Ungewollte Schwangerschaften, ungewollte Kinderlosigkeit

Nur etwas mehr als die Hälfte der Schwangerschaften war geplant, und etwa jede vierte Frau hatte einmal in ihrem Leben länger als ein Jahr nicht verhütet, bis sie schwanger geworden war. Diese Ergebnisse der DESIS-Studie („Deutsche Studie zu Infertilität und Subfekundität", gefördert vom Bundesministerium für Forschung und Technik) von 1992 erstaunen, denn theoretisch sollte das Adjektiv „ungewollt" oder „ungeplant" im Zusammenhang mit der Kinderfrage seine Bedeutung verloren haben: Verhütungsmittel zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften sind breit zugänglich, und zugleich schiebt die Reproduktionsmedizin die Grenzen des Machbaren bei der Beseitigung ungewollter Kinderlosigkeit immer weiter hinaus. 1970 führte man die höhere Rate von jungen ledigen Müttern aus Arbeiterfamilien und von Mußehen auf dem Land, die eine Studie („Die Situation werdender Mütter", BZgA 1970) festgestellt hatte, noch auf ungenügende Aufklärung zurück; diese Erklärung kann heute kaum noch gelten.

Ergebnisse einer Sekundärauswertung

Erkenntnisse darüber, was zu der hohen Zahl ungeplanter Schwangerschaften führt, wenn nicht ein Informationsdefizit, was ungewollte Kinderlosigkeit für betroffene Frauen bedeutet und wie sie damit umgehen, erbrachte eine Sekundärauswertung der DESIS-Studie im Auftrag der BZgA. Diese Studie, die zunächst die Verbreitung von Phasen verminderter Fruchtbarkeit bei 1531 Frauen zwischen 25 und 45 Jahren (Bevölkerungsstichprobe) erhoben und Risikofaktoren überprüft hatte, enthielt auch Angaben der Befragten zur Verhütung und zur Planung zurückliegender Schwangerschaften. Eine Teilgruppe war zudem nicht nur mit einem Fragebogen, sondern mit einem qualitativ-biographischen Tonbandinterview zu ihrer „reproduktiven Biographie" befragt worden, so daß neben Aussagen zur Größenordnung von Problemen auch solche zu subjektiven Motiven möglich waren. Einige wichtige Ergebnisse sind:

Nur etwas mehr als die Hälfte der ausgetragenen ersten Schwangerschaften war geplant: 56,6% in den Städten Hamburg und Freiburg, 53,7% im ländlichen Raum in Ost und West. Frauen, die mit weniger als 20 Jahren das erste Mal schwanger geworden waren, hatten zu 60% die Schwangerschaft nicht geplant. Waren die Frauen beim Eintritt der Schwangerschaft 20 bis 24 Jahre alt, halbierte sich der Anteil der nicht geplanten Schwangerschaften. Bei den 25- bis 29jährigen Müttern lag der Anteil der nicht geplanten ersten Schwangerschaften mit 21% am niedrigsten und der Anteil geplanter Schwangerschaften mit 72,2% am höchsten (jeweils fehlende Prozent zu 100%: Entscheidung offen). Der hier sichtbare Trend eines stetig sinkenden Anteils ungeplanter Schwangerschaften bei steigendem Alter der Mütter setzt sich aber nicht in den noch älteren Untersuchungsgruppen fort: War die Schwangerschaft nach dem 30. Lebensjahr eingetreten, so lag der Anteil ungeplanter Schwangerschaften mit etwa einem Viertel wieder etwas höher. In dieser letzten Altersgruppe war auch häufiger als in den anderen Altersgruppen die Entscheidung offen (14,5%).

Stärker noch als das Alter macht sich im Westen ein Ausbildungseffekt bemerkbar: Frauen mit längerer Ausbildung bekamen später ihr erstes Kind, und dies war dann häufiger geplant. Die Interviews zeigen, wie sich in den einzelnen Ausbildungsgruppen im Lebenslauf auf sehr unterschiedliche Weise die Vorstellungen von Elternschaft und Familie entwickeln. Im Westen berichteten Frauen mit Universitätsabschluß häufiger als andere Gruppen, daß es zunächst gar kein Thema für sie gewesen war, Kinder zu bekommen. Wenn, dann tauchte erst im Zusammenhang mit einer gefestigten Partnerschaft und beruflicher Absicherung dieser Wunsch auf. Die „späten" Kinder waren häufiger geplant. Frauen auf dem Land und Frauen mit einer kurzen Ausbildung hatten sich bereits in jüngeren Jahren auf eine „Familiennormalität" festgelegt. Ob mehr oder weniger geplant - für viele waren Kinder einfach selbstverständlich, wobei die Sorge die war, den „richtigen" Mann zur Realisierung dieser Vorstellung zu finden. In den neuen Bundesländern war es - ohne große Ausbildungsunterschiede - selbstverständlich, jung Kinder zu bekommen. Dabei zeigte sich eine größere Partnerunabhängigkeit in der hohen Anzahl lediger junger Mütter und in den selteneren Schwangerschaftsabbrüchen im Zusammenhang mit Trennungskonflikten. Viele Frauen grenzten sich in den qualitativen Interviews von einer „streng rationalen Kinderplanung" ab, hatten aber durchaus Vorstellungen von einem Leben mit Kindern.

Auf dem Land gab es mehr frühe ungeplante Schwangerschaften, die aber häufiger ausgetragen wurden. Wenn Frauen bei der ersten Schwangerschaft jünger als 20 Jahre und diese Schwangerschaften ungeplant gewesen waren, war die Wahrscheinlichkeit auf dem Land/West etwa 1:4, daß sie diese Schwangerschaft ausgetragen hatten (in der Stadt/West: 3:4, auf dem Land/Ost: 1:11). Diese frühen Schwangerschaften wurden folglich im Westen häufiger abgebrochen als im Osten, innerhalb des Westens in den Städten häufiger als auf dem Land und bei Schwangeren mit Hochschulabschluß häufiger als bei Frauen mit Hauptschulabschluß.

Das zweite Kind wurde häufiger gezielt geplant als das erste; dies gilt für die Stadt noch mehr als für ländliche Regionen. Die Interviews zeigen, daß die Schwierigkeiten eher beim „Einstieg" in die Familie liegen, ihr „Ausbau" ist mit weniger schwierigen Entscheidungsprozessen verbunden, insbesondere wenn Familie „selbstverständlich" ist. Das dritte Kind war wiederum seltener geplant. In den Interviews äußerten die Frauen beim dritten Kind deutliche Vereinbarkeitsprobleme zwischen (der Rückkehr in den) Beruf und Familie.

66% der Frauen, die die erste Schwangerschaft nicht geplant (aber ausgetragen) hatten, hatten nicht verhütet. Die Interviews liefern Erklärungen: Einige fühlten sich aus unterschiedlichen Gründen geschützt. Andere befanden sich in einer „Grauzone" zwischen einem „Ja" und einem „Nein" zum Kind oder steuerten auf eine vorgezogene Heirat zu; wieder andere hatten in einer Trennungssituation ihre vorher sichere Verhütung aufgegeben.

Nicht nur die Verhütung, sondern auch die Bereitschaft, eine ungeplant eingetretene Schwangerschaft auszutragen, ist von sozialen Bedingungen beeinflußt: In den Städten des Westens waren anteilmäßig mehr erste (23%) als letzte Schwangerschaften (10%) der (jemals schwangeren) Frauen, im Osten mehr letzte (21%) als erste (5%) abgebrochen worden. In den ländlichen Regionen des Westens waren sowohl erste (9%) als auch letzte Schwangerschaften (5%) seltener abgebrochen worden.

Dokumentation einer Fachtagung

Diese Ergebnisse wurden auf der Tagung „Kontrazeption, Konzeption, Kinder oder keine - Wünsche, Planung und Zufall im Lebenslauf" der BZgA im September 1995 vorgestellt und als Dokumentation in der Fachheftreihe „Forschung und Praxis der Sexualaufklärung und Familienplanung" veröffentlicht. Weitere Referate aus verschiedenen Fachgebieten trugen Erkenntnisse zu sozialen und individuellen Determinanten ungeplanter „reproduktiver Ereignisse" und ihrer Bewältigung bei. Die Bedeutung des lebensgeschichtlichen und sozialen Kontextes (Bildungs- und Berufsverläufe, milieuabhängige Familien-Vorstellungen) für den „Übergang in die Elternschaft" wurde aufgezeigt. Lebensgeschichtliche Konflikte (z.B. Trennungskonflikte) können auch dem Eintreten einer ungeplanten Schwangerschaft mit einem folgenden Abbruch zugrunde liegen. Psychosomatische Aspekte von Fruchtbarkeitsstörungen sowie die Entwicklung des entsprechenden Fachgebietes und Forschungsbereiches wurden dargestellt, ergänzt durch die Ergebnisse der DESIS-Studie zur Verbreitung von und zum Umgang mit Fruchtbarkeitsstörungen. Eine Studie zur Kontrazeption bei Männern kam zu dem Resultat, daß Ausmaß und Form der Verhütung weniger von sachlichen Aspekten als vielmehr von Partnerschaftsstatus und -vorstellungen abhängen: War bei den Männern mit traditionelleren Partnerschaftsvorstellungen die Pille das am häufigsten genutzte Verhütungsmittel, hatten Männer mit wechselnden, eher auch emotional distanzierteren Partnerbeziehungen mehr Kondomerfahrungen. Dasselbe gilt für Männer, die Wert auf die Kommunikation mit ihren Partnerinnen bezogen auf Sexualität und Kontrazeption legten.

Die Ergebnisse verdeutlichen, daß es sinnvoll ist, die Kontrazeption in Beziehung zu setzen zum milieuabhängigen und lebensphasenspezifischen „Entscheidungs"-Prozeß der „Kinderfrage". Viele Fragen sind noch nicht beantwortet und belegen den Bedarf nach einer größer angelegten Untersuchung zum Kontrazeptionsverhalten im Lebenslauf, um die Konzept- und Maßnahmenentwicklung innerhalb der Sexualaufklärung und Familienplanung wissenschaftlich weiter abzusichern. Die BZgA hat eine Familienplanungsstudie in Auftrag gegeben, die an die hier dargestellten Forschungserfahrungen anknüpft.

Autorin

Cornelia Helfferich
 

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