbstbewußtsein stärkt, ihre Autonomie fördert und sie ermuntert, eigene Grenzen zu ziehen.

„Kinder müssen sich auf Erwachsene verlassen können, die sich um sie kümmern und sie schützen. Und um sich vor Erwachsenen schützen zu können, brauchen die Kinder die Hilfe anderer Erwachsener." (Adams, Fay 1989, S. 15) Diese zwei Sätze verweisen in aller Deutlichkeit auf die Verantwortung der Eltern und professionellen Helfer/-innen für die Prävention. Die Erwachsenen müssen sich mit dem Thema „sexueller Mißbrauch" auseinandersetzen und bereit sein, aktiv für die Kinder Partei zu ergreifen. Dies ist eine unerläßliche Vorbedingung für die präventive Arbeit mit Kindern. Die Elternarbeit darf sich allerdings nicht auf die Aufklärung über sexuellen Mißbrauch beschränken. Denn dies würde ausblenden, daß sich innerfamilialer sexueller Mißbrauch oft vor dem Hintergrund eines emotional gespannten Familienklimas entwickelt und viele außerfamilial mißbrauchte Kinder ebenfalls über gespannte Familienbeziehungen berichten (s.o.). Es sollten deshalb Maßnahmen ergriffen werden, die die Eltern-Kind-Beziehungen verbessern. Dazu gehören politische und finanzielle Initiativen, die verhindern, daß Familien mit Kindern immer mehr an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden. Ein Kind zu bekommen, ist beispielsweise mittlerweile eines der größten Armutsrisiken in Deutschland (Bieligk 1996). Außerdem sind langfristige pädagogische Anstrengungen wünschenswert, die Mädchen und Jungen besser als bisher auf Elternschaft und Kindererziehung vorbereiten (z.B. Kindererziehung als Schulfach) (Bange 1995, S. 25f.).

Auf der Ebene der Fachkräfte, die mit Kindern arbeiten, ist eine dem Problem angemessene Ausbildung zu fordern. Sexueller Mißbrauch an Kindern muß endlich in die Ausbildung aller pädagogischen, sozialen und psychologischen Berufsgruppen sowie der Medizin als Thema fest verankert werden. Dabei darf dies weder auf eine Seminarstunde beschränkt bleiben, noch in einer Großveranstaltung mit Hunderten von Teilnehmern/-innen abgehandelt werden.

Schließlich muß die Prävention in eine sozialpolitische Planung eingebettet werden, die sich an die Gesamtbevölkerung richtet. Dazu gehört nach wie vor z.B. die Aufhebung der geschlechtlichen Diskriminierung. Sie ist eine der Präventionsmaßnahmen schlechthin (Kavemann 1996, S. 142.).

Wenn dies alles nicht in die Tat umgesetzt wird, wird sexueller Mißbrauch an Kindern ein alltägliches Delikt in unserer Gesellschaft bleiben. Doch selbst, wenn all diese Wege beschritten werden, wird es weiterhin sexuellen Mißbrauch geben. Barbara Kavemann (1996, S. 148) weist mit eindrücklichen Worten auf diese Tatsache hin:

„Bei aller Hoffnung, die in die präventive Arbeit gesetzt wird, muß gesehen werden, daß den Erfolgen dieser Arbeit Grenzen gesetzt sind, selbst wenn wir noch viel mehr durchsetzen und weitgehende Erfolge verbuchen können.

Es ist m.E. zur Einschätzung der eigenen Erfolge wichtig, sich über die Grenzen klar zu sein, über Grenzen eigener Kompetenz wie über die Grenzen des realistisch Möglichen.

Grenzen sehe ich zuallererst bei den Möglichkeiten des Schutzes und der Kontrolle. Kein Kind kann so geschützt werden, daß die Gefahr von sexuellem Mißbrauch ausgeschlossen ist, denn ein solcher Schutz würde eine lückenlose Überwachung bedeuten. Eine Einschränkung dieses Ausmaßes kann nicht wünschenswert sein, denn sie steht der Selbstbestimmung entgegen, und kein Kind kann so gedeihen. Prävention findet also im Spannungsfeld zwischen der Selbststärkung und Freizügigkeit von Kindern und Jugendlichen einerseits und dem Bemühen um Schutz andererseits statt. Dieser Widerspruch ist nicht nach einer Seite aufzulösen."

Literatur

Adams, C., Fay, J. (1989): Ohne falsche Scham. Wie Sie Ihr Kind vor sexuellem Mißbrauch schützen können. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Bange, D. (1992): Die dunkle Seite der Kindheit. Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen. Ausmaß-Hintergründe-Folgen. Köln: Volksblatt Verlag.

Bange, D. (1995): Auch Indianer kennen Schmerz. Beratung und Therapie sexuell mißbrauchter Jungen und Männer. Bange, D., Enders, U.:

Auch Indianer kennen Schmerz. Sexuelle Gewalt gegen Jungen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, S. 121-160.

Bange, D. (1995): Nein zu sexuellen Übergriffen - Ja zur selbstbestimmten Sexualität: Eine kritische Auseinandersetzung mit Präventionsansätzen. Aktion Jugendschutz NRW (Hrsg.): Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen. Sichtweisen und Standpunkte zur Prävention. Köln, S. 19-48.

Bange, D., Deegener, G. (1996): Sexueller Mißbrauch an Kindern. Ausmaß-Hintergründe-Folgen. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Bieligk, A. (1996): „Die armen Kinder". Armut und Unterversorgung bei Kindern. Essen: Die Blaue Eule.

Braun, G. (1993): Ich sag' Nein. Mülheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr.

Brockhaus, U., Kolshorn, M. (1993): Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Bullens, R. (1995): Der Grooming Prozeß - oder das Planen des Mißbrauchs. Marquardt-Mau, B. (Hrsg.): Schulische Prävention gegen sexuelle Kindesmißhandlung. Weinheim: Juventa, S. 55-67.

Bundesministerium für Frauen und Jugend (Hrsg.) (1993): Medienpaket zur Aus- und Fortbildung für pädagogische Fachkräfte. Keine Gewalt gegen Kinder. Signale sehen - Hilferufe hören. Bonn.

Burger, E., Reiter, K. (1993): Sexueller Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen. Intervention und Prävention. Herausgegeben vom Bundesministerium für Familie und Senioren. Stuttgart: Kohlhammer.

Conte, J., Wolf, S., Smith, T. (1989): What Offenders Tells Us About Prevention Strategies. Child Abuse and Neglect, 13, S. 293-301.

Cosentino, C. E., Meyer-Bahlburg, H., Alpert, J. L., Weinberg, S. L. & Gaines, R. (1995): Sexual Behavior Problems and Psychopathology Symptoms in Sexually Abused Girls. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychology, 34, S. 1033-1042.

Dannecker, M. (1987): Das Drama der Sexualität. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Draijer, N. (1990): Die Rolle sexuellen Mißbrauchs und körperlicher Mißhandlung in der Ätiologie psychischer Störungen bei Frauen. Martinius, J., Frank, R. (Hrsg.): Vernachlässigung und Mißhandlung von Kindern. Bern: Hans Huber Verlag, S. 128-142.

Elliger, T. J., Schötensack, K. (1991): Sexueller Mißbrauch von Kindern - eine Bestandsaufnahme. Nissen, G. (Hrsg.). Psychogene, Psychosyndrome und ihre Therapie im Kindes- und Jugendalter. Bern: Hans Huber Verlag, S. 143-154.

Elliott, M., Browne, K., Kilcoyne, J. (1995): Child Abuse Prevention: What Offenders tell us. Child Abuse and Neglect, 19, S. 579-594.

Enders, U. (Hrsg.) (1995): Zart war ich, bitter war's. Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen. Köln: Kiepenheuer und Witsch.

Fastie, F. (1994): Zeuginnen der Anklage. Die Situation sexuell mißbrauchter Mädchen und Frauen vor Gericht. Berlin: Orlanda Frauenverlag.

Fegert, J. M. (1987): Sexueller Mißbrauch von Kindern. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 36, S. 164-170.

Fegert, J. M. (1993): Sexuell mißbrauchte Kinder und das Recht. Band 2. Ein Handbuch zu Fragen der kinder- und jugendpsychiatrischen und psychologischen Untersuchung und Begutachtung. Köln: Volksblatt Verlag.

Finkelhor, D. (1979): Sexually Victimized Children. New York: The Free Press.

Finkelhor, D. (1984): Child Sexual Abuse. New Theory and Research. New York: The Free Press 1984.

Finkelhor, D., Berliner, L. (1995): Research on the Treatment of Sexually Abused Children: A Review and Recommendations. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychology, 34, S. 1408-1423.

Friedrich, W. (1988): Behavior Problems in Sexually Abused Children. Wyatt, G., Powell, G. (Hrsg.): Lasting Effects of Child Sexual Abuse. Newbury Park: Sage, S. 171-1991.

Gloor, P., Pfister, H. (1995): Kindheit im Schatten. Zürich: Peter Lang.

Herman, J. L. (1994): Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. München: Kindler.

Hirsch, M. (1990): Realer Inzest. Berlin: Springer Verlag.

Hoffmann, B. (1994): Geschlechterpädagogik. Münster: Votum Verlag.

Jones, D. P. H., The Royal College of Physicians (1996): Sexueller Mißbrauch von Kindern. Gesprächsführung und körperliche Untersuchung. Stuttgart: Georg Thieme Verlag.

Julius, H., Boehme, U. (1997): Sexueller Mißbrauch an Jungen. Eine kritische Analyse des Forschungsstandes. Oldenburg: Hogrefe.

Kavemann, B. (1996): Prävention gegen sexuellen Mißbrauch. Neue Praxis, 2, S. 137-149.

Kellerman, J. (1985): When the Bough Breaks. New York: Bantam Books.

Kentler, H. (1994): Täterinnen und Täter beim sexuellen Mißbrauch von Jungen. Rutschky, K., Wolff, R. (Hrsg.): handbuch sexueller mißbrauch. Hamburg: Klein Verlag, S. 143-156.

Kirchhoff, S. (1994): Sexueller Mißbrauch vor Gericht. Band 1. Opladen: Leske und Buderich.

Küpper, B., Sporer, S. L. (1995): Beurteilung bei Glaubwürdigkeitsmerkmalen: Eine empirische Studie. Bierbrauer, G., Gottwald, W., Birnbreier-Strahlberger, G. (Hrsg.): Verfahrensgerechtigkeit. Köln:

Dr. Peter Schmidt Verlag, S. 187-213.

Lamers-Winkelmann, F. (1993): Therapie mit sexuell mißbrauchten Kindern. Johns, I. (Hrsg.): Zeit alleine hilft nicht. Sexuelle Kindesmißhandlung - wie wir schützen und helfen können. Freiburg: Herder Verlag, S. 67-85.

Lautmann, R. (1994): Die Lust am Kind. Portrait des Pädophilen. Hamburg: Klein Verlag.

Mannarino, A. P., Cohen, J. A. (1994): A Clinical-Demographic Study of Sexual Abused Children. Child Abuse and Neglect, 18, S. 17-23.

Neutzling, R., Fritsche, B. (1992): Ey Mann, bei mir ist es genauso. Köln: Volksblatt Verlag.

Raupp, U., Eggers, C. (1993): Sexueller Mißbrauch von Kindern. Eine regionale Studie über Prävalenz und Charakteristik. Monatsschrift Kinderheilkunde, 141, S. 316-322.

Richter-Appelt, H. (1995): Sexuelle Traumatisierungen und körperliche Mißhandlungen. Eine Befragung von Studentinnen und Studenten. Düring, S., Hauch, M. (Hrsg.): Heterosexuelle Verhältnisse. Stuttgart: Enke Verlag,

S. 57-76.

Rush, F. (1982): Das bestgehütete Geheimnis: Sexueller Kindesmißbrauch. Berlin: Orlanda Frauenverlag.

Russell, D. (1986): The Secret Trauma. Incest in the Lives of Girls and Women. New York: Basic Books.

Rust, G. (1986): Sexueller Mißbrauch - ein Dunkelfeld in der Bundesrepublik Deutschland. Aufklärung, Beratung und Forschung tun not. Backe, L., Leick, N., Merrick, J., Michelsen, N. (Hrsg.): Sexueller Mißbrauch von Kindern in Familien. Köln: Deutscher Ärzte Verlag, S. 7-20.

Rutschky, K. (1992): Erregte Aufklärung. Hamburg: Klein Verlag.

Saller, H. (1986): Sexueller Mißbrauch von Kindern - ein gesellschaftliches Problem. Theorie und Praxis der sozialen Arbeit, 37, S. 179-184.

Schade, B., Erben, R., Schade, A. (1995): Möglichkeiten und Grenzen diagnostischen Vorgehens bei Verdacht auf sexuellen Mißbrauch eines Kindes. Kindheit und Entwicklung, 4, S. 1-10.

Schorsch, E., Galedary, G., Haag, A., Hauch, M. & Lohse, H. (1985): Perversion als Straftat. Berlin: Springer Verlag.

Schuhrke, B. (1994): Die Entwicklung kindlicher Sexualität - beobachtet. Rutschky, K., Wolff, R. (Hrsg): handbuch sexueller mißbrauch. Hamburg: Klein Verlag, S. 97-115.

Spring, J. (1988): Zu der Angst kommt die Scham. München: Kösel.

Steller, M. (1995): Verdacht des sexuellen Mißbrauchs - Begutachtung in familien- und vormundschaftlichen Verfahren. Familie Partnerschaft Recht, 3, S. 151-170.

Volbert, R., Busse, D. (1995): Wie fair sind Verfahren für kindliche Zeugen? Zur Strafverfolgung bei sexuellem Mißbrauch von Kindern. Bierbrauer, G., Gottwald, W., Birnbreier-Strahlberger, G. (Hrsg.): Verfahrensgerechtigkeit. Köln: Dr. Peter Schmidt Verlag, S. 139-162.

Wegner, B.: Ein kleiner Schritt im Verfahren, ein großer Schritt für den Opferschutz. Zeitschrift für Rechtspolitik, 11, 406-409.

Wetzels, P.: Sexueller Mißbrauch: Neue Zahlen. Psychologie heute, 7, 66.

Wolff, R. (1994): Der Einbruch der Zwangsmoral. Rutschky, K., Wolff, R. (Hrsg). handbuch sexueller mißbrauch. Hamburg: Klein Verlag, S. 77-94.

Autor

Dr. Dirk Bange
Dr. Dirk Bange hat im Fach Erziehungswissenschaften an der Universität Dortmund promoviert. Von 1992 bis 1996 war er als Diplompädagoge bei der Kontakt- und Informationsstelle Zartbitter in Köln beschäftigt und arbeitet seit 1996 bei der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung der Freien und Hansestadt Hamburg.
 

Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.