„Ich werd' dir helfen..." Systemprobleme modernen Kinderschutzes

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Unter dem Titel „Ich werd' dir helfen" fand vom 10. bis 13. September 1996 in Köln das 1. Kinderschutzforum statt. Anlaß war der Rückblick auf 20 Jahre „modernen Kinderschutzes", dessen Beginn historisch verknüpft wird mit der Gründung des ersten Kinderschutz-Zentrums in Berlin. Der von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren in Zusammenarbeit mit dem Institut für klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität zu Köln ausgerichtete Fachkongreß bildete den Auftakt für regelmäßige Foren, die auch in Zukunft der Bestandsaufnahme der Kinderschutzarbeit in Deutschland dienen sollen. Im Dialog von Wissenschaft und Praxis sollen sich diese Foren mit der Gefährdung und Schädigung von Kindern durch Mißhandlung, Kinderpornographie und -prostitution, durch Verarmung und Vernachlässigung auseinandersetzen und konkrete Vorschläge zur Verbesserung von Qualität und Wirksamkeit der Hilfen im Kinderschutz erarbeiten.

In 50 Plenarveranstaltungen, Fachforen, Arbeitsgruppen und Kurzvorträgen diskutierten rund 500 in- und ausländische Fachleute (aus der Kinderschutzpraxis und aus dem medizinischen, pädagogischen und juristischen Bereich sowie aus der Wissenschaft) über Probleme des modernen Kinderschutzes und die Situation von Kindern und Familien in Deutschland. Unterstützt wurde das Kinderschutzforum von zahlreichen Fachverbänden, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen.

„Neuer Kinderschutz" markierte vor 20 Jahren eine Wende der Jugendhilfe. An die Stelle von Maßnahmen und Kontrolle sollte der Aufbau eines demokratischen, an Solidarität und Verständnis orientierten Hilfeangebots treten, das sich an Kinder und an Eltern wendet. Die Qualität des Hilfesystems, der Zugang zum Klientel und beraterische Probleme der Hilfe rückten in den Mittelpunkt der Hilfediskussion, aber auch das Scheitern am „unfreiwilligen Klienten". Die Jugendhilfe erfuhr im Laufe dieser Jahre eine weitgehende Professionalisierung, Differenzierung der Angebote und Qualifizierung beraterischer Kompetenzen.

In einer Situation knapper Mittel und immer größerer medialer Aufmerksamkeit stehen wir vor der Aufgabe zu prüfen, ob unsere Angebotsstruktur den heraufziehenden Aufgaben noch gerecht wird. Die neuen Herausforderungen an die soziale Arbeit bei gleichzeitiger finanzieller und sachlicher Beschränkung der Möglichkeiten bieten dennoch Raum für neue Entwicklungen: Gefordert sind nicht die großen Entwürfe, sondern die Bereitschaft und Fähigkeit, neben Fachlichkeit und methodischem Handwerkszeug flexibel zu sein, Mut zu zeigen für unkonventionelle Lösungen, aus eng gefaßten institutionellen Aufgaben heraus sich mit verschiedenen gesellschaftlichen Kräften zu verbinden und auszutauschen und neue soziale Beziehungen zu schaffen. In diesem Sinne kann das Kinderschutzforum als ein Beitrag zur Qualitätssicherung moderner Jugendhilfe verstanden werden. Es sollte Mut machen für die praktische Arbeit und Anregungen geben zur Überprüfung und Sicherung der Qualität der Arbeit in der jeweiligen Praxis.

Sexueller Mißbrauch - eine Fragestellung besonderer Aktualität. Kinderschutzthema unter anderen oder eigenständiger Bereich?

Durch die Ereignisse im Zusammenhang mit der brutalen sexuellen Ausbeutung und Ermordung von Kindern in Belgien und der Stockholmer Konferenz gegen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern im August '96 erlangten die Fragen des Kinderschutzforums eine bedrückende Aktualität.

So sehr die verstärkte Aufmerksamkeit auf eine erschreckende und oft traumatisierende Realität vieler Kinder hinweist, die in vielen Hilfeangeboten und Sanktionsinstanzen viel ernster genommen werden muß und deren Behandlung eine besonders sensible Qualifikation erfordert, so sehr droht eine mediale Skandalisierung und Isolierung des Themas „sexueller Mißbrauch" zu problematischen Verallgemeinerungen, Zuspitzungen und Ausblendung von Zusammenhängen zu führen. Die Erfahrung zeigt, daß auch in Fällen von sexuellem Mißbrauch immer andere Fragen - z.B. der Vernachlässigung, der sozialen Probleme, der Beziehungsverstrickungen - eine Rolle spielen.

In der Anlage und den Zielen des Kinderschutzforums war es ja gerade darum gegangen, nicht einzelne, in der Öffentlichkeit besonders hochgespielte Themen in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die häufig weniger beachteten, professionell aber wesentlichen Fragen des Hilfesystems, der Qualifikation und Aufgaben der Helfer, der notwendigen Schritte zur Prävention und Hilfe bei Gewalt gegen Kinder, deren sozial- und familienpolitische Bedingungen.

Die nach wie vor zentrale Doppelbestimmung der Jugendhilfe und des Kinderschutzes durch das Begriffspaar „Hilfe und Kontrolle" hat vor allem in der erhitzten Debatte zur sexuellen Mißhandlung zu erbitterten Fraktionierungen im Kinderschutz geführt. Die Schwierigkeit (und häufig das Scheitern) konsistenter und praktisch realisierbarer Wege des Zugangs zu den Betroffenen, den mißbrauchenden Erwachsenen und den Familien führt zu Ohnmachtserfahrungen und Frustrationen auf der Seite der Helfer/-innen. Konzeptionelle Unsicherheit, fachliche Machtlosigkeit und hoher gesellschaftlicher Druck führen dazu, daß Positionen eines differenzierten, am Einzelfall orientierten Vorgehens wieder in Frage gestellt werden.

Deutlich wird vielen Helfern/-innen insbesondere zur Zeit, daß der Ruf nach Strafverschärfung die Probleme mißhandelter Kinder und ihrer Familien nicht lösen wird. Wenn auch natürlich von Polizei und Justiz zu erwarten ist, daß sie in Fällen von Kinderpornographie und -prostitution ihre Arbeit tun, so können wir nicht von der Justiz erwarten, daß sie komplexe gesellschaftliche Probleme für uns löst, die einen viel breiteren Entstehungshintergrund haben.

Für das alltägliche gewaltsame Scheitern in Familien brauchen wir weiterhin leicht zugängliche Hilfen und ihre Fortentwicklung. Pauschale Ängstigung von Kindern und Familien ist dafür wenig hilfreich. Notwendig ist nach wie vor eine besonnene und konsequente Auseinandersetzung mit der Gefährdung von Kindern und den Möglichkeiten und Grenzen der Hilfe.

Programm

Die Programm-Macher haben versucht, wesentliche Grundfragen der Situation von Kindern und Familien und der Jugendhilfe in der Bundesrepublik ebenso aufzugreifen wie konzeptionelle und methodische Fragen der Kinderschutzpraxis.

Hauptvorträge befaßten sich mit:

  • Kindheitsbildern als ideologischem Kontext von Kinderschutz,
  • einer soziologischen Beschreibung des Lebens von Kindern und Familien heute unter dem Schwerpunkt des Endes der Versorgerehe,
  • dem System der Jugendhilfe zwischen neuer Steuerung und leeren Kassen,
  • den Besonderheiten des Funktionssystems Sozialarbeit zwischen Hilfe und Nicht-Hilfe,
  • Struktur und Praxis des Kinderschutzes zwischen Machtkampf und Beziehung, Kontrolle und Hilfe.
  • Fachforen mit Beiträgen jeweils drei verschiedener Fachleute fanden statt zu den Themen:
  • Doppelter Auftrag der Jugendhilfe zwischen Hilfe und Kontrolle
  • Dienstleistungs- und Kundenorientierung der „neuen Jugendhilfe"
  • Qualitätssicherung und Erfolgskontrolle
  • Fremdunterbringung: wann setzt sie ein und wer entscheidet?
  • Gemeinwesenorientierte Kinderschutzarbeit
  • Präventive und therapeutische Maßnahmen gegen die Folgen von Kindheitstraumata
  • Erhebungen zum Ausmaß verschiedener Formen der Kindesmißhandlung und methodische und ideologische Fragestellungen
  • Freiwilligkeit und Zwangskontext
  • Hilfekonzepte für arme Familien
  • Strategien der Diagnostik und des Zugangs zu Familien
  • bei sexueller Kindesmißhandlung
  • Kinderschutz-Ideologien der Gegenwart

In einer Podiumsdiskussion wurde die Frage der therapeutischen Haltung in der Arbeit mit traumatisierten Kindern und ihren Familien beleuchtet. In einem abschließenden Plenum wurden verschiedene Zukunftsvisionen vorgestellt, die anschließend in Überlegungen zu politischen und fachlichen Strategien mündeten.

Ausschnitte aus dem Programm unter besonderer Berücksichtigung des Themas „sexueller Mißbrauch"

Zur Eröffnung unterstrich die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frau Claudia Nolte, die Pflicht und Verantwortung der Politik, die Rechte und den Hilfeanspruch von Kindern ernst zu nehmen. Sie forderte präventive Hilfen in Jugendhilfe und Schule, niedrigschwellige Hilfen für Eltern und selbstkritische Fachkompetenz der Fachleute. Den Appell, trotz knapper Kassen die Arbeit der Kinderschutz-Einrichtungen auf eine gesicherte finanzielle Grundlage zu stellen, richtete sie an Länder und Kommunen.

In ihrem Eröffnungsvortrag wies Barbara Sichtermann auf die Ambivalenz unserer Zeit zwischen einem hohen, noch nie dagewesenen Maß an Aufmerksamkeit für Kinder und einer gleichzeitigen gesellschaftlichen Gleichgültigkeit gegenüber Familien mit Kindern hin. Sich hier nur auf die Seite der Gleichgültigkeit, Vernachlässigung, Gewalt und Ausbeutung zu konzentrieren führe in die Resignation, die Feststellung von positiven Entwicklungen und der wachsenden Rechte von Kindern ermutige, weiterzumachen.

Tom Levold entwickelte in seinem Beitrag ein Hilfeverständnis, das Hilfe und Kontrolle nicht mehr als Gegensatz versteht, sondern offensiv, klar und qualifiziert mit Kontrollaufgaben umgeht.

Im Forum zur Vorkommenhäufigkeit von Kindesmißhandlung unterstrichen die beitragenden Forscher/-innen die Bedeutung klarer Definitionen der erhobenen Sachverhalte. Die daraus resultierenden Zahlen sind zwar geringer als bei breiten Definitionen, verweisen aber in sehr viel präziserer Weise auf einen tatsächlichen dringenden Hilfebedarf.

In der Podiumsdiskussion und dem Forum zu Zugang und therapeutischen Haltungen bei sexuellem Mißbrauch herrschte bei allen Unterschieden Übereinkunft, daß zwischen diagnostischer und therapeutischer Ebene deutlich getrennt werden müsse, daß im therapeutischen (wohlgemerkt nicht strafrechtlichen) Umgang die subjektive Wahrhaftigkeit des Kindes an erster Stelle, aber ebenso die aller anderen Beteiligten ernst genommen werden müsse, daß jede einzelne Geschichte in jedem Fall in ihrer Eigendynamik und ihren je spezifischen Zusammenhängen berücksichtigt werden muß, daß die ausschließliche Konzentration auf Mißbrauch auch dazu führen kann, daß anderes übersehen wird.

Einige Ergebnisse und Schlußfolgerungen des Forums

  • Die Ereignisse in Belgien haben ein Klima der Beängstigung geschaffen. In diesem Klima verstärkt sich die Tendenz, bei Fehlverhalten nicht die Zusammenhänge zu sehen, sondern einzelne zu verurteilen. Die rigide Aufspaltung in Täter und Opfer führt aber zur Isolierung und Ausgrenzung vieler, die auf Hilfe angewiesen sind. Statt dessen tun Besonnenheit, Differenzierung, Aufklärung der Helfer gegenüber der Öffentlichkeit not.
  • Es kann und darf nicht um Alternativen gehen im Sinne von „Schutz der Kinder" oder „Hilfen für Täter", sondern sowohl als auch. Eine nüchterne und aufgeschlossene Betrachtung der „Täter" dient auch der Prävention und der Entwicklung von Hilfen. Hier besteht ein hoher Forschungsbedarf über Ursachen und Einflußmöglichkeiten.
  • In der Kinderschutzpraxis haben sich die Orientierung am Kind und strafrechtliche Interessen in der Vergangenheit häufig vermischt. Hier muß fachlich auf eine klarere Trennung geachtet werden.
  • Sofort notwendige Hilfe für Kinder kann nicht hinter dem Strafanspruch der Justiz zurückstehen. Die Strafprozeßordnung muß daher so geändert werden, daß von Mißhandlung betroffene Kinder nicht mehr in der Hauptverhandlung aussagen müssen, und daß sie nicht auf Hilfe warten müssen.
  • Es besteht ein Zusammenhang von Ausbeutung von Kindern und Vernachlässigung: vernachlässigte, deprivierte Kinder sind besonders anfällig für Ausbeutung, ihre Eltern besonders anfällig dafür, solche „Angebote" wahrzunehmen, ohne Gefühl dafür, was das für ihre Kinder bedeutet.
  • Die Verwendung des Traumabegriffes bei allen Fällen von Gewalt gegen Kinder muß kritisch bewertet werden, so richtig sie im Einzelfall sein mag, da sie das Risiko birgt, den Fokus vor allem auf Defizite und Opferidentität zu legen, und dabei die Ressourcen eines Kindes und deren Entwicklung zu wenig zu belichten.
  • In einer Zeit der Sparhaushalte geht es bereits darum, den Bestand von Hilfen und Kompetenzen zu erhalten und darauf zu verweisen, daß das Angebot fachlich qualifizierter differenzierter Hilfen sich als in vielen Fällen erfolgreich erwiesen hat.
  • Kinderschutz und Jugendhilfe müssen heraus aus einer gesellschaftlichen Randposition, in der sie zwar bei Skandalen viel Aufmerksamkeit bekommen, aber wenn es dann um die alltäglichen Lebensbedingungen von Familien und um Hilfeangebote geht, wenig Unterstützung finden.
  • Der Kinderschutzbegriff muß ausgeweitet werden von einem Verständnis von Schutz der Kinder vor oder gegen Erwachsene (insbes. Eltern) zu einer Förderung von Kindern und Jugendlichen, d.h. zu familienergänzenden Hilfen, also nicht nur Hilfen bei/gegen Gewalt, sondern frühe Hilfen für Eltern. Säuglings- und Kleinkindforschung zeigen, wie früh soziales Verhalten durch Beziehungserfahrungen geprägt wird und wie sehr diese Erkenntnisse uns auch staatlich verpflichten, Eltern dabei zu unterstützen, gut mit Kindern umzugehen.
  • Einmischung in familien- und jugendhilfepolitische Diskussionen und übergreifende Planungen ist zunehmend als Teil praktischer Hilfetätigkeit seitens der Mitarbeiter/-innen in der öffentlichen und freigemeinnützigen Jugendhilfe zu verstehen.
  • Die öffentliche Sensibilität für Probleme der Kinder muß durch eine gesellschaftliche Ächtung körperlicher
  • Strafen und erniedrigender Erziehungspraktiken gesteigert werden.

Das 1. Kinderschutzforum '96 hat diese Fragen im Dialog von Wissenschaftlern/-innen und Praktikern/-innen untersucht. Nüchternes Nachdenken und geduldiges Miteinanderreden statt vorschneller Lösungen sind gerade im Kinderschutz, der so schnell in den Strudel der Emotionalisierung und Skandalisierung gerät, nötiger denn je.

Das Kinderschutzforum zeichnete sich durch eine engagierte Beteiligung und interdisziplinären Austausch aus, durch Interesse an fachlichen, praxisrelevanten Themen und besonnener, differenzierter Diskussion. Zwischen empirischer Forschung und praktischer Arbeit kam vor allem zu den Themen „Vorbeugung" und „Therapie" ein Dialog in Gang. Hier konnte das Fazit gezogen werden: Fachlicher Kinderschutz ist den Kinderschuhen entwachsen, und es geht nicht mehr so sehr um stets neue Methoden und Auseinandersetzungen als um die kompetente Anwendung und Auswertung von Erfahrungen und um die Bestanderhaltung und Weiterentwicklung professioneller Kompetenz.

Mit dieser Zielsetzung sollen weitere Kinderschutzforen in den nächsten Jahren angeboten werden. Das 2. Kinderschutzforum wird im Herbst 1998 stattfinden. Eine Dokumentation des Kinderschutzforums mit allen Vorträgen und Forumsbeiträgen, der Abschlußdiskussion sowie einigen Workshop-Ergebnissen erscheint im Mai 1997 und kann bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren (Spichernstr. 55, 50672 Köln, Tel. 0221-529301/Fax 0221-529678) angefordert werden.

Autorin

Renate Blum-Maurice
Renate Blum-Maurice, diplomierte Sozialwissenschaftlerin, Psychologin und Familientherapeutin, leitet das Kinderschutz-Zentrum in Köln.
 

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