Der Mißbrauchsdiskurs und seine Auswirkungen auf Sexualität und Sexualerziehung

Nachdem es vorübergehend so schien, als sei die öffentliche Diskussion zum Thema „Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen" etwas ruhiger und sachlicher geworden, vergeht zur Zeit kaum ein Tag, an dem nicht über diese Thematik - meist sehr reißerisch - berichtet wird. Bei kaum einem anderen Thema spielen Skandalisierung und Emotionen eine so bedeutende Rolle, werden Empörung, Haß, Stigmatisierung und Vergeltungswünsche gegenüber dem Täter so lautstark geäußert. Hysterie und Rettungsaktionismus auf seiten der Erwachsenen sind eine häufige Folge. Weder dem betroffenen Mädchen oder Jungen noch der Familie wird damit geholfen. Oft sind es die Erwachsenen selbst, die die Situation des Verdachts auf sexuellen Mißbrauch nicht aushalten und am liebsten sofort „bereinigen" wollen.

Diese Skandalisierung in den Medien verunsichert Erwachsene - Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen. Die Nachfragen nach Fortbildungen zum Thema „sexueller Mißbrauch" sind nicht nur aus Kreisen der Fachwelt, sondern auch von Eltern enorm hoch, wenn die Strategien der Intervention und Prävention thematisiert werden, um möglichst den „Fall" vom Tisch zu haben oder das eigene Gewissen zu beruhigen. Selten findet bei solchen Veranstaltungen eine intensive Auseinandersetzung über die eigenen, oft ambivalenten Gefühle und Meinungen oder eine allumfassende Beschäftigung mit betroffenen Mädchen und Jungen statt. Meist entscheiden die Erwachsenen, was diesen Kindern gut tut und nehmen nicht sensibel wahr, welche Berührungen für diese in Ordnung sind und welche nicht.

„Dringlichkeit und Anzahl dieser Anfragen stehen in auffälligem Mißverhältnis zu dem eher geringen Interesse an Angeboten zur ‚bloßen', das heißt: nicht skandalträchtigen ‚einfach lustfreundlichen' Sexualerziehung. Die Anziehungskraft erlaubter innerfamilialer Lust ist offenkundig weit schwächer als die einer imaginierten verbotenen (inzestuösen) Lust. Es fällt die oft elektrisierte, hektische Stimmung auf, in der Institutionen fragen: ‚Wie erkennen, wie verhüten, wie beenden und wie bestrafen wir sexuellen Mißbrauch?' Für manche Erwachsene scheinen alle Manifestationen kindlicher Sexualität zu Beweisen sexuellen Kindesmißbrauchs zu werden." (Schmauch 1996, S. 285)

Die öffentliche Erregung scheint für viele eine in gewisser Weise „befriedigende" Wirkung zu haben: „Die Emotionen und Abwehrreaktionen, die Täter und Taten auslösen, haben ... eine soziale Funktion, nämlich die, die erregte Bevölkerung zu entlasten und kollektiv zu stabilisieren." (Schmauch 1996, S. 286) Dabei spielt das Teilhabenwollen an der Tat, das genaue Lesen und Mitverfolgen der Berichte eine wichtige Rolle und die „Identifizierung mit einer auf das Opfer projizierten Mischung aus Angstlust und Stolz auf das Herausgehobensein" (Schmauch ebd. S. 286).

Ein Tabu löst das andere ab

Mit der monströsen medialen Darstellung sexuellen Mißbrauchs geht eine große Verunsicherung einher, dieses Thema im Alltag an- und auszusprechen. Zu groß ist die Angst, etwas falsch zu machen oder nur noch den Mißbrauch zu sehen. Hier besteht die Gefahr, das Kind selbst in seiner Ganzheit, als Person und mitsamt seiner Lebenssituation aus dem Blick zu verlieren und es nur noch als „sexuell benutztes Opfer" in einem inzestuösen Szenario vor sich zu sehen.

Die neue Tabuisierung besteht in den Schwierigkeiten vieler Eltern, Pädagoginnen, Pädagogen und Kinder, über Sexualität, Erotik, Körperlichkeit zu sprechen. Die Zugänge zur Sexualität werden nämlich über negative Aspekte, über Gefahrenvermeidungs- und Präventionsabsichten vollzogen. Tabuisiert ist also die Bejahung positiver kindlicher Sexualität.

Das Ansprechen der positiven, bejahenden, lustvollen Seite von Sexualität bereitet vielen enorme Probleme, auch - so meine Erfahrungen aus vielfältigen Fortbildungen - Pädagoginnen und Pädagogen. „Es wird ständig über Sex gesprochen, aber vor allem im Kontext von Gewalt, Ausbeutung und Entwürdigung, also im Kontext von Angst, Empörung, von Schuld und Beschämung." (Schmidt 1996, S. 9)

Verschiedene gesellschaftliche Strömungen tun sich schon schwer, die Sexualität Jugendlicher anzuerkennen. Eine Steigerung ist im Umgang mit kindlicher Sexualität zu beobachten. Kindliche Sexualität darf nicht vorkommen, wenn Kindergartenkinder dennoch ihren Körper mit anderen entdecken, Doktorspiele machen oder gar Geschlechtsverkehr nachspielen, wird sie unterdrückt oder gleich mit sexuellem Mißbrauch in Verbindung gebracht. Eltern, Erzieherinnen und Erzieher sind sich unsicher, und häufig steckt fehlendes Wissen über die psychosexuelle Entwicklung von Kindern dieser Altersgruppe dahinter.

Es besteht ein eklatanter Widerspruch zwischen einer scheinbar aufgeklärten „durchsexualisierten" Gesellschaft einerseits und dem tatsächlichen Informationsstand der Eltern und Kinder. Umfassende Aufklärung, einschließlich der Befähigung, Körperteile und Körperfunktionen zu benennen, ist wichtig, damit Mädchen und Jungen wissen, worum es geht.

In der notwendigen Auseinandersetzung über sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen ist bisher kaum beachtet worden, daß für viele Mädchen und Frauen die positiven, energiespendenden Aspekte von Liebe, Sexualität und Erotik mit Jungen und Männern ein wichtiges Thema sind. Es ist momentan kaum möglich, darüber zu reden, da es in den Diskussionen eher um Schadensbegrenzung geht und männliche Gewalttätigkeiten im Vordergrund stehen. „Dieser Diskurs hat dabei inzwischen alle Bereiche der Sexualität, Erotik, aber auch der Sinnlichkeit erreicht, nicht nur den zwischen Männern und Frauen, also Heterosexualität, sondern zwischen Eltern und Kindern (Inzest), Alten und Jungen (sexueller Mißbrauch, Pädophilie), Frauen und Frauen und Kindern und Kindern (Schmidt 1996, S. 9).

Die dominierende Atmosphäre geht oftmals so weit, daß der Eindruck entsteht, daß die sexuelle Gefahr überall lauert, Frauen und Mädchen grundsätzlich gefährdet sind und sich vor Männern und Jungen als potentiellen Tätern schützen müssen. „Wie das Problem zu lösen ist, einerseits männliche Gewalttätigkeiten nicht zu verharmlosen, andererseits Raum zu schaffen für lustvolle Debatten über weibliche heterosexuelle Wünsche erscheint mir nicht einfach, aber dennoch sinnvoll und notwendig." (Brückner 1993, S. 55)

Diese Hysterie und Verunsicherung hat sich auf viele gesellschaftliche - pädagogische wie familiäre - Bereiche übertragen. Wie steht es grundsätzlich mit Nacktheit, Berührungen zwischen den Geschlechtern, vor allem zwischen Vater und Tochter, Knuddeln und Schmusen einer Mutter mit ihrem zweijährigen Kind, gemeinsamem Baden und lustvollem Stillen? Dies alles wird mißtrauisch beäugt und als Verdacht des sexuellen Mißbrauchs geäußert. „Die Mißbrauchsdebatte schafft eine neue Bewertung und Realität: Der Umgang von Erwachsenen mit Kindern wird prinzipiell als gefährdet, sexuell gefährlich konzipiert, und zwar besonders innerhalb der Familie." (Schmidt 1996, S. 103)

Die Eltern-Kind-Beziehung

Körperliche Nähe und Berührungen werden in der Familie gelebt oder gemieden. Durch die Mißbrauchsdebatte scheint der Pegel in Richtung Berührungsvermeidung ausgeschlagen zu haben. Dies kann für die heranwachsenden Mädchen und Jungen nicht ohne Folgen bleiben. Die Familie hat in unserer Gesellschaft eine besondere Stellung und eng damit verknüpft ist die Eltern-Kind-Beziehung. Der Mutter kommt in diesen Familien eine noch nie gekannte Bedeutung zu (vgl. Badinter 1991, S. 113). Sie ist für die emotionale Beziehungsarbeit zuständig.

Familienleben wurde historisch betrachtet zunehmend enger, intimer, „emotionalisierter," und gleichzeitig wurde die Toleranz hinsichtlich des Sexuallebens der Kinder größer. Eltern erlauben heute eher sexuelle Kontakte ihrer Söhne und Töchter in ihrem Elternhaus und sind auch gegenüber der sexuellen Neugier und den unterschiedlichsten Ausdrucksformen kindlicher Sexualität aufgeschlossener. Dennoch müssen sich viele Eltern mit der Selbstverständlichkeit ihrer Kinder im Umgang mit Sexualität, Erotik und Körperlichkeit vertraut machen, oft müssen sie erst einmal durchatmen, weil sie selbst in ihrer Kindheit mit Sexualität anders konfrontiert waren. Für viele ist Sexualität mit Angst, Scham, Bedrohlichem und „Sündhaftem" besetzt.

Die enge und emotionale Eltern-Kind-Beziehung kann Eltern veranlassen, das Sexuelle zu unterbinden und die Verdrängungsstrategien weiter intakt zu halten. Die große Intimität in der Familie veranlaßt Eltern, die Sexualität ihrer Kinder und Jugendlichen zu kontrollieren und in Schach zu halten. Dazu gehört auch die Erlaubnis der Eltern, daß ihre Kinder sexuelle Kontakte im Elternhaus leben können/dürfen. „Und vermutlich führt die hohe Intimität zwischen Eltern und Kindern zu einer erhöhten Inzestangst und Abwehr der Sexualität innerhalb der Familie. Ablesen läßt sich dies im Kampf gegen die Kinder- und Jugendsexualität... Dieser Kampf zielt sicherlich auf die Disziplinierung des Körpers und auf Triebaufschub, aber die emotionale Wucht, mit der er geführt wird, ist nur durch die neue Nähe zwischen Eltern und Kindern zu erklären: Diese Nähe erzeugt Angst gegen das Überschwappen der familiären Affekte ins Sexuelle - auch deshalb mußte man sich so gegen sexuelle Äußerungen der Kinder wehren, die ja an diese Möglichkeit erinnern." (Schmidt 1986, S. 29)

Einerseits genießen Eltern den liberaleren Umgang mit ihren Kindern, andererseits gucken sie neidisch auf deren Möglichkeiten sexuellen Lebens. Kinder interessieren sich für den Körper des Vaters, der Mutter und der Geschwister. Sie wissen, daß es zwei Geschlechter gibt und stellen viele Fragen. Früh wollen sie wissen, wie das Kind in den Bauch der Mutter kommt. Das Entdecken des eigenen Körpers als auch die Doktorspiele gehören dazu und sind ebenfalls der kindlichen Neugier zuzuordnen. „Für den Erwachsenen sind diese Fragen bereits mit sexuellen Erfahrungen verknüpft, nicht aber für das Kind. Das Kind stellt seine Fragen völlig unbefangen, seine Befangenheit holt es sich erst von den Augen des Erwachsenen... Die von dort herstammende Verknüpfung von Wissen mit Schuld und Scham macht es den Eltern schwer, die Fragen des Kindes als das, was sie sind, nämlich Ausdruck gesunder Neugier zu sehen. Alles, was wir in das Kind hineinlegen, werden wir natürlich in ihm finden." (Miller 1983, S. 198)

Die Gratwanderung der Sexualpädagogik

Der gesellschaftliche Diskurs zum sexuellen Mißbrauch hat längst die Sexualpädagogik erreicht. Viele Pädagoginnen und Pädagogen scheuen sich, die lustvolle, lebensbejahende Sexualität zum Thema zu machen. Emanzipative Sexualpädagogik ist momentan heftiger Kritik ausgesetzt. Sexualpädagogisch Tätige müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, daß sie der „Verführung und Versexualisierung" von Kindern und der Zerstörung der Familie Vorschub leisten. Auch die PRO FAMILIA war im letzten Jahr einer heftigen Kampagne ausgesetzt, über die in den Medien breit berichtet wurde. Selbst vor dem Vorwurf, PRO FAMILIA fördere und verharmlose den Sex mit Kindern, schreckten die Kritiker nicht zurück.

Ein umfangreiches Wissen über Sexualität, Sprachfähigkeit, ein verantwortungsvoller, selbstbestimmter Umgang mit Sexualität und die Stärkung von Identität und Selbstbewußtsein sind der beste Schutz vor sexuellen Übergriffen und sexueller Gewalt. Auch der allgegenwärtigen Darstellung von Sexualität und sexuellem Mißbrauch in den Medien kann dadurch anders begegnet werden.

In vielen Kindergärten und Schulen ist die Nachfrage nach Präventionsmaterialien groß. Im Vordergrund stehen Aspekte des Nein-Sagens, der guten und schlechten Gefühle, der guten und schlechten Berührungen, der schönen und Bauchschmerzen bereitenden Geheimnisse. Somit ist noch kein Wort zum Bereich Sexualität und Körperlichkeit gefallen.

CAPP. Ein amerikanisches Präventionsprogramm

Diese Aspekte sind z.B. Inhalt des CAPP (Child Assault Prevention Project), das häufig unreflektiert und unkritisch aus den USA übernommen wird. Das CAPP war eines der ersten amerikanischen Präventionsprogramme zum Thema „sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen". Frauen, die in einer Notrufgruppe für vergewaltigte Frauen arbeiteten, entwickelten 1978 das Projekt, um Kinder vor Übergriffen zu schützen.

Jedoch allein der Titel „Child Assault Prevention Project" (= Projekt zur Verhütung von Übergriffen an Kindern) macht deutlich, daß es sich um ein Sicherheits- und Selbstverteidigungsprogramm für Kinder bis 12 Jahre handelt. Im Titel ist von sexuellem Mißbrauch oder von Sexualität nicht die Rede. Viele Programme zur Prävention von sexuellem Mißbrauch beschäftigen sich mit der Frage, inwieweit über Sexualität und die damit zusammenhängenden Fragen, Erfahrungen und Begriffe gesprochen werden darf, soll oder muß. Aufgrund der in den USA herrschenden Norm, nach der über Sexualität möglichst nicht, erst recht nicht mit Kindern, gesprochen werden soll, verzichten die meisten Präventionsprogramme auch darauf. Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sind froh, Sexualität aussparen zu können und befürworteten somit die Präventionsinhalte, „sobald sie sich von der offenkundigen Unanstößigkeit der Programme, das heißt von der Tabuisierung der Sexualität überzeugt hatten" (Wehnert-Franke 1992, S. 47).

Betroffene wie nicht betroffene Mädchen und Jungen werden nicht grundlegend aufgeklärt. Über Sexualität informiert zu werden, sprachfähig werden in bezug auf Erfahrungen, Gefühle und Phantasien ist nicht oder selten Bestandteil des Programms. Korrekte Bezeichnungen für Körperteile und -funktionen werden nicht vermittelt. Im Gegenteil. Erwachsene wissen, daß bestimmte Berührungen nicht sein dürfen. Der Wunsch der Kinder nach Nähe, Zärtlichkeit und Angenommensein wird negiert. So werden möglicherweise nicht nur Schuldgefühle, Unsicherheit und Verwirrung produziert, sondern es können sich auch manche Mädchen und Jungen unter Druck gesetzt fühlen. Auch besteht die Gefahr, daß Sexualität nur mit „Negativem" in Verbindung gebracht wird.

Liest man Erfahrungsberichte mißbrauchter Mädchen und Jungen, so fällt auf, daß häufig von fehlender Sexualaufklärung die Rede ist und davon, daß in der Familie nicht über Sexualität gesprochen wird. Hieraus erklärt sich, warum viele betroffene Kinder nicht einschätzen können, was mit ihnen passiert und nicht wissen, daß das, was der Erwachsene mit ihnen macht, nicht in Ordnung ist. Hinzu kommt, daß der sensible Bereich Sexualität besonders prädestiniert ist, Macht, Wut und Unterdrückung auszuleben. In Verbindung mit der Unwissenheit über Sexuelles und der Unterdrückung von Sexualität hat dies weitreichende Folgen für die betroffenen Mädchen und Jungen. Sie sind verwirrt, fühlen sich tief verletzt und verunsichert. Die kindliche (sexuelle) Unwissenheit und mangelnde Erfahrung werden ausgenutzt.

Hier wird auf eindringliche Weise sehr deutlich, daß Sexualerziehung vor der Thematisierung von sexuellem Mißbrauch von großer Bedeutung ist und an erster Stelle stehen muß. Dabei darf Sexualität nicht nur mit Gewalttätigkeit assoziiert werden. Für Mädchen und Jungen ist es unabdingbar, Sexualität in Zusammenhang mit Lebensfreude und Lust zu sehen und zu erleben.

Sinnaspekte von Sexualität

Nun durchlaufen Mädchen und Jungen eine unterschiedliche sexuelle Sozialisation. Der geschlechtsspezifische Blick ist von großer Bedeutung, denn Sexualität ist immer Ausdruck des spezifischen Gewordenseins eines Mädchens/einer Frau bzw. eines Jungen/eines Mannes und ist Abbild erfahrener Barrieren oder Entfaltungsmöglichkeiten (vgl. Sielert 1995, S. 90). In der Sexualität geht es um die Gestaltung von Persönlichkeit, die wiederum die eigene Identität stärkt. Sexualität ist eine Lebensenergie, die sich im Körper entwickelt, die ein Leben lang wirksam ist, die sich vielfältig ausdrückt und in verschiedener Hinsicht sinnvoll ist. Sexualität ist nicht nur Genitalität und Geschlechtsverkehr, hat nicht nur etwas mit Penis, Klitoris oder Vagina zu tun. Es gibt vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten von Sexualität, Zärtlichkeit, Sinnlichkeit, Lust, Geborgenheit, Leidenschaft, Erotik, aber auch das Bedürfnis nach Fürsorge, Heimat und Liebe. Hinzu kommen andere Ausdrucksnuancen von Sexualität, die dem „anderen Gesicht" der Sexualität zugeordnet werden, von der heftigen Geilheit bis zu sexualisierter Gewalt in Form von Vergewaltigungen und sexuellem Mißbrauch (vgl. Sielert 1993, S. 15.).

Sexualität hat eine große Bedeutung für das seelische Gleichgewicht von Menschen. Sie kann das Selbstwertgefühl stärken, Bestätigung geben, Lebendigkeit vermitteln, Lebensfreude geben, Freude am Körper vermitteln, Trost geben, in Krisen aufrichten, Spannungen abbauen, Ängste überwinden helfen, Streit in Versöhnung wandeln, Nähe, Wärme, Aufgehobenheit vermitteln, aber auch Scham und Selbstzweifel nähren.

Sexualität hat verschiedene Sinnaspekte, die für ein selbstbestimmtes und bejahendes Leben von Mädchen und Jungen von Bedeutung sind (vgl. Sielert 1993, S. 15.):

  • Der Identitätsaspekt: sich als Mädchen oder Junge als wichtig zu erfahren, ein Selbstwertgefühl zu entwickeln, sich selbst, auch den eigenen Körper zu (be)achten und zu lieben.
  • Der Beziehungsaspekt: das Geben und Nehmen von Geborgenheit in Beziehung zu anderen, Zärtlichkeit, Sinnlichkeit im Hautkontakt und die Fragen: „Wer ist mir wichtig?", „Wem bin ich wichtig?"
  • Der Lustaspekt: die Lust am eigenen Körper (Spannung und Entspannung), den Körper spüren, sich selbst streicheln als wichtige Voraussetzung für Lebenslust und dafür, anderen Lust zu bereiten.
  • Der Fruchtbarkeitsaspekt: zum einen Zeugung und Geburt eines Kindes und zum anderen in dem Sinne, eine Beziehung als „fruchtbar" zu erleben, als Quelle von Freude, Kraft und Lebensmut. Für Kinder und Jugendliche gilt eher das zweite Verständnis von Fruchtbarkeit. Das Verliebtsein löst bei Mädchen und Jungen starke Gefühle von Lebenskraft und Lebensschöpfung aus, die die ganze Person betreffen. Fruchtbarkeit als Fortpflanzung kommt erst später zum Tragen.

Sexualerziehung ist Primärprävention von sexuellem Mißbrauch

Eine so verstandene ganzheitliche und umfassende Sexualerziehung, die sowohl die positiven, lustvollen, lebensbejahenden Aspekte als auch die unterschiedlichen Schattierungen von Aggression und Gewalt thematisiert, fördert die Lebenskompetenz der Mädchen und Jungen. Dies bedeutet Stärke, Selbstvertrauen, Selbstbewußtsein und Autonomie zu gewinnen.

Autonomie bedeutet, Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu bekommen (vgl. Böhnisch 1993,

S. 23). Das Experimentieren mit dem eigenen Körper ist für die Entwicklung der Ich-Identität und Ich-Autonomie von großer Bedeutung. Das Wissen um die eigene Körperlichkeit macht Mädchen und Jungen stark, sich bei sexuellen Grenz-verletzungen nicht alles gefallen zu lassen und sich eher adäquat zur Wehr setzen zu können. Für den sexuellen Miß-brauch kann dies bedeuten, daß Mädchen und Jungen nicht mehr so lange schweigen, weil sie wissen, daß das, was mit ihnen geschehen ist, nicht in Ordnung ist.

Sexualerziehung unter Einbeziehung des Körpers, der Sprache und aller Sinne ist die beste Förderung von Lebens-kompetenz. Das Wissen um die eigene Körperlichkeit, sprachfähig zu sein für die unterschiedlichsten sexuellen Themen und die Wahrnehmung vielfältiger Gefühle und unterschiedlicher Ausdrucksformen unter Einbeziehung aller Sinne trägt nicht nur zur Identitätsbildung und zur Stärkung des Selbstbewußtseins bei, sondern schützt Mädchen und Jungen eher vor sexuellen Grenzverletzungen, Grenzüberschreitungen und sexuellem Mißbrauch. Die pädagogische Praxis braucht keine starren Programme, sondern differenzierte Theorie, um der Vielfalt individueller und geschlechtsspezifischer Entwicklung gerecht zu werden. Sie braucht viel Vorsicht bei der Umsetzung pädagogischer Intentionen, um nicht kontraproduktive Nebenfolgen zu produzieren.

Literatur

Badinter, Elisabeth (1993): Die Mutterliebe. Piper-Verlag, München 1981

Böhnisch, Lothar, Winter, Reinhard: Männliche Sozialisation. Juventa-Verlag, Weinheim.

Brückner, Margit: Einbettung von Gewalt in die kulturellen Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit. In: Zeitschrift für Frauenforschung,

11. Jahrgang Heft 1+2/93, Kleine-Verlag, Bielefeld.

Miller, Alice (1983): Du sollst nichts merken. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt.

Schmauch, Ulrike: Körperberührung unter Generalverdacht? Zur Skandalisierung und Tabuisierung von sexuellem Kindesmißbrauch. In: Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie 3/96, Juventa-Verlag.

Schmidt, Gunter (1986): Das große Der Die Das, Über das Sexuelle, März-Verlag, Herbstein.

Schmidt, Gunter (1996): Das Verschwinden der Sexualmoral. Ingrid-Klein-Verlag, Hamburg.

Sielert, Uwe (Hrsg.) (1993): Sexualpädagogische Materialien für die Jugendarbeit in Freizeit und Schule. Beltz-Verlag, Weinheim.

Sielert, Uwe (Juni 1995): Neuere Konzepte und Leitgedanken der Sexualerziehung der geschlechtsbewußten Arbeit mit Mädchen und Jungen. Vortrag anläßlich der Fachtagung: „Prävention von sexueller Gewalt und sexuellem Mißbrauch an Mädchen und Jungen", Dokumentation, Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest.

Wehnert-Franke, Natascha u.a. (1992): Wie präventiv sind Präventionsprogramme zum sexuellen Mißbrauch von Kindern? In: Zeitschrift für Sexualforschung, 5, 1992, Enke-Verlag, Stuttgart.

Autorin

Christa Wanzeck-Sielert
Christa Wanzeck-Sielert ist Lehrerin und Diplompädagogin. An der Fachschule für Sozialpädagogik Kiel ist sie in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern tätig und leitet das Modellprojekt „Sexualpädagogik in der Fachschule und Berufsfachschule für Sozialpädagogik" am Landesinstitut für Praxis und Theorie der Schule (IPTS)
 

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